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Full text of "Die Impotenz des Mannes (Die psychischen Störungen der männlichen Sexualfunktion) [Störungen des Trieb- und Affektlebens IV., 2., vermehrte und verbesserte Auflage]"

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DIE IMPOTENZ 



DES 



MANNES. 



(DIE PSYCHISCHEN STÖRUNGEN DER MÄNNLICHEN SEXUALFUNKTION.) 



VON 



D R WILHELM STEKEL, 



NEBVENABZT IN WIEN. 



ZWEITE, VERMEHRTE UND VERBESSERTE AUFLAGE 



URBAN & SCHWARZENBERG 
BERLIN WIEN 

N., FRIEDRICHSTRASSE 105b J., MAHLERSTRASSE 4 

1923. 






Verlag von Urban & Schwarzen berg in Berlin und Wien. 



Psychologie der Frau 

Versuch einer synthetischen, sexualpsychologischen Eritwickelungslehre 

in zehn Vorlesungen, 

gehalten an der Friedrich Wilhelms-Universität zu Berlin von 

W. Liepmann. 

Zweite, umgearbeitete Auflage. 

Mit 10 Abbildungen im Text und 2 Tafeln. qx. 10 5 geb. 13 5. 

Diese Neuauflage des durch großen Gehalt an positiven Tatsachen und originellen Ideen, sowie durch glänzende 
Darste:lung sich auszeichnenden Werkes verdient weit über ärztliche Kreise hinaus Beachtung, besonders im 

Kreise derjenigen, die erzieherisch tätig sind. 



System der Neurose. 

Von Dr. med. Emil Kugler, Gmunden. 

GZ. 3,3, geb. 5,4. 

Ein beachtenswerter Versuch, die wechselnden Krankheitsursachen und Krankheitssymptome der Neurose in 
ein synthetisches System zu bringen, auf dessen Grundlage ein wissenschaftlicher Weiterausbau und eine 

Vereinfachung der Diagnose möglich ist. 



Leitfaden der neurologischen Diagnostik, 

Eine DiiTerentialdiagnose aus dem führenden 
Symptom für praktische Ärzte und Studierende. ( 



Von Dr. med. Kurt Singer, Berlin. 
Mit 32 Abbildungen im Text. 



GZ. 4,8, geb. 7,8. 



Sowohl die mehr oder weniger umfangreichen Lehrbücher wie auch die knapp gehaltenen Kompendien 
lassen durchwegs das für den Lernenden, den praktischen Arzt und den Internisten wichtigste: die Methode 
der neurologischen Diagnostik, vermissen. Im Gegensatze hiezu zeigt der Verfasser dieses Leitfadens wie 
man aus der Erkenntnis", Verwertung und Abgrenzung eines Symptomes oder eines dominierenden Symptomen- 
komplexes zu einer konkreten diagnostischen Schlußfolgerung . kommen kann, in der ausgesprochenen 
Absicht, damit den Praktiker bis zur Grenze eines Wissens und Uberlegens zu führen, an der er das Feld 
dem Spezialisten anvertrauen soll. — Die gedrängte Art der Darstellung macht es auch dem vielbeschafticten 
Arzte möglich, sich stets rasch und sicher über die Lage seiner Fälle zu orientieren. 



Lehrbuch der Nervenkrankheiten 

für Studierende und praktische Ärzte in 30 Vorlesungen. 

Von Prof. Dr. Robert Bing, Basel. 

Zweite, vermehrte und vollständig umgearbeitete Auflage. 

Mit 162 zum Teil mehrfarbigen Abbildungen im Text. GZ. 20,1, geb. 24,6. 

d^^^S^t^M!^^'c A 7 t ' . der J . überdie elementaren Prinzipien und Untersuchungsmethoden in 
aer Neurologie unterrichtet ist, findet in diesem von maßgeblicher Seite als das beste der kürzeren Lehr- 
bucher bezeichneten Werke einen zuverlässigen, trefflichen Führer. 



za\| re FüVdBX^ (QZ ° ^lelfälliot mit der Jeweils geltenden So hlUssel- 

zam. Für das Ausland mit höherer Währung gilt die GZ. als Preis In Sohwelier Franken bzw. Im entsprechenden 

Betrag der betreffenden Landeswährung. 










STÖRUNGEN 



• 



DES 



TRIEB- UND AFFEKTLEBENS. 



IV. 



STÖRUNGEN 



DES 



TRIEB- UND AFFEKTLEBENS 



(DIE PARAPATHISCHEN ERKRANKUNGEN). 



VON 



D R WILHELM STEKEL, 



NERVENARZT IN WIEN. 



IV. 
DIE IMPOTENZ DES KAHNES. 



URBAN & SCHWARZENBERG 
BERLIN WIEN 

N., FRIEDRICHSTRASSE 105b I., MAHLERSTRASSE 4 

1923. 



1 



DIE IMPOTENZ 



DES 



MANNES. 



(DIE PSYCHISCHEN STÖRUNGEN DER MÄNNLICHEN SEXUALFUNKTION.) 



VON 



D" WILHELM STEKEL, 



NERVENARZT IN WIEN. 






ZWEITE, VERMEHRTE UNI) VERBESSERTE AUFLAGE 



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URBAN 


& 


SCHWARZEN 


BERG 






BERLIN 








WIEN 




N, 


FRIEDRICHSTRASSE 105b 


I.. MAHLERSTRASS 


E 4 








1923. 









«* 




Alle Rechte, gleichfalls das Recht der Übersetzung in die rassische Sprache, 

Torbehalten. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



I 



Ol 



Printed in Austria. 
Copyright 1923 by Urban & Schwarzeoberg, Berlin. 



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Vorwort zur zweiten Auflage. 



Die vorliegende Auflage zeigt manche Veränderung sowie auch 
eine bedeutende Vergrößerung. Es wurde zwar durch das Weg- 
bleiben der Arbeit von Dr. Tannenbaum über Pollutionen Raum 
gewonnen, dafür aber wurden die trefflichen Krankengeschichten 
mehrerer neuer Mitarbeiter aufgenommen. Ich verweise nur auf 
die ausführlichen Analysen von Gerster, Gutheil, Mißriegler 
und Herbert Silberer. Als Appendix erscheinen die Memoiren 
von Bouchard, welche eine klassische Schilderung eines Falles 
von Impotenz enthalten und einen lehrreichen Vergleich mit ver- 
gangenen Zeiten gestatten. Von dem bekannten Sexualforscher 
Dr. Gaston Vorberg entdeckt und übersetzt, wurden sie an dieser 
Stelle zum ersten Male der medizinischen Welt übergeben. 

Ich hoffe, daß dieses Werk auch in der vorliegenden Gestalt 
der Analyse neue Freunde gewinnen und die Bedeutung seelischer 
Faktoren allen Ärzten klar machen wird. Die orthodoxen Freudianer, 
welche immer wieder die Notwendigkeit jahrelanger Kuren betonen, 
meinen, meine Schule heile nur das Symptom und nicht den ganzen 
Menschen. Dieses Buch beweist, daß die Heilung eines so bedeut- 
samen Symptomes, wie es die Impotenz ist, nur durch eine Heilung 
der ganzen Persönlichkeit Zustandekommen kann. Wie kommt es, 
daß wir im Gegensatze zu den Freudianern unsere Erfolge in relativ 
kurzer Zeit erzielen können? Wir gehen eben nicht von vorgefaßten 
Meinungen aus und verneinen die Forderung Freuds, jeder Kranke 
müsse bis in die frühesten Kinderjahre analysiert werden. Oft ist 
der aktuelle Konflikt viel bedeutsamer als alle infantilen Erlebnisse. 
Andere Beispiele zeigen wieder die Bedeutung der infantilen Kom- 

Stelcel, Störungen des Trieb- und Affektleben6. IV. 2. Aufl. i 



VI 



Vorwort zur zweiten Auflage. 



plexe. Auch der Kastrationskomplex, das letzte Steckenpferd der 
Psychanalyse kann unter Umständen eine determinierende Kraft 
entfalten und in der Psychogenese der Impotenz eine Rolle spielen. 
Er kann es, aber er muß es nicht. 

Dieses Buch stellt die Analyse dar, wie ich sie simplifiziert und 
reformiert habe. Ich zweifle nicht, daß diese voraussetzungslose 
Art die richtige ist. „Voraussetzungen sind die Henker der Wahrheit." 

Ich danke allen Mitarbeitern für die Überlassung der interes- 
santen Fälle, für Korrektur und manche Anregung, speziell Dr. Anton 
Mißriegler für die Abfassung des Inhaltsverzeichnisses, des Autoren- 
und Sachregisters. 

Wien, Salmannsdorf (Lindenhof), Mai 1923. 

Dr. Wilhelm Stekel. 



























I nhaltsangabe. 



Die eingeklammerten Zahlen bedeuten die Nummer der Krankengeschichte, ■/.. B. (Nr. 1) die erste Kranken 
ceschichte. (Die Krankengeschichten sind fortlaufend numoriert.) 



Seite 

I. Ulaiiit und Weib 3—11 

Potenz und Kultur. — Das Liebesleben der Naturvölker. — Die 
Liebe nimmt zu. — Steigerung der Liebesbereitschaft und Verfall der 
Liebeskunst. — Der Mann hat größere Hemmungen als das Weib. — 
Psychologie der männlichen Liebe. — Schiller über den Zusammenhang 
von Potenz und Schöpferkraft — Differenzen zwischen männlicher und 
weiblicher Liebe. — Grillparser über diese Unterschiede. — Bedeutung 
der Impotenz für das Seelenleben des Mannes. — Havelock Eilig über 
die soziale Mißachtung des Impotenten. — Das Hochgefühl des potenten 
Mannes. — Die Unfähigkeit zur seelischen Liebe. — Ola Hanson über 
die Männer, die jedes Gefühl analysieren. — Die modernen problemati- 
schen Naturen. — Kampf zwischen Gehirn und Rückenmark. — Die 
Impotenz als soziale Krankheit. 

II. Beruf und .Sexualität 12—33 

Erotik und Berufswahl. — Richard Wagner über die Gefahren 
der Kunst für die Erotik. — Freud über die sexuellen Wurzeln des 
Forschungstriebes. — MultaUtU über die Mathematik als umgewertete 
Sexualität. — Die Psychologie des Erfinders. — Wie ein Fernzünder 
erfunden wurde (Nr. 1). — Schutz gegen Einbrecher (Nr. 2). — Das 
Problem der Teilung (Nr. 3). — Erste Hilfe (Nr. 4). — Die hygienische 
Zahnbürste (Nr. 5). — Psychologie des Sammlers. - - Kierkegard erwirbt 
einen Schreibtisch. — Verschiebung des Begehrens vom Objekte auf ein 
Symbol. — Kriminalität und Sexualität. — Die Psychogenie aller Neu- 
rosen im Gegensatz zu Freud. — Ein Neurotiker, der gegen kriminelle 
Triebe kämpft (Nr. 6). — Psycbosexueller Infantilismus. — Die Krimi- 
nalität der Kinder. — Die Neurose ein Selbstschutz gegen die Krimi- 
nalität. — Kinder als Giftmischer. — Psychologie der Kinderspiele. — 
Das Kind als Brandstifter. — Die Formen der Berufswahl. — Die 
Identifizierung mit dem Vater. — Die Differenzierung vom Vater. — 
Die Sublimierung der asozialen Triebe. — Der Beruf als Selbstschutz. 
— Die Todesklausel der Zwangsneurotiker. — Der kriminelle Richter 
(Nr. 7). — Berufswahl aus unbewußten sexuellen Motiven. — Der Hand- 
fetischist als Handschuhmacher (Nr. 8). — Masochisten und Sadisten. — 

b* 



VIII Inhaltsaugabe. 

Stite 
Ein analerotischer Arzt (Nr. 9). — Der Parfumfabrikant (Nr. 10). — Der 
Chemiker (Nr. 11). — Der Beschneider (Nr. 12). — Der Mensch ist 
pansexuell. 

III. Ein Kapitel Physiologie 34-60 

Wann beginnt die Fähigkeit der Erektion? — Infantiler Priapis- 
mus. — Was ist Priapismus? — Die fünf Bedingungen der männlichen 
Potenz. — Geschlechtsdrüsen und Erektionsfähigkeit. — Potenz im 
Greisenalter. — Grenzen der Potenz. — Nur verheiratete Leute werden 
über hundert Jahre alt. — Die Erektionsfähigkeit bleibt bis zum Tode 
erhalten. — Die Erektion im Greisenalter kein pathologisches Symptom. 

— Geschlechtsdynamometer von Mantegazza. — Wann ist der Höhe- 
punkt der Potenz. — Ein Greis als Lebemann (Nr. 13). — Einfluß der 
geistigen Arbeit auf die Potenz. — Der angebliche Schaden des Reitens. 

— Impotenz eines Zirkusreiters (Nr. 14). — Ein Fall von Impotenz nach 
Reiten (Nr. 15). — Beruf und Impotenz. — Eine scheinbare Impotenz 
infolge übermäßigen Rauchens (Nr. 16). — Verschiedene Ansichten über 
den Einfluß der Kultur auf die Potenz. — Neigen Ärzte zur Impotenz? 

— Die Junggesellenimpotenz. — Impotenz infolge von Abstinenz. — 
Die Launen der Potenz. — Wie lange soll der normale. Koitus dauern? 
Was sind Exzesse? — Wie oft darf man den Koitus ohne Schaden aus- 
üben? — Löwenfelds Erfahrungen. — Mantegazzas Erfahrungen. — 
Sexualathleten und Sexualhypochonder. 

IV. Besondere Bedingungen der männlich« u Potenz . . . 61—75 
Der Individualismus der Potenz. — Der Handgriff als Stimulans. 

— Fall von Löwenfeld (Nr. 17). — Fall von Rammond (Nr. 18). — Der 
Mann, der eine Nachtmütze benötigt. — Potenz nur in der alten Woh- 
nung (Nr. 19). — Fall von Casper (Nr. 20). — FaU von Fere (Nr. 21). — 
Verschiedene eigene Erfahrungen. — Eulenburgs Fälle von Pikazismus. 

— Delcourts Fälle (Nr. 22—32). — Eine Analyse eines Falles von tem- 
porärer Impotenz von Tannenbaum (Nr. 33). — Eigene Beobachtungen 
von Pikazismus (Nr. 34-43). — Scheinbare Impotenz (Nr. 44). 

V. Onanie und Potenz- 76—105 

Wesen der psychischen Impotenz. — Die sogenannte Wassersteife 
ein physiologischer Unsinn. — Regression im Traume als Ursache der 
Morgenerektion. — Das Fehlen der Morgenerektion ist kein Zeichen 
einer organischen Impotenz. — Es gibt keine kongenitale Anaphrodisie. 

— Schaden der organischen Behandlung. — Ein Fall von Impotenz in- 
folge von Autosuggestion (Nr. 45). — Löwenfeld über Onanie und 
Potenz. — Eigene Beobachtung (Nr. 46). — Angebliche Folge der 
Jugendsünden (Nr. 47). — Die Psychogenese der Autosuggestion. — 
Opfer der Onanieliteratur (Nr. 48, 49). — Fall von Onanismus (Nr. 50). 

— Frühes Erwachen der Sexualität ein günstiges Zeichen für die 
Potenz. — Verschiedene Ansichten. — Eigene Beobachtung (Nr. 51). — 
Die Onanie verdeckt paraphile Neigungen. — Ein klassischer Fall 
eigener Beobachtung (Nr. 52). — Zusammenfassung der bisherigen 
Erkenntnisse. 



Inhaltsangabe. 



IX 



» I , . Suite 

»*. inoewuMte Liebe und unbewußter IlaO 106—12.') 

Ein Fall von nervösen Herzschmerzen und Impotenz (Nr. 53). — 
Unbewußt oder nebenbewußt? — Nebenbewußte Liebe. — Eigene 
Beobachtung (Nr. 54). — Angebliche Folgen der Exzesse (Nr. 55, 56). — . 
Ein Fall von Impotenz in der dritten. Ehe (Nr. 57). — Das Dienst- 
mädchen als Ursache der Impotenz (Nr. 58). Passive Resistenz des 
Mannes infolge von unbewußtem Haß (Nr. 59). — Unterdrückter Sadis- 
mus (Nr. 60). — Der Ödipuskomplex. 

VII. Asketen, Hypoeliomler und Familiensklareu .... 126—156 

Gefühl der Minderwertigkeit. — Die Ungeschickten (Nr. 61, 62). 
— Der kleine l'enis und der retrahierte Penis. — Hypochondrische 
Klagen. — Grundsymptome der Hypochondrie. — Eigene Beobachtung. 
(Nr. 63). — Ein Mann, der mit seiner Mutter verheiratet ist (Nr. 64). — 
Fixierung an die Schwester (Nr. 65). — Hypochondrie und Schwestern- 
liebe (Nr. 66). — Die Kusine (Nr. 67). — Eine arrangierte Impotenz 
(Nr. 68). — Kastrationskomplex. — Das Leben/.iel. 

VIII. Impotenz und Ehe (Krster Teil) 157—187 

Das Verhältnis und die Ehefrau (Nr. 69). — Untreue in der Braut- 
nacht (Nr. 70). — Der Zug nach unten. — Ein Telepath. — Über- 
schätzung der Reinheit der Frau (Nr. 71). — Angst vor dem eigenen 
Sadismus (Nr. 72). — Versteckte Kriminalität (Nr. 73. 74). — Die 
Analyse eines „verhexten" Impotenten (Nr. 75). — Allerlei Aberglauben 
und seine Wirkung. — Allmacht der Gedanken. 

IX. Impotenz und Ehe (Zweiter Teil) 188—20«) 

Ein Mann von 62 Jahren, der wieder potent wird (Nr. 76). — La- 
tente Lustmörder. — Ein Schätzer der improvisierten Liebe (Nr. 77). -- 
Angst vor der Ehe als Ursache der Impotenz (Nr. 78, 79). — Die 
Neurose der Beginn der Heilung. — Die Ehe als Heilmittel der Impo- 
tenz. — Die Entwicklung der Polygamie zur Monogamie. — Ein Gynä- 
kologe, der die Vagina nicht finden kann (Nr. 80). — Heilung eines von 
Jugend an Impotenten durch eine Liebesheirat (Nr. 81 — 83). 

X. Impotenz und Religion 210—239 

Die religiöse Bipolarität der Neurotiker. — Die fromme Periode. — 
Reliquienkult. — Gebetsrudimente. — Masken der Religiosität. — Kunst 
als Religionsersatz. — Fetischismus als Maske der Askese. - Impotenz 
als Strafe (Nr. 84). - Analyse eines Asketen (Nr. 85, 86). - Fixation 
und Trotz. — Die Impotenz als Gewolltes. 

XI. Analyse eines Falles von Impotenz (Nr. 87) 240-254 

XII. Die Beziehungen des Xeurotikers zur z e it 255—271 

Definition der Neurose. — Analyse einer Zwangshandlung. — An- 
nullierungstendeuzen. — Der Fetzen Realität. — Unterschiede zwischen 
Annullierung und Verdrängung. - Die historische Szene. — Die Kinder 



X Inhaltsangabe. 

Seite 

und das Problem der Zeit. — Onanie und Zeit. — Ihr und Zeil. — 
Zeitkrankheiten. — Unbewußte Kalender. — Symbolisierungen der 
Zeit. — Ejaculatio praecox ein Zeitproblem. — Störungen des Zeitsinnes 
bei Intoxikationen. — Eigene Beobachtung (Nr. 88). — Ideenflucht 
(Nr. 89). — Ein Fall von psychischem Infantilismus (Nr. 90). 

XIII. I>ie Psychologie der Ejaeulatio praecox 272—302 

Die Ansichten von Abraham. — Die Schwankungen der Potenz. — 
Die Bedingungen der Ejaculatio praecox. — Die Ejaculatio praecox und 
das Zeitptoblem. — Ein Fall von Priapismus mit gleichzeitiger Ejaculatio 
praecox (Nr. 91). — Wie sich eine Ejaculatio praecox in eine normale 
Potenz verwandelt (Nr. 92). — Wieder ein Fall von nächtlichem Pria- 
pismus (Nr. 93). — Das religiöse Veto (Nr. 94). — Die J Massage der Pro- 
stata als Ursache der Impotenz. — Ein lehrreicher Fall von Ejaculatio 
praecox (Nr. 95). — Die „Ewig-Suehenden". — Die Ejaculatio praecox 
des Bräutigams. — Eigene Beobachtung (Nr. 96). — Impotenz als 
Schutz. — Familiensklaven (Nr. 97). — Beabsichtigte Impotenz. — Ehc- 
dissonan/.en als Ursache der Ejaculatio praecox (Nr. 98). 

XIV. Impotentia paralytica 303-332 

Wesen der Impotentia paralytica. — Analyse eines solchen Falles 
(Nr. 99). — Folgen des bösen Gewissens (Nr. 100). — Analyse eines 
Sadisten mit Impotentia paralytica (Nr. 101). — Die Impotenz als Selbst- 
schutz. 

XV. Kin Fall von paralytischer Impotenz mit ungewöhn- 
licher Familienbelastung (Nr. 102) 333—34(5 

XVI. Störungen des Orgasmus beim Manne (Erster Teil) 347—374 

Schilderung der Störungen. — Schmerzen. — Der Junge und der 
Alte (Nr. 103). — Das verborgene Sexualziel. — Gelübde als Ursache, 
einer Störung des Orgasmus (Nr. 104). — Empfindungslosigkeit als Selbst- 
schutz. — Schmerzen beim Koitus (Nr. 105). — Ein Patient, der sich 
6 Jahre, wegen fehlenden Orgasmus behandeln läßt, und seine Analyse. 
(Nr. 106). — Der Schwur. — Ein Meineid als Ursache einer Störung des 
Orgasmus (Nr. 107). 

XVII. Störungen des Orgasmus beim Manne (Zweiter Teil) 375—390 

Die Psychogenese der Impotenz ist immer kompliziert. — Eine 
vollständige Analyse (Nr. 108). — Die geheime Liebe zur ersten Frau. — 
Spezifische Onaniephantasien. — Ungeschicklichkeit beim Koitus. — 
Fixierung an die Schwester. — Vaterleibsträume. — Kriminelle Ge- 
danken. — Der geheime Kalender. — Analyse. 

XVIII. Krieg und Impotenz 391—414 

Sexualleben im Kriege. — Sterben der Liebe. — Schaden der 
langen Trennung. — Eifersucht. — Regression. — Ein Fall von Regres- 
sion (Nr. 109). — Aufflackern des Sadismus. — Beobachtung (Nr. 110). — 



Inhaltsangabe. 



XI 



Zunahme der Homosexualität durch den Krieg. — Eigene Erfahrungen 
(Nr. 111, 112). - Fall von Garnier (Nr. 113). - Unbewußte Homo- 
sexualität. — Eine ausführliche Analyse einer im Felde entstandenen 
Impotenz (Nr. 114, 115). 

XIX. Analyse eines Falles von multiformer Impotenz 

< Nr - 116 > 41Ö-440 

XX. Impotenz und Kriminalität 441—470 

-Misoneismus und Philoneismus. — Wirkung des sexueller Impe- 
rativs. — Epilepsie und Kriminalität. — Ein impotenter Epileptiker 
(Nr. 117). — Ein Vampir. — Nekrophilie und Kannibalismus. — Symbol* 
Handlungen der Nekrophilen. — Homosexualität und Kriminalität — 
Homosexualität und Impotenz. — Träume eines Homosexuellen. — 
Analyse eines Falles von Homosexualität (Nr. 118). — Der Kampf mit 
dem Drachen. — Analyse eines impotenten Homosexuellen (Nr. 119). — 
Die Neurose ein Heilungsprozefi. — Wiederholung. 

XXI. Küekbliek und Ausblick 471-486 

Die Impotenz als Zeitkrankheit — Kückenmarksmensch und Ge- 
hirnmensch. — Der Kampf zwischen Vergangenheit und Gegenwart. — 
Nietzsche über den Ursprung des bösen Gewissens. - Die Reform der 
Ehe, — Die Bedeutung der Familie im modernen Staate. - Die Zer- 
rissenheit des Kulturmenschen. - Wichtigkeit einer Erziehung zur Frei- 
heit. - Em tragischer Fall (Nr. 120). - Die freie Scheidung. - Die 
Jugendehe eine gefährliche Forderung. - Vemunftehen und Kaufehen. - 
Koedukation. — Die Organotherapetitische Behandlung der Impotenz — 
Der Einfluß der Seele auf den Körper. - Das seelische Hormon - 
Der Arzt als Bädeker. — Das Tagebuch von Goethe. 



Appendix. 

XXII. Die Ausgange der psyekaualytiscken Knien .... 487-516 
Die Bedeutung des Widerstandes. - Übertragung als Widerstand — 
Widerstandstraum eines Patienten. - Die Parapathie als Kunstwerk. - 
Der Kampf des Kranken mit dem Arzte. - Die große historische .Mission. - 
Widerstandstraum. — Die Bedeutung der sexuellen Traumen. — Das 
psychanalytische Skotom. - Freud als Anhänger der Trauma-Hypo- 
these. - Eine dreijährige Analyse. - Die Traumenjagd. - Es heilt 
nicht die Methode, sondern der Arzt. - Kurze Behandlungsdauer - Der - 
Triumph des Kranken. - Das Finale der Analyse. _ Der Fall einer 
nach dreißigjähriger Krankheit Geheilten. - Die Überwindung des Wider- 
standes, die Hauptaufgabe des Arztes. - Otto Ludwig über das Kom- 
promiß mit der Realität. - Wie die Patienten den Arzt zum beslen 
halten wollen. — Die Aussöhnung mit der Realität. — Die Selbstauf- 
opferung des Arztes. - Kunstgriffe. - Sollen die Geheilten sich mit 
Psychanalyse beschäftigen? - Die Schäden der Überbehandlung. - 
Überprüfung meiner Erfolge. - Judasneurose und Christusneurose. - 
Patienten werden zu Gegnern. - Die Analyse ist wie eine Laparatomie 



XII Inhaltsangabe. 

XXIII. Technik und Grenzen der Psychunalysc und Psycho. 

therapie ..- _.,„ 

. ol7— o3(! 

Die erste Technik Freuds.— Fi eie Assoziationen. — Assoziations- 
methode. — Der Wille zur Krankheit. — Der psychische Konflikt. — 
Psychanalyse und Psychopildagogik. — Die Analyse ist keine Inqui- 
sition. — Analyse eines impotenten Arztes, der auch an Akathisie 
leidet. — Die Bedeutung und das Wesen der Suggestion . — Wille zur 
Unterwerfung. — Analyse und Suggestion. — Die spezifische Hypno- 
tisierbarkeit. — Erfahrungen in einem Kriegsspitale. — Die Hypnose 
ein Hilfsmittel. — Das Arbeitsgebiet der Psychanalyse. — Die ersten 
Anschauungen Freuds. — Meine Erweiterungen. — Heilbarkeit der 
Paraphilien, Erfolge bei Psychosen. — Lehrkanzeln für Psychotherapie 
und Sexualwissenschaft. 



XXIV. Jean Jacques Bonchards Bekenntnisse 537-5(56 

S T ach]egis,0r 567-570 

Namensverzeichnis 



571—572 



II 



Die Impotenz des Mannes. 



Nascitur ars nova medendi! 



Stele«!. Störungen des Trieb- und Affaktleweiis. IV. 2. Auü. 












I 



I. 

Mann und Weib. 

Die Liebe des Mannes ist die Welt, 
die Welt des Weibes ist die Liebe. 
Peter Altenberg. 

Die Liebesunfähigkeit des Mannes nimmt in erschreckendem Maße 
zu. Die Impotenz ist geradezu die Kulturkrankheit unserer Zeit geworden. 
Dies Leiden quält nicht allein das männliche Geschlecht, Jeder impo- 
tente Mann ist der Mittelpunkt einer Liebestragödie. Die Impotenz macht 
die Ehe unmöglich oder ist die Ursache einer unglücklichen Ehe, sie 
untergräbt auch die Gesundheit des Weibes, wirkt seelisch auf Mann und 
Frau in gleich verderblicher Weise. 

Der Prozentsatz der relativ impotenten Männer kann nicht hoch ge- 
nug angegeben werden. Nach meinen Erfahrungen verfügt kaum die 
Hälfte aller Kulturmenschen über eine normale Potenz. Ejaculatio praecox 
ist heute keine Krankheit mehr. Sie ist die regelmäßige Begleiterscheinung 
der Kultur. 

Hängt diese Erscheinung mit einer allgemeinen Abnahme der Ge- 
schlechtskraft und des Sexualtriebes zusammen? Waren die Menschen in 
älteren Jahrhunderten potenter und triebhafter? 

Man kann versuchen diese Frage zu lösen, wenn man das Sexual- 
leben der Naturvölker studiert. Es ist eine irrige Ansicht, daß die Na- 
turvölker ihre Sexualität reicher ausleben und bedürftiger sind als wir 
Kulturmenschen. Im Gegenteil! Eingehende Forschungen beweisen 1 ), daß 
die Sexualität der Naturvölker mannigfachen Einschränkungen unter- 
worfen ist und einen mehr brunstartigen (periodischen) Charakter verrät. 
Ihr Liebesleben ist arm im Vergleiche zu den Ekstasen des Kultur- 
menschen. Es fehlt ihnen auch fast vollständig die seelische Liebe. Ein- 
zelne Völker haben in ihrer Sprache keinen Ausdruck für die Liebe, bei 
anderen scheint sie nur auf die Frau beschränkt zu sein. 

Der Kulturmensch hat die Liebe durch die Beteiligung der Seele aus- 
gestaltet. Die Liebe ist also gewachsen! Sie wächst noch immer! Es ist 

') Vergl. Freud: Totem und Tabu. (Einige Übereinstimmungen im Seelenleben 
der Wilden und der Neurotiker.) Hugo Heller & Cie., "Wien 1913, und Georg Busckan: 
Die geschlechtlichen Äußerungen der Naturvolker im „Handbuch der Sexualwissen- 
schaften", herausgegeben von Dr. Albert Moll. Leipzig 1912. F. C. W. Vogel. 

1* 



4 Wo Impotenz dos Mannes. 

nicht richtig, daß unsere Altvordern besser geliebt und ein größeres Be- 
dürfnis nach Liebe gezeigt haben. 

Die polare Spannung zwischen .Mann und Weib ist größer geworden. 
Der Kampf der Geschlechter wird zusehends heftiger. Es müssen immer 
stärkere Kräfte aufgewendet werden, um diese Gegensätze zu überbrücken. 1 ) 
Die Liebessehnsucht der Menschen wächst, die Liebestragödien nehmen 
zu, die Liebe wird immer vertiefter und gewaltiger. 

Ich glaube auch nicht, daß der Naturmensch stärker empfindet. Er 
mag brutaler in den Äußerungen der Liebe sein. Aber er besitzt nicht 
das ausgebildete Nervensystem des Kulturmenschen, das einen höheren 
Reichtum an Empfindungen und Sensationen gewährleistet. 

Allein mit der Ausbildung der seelischen Liebe hat die Steigerung 
der Liebeskunst nicht gleichen Schritt gehalten. Im Gegenteil! Sie ist zu- 
rückgegangen. Sie ist in Verfall geraten. Nur bei einzelnen hoch kultivierten 
Individuen hat die Liebeskunst eine Höhe erreicht, die von den einfachen 
Naturmenschen nicht einmal geahnt, geschweige denn verstanden oder an- 
gewendet werden könnte. LTnsere Zeit bringt eben diese Gegensätze her- 
vor: den Liebeskünstler und sein polares Gegenstück, den Impotenten. 

Die Bedeutung der Liebe für den Kulturmenschen äußert sich in seiner 
gesteigerten Liebesbereitschaft. Unzählige Menschen verzehren sich in 
Sehnsucht nach der Erfüllung und sinken ins Grab, ohne diese Erfüllung 
gefunden zu haben. 

Diese Differenz zwischen der höheren Liebesbereitschaft, der rei- 
cheren Empfindungsmöglichkeit und dem Mangel an Liebeskunst macht 
das Unglück des Kulturmenschen aus. Seine Sexualität steht ihm nicht 
so offen zur Verfügung wie dem Naturmenschen. Sie ist allerlei Vor- 
bildungen und Hemmungen unterworfen. Diese Hemmungen treffen den 
Mann stärker als die Frau. Der Kampf zwischen Gehirn und Rücken- 
mark ist beim Manne viel heftiger als beim Weibe. Der Mann ist größeren 
Versuchungen ausgesetzt. Das Weib ist schon durch Sitte und „Angst 
vor der Gravidität" gebunden. 2 ) Der Mann muß seinen Geschlechtstrieb mit 
größeren Hemmungen umgeben. Der antisexuelle Instinkt (James) ist beim 
Manne stärker entwickelt als beim Weibe. Sein Begehren wird durch 
moralische, religiöse, ethische und ästhetische Hemmungen stärker einge- 
schränkt, wenn auch bei oberflächlicher Betrachtung das Gegenteil zuzu- 
treffen scheint. 

Sowohl Triebe als Hemmungen sind beim Manne stärker ausgebildet. 
Deshalb wird sich die Liebesunfähigkeit des Mannes in ganz anderer Weise 






*) Sehr treffend charakterisiert diesen Kampf und die Überwindung der Gegen- 
sätze Schiller in seinem Gedichte „Die Geschlechter". 

s ) „Und wirst du die Geschlechter beide fragen : Nach Freiheit strebt der Mann, 
das Weib nach Sitte." (Goethe.) 



Mann und Weib. 



O 



äußern wie die des Weibes. Schon die Grundzüge des Liebeslebens zeigen 
sich beim Manne in anderen Konturen wie beim Weibe. 

Der Mann ist aktiv, werbend, erobernd, raubend, gewalttätig, for- 
dernd. Sein Leben gilt der Welt, die Liebe bleibt ihm immer eine Epi- 
sode. Die Liebe nimmt im Laute seines Lebens gewisse Intervalle ein. 
Für diese Intervalle staut sich sein Bedürfnis gewaltig an. Dabei- zeigt 
das Liebesleben der Männer einen deutlichen Rhythmus'), der bei Frauen 
nicht so offenkundig hervortritt. Msbüts hat auf die Liebesperioden im 
Leben Goethe* hingewiesen, die alle sieben Jahre mit einer erneuerten 
Pubertät einsetzten und zugleich eine Steigerung seiner Schaffenskraft und 
Seh öpfer freu de bedeuteten. 

Der Mensch empfindet, die Zeiten der Liebesekstase als die Höhe- 
punkte seines Lebens. Del- Mann fühlt sich nur dann als Mann, wenn see- 
lische und körperliche Liebe sich vereinen. Der impotente Liebende emp- 
findet seine Liebe als Schmach und Erniedrigung. 2 ) Das Hochgefühl der 
Männlichkeit, das „Mannliehkeitshewußtsein" inr-7$tmnrfiienhang mit der 
Schöpferkraft schildert Schiller in unübertrefflicher Weise: 

Ich bin ein Manu! Wer ist es mehr? — Wer's sagen kann, der 
springe — Frei unter Gottes Sonn' einher — Und hüpfe hoch und 

singe. Zu Gottes schönem Ebenbild Kann ich den Stempel 

/«igen, — Zum Born, woraus der Himmel quillt, — Darf ich hinunter 

steigen. Und wohl mir, dali ich's darf und kann! — Geht's Mädchen 

mir vorüber, — Ruft's laut in mir: Du bist ein Mann! Und küsse 

sie so lieber. - Und röter wird das Mädchen dann, Und's Mieder 

wird ihr enge. Das Mädchen weiß, ich bin ein Mann, D'rum wird 

ihr's Mieder enge. Wie wird sie erst um Gnade schrci'n, — Er- 
tapp' ich sie im Bade. — Ich bin ein Mann, das fallt ihr ein, — Wie 
schrie sie sonst um Gnade? — — Ich bin ein Mann, mit diesem Wort — 
Begegn' ich ihr alleine, Jag' ich des Kaisers Tochtor fort. — So 

lumpicht ich erscheine. — — 

Auf den Höhepunkten seiner Liebeskurve, wird der Mann leiden- 
schaftlicher sein als das Weib. Nach seiner Befriedigung wendet er sich 
anderen Zielen zu. Auch für die einzelnen Liebesphasen des Tages gilt 

') Havelock Ullis (Mann und Weib, Würzburg 190'.)) meint: „Während man 
vom Manne sagen kann, daß soiu Leben in einer Ebene verläuft, bewegt sich das 
Leben des Weibes längs einer aus Wellenberg und Wellental gebildeten Fläche." Er 
spricht dem Weibe eine deutlichere Periodizität zu, was mit den Erfahrungen von Möbiux, 
Fließ und Stvoboda nicht übereinstimmt. Das Weib hat nur den periodischen Charakter 
seiner Menstrnation. Es fehlen ihr meistens die großen Jahresperioden, die der Mann 
so deutlich zeigt. Es fehlt auch häufig das typische mehrfache Verlieben, das den Mann 
auszeichnet. 

a ) Ein glänzendes Beispiel dafür das Verhalten Abaelards nach seiner Entman- 
nung. Seine ganze Liebo verwandelt sich in Buße und Schuldgefühl, seine Briefe sind 
fromme Traktate und gelehrte Abhandlungen, während Hcloise noch heißer glüht und 
heißer liebt als vorher. 



Die Impotenz dos Mannes. 



dieses Gesetz: Vor dem Akte ist der Mann feuriger, nachher die Frau 
(Havelock Ellis). Auch sein Orgasmus zeigt das gleiche Bild: rasch an- 
schwellend und lawinenartig abstürzend (Otto Adler), während das Weib 
noch Stunden nachgenießen kann. Die Liebe kann daher nie das ganze 
Sein eines Mannes erfüllen. Sie bleibt immer Episode, sie geht neben seinem 
anderen Leben einher. Selten macht er aus seinem Berufe und aus seiner 
Liebe eine Einheit, die es ihm ermöglicht, beiden Tendenzen, der Welt 
und der Liebe, gerecht zu werden. Immer wird sein Herz an der Welt 
hängen, und er wird sich gleich Tannhäuser aus Freuden nach Schmerzen, 
aus der Welt der Liebe in die Liebe zur Welt flüchten. („Wenn so ein 
Gott genießen kann - Ich bin dem Wechsel Untertan/') Denn sein Ehr- 
geiz (der Wille zur Macht) verlangt mehr oder weniger stürmisch Betäti- 
gung.») 

Trefflich schildert Griüparzer in seiner „Sappho" den Unterschied 
zwischen männlicher und weiblicher Liebe: 

Nach Frauenglut mißt Männerliebe nicht, — Wer Liebe kennt und 
Leben, Mann und Frau. — Gar wechselnd ist des Mannes rascher Sinn, 
Dem Leben Untertan, dem wechselnden. — Frei tritt er in des Daseins 
offne Bahn, — Vom Morgenrot der Hoffnung rings umflossen, — Mit 
Mut und Stärke wie mit Schild und Schwert, — Zum ruhmbekränzten 
Kampfe ausgerüstet. — Zu eng dünkt ihm des Innern stille Welt, — 
Nach außen geht sein rastlos wildes Streben; — Und findet er die Lieb', 
bückt er sich wohl, — das holde Blümlein von dem Grund zu lesen, — 
Besieht es, freut sich sein und steckt's dann kalt — Zu andern Sieges- 
zeichen auf den Helm. — Er kennet nicht die stille, mächt'ge Glut, — 
Die Liebe weckt in eines Weibes Busen, Wie all ihr Sein, ihr Denken 

und Begehren — Um diesen einen Punkt sich einzig dreht, — Wie alli) 
Wünsche, jungen Vögeln gleich, — Die angstvoll ihrer Mutter Nest um- 
flattern, — Die Liebe, ihre Wiege und ihr Grab Mit furchtsamer Be- 
klemmung schüchtern hüten; — Das {ranze Leben als ein Edelstein — 
Am Halse hängt der neugebornen Liebe! — Er liebt; allein in seinem 
weiten Busen — Ist noch für and'res Raum als bloß für Liebe, — Und 
manches, was dem Weibe Frevel dünkt, — Erlaubt er sich als Scherz 
und freie Lust. Ein Kuß, wo er ihm immer auch begegnet, — Stets 
glaubt er sich berechtigt, ihn zu nehmen; — Wohl schlimm, daß es so 
ist, doch ist es so! 

Die hypertrophische Ausbildung des Willens zur Macht hat es mit 
sich gebracht, daß der Mehrzahl der Kulturmenschen für die Liebe keine 
Zeit und keine Energie mehr übrig bleibt. Der Merkantilismus, diese 
wichtigste Form des Willens zur Macht durch Gelderwerb, läßt für die 
Liebe wenig Raum. Denn Zeit ist ja Geld und Geld wird dann wichtiger 



*) Ewig aus der Wahrheit Schranken — Schweift des Mannes wildo Kraft; - 
Unstet treihen die Gedanken — Auf dem Meer der Leidenschaft. — Gierig greift er 
in die Ferne, — Nimmer wird sein Herz gestillt, — Rastlos durch cntleg'ne 
Sterne — Jagt er seines Traumes Bild. ('Schiller.) 



Mann und Woib. •j 

als die Liebe. Ja, es kann der Gelderwerb alle Libido der Liebe an 
sich reißen und symbolischer Ersatz für Liebe werden, wie uns die Psy- 
chologie des Geizhalses immer wieder beweist. Merkantilismus und Liebe 
sind Gegensätze. Das zeigt uns der typische Geldmensch in krassen Bei- 
spielen. Es bleibt wenig Energie für die Liebe übrig, und trotzdem wächst, 
das Bedürfnis nach Liebe. Es besteht ein größeres Verlangen nach Rausch 
und Genuß, und trotzdem hemmen innere Kräfte die Entfesselung der 
Leidenschaften. An diesem Konflikt zwischen sexuellem Wollen und 
Können krankt jetzt die halbe Männlichkeit. 

Der sexuelle Athlet ist eine Seltenheit unter den Kulturmenschen. 
Der sexuelle Schwächling, der Halbimpotente fast die Regel. 

Dabei wird diese Impotenz als eine schwere Schädigung des Per- 
sönlichkeitsgefühles empfunden. Der Impotente fühlt sich nicht als Mann. 
Während das Weib seine Geschlechtskälte nicht als eine Herabsetzung 
wertet, sich trotzdem als Weib fühlt, unter Umständen auf ihre Kälte 
stolz ist, leidet der Mann unter seiner Impotenz. Die männliche Impotenz 
ist die Zielscheibe des Spottes, wird in den Theaterstücken, in Witzen, 
in Zoten, im Sprichwort als wichtigstes erotisches Thema behandelt. Die 
kalte P'rau ist in der Literatur nur spärlich vertreten. Die allgemeine 
Anschauung erhebt diesen Mangel sogar zum Wert der Tugend, gibt ihr 
einen heroischen Anstrich, wählend der tugendhafte und impotente Mann 
dem Fluche der Lächerlichkeit verfällt. 

Der Impotente wird seiner sozialen Wertschätzung beraubt. Sehr 
richtig bemerkt Havelock Ellis: 

„Ein Beweis für die inkonsequente Überschätzung der sexuellen 
Funktionen iu einer Gesellschaft, die zugleich das Geschlechtsleben herab- 
zusetzen trachtet, findet sich in der Geringschätzung, die dem viril Im- 
potenten zuteil wird. Obgleich unser Kulturleben dem sexuell impotenten 
Manne die weitesten Gebiete der Betätigung eröffnet, läßt man einen 
Mann, für dessen Stellung es nichts bedeutet, wenn er an nervöser Dys- 
pepsie leidet, es fast als ein Verbrechen empfinden, wenn er ebenso un- 
verschuldet an einer nervösen Anomalie der sexuellen Potenz leidet. Das 
zeigte sich in frappierender Weise, als es wahrscheinlich wurde , daß die 
vielbesprochenen eigenartigen Beziehungen Carlyles zu seiner Frau sich 
am besten durch die Annahme erklärten, daß er au irgend einer Störung 
der sexuellen Potenz gelitten hat. Da fanden sich sofort „Bewunderer" 
Carlyles, die ihn gegen diese „schmachvolle" Anschuldigung verteidigten. 
„Sie waren mehr schockiert, als wenn man behauptet hätte, er hätte 
Syphilis gehabt. Und doch entwickelt sich bei Männern von sehr sensiblem 
Temperamente leicht eino Störung des Gleichgewichtes in dem sehr delikaten 
Sexualapparate, deren Auftreten ebensowenig eine Schande ist, wie das 
von Dyspepsie, die ja damit verbunden sein kann. Viele Männer von 
genialer Begabung und höchstem moralischen Werte haben daran gelitten, 
wie Cowper (dessen Biographen das allerdings verschweigen), Ruskin 
(dessen Ehe deshalb geschieden wurde) und wohl auch Stuart Mill, dessen 
sexuelle Eutwickluug auf der Stufe des Infantilismus stehen geblieben sein 



8 



Die Impotenz des Maiines. 



soll." (Geschlecht und Gesellschaft. I. Bd. Verlag Kort Kabiteseh, 1900, 
8. 170.) 

Selbstmord einer Frau wegen mangelnder Geschlechtsempfindung 
ist mir noch nicht vorgekommen. Ein hoher Prozentsatz der männlichen 
Selbstmörder scheidet wegen vermeintlicher Impotenz aus dem Leben. 
Ein großer Teil der Weltschmerzler, Menschenhasser, Sonderlinge, Ere- 
miten rekrutiert sich aus Männern, die an psychischer Impotenz leiden. 

Das erklärt, sich schon aus den anatomischen und physiologischen 
Tatsachen. Das Weib kann dem Manne die Befriedigung gewähren, auch 
wenn sie frigid bleibt, wenigstens einen Teil der Befriedigung. Sie er- 
möglicht ihm die Detumeszenz. Sie ist zur Passivität verurteilt, wenn 
auch ihre Passivität treffend mit der kraftgeladenen Passivität eines 
Magneten verglichen wird. Nur durch den Vaginismus ist sie imstande, 
ihr inneres Nein körperlich auszudrücken und den Koitus zu verhindern. 
Dabei wird aber ihr Selbstgefühl erhöht. Sie beweist dem Manne ihre 
physische Überlegenheit, Du kannst nicht, wenn ich nicht will !) Auch die 
Impotenz des Mannes geht häufig, wie dieses Buch beweisen wird, auf 
ein „inneres Nein" zurück. Allein dieses innere Nein bewirkt eine teils 
gewollte, teils bitter empfundene Herabsetzung des Persönlichkeitsgefühles. 
Die körperliehe Potenz setzt eine kräftige Erektion voraus. Der Mann 
kann seine Schwäche nicht verbergen, wie es das Weib oft tut, das einen 
Orgasmus heuchelt, der gar nicht vorhanden ist, um dem Mann die Genug- 
tuung zu verschaffen, daß er sie befriedigt habe. 

Die Impotenz drückt dem ganzen Wesen des Mannes den Stempel 
auf. Er verliert sein Selbstbewußtsein, seine Energie, seine ganze Schaffens- 
freude. Er hat die bittere Gewißheit: Du bist kein Mann! 

Man vergleiche mit dieser demütigenden Erkenntnis das Hochgefühl 
des Männlichkeitsbewußtseius; das Schiller in dem schon erwähnten Ge- 
dichte ..Männerwürde" unübertrefflich ausdrückt. 

Wie jammervoll stehen dagegen der Impotente und der Asket da: 

Schmach dem komhahischen : ) Geschlecht! — Die Elenden, sie haben — 
Verscherzt ihr hohes Männerrecht, — Des Himmels beste Gaben. -• 

Und schlendern elend durch die Welt, — Wie Kürbisse von Buben - 

Zu Menschenköpfen ausgehöhlt, — Die Schädel leere Stuben. Wie 

Wein, von einem Chemikus Durch die Retort' getrieben. — Zum 

Teufel ist der Spiritus, Das Phlegma ist gehlieben. Und fliehen 

jedes Weibsgesicht — und zittern, es zu sehen, - Und dürfen sie und 

können nicht, — Da möchten sie vergehen. D'rum flieh'u sie jeden 

Ehrenmann, Sein Glück wird sie betrüben. — Wer keinen Menschen 

machen kann, - Der kann auch keinen lieben. 



') Kombabus, ein Syrier, hatte sich kastriert, als er den Auftrag des Königs 
Antiochus Soter erhielt, die Gattin seines Herrschers auf einer Reise zu hegleiten. Als 
ihn böse Zungen Sträflichen Verkehrs mit der Königin bezichtigten, überreichte er dem 
König ein Kästchen, in dem sich seine Genitalien befanden (Lukian). 



Mann und Weib. t) 

Aber auch die Unfähigkeit zur seelischen Liebe wird von dem 
Manne als Mangel empfunden. Wir werden in den späteren Analysen 
sehen, daß diese Unfähigkeit eine scheinbare ist, und daß sie meistens 
auf infantile Fixationen zurückzuführen ist. Aber sie besieht und bildet 
die Zeitkrankheit der verfeinerten Parapathiker, der Dekadenten oder der 
Menschen, welche den Dekadenten vor sich selbst und der Welt spielen. 
Das aufkeimende Gefühl der Liebe wird einer strengen Analyse unter- 
zogen und entwertet.. Es wird die seelische Liebe geleugnet und als 
Rationalisierung des Geschlechtstriebes angesprochen. So wird jedes auf- 
keimende Gefühl lächerlich gemacht und auf diese Weise einer psychi- 
schen Überschätzung des Partners vorgebeugt, welche die Grundlage des 
„Yerliebens" bildet. 

Sehr treffend hat Ola Wwson in einer Kritik des Homanes von 
Paul Bourget, „Un crime d'amour". diesen Typus geschildert: 

„Eine eigentümliche Mischung von Natur und Raffinement und Auf 
richtigkeit, von Enthusiasmus und Ironie charakterisiert dio Gegenwart. 
Wir können das, was man in der Alltagssprache unser natürliches, in- 
stinktives Wesen nennt, nicht mehr wiedererwecken und können unser 
Gehirn nicht vom fürchterlichen Druck ererbter Neigungen und konfuser 
Kenntnisse freimachen, und können nicht mehr in Unmittelbarkeit leben. 
Das Kind wächst mit Büchern auf, die es an ein bewußtes Betrachten 
seines Selbst gewöhnen; tritt es ins Leben, so ist seine Seele subtil und 
zusammengesetzt, seine Art zu fühlen nicht einfach und unmittelbar. Wir 
lernen die Bilder der Wirklichkeit früher als die Wirklichkeit kennen, 
die Bilder der Empfindungen und Gefühle vor den Empfindungen und 
Gefühlen. Alle Leiden und Freuden haben wir uns in der Einbildung vor- 
weggenommen, erleben wir sie, so entdecken wir ein Mißverhältnis zwischen 
dem, was wir zu erfahren hofften , und was wir wirklich erfahren, und 
wir verfallen in Seelenkälte oder Verzweiflung über die Ohnmacht des 
Gefühlslebens. Alles geht durch unser Gehirn, ehe es ans Herz gelaugt. 
Wir können den Augenblick nicht genießen, denn wir analysieren ihn 
mit unseren Gedanken, statt ihn mit dem Herzen zu empfinden, und der 
feinste Duft des Genusses ist weg. „Aber das zu Mehl zermahlene Korn 
kann weder keimen noch wachsen". Alles Leben ruht auf einer Basis 
voa ün hewußtheit, die vom Geiste der Analyse zerstört wird, unser Go- 
dankenmechanismus hat sich in demselben Grade verfeinert und kom- 
pliziert, wie unser Gefühlsleben vertrocknet und steril geworden ist, Wir 
haben außerordentliche Werkzeuge zum Sezieren des Gedankens, aber wir 
leben ein Leben der „gemachten Gefühle". „Un crime d'amour" nennt 
Bourget selbst eine „minutiöse" Diagnose einer Seelenkrankheit. In Ar- 
mand de Quernes Antlitz erkennt eine ganze Generation ihre eigenen 
Züge. Das Zentrale an diesen Zeittypen liegt in einer inneren Mißbildung, 
wodurch eine Seelenbewegung immer erst durch ihr Gehirn gehen muß. 
ehe sie ihr Herz erreicht. Solche Menschen können den Augenblick nicht 
genießen, da sie das Vermögen verloren haben, ganz und unmittelbar zu 
empfinden. Der einzige Genuß, dessen sie noch mächtig sind, ist der 
schmerzliche Genuß der Erinnerung. Sie verlieben sich in Personen, die 
sie verlassen, nud sehnen sich an Orte zurück, wo sie sich langweilten, 



10 



Die Impotenz des Mannes. 



für das Gegenwärtige empfinden sie bloß Überdruß, während es eine 
eigentümliche wärmende Zauberkraft besitzt, sobald es verflossen und 
weil es verflossen ist. Vor allem haben sie die Fälligkeit verloren, ganz 
und voll zu lieben. (Ola Ranson „Liebestäuschung".) 

Die Liebesunfähigkeit, die sich in kleinen Versuchen zur Liebe 
äußert und nie zum großen Rausch führt, schließt nicht aus, daß die. 
Träger dieser Unfähigkeit sich nach Liebe verzehren und in ewiger Sehn- 
sucht nach der großen Liebe leben (Liebesbereitschaft). Sie schieben dann 
die Schuld auf die mangelnde Liebesfähigkeit des Objektes. Die Frauen 
seien Schuld, sie hätten noch nicht, ihr Ideal gefunden. Der „Fliegende 
Holländer'- und Ahasver sind Verkörperungen der ewigen Sehnsucht, ebenso 
Faust, im gewissen Sinne Hamlet. Oswald in den „Problematischen 
Naturen" von Spielhagen ist von gleichem Typus. 1 ) Daß alle Dichter an 
einer gewissen Unfähigkeit zur Liebe leiden, welche sie durch eine er- 
höhte Liebesbereitschaft überkompensieren, habe ich in meinem Buche 
„Die Träume der Dichter" ausgeführt. 2 ) 

Es läßt sich aber nicht leugnen, daß sich bei genauer Analyse in 
den meisten Fällen der Mangel der seelischen Liebesfähigkeit auf beson- 
ders schwierige individuelle Liebesbedingungen, wie ich sie im vorigen 
Bande der „Störungen" beschrieben habe 3 ), zurückführen läßt. Ich habe 
Fälle erlebt, daß auch Faustnaturen und Skeptiker eines besseren belehrt, 
wurden, und daß sich Liebesunfähige, die lange Jahre vergeblich ihr Ideal 
gesucht und an der Erfüllung gezweifelt haben, in vorgerücktem Alter 
der Macht der Liebe beugen mußten. Das Glück über die erreichte 
Liebesfähigkeit ist dann so groß, daß solche Männer leicht zu Liebes- 
sklaven werden und in sexuelle Hörigkeit verfallen. 

Ein absoluter Mangel an seelischer Liebesfähigkeit läßt sich nur bei 
schweren Psychopathen nachweisen, die gerade über einen stürmischen 
Geschlechtstrieb verfügen und sich körperlich zu allerlei Exzessen hin- 
reißen lassen. Sie bilden den Übergang zu den krassen Egoisten, den an 
Moral insanitv Leidenden, den Narzißten, den ewigen Kindern und sind 
wohl zu unterscheiden von den Familiensklaven, die scheinbar nicht, lieben 
können, aber in Wirklichkeit, an ein Mitglied der Familie (Vater, Mutter, 
Bruder, Schwester, Onkel, Tante, Großeltern) fixiert sind. 

In sehr seltenen Fällen von psychischer Impotenz gebt die seelische 
Unfähigkeit mit der körperlichen Hand in Hand. Am häufigsten begegnet 
man den Fällen, in denen sich trotz der seelischen Liebe die körperliche 
Unfähigkeit als Impotenz meldet und die Kranken zum Arzte führt. Hier 
zeigen sich die beiden Geschlechtern gemeinsamen Unstimmigkeiten der 

) Neuerdings hat Bruno Frank in seinem Drama „Die Schwestern und der 
Fremde" die seelische Liebesunfähigkeit als tragischen Konflikt behandelt. 
s ) Seite 247. 
J ) Seite 26; 



Mann und Weib. 11 

verschiedenen erotisehen Komponenten. Sinnlichkeit und Zärtlichkeit lassen 
sich nicht hei einem Ohjekt vereinigen. Daraus ergehen sich die ver- 
schiedenen Liebeskrankheiten, deren Heilung die Liebesunfähigen beim 
Psychotherapeuten suchen. 

Das Weib kommt zum Arzte, wenn es an Störungen des Orgasmus 
leidet, wenn der Orgasmus zu spät kommt oder ganz ausbleibt. Der Mann 
sucht Hilfe, wenn ihm der Orgasmus zu früh kommt, gestört ist oder, 
wenn die Erektion ganz ausbleibt. Die seelische Liebesunfähigkeit, das viel 
schwerere Leiden, führt selten einen Menschen zum Psychotherapeuten. 
Sie wird auch häufig vor sich selbst maskiert und äußert sich dann als 
physische Liebesstörung. 

Alle Liebesstörungen der Kulturmenschen lassen sich wie ich im 
vorigen Bande der „Störungen" ausgeführt habe — auf einen Kampf 
zwischen - Gehirn und Rückenmark zurückführen. Dieser Kampf ist beim 
Manne viel stärker und tritt plastischer hervor. Eine leise Hemmung und 
die Erektion versagt. Ein kleiner Affekt der Angst, eine innere Unzu- 
friedenheit, ein kaum bewußter Ekel, und der feine Mechanismus der 
Erektion und der Lust ist gestört, 

Kein zweites Leiden zeigt uns so deutlich den Kampf zwischen 
Triebmenschen und Kulturmenschen. 

Es hat lange gedauert, bis die Ärzte diese Tatsachen verstehen 
konnten. Noch heute herrschen bei der Mehrzahl der Ärzte Mißverständ- 
nisse und falsche Auffassungen, ja sie werden von hervorragenden Ge- 
lehrten vertreten, weil die Neigung unserer Zeit, alle Störungen mechanisch 
oder chemisch, eventuell biologisch zu erklären, die seelischen Zusammen- 
hänge hartnäckig übersehen läßt. 

Dieses Buch behandelt aber nur die psychischen Störungen und be- 
weist, daß sich fast alle Fälle von Impotenz auf seelische Hemmungen zu- 
rückführen und durch eine rationelle Psychotherapie heilen lassen. 1 ) 

Es gibt für den praktischen Arzt und für den Psychotherapeuten 
keine dankbarere Aufgabe, als die Heilung der Impotenz. Der Erfolg ist 
sichtbar und kann nicht geleugnet werden. Der Mißerfolg ist bei richtiger 
Methode selten. 

Ich kann ruhig behaupten, daß ich fast alle Impotenten geheilt 
habe, die sich meiner Führung anvertraut und nicht die Geduld verloren 
haben. Einen Menschen von seiner Impotenz heilen, heißt ihn dem Leben 
wiedergeben! Trefflich drückt diese Tatsache Gyurkovechky aus: 

Die ganze Tatkraft des Mannes, seiu Mut, die Lust zur Arbeit und 
/.um Leben hängt fast ausnahmslos mit seiuer geschlechtlichen Kraft zu- 



') Kiue ausgezeichnete Darstellung der Physiologie des Geschlechtstriebes und 
der körperlieheu Ursachen der Impotenz findet sich in Fürbring n-s bekanntem Werke 
.Die Impotenz des Mannes 1 ' — Verlag Alfred Holder. Wien. 



12 



Die Impotenz des Mannes. 






s:immen. Ich muß hier absehen von verschiedenartigen Keuschheitsgelübden 
die von den Leuten abgelegt werden, welche den Lohn für diesseitige 
Marter im Jenseits erwarten. Diese Leute scheinen sich aber dafür auf 
den Aufenthalt diesseits nichts weniger als zu freuen, da sie die Welt ein 
Jammertal nennen. Ein Jammertal ist nun die Welt gerade nicht, aber 
man nehme dem Menschen, der von Früh bis Abends arbeiten und schaffen 
muß, der den Kampf ums Dasein täglich von Neuem kämpft, dieses bißchen 
Liebe, und das Jammertal ist freilich fertig. 

Wie viele Menschen haben sich die Fähigkeit zur Liebe verderben 
lassen oder selbst verdorben! Die Psychanalyse der verschiedenen Formen 
der Impotenz wird uns erst das ganze Jammerbild des modernen Kultur- 
menschen, seine innere Zerrissenheit, seinen aufreibenden Kampf zwischen 
Trieb und Hemmung deutlich vor Augen führen. Die frigide Frau und der 
impotente Mann sind Produkte einer kranken Zeit, Die Impotenz ist ein«: 
soziale Krankheit. Sie kann nur aus ihrer Zeit und durch ihre Zeit ver- 
standen werden. 



n. 

Beruf und Sexualität. 

Für seinen Rigner ist aUes Eigene gut . 
versteckt; von allen Scbatzgruben wird 
die eigene am spätesten ansgegraben. 

Nietzeche. 

Forscht man bei verschiedenen Mensehen nach dem Motiv der Be- 
rufswahl, so erfährt man mit Staunen, daß die meisten Menschen durch 
Zufall zu ihrem Berufe gekommen sind. Oft hat der Vater entschieden, 
ein anderesmal der Zufall. Hat man aber Gelegenheit Menschen zu analy- 
sieren, die ihren Beruf« aus Neigung gewählt haben, so wird man immer 
Zusammenhänge zwischen Berufswahl und Erotik finden. Übrigens haben 
die Menschen, die einen Zufallsberuf haben, meist einen Nebenberuf oder 
einen ..Sport", der dann den eigentlichen Beruf ihrer Wahl darstellt. Es 
macht das Unglück unserer Zeit aus. daß die Freude am Beruf immer 
seltener wird. Beruf sollte aber immer die Arbeit sein, zu der man sich 
berufen fühlt. Nur diese Arbeit wird uns Freude bereiten und uns aus- 
füllen. 

Die Rolle der Erotik in der Berufswahl ist nur eiu Stück aus der 
wichtigen Bolle der Erotik im Leben. Die Sexualität gleicht dem Baume, 
dessen Wurzeln tief ins Irdische und Triebhafte hinabreichen, dessen 
Blüten aber gegen Himmel streben. Jede Zelle dieses Baumes wird von 
Säften durchströmt, die aus den Wurzeln in die Höhe streben, aus der 
Erde gegen die Höhe. Jeder Mensch ist ein solcher Baum, der ewig mit 
dem Triebhaften und Erdhaften verbunden bleibt. 



Beruf und Sexualität. 



13 



Es ist eine alte Tatsache, daß jede Kunst umgewertete Erotik ist 
Der Künstler zeugt seine Werke wie seine Kinder. Ein Stück seiner 
Erotik geht für das Leben verloren. Das hat Wagner gewußt, wenn er 
ausführte: „Die Kunst fiingt genau an, wo das Leben aufhört; wo nichts 
mehr gegenwärtig ist, da rufen wir in der Kunst, .ich wünschte'. Ich be- 
greife reicht, wie ein wahrhaft glücklicher Mensch auf den Gedanken 
kommen soll, .Kunst zu machen-; nur im Leben kann man ja. — Ist 
unsere .Kunst' somit nicht ein Geständnis der Impotenz V"' Aber in der 
Kunst lebt der Künstler seine übermächtige Sexualität aus. Alle Kraft, 
die Wagner in seinen Tristan hineingelegt hat, ging der Weseudonk ver- 
loren. Durch den Tristan konnte er sich frei machen, wie sich Goethe 
durch den Werther aus der Hörigkeit der Liebe in die Freiheit des 
Schaffenden gerettet hat. 

Die Philosophen schöpfen aus der gleichen Quelle. Freud hat in 
seiner anregenden Studie über ..Leonardo da Vinci" die Behauptung auf- 
gestellt, daß jeder Forschungstrieb auf die sexuelle Wißbegierde des Kindes 
zurückzuführen ist : 

Wenn die Periode der infantilen Sexualforschung durch einen Schub 
energischer Sexualverdräugung abgeschlossen worden ist, leiten sich für 
das weitere Schicksal des Forschertriebes drei verschiedene Möglichkeiten 
aus seiner frühzeitigen Verknüpfung mit sexuellen Interessen ab. Entweder 
die Forschung teilt das Schicksal der Sexualität, die Wißbegierdo bleibt 
von da an gehemmt und die freie Betätigung der Intelligenz vielleicht 
für Lebenszeit eingeschränkt, besonders da kurze Zeit nachher durch die 
Erziehung die mächtige religiöse Denkhemmung zur Geltung gebracht 
wird. Dies ist der Typus der neurotischen Hemmung. Wir verstehen sehr 
wohl, daß die so erworbene Denkschwäche dem Ausbruche einer neuro- 
tischen Erkrankung wirksamen Vorschub leistet. In einem zweiten Typus 
ist die intellektuelle Entwicklung kräftig genug, um der an ihr zerrenden 
Sexual Verdrängung zu widerstehen. Einige Zeit nach dorn Untergang der 
infantilen Sexualforschung, wenn die Intelligenz erstarkt ist, bietet sie 
eingedenk der alten Verbindung ihre Hilfe zur Umgehung der Sexual- 
verdrängung, und die unterdrückte Sexualforschung kehrt als Grübelzwang 
aus dem Unbewußten zurück, allerdinge entstellt und unfrei, aber mächtig 
genug, um das Denken selbst zu sexualisieren und die intellektuellen 
Operationen mit der Lust und der Angst der eigentlichen Sexualvorgängo 
zu betonen. Das Forschen wird hier zur Sexual betätigang, oft zur aus- 
schließlichen, das Gefühl der Erledigung, in Gedanken der Klärung, wird 
an Stelle der sexuellen Befriedigung gesetzt; aber der unabschließbare 
Charakter der Kinderforschung wiederholt sich auch darin, daß dieses 
Grübeln kein Ende findet, und daß das gesuchte intellektuelle Gefühl der 
Lösung immer weiter in die Ferne rückt. 

Der dritte, seltenste und vollkommenste Typus entgeht kraft be- 
sonderer Anlage der Denkhemmung wie dem neurotischen Denkzwang. 
Die Sexualverdrängung tritt zwar auch hier ein, aber es gelingt ihr nicht 
einen Partialtrieb der Sexuallust ins Unbewußte zu weisen, sondern die 
Libido entzieht sich dorn Schicksal der Verdrängung, indem sie sich von 



14 



Die Impotenz des Mannes. 



Anfang an in Wißbegierde sublimiert und sich zu dem kräftigen Forseher- 
trieb als Verstärkung schlägt. Auch hier wird das Forschen gewisser- 
maßen zum Zwang und Ersatz der Sexualbetätigung, aber infolge der 
völligen Verschiedenheit der zugrunde liegenden psychischen Prozesse 
(Sublimierung an Stelle des Durchbruches aus dem Unbewußten) bleibt 
der Charakter der Neurose aus, die Gebundenheit an die ursprünglichen 
Komplexe der infantilen Sexualforschung entfällt, und der Trieb kann 
sich frei im Dienste der intellektuellen Interessen betätigen. Der Sexual- 
vordrängung, die ihn durch den Znschuß von sublimierter Libido so stark 
gemacht hat, trägt er noch Rechnung, indem or die Beschäftigung mit 
sexuellen Themen vermeidet. („Eine Kindheitserinnerang des Leonardo 
da Vinci" von Sigm. Freud in Wien. Zweite, vermehrte Auflage, Leipzig 
und Wien, Franz Deuticke, 1919, S. 17—20.) 

Daß der mathematische Forschungstrieb umgewertete Sexualität ist, 
kann ich aus einem Briefe Multatulis an einen Freund belegen: 

Die Stelle (Multatuli-Briefe an Max Roest, herausgegeben Wilhelm 
Spohr, 2. Bd., S. 72 f.) lautet: 

„. . . Ich hoffe, ich hoffe, eine vereinfachte Methode für die Tri- 
gonometrie zu finden. Alle Sehüler werden mir dankbar sein. Und ich 
habe noch viele andere Dinge von dieser Art zu untersuchen. Es ist herr- 
liche Poesie, das Aufheben des keuschen Gewandes der Natur, das Suchen 
nach ihren Formen, das Forschen nach ihren Verhältnissen, das Betasten 
ihrer Gestalt, das Eindringen in die Gebärmutter der Wahrheit. Siehe da 
die Wollust der Mathematik! Und — ich Tor! — ich bin ihr Freund! 
Wahrlich, sie stößt mich nicht zurück, ergibt sich nicht gleich mühelos. 
Just Mysterium genug, um gewünscht und begehrt und angebetet zu 
bleiben. Nicht genug, um den stürmischen Bewerber mutlos zu machen. 
Ich habe ihre Fußknöchel, ihre Knie gesehen, ja die Hüften und die 
Lenden, dann und wann .... aber, aber dann stößt sie mich hinweg 
und flieht dahin, Daphne, die sie ist, Sylphe, die sie ist. Irrlicht, Courtisane, 
Jungfrau ... bei alldem die große, mächtige Isis, die Frau Jehovah, 
die ist, war und sein wird, unveränderlich, unantastbar, unvernichtbar : 
das Sein, die Wahrheit!" 

Die verschiedenen philosophischen Systeme zeigen deutliche Be- 
ziehungen zur Sexualität. So erklärte mir ein Philosoph seine Weltan- 
schauung, die beweisen sollte, daß alles auf der AVeit auf Reibung zurück- 
zuführen sei. Die nähere Ausführung des Systems verriet deutlich ihren 
sexuellen Ursprung. 

Vielleicht hätte Newton nicht das Gesetz der Schwere gefunden, 
wenn er nicht unter der Wirkung einer mütterlichen Anziehungskraft ge- 
standen wäre. 

Besonders interessant sind die Beziehungen der Erfinder zu ihrem 
Sexualleben. 

Ich habe bisher an allen Erfindern, die ich analysieren konnte, immer 
wieder konstatieren können, daß es sich um Parapathiker handelt, welche 
ihre seelischen Konflikte durch Verschiebung ins Mechanische zu lösen 
versuchen. Jede Erfindung ist also der Versuch einer Überwindung eines 



Beruf und Sexualität. 



15 



Konfliktes, jede Erfindung ist eine Befreiung auf falschem Gebiete. Viel- 
leicht werde ich mich durch einige Beispiele verständlicher machen. Der 
zu beweisende Satz lautet: Erfindungen sind Übersetzungen seeli- 
scher, meist sexueller Probleme in die Sprache der Technik. 

Muß die Erfindung der Telegraphie ohne Draht nicht von einem 
Menschen ausgegangen sein, der einer fernen Geliebten Grüße senden 
wollte? Sagt doch schon das Volkslied: ..Küsset dir ein Lüftlein W angle in 
oder Hände, denke, daß es Seufzer sei'n, die ich zu dir sende. Tausend 
send' ich täglich aus, tausend flattern um dein Haus. . ." 

Einige Beispiele sollen uns der Lösung des Problems näher bringen. 

Fall Nr. 1. Ein Patient konsultiert mich' wegen Schlaflosigkeit. Jede 
Nacht wälze er sich schlaflos auf seinem Lager. Eigentlich müsse er dem 
Leiden dankbar sein, denn es habe ihm schon zu einigen Erfindungen ver- 
holten. Zuerst habe er in diesen schlaflosen Nächten einen Fernzünder kon- 
struiert, der schon patentiert sei. 

„Was ist das für eine Erfindung ? a 

„Sehen Sie. Ich liege in meinem Zimmer und kann plötzlich die Gas- 
flammen im dritten Zimmer, wo meine Kusine schläft, anzünden." 

Das weitere Gespräch ergab folgenden Tatbestand: Der Mann war in 
seine verheiratete Kusine verliebt, ohne es zu wissen, oder besser gesagt „ohne 
es wissen zu wollen". Er wollte ihr Herz in Brand stecken und hoffte, seine 
Gedanken, denen er ja Allmacht zumutete, würden das besorgen. Dieser Liebe 
standen schwere Hemmungen gegenüber. Der Knsin war sein väterlicher Freund, 
der ihn an Vaters statt erzogen, ihm sein Haus geöffnet und ihm ein 
Heim und eine schöne Stellung gegeben hatte. Die junge Frau des Kusins war 
eine treue, liebevolle Gattin, die an ihrem Manne mit großer Liebe hing. 
Seine Liebe war hoffnungslos. Aber gibt es Schranken für ein liebend Herz? 
In der Nacht flatterten seine Wünsche um das Lager seiner schönen 
Kusine. 

Er wünschte sie zu entzünden und wollte sie durchaus mit der Macht seiner 
Liebe zwingen. Das besorgte nun die Erfindung. Der Fernzünder war entdeckt. 
Er konnte durch alle Zimmer hindurch, über alle Hindernisse hinweg zu seiner 
Liebe gelangen, um sich mit ihr zu vereinen. Die Erfindung hatte noch 
eine andere wohltätige Folge. Er mußte das Geschäft seines Vetters verlassen 
und wurde ein reicher Mann. So war diese Erfindung in jeder Hinsicht die 
Losung eines schweren Konfliktes. 

Fall Nr. 2. Ein anderer Parapathiker kommt eines Tages freudestrahlend 
zu mir. Er hätte eine großartige Entdeckung gemacht. Der Schrecken aller 
Menschen werde jetzt ein Ende nehmen. Seine Erfindung sei das „Ei des 
Kolumbus". Er leite einen elektrischen Strom in die Türschnalle. Dieser Strom 
sei bei Tage ausgeschaltet und werde erst eingeschaltet, wenn man ausgehe 
oder — was noch wichtiger wäre — bei Nacht. Aber auch die Matratze vor 
der Türe sei mit feinen Drähten durchwirkt und elektrisch geladen. Trete der 
Dieb oder Einbrecher auf die Matte, die zum Reinigen der Schuhe diene und 
vor der Türe liege (so befestigt, daß man sie nicht entfernen könne und sie 
berühren müsse), so entstünde ein Kurzschluß, der Einbrecher erhielte einen 
heftigen Schlag, der ihn fast besinnungslos mache und in Schrecken versetze, 
überdies fange ein Glockenwerk zu läuten an und warne das ganze Haus . . . 



16 



Die Impotenz dos Mannes. 



Auflösung: Der Maun trug sich mit Gedanken, zu einem Mitgliedes seiner 
Familie des Nachts „einzubrechen". Die Berührung mit diesem weiblichen 
Wesen würde gewiß einen „starken elektrischen Schlag" bei ihm produzieren. 
Es könnte aber bekannt werden und an die „große Glocke" gehängt werden 
Dieser Apparat ist eine Art Sicherung. Er soll aber auch das geliebte Objekt 
schützen. Denn ein anderes Mitglied des Hauses umkreist dasselbe weibliche 
Wesen mit gierigen Blicken. Er müßte Tag und Nacht wachen, auf daß kein 
Unglück geschehe. Statt der Realisierung der Erfindung wurde eine Trennung 
von der begehrten Dame durchgeführt. Die Vorstellung, er konnte des Nachts 
in ihr Zimmer kommen, der andere könnte es tun, war die Kraft, welche zu 
dieser „großartigen Entdeckung" führte. 

Fall Nr. 3. Herr N. hatte einen Apparat entdeckt, wie man eine Linie 
in x-beliebige kleine Teile teilen hönne. Dieser Apparat wurde patentiert und 
scheint sich eingeführt zu haben. Ursache: In seiner Familie waren sieben 
Geschwister, welche alle auf ein großes Erbe warteten. Eine Schwester war 
krank ebenso ein Bruder weniger erwerbsfähig. Der Vater hatte nun den 
Vorschlag gemacht, die erwerbsunfähigen Kinder mit einer größeren Rente zu 
versehen. Herr N war damit einverstanden, aber bald darauf brach eine 
1 arapath.e aus welche ihn ebenfalls arbeitsunfähig machte. Er wollte auch eine« 
größeren Vorteil durchsetzen. Im Geiste teilte er immer das Erbe. Wie viel 
kommt auf deinen Teil? Er wollte mehr haben. Aber er wußte nicht, ob seine 
I arapathie imstande sein werde, den Sinn des Vaters zu ändern. Wenigstens 
sollten dann alle gleiche Teile erhalten. In diesem Zustande machte er 
seine Erfindung. Alle Phasen, die nun folgten, wurden unter den stärksten 
Affekten erlebt. Das Überreichen der Erfindung, das Patentieren, die Verhand- 
lungen usw. ... Er verbrachte schlaflose Nächte und war sehr erstaunt, als 
ich ihm begreiflich machte, daß er eigentlich immer wieder das Erbe seines 
Vaters teile, daß er mit dem Gedanken ßpiele, das Erbe in weniger kleine 
Teile zu teilen, wenn eines seiner Geschwister sterben würde. Also in sechs, 
in fünf Teile usw. Er lebte seinen ganzen Liebeskonflikt (er kämpfte auch um 
die Liebe des Vaters!) und seinen ganzen Geldkonflikt, der ihm ja sehr pein- 
lich und ethisch niederdrückend war, auf einem technischen, eigentlich mathe- 
matischen Gebiete aus. 

Fall Nr. 4. Nun zu dem Erfinder, der ein Institut für sofortige erste 
Hilfe schaffen wollte. Jedem Kranken oder Verletzten sollte ein Arzt sofort 
zu Geboto stehen. Dieser geistig so hochstehende Mann, ein Sadist litt an 
einem Mordimpuls gegen seinen Vorgesetzten, der ihn in' der Tat quälte und 
ungerecht behandelte. In seinen Phantasien spaltete er ihm seinen glatzköpfigen 
Schädel mit einer Axt, Dann kam die Reue ... und die Phantasien ver- 
schwanden. Bald darauf erschien die Erfindung, durch einen in jeder Wohnung 
angebrachten elektrischen Apparat sofort einen Arzt herbeizuholen, der in 
einer bestimmten Zentrale bereitsitzt. 

Fall Nr. 5. Eine andere Erfindung ist folgende: Ein Arzt endeckt, 
daß die jetzigen Zahnbürsten unhygienisch seien. Es hielten sich in den Borsten 
Mikroorganismen anf. Er erfand eine hygienische Bürste, in der man die 
Reibfläche täglich auswechseln konnte. Dieser Mann war verheiratet und be- 
neidete dm Türken im Paradiese, deren vierzehn Huris immer wieder Jungfern 
wurden. Er war ein typischer Don Juan, der seine Ehe als Hemmung empfand. 
Die Erfindung löste das Problem der auswechselbaren Frau durch eine aus- 
wechselbare Bürste. 



Beruf und Sexualität. ij 

Genug der Beispiele! Ich könnte diese Sammlung noch vermehren. 
Aber es ergibt sich immer wieder, daß die Erfindungen meistens ein Lö- 
sungsversuch individueller Probleme sind. Sie werden dann durch die Er- 
findung in soziale Probleme verwandelt. Es ist derselbe Zug, wie ich ihn 
in dem kleinen Aufsatze „Zur Psychologie der Alkoholfestigkeit und der 
Entschuldigungstendenzen" (Heft 1V/V, Z. f. P. A. B. LU) beschrieben habe. 
Eigentlich versucht jeder Parapathiker diese Projektion auf das Soziale. 
Der parapathische Dichter klagt über Weltschmerz, der nur sein persönlicher 
Schmerz ist. „Aus meinen großen Schmerzen mach' ich die kleinen Lieder" 
sagt Heine. Es scheint, daß aller Fortschritt der Menschen aus diesen 
„großen Schmerzen" kommt. Der Parapathiker leidet dann in Wahrheit für 
die ganze Menschheit und gleicht schon dadurch dem Erlöser. Man könnte 
einmal eine Geschichte der menschlichen Erfindungen aus dieser Perspek- 
tive schreiben. Es wäre die Geschichte menschlicher Leiden und mensch- 
licher Erlösungen. 

Wie viele Parapathiker habe ich schon kennen gelernt, welche die 
Phantasie der Weltsprache verwirklichen wollten! Immer wieder zeigte es 
sich, daß sie sich mit ihrer nächsten Umgebung nicht verständigen konnten 
und eine fremde Sprache redeten. Wenn einige Menschen im engen Kreis 
wohnen, dann geht es ihnen wie den Erbauern des Babelturmes: Sie reden 
aneinander in fremden Zungen vorbei und geraten in Streit. Und viel- 
leicht ist das der Sinn des grandiosen Märchens vom Babelturm. Unsere 
Pläne zerschellen an dem Unverstand unserer Umgebung. Würden wir 
alle die gleiche Sprache- sprechen, wir könnten in die höchsten Fernen 
emporragen. 

Unsere Kraft zersplittert sich im Kampfe gegen die Sexualität. Wir 
sind gezwungen, uns vor uns zu verstecken. Der Nicht-Analytiker hat 
keine Ahnung, wie viel von den Erscheinungen des Lebens umgewertete 
Sexualität ist. Ich will jetzt nur einen Typus herausgreifen: Den Sammler. 

Er kommt in zahllosen Variationen vor. Es gibt keinen Gegenstand, 
der nicht unter Umständen das Objekt seiner Sammelwut werden könnte. 
Hat er Beziehungen zur Kunst, dann sammelt er Bilder, Stiche, Antiquitäten, 
Porzellan, Erstdrucke, Bronzen; ist er wissenschaftlicher Sammler, so legt 
er Herbarien an, fängt Schmetterlinge, häuft Mineralien, Münzen, Bakterien, 
Abnormitäten; oder er sammelt aus Passion Marken, Uhren, Spazierstöcke! 
Regenschirme, Tintenfässer, Knöpfe, Hüte, Möbel, Lampen, Ofenschirme! 
Oder die Sammlung verknüpft sich mit erotischen Interessen. Dann kommt 
es zur Erwerbung von Miedern, Schuhen, Sacktüchern, Schürzen, Unter- 
röcken, Bändern, Strümpfen, Strumpfbändern, Zöpfen, Haarlocken Hand- 
schuhen, Hosenträgern, Nagelfeilen, Bauchbinden, Krücken, alten Zahn- 
prothesen, Irrigatoren. 1 ) Alle diese Fälle sind dem Leben entnommen. 

Vgl. Bd. VII das Kapitel: „Partialismus und Haremskult". 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affoktloben3. IV. 2. Aufl. 9 



18 



Die Impotenz des Mannes. 



Gemeinsam ist die Sammelwut und der Affekt, der sich an die Er- 
werbung der Objekte knüpft. Der Zwang, das einmal begehrte Objekt zu 
besitzen, ist so groß, daß es in pathologischen Fällen zu Verbrechen 
kommt. Wer nicht selbst gesammelt hat, der kennt nicht die Qualen und 
Wonnen des Erwerbes eines neuen Stückes. Das Abwägen, Überlegen, 
Vorkosten, Begehren, das Kämpfen gegen die immer wachsende Leiden- 
schaft, das Erliegen, das Zittern, der ersehnte Gegenstand könnte von 
einem anderen erworben werden, das Fieber des Besitzes, das Liebkosen. 
Betasten, Oberblicken, Versenken, die Ekstase der ersten Tage, die lang- 
same Enttäuschung, das Verdrängen durch einen neuen Favoriten. Jedem 
Sammler ist die affektive Überschätzung seiner Objekte eigen. Die Bilder- 
sammler haben selbstverständlich einen echten Rembrandt, oder Van Dyk, 
einen Dürer, einen Schindler, einen Pettenkofen oder irgend eine Lein- 
wand, die ihnen sehr wertvoll dünkt. Manche hüten sich, eine Überprüfung 
des Bildes vornehmen zu lassen, um nicht aus den Himmeln zu fallen. 
Sie brauchen die Illusion, die zum Sammeln gehört wie zur Liebe. Wie 
der Liebende seine Geliebte überschätzt, an ihr keine Fehler und nur Vor- 
züge sieht, so ergeht es dem Sammler. Er hat das schönste Stück, es ist 
das einzige der Art. Kein anderer besitzt etwas Ähnliches. Dieser Stolz 
auf das Seltene ist allen Sammlern eigen. Darin gleichen sie dem Manne, 
der die schönste Frau haben will. 

Man merkt, daß ich die erotischen Beziehungen des dammelns unter- 
streiche. Ich übersehe die anderen Bedeutungen nicht. Gewiß, der Marken- 
sammler zum Beispiel macht mit seinen Marken Reisen um die ganze 
Welt, er erlebt die Geschichte in den Marken, er entthront Könige und 
feiert die denkwürdigen historischen Ereignisse durch den Besitz der 
spezifischen Marke. Aber im Grunde genommen ist es doch ein Harem, 
den sich jeder Sammler anlegt. 

Dichter haben diese Eigenart des Sammeins erschöpfend beschrieben. 
Ich wähle aus der Fülle der Schilderungen eine sehr verräterische heraus 
die uns Kierkegaard geliefert hat. Es ist sehr bezeichnend, daß sich dieser 
Dichter-PhilosopL der fanatische Verehrer von Mozarts ..Don Juan", der 
Philosoph des Don Juanismus, der Verfasser des „Tagebuches eines Ver- 
führers", in seinen Bekenntnissen als Sammler entpuppt. Er schildert die 
Erwerbung eines alten Schreibtisches: 

Es mag vor etwa sieben Jahren gewesen sein, als ich bei einem 
Trödler hier in der Stadt einen Schreibtisch sah, der sofort meine Auf- 
merksamkeit erregte. Er war nicht von moderner Arbeit, ziemlich abge- 
nutzt, aber doch interessierte er mich. Diesen Eindruck zu erklären ist 
mir unmöglich; doch haben wohl die meisten Menschen ähnliches er- 
fahren. Mein Weg führte mich täglich an dem Trödler und seinem Schreib- 
tische vorüber, und ich unterließ es nie, ihn im Vorbeigehen liebevoll zu. 
betrachten. Mit der Zeit wurde das Interesse für diesen Schreibtisch in 
mir zu einem Erlebnis; es wurde mir ein Bedürfnis, ihn zu scheu, und 



Beruf und Sexualität. ig 

1 

es kam mir nicht darauf an, seinetwegen auch einmal einen Umweg zu 
machen. Je öfter ich ihn sah, um so stärker regte sich der Wunsch, ihn 
zu besitzen. Ich war mir wohl bewußt, daß das ein sonderbarer Wunsch 
war, denn ich hatte keinerlei Verwendung für das Möbel und ich mußte 
mir gestehen, daß es Verschwendung wäre, es anzuschaffen. Doch ist die 
Begierde bekanntlich sehr sophistisch. Ich trat eines Tages bei dem Trödler 
ein, und fragte nach allerlei anderen Dingen und machte, indem ich mich 
zum Gehen wandte, beiläufig ein sehr niedriges Angebot auf den Schreib- 
tisch. Ich hielt es für möglich, daß der Trödler einschlagen würde, und 
eB wäre dann der Zufall gewesen, der mir das Stück in die Hände ge- 
spielt hätte. Daß ich die Sache so angriff, geschah gewiß nicht wegen 
des Geldes, sondern um mein Gewissen zu beruhigen. Aber der Versuch 
gelang nicht; der Trödler war ungewöhnlich bestimmt. Nun ging ich 
wieder eine Zeit lang jeden Tag vorbei und warf dem Schreibtisch ver- 
liebte Blicke zu. Du mußt dich entschließen, dachte ich, denn gesetzt den 
Fall, er wird verkauft, so ist es zu spät. Dnd seihst wenn es dir gelänge, 
ihn wieder aufzutreiben, so hättest du damit doch nicht mehr denselben 
Eindruck von ihm. Das Herz klopfte mir, als ich wiederum bei dem 
Trödler eintrat. Der Schreibtisch wurde gekauft und bezahlt. Das soll 
das letztemal sein, dachte ich, daß du so verschwenderisch bist; es ist 
geradezu ein Glück, daß du ihn gekauft hast; denn so oft du ihn an- 
siehst, wirst du daran denken, wie verschwenderisch du warst; mit dem 
Schreibtische soll ein neuer Abschnitt in deinem Leben beginnen. Ach ! 
Die böse Lust ist so beredt und der Weg zur Hölle ist mit guten Vor- 
sätzen gepflastert. 

Der Schreibtisch wurde in mein Zimmer hinaufgetrageu und wie 
ich in der Zeit der ersten Verliebtheit meine Freude daran hatte, 
ihn von der Straße aus zu betrachten, so spazierte ich nun zu Hause vor 
ihm auf und ab. Nach und nach lernte ich auch sein Inneres kennen, 
6eine zahlreichen Schubladen, Nischen und Fächer und ich war in jeder 
Hinsicht sehr glücklich mit meinem Schreibtisch. 

Ich habe dieser Schilderung nichts hinzuzufügen, ich brauche nichts 
zu unterstreichen und nichts zu erklären. Die verschiedenen Stadien der 
Verliebtheit können nicht prägnanter geschildert werden. Allerdings wäre 
noch zu erklären, warum sich der Dichter gerade in ein „altes Möbel" 
verliebt hat, Man entdeckt diese Lust an alten Dingen immer an Menschen, 
die ihre Kindheit nicht überwunden haben. Sie kleben an der Vergangen- 
heit, sie versenken sich in die alten Dinge ihres Lebens. Sie bleiben ewige 
Kinder. Die Sammler sind alle Kinder, wie alle Kinder Sammler sind. 
Sie leiden an „psychosexuellem Infantilismus". Bei Kindern merken wir 
die Freude am Sammeln deutlich. Wer hätte in seiner Jugend nicht Steine, 
Muscheln, Käfer, Marken oder Münzen gesammelt? Wie wenige haben 
diesen Sammeltrieb ins reifere Leben mitgenommen. Diese Freude an der 
Mehrheit der Objekte wird bald durch die Lust am Monopol abgelöst. 
Man will ein Einziges, aber Wertvolles, das für das ganze Leben gehört. 
Es ist der uralte Kampf zwischen Polygamie und Monogamie. Dort die 
Vielehe, der Harem, hier die Einehe, die ewige Treue. Der Sammler ist 

2* 












20 



Die Impotenz des Mannes. 



ein Don Juan der Phantasie. Im Leben kann er Asket, kann er der 
treueste Ehemann sein. Er entschädigt sich durch seinen Harem. Er über- 
trägt seine polygamen Affekte auf unschuldige, harmlose Objekte. Das 
wird besonders beim bewußten erotischen Sammler, beim Fetischisten, 
deutlich. Er lebt keusch, er kann auf das Weib verzichten, wenn er nur 
seinen Fetisch zur Verfügung hat. Er sammelt zum Beispiel die Schuhe 
der Frauen, erlebt mit diesen Schuhen alle Ekstasen der Verliebtheit, er 
wird von heißen Gefühlen durchschauert, als ob es sich um wirkliches 
Leben und nicht um Spiel handeln würde. 

Die Analyse eines Sammlers ergibt eine merkwürdige Tatsache: Es 
ist eigentlich ein einziges Objekt, das er begehrt und nicht erreichen 
kann. Eine infantile Fixation äußert sich als ein unstillbarer Drang, viele 
Ersatzobjekte zu erwerben, von denen ihn kein einziges lange fesseln und 
befriedigen kann. Die Sehnsucht bleibt ewig ungestillt. So wird das Neue 
ein Symbol des Alten, das Wechselnde ein Ausdruck des Bleibenden, das 
Veränderliche ein Ausdruck des Unveränderlichen. Ewig bleibt nur der 
Impuls. 

Hier sehen wir ein deutliches Beispiel der Affektverschiebung, von 
der ich in diesem Buche noch viele Beispiele geben werde. Das Be- 
gehren, das ursprünglich rein erotisch war, verschiebt sich 
von dem einen Objekt auf ein Symbol. Alle Sammler sind sozu- 
sagen Opfer des „erotischen Symbolismus". Sie füttern ihren Liebeshunger 
mit duftigen Luftgestalten. Dieser Umstand bewirkt es auch, daß der 
Sammler nie zur Ruhe kommt. Er hört nicht auf zu sammeln. Verkauft er 
die Sammlung, so legt er eine zweite an; oder er verlegt sich aufs Tauschen, 
aufs Verbessern, aufs Umgestalten. Er sammelt bis zum Tode. Man wird 
verstehen, daß sich eben unter den Impotenten so viele Sammler finden. 
Der Sammler zeigt deutlich die dem „psychosexuellen Infantilismus" 
charakteristischen kriminellen Instinkte. Der Fetischist, der Schürzen 
Handschuhe, Stiefelchen sammelt - eine ausführliche Analyse dieser Zu- 
stände wird der siebente Band dieses Werkes enthalten -. wird zum Dieb, 
wenn er von seiner Leidenschaft ergriffen wird. In vielen Fällen kann 
man konstatieren, daß dem Sammler nur die widerrechtlich erworbenen 
Gegenstände Freude machen, ja, ihm die größte Freude machen. Bilder- 
sammler sind glücklich, wenn sie einen Trödler überlistet und ein wert- 
volles Bild tief unter seinem Werte erstanden haben. Sie scheuen unter 
Umständen nicht vor einem Verbrechen zurück. Hoffmann und Otto Ludidg 
haben uns in der Darstellung des Goldschmiedes im „Fräulein von Scuderi" 
ein sehr charakteristisches Beispiel von Sammelwut gegeben. Ein Gold- 
schmied sammelt seine eigenen Geschmeide. Er ist in seine Kunstwerke 
verhebt. Er erschlägt den Käufer bei irgend einer Gelegenheit, um sich 
wieder seiner „Kinder" zu bemächtigen. 



Beruf und Sexualität. 



21 



Das führt uns zu den Zusammenhängen von „Beruf und Kriminalität". 
Es ist nicht möglich, bei der Besprechung der verdrängten Regungen „Kri- 
minalität und Sexualität" zu trennen. Es wäre ganz verfehlt, wie es Krafft- 
Ebing und besonders Wuljfen gemacht haben, jede kriminelle Regung als 
Ausdruck des Sadismus, also als sexuell zu werten. In der Psychogenese 
der Impotenz spielt die Kriminalität zwar meistens als Sadismus eine 
große Rolle. Immerhin gibt es kriminelle Regungen — wie der Diebstahl — , 
welche nur gezwungenermaßen zum Sadismus hinzugezählt werden dürfen. 
Ein Don Juan kann unter Umständen ein sexueller Dieb sein. Frauen er- 
halten erst den Affektwert, wenn sie einem anderen gehören. Neben das 
Motiv der Homosexualität, das ich im IL Bande dieses Werkes bei der 
Psychanalyse des Don Juan ausführlich geschildert habe (IL Bd., S. 150 
bis 161), käme noch das Motiv des Diebstahls. Alle diese Motive sind 
erst durch die Psychanalyse aufgedeckt worden. 

Über den Wert der Psychanalyse gehen die Meinungen auseinander. 
Eines aber müssen selbst die Gegner zugeben: Die langdauernde, intime 
Beschäftigung mit dem Seelenleben eines Menschen verschafft dem Forscher 
Einblicke, die ihm bisher verschlossen waren. Man lernt mit Staunen die 
verborgene Innenwelt kennen; es tun sich Abgründe der Seele auf, die 
voll Ängstlichkeit und Scheu vor jedem Fremden und auch vor sich selbst 
überdeckt waren. Man würde es nicht glauben, wie mißtrauisch und zu- 
rückhaltend die Kranken im allgemeinen sind. Hat man schon einige 
Wochen mit ihnen gesprochen und ihr Vertrauen gewonnen, so fangen 
sie erst an, von ihren geheimen Leiden und Schmerzen zu erzählen. Doch 
manchmal dauert es Monate, bis die Selbsterkenntnis und die Erziehung 
zur Offenheit solche Fortschritte gemacht haben, daß man den ganzen Ab- 
grund einer parapathischen Psyche überblicken kann. Deshalb sind so viele 
Urteile über die Beteiligung der Sexualität bei der Entstehung der Para- 
pathien vorschnell abgegeben. Man darf den Kranken nicht alles glauben. 
In Sexualibus lügen fast alle Menschen. 

Jeder Parapathiker kämpft mit „verdrängten" kriminellen 
Gedanken. Er ist ein Verbrecher ohne den Mut zum Verbrechen. 

Meine Ansichten weichen nun von denen Freuds insoferne ab, als 
ich nach langjährigem Forschen auf diesem Gebiete zur Erkenntnis ge- 
kommen bin, daß ohne Beteiligung der Psyche überhaupt keine 
Parapathie zustande kommt; das heißt, jede Parapathie ist eine 
seelische Krankheit oder wenn ich die Terminologie der modernen französi- 
schen Schule anwenden soll, jede Parapathie ist für mich eine Psychasthenie 
und jede Psychasthenie geht auf einen seelischen Konflikt zurück. 1 ) Dieser 
seelische Konflikt hat seine Wurzeln entweder im Sexualleben oder im 



') Damit fällt für mich die Schranke zwischen Aktualparapathien und Psycho- 
parapathieD. Ich kenne also nur eine Psychoparapathie. 



22 Die Impotenz des Mannes. 

Kriminellen. Da mir das Kriminelle der weitere Begriff zu sein scheint, 
weil es ja alles Verbotene oder Sündhafte in sich faßt, so möchte ich 
mich für die Formel entscheiden: „Der Parapathiker erkrankt, weil 
sich seine psychische Energie im Kampfe zwischen dem Kri- 
minellen und den ethischen Hemmungsvorstellungen aufreibt." 
Diese Erkenntnis ist für mich keine neue. Schon in meiner Broschüre 
„Die Ursachen der Nervosität" 1 ), die 1907 erschien, habe ich einen Fall 
von Platzangst beschrieben, bei dem ich als Ursache der Krankheit das 
geheime Verlangen entdeckte, ein Verbrechen zu begehen. Es handelte 
sich um einen Kassier, der täglich mit Millionen zu rechnen hatte. Die 
Platzangst erwies sich als das psychische Äquivalent, oder sagen wir, als 
der symbolische Ausdruck für den Plan, mit einer großen Summe nach 
Amerika durchzugehen. Über meinen Rat gab der Patient den Posten eines 
Kassiers auf und ging zum buchhalterischen Fache über. Von diesem 
Tage an waren alle Angstvorstellungen mit einem Schlage beseitigt. 2 ) 

Fall Nr. 6. Ein Beamter erkrankt an Schlaflosigkeit, Unfähigkeit zur 
Arbeit, völliger Impotenz und schwerer psychischer Depression. Er hat eine 
ziemlich verantwortungsvolle Stellung, der er sich nicht mehr gewachsen fühlt. 
Infolgedessen quälen ihn Sorgen, er werde seinen Posten bald verlieren; seine 
Frau und sein einziges Kind würden dann brotlos sein usw. Es ist ihm un- 
möglich, einen Geschäftsbrief zu Ende zu schreiben, eine Kolonne Ziffern zu 
addieren. Daheim spricht er seit Wochen kein Wort, ist sehr mißgestimmt 
und brütet stundenlang vor sich hin; er ist sehr reizbar, gerät auf kleine 
Anlässe hin in Wut, läßt sich zu Tätlichkeiten gegen seine Frau hinreißen 
und ist dann reuig und weint ebenso übermäßig wie bei den geringsten anderen 
Anlässen. Ich will hier nicht den ganzen Hergang der Psychanalyse mitteilen. 
Sie währte nicht lange. In 14 Tagen kam ich auf den Grund der Krankheit. 
Die langjährige Beschäftigung mit solchen Kranken führt zu einer gewissen 
Technik des Durchschauens, die diesmal nicht einmal besonders schwer war. 
Der Mann hat eine Base geheiratet (die schon einige Jahre vorher seine Ge- 
liebte war), weil sie in die Hoffnung gekommen war. Er fühlte sich als Ehren- 
mann zu diesem Schritte verpflichtet. Das Mädchen war arm und brachte gar 
nichts in die Ehe mit als drückende Schulden für Einrichtung und Ausstattung- 
er ist ehrgeizig und trug sich immer mit Plänen herum, selbständig zu werden! 
Auf alle diese Pläne mußte er jetzt verzichten. Er hatte gleich nach der Hoch- 
zeit mit seiner Frau heftige Szenen, bei denen er sich sogar zu Tätlichkeiten 
hinreißen ließ. Seit drei Monaten leidet er an der schweren Depression, die 
ihn arbeitsunfähig macht. Auf den Grund seiner Depression brachte mich ein 
stereotyper Traum, der sich in der Zeit seiner Krankheit einige Male wieder- 
holte. Er träumte immer wieder, daß seine Frau und sein Kind mit Leucht- 
gas vergiftet waren; im Traume hatte er vergessen, den Gashahn zuzudrehen. 

•) Verlag Paul Knepler, Wien. 

') Auch bei den Dichtern spielt das Kriminelle eine große Rolle, wie ich in 
meinen Büchern „Dichtung und Neurose" (Grenzfragen des Nerven- und Seelen- 
lebens) „Die Träujme der Dichter", eine vergleichende Untersuchung der unbewußten 
Triebkräfte bei Dichtern, Neurotikern und Verbrechern" (beide Werke im Verlage von 
J. F. Bergmann, Wiesbaden) nachgewiesen habe. 



Beruf und Sexualität. 23 

Er wachte dann (im Traume) auf x ) und fand Frau und Kind bewußtlos 
röchelnd; darauf schrie er auf und erwachte nun wirklich mit Herzklopfen 
und einem schweren Depressionsgefühle. Es war nicht schwer zu erkennen, 
daß die kriminellen Gedanken des Mannes dahin gingen, sich durch eine Leucht- 
gasvergiftung von seiner Frau zu befreien. Sie hatten in der Wohnung gar 
kein Gas, aber wie seine Frau mir nachher erzahlte, hatte er sich schon 
monatelang mit der Idee getragen, Gas einzuleiten und mit ihr wiederholt 
das „Für und Wider" besprochen. Der Gedanke, auf diese Weise sich die 
verlorene Freiheit wiederzuerobern, war offenbar eine Zwangsvorstellung. (Solche 
Zwangsvorstellungen brechen häufig als stereotype Träume ins Bewußtsein.) 
Kurz, der Kranke gestand mir offen, daß er sich gedacht habe, wenn Frau 
und Kind sterben würden, wäre er ein freier Mann, er könnte seine Stellung, 
mit der er unzufrieden war, verändern. Dazu sollte ihm das Leuchtgas ver- 
helfen und als ich ihn darauf aufmerksam machte, daß er derartige kriminelle 
Phantasien hegen müsse, so gestand er mir nach einigem Zögern, daß er 
tatsächlich auch im Bewußtsein mit derartigen Phantasien sich beschäftigt und 
sich sehr energisch gegen sie zur Wehr gesetzt habe. Weitere kriminelle Phan- 
tasien dieses Mannes gingen dahin, seine Familie zu vergiften. Diese Phantasien 
waren jedoch nur blitzartig in seinem Bewußtsein aufgestiegen und vollkommen 
verdrängt worden. 2 ) Er war sich ihrer nicht mehr bewußt. Der Erfolg der 
Bewußtmachung dieser kriminellen Pläne war ein geradezu verblüffender. Er 
konnte wieder schlafen, arbeiten und die Reue über seine bösen Gedanken 
hatte auch insofern wohltätige Folgen, als sich sein Verhältnis zu seiner Familie 
vollständig änderte. Seine Geschlechtslust und Geschlechtskraft kehrten wieder. 
Er wurde zärtlich und aufmerksam; seiue Frau, die nach Wochen zu mir kam, 
um sich bei mir zu bedanken, versicherte, sie hätte nie geglaubt, daß eine 
solche Veränderung mit einem Menschen vor sich gehen könne. 

Hier war es die Aufdeckung der verschiedenen kriminellen Phan- 
tasien, von denen ich hier nur eine erwähnt habe, und die vollkommene 
Aussprache, welche einen so wunderbaren Erfolg zeitigten. Solcher Beispiele 
könnte ich noch viele anführen. Ja, ich habe schon gesagt, daß meiner 
Ansicht nach alle Parapathiker in gewissem Sinne Verbrecher ohne den 
Mut zum Verbrechen sind. 

Viel tiefer in das Problem der Parapathie führt uns eine andere Er- 
wägung. Alle Parapathiker zeigen einen merkwürdigen Typus, den ich als 
„psychischen Infantilismus" bezeichne. 3 ) Kindlich ist ihr Denken, kind- 
lich ihr Fühlen und kindlich ihr Handeln. Sie machen einen kindischen 
Eindruck. Es würde zu weit führen, wollte ich die Gründe dieses psy- 

J ) Die Erklärung des interessanten psychischen Phänomens, daß mau träumt, 
man sei erwacht, ebenso wie die Ausführungen über den sogenannteu „Traum im Traume" 
linden sich in meinem Werke „Die Sprache des Traumes". (J. F. Bergmann, Wies- 
baden und München, II. Aufl., 1922.) 

2 ) Der ursprüngliche verbrecherische Wunsch wird verdrängt und durch eine 
harmlosere Zwangsvorstellung oder einen Zweifel ersetzt. Hier war der Ersatz die schein- 
bar nicht bedeutsame Frage: Soll ich mir Gas einleiten oder nicht? (Näheres darüber 
in meiner Abhandlung „Zwangszustände, ihre psychischen Wurzeln und ihre 
Heilung") (Med. Klinik, 1910, Nr. 5—7). 

3 ) Ausführlich beschrieben in Bd. V: „Der psychosexuelle Infantilismus". 



24 Die Impotenz des Mannes. 

chischen Infantilismus hier ausführen. Jede Enttäuschung im Leben, jedes 
Mißgeschick, das den Parapathiker befällt, dient dazu, um ihn in eine 
glückliche Zeit zurückzuführen, da er noch nicht für seine Handlungen 
verantwortlich und von reicher Liebe umgeben war. Alle Parapathiker 
sehnen sich nach dem Paradies der Kindheit. 

Doch wie verträgt sich die oben aufgestellte Behauptung von der 
geheimen Kriminalität aller Parapathiker mit ihrem Infantilismus? Sollte 
man nicht a priori annehmen, daß die Kranken, da sie nun kindlich 
denken, auch immer rein und unschuldig denken müßten? Diese Annahme 
wäre freilich nur gerechtfertigt, wenn man das Kind als ein unbeschriebenes 
weißes Blatt Papier auffassen würde, etwa wie der Dichter, der den Aus- 
spruch getan: „Dies 5 Kind, kein Engel ist so rein". Nun haben gerade 
unsere Forschungen in bezug auf die Psyche des Kindes geradezu über- 
raschende Resultate ergeben. Freud konnte auf Grund seiner Erfahrungen 
angeben, daß das Kind „polymorph paraphil" sei. Ich kann den Säte 
dahin erweitern, daß ich die bekanntlich von vielen Seiten anfänglich mit 
Opposition und auch mit Entrüstung aufgenommene Behauptung aufstelle, 
das Kind sei auch „kriminell" *), und zwar im weitesten Sinne des Wortes' 

Es würde zu weit führen, wollte ich mein ganzes Material, das mir 
zur Verfügung steht, hier ausbreiten. Ich stehe ganz auf dem Standpunkte 
Lombrosos, für den das Kind einen Urtypus der Menschheit repräsentiert 
Das biognetische Grundgesetz Hacckeh hat auch für die Seele des Men- 
schen seine volle Berechtigung. Auch die Psyche des Menschen macht 
eine Entwicklung in aufsteigender Linie mit. Sie entwickelt sich vom Ur- 
menschen mit seinen verbrecherischen Urtrieben bis zu den hochstehen- 
den Kulturmenschen mit allen seinen ethischen Hemmungen und idealen 
Forderungen. Das Kind repräsentiert uns jene Stufe der Menschheit, da 
das Verbrechen noch nicht Verbrechen, sondern eine Form des Selbst- 
erhaltungstriebes war. 

Das Kind erweist sich mir in allen Psychanalysen als absolut 
egoistisch und voll von verbrecherischen Plänen. Einige kleine Beispiele 
mögen diese Ausführungen bestätigen. Jung teilt mit, daß ein vierjähriges 
Mädchen auf die Frage des Vaters, „Höre einmal, was würdest du sagen, 
wenn du heute Nacht ein Brüderchen bekämst?" die prompte Antwort 
gibt: „Dann würde ich es töten". Ich habe mir derartige Aussprüche 
wiederholt berichten lassen. So erzählte mir ein Patient, sein dreijähriger 
Neffe habe seinen eben geborenen Bruder bedroht und kategorisch erklärt, 
er wolle ihm den Kopf abhacken. Derartige Aussprüche werden von 

) Das Kind ist natürlich nur in der Perspektive des Kulturmenschen paraphil 
und kriminell. Es ist weder das eine noch das andere, da wir ja unter Paraphilie 
und Kriminalität Abweichungen vom normalen Kanon verstehen. Das Kind fühlt und 
denkt wie ein Erwachsener, wenn er paraphil und kriminell ist. 



Beruf und Sexualität. 25 

Stadehnunn 1 ) als Kinderfehler und als Disposition zur Epilepsie aufgefaßt. 
Ich kann diese Angaben nicht bestätigen. Vieles von dem, was wir Epi- 
lepsie nennen, ist nur Hysterie, wie ich im ersten Bande der Störungen 
im Kapitel „Die psychische Behandlung der Epilepsie" ausgeführt habe. 

Alle diese Pseudoepileptiker kranken an schweren kriminellen Im- 
pulsen, die sich dann im Anfalle austoben. Der pseudo-epileptische Anfall 
ist ein Surrogat des Verbrechens. Die Kriminalität der Epileptiker, sowohl 
der echten als auch der Pseudoepileptiker, ist ja längst bekannt und es 
würde zu weit führen, hier auf dieses Thema des näheren einzugehen. 
Was die starke Kriminalität des Kindes betrifft, die so offen als Grau- 
samkeit durchbricht, so ist sie sicherlich im Sinne von Stadelmann-) als 
Vorbote einer Parapathie aufzufassen. Je stärker die kriminellen Instinkte 
durchbrechen, desto größere Verdrängungsarbeit muß dann geleistet werden, 
desto mehr Wälle gegen diese kriminellen Instinkte müssen aufgebaut 
werden. Viele, ja vielleicht die meisten parapathischen Symptome 
sind nur Schutzmaßregeln gegen die kriminellen Triebe. Der 
erwähnte an Platzangst leidende Kassier schützte sich durch diese Angst 
vor der Defraudation. Denn wie kann ein Mensch nach Amerika durch- 
gehen, der nicht einmal einen freien Platz überschreiten kann? 

Doch gehen wir zum Kinde zurück. Außer den schon erwähnten 
blutigen Aggressionsabsichten (Mord durch scharfe Instrumente) gegen die 
Geschwister zeigt das Kind auch eine Menge anderer Phantasien. Auch 
das Vergiften spielt eine große Rolle im Phantasieleben des Kindes. Viel 
mehr, als wir es, in den alten Anschauungen befangen, glauben würden. 
Ich erwähne nur folgenden Fall: Ein 28 jähriger, an Zwangsparapathie 
leidender Chemiker teilte mir mit, daß er als kleines Kind von seiner 
Mutter gewarnt wurde, Kupferkreuzer in den Mund zu nehmen, da sie 
giftig wären; er könnte sich mit „Grünspan" vergiften. Dieser Chemiker 
hatte, als er 6 Jahre alt war, vier Geschwister, die er deshalb haßte, 
weil sein Zärtlichkeitsbedürfnis ein unendlich großes war, und weil er 
sich darüber kränkte, diese Zärtlichkeiten wie auch die verschiedenen 
Leckerbissen und Geschenke mit seinen Geschwistern teilen zu müssen. 
Er warf nun (im Alter von 6 Jahren!) einen Kupferkreuzer in die Milch- 

») Kinderfehler in Schule und Haus als Frühzeichen der konstitutionellen Epilepsie 
(Med. Klinik, 1910, Nr. 52). 

J ) Stadelmann berichtet von einem fünfjährigen Jungen, der Enten mit Wollust 
zertrampelte. Dieser kleine Sadist stach Hunden, Katzen, Pferden die Augen aus und 
zerdrückte Goldfische im Aquarium. Ein zehnjähriger Knabe erwürgte eine Ziege und 
weidete sich an den Qualen. Auch die Freude am Obszönen wird von diesem Autor 
zur Frühdiagnose der „konstitutionellen" Epilepsie verwendet. Dem hysterischen Kinde 
wird wohl eine grausame Phantasie, aber keine Aggression zugeschrieben. Nach meinen 
Erfahrungen zeigt sich hier nur der Unterschied zwischen Tatmenschen und Phantasie- 
menschen. Der Verbrecher ist der Tatmensch. Der Parapathiker ist ein Verbrecher mit 
Hemmungen, daher ein Phantasiemensch. 



4fe Die Impotenz des Mannes. 

kanne mit der offenen Absicht, seine Geschwister zu vergiften. Kurz 
nachdem er dies getan hatte, empfand er fürchterliche Angst; denn er 
hatte sich geweigert, von der vergifteten Milch zu trinken und fürchtete 
nun, daß man in der Küche den Kreuzer finden werde und so seine 
grause Tat der Mutter bekannt werden würde. „Nicht eine Sekunde 
lang", gesteht er, „habe ich Reue gehabt oder mich gefürchtet, die 
Geschwister könnten Schaden leiden. Im Gegenteil, das habe ich ja 
herbeigewünscht'-'. (Ist es nicht sonderbar, daß dieser Mensch dann ein 
Chemiker wurde, der immer mit Giften zu tun hat?) 

Außer mit Vergiftungsideen beschäftigen sich die Kinder auch gerne 
mit den Vorstellungen des Erschießens. Ich glaube, die bekannten For- 
schungen von Groos über „die Spiele der Kinder" bedürfen einer Erwei- 
terung durch die Erfahrungen der Psychanalyse. Vielen Spielen der 
Kinder liegen kriminelle Phantasien zugrunde. Die Kinder spielen Soldaten, 
weil ihnen Uniform, Säbel und Gewehr große Freude machen; aber 
sie spielen auch, weil der Soldat eine Mordwaffe trägt und 
erschießen kann.«) Man bedenke, daß das Kind sich in der Welt der 
Großen bedrückt und unterdrückt fühlt. Seinem egoistischen Willen stehen 
die erziehenden Kräfte gegenüber. Wie kann es sich gegen die mächtigen 
Gegner wehren? Dazu dient außer der erwähnten Giftphantasie auch die 
Phantasie des Erschießens. Ich weiß wohl, daß das Kind seine Umgebung 
liebt, aber es liebt nur aus egoistischen Motiven. Wer sich seinem Egoismus 
entgegensetzt, ist sein Feind. Und Erzieher müssen sich über den Willen 
des Kindes hinwegsetzen können, wenn sie aus dem kleinen Urmenschen 
einen hochwertigen Kulturmenschen schaffen wolleu. Alle Erziehung scheint 
nur ein Problem zu sein: Haß in Liebe umzuwandeln. Das ist die, sagen 
wir, naturgemäße, kulturelle Aufgabe der Kinderliebe: das Kind muß 
lernen, seinen Willen aus Liebe zu ändern, zu unterdrücken. Deshalb ist 
jede Erziehung durch die Furcht verkehrt. Alle diese Eingriffe in seine 
Wünsche und Begierden betrachtet das Kind als störend und reagiert 
darauf mit kriminellen Phantasien. Diese kriminellen Phantasien können 
aktiver oder passiver Natur sein. Die passiven Phantasien betreffen die 
großen Einwirkungen von außen (Krankheit, Blitzschlag, überfahren usw.). 
Alle diese Phantasien (z. B. der Bruder sollte überfahren werden, das Haus 
des Lehrers solle abbrennen usw.) spielen eine große Rolle und werden 
dann bei dem Aufbau parapathischer Symptome in Angst verwandelt. Zu 
den aktiven kriminellen Phantasien gehört das Soldatenspiel. Wie häufig 
sieh^man Kinder ihr Holzgewehr erheben und scherzhaft sagen, jetzt 

*) Ich beobachtete ein Kind, das mit einem Spielgewehre im Zimmer herumging 
und jedem zurief: Ich schieße dich tot! Auch dem Vater sagte das Kind dieselbe 
Drohung. (Vor einiger Zeit erschoß ein Gjähriger Knabe in Italien seinen 3jährigen 
Bruder aus Eifersucht! Gefragt, ob es ein Zufall gewesen, betonte der Knabe hart- 
näckig, daß er den Bruder aus Haß töten wollte.) 



Beruf und Sexualität. 27 

schieß ich dich nieder, oder ähnliches. Wir sollten diese Äußerungen etwas 
ernster auffassen und uns überhaupt noch intensiver, als es bisher geschehen, 
mit der Erforschung der Kinderpsyche beschäftigen. Hier ruht die Lösung 
vieler Rätsel. In der Psychogenese der Impotenz kommt der latenten 
Kriminalität eine große Bedeutung zu. 

Noch größeren Widerspruch dürfte ich finden, wenn ich die Be- 
hauptung aufstelle, auch die anderen Spiele der Kinder, und zwar die 
beliebtesten, harmlosen Spiele zeigen eine deutliche kriminelle Färbung. 
Das Kind spielt Eisenbahn, weil die Freude an jeder Bewegung dem 
Kindesalter eigen ist. Gewiß! Aber die Eisenbahn ist auch ein Mord- 
instrument, sie kann auch ,. überfahren <: . Dafür könnte ich viele Beispiele 
bringen. Ein 5j ähriger Junge schreit sein Kindermädchen an: „Gehen 
Sie aus dem Weg, sonst werde ich Sie überfahren!" Später erzählt er 
dem Vater triumphierend: „Heute habe ich die Anna überfahren, sie ist 
in der Mitte ganz entzwei und mausetot". 

Auch die Feuerwehrspiele hängen mit der Phantasie des Brand- 
stiftens zusammen. Daß Kinder gerne zündeln, ist ja von jeher bekannt 
und ich sage da wohl nichts Neues, wenn ich besonders betone, daß bei 
rätselhaften Brandstiftungen immer danach zu fahnden ist, o;b 
nicht ein Kind den Brand gelegt habe, 1 ) Unendlich häufig kann 
man diese Phantasien bei Kindern beobachten, welche sich dann in para- 
pathischer Verzerrung als Angst vor dem Verbrennen äußern. 2 ) Alle diese 
kriminellen Phantasien beschäftigen uns in dieser Form der Umkehrung. 
Ein Parapathiker klagt über Angst vor Infektionen und Vergiftung; die 
Analyse ergibt, daß er sich in seiner Kindheit lebhaft mit Vergiftungs- 
ideen beschäftigt hat. Ein anderer hat eine entsetzliche Gewitterangst; 
er hat als Knabe den verbrecherischen Wunsch gehabt, ein Blitzschlag 
möge seinen allzustrengen Vater treffen. Ein dritter kann keine spitzen 
Gegenstände sehen; die Analyse weist nach, daß er verschiedene Mord- 
ideen mit Messern und Stricknadeln gehabt hat. Ein vierter wollte seinen 
Vater aus Sexualneid entmannen; er kastriert sich dann selbst und wird 
ein Impotenter. Viele Impotente wollten in der Kindheit andere ihrer 
Potenz berauben. So rächen sich nach dem Prinzip der Talion die krimi- 
nellen Phantasien; die Angst wird dann in den Dienst der Hemmung 
gegen diese Phantasien gestellt. Sie ist zugleich Schutz und Strafe. 

Nach diesen notwendigen Ausführungen will ich auf mein engeres 
Thema, Berufswahl und Kriminalität, eingehen. Ich will jene Fälle von 
Berufswahl ausschalten, bei denen der Betreffende seinen Beruf nicht 
freiwillig ergriffen hat. Denn wir werden immer eine große Mehrzahl von 

») Vgl. Bd. VI das Kapitel „Pyromanie". 

-) Ein Kind aus meiner Beobachtung schrie in den Anfällen von „Pavor uocturnus'- : 
„Ich verbrenne!" Bei Tage phantasierte es immer vom Feuer und zündete gerne Papier 
an, wenn es allein war. 



28 Die Impotenz des Mannes. 

Mensehen finden, die zu ihrem Berufe teils durch die Verhältnisse, teils 
durch ihre Erzieher bestimmt wurden. Meine Ausführungen gelten nur für 
diese Fälle, wo der Beruf frei gewühlt wird. Aber auch Menschen, denen 
ein Beruf aufgezwungen wurde, lassen sich unschwer in die zweite Kate- 
gorie einreihen, wenn man an sie die Frage richtet: Für welchen Beruf 
hatten und haben Sie die größte Vorliebe? Dann pflegen wir zu erfahren, 
daß der Betreffende gerne diesen oder jenen Beruf ergriffen hätte, wenn 
ihm die Möglichkeit dazu geboten worden wäre. Darauf wollen wir noch 
zurückkommen. Ich möchte nun darauf hinweisen, daß wir fünf Formen 
der Berufswahl festsetzen können. 

Erstens: Die Identifizierung mit dem Vater. Sie ist ziemlich häufig. 
Zum Beispiel: Der Sohn eines Arztes will auch Arzt werden, weil er den 
Vater bewundert und liebt. „Lieben heißt", sagt Hebbel, „in dem anderen 
sich selbst erobern". Liebe ist ein Identifizierungsprozeß. Doch manchmal 
pflegt auch diese Identifizierung von der Gegenströmung begleitet zu 
sein, es weiter zu bringen als der Vater. 

Viel interessanter ist die zweite Gruppe der Berufswahl, die Diffe- 
renzierung vom Vater. Sie erklärt uns eine Menge sonderbarer Erschei- 
nungen. Es zeigt sich bei den Kindern die Tendenz, einen dem Berufe 
des Vaters entgegengesetzten Beruf zu ergreifen. So kann man speziell 
sehr häufig die Beobachtung machen, daß Söhne von Kaufleuten, also 
von Menschen, die einen recht materialistischen Beruf haben, sich einem 
mehr idealistischen Berufe zuwenden. Sie werden Dichter, Maler oder 
Philosophen. Trockene, pedantische Väter haben, wie ich in meinem 
Buche „Dichtung und Neurose" nachgewiesen habe, sehr häufig Künstler 
zu Söhnen. Auch auf politischem Gebiete zeigt sich dieselbe Erscheinung. 
Die Söhne wählen sich eine Partei, die der des Vaters entgegengesetzt 
ist. Ist der Vater konservativ, so werden sie Liberale. Ist der Vater ein 
Sozialdemokrat, so werden sie Konservative. Meiner Ansicht nach beruht 
der periodische Wechsel in den politischen Anschauungen eines Volkes 
(Wighs und Torys!) zum großen Teil auf solchen Differenzierungspro- 
zessen zwischen Vätern und Söhnen. Diese beiden ersten Formen zeigen 
zur Kriminalität keine besonderen Beziehungen, aber sie haben intime 
Beziehungen zur sexuellen Einstellung. Die meisten Söhne sind an den 
Vater erotisch fixiert und reagieren mit Gehorsam oder Trotz, mit Iden- 
tifizierung oder Differenzierung, mit Liebe oder mit Haß. 

Die dritte Gruppe, die ich nun besprechen werde, führt uns zu 
unserem engeren Thema zurück. Sie drückt den Versuch aus, die eroti- 
schen und kriminellen Triebe zu sublimieren; das heißt, die kultur- 
feindlichen Triebe werden unterjocht und in den Dienst der Kultur ge- 
stellt. (Wie ein ungestümer, zerstörender Wildbach, der eingedämmt wird 
und dann ein großes Elektrizitätswerk treibt.) Das einfachste Beispiel für 






Beruf und Sexualität. 29 

diese Sublimierung krimineller Triebe ist der Chirurg. Der Chirurg ist 
sicherlich häufig von Haus aus ein Sadist, der in blutrünstigen Phantasien 
geschwelgt hat. Dieser Sadismus wird dann dazu verwendet, die Mühlen 
der Humanität zu treiben. So kenne ich einen Nasenarzt, der mir ver- 
sichert, daß er das größte Lustgefühl dabei empfindet, wenn ihm bei einer 
Operation in der Nase das Blut über die Hand fließt. Ein Operateur er- 
zählte mir, daß er als Knabe in blutrünstigen Phantasien geschwelgt habe. 
Und mancher infantile „Jack the ripper" mag dann ein Gynäkologe ge- 
worden sein, der Tag und Nacht für das Wohl der Menschheit tätig ist. 
Diese Umwandlung in das Gegenteil ist uns Psychanalytikern wohlbekannt. 
Mit Staunen merkt man immer, daß Menschen, die als Philanthropen 
bekannt sind, in der Analyse sich als arge Sadisten entpuppen. In ähn- 
lichem Sinne wird aus dem Brandstifter ein freiwilliger Feuerwehrmann 
oder gar ein Mensch, der sich mit Erfindungen beschäftigt, wie man rasch 
ein Feuer löschen könne. Ich verweise auf meinen Chemiker, der in seiner 
Jugend ausgesprochene Vergiftungsphantasien hatte. Auch Apotheker 
scheinen mir dieser Kategorie nicht fern zu sein. Aus verbrecherischen 
Kindern werden häufig Schutzleute, Gendarmen usw. 

Am wichtigsten scheint mir die vierte Gruppe zu sein, bei der der 
Beruf zum Schutze gegen unbewußte Tendenzen gewählt wird. Dafür könnte 
ich die meisten Beispiele erbringen. Die größte Überraschung erlebte ich, 
als ich einmal einen Detektiv zu analysieren Gelegenheit hatte. Es zeigte 
sich, daß er ein ausgesprochener Krimineller war und daß ihm das eminente 
Verständnis der Verbrecher durch ähnliche Tendenzen aus seinem Inneren 
erwuchs. Besonders auffallend war es mir immer, daß ich unter Advokaten 
und Richtern so viele Fälle von Zwangsparapathie gefunden habe. Speziell 
die Zwangsparapathie ist sehr geeignet, den Zusammenhang zwischen Kri- 
minalität und Parapathie nachzuweisen. Alle Zwangsparapathiker beschäftigen 
sich lebhaft mit kriminellen Phantasien. Ihre Zwangshandlungen enthalten 
gewöhnlich die sogenannte „To des k lausei"; das heißt, ihre Zwangs- 
vorstellung lautet : „Wenn ich das oder jenes nicht mache, wird der oder 
jener sterben". Die Zwangsparapathie bildet ein sinnreiches System von 
Sicherungen gegen die kriminellen Instinkte. 

Fall Nr. 7. Em Untersuchungsrichter klagt schon seit einigen Jahren 
darüber, daß er für alles, was nicht sein Fach betrifft, das Interesse verloren 
habe. Er liest nur juristische Bücher, geht in kein Theater, liest in der Zeitung 
nur das, was ihn für seinen Beruf interessiert; er verliert auch das Interesse 
für seine Familie. Sein Geschlechtstrieb scheint ganz erloschen zu sein. Er fühlt 
sich als Impotenter. Allmählich treten Zwangshandlungen und Zweifel auf. Nach 
einem Verhör mit einem Beschuldigten legt er sich die Frage vor: Bist du 
auch gerecht vorgegangen? Hast du dem Betreffenden keine Suggestivfrage 
gegeben ? Solche Zweifel quälen ihn viele Tage lang. Er ist übertrieben pein- 
lich, gewissenhaft in seinem Amte und studiert mit minutiöser Genauigkeit 
alle Entscheidungen des Obersten Gerichtshofes. Er spricht nie mit einem 



30 



Die Impotenz des Mannes. 



Zeugen allein, aus Angst, man könnte ihn verdächtigen, er habe sich beein- 
flussen lassen. Jedoch die Psychanalyse ergibt noch weitere Sicherungstendenzen. 
Es ist ihm peinlich, wenn er bei einer Reise mit einem zweiten Menschen allein 
in einem Kupee ist. Gerade er als Richter hat ja Gelegenheit, zu beobachten, 
wie leicht man unschuldig in den Verdacht kommen kann, jemanden bestohlen. 
beraubt oder sogar ermordet zu haben. Er verläßt ein Kupee, in dem er nur 
mit einem Zweiten allein ist. Das sind nur einige grobe Züge aus dem 
Krankheitsbilde. Die tiefere Erforschung deckt die Wurzeln auf. Es sind 
außerordentlich starke kriminelle Impulse , die gerade in den letzten Jahren 
aus persönlichen Motiven eine Wiederbelebung erfahren haben. Er war durch 
das gewissenlose Vorgeben eines Verwandten um eine Erbschaft gebracht 
worden, auf die er sich sichere Hoffnungen gemacht hatte. Rachephantasien 
gegen diesen Verwandten spielten eine Zeitlang eine Rolle in seinem Geistes- 
leben, bis sie vom Bewußtsein abgedrängt wurden und sich dann die schweren 
zwangsparapathischen Symptome ausbildeten. Dieses jüngste Erlebnis war nur der 
letzte Stein eines ganzen Gebäudes. Denn eine Zwangsparapathie reicht bis in 
die frühe Kindheit zurück und verrät ihre tiefsten Wurzeln in einem immer- 
während wirkenden quälenden Schuldbewußtsein wegen der kriminellen Phan- 
tasien der Kindheit. Dieser Kranke hatte das Studium der Rechtswissenschaft 
freiwillig ergriffen, um sich durch die Kenntnis des Rechtes vor seinen Ab- 
wegen zu schützen. 

Man mißverstehe mich nicht! Ich will keineswegs behaupten, daß 
dies immer der Fall ist. Die Freude an der Rechtssprechung und am Rechts- 
studium kann auch der siegreichen Überwindung, also der gelungenen 
Sublimierung der infantilen kriminellen Epoche entspringen. Sie kann eine 
positive Freude am Kulturfortschritt der Menschheit sein. Aber in vielen 
von mir beobachteten Fällen fand ich den soeben geschilderten seelischen 
Mechanismus der persönlichen Sicherung gegen das Kriminelle. Ich möchte 
noch eine Erkenntnis hinzufügen. Alle Parapathiker sind — wie ich später 
ausführlich beweisen werde — eigentlich im Innern fromme Menschen. 
Sie geben sich manchmal als Ungläubige. Sie haben den Glauben nur 
scheinbar im Intellekte überwunden. Mit dem Affekte stecken sie noch 
tief im alten Kinderglauben. Ihr Glaube verrät sich dem Kundigen als 
Aberglaube, Mystizismus, Spiritismus, Theosophie, Buddhismus usw. Aus 
diesem Glauben entspringt das tiefe Schuldbewußtsein, das die treibende 
Kraft aller Parapathien darstellt. Ihre Angst ist Angst vor der Vergeltung, 
also vor der Strafe Gottes. 

Die fünfte Gruppe bilden jene Menschen, welche aus einem ihnen 
meist unbewußten sexuellen Motiv einen Beruf ergriffen haben. Hierher 
gehören auch viele Individuen, die ich in der dritten Gruppe geschildert 
habe, da ja Kriminalität und Sadismus die engsten Zusammenhänge zeigen 
und die Grenze oft nicht zu finden ist, wo die Kriminalität in den Sadismus 
übergeht und umgekehrt. Ich schalte aber bei Besprechung dieser fünften 
Gruppe die Fälle aus, welche dem unbewußten Sadismus zuzuzählen sind. 

Der sexuelle Geschmack richtet sich nach den eigenen erogenen 
Zonen. Die sogenannte Teilanziehung, der kleine Fetischismus, hält sich 



Beruf und Sexualität. gj 

an dieses Gesetz. Ist einer Fußfetischist, so wird auch sein eigener Fuß 
eine erogene Zone sein. 

Fußfetischisten werden Schuster, betreiben Pedicure, werden Hühner- 
augenoperateure. Handfetischisten werden Handschuhmacher, betreiben 
Manicure, werden als Maler den Händen besondere Beachtung schenken. 

Fall Nr. 8. Ich behandelte einen Handschuhmacher, der mir gestand, 
daß ihn nur schöne, kleine Händchen reizen können. Ein Handkuß löste bei 
ihm den Orgasmus aus, während er auf den Koitus gerne verzichtete. Seine 
Ehe zeigte ein sonderbares Sexualleben. Er konnte den Koitus sehr selten, 
bloß einige Male im Jahre, vollziehen. Aber er trieb einen Kultus mit den 
Händen seiner Frau, nannte die rechte Fritzi und die linke Mizzi. Seine erste 
Frage, wenn er ins Haus trat, war: „Was macht das Fritzerl ? Was macht mein 
süßes Mizzerl ?" Dann sprach er mit den Händen in der Kindersprache, streichelte 
sie, küßte sie sehr lange, bis es zu Detumeszenz und Orgasmus kam. Er erlaubte 
seiner Frau keine schwere Arbeit, sie mußte alles in Handschuhen verrichten. 

Es ist bekannt, daß Masseure und Badediener sehr häufig Homo- 
sexuelle sind. Sie drängen sich zu dem Berufe, der es ihnen ermöglicht, 
viele nackte Männer zu sehen. Viele sind nur latenthomosexuell und geben 
sich über die Wurzeln ihrer Berufsfreude keine Rechenschaft. Auch unter 
Kellnern gibt es sehr viele Homosexuelle und Masochisten. Die Freude 
am Dienen verrät immer die sich im „Willen zur Unterwerfung" aus- 
drückende masocbistische Komponente. Unter den guten, berufsfreudigen 
anhänglichen Dienern findet man häufig Masochisten. (Es entspricht der 
Bipolarität, daß sich auch der Sadismus in kleinen Zügen geltend macht.) 
Diener, die ihren Herren leidenschaftlich ergeben sind, stehen unter der 
Herrschaft eines unbewußt mann-männlichen Triebes. Natürlich kommt 
es auch zu ausgesprochenen Verhältnissen und mancher Diener ist der 
Lustknabe seines Herrn und bleibt es auch nach seiner Verheiratung, wie 
mir mehrere Beispiele meiner Erfahrung bestätigen. 

Sehr deutlich läßt sich am ärztlichen Berufe die Beziehung zwischen 
Sexualität und Berufswahl erkennen. Ein achtjähriger Knabe, der wegen 
Stottern in meiner Behandlung stand, meinte einmal: „Ich werde nur ein 
Doktor! Auf meine Frage, warum er gerade ein Doktor werden wolle, 
meinte er: „Da kann man alle Leute nackt sehen! Ich werde alle Milderl 
und Buben ausziehen lassen." Naturgemäß sieht man unter den Ärzten 
viele Voyeurs, die ihre ursprüngliche sexuelle Neugierde in die Kunst der 
Diagnostik umgewandelt haben. Ein Nasenspezialist erzählte mir, daß er 
seit seiner Kindheit für schöne Nasen geschwärmt habe. Daß es unter 
den Nervenärzten fast lauter Parapathiker gibt, ist eine alte Erfahrung. 
Chirurgen — wie schon erwähnt — sind ursprünglich Sadisten, die ihren 
Sadismus in den Dienst der Menschheit gestellt haben, wie die Selcher 
und Fleischer. Zahnärzte weisen eine verstärkte Munderotik auf. 

Fall Nr. 9. Ich hatte einen 52jährigen Arzt wegen einer Angstparapathie 
zu behandeln, der sich als ein ausgesprochener „Analerotiker" entpuppte. Er 



32 Die Impotenz des Mannes. 

zeigte die von Freud angegebene Trias der Symptome Trotz, Geiz und 
Ordnungsliebe. Die Analyse ergab einen merkwürdigen Zusammenhang von 
Trotz und Analerotik, der Freud offenbar entgangen ist. Mein Patient führt« 
immer die Redensart aus dem Götz von Berlichingen im Munde, behauptete 
von jedem „er kann mich gerne haben". Man achte immer auf die Sprache 
der Kranken. Sie verraten ihre Komplexe unwillkürlich. Ein Sadist wird immer 
von beißendem Witz, von schneidigen Kerlen, von Mordsgeschichten und blutigen 
Anfängern sprechen. Bei meinem Kranken stellte sich heraus, daß er an einer 
ihm jetzt nicht bewußten Paraphilie dem Anilingus litt. Fühlte er eine Zu- 
neigung zu einem Manne, so hatte er den Drang, an ihm den Anilingus zu voll- 
ziehen. Er wollte ihm zeigen, daß er ihn wirklich gern haben könne. Offenbar 
war diese Art der Liebkosung einmal der Beweis der höchsten Liebe gewesen. 
Der Wille zur Unterwerfung drückt sich in diesem Akte am deutlichsten aus. l ) 

Interessant ist, daß der Kollege sich am liebsten mit den Krankheiten des 
Anns beschäftigte, sehr gerne Hämorrhoiden und Fissuren operierte. Er selbst 
erkrankte zweimal an Periproktitis und starb an einem Rektumkarzinom. 2 ) 

In der Berufswahl drücken sich mitunter auch die sexuellen Abwei- 
chungen aus. 

Ein Mann konsultierte mich wegen seiner unüberwindlichen Leiden- 
schaft für Kinder. Er hatte sich ein Schulrequisitengeschiift in der Nähe einer 
Schule errichtet, was ihm ermöglichte, fortwährend mit Kindern umzugehen. 

Bekannt ist ja, daß die Beschäftigung mit der dem entgegengesetzten 
Geschlechte eigenen Berufsart ein Zeichen von Homosexualität sein kann. 
Ich erwähne aus meinen Erfahrungen einige Damenschneider, einen Mann, 
der ein Modistengeschäft (Damenhüte) mit großem Erfolg führt, Köche, 
den Inhaber eines Stickereigeschäftes, der selbst glänzend sticken kann. 

In vielen Fällen gelingt es, die paraphilen Regungen zu sublimieren. 
Oft aber bleiben beide Komponenten erhalten, wie die nächsten Beob- 
achtungen erweisen. 

Fall Nr. 10. Ein Parfümfabrikant, der sich für seinen Beruf sehr inter- 
essiert und als ein Meister seines Faches gilt, leidet an Mysophilie. Er sucht 
mit Vorliebe Anstandsorte auf, wenn unmittelbar vor ihm ein anderer Mann 

1 ) Im bekannten Romane von Claude Tillier „Mein Onkel Benjamin" gipfelt der 
Streit zwischen dem Arzte und dem Gutsherrn in zwei Anilingusszenen. 

2 ) Merkwürdiger ist noch, daß sein Name Beziehungen zur Analerotik zeigte, 
er hieß ähnlich wie Hinterberger oder Hinterstosser .... Das führt uns auf 
die Beziehungen zwischen Namen und Beruf. Ich habe diese Erscheinung „die Ver- 
pflichtung des Namens" genannt. Zeitschrift für Psychotherapie und med. Psychologie, 
Bd. III, Heft 2, 19H. Zum Sexualleben zeigen die Namen die merkwürdigsten Be- 
ziehungen. Ich kann leider aus Gründen der Diskretion mein schönstes Material nicht 
mitteilen. Aber ich fand Sadisten, die Schneider, Stecher, Bohrer, Fleischer, 
Metzger, Hacker, Klopfer, Schlager hießen, und Masochisten, die sich Diener, 
Untersberger, Freundlich, Dulder, Trager und Träger nannten. Abraham, 
der meine Untersuchungen bestätigt hat, hat diese Erscheinung die „Determinierende 
Kraft des Namens" genannt; auch Herbert Silberer hat sehr schöne Beispiele für die 
Zusammenhänge zwischen Beruf und Namen veröffentlicht. 






Beruf und Sexualität. 33 

den Abort benützt hat. Der Duft des fremden Stuhles erzeugt starke libidinöse 
Regungen, mitunter Erektionen, welche zu Onanie und Orgasmus führen. 

Fall Nr. 11. Ein an Urolagnie leidender 3 5 jähriger Mann ist Chemiker, 
der sich hauptsächlich mit Stuhl- und Harnanalysen beschäftigt. Er trinkt den 
Urin der geliebten Frauen, eine Paraphilie, gegen die er seit Jahren heftig 
ankämpft und der er immer wieder erliegt. Es ist ihm schon vorgekommen, 
daß er zur Untersuchung übersandten Urin gekostet hat, wenn er vermuten 
konnte, daß es sich um den Urin eines Mädchens handelte. Vor dem Urin alter 
Frauen hat er einen heftigen Ekel. Menstrualblut im Urin steigert die Libido. 

Fall Nr. 12. Bekanntlich besteht in Russisch-Polen und Galizien die Sitte, 
daß der Beschneider, welcher die rituelle Zirkumzision vornimmt, das blutende 
Glied in den Mund nimmt und das Blut aussaugt, bis die Blutung still steht. (Ich 
habe sogar hier in Wien als praktischer Arzt einmal drei Fälle von Lues bei 
Säuglingen gesehen, welche durch einen luetischen Beschneider [Moiel] über- 
tragen wurden. Jetzt wird die Zirkumzision meistens von Ärzten ausgeführt.) 
Ich behandelte einen Kantor, der zugleich das Amt eines Beschneiders in einer 
kleinen Gemeinde in Nordungarn versah. In der Analyse entpuppte er sich 
als ein Mann mit kannibalischen Instinkten. Er stellte den nicht seltenen Typus 
des parapathischen Vampyrs dar, den ich in dem Bande über Sadismus eingehend 
beschreiben werde. Er gestand mir, daß ihm das Beschneiden die größte Freude 
bereitet und daß es beim Aussaugen des Blutes schon öfters zur Ejakulation 
gekommen ist. 

• Diese Beispiele mögen genügen. Jedermann kann in seiner Umgebung 
bei genauen Nachforschungen genügend Bestätigungen finden. 

Alle diese Beispiele beweisen mir nur, was wir durch unsere ana- 
lytischen Kenntnisse und durch die Erfahrungen des Lebens gelernt haben: 
Jeder Mensch ist vom Scheitel bis zur Zehe von seiner Sexua- 
lität durchsetzt. Er kann keine Bewegung machen, keinen Satz aus- 
sprechen, keine Geste vollziehen, die nicht ein seelischer Verrat wären. 
In der Schrift, im Gange, im Wesen, in der Haltung, im Blick, im ganzen 
Gehaben drückt sich unbewußt der sexuelle Mensch aus. Und besonders 
der „unterdrückte" sexuelle Mensch. Hatten wir die Gabe, aus diesen kleinen 
Zeichen die entsprechenden Schlüsse zu ziehen, hätten wir diese erotische 
„Sprache ohne Worte" (Klcinpaul) schon ganz enträtselt, die Menschen 
würden seelisch nackt vor uns dastehen. 1 ) Es ist daher nicht zu wundern, 
daß die Beziehungen zwischen Beruf und Sexualität so enge sind. Ich habe von 
dem Reichtum dieser Beziehungen nur einige Andeutungen geben können, 
soweit sie zum Verständnis meiner späteren Ausführungen notwendig sind. 

Man hat sich gewohnt, zwischen Potenz und Beruf Beziehungen heraus- 
zufinden, die nicht existieren, wie die Ausführungen des nächsten Kapitels 
klarlegen werden. Ich kann nur konstatieren, daß sich unter den Kritikern 
sehr viele Impotente finden. Schaffende Geister sind auch potente Männer, 



') Ich habe es bei einiger Übung gelernt, aus der Schrift die individuellen hiebes- 
bedingungen ebenso wie die paraphilen Neigungen herauszulesen. 

Stokel, Störungen das Trieb- und Affektlebens. IV. 2.Auti. 3 



34 



Die Impotenz des Mannes. 



auch wenn sie von ihrer Potenz keinen, Gehrauch machen. Es kommt nur 
auf das Gefühl der Männlichkeit an, auf die Fakultas. Die Impotenten 
sind die Hauptstützen der verschiedenen Ahstinenzbewegungen, an denen 
wir so reich sind, während der wahrhaft große Mann auch in Hinblick 
auf seine Sexualität nur groß denken und fühlen kann. Daraus könnte 
man fast den Satz ableiten: Der Mann ist wie sein Penis. Der Penis ist 
ein Kontorfei des ganzen Mannes, was sich in vielen Fällen durch die 
praktische Erfahrung bestätigen läßt. 



HL 

Ein Kapitel Physiologie. 

Ich bin überzeugt, daß die Zeit kommen 
wird, in der Physiologen, Dichter und Phi- 
losophen die gleiche Sprache sprechen nnd 
sich alle verstehen werden. 

Claude Bernard. 

Die männliche Potenz hängt von der Erektionsfähigkeit und der 
Dauer der Erektion ab. Die Erektionsfähigkeit ist kein Zeichen der Pubertät 
und hängt offenbar nicht allein von der Existenz der Geschlechtsdrüsen 
ab, was die bekannte Erektionsfähigkeit der Kastraten und Halbeunuchen 
beweist, i) Auch ist die Erektion bei Neugeborenen keine Seltenheit, viel- 
mehr sehr häufig zu beobachten. 

Wir können daher sagen: Die Fähigkeit der Erektion beginnt mit 
dem Tage der Geburt und schließt mit dem Tage des Todes. 

Die in allen Lehrbüchern enthaltenen gegenteiligen Ansichten be- 
ruhen auf einem Beobachtungsfehler, der dadurch entstanden ist, daß man 
die Ausnahme immer für die Regel und die Regel für die Ausnahme ge- 
nommen hatte. Es war so fest eingeprägt in den ärztlichen Gehirnen, daß 
die Erektionen beim normalen Menschen in der Pubertät einsetzen und 
jenseits der Fünfzig aufhören, daß jede Abweichung als etwas Besonderes 
bestaunt wurde. (Die sexuelle „Paradoxie" Krafft-Ebings.) 

Die Erektionsfähigkeit ist dem Menschen angeboren und wird nicht 
erst entwickelt. Sie äußert sich bei manchen Menschen schon in den ersten 
Tagen, bei anderen in den ersten Wochen. Auch wird man immer wieder 
von Greisen hören, daß hie und da Erektionen vorkommen. Es ist mir 
unbegreiflich, wie Löwenfeld die Sexualität dieser Erektionen leugnen 
kann. Er sagt: „Die Erektionen müssen beim Kinde ebensowenig als beim 
Erwachsenen immer die Bedeutung eines sexuellen Vorganges haben. Wir 
wissen , daß die sogenannten Morgenerektionen Erwachsener weder durch 

') Vgl. B. MöUus: „Die Kastration", Leipzig 1916. Ferner Tandler und Gross: 
„Untersuchungen an Skopzen". Neur. Zcntralbl. Nr. 17, 1909- Steinach: „Untersuchungen 
zur vergleichenden Physiologie der männlichen Geschlechtsorgane". Arch. f. d. ges. Phy- 
siologie 1894. Bd. 56. 






Ein Kapitel Physiologie. g5 

sexuelle Erregungen bedingt sind, noch zu solchen gewöhnlich fuhren." 1 ) 
Wir wissen das? Woher wissen wir das? Wie wissen wir das? Nein! Wir 
haben nur fälschlich angenommen. 

Wir beobachteten bei Kindern wiederholt langandauernde Erektionen, 
viele Stunden und oft tagelang. Und zwar schon bei Säuglingen! Es geht 
nicht an, solche Fälle als Priapismus zu beschreiben, wie es Löwenfeld 
getan hat. Er schildert einen Fall von infantilen Priapismus: Ein acht- 
jähriger Knabe leidet an andauernden Erektionen und hat die auffällige 
Neigung, mit seiner Pflegemutter zärtlich zu sein, sie auf den Mund zu 
küssen und mit einer förmlichen Leidenschaft an sich zu drücken. Die 
andauernde Erektion verursacht ihm keine Beschwerden. Das ist doch kein 
pathologischer Fall! Das ist kein Priapismus. Wenn wir uns bei Hebammen 
erkundigen, so werden wir leicht hören, daß solche ständige Erektionen 
oft das Erwachen des Lebens begleiten und in den ersten Lebensjahren 
eine sehr häufige Erscheinung sind. Meines Erachtens nach äußern sich 
Talent und Genie ebenso wie atavistische Rückschlagserscheinungen durch 
ein früh stark ausgeprägtes Triebleben, deren sichtbares Zeichen die 
flüchtige oder permanente Erektion darstellt. 

Wir tun gut, derartige Fälle nicht als Priapismus zu bezeichnen. 
Der Priapismus geht meist auf organische Krankheiten zurück und geht 
ohne Libido einher. Es bestehen schmerzhafte Erektionen, die nach 
keinem Geschlechtsakt, weder nach Masturbation noch nach einer Ko- 
habitation, nachlassen. Es handelt sich um Indurationen und Infarkte im 
Schwellkörper des Gliedes. Der krankhaft gesteigerte Geschlechtstrieb, 
der sich auch in anhaltenden Erektionen äußern kann, heißt Satyriasis. 

Die ungestörte männliche Potenz setzt folgende Bedingungen voraus: 

1. Libido. 

2. Voluptas. 

3. Erektion. 

4. Ejakulation. 

5. Orgasmus. 

Unter Voluptas haben wir die Vorlust vor dem Orgasmus zu ver- 
stehen. Sie kann in vielen Fällen vollkommen fehlen, obgleich schließlich 
ein schwacher Orgasmus erzwungen wird. 

Die Kinder zeigen vor der Pubertät, die in unseren Breiten zwischen 
13 und 15 Jahren auftritt (bei Onanisten früher als bei Abstinenten!) nur 
Fehlen der Ejakulation. Die Libido ist vorhanden, die Voluptas unter Um- 
ständen größer als bei Erwachseneu. Auch der Orgasmus kann schon in 
den ersten Lebensjahren, wie die Beobachtungen der Kinderärzte beweisen, 
sehr stark sein. 



') Löwenfeld: „Über die sexuelle Konstitution und andere Sexualprobleme". 
Wiesbadeu, I. F. Bergmann, 1911. 

3* 



36 Die Impotenz des Mannes. 

Beim Koitus im Kindesalter, wie ich ihn beschrieben habe 1 ), kommt 
es kaum zu einem stürmischen Orgasmus wie bei der Kinderonanie. Es 
ist dafür die Vorlust (Voluptas) stärker betont. Der Orgasmus bei Kindern 
vor der Pubertät ist von einem intensiven Kitzelgefühl in der Glans oder 
Klitoris begleitet. Das Kitzelgefühl kann so stark sein, daß die Fortsetzung 
der onanistischen Manipulation unmöglich wird. Oft beschließt die Aus- 
stoßung einiger Tropfen Urin den Orgasmus. Diese Tatsache ist sehr 
wichtig, weil es vorkommt, daß Erwachsene auf diesen Typus der Eja- 
kulation zurückgreifen. Mitunter — diese Fälle sind seltener — beschließt 
eine Miktion den Sexualakt. Lustempfindungen bei der Miktion sind keine 
Seltenheit und führen oft zu Harnretention und stoßweiser Austreibung 
des Urins. 

Auch bei Eunuchen und Männern, welche ihrer Hoden beraubt wurden, 
wie es im Kriege häufig vorgekommen ist, besteht — wie ich betonte — 
vollkommene Erektionsfähigkeit, Libido, Voluptas. Nur der Orgasmus ist 
infantil verändert und wird selbstverständlich nicht von Ejakulation be- 
gleitet. In einem von mir beobachteten Falle kam es zur Ausstoßung eines 
Sekretes, das offenbar alle Bestandteile des Spermas mit Ausnahme von 
Spermatozoen (Hodensekret) enthielt. 2 ) Auch Knaben zeigen den Beginn 
der Pubertät damit an, daß bei der Onanie ein kleiner Tropfen Sekret am 
Schlüsse des Orgasmus zum Vorschein kommt, das wahrscheinlich noch 
gar keine Spermatozoen enthält. 

Auch bei Greisen oder nach mehrmals hintereinander ausgeführtem 
Koitus kann es vorkommen, daß sich der Orgasmus ohne Ejakulation ein- 
stellt. Diese Form der relativen Impotenz werden wir bei der Besprechung 
der Störungen des Orgasmus noch näher besprechen. Das ist aber die 
Ausnahme. Die Fähigkeit des Orgasmus bleibt bis zum Tode erhalten, wie 
zahlreiche Beobachtungen zeigen. Auch enthalten die Hoden von Achtzig- 
jährigen noch sehr häufig lebende Spermatozoen. 

Aber auch ohne das Vorhandensein von Spermatozoen kann die 
Erektionsfähigkeit vollkommen erhalten sein. Wir kennen ja die vielen 
Männer, welche nach einer Epidydimitis die Potentia generandi (die 
Zeugungsiahigkeit) verloren haben, keine lebensfähigen Spermatozoen pro- 
duzieren können, aber trotzdem über eine oft erstaunliche Potentia coeundi 
verfügen können. 



*) „Nervöse Angstzustände." 

a ) Nach Fürbringer setzt sich das menschliche Sperma aus folgenden Bestand- 
teilen zusammen: „Es beteiligen sich am Ejakulat zunächst die Sekrete dreier Haupt- 
drüson: 1. des Hodens, 2. der Samenblasen, 3. der Prostata. Hiezu kommt das Ab- 
Bonderungsprodukt der Drüsen des Samenleiters, der Ampulle und endlich jenes der 
Cow^rschen Drüse, die noch zu den größeren akzessorischen Genitaldrüsen gerechnet 
wird" CSchneidemühl, StilHng). Fürbringer (1. c. S. 8). 



Ein Kapitel Physiologie. 37 

Die Grenzen der männlichen Potenz sind oft erstaunlich hoch. Aber 
immer werden diese Fälle von erhaltener Potenz im Greisenalter als Aus- 
nahmen beschrieben. Nach meiner Erfahrung sind sie unendlich häufiger, 
als man a priori annimmt. Ich komme immer mehr zur Überzeugung, 
daß ein normaler Mann seine Potenz bis in das hohe Alter erhalten müßte 
und daß alle die Annahmen, welche Potenz im hohen Alter auf Spar- 
samkeit in der Jugend zurückführen, falsch sind. 

In der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft* (VI. Band, 9. Heft, 1919) 
berichtet Justizrat Dr. Horch „Zur Frage der männlichen Potenz": 

Einen interessanten Beitrag zur Frage der männlichen Potenz lieferte 
mir ein kürzlich zu meiner beruflichen Tätigkeit gelangter Ehescheidungs- 
fall, der selbst in meiner überaus reichhaltigen Praxis als ein Unikum 
angesehen werden kann. Ein Mann, der im Januar nächsten Jahres 
80 Jahre alt wird, klagt gegen seine 44jährige Ehefrau auf Eheschei- 
dung wegen hartnäckiger Verweigerung der ehelichen Pflicht. Die durch 
mich vertretene Ehefrau erklärt mir in überzeugender Weise, daß der 
Mann, der übrigens den Eindruck eines 60jährigen Mannes macht, in 
einer Weise geschlechtlich potent und bedürftig sei, daß er täglich den 
Beischlaf von seiner Frau verlange und tatsächlich in der Lage sei, in 
durchaus normaler Weise den Koitus auszuführen. Die Frau verweigert 
die eheliche Pflicht, weil der Mann sich sonst garstig und lieblos zeigt, 
vor allem aber um deswillon, weil sie befürchtet, von dem durchaus 
zeugungsfähigen Manne ein Kind zu bekommen, da er sich weigere, 
irgendwelche Vorsichtsmaßregeln zu gebrauchen. 

- Der Fall ist sicherlich nicht einzig dastehend, lu den meisten Fällen 
beklagen sich aber Frauen nicht, über die Potenz ihres Mannes. Das Gegen- 
teil kommt vor. Ich erinnere mich an eine 67jährige Hebamme, die mir 
ihren 72jährigen Mann mit der Bitte brachte, ihn potent zu machen. 1 ) 
Sie habe gehört, daß ich Wunder wirken könne . . . 

Ich habe viele Beispiele von hohen Siebzigern gesammelt, die sehr 
potent waren und mir bestätigten, daß sie von früher Jugend an ein 
großes geschlechtliches Bedürfnis gezeigt hatten. 

Ich habe mich darüber in „Keuschheit und Gesundheit" 2 ) ausführ- 



') ;) In anderen Fällen ist es die Begehrlichkeit der Frau ganz vorwiegend erst 
gewesen, welche dem Gatten das beschämende Bewußtsein, seiner Pflicht als Ehe- 
mann nicht genügen zu können, geweckt und ihn zu uns getrieben bat. Hier haben wir 
bisweilen den Eindruck gewonnen, daß es sich weniger um lmpotentia virilis als Impu- 
dentia muliebris handelt. Glaubwürdige Klagen über die kolossale Wollust, gar zu arge 
Prätention, ewige Unersättlichkeit der Frau bildeten in nicht wenigen Füllen den von 
uns gehörten Refrain der Auamnese. In einem jüngst berateneu Falle hatte uns die 
lüsterne Gattin mit einer Flut von Briefen bestürmt, dem von ihr gesandten behäbigen 
und bereits etwas der Liebe zu geschlechtlichen Umarmungen abgewandteu ältlichen 
Patienten einen regelmäßigen ehelichen Verkehr als bestes Heilmittel gegen vorzeitiges 
Versinken ins Greisenalter ans Herz zu legen". Fürbringer (1. c. S. 121). 

*) Hygienische Zeitfragen. M. 4. Verlag Paul Knepler, Wien 1919. 



38 



Die Impotenz des Mannes. 



lieh ausgesprochen und kann nur alle, die sich dafür interessieren, auf 
diese kleine, aber wichtige Arbeit, aufmerksam machen. 

Nie hat es eine gröbere Lüge gegeben als die, daß regel- 
mäßiger häufiger Geschlechtsverkehr die Lebenskraft unter- 
grabe. Erst in den letzten Tagen stellte sich mir ein vierzigjähriger 
einst kraftstrotzender Athlet — heute ein dekrepider, hypochondrischer 
Jammermensch vor, dem ein Arzt vor zehn Jahren empfohlen hatte, ab- 
stinent zu leben, um seine Kraft zu schonen und alt zu werden (!). Ge- 
rade das Gegenteil ist richtig. Nur Menschen, die einen regen Geschlechts- 
trieb haben und ihn auch ausüben, erreichen ein hohes Alter. Lorand 
erzühlt geradezu verblüffende Beispiele. (Über den Einfluß der sexuellen 
Drüsen auf die Vitalität und Langlebigkeit. „Allg. Wiener mediz. Zeitung 11 , 
1908, 45 und 46.) Lassen wir einige Revue passieren: Ein gewisser 
Thomas Parre, der 162 Jahre alt wurde, wurde im Alter von 102 Jahren 
wegen eines Sittlichkeitsattentats verurteilt. Nach 18 Jahren heiratete er 
wieder eine Witwe, die versicherte, daß sie sein hohes Alter nicht bemerke ! 
Der Däne Drackenberg lebte 150 Jahre und erreichte ein so hohes Alter, 
obwohl er öfter trunken als nüchtern gewesen. Im Alter von 111 Jahren 
heiratete er eine Frau von 60 Jahren und nach deren Tode verliebte er 
sich, 130 Jahre alt, in eine junge Bäuerin, die ihn abwies. Peter Albrecht 
der 123 Jahre lebte, heiratete mit 80 Jahren und zeugte noch sieben Kinder! 
Gurgon Duglas, der ein Alter von 120 Jahren und 7 Monaten erreichte 
trat mit 85 Jahren in den heiligen Ehestand und zeugte acht Kinder,' 
eines sogar noch mit 103 Jahren. Ein Italiener Baron Baravicion dos 
Cappoles starb 104 Jahre alt in Meran. Er hatte 4 Frauen. Seinen letzten 
Ehestand gründete er mit 80 Jahren und bei seinem Tode war seine Frau 
guter Hoffnung. Man könnte ja an der Legitimität der Kinder zweifeln. 
Aber die Potenz dieser Greise wurde ja von den Frauen rühmend bestätigt. 
Zahlreiche Obduktionshefunde, darunter einer von Lorand bei einem 80jäh- 
rigen Mann, bestätigen, daß sich lebensfähige Spermatozoon in großer An- 
zahl in den Geschlechtsdrüsen von Greisen befinden, allerdings nicht von 
abstinenten Greisen, sondern von solchen, die ihre Sexualdrlisen durch 
regelmäßigen Geschlechtsverkehr aktiv erhalten haben. Auch andere Be- 
obachter (Hofmann, Taylor, Duplay Dieu) erwähnen das Vorkommen von 
Spermatozoiden bei hochbetagten Greisen. Dem Manne hat — wie Hofmann 
(Lehrbuch der gerichtlichen Medizin) hervorhebt — die Natur keine Grenzen 
gesetzt. Metschnikqff erwähnt in seinen „Etudes sur la uature humaine" 
daß er bei Leuten im Alter von 99 bis 103 Jahren Spermatozoen, d. i. 
Samenfäden — in großer Anzahl gefunden habe. „Daß Leute mit ausge- 
sprochener Geschlechtslust oft ein hohes Alter erreichen" — sagt Lorand 
— , „das ist eine Beobachtung, die man täglich machen kann." Es gibt iu 
dieser Hinsicht historische, notorische Beispiele. Die schlimmsten Schlem- 
mereien hinderten Ludwig XV. nicht, sehr alt zu werden, ebenso Tiberius 
ein Alter von 78 Jahren zu erreichen. Ich kann nur auf die bekanntesten 
Lüstlinge „Marquis de Sade" und „Retif de la Bretonne" hinweisen, die 
trotz eines enorm ausschweifenden Lebens ein hohes Alter bei bemerkens- 
werter Geistesfrische erreichten. Man denke, daß Retif de la Bretonne sich 
rühmte, „es sei kein Tag vergangen, da er der Venus nicht einmal ge- 
huldigt hätte". Ughetti (Zwischen Ärzten und Klienten. Erinnerungen eines 
alten Arztes. Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller, 1893) teilt als das 



Ein Kapitel Physiologie. 39 

Facit seines Lebons folgende Ansichten mit: „Man kann eine kränkliche 
Pflanze sein und länger leben, als jener Zirkus-Herkules, der ein volles 
Faß mit seinen Zahnen hoch hebt, man kann mäßig sein, ein Pythagoras 
uud doch nicht einen Tag länger leben als einer, der lasterhaft ist, wie 
Heliogabalus. Die Sache ist wenig tröstend für die Mäßigen und Tugend- 
samen, aber kein Mensch kann hindern, daß es so ist. Ich lasse die Mo- 
ralisten die bittersten Tränen weinen, ich lasse deu Hygienisteu das Problem 
lösen und beschränke mich darauf, Tatsachen zu konstatieren. Sei gesund 
wie ein Fisch im Wasser, hüte dich vor Mißbrauch joder Art, trinke 
Kneipkaffee, kleide dich in Jägerwäscho, rauche nicht, trinke nur Mineral- 
wasser, beachte genau das sechste und zehnte Gebot, und du wirst gut, 
aber nicht einen Tag länger leben als dein Nachbar X, der Don Juan, 
Säufer uud Raucher, oder wie dein Freund Y, der immer kränklich ist, 
viortelstundenlang seine Zunge vor dem Spiegel betrachtet, dreimal monat- 
lich ein Purgiermittel nimmt und sich scheut vor der Feuchtigkeit des 
Abends, den Nebeln des Morgens und den Zugwinden des Tages." „Es 
ist nicht sehr lange" — erzählt Ughetti weiter — , „daß ich in Sizilien 
war, um einen Neffen zu besuchen und bei dieser Gelegenheit in dem 
schönen Dörfchen einen alten Priestor, Bezirksarzt des Ortes kennen lernte. 
Er war 96 Jahre alt: ich kann nicht sagen, daß er ein großer Trinker 
und Raucher war, aber das weiß ich, daß er eine große Schwäche für 
das ewig Weibliche gehabt hatte. Nun gut, als wir ihn besuchten, wo 
glaubt ihr, daß wir ihn fanden? Auf einem Feigenbaum, wo er eine 
Menge dieser deliziösen Früchte zu sich nahm ..." An diese Beobachtung 
knüpft er die Bemerkung: „Wissen wir doch alle, daß z. B. die Kokotten, 
abgesehen von kleinen speziellen Unbequemlichkeiten, sich einer beneidens- 
werten Gesundheit erfreuen. In Wirklichkeit ist es eben nicht wie in alten 
sentimentalen Romanen, wo man sie zur Strafe für ihre Sünden ins 
Krankenhaus schickt und dort schrecklich enden läßt. Allerdings kommen 
auch von ihnen wohl welche ins Hospital, aber das größte Kontingent 
stellen brave Familienmiitter und musterhafte Ehefrauen, an denen auch 
der strengste Moralist nicht jene Laster entdecken könnte, die solche 
Leiden verdienten". So der italienische Gelehrte. Den wichtigsten Zusam- 
menhang hat er wohl nicht entdeckt. Daß gerade die Liebe, der regel- 
mäßige Geschlechtsverkehr, diese „unmoralischen" Monschen gesund und 
frisch erhalten hat. Besonders das regelmäßige Leben — das möchte 
ich im Gegensatze zu Ughetti betonen — , scheint für die Lebensdauer von 
großer Bedeutung zu sein. Der berühmte Hufeland (Die Kunst, das mensch- 
liche Leben zu verlängern. Jena 1799) meint sehr richtig: „Omnia me- 
dioeria ad vitain prolongandam sunt utilia. Der Mittelton in allen Stücken, 
die aurea modioeritas, die Horaz so schön besang, von der Rum4 sagt, 
daß sie das beste dieser Erde sei, ist auch zur Verlängerung des Lebens 
am konvonabolsten. Alle Extreme hindern die Verlängerung des Lebens." 
Ferner teilt Hnfeland aus seiner Erfahrung mit: „Bemerkenswert ist auch 
folgender Umstand: Allo alten Leute waren verheiratet, und zwar 
mehr als einmal, und gewöhnlich noch im hohen Alter. Kein 
einziges Beispiel existiert, daß ein lediger Mensch ein sehr 
hohes Alter (d. i. über 100 Jahre) erreicht hätte. Diese Regel gilt 
ebenso vom weiblichen als auch vom männlichen Geschlechte. Hieraus 
scheint zu erhellen : Ein gewisser Reichtum an Generationskräfteu ist zum 
laugen Leben sehr vorteilhaft. Es ist ein Beitrag zur Summe der Lebens- 



40 Die Impotenz des Mannes. 

kraft und die Kraft, andere zu zeugen, scheint mit der Kraft, sich selbst 
zu restaurieren, im genauesten Verhältnis zu stehen. u Diese Kraft, andero 
zu zeugen, wird jedoch nur durch Übung erhalten. Deshalb ist die Ab- 
stinenz direkt schädlich und verkürzt das Leben. Durch die mangelnde 
Beschäftigung werden die Geschlechtsdrüsen atrophisch und der Mensch 
nützt sich früh ab. Er gibt sich selber auf. Hufeland verweist auf das 
berühmte Beispiel des Franzosen Longville, der 110 Jahre lebte und 10 
— sage zehn — Frauen hatte. Die letzte freite er mit 99 Jahren. Im 
101. Jahre gebar sie ihm einen Sohn. Wäre dieser Mann auch so alt ge- 
worden, wenn er vom fünfzigsten Lebensjahre nach den Geboten Tolstois 
gelebt hätte? Ich zweifle sehr daran. 

Es passiert mir jeden Monat wohl an die zehn Male, daß ältere Herren 
zu mir kommen mit der Klage, sie hätten in der Jugend zuviel gelebt 
und müssen jetzt für ihre „Jugendsünden" (ein entsetzliches Wort!) 
schrecklich büßen. Jetzt räche sich das an ihnen und sie wären früh im- 
potent geworden, während andere Freunde, die in der Jugend solid ge- 
wesen, sich noch der besten Potenz erfreuten. Immer wird die Analyse im- 
stande sein, die psychische Wurzel dieser Impotenz zu entdecken und zu 
konstatieren, daß ein tiefes Schuldbewußtsein auf die Onanie oder den 
häufigen Verkehr verschoben wird. Gerade in der im Alter auftretenden 
Impotenz feiert die Psychotherapie ihre größten Triumphe. Es ist dann 
interessant zu beobachten, wie diese älteren Herren eine zweite Jugend 
erleben und sich tatsächlich wieder verjüngen. 

Alt ist nur der Mann, der sich alt fühlt. Impotent wird der 
Mann, der seine Potenz aufgibt. Ich habe es schon einmal gesagt 
und wiederhole es noch einmal: Ich glaube nicht eher an die Impotenz des 
Mannes im Greisenalter, bis ich sie wirklich beobachtet habe. In kachektischen 
Zuständen, im Marasmus wird sie organisch bedingt sein. Es ist sehr wahr- 
scheinlich, daß es solche Fälle gibt. Ich muß aber offen gestehen, daß ich 
sie noch nicht gesehen habe. Immer gestehen die ältesten Herren zögernd, 
daß hie und da noch — sehr selten und sporadisch — Erektionen vor- 
kommen. Mancher betont es stolz, er könnte es noch so gut leisten wie 
ein Junger. 

Die Erektionsfähigkeit des Mannes beginnt am Tage der 
Geburt und erlischt mit dem Tode! 

Von dem längst verstorbenen Dichter K. E. E. erzählte mir einer seiner 
Schüler folgende Geschichte: Er feierte gerade seinen 80. Geburtstag. Er saß 
in seinem schlichten Hauskleide und empfing alle Gratulanten mit gewohnter 
Freundlichkeit. Da kam, als er allein war, ein Gärtnerraädchen und brachte 
ihm einen Strauß von der Fürstin F. Unser Jubilar greift ihr unters Kinn. 
Sie errötet, "Er wird kühner und vollzieht schließlich ohne jeden Widerstand 
einen Koitus lege artis, mit dem er und angeblich auch sie sehr zufrieden 
waren. Dann kleidet er sich ganz feierlich in Schwarz (Frack und Claque) 
und stellt sich vor den Spiegel und macht vor sich selbst Verbeugungen. Seine 
Freunde erscheinen und halten ihn für verrückt. Er aber erklärt ihnen den 



Ein Kapitel Physiologie. 41 

Sachverhalt und setzt hinzu: Ich habe mir gesagt: Da bist doch ein ganz be- 
sonderer Kerl, du mußt dir selbst gratulieren .... 
Fürbringer sagt : 

„Gesunde, aus Bedürfnis die eheliche Pflicht regelmäßig leistende 
Sechziger zählen nach unseren Erfahrungen keineswegs zu den Selten- 
heiten. Hier spielen hereditäre Einflüsse, Familiendispositionen ohne Kon- 
kurrenz pathologischer Faktoren eine noch bedeutendere Rolle als klima- 
tische Verhältnisse. Rücksichtlich letzterer ist die frühe Entwicklung des 
Geschlechtssiunes in den südlichen Ländern ein bekanntes physiologisches 
Gesetz. In zweiter Linie kommen die Gegensätze von Stadt und Land, 
die auch beim Knaben ein gewisses, freilich von zahlreichen Ausnahmen 
durchbrochenes Gesetz zugunsten des späteren Erwachens der Libido im 
Dorfe wahren. Wir kennen Bauernjungen, deren Geschlechtslust um Jahre 
eher erwacht als bei gleich konstituierten Kindern der Residenz, und 
ländliche Greise, welche das Überdauern ihrer spät genug abschließenden 
Erektionsfähigkeit durch den Sexualtrieb um ein Jahrzehnt beklagten, 
■während treffliche Frische des Alters bei Stadtbewohnern nicht ein weit 
früheres Erlöschen des letzteren hindern. Und doch könnte man hier wie 
dort nicht gut von abnormen Verhältnissen, „klinischen Fällen", sprechen. 
Ein im Greisenalter nach längerem Absinken oder gar Erlöschen plötz- 
lich wieder heftig erwachender Geschlechtstrieb ist, wie es wieder jüngst 
Rohleder mit Recht hervorhebt, stets pathologisch. Erfahrene Psychiater 
wissen längst, daß hier meist die senile Demenz herannaht, wenn sie nicht 
schon richtig zur Entwicklung gelangt ist" 

Ich habe gegenteilige Erfahrungen. Ich habe wiederholt bei Land- 
bewohnern schwere Impotenzen gesehen und kenne in der Großstadt Sieb- 
ziger, die ein ausschweifendes Leben führen. Ich habe schon betont, daiJ 
die Geschlechtskraft des Städters — wenn er normal ist — die des 
Bauern übertrifft. Mit zunehmender Intelligenz steigert sich bei einzelnen 
Individuen die Potenz. 

Auch das Erwachen der Erektionsfähigkeit im Greisenalter und die 
Renaissance des Geschlechtstriebes möchte ich im Gegensatze zu Rohleder 
und -Fürbringer nicht immer als ein pathologisches Zeichen auffassen. 
Sicherlich setzen viele Gehirnkrankheiten (senile Demenz, progressive 
Paralyse, Hirntumoren) mit einem Wegfall von Hemmungen ein. Aber es 
gibt hochstehende Menschen, welche im Greisenalter eine erneuerte Puber- 
tät mitmachen, ohne deshalb als pathologisch zu gelten. (Ich verweise 
auf Goethe, Maurus Jokai, Gustav Freytag u. v. a., die im hohen Alter 
von Liebesleidenschaften befallen wurden.) Die Tatsache, daß nach zehn 
und zwanzig Jahren scheinbarer Impotenz plötzlich Erektionen auftreten 
können, gibt uns zu denken und bestätigt meine Annahme, daß die Erek- 
tionsfähigkeit überhaupt nicht schwindet und nur durch seelische Hem- 
mungen zurückgedrängt wird. Die im Greisenalter auftretende gesteigerte 
Geschlechtslust ist hauptsächlich psychisch zu erklären. Es ist das 
Aufflackern der Kerze vor dem Erlöschen; das gesteigerte Begehren vor 
dem Abschied vom Leben; der sich in Liebesverlangen äußernde Lebens- 



42 



Die Impotenz des Mannes. 



trieb. Ähnlich werden Soldaten vor einer Schlacht von Liebesraserei be- 
fallen, wenn sie in den Tod gehen sollen. Es sind mir Fälle bekannt, 
daß Soldaten vor einem Sturm zehnmal onaniert haben. 

Die meisten Ärzte beschreiben eine Abnahme der Potenz im Alter. 
Doch die Potenz bat verschiedene Grade. Es ist praktisch, die verschie- 
denen Stufen der Potenz kennen zu lernen. Benützen wir zu diesem Zwecke 
bei der Einteilung der Impotenzen das brauchbare „Geschlechtsdynamo- 
meter" von Mantegazza: 

Nr. 0. Keine Begierde, Erektion unmöglich. 

1. Erotische Begierden, aber Erektion ebenfalls unmöglich. 

2. Fälligkeit zu halber Erektion durch Masturbation, Peitschung oder Ein- 
führung harter Körper iu den Anus. 

3. Kräftige Erektion unter denselben Stimulantien. 

4. Freiwillige Erektion morgens, keine solche zu anderer Stunde, trotz 
allen Reizen. 

5. Erektion zu irgendeiner Zeit, aber unvollständig, genügend zur Um- 
armung, aber nicht zur Entjungferung; sie wird durch Liebkosungen 
hervorgebracht, aber nicht durch direkten Reiz. 

6. Erektion unter derselben Behandlung, aber zu allem genügend. 

7. Freiwillige Erektion, aber langsam, bei irgendeinem Reiz. 

8. Freiwillige und schnelle Erektion unter dem Einfluß der vollen Begierde. 

9. Freiwillige, kräftige Erektion, welche die Begierde hervorruft und sie 
erzwingt und sich oft bei Tag und Nacht wiederholt. 

1Ü. Erektion wie bei Nummer 9, welche aber dermaßen von dem Willen 
beherrscht werden kann, daß sie mehrere Umarmungen hintereinander, 
mit oder ohne Ejakulationen aushält, auch ohne daß zwei Umarmungen 
durch eine Erschlaffung unterbrochen werden. (Manteqazza, 1. c 
S. 110—11.) ■' ' 

Ich verfüge nun über eine Reihe von Beobachtungen, welche mit der 
bisherigen Annahme kontrastieren, daß sich die Potenz gegen das Alter 
zu verringert. Es treten allerdings Veränderungen ein, aber sie sind ganz 
anderer Natur, als sie bisher beschrieben wurden. 

Es ist nicht richtig, daß die männliche Potenz bis zum 25. oder 
26. Lebensjahr zunimmt, sich dann etwa ein Dezennium auf der gleichen 
Höhe erhält, um dann wieder abzunehmen, wie es Löwenfeld behauptet. l ) 
Es ist ebensowenig richtig wie seine Behauptung, daß die sexuellen Be- 
dürfnisse der Frau gegen das 30. Lebensjahr ihren Höhepunkt erreichen 
und zwischen dem 40. und 50. im allgemeinen erheblich abnehmen. 

') „Da der geschlechtliche Verkehr heim Manne au das Vorhandensein einer 
LrckUon geknüpft ist, gibt uns die Zahl der innerhalb einer gewissen Frist ausge- 
übten Kohabitationeii Auskunft über die hier in Frage stehenden Leistungen des Erek- 
t.onszentrums. Der Einfluß dos Lebensalters ist hier in erster Linie zu berücksichtigen; 
Männer im Alter von 20-30 Jahren sind im allgemeinen zu einer sexuellen Betäti- 
gung befähigt, die um ein Vielfaches über das der Männer hinausgeht, die das 50. Le- 
bensjahr überschritten haben." (Löwenfeld, 1. c. S. 89.) 




Ein Kapitel Physiologie. 43 

Der Höhepunkt der Potenz des Mannes hängt nicht vom 
Alter ab, sondern vom Sexualobjekte, das ihm zur Verfügung 
steht. In der Jugend ist der Sexualtrieb im allgemeinen stärker und 
stürmischer. Er ist weniger differenziert. Es handelt sieh dem Manne 
weniger um das ihm bestimmte Weib, das ihm die ihm adäquate Sexual- 
befriedigung verschafft, als um ein Weibchen, das seinem Geschmacke 
oder dem täglichen Bedürfnisse genügt. In der Jugend können viele 
Männer mit Dirnen verkehren, was ihneu später trotz guter Potenz 
unmöglich werden kann, wenn sich ihr Geschmack verfeinert hat. Das 
Begehren wird mit zunehmendem Alter immer mehr verfeinert, die Liebe 
„verhirnt" immer mehr, die Potenz wird unter Umständen besser. 

Übrigens verlegt Orlowski den Zeitpunkt der besten Potenz auf eine 
andere Zeit. Er sagt: 

Löwenfeld verlegt den Höhepunkt der männlichen Potenz ins 
35. Lebensjahr. Ich muß diese Anschauung aus meinem Wirkungskreis 
heraus für durchaus unzutreffend erklären. Der Höhepunkt beim gebil- 
deten Manne besserer Stände ist das 25. Lebensjahr. Fällt die Zeit vom 
25. — 30. mit dem Kampf um die Begründung einer eigenen Existenz 
und der Yerhoiratungsmögliehkeit zusammen, so besitzt der großstädtisch 
Gebildete, ein sexuell und alkoholisch durchaus solides Lehen vorausge- 
setzt, mit 35 Jahren höchstens noch die Hälfte seiner Potenz. Heiratet 
er nun eine 10 — 15 Jahre jüngere Frau, die auf dem Höhepunkt ihrer 
Potenz steht, so resultiert daraus eine über das Normale hinausgehende 
chronische Überanstrengung einer Funktion. (Orlowski, 1. c. S. 21.) 

Auch diese Behauptung stimmt nicht mit den Erfahrungen der 
Praxis. Die Ärzte verwechseln häufig Leidenschaft mit Potenz. Ein sehr 
leidenschaftlicher Mann kann eine mittelmäßige Potenz zeigen und ein 
scheinbar kühler Mann eine auffallend starke. Im Gegenteil! Eine allzu 
große Leidenschaft verhindert oft die Beherrschung des Ejakulationsaktes. 
Die Technik der Potenz beruht auf diesem Faktor. Es gibt eine scheinbar 
außerordentliche Potenz, die auf einer Schwäche beruht: die Ejaculatio 
retardata oder ein Koitus sine ejaculatione. Es gibt Menschen, die unter 
Umständen entweder an Ejaculatio praecox oder an Ejaculatio retardata 
leiden. Sie machen bei Frauen bald den Eindruck eines sehr potenten, 
bald den eines schwach potenten Mannes. Darüber werden wir in den 
Kapiteln über „Ejaculatio praecox" und über die „Störungen des Orgasmus- 
ausführlich sprechen. Ich will nur die Tatsache hervorheben, dal 1 ) sich bei 
den meisten Männern die Fähigkeit der längeren Erektion steigern kann 
und daß es vorkommt, daß Männer die Höhe ihrer Leistungsfähig- 
keit nach den Fünfzigern erreichen, wie ich an mehreren Beispielen 
nachweisen werde. 

Allerdings kann sich in der Ehe bei abfallender Libido und zu- 
nehmender Abstumpfung der Reize der Gattin die Potenz scheinbar ver- 



44 



Die Impotenz des Mannes. 



~ 



ringern. Solche Männer können dann bei einem außerehelichen Koitus 
nach Wegfall der Hemmungen ihre blauen Wunder erleben. 

Fall Nr. 13. Ein 7 3 jähriger Gelehrter stand wegen Blasenblutungen 
deren Ursache nicht zu ergründen war, längere Zeit in meiner Beobachtung! 
Er hatte schon 5 Jahre nicht mit seiner Frau verkehrt und behauptete, sehr 
selten Andeutungen von Erektionen zu haben. Im 74. Jahre starb seine Frau. 
Ein Jahr spater konsultierte er mich wegen quälender Erektionen. Ob er es 
wagen dürfe, einen Koitus auszuführen? Er fürchte wegen der Blascnblutun"-en. 
Ich gestattete ihm einen Versuch, da er infolge der permanenten Erektionen 
schlaflos war und sehr herunterkam. Er knüpfte bald ein Verhältnis mit zwei 
Damen an, die er abwechselnd besuchte. Die Blutungen, welche auf Blasen- 
hämorrhoiden zurückgeführt worden waren, verschwanden vollkommen. Ich 
hatte Gelegenheit, eine dieser Frauen auszufragen. Sie behauptete, daß die 
Potenz des Mannes, der ort zweimal in einer Stunde den Koitus ausführte 
eine außerordentliche wäre und daß ihn mancher junge Mann um sein Feuer 
und seine Kraft beneiden könnte. . . 

Eine viel wichtigere Frage wäre noch in diesem Zusammenhang 
zu beantworten. Hat die Potenz Beziehungen zum Berufe'? Viele Ärzte 
haben ganze Listen aufgestellt, in denen sich gewöhnlich unter den 
Impotenten Gelehrte') und Stubenhocker und unter den hochpoteuten 
Männern Offiziere und Athleten befinden. So betrachtet Fürbringer das 
Stubenhocken als Ursache der Impotenz und den Sport als Heilmittel 
gegen die gefiirchtete Männerschwäche. Er sagt: 

So stellt sich das Stubenhocken stillfleißiger Gelehrter meist als aus- 
gesprochener Feind, ja Ruin des ehelichen Geschlechtslebens dar. Wird 
dem bücherbeladenen Studiertisch Valet gesagt und mit der Gattin in 
die Natur und das fröhliche Treiben der AVeit gezogen, pflegt sich der 
Verjüngungsprozeß auch in bezog auf die Betätigung der Ehepflicht nicht 
zu verleugnen. Auch die unhygienisch lebenden vielbeschäftigten Ärzte 
stellen zu dieser Kategorie ein namhaftes Kontingent (1. c. S. 112). 

Nach meinen Erfahrungen wirkt der Verjüngungsprozeß in der Natur 
hauptsächlich dadurch, daß die Menschen Zeit für die Liebe haben und 
auf der Reise und in der Sommerfrische die Quellen der erotischen An- 
regungen viel reicher fließen. Der Gelehrte lenkt sich von jeder Sexualität 

') Havelock Ellis meint: „Die vom Gehirn ausgehenden Erscheinungen autoeroti- 
scher Natur sind außerordentlich wichtig und verschiedenartig, aber Gehirn und Sexual- 
organe rivalisieren miteinander um das Quantum von Energie, das sie zu verbrauchen 
streben. Doshalb ist äußerste Kraftentfaltung des Gehirns mit erheblicher Entfaltung 
sexueller Energie und Potenz nicht zu vereinen, obgleich sie sehr wohl nacheinander 
bei demselben Individuum erscheinen können. Reibmayer, Die Entwicklungsgeschichte 
des latentes und des Genies, Bd. 1, S. 437. Es ist deshalb nicht paradox, wenn Ramon 
Correa sagt, daß Potenz Impotenz ist und Impotenz Potenz, denn ein hohes Maß von 
Energie auf einem Gebiete der Tätigkeit ist der Energieentfaltung auf jedem anderen 
Gebiete, auch dem sexuellen, ungünstig. Jeder hohe Grad von Potenz hat sein Korrelat 
in gewissen Impotenzen.« „Geschlecht und Gesellschaft". Erster Teil. Wiirzburg, Kurt 
Kabitzsch, 1910, 8. 170. 



Ein Kapitel Physiologie. 45 

ab. Er suhlimiert zu viel Sexualkraft Er schädigt nicht seine Potenz 
sondern entzieht ihr sein Interesse, d. h. die affektative Besetzung. 

Fiirbringer ist aber der Ansicht, daß intensive geistige Arbeit die 
Potenz direkt herabsetzt: 

Endlich glauben wir noch eine fünfte Untergruppe hier anführen 
zu sollen, deren Repräsentanten fast erloschene Libido und bei einer 
Erektion, die stets erst auf intensivste mechanische, also peripherische, 
kaum je zentrale Reize eintrat, annähernd normale Ejakulationsverhältnisse 
sowie nur einen wenig herabgesetzten Orgasmus angaben. Diese Form 
ist der Hauptsache nach der Impotenz durch geistige Ablenkung eigen- 
tümlich. Hier stellt sich infolge intensiver Beschlagnahme des seelischen 
Interesses durch Geschäftsmanipulationen, mathematische Berechnungen, 
künstlerisches Phantasieren und Schaffen und sonstige Fachspekulation 
eine partielle oder temporäre Impotenz ein, und das Wiedorerscheinen der 
Facultas ist von dem Grade der Beseitigung jener Hemmung, beziehungs- 
weise ihrer Überkompensation durch die Künste einer Circe oder brünstigen 
Liebe der Gattin abhängig. Newton soll nach dem übereinstimmenden 
Votum besserer Autoren diese Form, welche nichts mit Hemmung durch 
Ekelgefühl zu tun hat, als dauernde Impotenz dargeboten haben. Die 
geistige Kraft ist hier derart in Anspruch genommen, daß nichts für die 
sinnlichen Leidenschaften, die Freuden der Gesellschaft, der Tafel und 
sonstige Vergnügungen und Zerstreuungen übrig bleibt (Hammond); bei 
einer Reihe von Betroffenen, insbesondere Büchergelehrten, mag auch die 
von Haus aus wenig entwickelte Geschlechtskraft eine Rolle spielen 
(Gyurkovechkg). Es ist selbstverständlich, daß es sich hier nur um be- 
stimmte Kategorien der „Berufsimpotenz" handelt, insofern zu letzterer 
auch die Impotenz durch körperliche Überanstrengung, sitzende Lebens- 
weise, Völlerei mit konsekutiver Fettsucht usw. zählt. (Fiirbringer, 1. c. 
S. 122.) 

Diese Annahmen lassen sich durch die analytischen Erfahrungen 
nicht bestätigen. Nicht der Beruf ist es, der die Sexualität herabsetzt, 
vermindert oder aufhebt, sondern die Sexualität ist es, welche den Beruf 
durchsetzt, umgestaltet, sich in zahllosen Sublimierungen und Verkleidungen 
äußert. Die meisten dieser Arbeitsfanatiker haben ein geheimes Sexualziel, 
das nicht erreichbar ist, was daher zu einer Entwertung der vorhandenen, 
erreichbaren Sexualobjekte veranlaßt. Wer homosexuell fühlt, sich diese 
Homosexualität nicht eingestehen will, dagegen kämpft, oder sich der 
homosexuellen Triebe nicht bewußt wird, der wird sich einem Beruf zu- 
wenden, der ihn vollkommen ablenkt und wird für die Frauen und schein- 
bar für die Liebe nicht zu haben sein. Viele Gelehrte scheinen asexuell 
zu sein, weil sie ihre Gattin nicht mehr reizt, und flüchten in eine Arbeit, 
die für Liebe und Liebesbetätigung keine Zeit und keine Energie übrig 
läßt. Allein plötzlich bricht der Trieb hervor. Z. B. wenn die Gattin stirbt, 
oder sie sich in eine Laboratoriumsassistentin, in ein Schreibmaschinen- 
fräulein oder in ein Kammerzöfchen verlieben. Das erzählen die Er- 



46 Die Impotenz des Mannes. 

fahrungen meiner Praxis. Man zieht sehr leicht falsche Schlüsse. Was 
wird nicht alles als Ursache der Impotenz angegeben! 
Auch das Reiten soll Ursache der Impotenz sein. 

Rücksichtlich der ätiologischen Bedeutung des Reitens glauben -wir 
registrieren zu sollen, daß einige Patienten, die uns in neuerer Zeit wegen 
abnorm häufiger Pollutionen konsultierten, mit Überzeugungstreue eine Ver- 
schlimmerung derselben durch Reiten (viel weniger durch Radfahren) be- 
hauptet haben. Andere Male waren wir in Zweifel geraten, ob der Patient 
nicht geflissentlich auf dem Pferde die Pollutionen auslöst. Ein 39jähriger 
arg nervöser Braucreibesitzer hatte als Kavallerist beim Reiten in der 
Stunde bis zu vier Pollutionen erlitten, sämtliche unter Erektion und 
Orgasmus. Ein anderer reitender Freiwilliger behauptete, lediglich durch 
die enorme Anzahl von Samenergüssen auf dem Pferde vorzeitig zum 
erbärmlichsten Geschlechtsinvaliden geworden zu sein. Auch ein höherer 
Offizier klagte über sinkende Potenz, die ihm die peinlichen, Pollutionen 
auslosenden Erschütterungen auf dem Pferde bescherten. Ähnlich ein Lehrer 
in den mittleren Jahren, der freilich früher maßlose Onanie getrieben. 
Hier handelt es sich mehr um die atonische Form ohne wesentliche Er- 
regung, welche sich desgleichen beim Küssen eines Mädchens ausprägte. 
Hammond, welcher dem Gegenstände ein längeres Studium ge- 
widmet, gesellt ihr eine Parallelform zu, welche er unter den Pueblo- 
indianern beobachtet; die Träger derselben („Mujerados") sollen durch 
beständiges Herumreiten zu Pollutionisteu werden, außerdem die Hoden 
und sonstigen äußeren Genitalien eine notablo Atrophie erleiden, die 
schließliche Folge Impotenz und Verweiblichung sein, so daß der' zum 
Zwecke religiöser Gebräuche (Päderastie etc.) Gezüchtete zu einem 
eunuchenhaften Geschöpf herabsinkt. Entgegen unserer früheren Neignag 
diesen (unter anderen auch von Lallemand verfochten«») Zusammenhang 
nicht recht gelten zu lassen, da wir bislang noch nicht über sinkende 
lotenz bei Ausübung des Reitsportes hatten klagen hören, können wir 
ehrlicherweise unter Beziehung auf spätere Beobachtungen über diese 
Abhängigkeit des Samenflusses und der Gesehlechtsschwächo uns nicht 
mehr ganz ablehnend verhalten. Auch Donner erkennt die Kausalität 
an. Aber an einen gesetzmäßigen Zusammenhang ist selbst unter der 
Voraussetzung des leidenschaftlich betriebenen Sportes nicht zu denken. 
Schon ein auf die Kavallerie geworfener Blick überzeugt von dem Irrigen 
jener Anschauung (Gi/urkovcclik,/). Man lasse auch nicht außer acht, daß 
an dem Mujerado-Avantageur „täglich vielemal Masturbation ausgeführt 
wird . Die Erschütterung beim Reiten entwickelt also ihre besonderen 
Gefahren bei einem Opfer schwerster onanistischer Parapathie. Wir wollen 
damit nicht leugnen, daß überhaupt das Reiten " zur Masturbation ver- 
führen kann. Wenn aber dem Gesunden auf dem Pferde Samenergießungen 
passieren, so hat er sie gewollt, wie der Schuljunge, der durch Rutschen 
auf der Bank Pollutionen auslöst. Fürbringer (1. c. S. 124—125). 

Unter meinen Impotenten finden sich auch einige Reiter. Aber unter 
meinen Parapathikern, die nicht impotent sind, finden sich viele Kavallerie- 
offiziere, die leidenschaftliche Reiter sind und über eine ausgezeichnete 
Potenz verfügen. Wie leicht aber ein Trugschluß aus einer Beobachtung 



Ein Kapitel Physiologie. a*i 

gezogen werden kann, die das post hoc mit dem propter hoc verwechselt, 
das beweist der nachfolgende Fall: 

Fall Nr. 14. Herr W. A., 43 Jahre alt, von Beruf Zirkusreiter, führt 
seine Impotenz auf das leidenschaftliche Reiten zurück. Er kenne einige Kol- 
legen, die durch das Reiten impotent geworden seien. Er berichtet, daß er 
infolge des Reitens an Samenfluß leidet. Eine genauere Nachfrage ergibt 
folgende bemerkenswerte Tatsachen. Er hatte schon in der Jugend für Pferde 
ein großes Interesse. Der Hinterteil der Pferde war für ihn immer ein se- 
xuelles Stimulans. Schon mit 15 und 16 Jahren machte er einige Versuche, 
Stuten sein Glied einzuführen. Er hatte immer Angst, überrascht zu werden 
und konnte sein Vorhaben nicht ausführen. Dann begann er mit Mädchen zu 
verkehren und vergaß angeblich diese Jugendtorheiten. Er gesteht aber, daß 
er auf dem Pferde leicht in Träumereien verfalle, welche sich mit Stuten und 
deren Hinterteil befassen. Schließlich gibt er zu, daß er auf dem Pferde geistige 
Onanie treibt, und daß dann infolge des Reizes eine Pollution eintritt. Seine 
Impotenz ist die Folge einer Regression auf infantile Ideale. 

Eine ähnliche Beobachtung des Kollegen Tannenbaum wird uns im 
vierten Kapitel beschäftigen. Beide Beobachtungen beweisen, wie vorsichtig 
man mit ärztlichen Schlüssen sein muß. 

Über die angebliche Impotenz nach längerem Reiten belehrt auch 
eine ältere Beobachtung von Hanc: 

Fall Nr. 15. Ein 20jähriger Mann, der nie onaniert hat, immer ein 
großer Tierliobhaber war, empfindet beim ersten Besteigen eines Pferdes hef- 
tige Libido. Bei der Wiederholung des Versuches tritt eine noch stärkere 
Erektion ein. Nach dem ersten längeren Ritt Ejakulation mit Orgasmus. Nach- 
her heftiger Kampf gegen diese Art der Befriedigung, Ekel, Abscheu, dabei 
Pollutionen mit der Traumvorstellurg, er reite oder dressiere Hunde. Beim 
Anblick von Reitern oder von Hunden treten spontan Erektionen auf. Beim 
Versuch eines Koitus keine Erektion, die aber sofort zur Verfügung steht, 
wenn er einen Reiter sieht. 

Ein neuerlicher Koitusversuch gelingt nur mit der Hilfsvorstellung von 
Reitern und Hunden. Durch suggestive Behandlung und durch Sondenkur 
angeblich vollkommene Heilung, die sich auch in einem veränderten Traum- 
leben zeigt. Er träumt nach der Heilung nur von Mädchen. (Wiener med. 
Blätter, 1877). 

Sehr deutlich zeigt dieser Fall, wie das Entstehen von Impotenz 
nach Reiten zustande kommen kann. Nehmen wir an, dieser Mann würde 
in seiner Ehe unglücklich sein, nicht die gewünschte Befriedigung finden, 
so kann es leicht zu einer Regression auf das infantile Ideal (Pferde und 
Hunde) kommen. Er gibt sich dann mit Leidenschaft dem Reitsporte hin 
und eine dann auftretende Impotenz der Frau gegenüber wird irrtümlich 
auf den Sport bezogen. 

Ich habe nicht konstatieren können, daß bestimmte Berufe die Potenz 
herabsetzen, andere sie erhöhen. Wenn einzelne Ärzte behaupteten, daß 
die Mathematiker zur Impotenz neigen, kann ich ihnen mit einem Mathe- 
matiker aufwarten, der als hoher Siebziger noch immer gewohnt, ist, seinen 



48 



Die Impotenz des Mauues. 



täglichen Koitus zu absolvieren und der über eine sehr große Potenz ver- 
fügt, obgleich er eine Zierde seines Faches ist. Man verwechselt bei diesen 
Untersuchungen leicht Ursache und Wirkung. Viele Menschen sind schein- 
bar impotent, weil sie ihre adäquate Befriedigung nicht gefunden haben, 
eine Paraphilie zu verbergen haben und sich in eine Beschäftigung stürzen 
um sich von der Sexualität abzulenken. 

Ich habe gefunden, daß es in jedem Berufe Potente und Impotente 
gibt und daß selbst die intensive geistige Beschäftigung nicht als ein die 
Potenz herabsetzender Faktor betrachtet werden darf. 

Zu den vielen Vorurteilen, die sich in das Wissen der Ärzte 
eingenistet haben, gehört auch das Vorurteil, daß es Berufe 
gibt, welche Impotenz begünstigen. Dieses Wissen ist auch unter 
den Laien verbreitet, Frauen halten z. B. Offiziere für sehr potent. Schon 
Bacon sagt: „Ich weiß nicht warum, allein Krieger sind der Liebe er- 
geben; doch ich glaube, es entspringt aus eben dem Grunde, weshalb sie 
dem Wein ergeben sind, denn Gefahren wollen gemeiniglich durch Ver- 
gnügen bezahlt werden. "*) 

Es mag ein Zufall sein, aber ich habe die meisten Impotenten unter 
Offizieren gesehen. Im Kapitel über die Kriegsimpotenz wollen wir die 
Ursachen dieser Erscheinung besprechen. Allein auch mein Friedens- 
material setzte sich aus zahlreichen Kriegern zusammen, welche über 
fehlende oder mangelhafte Potenz klagten und diese Schwäche sehr pein- 
lich empfanden, weil man eben von ihnen eine besondere Potenz voraus- 
setzte. 

Es gibt keinen Beruf, der die Sexualität herabsetzt und keinen, der 
sie steigert. Ich sah Impotenz bei Förstern, die sich immer in frischer 
Luft bewegen, bei Touristen, bei Athleten und bei Stubenhockern. 

Es >Yird leicht bei einer Impotenz ein Trugschluß vollzogen und als 
Ursache ein nebensächliches Moment herangezogen. So gilt auch der über- 
mäßige Nikotingenuß als ein potenzherabsetzendes Gift wie der Alkohol. 
Man berücksichtigt dabei nicht, daß die Menschen zu einem Narkotikum 
greifen, wenn sie mit ihrer Sexualität nicht in Ordnung sind. Ich erspare 
mir viele Beispiele und möchte nur eine Impotenz beschreiben, welche von 
mehreren Spezialisten als Tabaksimpotenz bezeichnet wurde. 

Fall Nr. 16. Ein 34 jähriger Konsulatsbeamter konsultierte mich wegen 
Impotenz; seit zwei Jahren keine Erektion mehr, letzter Koitus vor 27 2 Jahren, 
dann durch ein Laibes Jahr allmähliches Nachlassen der Potenz, bis "er voll- 
kommen impotent wurde. Alle Ärzte hätten ihm gesagt, daß diese Schwäche 
die Folge unmäßigen Rauchens sei. Er raucht während 24 Stunden 60 bis 
70 Zigaretten, wobei er immer den Rauch inhaliert. Er hatte die Gewohnheit, 
auch bei Nacht zu rauchen und wacht, von dem Bedürfnis gedrängt, nachts 

') Bacon: Kleinere Schriften. Leipzig 1884. 



Ein Kapitel Physiologie. 40 

jede Stunde auf. Er habe vergeblich versucht, sich das Rauchen abzugewöhnen 
aber es sei ihm nicht gelungen. Er verlangt hypnotische Behandlung. Es wird 
ihm in der leicht zustando gekommenen Hypnose die Saggestion gegeben, im 
Bette nicht mehr rauchen zu können. Am nächsten Tag berichtet er, daß er 
wohl im Bette nicht geraucht habe, aber dafür jede Stunde das Bett verlassen 
habe, um zu rauchen. Die nächste Suggestion, er dürfe von 10 Uhr nachts 
bis 8 Uhr morgens nicht rauchen, erzielte den gewünschten Erfolg, aber bei 
Tage holte er trotz Hj'pnose die ausgelasseneu Zigaretten nach, so daß das 
Tagesquantum das gleiche blieb. Die analytische Erforschung des Falles ergab, 
daß diese Rauchorleidenschaft zugleich mit der Impotenz bei ihm aufgetreten 
war. Er hatte in China ein Verhältnis mit einer Dame, bei der er eine 
ganz außerordentliche Potenz entfaltete. Es war eine Frau, die sich von ihrem 
Manne scheiden ließ und ihm nach Europa folgte. Er war bei ihr imstande, 
den Koitus mehrmals im Tage und auch mehrmals bei Nacht auszuführen. Es 
war die einzige Frau, die auf ihn so erregend wirken konnte. Er hatte den 
festen Entschluß gefaßt, sie zu heiraten und fuhr mit ihr nach Paris, woselbst 
er mit ihr in Saus und Braus lebte. Bald erkaltete aber seine Liebe, er trennte 
sich von ihr, angeblich weil sie ihm gesellschaftlich nicht paßte und zu ver- 
schwenderisch war. Kurz nach dieser Trennung trat ein Erregungszustand mit 
Schlaflosigkeit ein, in den schlaflosen Nächten gewöhnte er sich das Rauchen 
an. Er hatte sich belogen, er liebte diese Frau nach wie vor und hatte sich 
aus intellektuellen Gründen gewaltsam von ihr losgerissen, weil er bei dieser 
Frau ganz schwach und willenlos war. Ihre Küsse aber konnte er nicht ver- 
gessen; die Zigarette sollte das brennende Verlangen nach ihrem Kusse über- 
decken. Die Impotenz war nur eine scheinbare und hatte zu dem Rauchen 
gar keine Beziehungen. Er begehrte eben nur ein Weib und dieses eine 
hatte er aus seinem Herzen gerissen, dieses eine durfte und wollte er nicht 
begehren. Als in der Analyse die alte Liebe wieder aus der Versenkung seines 
Herzens emporstieg, stellten sich sofort wieder Erektionen ein. Er reiste dann 
nach dem Lande, wo die verlassene Geliebte lebte, fand sie noch frei, aber 
erfuhr zu seinem Schmerze, daß er bereits mehrere Nachfolger gefunden hatte. 
Sie führte das Leben einer großen Kokotte. Sein Intellekt hatte ihn davor be- 
wahrt, das Opfer dieses Weibes zu werden, deren Liebkosungen er auch nicht 
vergessen konnte, als er nach wieder erlangter vollkommener Potenz ein ihm 
sehr sympathisches Mädchen heimführte. Der nächtliche Rauchzwang ver- 
schwand, doch war ihm die Gewohnheit geblieben, nachts mehrere Male Scho- 
koladepralines zu sich zu nehmen; diese Näscherei erinnerte ihn an die Stun- 
den, in denen er sie gemeinsam mit soiner unvergeßlichen Geliebten zu sich 
genommen hatte. 

Ich wiederhole: Es ist nicht richtig, daß die Kulturmenschen eine 
geringere Potenz haben als die Bauern und Arbeiter. Mit zunehmender 
Intelligenz steigt auch die Potenz, steigen aber auch die nervösen Störungen 
der Potenz. Es gibt in der kulturellen Oberschichte hochpotente und sehr 
viele halbpotente Männer. Diese Störung der Potenz ist dann nicht auf 
organische Schwäche, sondern immer auf den Einfluß der Hemmungsvor- 
stellungen zurückzuführen. Sehr treffend bemerkt Gyurkovechky: 

Bei allen dem sehen wir, daß hochiutelligente und hochgelehrte Leute 
oft einen ziemlichen Kinderreichtum aufweisen können , so daß Nordau 

Stekel, Störungen den Trieb- nnd Affektloliens. IV. 2. Aufl. 4 



50 Die Impotenz des Mannes. 

mit seiner Behauptung: „Die geraeinen Menschen haben das Geschäft 
der materiellen Erhaltung ihrer Spezies zu besorgen, dio großen Geister 
sich nur mit der ruckweisen Förderung der intellektuellen Entwicklung zu 
befassen. Man schafft nicht zugleich Gedanken und Kinder", wohl schon 
oft Gesagtes wiederholt, aber nicht einmal die Richtigkeit für sich hat. 
Denn die besten Gedanken sind von Leuten , welche, auch Kinder zu 
schaffen imstande waren, während sich nur die einzelnen Impotenten 
damit trösten, daß sie Gedanken schaffen (1. c. 8. 176). 

Femer: 

Im allgemeinen ist der Glaube verbreitet, daß je höher die In- 
telligenzstufe, auf welcher ein männliches Individuum steht, um so geringer 
die sexuelle Leistungsfähigkeit, und das la Fontaine'sche „un muletier ä ce 
jeu vaut trois rois" macht die Runde durch alle französischen und italienischen 
Kücher. Ich glaube, daß diese Ansicht nicht ganz richtig ist, indem es wohl 
richtig sein mag, da trois für eine kurze Zeit genommen, der „muletier" den 
ßieg über etwas dem ,,roi" Ähnliches davontragen wird, aber nach einer 
gewissen Zeit werden die bestialischen Begierden des „muletier" befriedigt 
sein, seine Phantasie wird nicht für dio reellen, so geringen Bedürfnisse 
Vikariieren und dann wird ganz sicher der ,,roi u der Bessere und Leistungs- 
fähigere sein. 

In sexualibus ist zweifelsohne der intelligente Mensch mehr wert 
als sagen wir z. B. der Bauer. Jedermann, welcher Gelegenheit hat, das 
eheliche Zusammenleben der Bauersleute zu beobachten, wird es bald 
heraushaben, daß der Bauer wohl im Anfang der Ehe manchmal ganz 
Bedeutendes leistet, aber später in der Ausübung seiner ehelichen Pflichten 
gar sehr nachlässig wird. Freilich haben hier neben dem Mangel an 
Phantasie auch die schwere körperliche Arbeit, welcher körperliche Er- 
müdung folgt, und die mit den Jahren rapid zunehmende geringe Appetit- 
lichkeit der biederen Landbewohnorinnen einen nicht unbedeutenden 
Einfluß (1. c. S. 174—176). 

Orlowsky aber behauptet: 

Im allgemeinen kann man da die Regel aufstellen, daß das Inter- 
esse an der Potenz im umgekehrten Verhältnisse zu der sozialen Stellung 
und der geistigen Regsamkeit steht. Es mag indes auch an der geringen 
Qualität der Klientel des unbekannten und mit äußeren Titeln nicht ver- 
sehenen Autors liegen. Unter den gebildeten Ständen sind es vor allem 
Ärzte, Land- und Stadtärzte (über 40) gewesen, die ich wegen Impotenz 
und sexueller Neurasthenie zu beraten hatte. Ein Beruf, der so sehr dem 
ärztlichen entspricht, der des Rechtsanwaltes, scheint nahezu immun gegen 
dieses Leiden zu sein. Ich habe nicht einen einzigen in der Hinsicht 
beraten können; dagegen Richter, Oberlehrer, Regierungsbeamte. Ein 
Beruf der als ganz besonders gesund gilt, der des Försters, stellt ein 
auffallend großes Kontingent; nicht nur die niederen, sondern auch 
die höheren Forstbeamten; ähnlich liegen die Verhältnisse bei den hesser 
situierten Landwirten. Ein anderer gesunder Beruf, der des Offiziers, 
stellt wieder fast gar keine hierher Gehörige, obwohl doch die Syphilis und 
besonders die chronische behandelte und nicht behandelte Gonorrhöe in 
dem Beruf sehr verbreitet ist, Allein das sollte darauf aufmerksam machen, 
daß zwischen Impotenz und Geschlechtskrankheiten nicht die ursächlichen 



Ein Kapitel Physiologie. f^ 

Beziehungen zu existieren brauchen, die meist angenommen werden. Eine 
ganz erstaunlieh große Zahl Impotenter zählt der Beruf des Volksschul- 
lehrers, ahnliches berichtet auch schon Köcher. Ähnlich liegen hier die 
Verhältnisse bei mittleren , schreibenden Beamten , Sekretären, Aktuaren, 
Kanzlisten, Bürovorstehern etc. (Orlowsky, 1. c. S. 20). 

Diese Beobachtungen kann ich ebensowenig bestätigen, als die Behaup- 
tung, daß Ärzte ein größeres Kontigent zu den Impotenten stellen, als 
die Advokaten. Viele Parapathiker werden Ärzte, um sich heilen zu können. 
Von der Impotenz wird kein Beruf verschont. Man verwechselt die Tat- 
sache, daß die verdrängte Sexualität Menschen zur Sublimierung drängt, 
mit einer Hypothese von der Schädlichkeit eines Berufes. Daß Philosophen 
liebesunfähig sind, häufig Junggesellen bleiben (siehe Nietzsche, Kant, 
Schopenhauer), hängt mit ihrer Parapathie zusammen, welche sie zur Philo- 
sophie gedrängt hat. Ich kenne aber hochpotente Philosophen und Stuben- 
hocker. H. Ellis bemerkt mit Recht: „Wir kommen also zur Einsicht, 
daß, entgegen der einst weit verbreiteten Anschauung, mit wachsender 
Kultur der Geschlechtstrieb an Stärke zunimmt. Lucrez hat dies bemerkt; 
nach ihm scheint diese Einsicht verloren gegangen zu sein." 

Es stimmt ja mit meinen Erfahrungen, daß Dichter und alle künst- 
lerischen und schaffenden Geister ein viel stärkeres Triebleben zeigen 
als die sogenannten Normalmenschen. Goethe ist als Dichter kein Aus- 
nahmsmensch in sexueller Hinsicht. Wir kennen unzählige Beispiele vom 
Auftreten des erstaunlich frühen Liebeslriebes bei Dichtern und von ihrer 
großartigen Fähigkeit, sich im hohen Alter wieder zu verlieben. 

Philosophen sind häufig Junggesellen und können scheinbar leicht 
auf Befriedigung verzichten. Fast alle Junggesellen sind — mit wenigen 
Ausnahmen — in sexueller Hinsicht nicht ganz in Ordnung. Sie ver- 
bergen irgend eine Paraphilie. 0?-lowsky führt die Abnahme der Jung- 
gesellenpotenz auf „Exzesse" zurück: 

Die sexuelle Abnahme der Junggesellenpotenz könnte man durch 
sexuelle Mißbräuche, quantitativen Sexualabusus, unsoliden und unregel- 
mäßigen Lebenswandel, Fehlen des nervenkonservierenden Einflusses des 
eigenen Heimes erklären. In der Hinsicht habe ich nun die nötige Anzahl 
von Fällen beobachtet, wo alle diese Faktoren und auch übermäßiger 
Alkoholgenuß auszuschließen waren. Ich erblicke als die einzige Ursache 
die Seltenheit und dann relative Häufung des Geschlechtsverkehrs hinter- 
einander. 

Wenn Luther als Norm für die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs 
den bekannten Spruch: „In der Woche zwier schadet weder dir noch mir 
und macht im Jahre hundertvier" aufstellte, so glaube ich, daß selbst ein 
täglich einmaliger Verkehr in dem entsprechenden Lebensalter nichts zu 
schaden braucht, während ein einmaliger Verkehr in der Woche, aber 
oft hintereinander ausgeführt, unter sonst den gleichen Verhältnissen 
sicher schadet, oder für unser Gebiet hieße die entsprechende mathema- 
tische Formel lx3>7Xl. Der Junggeselle, der unter diesen Verhält- 

4* 



*** Die Ipotmenz des Mannes. 

nissen fast stets lebt, reduziert dadurch langsam aber sicher seine Potenz; 
als deren Endpunkt möchte ich den Anfang der 50 er Jahre bezeichnen! 
Eine derartige Impotenz ist dann physiologisch und natürlich nicht zu 
behandeln (Orloiosky, 1. c. 8. 21—22). 

Auch die Behauptung von der „physiologischen Impotenz" infolge 
von Abstinenz kann ich nicht unterschreiben. Auch die Schäden des mehr- 
fach wiederholten Koitus werden übertrieben. Ich kenne Männer, die 
durch 20 Jahre ihre Geliebte einmal wöchentlich aufsuchten, dann aber 
regelmäßig 2— 3mal verkehrten, ohne daß ich die geringste Schädigung 
der Gesundheit nachweisen konnte. Junggesellen werden nur scheinbar 
impotent. Es handelt sich auch da nur um den Einfluß von Hemmungen, 
die mit den Jahren infolge der Gewohnheit immer mehr zunehmen. Unter 
den Junggesellen finden sich sehr viele Zwangsparapathiker und Latent-Homo- 
sexuelle, verkappte Paraphilien; ihre Aggressionskraft ist infolge innerer 
Widerstände gelähmt, sie sublimieren immer mehr, verwandeln sich in 
Sammler, Originale, Fetischisten usw. Es kommt aber hie und da vor daß 
so ein Junggeselle die Hemmungen überwindet und wieder nach einer län- 
geren Periode der Abstinenz sexuell aktiv wird, wenn die besonderen 
Bedingungen seiner Potenz erfüllt werden. 

Kehren wir nach diesem Ausflüge in das Land der Widersprüche 
zu der Physiologie des männlichen Geschlechtslebens zurück. Das Liebes- 
leben der Menschen verläuft in Perioden und äußert sich in einer zeit- 
weise gesteigerten Liebesbereitschaft. Diese Perioden schwanken zwischen 
sieben und neun Jahren. Auf der Höhe der Liebesbereitschaft kommt es 
entweder zu gesteigerter Liebesfälligkeit oder zu parapathi sehen Reaktions- 
bildungen. Die Akme wird sich also entweder als gesteigerte Potenz oder 
als Impotenz äußern, je nachdem, ob die gesteigerte Sehnsucht erfüllt 
oder nicht erfüllt wurde. 

Daß die männliche Potenz bestimmten Schwankungen unterworfen 
ist, hängt auch mit den bestimmten Verhältnissen des Ehelebens zusammen 
Im Durchschnitt beobachtet man folgendes Verhalten. Die Männer sind 
in der Brautnacht selten große Helden. Impotenz und Ejaculatio praecox 
sind in mehr als in der Hälfte der Fälle vorhanden. (Der Mann gibt 
dann an, seine Frau zu schonen oder entschuldigt sich mit zu großer 
Leidenschaftlichkeit.) Dann kommt es infolge der Überwindung von 
Hemmungen zu einer Besserung der Potenz und oft zur Ausbildung 
aer Mhigkeit, die Ejakulation zurückzuhalten. Leider stumpfen sich die 

ßSJTt ? u° attin ab - Deshalb tiitt dann eine scheinbare Abnahme des 
Geschlechtstriebes nach dem 35. Lebensjahre ein, um - wie sich Löwen- 
feld ausdruckt - g egen die Fünfzig allmahlich abzusinken . 

Die Erfahrungen zeigen uns aber, daß diese Abnahme nur eine 
scheinbare und auf die Abstumpfung in der Ehe zurückzuführen ist 
(wobei ich nicht leugnen will, daß bei Liebespaaren in der Ehe sich 



Ein Kapitel Physiologie. 



53 



Lust und Verlangen steigern und bis ins Alter wach erhalten können. 
Es sind aber Ausnahmen). Im außerehelichen Verkehre zeigen diese 
Männer — sobald nicht Hemmungen die Potenz herabsetzen - eine viel 
stärkere Potenz als in der Ehe. Es gibt dem Sexualforscher zu denken, daß 
alle Fälle von Ruptur der Scheide und des Mastdarmes nach außerehelichem 
und sehr stürmischem Beischlaf zustande kamen. 

Die Potenz und die Stärke der Erektion ist bei einem und demselben 
Menschen den verschiedensten Veränderungen unterworfen. Die „Launen 
der Potenz" lassen sich aber immer psychologisch und physiologisch er- 
klären. Die bisherige Beobachtung hat die bloßen Tatsachen registriert, 
ohne eine tiefere Analyse zu versuchen. Die Psychanalyse gibt uns den 
großen Vorteil, daß wir das feine innere Räderwerk der Seele er- 
kennen können und so auch die Psychogenese der Impotenz verständ- 
lich wird. 

Was ist schon Impotenz? Und welcher Mann kann als hochpotent 
bezeichnet werden? Es läßt sich natürlich keine Regel angeben. Löwenfeld 
meint, daß ein Koitus m der Dauer von 10 Minuten als normal betrachtet 
werden kann, während Effertz vom potenten Manne verlangt, daß er 
den Orgasmus auf eine Viertelstunde hinausschieben könne. Das' ist also 
ein Streit um 5 Minuten, der eigentlich schon deshalb unfruchtbar ist. 
weil die Potenz des Mannes sich nach der Qualität seiner Frau richten 
muß. Für eine Frau, welche schon nach 3 Minuten zum Orgasmus kommt 
wird ein Mann, der es bis 5 Minuten aushält, ein hochpotenter Mann 
sein. Eine andere Frau, welche nur schwer zum Orgasmus zu bringen ist, 
wird mit 10—15 Minuten unzufrieden sein. 

Nach meinen Erfahrungen wird der von Löwenfeld aufgestellte 
Standard (10 Minuten) in den wenigsten Fähen erreicht. Ich habe schon 
betont, daß die Mehrzahl der Männer an Ejaculatio praecox leidet und 
glücklich ist, wenn sie mit dem Orgasmus erst nach einigen Minuten die 
Erektion verliert. Doch auch diese Erscheinung ist individuell und 
ncntet sich immer nach dem Partner. Jeder Mann ist bei jedem Weibe 
ganz anders potent oder anders impotent. 

Manche Männer haben die Fähigkeit, nach der sehr rasch erfolgten 
ersten Ejakulation noch eine halbe Stunde und oft länger den Koitus 
fortzusetzen, ohne ein zweites Mal zum Orgasmus kommen zu können 
Es handelt sich oft um Paraphilien, die sich auf diese Weise äußern 
daß nach der rasch erfolgten ersten Ejakulation keine zweite erfolgt weil 
die adäquate Sexualbefriedigung nicht gefunden wird. (Besonders" häufig 
bei Latent-Homosexuellen!) 

Damit nicht zu verwechseln ist die Fähigkeit, den Orgasmus hinaus- 
zuschieben. Die Japaner sollen in dieser Kunst eine große Meisterschaft 
erlangt haben und den Koitus oft stundenlang fortsetzen. Ich habe wieder- 



54 Die Impotenz dos Mannes. 

holt vernommen, daß auch Europäer diese Eigenschaft zeigen, und kenne 
Fälle, in denen der Koitus mehrere Stunden hinausgeschoben wurde. 
Löwenfeld bezweifelt diese Möglichkeit: 

Die Angaben, welche Effertz über die normale Dauer des Koitus 
und damit der Erektion des Mannes macht, scheinen mir durchaus 
unstichhaltig. Er betrachtet die Fähigkeit, den Orgasmus willkürlich 
hinauszuschieben, als ein Kriterium normaler Potenz und hält den Mann, 
der den Orgasmus nicht wenigstens eine Viertelstunde hinausschieben 

kann „es sei denn, daß er eine lange Abstinenz hinter sich hat, oder 

daß es der erste Koitus mit der vorliegenden Frau ist" — nicht für 
normal. Diese Annahmen entbehren nach meinen Erfahrungen ganz und 
gar der Begründung. Die Fähigkeit, die Ejakulation willkürlich hinaus- 
zuschieben, ist nicht bei allen sexuell normalen Männern vorhanden, wie 
Effertz annimmt , und unterliegt in den Einzelfällen erheblichen Schwan- 
kungen. Ein Mann, der den Koitus bis zu 10 Minuten verlängern kann, 
muß sicher noch als normal betrachtet werden. Die weitere Angabe des 
Autors, die auf Mitteilungen normaler Männer oder deren Frauen beruhen 
soll, daß es einzelnen Individuen möglich ist, den Orgasmus mehrere 
Stunden hinauszuschieben, ermangelt ganz und gar der Glaubwürdigkeit. 
Die Ermüdung muß auch bei einem sehr kräftigen Manne eine so lange 
Fortsetzung des Koitus verhindern (1. c. S. 88). 

Es besteht aber für mich gar kein Zweifel, daß Kohahitationen sich 
bis zu einer Stunde und sogar bis zu drei Stunden ausdehnen können, 
ohne daß Mann und Frau eine besondere Erschöpfung zeigen. Gewöhnlich 
erfolgt nach der letzten Ejakulation — oder nach der lange hinausge- 
geschobenen Ejakulation — ein unwiderstehliches Schlafbedürfnis, aus dem 
die Männer frisch und munter erwachen. Es gibt keinen falscheren Satz 
als den bekannten: Post coitum omne animal triste . . . nisi gallus, qui 
cantat. 

Wer in dem Koitus seine Befriedigung gefunden hat, wird unbedingt 
das Hochgefühl erhöhter Lebensfreude empfinden. Nur der Sexualhypo- 
chonder und der im Grunde vom Koitus Unbefriedigte werden mit einer 
Depression und allerlei Krankheitssymptomen reagieren. 

Ich freue mich, in dieser Hinsicht mit Vürbringer und (xyurkovechky 
einer Meinung zu sein. 

Daß unsere Neurastheniker gern mit ungewöhnlicher Mattigkeit und 
quälender Erregung auf die Kohabitation reagieren, haben wir bereits 
angedeutet. Doch fühlen wir uns verpflichtet, gleich hiuzuzufügeu, daß 
diese Regel unserer Erfahrung nach von zahlreichen Ausnahmen durch- 
brochen wird, als daß wir ihrer nicht besonders gedenken müßten. Selbst 
bei gleichzeitiger gesunkener Potenz braucht die Leistung der ehelichen 
Pflicht keine auffallenden Nachwirkungen zu hinterlassen. Es kann sogar 
der Beischlaf allgemeine nervöse Störungen auf Zeit bessern und die 
Euphorie fördern, ohne daß irgend welche schädliche Beigabe, etwa wie 
bei Alkohol- oder Morphiumgenuß, ihr Recht später geltend macht. Ein 
Patient in den kräftigsten Manucsjahren ließ sich von uns wegen sinkender 



Kin Kapitel Physiologie. 55 

Libido uur deshalb beraten, weil ihm diese Störung den Anreiz zum 
häufigeren Verkehr mit seiner Gattin benommen, welch letzterer als Be- 
ruliigungs- und Erfrischungsmoment in seinem Leben eine große Rolle 
spielte. In einem zweiten Falle teilte uns ein junger soxualneurasthenischer 
Kollege mit, daß er weniger aus Pflichtgefühl sich seiner Frau näherte, 
als vielmehr deshalb; weil er sicli nach vollbrachtem Koitus für längere 
Zeit besonders wohl fühle. Um so mehr beklage er es jetzt, wo er sich aus 
Anlaß weniger standhafter Erektion bis zur Erschöpfung abmühen müsse, um 
es zur Ejakulation zu bringen. Wir benützen die Gelegenheit, um rücksicht- 
lich der Nachwirkungen des Beischlafes überhaupt, <!. i. anter normalen 
Bedingungen, noch einmal mit Gyurkovechhy gegen die noch immer land- 
läufige Anschauung, daß die Ejakulation Erschöpfung und Verstimmung 
im Gefolge habe, zu protestieren. Wie wir bereits erwähnt, ist die be- 
hagliche Erschlaffung ohne triste Nachempfindung bei Gesunden die 
Regel. „Laote venire Venus, tristis abire solet" erkennt der genannte 
Autor mit Recht nur insoweit an, als der Gourmand nach dem Essen 
bedauert, nicht vor dem Essen zu sein. Daß die nachteiligen Folgen des 
Koitus bei Nervösen erst mehrere Tage nach dem Beischlafe sich melden 
sollen, was Board meint, haben wir auch nie beobachtet (Fürbrinqer, 
I. c. S. 68). 

Viele Ärzte bezeichnen einen protrahierten Koitus als Exzeß und 
betrachten ihn als schädlich, ich selbst habe früher an diese Irrlehre ge- 
glaubt und wollte auch beobachten, daß sich parapathischc Erscheinungen 
nach Coitus interruptus und Coitus prolongatus einstellen. Ich gestehe 
reuig, daß ich mich geirrt habe und daß ich in der dritten Auflage der 
„Nervösen Angstzuslände" diesen Fehler berichtigt habe, zu dem mich 
die Autorität meines einstigen Lehrers Freud verführt hat. Seit ich dio 
Macht der seelischen Kräfte besser erkennen und verstehen gelernt habe, 
bin ich vor solchen Irrtümern gefeit. Ich kann auch aus langjähriger 
eigener Erfahrung berichten — und es gibt nur einen sicheren Lehrer: 
die eigene Erfahrung — , daß sich jedesmal die Vergewaltigung des In- 
stinktes rächt Was wir gegen unseren Instinkt erzwingen, ist schädlich. 
Was im Feuer der echten Liebe vor sicli geht, ist niemals schädlich. Der 
Liebende wird nach der Erfüllung seines körperlichen Verlangens glück- 
lich und zufrieden, beruhigt und selig sein. Wenn er anderer Stimmung 
ist, so klappt etwas nicht in dieser Liebe. . . . 

Es ist nicht so leicht, sogenannte Exzesse zu begehen, wenn man 
sich vom Instinkt leiten läßt. Alles Unglück der Sexualhypochonder stammt 
aus der Gewalt, mit der sie ihren Instinkt durch den Intellekt vergewaltigen. 
Es wird so viel über den Schaden der sexuellen Exzesse geschrieben und 
erfahrene Autoren — selbst der viel wissende Fiirbringer — verzeichnen 
die Wahrnehmung, daß Impotenz die Folge sexueller Exzesse sein kann. 
Das ist ein Beobachtungsfehler, bei dem das post hoc für ein propter hoc 
gesetzt wird. Ein Mann kann bei einer geliebten und heißbegehrten Frau 
sich leidenschaftlich austoben. Er kann es bei mehreren Frauen tun. Später, 



56 



Die Impotenz des Mannes. 



wenn sein Gewissen erwacht — ich meine das religiöse, moralische und 
hygienische Gewissen — , kann er auf sein Vorleben mit einer scheinbaren 
Impotenz reagieren, welche dann als Folge der Exzesse aufgefaßt wird 
Sie stellt aber nur einen Schachzug des inneren Menschen dar, um eine 
Keuschheit durchzusetzen, die nicht in der Natur des Menschen liegt. Man 
kann daher nicht die Hegel aufstellen, der Mann solle so oft oder so 
wenig verkehren. Das bekannte Lutherwort „In der Woche zwier, schadet, 
weder dir noch mir!" hat in der Praxis gar keine Berechtigung. Der 
Geschlechtstrieb läßt sich nicht registrieren, kasernieren, nach Regeln ein- 
dämmen, wie ein Strom in bestimmte gesetzmäßige Bahnen bringen.. Es 
gibt Menschen, welche ihren allwöchentlichen Koitus nur aus Gesundheits- 
rücksichten absolvieren. Das ist ebenso lächerlich, wie das Bestreben, 
möglichst große Leistungen auf sexuellem Gebiete zu erzwingen. Jedermann 
hat Perioden, wo er eine verringerte Geschlechtslust zeigt und der Instinkt 
Abstinenz verlangt, wonach sich später wieder Zeiten einer erhöhten 
Liebesbereitschaft und eines gesteigerten Begehrens melden, welche die 
alten Erfahrungen und Regeln über den Haufen werfen. 

Und wie verschieden sind die Ansichten der Ärzte über diesen 
Punkt! Wahrlich ein Kranker wird ganz verwirrt, wenn er sich bei ver 
schiedenen Autoren Rat holen wollte. 

Hmnmond betrachtet das Befolgen der Lutherregel als Exzeß: 

Oft werden Exzesse begangen, ohne daß das Individuum sich dessen 
bewußt ist. Was soll man unter Exzessen verstehen? Viele Männer glauben, 
daß sie die natürlichen Grenzen nicht überschreiten, wenn sie jeden Tag 
den Beischlaf abhalten, andere wieder tun dies regelmäßig zweimal 
wöchentlich, noch andere nnr einmal nnd manche sogar nur allmonatlich. 
Außerordentlich schwierig ist es daher, hiefür einen Maßstab zu fiuden, 
der für alle Menschen anwendbar wäre. Die Frage würde in dor Tat 
nicht zu lösen sein, denn nicht alle Menschen siud gleich und was man bei 
dem Einen Exzeß nennen müßte, würde bei dem Andern Zurückhaltung 
sein. Aber man darf dreist behaupten, daß ein täglich ausgeführter Bei 
schlaf auch für den stärksten Mann einen Exzeß bedeutet. 

Viele werden es wohl ohne sichtbare Verringerung ihrer Potenz 
mehrere Jahre aushalten, es tritt aber regelmäßig Impotenz vor der nor 
malen Zeit ein. Selbst zweimal wöchentlich ist für die meisten Männer 
noch als Exzeß zu betrachten und führt zu einer vorzeitigen Vernichtuug 
der sexuellen Potenz. Einen einmaligen Beischlaf in der Woche kann 
man bei gesunden Männern zwischen dem 25.— 40. Jahre als Norm bo 
trachten. Vor dem 21. Jahre sollte geschlechtlicher Verkehr überhaupt 
nicht getrieben werden. Zwischen dem 21. und 25. Jahre jedenfalls nicht 
häufiger als einmal in 10—12 Tagen, denn, wie es sich ausnahmslos ge 
zeigt hat, tritt der Verlust der Potenz um so früher ein, je grüßer der 
Exzeß ist. Wenn ein Individuum also seine Potenz bis in das Alter hinein 
behalten will, so darf es in der Jugend nicht allzu sehr der Sinnes 
last fröhnen. 



Ein Kapitel Physiologie. 57 

Daß zivilisierte Völker im allgemeinen sich mehr dem Geschlechts- 
verkehr hingeben, bedarf keiner Frage, denn wir haben die Wirkungen 
in dem frühen Verlust der Potenz täglich vor Augen. Schlüpfrige Lektüre, 
geschlechtlich aufregende Spiele und selbst die Fesseln, welche die Sitte 
der zügellosen Sinneslust auferlegt, wirken bei manchen Männern gerade 
als sexuelle Reizmittel. In zivilisierten Gegenden werden solche Ursachen 
immer mächtiger wirken als unter Wilden, wo sie in der Tat gar nicht 
beobachtet werden und die Mahnnngen der Natur allein den Antrieb zur 
Begattung bilden. Die Folge davon ist, daß ceteris paribus die Zivilisierten 
zu einer früheren Zeit impotent werden als ihre unzivilisierten Brüder. 

Wie viele 60jährige Männer in New York sind überhaupt noch 
fähig, eine natürliche und erfolgreiche Rohabitation abzuhalten? Nicht einer 
von 20, und dennoch sollte die Potenz, wie wir oft bei Männern sehen, 
die im Geschlechtsgenuß mäßig gewesen waren, bis zu 70 Jahren und 
darüber erhalten bleiben. Man findet in der Tat selten einen Fünfziger, 
der seine Rräfte in der Ehe so geschont hat, daß er noch alle 14 Tage 
einen Koitus ausüben kann ; und dann befriedigt der Akt weder ihn noch 
seine Partnerin (Hammond, 1. c. S. 78 — 79). 

Also wieder das Märchen von der Schonung der Zeugungskraft und 
dem Segen der Mäßigkeit, das von der Wirklichkeit immer wieder als 
Märchen entlarvt wird. Sicher ist es, daß die geschlechtliche Leistungs- 
fähigkeit große individuelle Unterschiede zeigt, weil auch die Hemmungen 
bei verschiedenen Menschen verschieden sind. Viele Menschen haben es 
verstanden, den Geschlechtstrieb zu sublimieren, während andere Ehrgeiz, 
Willen zur Macht und andere psychische Kräfte in ihr Liebesleben ver- 
pflanzt haben. 

Vorurteilslose Beobachter, wozu ich besonders Gyurkovechky und 
auch Guttzeit zähle, haben ganz andere Erfahrungen wie Hammond. Der 
erstere sagt: 

Exzesse in venere werden zumeist von edler angelegten Naturen 
begangen, welche dem Vergnügen, mit einem geliebten Wesen die höchste 
Lust zu teilen, die Rücksichten für ihre Gesundheit unterordnen; darum 
sehen wir zumeist geniale, künstlerisch angelegte Naturen der Liebes- 
wollust fröhnen und hie und da auch zum Opfer fallen, während ego- 
istische und kleinliche Naturen mit Zahlen rechnen und im Liebestaumel 
von dem Gedanken aufgehalten werden: „Das könnte mir schaden!". 

Geradezu eigentümlich ist es jedoch, daß wenig Rücksicht auf das 
Erhalten der Potenz nehmende Individuen die Potenz bis in das späte 
Alter erhalten, während die immer ökonomisch Haushaltenden sehr häufig 
vor der Zeit gänzlich impotent worden. Die Macht der Gewohnheit spielt 
hier eine ungeheuere Rollo ; die einen sinken von viel auf wenig, während 
die anderen von wenig auf nichts kommen. (Pathologie und Therapie 
der männlichen Impotenz von Dr. Viktor G. Veckij v. Gyurkovechky. Wien 
nnd Leipzig, ürban & Sehwarzenberg, 1. c. 8. 127.) 

Ich habe also wiederholt beobachtet, daß die sogenannten Exzesse 
von den Menschen besser vertragen wurden als die Abstinenz. Über das 
Maß des Zuträglichen gehen die Ansichten der Ärzte ebenso auseinander 



08 Die Impotenz des Mannes. 

wie die der Laien. Hier spielt sicherlich die „sexuelle Konstitution" eine 
große Rolle. Es gibt sexuelle Athleten und sexuelle Schwächlinge. Aber 
je mehr ich in das Wesen der Impotenz eindringe, desto geringer schätze 
ich den konstitutionellen Faktor ein und desto höher und wichtiger er- 
scheint mir der seelische. Vielleicht werde ich mich bald zu der Ansicht, 
bekennen, dali die individuellen Potenzunterschiede sehr gering sind. Die 
Hauptsache bleibt die Kraft der Hemmungen, die den Geschlechtstrieb 
umgeben. Wer daran glaubt, daß er sich mit jedem Geschlechtsakt in 
der Gesundheit schädigt, wer an Angst vor Ansteckung leidet, wer seine 
moralischen und religiösen Hemmungen überwinden muß, der wird aller- 
dings nie seine volle Potenz entfalten können. Diese besonderen Einflüsse 
der Hemmungen werden in dem Kapitel über „Ejaculatio praecox" noch 
ausführlich besprochen werden. 

Ich habe in meiner Praxis Beispiele ganz außerordentlicher Potenz 
.sammeln können. Ich sah Ehemänner, die durch 20 Jahre und darüber 
hinaus ihren täglichen Koitus absolvierten, manche,, die trotz der täglichen 
Erfüllung der ehelichen Pflicht sich noch auswärts vergnügten und fleißig 
Seitensprünge machten, ohne der Frau den gewohnten Koitus zu entziehen. 
(Das taten sie schon, um nicht Verdacht zu erregen.) Auch durch mehrere 
Jahre fortgesetzte mehrmalige Kohabitationen im Tage wurden mir berichtet, 
ohne daß ich einen Schaden an Gesundheit und Nervenkraft beobachten 
konnte. 

Es gibt Menschen, die es nie zustande bringen, mehr als einen Bei- 
schlaf in der Nacht zu vollziehen. In diesen Fällen handelt es sich gleich- 
falls um versteckte Paraphilien. Auch ein geringes Begehren des Partners 
kann sich auf diese Weise äußern. Der Normalmann müßte imstande 
sein, den Koitus mehrere Male in einer Nacht oder in einem anderen 
Zeitraum zu vollziehen. Gewöhnlich erreicht der gut potente Durchschnitts- 
mensch seine höchste Leistungsfähigkeit auf der Hochzeitsreise, wenn eine 
längere Abstinenz vorangegangen ist und es sich um eine Liebesheirat 
handelt. Es ist schon anderen Beobachtern aufgefallen, daß trotz dieser 
gesteigerten Leistung, die oft unglaubliche Grade erreichen kann, das 
Aussehen der jungen Ehepaare blühend und der Gesundheitszustand ein 
vortrefflicher ist. Ich habe wiederholt von Leistungen vernommen, die das 
Dutzend in einer Nacht überstiegen. 

Löwenfeld hat ähnliche P>fahrungen. Er berichtet: 

Daß junge Männer (neuvermählte oder in ähnlichen Verhältnissen 
sich .befindende) in einer Nacht 10 — 12nial kokabitieren , dürfte keino 
Seltenheit bilden. In einzelnen Fällen vernahm ich von noch größeren 
Zahlen. Diese Leistungen sind jedoch gewöhnlich vorübergehender Natur 
und mitunter von einer nervösen Erschöpfung gefolgt, die längere Ent- 
sagung aufnötigt. Zu derartigen Exzessen sind unter dem Einflüsse einer 
mächtig angeregten Libido auch Individuen befähigt, dio sich im allge- 



Ein Kapitel Physiologie. 59 

meinen keiner außergewöhnlich starken Potenz erfreuen. Anders liegen 
die Dinge iu Fällen, in welchen viele Jahre hindurch der Beischlaf in 
einer das Gewöhnliche weit übersteigenden Häufigkeit ausgeübt wird. Das 
Maximum, das mir in dieser Beziehung bekannt wurde, betrifft einen 
Fleischer, der im Laufe einer 15jährigen Ehe den Koitus in den ersten 
drei Jahren im Durchschnitt 8— lOmal, in den folgenden Jahren 2—8- 
mal täglich ausübte. Au diesen Fall reiht sich — horribile dictu — der 
eines Pastors, eines geistig hochbegabten, aber mit Libido nimia behaf- 
teten Mannes, der seine Sinnlichkeit nicht genügend zu beherrschen ver- 
mag; dieser übte im Verlaufe einer 12 jährigen Ehe im Durchschnitt 
täglich dreimal den Koitus aus. In beiden Fällen litten dio Nerven der 
Frau durch diese maßlose sexuelle Inanspruchnahme bedeutend Schaden. 
Die Frau des ersterwähnten Mannes, anf deren Fall wir noch zu sprechen 
kommen werden , ließ sich scheiden. Die Frau des Pastors ergab sich 
aus Verzweiflung über das Verhalten ihres Gatten dem Trünke. (Liiwen- 
feld 1. c. S. 89.) 

Ein allerdings herkulisch gebauter Mann von 72 Jahren berichtete 
mir, daß er in seiner Jugend (zwischen 20 und 30) wiederholt sechs- bis 
zehnmal in einer Nacht kohabitiert habe. Seine größte Leistung erreichte 
er im 18. Lebensjahre. Er war damals in einem Geschäfte bedienstet. 
Sein Herr, der jung verheiratet war, mußte plötzlich verreisen. Die Prinzi- 
palin gab ihm zu verstehen, daß er sie des Nachts besuchen dürfe. Er 
machte von dieser Einladung Gebrauch und war zu seiner Beschämung 
vollkommen impotent. Die Frau war sehr ungehalten und spottete über 
seine Unfähigkeit. In der nächsten Nacht kam er wieder zu ihr und voll- 
zog den Koitus zwanzigmal! 

Über große Leistungen auf diesem Gebiete berichtet auch Manteyazza: 

Ich habe einen Romagnolen gekannt, von erdiger Farbe mit einem 
Satyrgesicht, von sehr geschwächter Gesundheit. Er war jetzt fünfzig 
Jahre alt und hatte in seiner Jugend einmal siebzehn Weiber an einem 
Tage umarmt. Viele Monate lang tat er es zwei- und dreimal täglich. Ein 
junger Argentinier, welcher mit einer jungen Fran zusammenlebte, genoß 
die Umarmung ein ganzes Jahr lang zweimal täglich. Eine Frau in Zürich 
wurde in einer Nacht von einem Manne achtzehnmal umarmt. Sie wurdo 
darauf acht Tage lang krank. Eine Dame aus der Komagna erduldete 
die Liebkosungen desselben Mannes vierzehnmal in einer Nacht. Ich 
kenne einen anderen Fall von einem jungen Menschen, der den Koitus 
vierzehnmal an einein Tag vollzog, und von einem anderen, der es zehn- 
mal tat. Ich habe einen jungen Engländer gekannt, welcher sich mit 
einem sehr schönen Mädchen in ein Zimmer verschloß, mit edlen Weinen 
und kräftigen Speisen, und sich durch das Übermaß der Liebe zu töten 
versuchte. Nach drei- oder viertägigen Ausschweifungen wurde er krank, 
starb aber nicht. l ) Einer der tapfersten Generäle unseres Heeres, neun- 
undvierzig Jahre alt, konnte in einem Liebesstelldichein binnen drei Stunden 

') Es dürfte sich um den Fall handeln, über den Winternitz einmal iu der 
Wiener Gesellschaft der Ärzte" berichtete. Der Engländer soll das Hotel mit einem 
akut entstandenen Basedow verlassen haben. 






60 Die Impotenz des Mannes. 

seine Schöne fünfmal erobern, wie er auch sonst viele Tage nacheinander 
tüglich der Venus opfern konnte. Ein mir bekannter Politiker hatte nach 
Zurücklegnng des sechzigsten Jahres den Wahlspruch angenommen : „semel 
in hebdomade" und befand sich vortrefflich dabei. Einige dieser Tatsachen 
können etwas tibertrieben sein, aber ich halte die Möglichkeit von zehn 
bis vierzehn Umarmungen an einem Tag und ohne Schaden für die Ge- 
sundheit für wissenschaftlich bewiesen. Die Königin von Arragonien be- 
zeichnete die sechsmalige Umarmung täglich durch königliches Dekret als 
das richtige Maß, wie es uns Montaigne mit seinem gewöhnlichen guten 
Humor erzählt (Mantegazza, 1. c. S. 91 — 92). 

Einen interessanten Gegensatz zu diesen Sexualathleten bilden die 
bekannten Sexualhypochonder, von denen wir noch einige Exemplare in 
diesem Buche kennen lernen werden. Es sind Menschen, die nach jedem 
Koitus ein Heer von Beschwerden oder ganz bestimmte Schmerzen erleiden. 
In den meisten Fällen wird über unerträgliche Schmerzen im Kreuz und 
im Rücken geklagt. Die Zumutung, daß es sich um Autosuggestion handelt, 
wird entrüstet zurückgewiesen. Sie beweisen aus ihren Erfahrungen, daß 
jedesmal nach dem Koitus am nächsten Tage der bewußte Schmerz ein- 
trete, und lassen sich ihren Glauben an diesen Zusammenhang nicht rauben. 
Sie werden leicht Asketen, was so zu verstehen ist, daß sie sich durch die 
Schmerzen zur Askese zwingen und daß ihre Hypochondrie ein Schutz gegen 
ihre übermächtigen Triebe ist. Es gibt eben freiwillige und erzwungene 
Asketen, welche ihre Askese durch allerlei philosophische, ethische und 
hygienische Motive maskieren und sich ihre Frömmigkeit nicht eingestehen 
wollen. Sie werden alle Sexualhypochonder. 

In der Mitte stehen die Männer, welche ängstlich jeden Koitus zählen 
und sich bestreben, durch Maßhalten ihre Gesundheit und ihre Potenz zu 
erhalten. Meist entsteht diese Tendenz nach reichlicher Onanie und soll 
einen Ausgleich zwischen den Samenverlusten der Vergangenheit und der 
Sparsamkeit der Gegenwart herbeiführen. 

In allen diesen Fällen handelt es sich nicht um organische Schwächen, 
sondern um etwas Gewolltes. Wir sehen nur die Wirkung zahlreicher 
Hemmungen. Mitunter verwandeln sich solche Sexualhypochonder in Lebe- 
männer, wenn aus irgend einem Grunde die Hemmungen gelöst werden. 
Eigentlich trägt jeder Kulturmensch, wie der „eiserne Heinrich", die drei 
eisernen Reifen (Angst — Ekel — Scham) um seinen Leib, von denen das 
sinnvolle Märchen vom Froschkönig berichtet. 

Es gehört zu den schönsten Aufgaben des Psychotherapeuten, diese 
Reifen zu lösen und dem Manne seine Liebesfähigkeit und seine Lebens- 
freudigkeit wiederzugeben. Ich habe noch nie einen impotenten Mann 
gesehen, der glücklich war 



Besondere Bedingungen der männlichen Potenz. 61 

rv. 

Besondere Bedingungen der männlichen Potenz. 

Übertretungen kommen nur von Geboten, 
Hühneraugen von engen Schuhen. 

Peter Hille. 

Es gibt wenig Männer, deren Potenz nicht an eine besondere Bedin- 
gung geknüpft wäre. Ich habe diese „Individuellen Liebesbedingungen-' im 
Kapitel II (Die Liebe auf den ersten Blick) und III (Individuelle Liebes- 
bedingungen) des vorhergehenden Bandes der „Störungen" ausführlich 
beschrieben und möchte hier nur ergänzend einige spezifische Bedingungen 
der männlichen Potenz hervorheben. 

Es gibt in dieser Hinsicht die merkwürdigsten Tatsachen. Es gibt 
Männer, die nur in Kleidern potent sind, wenn das Objekt ihres Begehrens 
auch in Kleidern zur Verfügung steht. Sie können nur auf einer Ottomane, 
auf der Erde, im Freien den Beischlaf ausüben, während sie im Bette 
absolut impotent sind. Die Entkleidung der Frau oder ihre eigene Ent- 
kleidung verhindert mit absoluter Sicherheit ihre Potenz. Sie sind daher 
meist ewige Junggesellen. Sie können eine Frau unter Umständen ver- 
gewaltigen, aber dann nicht das Verhältnis fortsetzen, wenn die Frau ein 
Zusammensein im Bette verlangt. Sie schützen Zeitmangel und andere 
Motive vor, um in raffinierter Weise ihre besondere Potenzbedingung zu 
erreichen. 

Andere Männer lassen die Frau entkleiden, bis sie im Unterhöschen 
vor ihnen steht. Sie benötigen die Unterhose als sexuelles Stimulans. Es 
sind Latent-Homosexuelle, wie ich sie in Masken der Homosexualität ge- 
schildert habe. (Band II der Störungen S. 134—138.) Andere Männer haben 
einen bizarren Geschmack, der sich nur durch Fixierung infantiler Erleb- 
nisse erklären läßt. So kannte ich einen Mann, der einer Frau nur bei- 
wohnen konnte, wenn sie sich ihm in folgendem Kostüm zeigte: Sie mußte 
nackt sein, dabei einen schwarzen Federhut, durchbrochene schwarze Seiden- 
strümpfe und elegante Schuhe anhaben. 

Durchbrochene Seidenstrümpfe, schöne, elegante Stiefelchen sind für 
viele Fußfetischisten eine absolute Bedingung ihrer Potenz. Bei anderen 
seidene Jupons, sehr elegante Unterkleidung, die meist nicht abgelegt 

werden darf. 

Ein mir bekannter Herr konnte der Dame seiner Wahl nur beiwohnen, 
wenn sie die Handschuhe anbehielt. 

Zahllos sind die Männer, deren Potenz von der Aggression der Frau 
abhängt. Dirnen kennen diese Tatsache und greifen ihren saumseligen 



62 



Die Impotenz des Mannes. 



Kunden an den Penis. Man würde es nicht für möglich halten, wie viele 
Männer unter dieser Liebesbedingung leiden. Ich kannte einen Mann, der 
in- seiner Ehe impotent war, weil seine Frau sich beharrlich weigerte, 
diesen Griff auszuführen. Auf die Wurzeln dieser sonderbaren Erscheinung 
werde ich hier nicht eingehen. Ich konstatiere nur die nackten Tatsachen. 
Es gibt aber wieder Männer, die dieser Handgriff impotent macht 
Ein Patient erzählte mir, daß er nur Frauen beiwohnen könne, die den 
Phallus nicht berühren. Ein Griff in die Gegend der Scham und seine 
ganze Libido war verschwunden. 

Oft sind es, wie der Handgriff an den Penis, bestimmte Heize, welche 
die Männer verlangen, um eine Erektion zu erzielen. Ein Mann benötigte 
ein feines Reizen seiner Skrotalhaut (die Frau mußte leise über das Skrotum 
fahren), ein anderer das Einführen des Fingers in den Anus. Ein Mann 
meiner Beobachtung brauchte als Potenzbedingung den Anblick der Miktion, 
ein anderer (gar nicht so selten) den der Defäkation. Alle diese Männer 
bleiben Junggesellen, da sie von der erwählten Frau der besseren Gesell- 
schaft die Erfüllung ihrer Liebesbedingung nicht verlangen können. 

Es gibt viele Männer, für die eine Reizung ihrer erogenen Zone die 
Bedingung ihrer Potenz darstellt. Sehr verbreitet ist das Schlagen auf die 
Nates mit der flachen Hand oder mit einer Rute. In manchen Fällen 
genügt die Berührung der Nates mit der Hand, um sofort die Erektion 
herzuzaubern. Ich kannte einen Mann, der bei Dirnen immer impotent 
war. Eine sehr fachkundige Meretrix gab ihm einen Backenstreich, worauf 
er sofort mit einer kräftigen Erektion reagierte, so daß er den einzigen 
vollkommenen Koitus in seinem Leben ausführen konnte. 

Ich spreche hier nicht von den komplizierten Formen der Liebes- 
störungen, z. B. von den Fetischisten, die ein ganzes System gebaut haben, 
von den Sadisten, den Pluralisten, den Voyeurs usw. Ich erwähne nur flüch- 
tig den Mann, der ein Huhn abschlachten muß, um seine Potenz zu er- 
langen. Üiese Formen von Sadismus gehören nicht in unsere Übersicht. 
Aber die ganz kleinen — meist sadistischen und masochistischen — Reize 
sind auch von Bedeutung. Der eine muß am Ohre gebissen werden (auch 
das Saugen der Ohrläppchen kann Potenzbedingung sein), der zweite be- 
nötigt ein längeres sanftes Streicheln der ganzen Haut, der dritte einen 
Zungenkuß mit Biß, der vierte ein Saugen an seinen Mamillen. Diese 
Iniantilismen sind oft sehr hartnäckig und sind nur der rationellen Psych- 
analyse zugänglich. 

Was für sonderbare Kombinationen gibt es da! Löioenjeld erwähnt 
den Fall eines Mannes, dem das Befeuchten seiner Kopfhaare beim Waschen 
eine Erektion hervorrief. Wenn er mit dem Waschen fortsetzte, so kam 
es zur Ejakulation. (Es muß sich wohl um ein infantiles Erinnerungsbild 
handeln. Er wurde wahrscheinlich in der Jugend von einer geliebten Er- 



Besondere Bedingungen der männlichen Potenz. 



6* 



ziehungsperson zärtlich gewaschen. Das Erinnerungsbild ruft die Erektion 
und den Orgasmus hervor.) 

Den Fall von Löioenfeld übertrifft noch meine nächste Beobachtung, 
auf die ich noch einmal zurückkommen werde. 

Fall Nr. 17. Eine Offiziersgattin, die ihren Mann aus dem Felde er- 
wartete, konsultierte mich wegen einer sonderbaren Leidenschaft des Mannes, 
die es ihm allein ermöglichte, bei ihr den Koitus auszuführen. Sie mußte ihn 
wie einen Hund behandeln und „Karo" nennen. Er erhielt eiu Hundehalsband 
und wurde an der Leine im Zimmer herumgeführt, mußte aufwarten und allerlei 
Kunststücke machen. Dann führte er den Kunilingus aus, an den sich ein 
Koitus schloß. Leider habe ich den Patienten selbst nicht zu Gesicht bekommen. 

Ähnlich ist. der Fall eines in Wiener Bordellen bekannten Mannes, 
der sich Federn in den Anus stecken läßt und Kikeriki! schreit, worauf 
er dann als Hahn mehrere Dirnen belegen kann. Ohne diese Vorbereitung 
ist er impotent. Offenbar ein Überrest aus einer infantilen Sexualtheorie . . . 

Es gibt eigentlich in dieser Hinsicht gar keine Absurdität, die nicht 
vertreten wäre. 

Wir verdanken die Aufklärung dieser sonderbaren Tatsachen Bittet, 
der als erster die Bedeutung des ersten sexuellen Eindruckes hervorge- 
hoben hat. Dieser Eindruck muß keineswegs aus der frühesten Kindheit 
stammen. Mull beschreibt den Fall eines Mannes, der nur Damen im Reit- 
kleide beischlafen konnte. Er wurde zuerst von einer Dame in einem Beit- 
kleide verführt. 

Sehr charakteristisch ist der folgende Fall, den Hammond berichtet: 

Fall Nr. 18. X., der Sohn eines Generals des ersten Kaiserreichs, wurde 
bis zu seinem achtzehnten Lebensjahre auf seines Vaters Landsitz erzogen, 
von wo aus er zur Militärschule kam. Während dieser langen Einsamkeit 
wurde er im Alter von 14 Jahren von einer jungen Dame, einer Freundin 
der Familie, in die Freuden der Liebe eingeweiht. Diese Dame , die da- 
mals 22 Jahre zählte, war eine Blondine, die ihr Haar nach englischer 
Mode, d. h. in gewundenen Locken trug und, um nicht entdeckt zu werden 
mit ihrem jungen Liebhaber nur in ihrer gewöhnlichen Kleidung mit 
Gamaschen, Korsett und in ihrem seidenen Kleide verkehrte. 

Alle diese Einzelheiten erwähne ich absichtlich, da sie in diesem 
Falle nicht bloß die Intensität der Erregung, sondern schon auf deren 
bloßes Eintreten den größten Einfluß hatten. 

Das äußerst sinnlich angelegte Fräulein erschöpfte die Kraft dos 
Jünglings zu sehr und nur die stramme Disziplin der Militärschule ver- 
mochte es, die Geschlechtsorgane, welche durch zu frühen und zu intensiven 
Gebrauch stark überreizt waren, wieder zu kräftigen. 

Als er aber nach Beendigung seiner Studien zur Garnison gesandt 
wurde und hier nun seine Freiheit genießen wollte, fand er, daß sein 
Sexualtrieb nur unter ganz bestimmten Bedingungen durch gewisse Frauen 
angeregt wurde. So konnte eine Brünette ihn nicht im mindesten reizen 
und ein Weib im Nachtkostüm war imstande, jede Liebesbegeisterung 
in ihm ganz zu ersticken. 



64 Die Impotenz des ManneH. 

Eine Frau, die seine Begierden erwecken sollte, mußte eine Blondine 
sein, mit Gamaschen gehen, ein Korsett und ein seidenes Kleid tragen, 
kurz ganz so gekleidet sein wie die Dame, die in ihm zuerst den Ge- 
schlechtstrieb erregt hatte. 

„Und dies geschah nicht etwa infolge einer Herzensneigung, deren 
mächtiger Zauber oft ein ganzes Leben hindurch wirkt; denn bei seinem 
ersten geschlechtlichen Verkehr wurde X. rein durch sinnliche Triebe 
geleitet. Sein Herz blieb immer frei, und als er mich im Alter von 25 Jahren 
zum ersten Male konsultierte, erklärte er mir, daß er nur eine Frau 
wahrhaft geliebt hatte, der er jedoch, da sie unglücklicherweise eine 
Brünette war, seine Liebe nie beweisen konnte. 

Seine Vermögensverhältnisse, sein Rang und seine gesellschaftliche 
Stellung machten es ihm zur Pflicht zu heiraten, aber er war immer den 
Bemühungen seiner Familie und seiner Freunde ausgewichen, da er wußte 
daß er seine Gattenpflichten gegen ein Weib im Schlafkostüm nicht 
würde ausführen können. Trotzdem war er kerngesund und von sangui- 
nisch-cholerischem Temperament, hatte mehr als mittlere Größe und eine 
so kraftige Konstitution, daß er 15 Jahre als Offizier in einem Regiment 
schwerer Kavallerie diente. 

Augenscheinlich war seine Impotenz nur eine relative, denn wenn 
das Weib eine Blondine war und die anderen angeführten Bedingungen 
zutrafen, so vollzog er den Geschlechtsakt so leidenschaftlich, wie ihn 
nur ein gesunder, sinnlich angelegter Mann ausführen kann. 

Als er ins Zivilleben trat und von seiner Familie mehr als je 
mit Heiratsplänen bestürmt wurde, wollte er wenigstens einen letzten 
Versuch wagen und konsultierte mich daher. 

Dieser Patient wurde durch psychische Mittel geheilt. {Hammond 
1. c. S. 46 — 47.) ' 

Während es sich in den Fällen von Moll und Hammond um Eindrücke 
der Pubertät handelt, berichtet Krafft-Ebing von einem 37jährigen Kommis, 
der seine erste Erektion bekam, als er in früher Kindheit einen älteren 
Schlafkameraden eine Nachtmütze aufsetzen sah. Die gleiche Wirkung 
erzielte eine alte Hausmagd, wenn sie die Nachtmütze aufsetzte. Später 
erzielte nur die Vorstellung eines alten, häßlichen, mit einer Nachtmütze 
bekleideten Frauenkopfes sofortige Erektion, während ihn der Anblick eines 
nackten Mannes oder einer nackten Frau kalt ließ. Die Berühruug der 
Nachtmütze rief Erektionen hervor, die sogar zur Ejakulation führten. In 
der Brautnacht gelang der Koitus nur mit Hilfe dieser Vorstellung. 

Es scheint sich um Fixierung an die alte Kinderfrau zu handeln. 
Es kommen aber andere, höchst sonderbare Fixierungen vor. 

Die Abhängigkeit der Potenz von gewissen Örtlichkeiten ist eine be- 
sondere Eigenart der Parapathiker. Es gibt Männer, die nur in bestimmten 
Wohnungen potent sind. So erzählte mir ein älterer Herr, daß er in Berg- 
hütten über 1000 Meter potent sei, während ihn im Tale die Impotenz 
verfolge. Je höher die Hütte gelegen sei, desto stärker sei die Potenz. 
Wiederholt habe ich berichten gehört, daß mit dem Wechsel des Hotels 






Besondere Bedingungen der männlichen Potenz. 



65 



oder der Wohnung die Potenz nachgelassen hätte. Einen ganz eigenartigen 
Fall erzählt Hammond: 

Fall Nr. 19. Ein Patient, der seit einigen Jahren verheiratet war 
nnd mit seiner Frau sehr glücklich lebte, hatte in seinem neuerbauten 
Hause den Sexualtrieb verloren. Als er mich konsultierte, hatte er in dem 
neuen Hause 6 — 7 Monate gewohnt und in dieser ganzen Zeit keino 
Neigung zum Geschlechtstrieb verspürt. Er war etwa 30 nnd seine Fran 
25 Jahre alt. 

Er wandte sich an mich, da er in dem Glauben war, daß irgend 
ein Nervenleiden seine Potenz zu vernichten drohe. Ich fand jedoch bei 
der Untersuchung, daß seine Organe vollständig normal waren und daß 
er bisweilen starke Erektionen und mehrmals Pollutionen gehabt hatte. 
Ich setzte ihm auseinander, daß es ihm wahrscheinlich ebenso ginge wio 
dem Knaben, der früher im alten Schulhaus gut geschrieben hatte, jetzt 
jedoch, wo er vom Lehrer wegen seiner Rückschritte in der Orthographie 
getadelt wurde, sich damit entschuldigte, daß er es nur im neuen Schul- 
hause nicht begreifen könne. Anfangs bezweifelte er die Richtigkeit 
meines Vergleichs, bald aber überzeugte er sich, daß ich Recht hatte. 
Dm die Probe aufs Exempel zu machen, zog er mit seiner Frau in das 
alte Haus, welches vom neuen Mieter noch nicht bezogen war und über- 
führte sich, daß er wie früher seine ehelichen Pflichten mit Leichtigkeit 
ausüben konnte. Was war nun zu machen? Ins alte Haus konnte er nicht 
mehr zurück und im neuen vermochte er unter diesen Umständen nicht 
sich wohl zu fühlen. Ich gab ihm den Rat, die ganze Schlafzimmerein- 
richtung des alten Hauses für die neue Wohnung zu benützen und im 
übrigen das Zimmer genau so einzurichten wie das alte, an welches er so 
lange gewöhnt war. Er sah sofort die Richtigkeit meines Vorsehlagos ein, 
befolgte ihn und hatte weiter keine Klagen. Stück für Stück entfernte 
er nun nach einigen Monaten das alte Mobiliar, ohne daß sein Geschlechts- 
trieb Einbuße erlitt (1. c. S. 46—50). 

Man wundere sich über gar nichts, was in dieser Hinsicht erzählt 
wird. Ein Student wollte Abhilfe gegen eine eigenartige Einstellung. Er 
mußte am Ohrläppchen gefaßt werden, um zur Erektion zu kommen. Er 
selbst pflegte mit Vorliebe an fremden Ohrläppchen zu saugen. Ein dritter 
ließ sich den Brustkorb einschnüren, offenbar eine Erinnerung an die Zeit, 
da er in den Windeln lag, wie die meisten dieser besonderen Bedingungen 
Rudimente infantiler Einstellungen sind. Einen ähnlichen Fall berichtet 
Casper: 

Fall Nr. 20. Im Jahre 1888 konsultierte mich ein Student der 
Jurisprudenz wegen Pollutionen und sexueller Impotenz. Der Kranke, ein 
langgewachsener stämmiger junger Mann, gab an, daß er seit seinem 
14. Jahre Pollutionen habe. Auf vieles Zureden gestand er auch, daß er 
schon vorher einige Jahre onaniert habe. Vor mehreren Jahren hat er 
einen Schlaganfall gehabt, von dem noch Spuren zu sehen sind; man 
bemerkt noch jetzt eine leichte Parese des linken Fazialia. 

Der Kranke klagt nun, daß er so viel an Pollutionen leide und 
nicht den mindesten Reiz Frauen gegenüber empfinde. Sein Gedächtnis sei 
schwächer geworden, er sei unlustig zum Arbeiten, matt, habe eine pessi- 

Stekel, Störungen de» Trieb- und Affektlebens. IV. 2. Aufl. Ij 



66 Die Impotenz des Mannes. 

mistische Weltauffassung. Die Pollutionen treten in der Regel Wöchentlich 
einmal auf, aiich bin und wieder Erektionen, aber ohne jode Wollust- 
ompfindung. Einen Geschlechtstrieb weiblichen Personen gegenüber, wie 
andere Männer ihn haben, kennt er nicht, hingegen bekommt er 
Wollustempfindungen bei Vornahme einer ganz eigentümlichen Manipula- 
tion. Diese besteht darin, daß er sich die Adern des Armes and der Hand 
durch Abklemmen anschwellen läßt. Die Beobachtung dieses Phänomens 
das Sichfüllen der Blutgefäße ruft in ihm eine sinnliche Erregung hervor. 
Es kommt zu einer Erektion, aber nur höchst selten zu einer Ejakulation. 
Der Kranke kennt die' Unnatur seiner Vorstellungen und kann sich aber 
trotz eifrigen Bemühens nicht von derselben losmachen. Der Patient 
stellte sich mir vor kurzem wieder vor, er hat es über sich vermocht 
die sexuell ihn erregenden Vorstellungen fast gänzlich zu unterdrücken', 
so daß er monatlich kaum einmal in den Zustand sexuellen Orgasmus 
gerät. Bei aller Energie konnte er sich aber nicht von seinen perversen 
Vorstellungen frei machen. Hatte er diese — was selten genug vorkam 
— , so war sicherlich eine sexuelle Erregung die Folge (Casper 1. c. 
S. 45 — 46). 

Ich habe in meiner Arbeit „Zur Psychologie und Therapie des Feti- 
schismus" (Zentralblatt für Psychoanalyse, IV. Band) auf die Zusammen- 
hänge zwischen Christusneurose und Fetischismus aufmerksam gemacht. 
Die meisten dieser fetischistischen Objekte symbolisieren einen Zwang. 
Es handelt sich immer um drückende, einschnürende, pressende, möglichst 
enge Kleidungsstücke: Enge Stiefel, stramm sitzende enge Hosen, enges 
Korsett, fest umgebundene Schürze, enger Helm, knappe Handschuhe usw. 
Die Vorstellung des Gepreßtwerdens ist Libidobedingung. Auch Treten 
Stoßen, Zwicken in beengter Lage symbolisiert den Zwang. In diesem 
Zusammenhang wird der Fall von Fer6, der sonst so dunkel erschiene, 
etwas verständlicher >) : 

Fall Nr. 21. Es handelt sich um einen 38 Jahre alten Chemiker M.V. 
der in der Schule seines weiblichen Wesens wegen Mademoiselle V. genannt 
wurde. Sein sexuelles Bedürfnis war bis zum 18. Jahre noch sehr gering, 
er hatte sehr selten Pollutionen, immer ohne deutliche Träume, war schüch- 
tern und nahm an den zweideutigen Gesprächen der Kollegen nicht teil. 
Er erinnert sich keiner homosexuellen Regung. Die Gegenwart junger 
Mädchen verursachto ihm seit der Pubertät ein ausgesprochenes 
Angstgefühl, besonders wenn die Mädchen sich mit ihm beschäftigten, 
was ihm wegen seines zurückhaltenden Benehmens oft passierte. Die 
Angstgefühle waren stets von Erröten begleitet. Mit 18 Jahren hatte er 
sein erstes sexuelles Erlebnis. Er machte mit einer Familie einen Aus- 
flug in einem Break, der sehr tiberfüllt war. Ein 12jäbriges Mädchen 
stand zwischen seinen Beinen; es hatte ihm den Rücken zugekehrt. Die 
unvermeidliche Berührung führte bald zu einer Erektion. Bei den in 
dieser Situation unvermeidlichen Fußtritten des Kindes wurde er immer 
mehr erregt, seine Libido steigerte sich bis zur Ejakulation. Die Befrie- 
digung war nicht von den peinlichen Empfindungen begleitet, wie er sie 
nach seinen Pollutionen hatte durchmachen müssen. Auf der Rückfahrt 



') Eine ausführliche Darstellung dieses Falles findet sich in Band VII. 



Besondere Bedingungen der männlichen Potenz. 



67 



hatte er das gleiche Erlebnis mit einem 6jährigen Mädchen, das auf seinen 
Füßen herumtrampelte. Von diesem Momente an verschwanden die Angst- 
gefühle, die er sonst beim Anblick von 6chönen Frauen empfunden hatte; 
aber sie ließen ihn ganz kalt. Dagegen häuften sich die Pollutionen, die 
stets von demselben Traumbild begleitet waren: Junge Mädchen traten auf 
seine Füße. Mit 27 Jahren kam er nach Paris, woselbst er in überfüllten 
Omnibussen durch Fußtritte der Damen zum Orgasmus gelaugte. Mit 
31 Jahren versuchte er den ersten Koitus: Der mühsam herbeigeführten 
Ejakulation folgte eine peinliche Müdigkeit und ein unwiderstehlicher Ekel. 
Beim zweiten Versuch mit dem ihm sehr sympathischen Mädchen war er 
ganz impoteut. (L'instinct sexuel, S. 262.) 

Es ist schwer, sich aus der bloßen Beschreibung, von der ich nur 
einen kurzen Auszug gegeben habe, ein klares Bild von der Psychogenese 
eines solchen Falles zu machen. Ich möchte aber die Bemerkung nicht 
unterdrücken, daß ich den Mann für einen Sadisten halte, wofür mir später 
auftretende epileptiforme Anfälle zu sprechen scheinen. (Die Zusammen- 
hänge zwischen Kriminalität und Epilepsie habe ich in Band 1 im Kapitel 
über Epilepsie ausführlich dargestellt.) Er spielt an seinen Füßen, was er 
bei anderen zu erleben wünscht. Dafür sprechen auch die Angstgefühle 
beim Anblick der Mädchen in der Pubertät und die peinlichen Sensationen 
nach einer Pollution, deren Traumbild sich ihm nie zeigte. Darauf weisen 
auch später auftretende Depressionen hin. Wir werden ähnliche Fälle in 
den nächsten Bänden kennen lernen. (Band V und Band VI.) 

Ich hatte einen einschlägigen Fall zu begutachten. Ein Mann, der 
bei seiner Frau impotent war, weil sie seine Liebesbedingung nicht er- 
füllen wollte. Er verlangte, sie solle energisch in Stiefletten auf seinen 
Nates tanzen und ihn dabei sehr heftig drücken. 

Noch komplizierter ist jener Mann, der eine Frau mit einer Warze 
sucht, welche ihn bei den Haaren zaust und tüchtig beutelt. Schließlich 
soll sie ihm kräftig die Nase putzen. Frauen ohne Warze reizen ihn nicht. 
Leider war keine Analyse durchzuführen. Angeblich erinnert er sich nicht, 
in der Jugend in seiner Umgebung eine Frau oder ein Mädchen mit einer 
, Warze gesehen, geschweige denn geliebt oder ihre Zärtlichkeiten genossen 
zu haben. 

Eulcnlturg teilt aus seiner reichen Erfahrung in einer sehr anregenden 
„Sexualen Neuropathie" (Genitale Neurosen und Neuropsychosen der 
Männer und Frauen. Leipzig. F. C. Vogel, 1895) einige merkwürdige 
Potenzbedingungen mit, die er geschlechtlichen Pikazismus bezeichnet. 1 ) 

Was für ein sonderbarer Keigen zieht da vor unseren Augen vorbei ! 
Ein Mann ist nur potent, wenn er eine Erdbeere essen kann, die vorher 
in die Vulva gesteckt wurde. Ein anderer läßt den Bauch seiner Dame 
vor seinen Augen blau streichen. Der dritte läßt, eine Frau nackt am 

l ) Merzbach nennt sie „Sexuelle Gourmandasie". (Die krankhaften Erscheinungen 
des Geschleclitssinnes. Wien und Leipzig, Alfred Holder, 1909.) 

5* 



68 



Die Impotenz des Mannes. 



Boden liegen, während mehrere nackte Weiber mit Kerzen im Popo am 
sie herumtanzen. 

Alle diese Fälle sind im Sinne von Eidenburg Pikazismus. Ich würde 
sie als „psychosexuellen Infantilismus" bezeichnen, da die tiefere Analyse 
immer infantile Wurzeln und ein Haften am Infantilen nachweisen kann. 
Jedoch sie zeigen uns Menschen, welche über die Brücke ihres Infantilismus 
doch zu ihrem Partner gelangen und schließlich einen Koitus ausführen. 
Ganz anders sind die Fälle zu werten, wie ich sie in meiner Arbeit Zur 
Psychologie und Therapie des Fetischismus" (Zentralbl. f. Psychoanalyse. 
IV. Band) beschrieben habe, i) Ihnen ist das Moment gemeinsam, daß der 
„erotische Symbolismus" schließlich am Symbol haften bleibt und auf das 
Weib verzichtet wird. Das tiefste Wesen dieser Fälle bedeutet ein Ab- 
rücken von dem Weibe, eine Flucht vor dem Weibe. Ich will mich an 
zwei Beispielen verständlich machen. Ein Mann kann nur Frauen bei- 
wohnen, die eine Schürze tragen. Diese Schürze ist seine spezifische 
Potenzbedingung. Ein anderer Patient meiner Beobachtung verzichtet 
sogar auf das Weib und begnügt sich mit der Schürze allein. Er pflegt 
den Haremskult seiner Symbole, sammelt Schürzen, onaniert beim Anblick 
der Schürzen, aber beim Weibe ist er impotent. 

In allen Fällen von Impotenz ist nach solchen Infantilismen zu fahnden. 
Oft steckt hinter der Impotenz ein „erotischer Symbolismus". Da ich die 
von mir beobachteten Fälle im siebenten Band dieses Werkes ausführlich 
beschrieben habe, teile ich hier eine Liste solcher Männer mit, wie sie Eulen- 
burg aus dem bekannten Buche von Pierre Beicourt „Le vice ä Paris" zitiert : 
Fall Nr. 22. Ein ältlicher Herr durchstreift abends die Champ-Elysees 
knüpft mit einer Dirne Bekanntschaften an, die aber schwarze Strümpfe 
haben muß; sie muß dann vor ihm hergehen, bei jeder Bank stehen 
bleiben, den Fuß darauf stellen, die Röcke aufheben, als wenn sie ihr 
Strumpfband befestigen wollte und die bestrumpf te Wade sehen lassen. 
Wenn er sich an dem Anblick gesättigt hat, gibt er ihr einen Louis und 
schickt sie fort. 

Fall Nr. 23. Ein Herr geht nur an Tagen aus, wo Regen- und 
Schmutzwetter ist; er knüpft eine weibliche Bekanntschaft an, führt die 
Auserwählte zu einem Schuhmacher und läßt sie ein neues Paar Stiefel 
(Schnürstiefel) anziehen. Nun setzt sich das Paar in Bewegung, wobei 
sie im Rinnstein gehen und die neuen Stiefel möglichst stark einsehmutzen 
muß. Ist das erreicht, so führt er sie auf ein Zimmer und entledigt sie 
der Stiefel, indem er mit seinen Zähnen die Schnürbänder löst, um sich 
die Lippen recht kotig zu machen. 

Fall Nr. 24. Seitenstück dazu ; ein Schüler (collegien) schenkt einem 
barfüßigen Straßenmädchen 20 Francs — bloß um ihren schmutzigen Fuß 
in der Nähe bewundern zu dürfen. 

Fall Nr. 25. Ein Herr begibt sich mit dem Mädchen auf ein Zimmer; 
dort muß sie sich die Hände mit Kohle oder Ruß schwarz färben, sich 

*) Band VII : „Der Fetischismus". 



Besondere Bedingungen der männlichen Potenz. gg 

so einem Spiegel gegenüberstellen; er unterhält sich mit ihr und betrachtet 
dabei fortwährend ihre geschwärzten Hände im Spiegel, ohue nach etwas 
Weiterem zu begehren. 

Fall Nr. 26. Ein anderer ist noch genügsamer: er begibt sich ein- 
mal in jedem Monat zu dem nämlichen Mädchen nnd schneidet ihr mit 
einer Schere die Stirnlöckchen, so daß das Haar vorn ganz gleich ist. 

Fall Nr. 27. Ein verheirateter Mann führt seine Frau in ein Hans 
„mit weiblicher Klientel", liefert sie dort ab und wartet im Nebenzimmer, 
bis sie — wieder frei ist. 

Fall Nr. 28. Ähnlich, aber noch markanter: ein Herr spricht ein 
Mädchen auf der Straße an nnd engagiert sie dazu, einen anderen Mann 
anzulocken und sich mit diesem in das erste beste Absteigquartier zu 
begeben. Während die beiden oben verweilen, patrouilliert er ruhig die 
Straße auf und ab und erwartet ihre Zurückkunft, um sich dann ver- 
gnügt zu entfernen. 

Fall Nr. 29. Die Frau eines Kaufmannes verläßt das eheliche Domizil 
und weigert sich, der Aufforderung zur Rückkehr Folge zu geben. Beide 
Gatten werden znr Vernehmung zitiert. Die Frau macht dabei u. a. die 
Angabe, daß ihr Gatte nicht nur den ehelichen Verkehr nicht ausgeübt 
habe, sondern daß er auch von ihr verlangt habe, sie solle sich mit 
einem — Neufundländer, den er zu diesem Zwecke jeden Abend in die 
Wohnung heraufkommen ließ, begatten. Der Mann leugnete gar nicht 
den Tatbestand, sondern macht nur zur Entschuldigung geltend, es sei 
ja noch ein so junger Hund, erst 8 Monate alt gewesen! 

Fall Nr. 30. Ein dem Anschein nach sehr respektabler älterer Herr 
knüpft im Palais-royal-Garten, den er regelmäßig besucht, mit einem für 
seine Zwecke geeignet scheinenden weiblichen Wesen Bekanntschaft an, 
läßt sich auf derselben Bank, jedoch immer in geziemender Entfernung 
von ihr nieder und bringt im Laufe der Unterhaltung die Frau, die in 
ihm einen Kunden wittert, dahin, sich in ihren Reden immer freier und 
unzweideutiger zu ergehen. Ist das erreicht, so zittert und „gluckst" er 
vor Entzücken, händigt seiner Partnerin fünf Franken zum Lohn ein und 
empfiehlt sich. 

Fall Nr. 31. Ein anderer Herr verlegt den Schauplatz seiner Taten 
auf den Boulevard zwischen Madelaine und Oper; er engagiert eine der 
dortigen Straßenläuferinnen, sie muß vor ihm hergeben, möglichst provo- 
zierende Bewegungen machen, um von Herren angesprochen zu werden 
und recht viele Anträge zu bekommen, nach deren Zahl sie von ihm 
honoriert wird. 

Fall Nr. 32. Eine komische Spezialität hat sich ein anderer Herr 
ausgesucht: er erscheint in jeder Woche dreimal bei dem nämlichen 
Frauenzimmer, zieht sich ganz nackt aus und stellt dann mit unerschütter- 
lichem Ernst die Frage: „Hahn oder Pfau?" — Je nachdem die Antwort 
ausfällt, zieht er aus seiner Kleidung den entsprechenden mitgebrachten 
Federnschmuck hervor, umgürtet sich damit an dem zu sitzendem Ge- 
brauche bestimmten Teile seines Ich, und stolziert in dieser Tracht eine 
gute halbe Stunde auf und nieder. Dann zieht er sich ruhig wieder an, 
zahlt und verschwindet. 






70 



Die Impotenz des Mannes. 



Was diese Beispiele in so grellen Farben vorführen, das findet sich 
in matten Konturen versteckt hinter mancher Impotenz. Oft besteht die 
Tendenz, auf das Weib zu verzichten und sich in der Phantasie mit der 
spezifischen infantilen Situation zu beschäftigen. Forscht man nach der 
spezifischen Onaniephantasie, so kann man die merkwürdigsten Geständ- 
nisse hören. Die Bilder, welche Beicourt gezeichnet hat, entsprechen den 
Onanie-Phantasien meiner Kranken. 

Ich habe diese Fälle angeführt, weil sie uns beweisen, daß viele 
Fülle von Impotenz nur scheinbar sind. Es handelt sich um eine Repression 
auf einen infantilen Lusterwerb. Sie sind bei der Besprechung der Im- 
potenz nicht zu übergehen, obgleich sie zu einer ganz bestimmten Gruppe 
gehören, deren Analyse künftigen Arbeiten vorbehalten ist. 1 ) Wir müssen 
uns in jedem Falle von Impotenz nach der geheimen Liebesbedingung 
erkundigen. Nun lügen die meisten Patienten und verschweigen diese 
Tatsachen, weil sie sich schämen und weil sie oft glauben, sie hätten 
diese Kindereien überwunden. Überdies besteht die Tendenz, diese Form 
der Phantasien möglichst zu verbergen und geheim zu halten. Man hört 
in der Analyse oft erst nach Wochen oder nach Monaten von derartigen 
Einstellungen. Es kommt aber vor, daß Patienten diese Phantasien an- 
geblich gänzlich vergessen und verdrängt haben. Schließlich müssen wir 
berücksichtigen, daß es in unbefriedigten Ehen oder im Alter zu einer 
Regression auf infantile Formen des Lusterwerbes kommt. Die Männer 
werden scheinbar impotent, weil sie rückfällig geworden sind und sich 
nach den spezifischen Liebesbedingungen (der ihnen adäquaten Sexual- 
befriedigung) sehnen. Sie wissen aber nicht, daß diese Regression die 
Ursache der Impotenz ist, und suchen andere Gründe für die plötzlich 
oder allmählich sich ausbildenden Leiden. (Onanie, Exzesse, Coitus inter- 
ruptus, Unterernährung usw.) Im Kapitel über „Kriegsimpotenz" werden 
wir ein lehrreiches Beispiel dieser Art (den schon erwähnten Hunde- 
mensch) kennen lernen. 

Ich möchte an dieser Stelle einen Fall von S. A. Tannenbaum, mit- 
teilen : 

Es handelt sich um einen „Fall von temporärer Impotenz" 
(American Journ. of Urologie and Sexologie B. 4, 19). 

Fall Nr. 33. Frau B. teilte mir mit, daß ihr Mann, der eine unvoll- 
ständige Psychanalyse einige Monate vorher durchgemacht hatte, an ge- 
schlechtlicher Impotenz leide und darüber so unglücklich sei, daß er grau 
und mißgestimmt geworden sei. Ich versprach, mich der Sache anzunehmen, 
aber versicherte ihr, daß das sicherlich nur eine vorübergehende Störung 
sei und daß er keineswegs zu alt sei, wie sie sich beide einbildeten, er 
sei erst 42 Jahre alt und das Leiden mußte, wie alle Fälle von Impotenz, 
eine psychische Grundlage haben. 



') Ausführlich dargestellt in Bd. VI „Der Psychosexuelle Irifantilismus". 



Besondere Bedingungen der männlichen Potenz. 



71 



Auf einen telephonischen Anruf kam einige Tage später Herr B. 
etwas mißtrauisch zu mir und teilte mir folgende Tatsache mit: 

Die Störung bestehe seit einigen Monaten, die Erektion sei entweder 
unvollkommen und ungleichmäßig oder sie lasse vor dem Orgasmus nach, 
wenn es ihm schon gelungen sei, die Immissio zu vollziehen. Er merkte, 
daß seine Gedanken während des Koitus abschweiften, zeitweilig gelang 
ihm ein normaler Koitus mit außerordentlich starkem Orgasmus. Er schätzt 
die Fälle auf ein Dritteil. Das zweite Dritteil zeige einen Geschlechtsakt, 
der wohl normal beginnt, aber weder ihn noch seine Frau befriedige. 
Und schließlich sei er ungefähr bei jedem dritten Koitus vollkommen 
impotent. Woher kommt dieser Unterschied? 

Die Analyse ergab, daß er immer potent war, wenn sie die Knie- 
Ellbogenlage wählten; schon der Gedanke an diese Position genügte, um 
Erektion und lustbetonte Phantasien hervorzurufen. Aber diese Geschmacks- 
richtung war nur einseitig, so daß sie Ilerr B. nur widerstrebend und 
als letztes Hilfsmittel anwendete. Frau B. zog jedoch die ßeitenlage vor, 
bei der sie ihren Mann im Arme hielt, wie eine Mutter ihr Kind. Sie 
glaubte, daß die geschlechtliche Vereinigung in dieser Position viel 
inniger und intimer wäre. Herr B. konnte an diesem Arrangement kein 
Vergnügen finden, weil ihm ein anderes vorschwebte. Ihre Geschmacks- 
richtungen gingen auseinander und keiner wollte dem Partner seine Nei- 
gungen und Abneigungen opfern. Sie waren nicht lange verheiratet 
und hatten sich noch nicht einander angepaßt. Er fand sie extravagant, 
verschwenderisch, rechthaberisch, unlogisch und nachlässig. Sie fand 
ihn kleinlich, philiströs, sparsam, fast geizig und einen „Querkopf". Sic 
lebten nicht glücklich. Er verschmähte ihre Lieblingsposition und sie die 
seine. In der normalen Position beherrschten ihn folgende Gedanken: 
„Es sollte mich Wunder nehmen, wenn ich heute Erfolg haben werde; 
aber ich muß Erfolg haben; aha! sie beobachtet, ob ich potent sein 
werde; bin ich nicht wie ein Akrobat in einem Zirkus, der einen kleinen 
Trick ausführt? Entweder er gelingt oder er wird ausgelacht." Während 
dieser Gedanken ließ die Erektion nach, da zwang er sich zu dem Ge- 
danken: „Ach, ich kümmere mich nicht darum". — Und dio Erektion 
ging ganz flöten. Die Folge davon waren Enttäuschung und Vorwürfe. 
Wenn aber Frau B. disponiert war, ihm seine Lieblingsposition anzutragen, 
dann war alles wieder gut und er hätte mit keinem König tauschen wollen. 

Die temporäre Impotenz ist nun teilweise erklärt. Frau B. ist nicht 
das Liebesobjekt für seine narzißtische Libido. Die Phantasien lenken die 
psychischen Energien von der Realität ab und führen zur Impotenz. Aber 
das erklärt uns noch nicht, warum er in der Knie-Ellenbogenlage vollkommen 
potent ist. 1 ) Ich fordere den Patienten auf, seine Aufmerksamkeit auf 



') Es gibt auch unter den Ärzten Vertreter dieser Position. So bemerkt Gmir- 
kovechkij, 1. c. S. 190: Der Koitus von rückwärts ist entschieden der natürlichste 
zur Fortpflanzung geeignetste und dickbäuchigen Leuten am ehesten möglich. In 
Australien soll der Koitus von hinton immer vollzogen werden, da die Schamteile der 
Weiber etwas mehr zurückstehen. Die Juden hielten dafür, daß der Beischlaf, auf dem 
gewöhnlichen Wege vollzogen, in der Regel nicht so gute, kluge, talent- und hoffnungs- 
volle Kinder erzeuge, als wenn die Beiwohnuiig a parte postica geschehen ist. Diese Lehre 
war Mohammed ein Greuel, darum behauptete er nach den Hedithcn (Überlieferungen), 
daß folgender Koranvers vom Himmel gefallen sei: „Die Weiher sind euer Acker; 
kommet in euren Acker, auf welche Weise ihr wollt* (Zweite Sure St. 25. Vers 244.) 



72 Die Impotenz des Mannes. 

diesen Punkt zu lenken und bemerke ihm, daß seine Position bei Men- 
schen nicht gebrauchlich sei und einem Koitus more ferarum gleiche. 
Über Herrn B.s Gesicht fliegt ein Schimmer der Erleuchtung und er ruft 
aus: „Das bringt mich auf eine Menge von Erinnerungen. Habe ich Ihnen 
schon erzählt, daß ich einen Koitus mit einem Pferde versuchte, als ich 
zwischen 14 — 15 auf dem Lande lebte? Wir hatten ein Pferd, dessen 
Hinterteil ich bewunderte, das ich gerne beim Stuhlabsetzcn beobachtete, 
es beschäftigte mich in meinen Phantasien. Die Stute gebar zur Zeit meiner 
Pubertät ein Fohlen, dessen Formen ich bewunderte, als es heranwuchs. 
Ich pflegte zu diesem Zweck den Stall zu besuchen, um es immer wieder 
zu beobachten . . . Wenn ich meinen Koitus more ferarum vollziehe, so 
habe ich immer die Vision von dem Hinterteil dieses Fohlens." Mit 
anderen Worten, die Impotenz war von einer Regression seiner Libido 
auf eine Periode begleitet, in der die seelischen Impulse einer gefährlichen 
Fixation unterlegen sind. Mit Vergnügen ergänze ich, daß nach dieser 
Analyse alle Schwierigkeiten verschwanden, jeder Koitus zur vollständigen 
Zufriedenheit gelang und kein Gedanke und kein Wunsch mehr an die 
paraphilen Phantasien mahnt. 

Von besonderen Poteiizbedingungeu waren noch zu erwähnen: Der 
Mann, der vor dem Koitus die Schamhaare seiner Auserwiihlten kämmen 
muß (Mersbach); der Manu, der eine Dame mit Perlenhalsband, Seiden- 
mantel und Seidenschirm schmücken mußte, um sie besitzen zu können 
(Rosenbach); der Mann, der die Dame in einer Leibbinde sehen mußte, i) 

Ich möchte noch einige besondere Bedingungen hervorheben, wie sie 
mir in meiner Erfahrung untergekommen sind. 

Fall Nr. 34. Ein Mann, der nur potent ist, wenn er sich vorher eine 
Irrigation macht — auch unmittelbar nach dem Stuhlgang ist ein Koitus 
möglich — , bittet vor der Brautnacht um Abhilfe. Er könne sich vor seiner 
Frau keine Irrigation machen. Es handelt sich um einen Fremden, der seine 
Hochzeitsreise nach Wien gemacht hat. Analyse ausgeschlossen. Ich empfehle 
ihm ein Glyzerinsuppositorium als Reizmittel für die kritische Nacht. Erfolg 
ausgezeichnet. 

Fall Nr. 35. Ein 35jäbriger Mann, der nur in Hotels potent ist, wenn 
Bich nebenan Liebespaare befinden, deren Bewegungen, Gespräche und Ausrufe 
er hören kaun. (Nebenzimmer-Erotik.) Die Brautnacht verbringt er in einem 
sogenannten Stundenhotel, woselbst er potent ist. In seiner Wohnung absolute 
Impotenz. Seine Frau weigert sich, das Stundenhotel wieder aufzusuchen, und 
verläßt ihn nach einigen Tagen. 

Fall Nr. 36. Ein Mann, der nur nach Leichenbegängnissen potent ist. 
Er fährt auf den Zeutralfriedhof und wohnt einem Leichenbegängnis bei. Dann 

) Auch Havelock Ellis erwähnt den Brief eines homosexuellen italienischen Marquis, 
in welchem dieser von dem Eindrucke berichtet, den der Geruch einer Leibbinde eines 
jungen Mannes auf ihn machte. „Ich bedeckte mein Gesicht damit", erwähnt der Marquis, 
„und war ball berauscht von dem außerordentlichen Geruch von junger Männlichkeit 
und frischem Heu". Der Gurt war von dem jungen Manne zwei Jahre getragen worden 
und der Geruch desselben hätte wohl auf normale Menschen eher einen abstoßenden 
als einen angenehmen Eindruck ausgeübt. 



Besondere Bedingungen der männlichen Potenz. 73 

eilt er in ein Bordell, woselbst er den Koitus mehrere Male hintereinander aus- 
fahren kann. (Verkappte Nekrophilie.) 

Fall Nr. 37. Ein Mann, der nur bei Graviden potent ist. (Erinnerungs- 
bild aus seiner Jugend. Die Mutter sah er fünfmal in diesem Zustand.) 

Fall Nr. 38. Ein Mann, der nur menstruierende Frauen koitieren kann. 
(Auch maskierter Sadismus, Vorstellung einer Wunde, in der er herumwühlt.) 

Fall Nr. 39. Ein 46 jähriger Maun, der nur vor dem Spiegel potent ist. 
Sein Traum ist ein mit Spiegelwänden bekleideter Raum. Alle Versuche, ohne 
Spiegel einen Koitus zustande zu bringen, mißlaugen. (Narzißmus mit Spiegelerotik.) 

Fall Nr. 40. Ein 2 6 jähriger, sehr reicher Lebemann ist nur bei Jung- 
frauen potent. Nach der Defloration Ekel und Verachtung für das Mädchen, 
das sich ihm hingegeben hat. Läuft davon und läßt sie im Stich. Nennt nie 
seinen Namen. Hat ein unglaubliches Geschick, sich unwissenden und uner- 
fahrenen Mädchen zu nähern und sie zu verführen. Ist sie keine Virgo, so läßt 
er sie unberührt, da er sonst keine Potenz aufbringt. Hat schon über 24 Opfer 
in der Großstadt gefunden. (Sadist, Latent-Homosexueller, an seine Schwester 
fixiert.) 

Fall Nr. 41. Ein 52jähriger Reisender, der nur in der Eisenbahn potent 
ist. Im Eisenbahnzug stets ein Zustand, der an Priapismus grenzt. Koitus bis 
zehnmal in einer Nacht möglich. Außerhalb der Eisenbahn gänzlich impotent. 
Weiß eine Menge von Erlebnissen aus dem Schlafwagen zu erzählen. Ist mit 
den Schlaf wagenkondukteuren bekannt, die ihm schon die Objekte vermitteln, 
denen seine Annäherung angenehm ist. Es scheint sich um eine sehr gesuchte 
Form der Befriedigung zu handeln. (Spezielle Form des sexuellen Infantilismus, 
Kinderwagenerinncrungen.) 

Fall Nr. 42. Muß vor dem Koitus uuzüchtige Reden führen können. 
Ohne Koprolalie eine Erektion unmöglich. Ist bei anständigen Damen impotent. 
Nur wenn es ihm gelingt, sie zu einem zweideutigen Gespräch zu bringen und 
ihr unflätige Worte zuzurufen (Kanaille, Luder, Bestie, Hure. Gelt, das schmeckt 
dir, du geile Dirne?! usw.) ist er potent. 

Fall Nr. 43. Herr Z. R. hat eine ganz originelle Potenzbediugung. Er 
muß die Schamhaare der Frau rasieren, ehe er einen Koitus vollführen kann. 
Er rationalisiert dieses Verlangen mit einem unwiderstehlichen Ekel vor der 
Behaarung. Alle Versuche, mit unrasierten Frauen die Conjunctio membrorum 
zn vollziehen, mißlangen. Zu seinen Angaben stimmt nicht, daß er von anderen 
Männern rasierte Frauen nicht benützen kann. In einem Lupanar fand er ein- 
mal eine Puella, die wegen Phthiriasis von einem Arzte rasiert wurde. Als er 
einem Mädchen das Ansinnen stellte, sich rasieren zu lassen, rief sie aus: „Da 
kannst dir gleich die Emma nehmen. Die ist vor ein paar Tagen schon rasiert 
worden." Er kam damals zur Erkenntnis, daß der Akt des Rasierens auch 
schon Instbetont war. 

Es scheint sich um ein Rudiment einer sadistischen Phantasie zu handeln. 
(Verletzen der Frau mit dem Rasiermesser.) Er begnügte sich mit der kleineu 
Andeutung der Realität. 

Jeder Sexualforscher wird aus seiner Erfahrung eine Reihe solcher 
Verrücktheiten vorbringen können. Eine ausführliche Besprechung und Ana- 
lyse finden sich in den Bänden V und VII. 

Die Kenntnis des sexuellen Pikazismus ist für den Sexualogen, der 
sich mit der Behandlung der Impotenz befaßt, unerläßlich. Dazu kommen 



74 



Die Impotenz des Mannes. 



noch die verschiedenen Mysophilen, die Koprolagnisten und Urolagnisten, 
die Voyeurs und Auditeurs, die Sadisten und Masochisten — kurz man 
kann ohne gründliche Analyse des individuellen sexuellen Geschmackes 
keine Behandlung eines Impotenten durchführen. 

Es wäre noch zu erwähnen, daß viele Impotenzen nur scheinbare 
sind. Viele Männer schützen eine Impotenz vor, die gar nicht vorhanden 
ist. Sie haben nie den Versuch eines Koitus gemacht und halten sich für 
impotent, obwohl sie daheim über kräftige Erektionen verfügen und für 
ihre Annahme keinen Beweis haben. 

Eine Beobachtung dieser Art möge dies Kapitel beschließen: 

Fall Nr. 44. Ein 26jähriger Mann, Adeliger, einziger Erbe eines großen 
Majorates, wird mir von seineu Eltern wegen Impotenz in Behandlung gebracht. 
Er soll heiraten, aber er hält sieh für impotent und alle Versuche seien fehl- 
geschlagen. Es handelt sich um einen schüchternen, etwas verträumten Menschen 
der schwer zum Reden zu bewegen ist. Er will keiue besonderen Erlebnisse 
gehübt haben. Er ist angeblich im 15. Jahre beim Klettern auf einer 
Kletterstange auf die Onanie gekommen und hat sie sehr mäßig betrieben 
Nach einem Jahre habe er die Onanie aufgegeben. Alle Versuche bei Dirnen 
und in vornehmen öffentlichen Häusern seien mißlungen. Sein früherer Er- 
zieher sei mit ihm in eiue„Maison" gegangen, dort habe er sich nach Photo- 
graphien eine schöne Dame ausgesucht, aber trotz vorhandener Erektion habe 
ihn eine Scheu abgehalten, die Immissio zu vollziehen. Er hatte angeblich Angst 
er werde sich blamieren, er wisse nicht, wie er die Bewegungen ausführen 
solle, die Dame werde ihn auslachen. Des Nachts hat er kräftige Erektionen. 
Er ist gezwungen, in den Straßen stundenlang herumzulaufen und sein Ideal 
zu suchen, bei dem er bestimmt potent sein werde. Er spricht verschiedene 
Damen an, gibt sich Rendezvous, die er nicht einhält. Es bereitet ihm einen 
Genuß, Dirnen anzusprechen, er geht mit ihnen bis zu ihrer Wohnung zahlt 
ihnen dann den bedungenen Preis und entfernt sich. Er wisse bestimmt, daß 
er nie heiraten werde. Das Majorat solle an einen Vetter übergehen. Ihm sei 
das ganz gleichgültig. 

In der Analyse kommt nach drei Wochen heftigen Widerstandes (!) fol- 
gendes Erlebnis seiner Pubertät zutage. Im 16. Jahre hatte er mit einer 
.uiffallend schönen Kammerjungfer (schlank, rotblond, vorstehende Zähne) ein 
Verhältnis. Er kroch jede Nacht drei Monate hindurch in ihr Zimmerchen, bis 
es seine eifersüchtige Mutter entdeckte und das Mädchen mit Schimpf 'und 
Schande aus dem Hause jagte. Er wehrte sich, so gut er konnte, und machte 
auch einen kindischen Selbstmordversuch. Nach einigen Wochen erfuhr er, daß 
das Mädchen in der Hoffuuug war. Er trat nun vor seine Eltern hin und er- 
klärte, er wolle sie heiraten und sein Kind legitimieren. Trotz seines Protestes 
wurde das Mädchen mit einer großen Abfertigungssumme nach Amerika ge- 
schickt, er aber kam in eine geschlossene Anstalt, da ein zweiter Selbstmord- 
versuch seine Internierung notwendig machte. 

Es zeigt sich, daß er sich in Trotzeinstellung zu seinen Eltern befindet 
und einfach nicht heiraten will, um sie für das Wegschicken des Mädchens, 
das er damals heiraten wollte, und für seine Internierung zu strafen. Die Eltern 
haben ihm sogar eine Geliebte gemietet— das geschah auf Rat eines Arztes — , 
die einige Monate auf dem Landgute mit ihnen wohnte und als Gesell- 
schafterin der Mutter galt (!). Er hatte wohl Erektionen, aber war nicht zu 



Besondere Bedingungen der männlichen Potenz. 75 

bewegen, den Koitus mit ihr auszuführen. Die Gesellschafterin wurde nach 
dreimonatlichen vergeblichen Versuchen entlassen. Er erklärt schließlich ganz 
offen, daß er nicht koitieren wolle, da seine Eltern sein Leben ruiniert haben. 
Er beharrt auf seiner Liebe und wartet den Tod der Eltern ab, um die 
ehemalige Geliebte heimzuführen. Er hat aber von ihrer jetzigen Existenz keine 
Ahnung, weiß ihre Adresse nicht. Er schwelgt bloß in Phantasien einer Amerika- 
reise. Er werde sie ausfindig machen und dann auf sein Schloß führen usw. 

Hat sich eine merkwürdige Form der Sexualbefriedigung ausfindig ge- 
macht. Er spricht Frauen auf der Gasse an, bespricht mit ihnen ein Rendezvous, 
begleitet sie bis zum Hotel, dann entschuldigt er sich und lauft davon. Dirnen 
pflegt er die verlangte Summe zu bezahlen und ohne den Versuch eines Koitus 
wogzugehen. ') Ihm genügt die Abmachung. Er will sich überzeugen , daß er 
erobern kann, er begnügt sich mit der Vorlust. Mit diesem Fetzen Realität 
baut er sich seine Phantasien auf. 

Er beginnt aber zu begreifen, was er auf der Straße sucht. Er sucht 
die Kammerjungfer und spielt, als ob er sie gefunden hätte. Jeder Koitus 
würde diese Phautasie zerstören. Er begnügt sich, eine Partnerin für sein 
Theaterstück gefunden zu haben, welche sich nur beim ersten Akte beteiligt. 

Er versteht jetzt, warum er stundenlang herumlaufen und suchen muß. 
Kr sucht das Ideal seiner Pubertät. Er kann nur Damen lieben, die große, vor- 
stehende Zähne haben und rotblond sind. Erst in der Analyse wird es ihm 
bewußt, daß er die Kammer Jungfer sucht. Denn sein Straßenideal ist überdies 
schlank, mager und rotblond. Er hatte angeblich vergessen, wie sie aus- 
gesehen hat. Rasche Heilung und Aufgeben der Trotzeinstelluug gegen die Eltern. 

Die meisten dieser Fälle sind psychologisch und psychanalytisch nicht 
erforscht, Jn den späteren Bänden dieses Werkes schildere ich die beson- 
deren Bedingungen der Potenz, die sich als „Psychosexueller Infantilismus" 
und „Fetischismus-' manifestieren. Die Kenntnis dieser beiden Paraphilien 
ist für den Forscher, der das Wesen einer Impotenz verstehen will, unbe- 
dingt notwendig. Die meisten Rätsel des sexuellen Menschen sind durch die 
neue Wissenschaft gelöst worden. An Stelle der Verwunderung über das 
sexuelle Raritäten kahi nett der Natur treten Erkenntnis und Verstehen. 



') Es gibt viele Männer, die sich mit der Vorlust des Redens, mit der psychischen 
Lust der Eroberung, begnügen und auf jede Aktion verzichten. Fürbringor schildert 
einen solchen Fall : 

Ein 30jähriger Kaufmann mit nervöser Dyspepsie, hochgradiger Verstopfung, 
Spinalirritation, klagt uns über stark gesunkene Potenz aus Anlaß plötzlichen Ein- 
schniirens seines Gliedes im Moment des Versuches. In demselben Maße, wie die 
Erektion an Kraft und Ausdauer einbüßte, hätte sich sein Gcschlechtsdrang in krank- 
hafter Weise gesteigert, derart, daß er jedem schönen Weihe und Mädchen auf der 
Straße nachlaufen müsse. Mißlinge es, mit ihnen anzubinden, so litte er namenlos, glücke 
es, eiue Zusammenkunft mit ihnen zu verahredeu. so sei er „vollständig befriedigt". 
Nie denke er daran, sein Versprechen zu halten, und nie sei es unter solchen Bedin- 
gungen zum geschlechtlichen Verkehr überhaupt gekommen. Stets genüge es ihm, mit 
den Damen über die Arrangements zum Sinuesgenusse und sonstige Dinge gesprochen 
zu haben. Den Grund seines Verhaltens, das nichts mit Angst und Feigheit zu tun 
hätte, könne er nicht angehen (1. c. S. 141—142). 



76 



Die Impotenz des Mannes. 



V. 

Onanie und Potenz. 

Man unterschätze die kleinen Gewohnheiten nicht, sie 
siegen oft über die großen Leidenschaften. A. Engel. 

Zu den wichtigsten Aufgaben des Psychotherapeuten gehört die 
Behandlung der psychischen Impotenz des Mannes. Es ist leider fast un- 
möglich, dieses Thema geschlossen darzustellen, weil jeder einzelne Fall 
den Scharfsinn des Arztes aufs Neue herausfordert und sich die mannig- 
fachsten Motive zusammenfinden, um die Impotenz zu erzeugen. Wenn 
irgendwo, so gilt gerade bei diesem Leiden der Satz: Jeder Fall ist ein 
Novum! Wie also die Therapie schildern? 

Wenn ich dieses Wagnis trotzdem unternehme, so tue ich es, weil 
kein anderes Leiden die Macht der Psychotherapie allen anderen Be- 
handlungsmethoden gegenüber so deutlich illustriert. Aber nur eine ziel- 
bewußte, rationelle Psychotherapie! Eine individualisierende Therapie' 
Denn gerade bei der psychischen Impotenz kann eine falsche Psycho- 
therapie, ja jede Therapie unter Umständen Schaden stiften, weil sie ein 
„Krankheitsgefühl" züchtet, die Überzeugung der Krankheit, welche 
ja bei der Impotenz schon die Krankheit selbst ist. 

Das Wesen der psychischen Impotenz besteht darin, daß sich Hem- 
mungsvorstellungen vordrangen und den Reflexakt des Rückenmarkes 
durch zerebrale Einflüsse stören, hemmen, schwächen oder ganz aufheben 
Diese Hemmungen können mannigfacher Natur sein und können in leichten 
Fällen schon durch einfache Suggestion geheilt werden. Alle mechanischen 
Eingriffe, Kühlsondenbehandlung, elektrische Prozeduren, Kaltwasserkuren 
Mast- und andere Stärkungskuren und alle Aphrodisiaca wirken auf sug- 
gestivem Wege durch Erzeugung einer Vorstellung („Es wird jetzt sicher 
gehen!"), welche die Hemmungsvorstellungen überwindet. Ich habe, ehe ich 
Psychotherapeut wurde, zahlreiche Fälle auf diese Weise geheilt, oft 
glänzende Erfolge erzielt, muß aber zugeben, daß mir Fälle untergekommen 
sind, bei denen ich vollkommen machtlos war. Ich glaubte noch eine Zeit- 
lang an die Schulweisheit, daß es auch eine organisch bedingte Impotenz 
im Jugendalter gäbe. Heute bin ich anderer Ansicht. Ich glaube, daß es 
keine organisch bedingte Impotenz im jugendlichen Alter und im Mannes- 
alter gibt, wenn wir keine System erkrankung des Rückenmarkes, keine 
Diabetes oder irgend ein anderes Grundleiden nachweisen können. Ich 
habe wenigstens keinen solchen Fall gesehen. Vielleicht mag der eine 
oder andere Fall vorkommen, wo es sich um Mißbildungen handelt, Fehlen 
des Hodens, Zwitterbildung usw. . . Aber von diesen Ausnahmen können 
wir ja ruhig absehen. 

Es gibt bei normal ausgebildeten Genitalien und normalen 
Keimdrüsen keine angeborene organische, es gibt nur eine 



Onanie und Potenz. nr, 

psychische Impotenz des Mannes; jede lokale Behandlung ist 
überflüssig, mitunter gefährlich und meistens schädlich. 

Habe ich doch gar nicht so selten gesehen, daß Zystitiden, ja sogar 
einmal eine Gonorrhoe auf diese Weise erzeugt wurden! Die psychische 
Impotenz ist die Domäne, auf der die ärztliche Unwissenheit die tollsten 
Orgien feiert, immer im wissenschaftlichen Gewände und bona fide. Aber 
in sexualibus zählen die Ärzte noch immer zu den größten Ignoranten. 
Und dies ohne ihre Schuld. Denn wir lernen in den Schulen wohl eine 
Menge überflüssiger chemischer Formeln, aber die Lehrkanzeln für Sexual- 
wissenschaft sind noch nicht geschaffen worden. 

Ich glaube auch, daß viele Impotenzen in vorgerücktem Alter 
nur psychisch und auf seelische Hemmungen zurückzuführen sind. Ich 
werde auch für diese Behauptung den Beweis nicht schuldig bleiben. Wir 
werden Männer kennen lernen, die nach einer Impotenzperiode von zehn 
Jahren (!) im hohen Alter die Potenz wieder gewonnen haben. Ich wieder- 
hole: die Potenz bleibt physiologisch bis zum Tode erhalten. 

Ein allzufrühes Verlöschen der Potenz läßt — wenn es sich nicht 
um ein scheinbares Erlöschen handelt — auf ein zu frühes Senium 
schließen. Erkundigt man sich aber genauer, so hört man, daß diese an- 
geblich impotenten Männer noch des Morgens im Traume oder beim Er- 
wachen mehr oder minder kräftige Erektionen haben. Diese Erektionen 
werden dann als „Wassersteife" bezeichnet und als ein Reflexakt der 
überfüllten Blase angesprochen. 

Ich kenne keine größere physiologische Unmöglichkeit als 
diese sogenannte Wassersteife! Wäre durch Füllung der Blase 
eine Erektion zu erzielen, so würde die bloße Retention des 
Urins genügen und wir hätten ein einfaches Mittel zur Heilung 
der Impotenz. Wir brauchen nur dem Manne raten, zu warten, 
bis die Blase recht gefüllt ist, und dann solle er nur die phy- 
siologische Erektion benutzen.*) 

') Orlowskij warnt sogar vor der Benützung der Morgenerektion und sagt: „Der 
Einfluß des Alters auf die Impotenz ist durchaus wechselnd. Ein Prostatahyper- 
trophiker von 78 Jahren, der sein Lehen lang Veneri et Baccho reichlich u*id mit Liebe 
gedient hatte, zum z weiten Male verheiratet war, der sich täglich zweimal seit Jahren 
kathetcrisierte, fragte, als er aus der Behandlung entlassen wurde, wie oft er den Koitus 
ausführen dürfe. Auf die Bemerkung, daß Enthaltsamkeit nicht nötig wäre, daß nur 
von der Ausnützung der Morgenerektion abzuraten sei, erwiderte er daß 
auch am Abend das Berühren seiner Frau zur Auslösung der Erektion genüge. Er 
wäre gewohnt, 2— 3mal wöchentlich den Koitus auszuführen. Der älteste Patient der 
mich wegen Impotenz konsultieren zu sollen glaubte, war 64 Jahre alt, ein verständiger 
gebildeter Kaufmann, den die Tatsache, daß sein Vater noch als 8ljähriger sexuell 
sehr leistungsfähig gewesen wäre, dazu veranlaßt hatte. Er war indes nicht behandlungs- 
fähig, da sich Anhaltspunkte nicht finden ließen. Anderseits scheint die Zahl der 
jugendlichen Geschlechtsinvaliden eine ungeheure zu sein. Ich habe Gründe anzunehmen, 






78 



Die Impotenz des Mannes. 



Ich weiß, daß die Urologen diese „Wassersteife" verteidigen wie 
eine Löwin ihr Junges. Aber das zeigt nur den Mangel an psychologischem 
und physiologischem Verständnis. Auch läßt sich bei Impotenten trotz Rei- 
zung des Caput gallinaginis keine Erektion erzielen, während der Priapis- 
mus, der Zustand einer permanenten Erektion, niemals von einer Über- 
füllung der Blase herstammt. Sonst müßten die Prostatiker, die oft er- 
staunliche Mengen von Residualharn aufweisen, über eine ebenso er- 
staunliche Potenz verfügen, was keineswegs der Regel entspricht, sondern 
eine Ausnahme darstellt. 

Die Erektion am Morgen oder in den letzten Stunden des Schlafes 
— denn darauf kommt es an — hat ganz andere Ursachen. (Ich kannte 
einen Bäcker, der nur des Tags schlafen konnte und angeblich impotent 
war. Immer trat knapp vor dem Erwachen eine Erektion ein. Das heißt, 
er erwachte, weil der die Erektion herbeiführende Traum nicht bewußt 
werden durfte.) Alle diese Menschen, die an psychischer Impo- 
tenz leiden, stehen unter der Herrschaft von Hemmungen. Ihre 
Sexualität ist durch die Macht und den Eindruck eines Verbotes gelähmt. 
Gegen dieses Verbot kämpfen sie die ganze Nacht und der Traum legt 
ihnen immer wieder Lösungen vor, welche die Hemmungen zu umgehen 
versuchen. Aber erst gegen Morgen ist die Traumarbeit so weit vorge- 
schritten, daß jene Situation gefunden wird, in der der Träumer seine 
Sexualität ausleben kann. Es ist auch das Phänomen in Betracht zu 
ziehen, das Freud „Regression" genannt hat. Der Traum knüpft meist 
an Erlebnisse des Tages an 1 ) und spinnt den Faden weiter, aber immer 
weiter zurück in das Infantile, er vollzieht eine Regression in die Kind- 
heit und zu jenen Quellen der Sexualität, deren freies Strömen bei Tage 
einer moralischen Zensur unterworfen ist. Die Hemmungen werden erst 
überwunden, wenn der Träumer sich in einer infantilen Situation befindet, 
in der es keine Hemmungen für ihn gab. Oder er überwindet die ak- 
tuellen Hindernisse, je mehr er sich im Traume vom Tage und der 
Realität entfernt. Endlich hat er die Realität überwunden und jenes ge- 
heime Sexualziel erhebt sich greifbar vor seinen geistigen Augen, das 
allein imstande ist, seine sexuellen Wünsche aufzupeitschen. Die Träume, 
welche sich an diese Erektionen knüpfen und welche das geheime Se- 
xualziel verraten würden, sind bald vergessen. Der Erwachte erinnert 
sich nicht daran oder nur ganz allgemein. So z. B. kannte ich einen 
scheinbar impotenten Mann, dessen Sexualziel Männer waren, weil seine 
stärkste sexuelle Tendenz die homosexuelle war. Er durfte sich diese 

daß nur ein kleiner Teil überhaupt irgend etwas versucht, geschweige denn in ärzt- 
liche Behandlung kommt. „Die Impotenz des Mannes". Für Ärzte dargestellt von 
Dr. F. ürlowsky, Spezialarzt in Berlin. Würzburg, Kurt Kabitzsch (A. Stubers Verlag), 
1908, S. 19. 

*) Nicht immer — wie meine Forschungen bewiesen haben. 



™ 



Onanie und Potenz. 7 ,, 

Triebrichtung- nicht eingestehen und Frauen lockten ihn nicht. Er träumte 
oft, hatte Erektionen und Pollutionen, kannte aber den Inhalt seiner 
Träume nicht. Von mir aufgefordert, seine Träume sofort nach dem Er- 
wachen aufzuschreiben (ohne daß ich vorher mit ihm ein Wort über seine 
homosexuellen Tendenzen gesprochen hatte), notierte er einen sehr merk- 
würdigen homosexuellen Traum, der ihn selbst sehr überraschte. Dies nur ein 
Beispiel für tausende, die ich geben könnte. Seine Morgenerektion erfolgte 
also nach Bewältigung aller Hemmungen, die zwischen ihm und der Homo- 
sexualität lagen. Da er aber in seiner Kindheit mit einem Freunde ein 
homosexuelles Verhältnis hatte (gegenseitige Fellatio!), so brachte der Mor- 
gentraum die Reproduktion dieses Erlebnisses und eine starke Erektion. 
Die Morgenerektion ist das sicherste Kennzeichen der 
psychischen Impotenz und gestattet schon eine günstige Pro- 
gnose der Psychotherapie. 

Unsere erste Frage hat also der morgendlichen Erektion zu gelten. 
Da hören wir oft, daß Erektionen die ganze Nacht da sind, oder nur 
gegen Morgen, daß sie seit einiger Zeit seltener oder häufiger auftreten, 
was wichtige Schlüsse für die Stärke des Leidens zuläßt Denn viele 
Impotenzen sind ja derart, daß die Erektionsmöglichkeit immer vor- 
handen ist, bei der Onanie vollkommen zur Verfügung steht und nur 
bei dem Weibe versagt, Bestehen also Erektionen — sei es am 
Tage oder nur gegen Morgen — , so ist eine organische Grund- 
lage der Impotenz auszuschließen und jede lokale Behandlung 
zu vermeiden. Ich weiß, daß Freud viele seiner Fälle zugleich von 
einem Urologen behandeln läßt. Ich halte das für einen großen Fehler 
und warne davor. Es erschwert die Heilungsmöglichkeit und verwirrt 
das Krankheitsbild. Jede psychische Impotenz soll nur psychisch geheilt 
werden. 

Eine andere Frage ist wichtig. Ist das Fehlen der Morgen- 
erektionen und der Erektionen überhaupt ein sicheres Zeichen, 
daß man es mit keiner psychischen Impotenz zu tun hat? Dar- 
auf kann ich mit einem entschiedenen „Nein" antworten. Es gibt Para- 
pathiker, bei denen die Hemmungsvorstellungen sogar in die Morgenträume 
eindringen, so daß die asketischen Tendenzen stärker werden als der Trieb. 
Ich kenne Fälle, in denen mehrere Jahre keine Erektion auftrat und wo 
die Sexualität scheinbar erloschen war. Ich sage scheinbar, weil sie sich in 
zahlreichen Symptomhandlungen äußerte und der bewußte und der unbewußte 
physische Ausdruck im Traume nur unterdrückt war. Nach Aufhebung der 
Hemmungen infolge der Analyse trat der Geschlechtstrieb in alter Stärke 
auf, ja so stürmisch, daß die Kranken darüber erschreckt und immer 
wieder bereit waren, diesen satyriastischen Regungen ein Ende zu machen. 
„Ich kann die Erektionen vollständig unterdrücken", sagte solch ein 
Kranker zu mir, „es hängt nur von meinem Willen ab!" 



80 



Die Impotenz des Mannes. 



Es gibt keine „kongenitale sexuelle Anaphrodisie" (Eulenbmg). 
Die Beobachtungen, welche Krafft-Ebing , Hammond, Rohleder, Forel und 
Löwenfeld mitteilen, sind nicht beweiskraftig, da die psychanalytische 
Erforschung fehlt. Auch beim psychosexuellen Infantilismus fehlt der Ge- 
schlechtstrieb nicht. Wie wäre das auch möglich? Das Kind ist mehr Ge- 
schlechtswesen als der Erwachsene! 

Wir sehen also, daß das Fehlen der Erektion bei Männern bis zum 
50. Lebensjahre und darüber hinaus uns noch nicht die Diagnose einer 
organisch bedingten Impotenz gestattet. Wir werden ja später einige der- 
artige Krankengeschichten zu hören bekommen. Ich habe schon einen 
Impotenten heilen können, der nahe an die Siebzig stand. Die Erektions- 
fähigkeit war angeblich durch 14(!) Jahre erloschen. Die Behandlung er- 
folgte wegen quälender Zwangsvorstellungen. Plötzlich traten wieder des 
Nachts langandauernde Erektionen auf. 

Es gibt kaum einen zweiten physiologischen Vorgang, der so leicht 
durch hemmende Vorstellungen gestört werden kann, wie die Erektion. 
Dabei ist die hemmende Vorstellung in den seltensten Fällen bewußt. 
Bewußte Hemmungen sind nicht so schädlich und führen auch seltener 
zu einer vollkommenen Impotenz. So gibt es z. ß. eine Menge Männer, die 
vor einer Dirne Ekel empfinden und immer bei Dirnen impotent sind. 
Sie wissen es, haben aber auch die Überzeugung, daß es bei anderen Ob- 
jekten ohne Störung gehen wird. 

Diese Hemmung kann aber dem Manne nicht bewußt sein und der 
Ausgangspunkt einer psychischen Impotenz werden. Die Vorstellung „Ich 
bin impotent" wirkt schon als verderbliche Autosuggestion. Beim 
nächsten Versuch tritt diese Vorstellung bereits vor dem Akte auf. Der 
Mann fragt sich: „Werde ich diesmal potent sein?" Er zweifelt, er hat 
Angst vor einer Blamage und dieser Zweifel und diese Angst wirken 
schon automatisch als noch stärkere Hemmungen. 1 ) Der weitere Verlauf 
ist nun der, daß entweder die Angst und der Zweifel immer stärker wer- 
den und dann bildet sich das klassische Bild einer psychischen Impotenz 
aus, oder der Betreffende stößt auf ein Objekt, das seine Libido so reizt, 
daß alle Hemmungen überwunden werden, daß Angst und Zweifel gegen 
die Stärke des Triebes nicht aufkommen und dann ist er eben geheilt. 

Die leichtesten Fälle von psychischer Impotenz sind die frischen, 
die nach einer oder einigen Blamagen zum Arzte kommen. Hier tut schon 
einfache Erklärung ihre Wunder und eine eingreifende Behandlung 
wie eine psychologische Analyse wäre direkt ein Kunstfehler. Denn 
— wie schon einmal betont — jede Behandlung bestärkt das Krank- 



') Vergl. die anregende Arbeit von Dr. Send Cornelius: „Die Autosuggestion in 
ihren Beziehungen zu den depressiven Neurosen. (Die post-paroxystische Autosugge- 
stion.) Zentralblatt f. Psychoanalyse, IV. Band, Heft III/IV, S. 131. 



Onanie und Potenz. 



81 



heitsgefühl und wirkt als Hemmung auf den Behandelten. Die Vor- 
stellung „Ich bin impotent" wird dann immer mächtiger, jeder Versuch 
wird zur Probe für die Therapie und für den Arzt. Nun wissen wir heute, 
wie unendlich wichtig der geheime Kampf zwischen Arzt und Patienten 
in der Frage des Erfolges ist. Kranke können krank werden und es bleiben, 
um den Arzt zu erniedrigen, zu entwerten, um ihm nicht den Triumph 
der Heilung zu lassen; viele Männer wollen weiter behandet werden, weil 
die Behandlung eine „Übertragung" erzeugt hat (eine Liebe zum Arzt), 
die seine Nähe wichtiger macht, als den Erfolg bei Frauen. 

Bei der psychischen Impotenz gilt der Grundsatz: Je rascher du 
deine Erfolge erzielen kannst, desto sicherer sind sie. 

Freilich dürfen wir nicht von Augenblickserfolgen reden, wie sie 
Psychotherapeuten erzielen, welche impotente Patienten zwingen, zu Dirnen 
zu gehen und einen vorübergehenden Erfolg bei einer Meretrix als defi- 
nitive Heilung auffassen. Schon nach einigen Wochen kommt der alte 
Jammer wieder. Es muß in jedem Falle ein exaktes Prüfen stattfinden, 
ein Überlegen der Gründe, die für und wieder eine Analyse sprechen. 
Gerade im Erkennen und Differenzieren der leichten und der schweren 
Fülle erweisen sich die Tüchtigkeit und der Scharfblick des Psycho- 
therapeuten. 

Wir wollen nun einige Beispiele von vorübergehenden Impotenzen 
anführen, denen der parapathische Überbau fehlt. Das ist nämlich das Ent- 
scheidende. Passiert ein sogenannter „Versager" einem Normalmenschen, 
so kommt er leicht darüber hinweg, während er beim Parapathiker zum 
Trauma wird. Nun weiß ich, daß eigentlich keine Normalmenschen 
zu finden sind. Aber die Stärke der parapathischen Disposition gibt in 
solchen Fällen den Ausschlag. 

Ich sagte schon, die einfachsten Fälle sind solche, wo eine vorüber- 
gehende Hemmungsvorstellung die Suggestion erzeugt : Du bist impotent ! 
Ein klares Beispiel bietet der folgende Fall: 

Fall Nr. 45. Herr J. B., 32 Jahre alt, Reisender, seit vier Jahren ver- 
heiratet, war bis vor einigen Monaten vollkommen potent und hatte nie über 
Störungen und Launen der Potenz zu klagen. Auf einer längeren Reise fiel 
ihm die Abstinenz sehr schwer. Er beschloß, in ein Lupanar zu gehen. Bis zu 
seiner Ehe hatte er anstandslos mit Dirnen verkehrt und nur mit Dirnen 
Er war die ganze Zeit seiner Ehe der Frau treu geblieben und hatte auch 
auf den Reisen den Versuchungen Widerstand geleistet und war immer Sieger 
über seinen Trieb geblieben. Diesmal ging es über seine Kraft. Er trank 
einige Gläser Wein und ging in ein Bordell, wo er sich eine junge ihm sehr 
•sympathische Dirne wählte. Allein es kam anders, als er sich es vorgestellt 
hatte. Er blieb gänzlich impotent und mußte unverrichteter Dinge abziehen 
Am nächsten Abende wiederholte er den Versuch mit einer anderen Dirne 
Wieder der gleiche Mißerfolg. Er wurde nun unruhig und sagte sich- Am 
Ende bist du impotent geworden." Er dachte über seine Vergangenheit nach 
und erinnerte sich, daß er einige Jahre onaniert hatte. Damals hatte ihm ein 

St«*el, Störungen des Trieb- nnd Affektlebens. IV. 2. Anfl. ß 



82 



Die Impotenz des Mannes. 



mein 



Arzt gesagt: „Wenn Sie die Onanie nicht aufgeben, so werden Sie 
einmal impotent werden!" Jetzt war die Prophezeihung eingetroffen. Er 
war also wirklich impotent! Er suchte einen Arzt auf, der sein Leiden 
tatsächlich auf die Onanie zurückführte und ihm ein Präparat gab, 
das bestimmt helfen werde. Es war Johimbin. Er nahm die Medikamente nach 
Vorschrift, aber wieder versagte er vollkommen. Der Arzt hatte ihm eine 
elektrische Behandlung empfohlen. Da er aber in keiner Stadt, länger als einige 
Tage bleiben konnte, hatte ja die Behandlung keinen Sinn. Er beschloß, sich 
in Wien behandeln zu lassen, und konnte kaum das Ende der Reise erwarten, 
um sich bei seiner Frau zu überzeugen, ob er in der Tat impotent war. 

Er war so aufgeregt, daß seine Frau sagte: „Ich weiß nicht, was du 
hast. Du kommst mir ganz verändert vor! Diese Äußerung regte ihn noch 
mehr auf. Er legte sich zitternd in das Bett, um den ehelichen Beischlaf 
zu vollziehen. Aber auch da passierte ihm das Mißgeschick. Er versagte voll- 
kommen und stammelte vor seiner Frau einige ungeschickte Entschuldigungen. 
Seine Frau nahm die Sache nicht tragisch: „Ach — mach dir nichts daraus!" ') 

Aber trotzdem war er der Überzeugung, -daß er jetzt für die Folgen 
der Onanie büßen mußte. Nach einigen Versuchen bei der Frau, die alle miß- 
glückten, kam er zu mir. Nachdem er mir die Vorgeschichte erzählt hatte, stellte 
ich folgende Fragen : 

„Haben Sie sich etwas gedacht, als Sie in das Bordell gingen?" 

„Gar nichts habe ich mir gedacht, ich bin einfach hingegangen, weil 

Bedürfnis so stark war ..." 

„Haben Sie sich nicht innerlich Vorwürfe gemacht?" 

„Nur einen Moment lang durchzuckte es mich: Eigentlich bist du ein 
schlechter Kerl. Deine Frau sorgt sich so um dich zu Hause und du betrügst 
sie ohne weiteres." 

„Sehen Sie, diese Gedanken wirkten schon als mächtige moralische 
Hemmung. Vielleicht haben sie auch Angst vor Infektionen gehabt?" 

„Ja ... Sie erinnern mich daran. Ich habe mir gedacht: was machst 
du, wenn du dir jetzt eine Krankheit holst? Ich habe nämlich einen Freund, 
dem eine unangenehme Geschichte passiert ist." 

„Möchten Sie mir diese Geschichte erzählen?" 

„Sie gehört eigentlich nicht hierher." 

„Im Gegenteil! Sie gehört hierher. Bitte erzählen Sie sie nur." 

„Nun, mein Freund kam nach Hause, einige Tage, nachdem er im Bordell 
mit einem Mädchen verkehrt hatte. Er war leichtsinnig genug, auch sofort 
mit seiner Frau zu verkehren. Er hatte keine Ahnung, daß er schon angesteckt 
war. Nun passierte das Furchtbare, die Frau wurde krank und der Arzt ent- 
deckte ihm, daß er auch krank sein müsse. Es war eine fürchterliche Sache." 

„Sehen Sie, an diesen Vorfall haben Sie gedacht, als Sie zu der Dirne 
gingen. Immer haben diese Gedanken, die moralischen Vorwürfe und die 
Angst vor Infektionen in Ihrem Innern fortgearbeitet. Scheinbar nur dachten 
Sie nicht daran. Irgendwo lagen alle diese Hemmungen bereit und verdichteten 
sich zu dem Imperativ: „Du darfst eigentlich nichts mit dieser Dirne machen!" 
und Ihr Gehirn war stärker als Ihr Rückenmark, als Ihr Trieb. Die mora- 
lischen Hemmungen haben Ihre Fähigkeit zur Erektion aufgehoben." 



*) Ich erinnere mich an einen feinen Ausspruch meines unvergeßlichen Lehrers 
Albert: „Bei der psychischen Impotenz feiert die Diplomatie einer schönen Frau ihre 
stärksten Triumphe ..." 



Onanie und Potenz. 



83 



„Das kann schon sein. Das sehe ich ein und will es gerne bestätigen, 
denn es fällt mir ein, daß ich mir das erstemal nachher dachte: Eigentlich 
solltest du froh sein, daß du nichts machen konntest. Wer weiß, ob da dir 
nicht eine Krankheit geholt hättest. Aber warum konnte ich dann nicht mit 
meiner Frau verkehren?" 

„Das kommt davon, daß sich durch die verschiedenen mißglückten Ver- 
suche in Ihrem Innern die Vorstellung festgesetzt hat: „Du bist impotent!" 
Diese Vorstellung erzeugte in Ihnen Angst und Zweifel. Sie fragten sich 
immer: „Wird es heute gehen oder nicht?" Solche Vorstellungen sind sehr 
gefährlich bei einem so empfindlichen Reflexakte, wie es der Koitus ist. Diese 
Akte sollen immer ohne Hilfe und ohne den Einfluß des Intellektes vor sich 
gehen. Man darf dabei nicht denken, nicht fürchten und nicht zweifeln. Man 
muß dazu getrieben werden und darf sich nicht künstlich dazu treiben." 

„Ich begreife jetzt alles. Allein glauben Sie nicht, daß die Folgen der 
Onanie jetzt zum Vorschein gekommen sind?" 

„Nein, ich glaube nicht an die Schädlichkeit der Onanie. Wie lange 
haben Sie onaniert?" 

„Vom 12. bis zum 16. Lebensjahre." 

„Wie häufig?" 

„Einmal bis zweimal in der Woche." 

„Nein! Davon rührte Ihre Störung nicht her. Es wäre auch nicht ein- 
zusehen, warum Sie 16 Jahre, also vom 16. Lebensjahre an ohne jede Störung 
den Koitus vollziehen konnten und erst gerade bei der Dirne die Störung 
ausgebrochen wäre. Diese Störung ist nur durch die Macht Ihres Gewissens 
entstanden und wird verschwinden, wie sie gekommen ist." 

„Was soll ich machen, Herr Doktor." 

„Gar nichts. Gehen Sie ruhig ihren Pflichten nach. Ich versichere 
Sie auf das bestimmtoste, daß Ihre Potenz zurückkehren wird. 
Aber geben Sie die Versuche auf, sich außerhalb Ihrer Ehe zu be- 
tätigen. Sie haben off enbar dazu ein zu empfindliches Gewissen .. ." 

„Ich will es Ihnen gerne gestehon, Herr Doktor. Wir Reisende sind 
ein leichtes Völkchen. Man wird selten einen Reisenden finden , der seiner 
Frau treu bleibt. Ich bin es vier Jahre lang gewesen und wurde von meinen 
Kollegen gehörig gehänselt. Da dachte ich: ,Du machst es auch wie die an- 
deren.' Gegen meine innere Überzeugung." 

„Man soll nicht gegen seine innere Überzeugung handeln. Dieses vor- 
übergehende Leiden war Ihre Strafe dafür. Eine Strafe, die Sie sich selbst 
diktiert haben." 

Schon am nächsten Tage kam der Patient freudestrahlend zu mir. 
Die Störung war behoben und der Erfolg war ein dauernder. 

Aus dieser Krankengeschichte können wir lernen, wie die „neben- 
bewußte" Vorstellung „Du bist eigentlich ein schlechter Kerl" und „Du 
kannst Dir eine Syphilis holen" als Hemmung wirkte; ferner daß das 
Versagen aber wieder den Gedanken hervorrief: „Du bist impotent!" Die 
Aussage des Arztes, der die Onanie beschuldigte, verstärkte diesen Ge- 
danken, so daß die Vorstellung „Du bist impotent" jedesmal als Hem- 
mung das Zustandekommen der Erektion verhinderte. Sehr interessant ist 
die Rückführung der Impotenz auf die Onanie. Man wird immer wieder 
bei Impotenten diese Anklage und Selbstbeschuldigung finden. Die Onanie 

6* 



84 



Die Impotenz des Mannes. 



ist ja, wie ich ausgeführt habe, das Schuldreservoir für alle möglichen 
Beschuldigungen. 

In einem Artikel „Über larvierte Onanie" *), den ich in mein Buch 
„Onanie und Homosexualität" aufgenommen habe (siehe die Ausführungen 
auf Seite 40), habe ich auf dieses wichtige Thema aufmerksam gemacht 
und die Harmlosigkeit der Onanie betont. Löwenfeld 2 ) hat sehr erregt 
darauf erwidert und speziell meine Behauptung, die Onanie und die Po- 
tenz hätten nichts miteinander zu tun, bekämpft. 

Die von mir publizierten Falle wären Ausnahmen. „Und was spe- 
ziell die Potenz betrifft — sagt Löwenfeld — , so sind die Fälle, in wel- 
chen diese durch Masturbation empfindlich geschädigt und selbst voll- 
ständig vernichtet wurde, so zahlreich, daß ich mich wundern muß, wie 
jemand zu der Behauptung kommen kann, Masturbation hätte mit der 
Potenz nichts zu tun." Ferner: „Durch Masturbation kann nicht nur die 
vorhandene Erektionsfähigkeit aufgehoben, sondern auch die normale Ent- 
wicklung dieser Fähigkeit verhindert werden." 

Löwenfeld sieht eben nur die Onanie und nicht die Kraft, die hinter 
der Onanie steckt. Ich habe meine Behauptung ja nicht so leichtfertig 
auf die Erforschung eines Falles hin aufgestellt Eine emsige, unermüd- 
liche Beobachtung eines sehr großen Materials hat mich zu dieser meiner 
Überzeugung geführt. Wenn einer onaniert, weil er ein Lustmörder oder 
Nekrophile ist, so kann nach der Onanie auch eine scheinbare vollkom- 
mene Impotenz auftreten als Ausdruck der Hemmung gegen die sadisti- 
schen oder nekrophilen Phantasien, welche den onanistischen Akt be- 
gleiten. 

Ich bin kein Freund von wissenschaftlichen Diskussionen. Über- 
zeugung steht gegen Überzeugung und die Gegner reden beharrlich an- 
einander vorbei. Wenn ich auf den lehrreichen Artikel von Löwenfeld „Über 
Onanie" zurückkomme, so tue ich es nicht, um schon Angeführtes" noch 
nachdrücklicher zu betonen und zu belegen. Das entspräche nicht meiner 
Art. Löwenfeld ist für mich jetzt der Repräsentant aller der Ärzte, welche 
an den Zusammenhang der Impotenz mit Onanie und Pollutionen glauben. 
Deren gibt es noch immer unzählige. In jedem Lehrbuche finden sich 
diese Irrlehren. Ich kann nicht verlangen, daß ein erfahrener Neu- 
rologe wie Löwenfeld alle seine Überzeugungen aufgibt, wenn er einen 
Artikel von mir liest, der die Onanie als harmlos erklärt. Aber ich 
möchte darlegen, daß alles darauf ankommt, wie man die Dinge sieht, 
und zu diesem Zwecke scheint mir das Thema „Onanie und Potenz" ganz 
außerordentlich geeignet. Ich habe an verschiedenen Stellen ausgeführt, 



•J Sexualprobleme, 9. Jahrgang, 1913. 
*) Ibidem, und in dem trefflichem Werke 
V. Aufl. J. F. Bergmann, 1914. 



-Sexualleben und Nervenleiden u 



Onanie und Potenz. of. 

daß die Onanie auf die Potenz gar keinen Einfluß hat. Löwenfeld ist 
vom Gegenteil überzeugt und sagt: „Der Autor glaubt mit Guttzeit, daß 
die Onanie mit der Potenz nichts zu tun habe, da ihm Männer bekannt 
sind, welche seit 50 Jahren masturbieren und noch sehr potent sind. 
Wenn derartiges vorkommt, so handelt es sich zweifellos um interessante 
Ausnahmefälle, welche zeigen, innerhalb welch weiter Grenzen die sexu- 
elle Leistungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit variiert. Bezüglich der 
sanitären Wirkungen onanistischer Exzesse bei Durchschnittsindividuen 
beweisen derartige Vorkommnisse nichts. a ] ) Und in einer Anmerkung 
führt der Autor aus: Durch Masturbation kann nicht nur die vorhandene 
Erektionsfähigkeit aufgehoben, sondern auch die normale Entwicklung 
dieser Fähigkeit verhindert werden, wie ein von mir in dieser Zeitschrift 
mitgeteilter Fall zeigt/' 

Nun werden wir eine Reihe der schwersten Impotenzen kennen lernen 
bei Menschen, die angeblich nie onaniert haben. Andrerseits kennen wir 
zahllose Fälle von Onanisten, welche sich einer geradezu außerordentlichen 
Potenz erfreuen, obgleich sie täglich und manche mehrere Male täglich 
onanieren. Ich möchte aus meiner Erfahrung nur auf folgende Fälle hin- 
weisen. 



') Über den Zusammenhang von Onanie and Potenz fand ich im Werke von 
Färbringer folgende bezeichnende Stelle: „Daß selbst höhere Grade des Lasters ganz 
spurlos an Onanisten verlaufen, ist Ausnahme, aber ganz unzweifelhaft beobachtet. 
Wir erinnern an den von Curschmann zitierten jungen Schriftsteller, der, trotzdem er 
seit 11 Jahren aufs intensivste der Onanie gcfröhnr, körperlich und geistig frisch ge- 
blieben ist und mit bedeutendem Erfolge literarisch tätig war. Ein Dozent in mittleren 
Jahren, der uns ganz Ähnliches gestanden, und den selbst die Ehe nicht vor zahl- 
reichen Rückfällen bewahrt hat, hat seine robuste Körperkonstitution ungeschwächt er- 
halten und bekundet im Unterrichte und wissenschaftlichen Forschen eine seltene Lei- 
stungskraft. Ein 30jähriger Kaufmann, der uns gestand, jahrelang fast täglich, nicht 
selten am Tag drei- und viermal onaniert zu haben — die höchste uns bekannte Lei- 
stung — hatte zwar Andeutungen von Defäkationsspermatorrhöo und etwas Zerebral- 
ueurasthenie (benommener Kopf und Gedankenschwäche) davongetragen, bekundete in- 
des nach seiner ganzen Erscheinung nichts weniger als eine ruinierte Konstitution. Das 
Wunderbare war, daß seine Potenz erhalten geblieben!" Nun mich wundert 
das gar nicht. Viel eher, daß man alle Schädlichkeiten der Onanie gewaltsam kon- 
struiert und alle Erkrankungen des Nervensystems auf die Onanie schiebt, die doch 
nur der Ausdruck einer tieferen seelischen Störung ist . . . Ich freue mich, daß auch 
der große englische Kenner der Sexualität Havelock Ellis sich von allen diesen Übei- 
treibungen ferne gehalten und die Notwendigkeit und wohltätige Wirkung der Onanie 
in Abstinenzzeiten erkannt hat. Forel (Die sexuelle Frage, München, Ernst Reinhardt) 
sagt: „Die exzessiven Onanisten, die oft mehrmals täglich Sameuentleerung provo- 
zieren, gehören zur Kategorie der sexuellen Hyperästhetiker und püegen keineswegs 
der populären Vorstellung vom Onanisten als einem Jammerbilde zu entsprechen. Sie 
werden nicht selten darauf freche Don Juans, können ebenso couragierte und körperlich 
gewandte Leute sein wie andere und sich zu allen Torheiten bereit finden. So \st es 
einfach nicht wahr, daß man „jedem Menschen, der onaniert, dies am Gesicht und am 
Benehmen ansieht", wie es oft behauptet wird." 



86 



Die Impotenz des Mannes. 



Fall Nr. 46. Herr L. N.. 54 Jahre alt, berichtet, daß er seit der frühesten 
Kindheit onaniert. Die Onanie wurde fast täglich und mitunter mehrere Male 
täglich betrieben. Mit 14 Jahren der erste Koitus mit einem Dienstmädchen, 
das ihn verführte. Der Kongressus fand in der Verführungsnacht sechsmal 
statt. In sein Bett zurückgekehrt, war er schlaflos und konnte erst einschlafen, 
nachdem er onaniert hatte. Seit dem 14. Jahre sehr häufiger Verkehr mit 
Dienstmädchen und Dirnen, immer nach dem Verkehr Unruhe und Zwang zur 
Onanie. Mit 28 Jahren Heirat. Lebt in der Ehe sehr glücklich, ist Vater von 
3 gesunden Kindern. Die Potenz ist ausgezeichnet. Er kann sogar die Ejakulation 
bis zu einer halben Stunde hinausschieben. Bis heute immer nocli kommt ein- 
bis zweimal der Woche ein onanistischer Akt vor. Die Onanie geht in einer 
Art Dämmerzustand vor sich, so daß er sich der begleitenden Phantasie nicht 
bewußt ist. Durch einen Traum komme ich auf seine spezifische Phantasie. 
Er war als siebenjähriger Knabe einmal Zeuge, wie zwei Männer in einem 
Stalle eine Kuhmagd zugleich benützten. Der Akt wurde stehend vollzogen, 
wobei der eine von vorne, der andere von rückwärts (offenbar per anum) kon- 
tierte. 1 ) Diese Szene habe ihn maßlos aufgeregt. Es stellt sich heraus, daß 
er immer an diese Szene dachte und in seiner Phantasie beim Onanieren 
immer nur diese Szene erlebte. 

Dieses Haften an einem infantilen Eindruck finden wir bei Onanisten 
und Impotenten sehr häufig. Die Erektionsfähigkeit und das traumatische 
Bild bleiben dauernd assoziiert, sind sozusagen verlötet. Je mehr sich die 
reale Situation der meist geheimen, infantilen oder juvenilen nähert, desto 
größer werden Libido und Erektionsfähigkeit. Ich habe einen älmlieheu 
Fall in meinem Buche „Onanie und Homosexualität" geschildert (Nr. 9, 
S. 36). Ein hochpotenter Onanist, der einmal bei einem Handkusse, den 
ein Herr einer Dame mit großer Galanterie applizierte, eine starke sexuelle 
Erregung empfand und seither immer mit der Vorstellung dieses Hand- 
kusses onaniert. Trotz bis ins hohe Alter fortgesetzter täglicher Onanie 
gar keine Störung der Potenz. 

Interessant ist auch die nächste Beobachtung: 

Fall Nr_47. Herr Leutnant 0. W. ist seit zwei Jahren gänzlich impotent. 
Er stammt von vollkommen gesunden Eltern und hat zwei gesunde Brüder. 
Er erzählt: „Ich führe meine Impotenz auf unmäßige Onanie zurück. Ich begann 
mit 10 Jahren zu onaniereu und onanierte täglich einmal oder sogar zwei- 
bis dreimal bis zum 21. Lebensjahre. Mit 17 Jahren begann ich mit Frauen 
zu verkehren. Meine Potenz war sehr gut. Ich konnte auch fünfmal in der 
Stunde verkehren und war noch gar nicht ermüdet. Im 21. Lebensjahr kam 
mir ein Buch in die Hand „Platens natürliche Heilmethode". Dort lernte ich 
erst mit Schrecken, wie schädlich die Onanie ist. Ich wußte es bisher gar 
nicht, hatte mit keinem Menschen über mein Laster gesprochen. Ich onanierte 
später nur, wenn icb kein Frauenzimmer zur Verfügung hatte. Denn die 
Onanie war mir nur ein Behelf und der normale Verkehr erregte mich viel 



') Diese Art von Farapbilio wird von Lebemännern sehr geschätzt. Sie ist eine 
durchsichtige Maske der Homosexualität. Die Frau ist nur das gemeinsame Medium und 
schwindet in der Phantasie. Der Ausdruck in den Bordellen lautet: Ein Sandwich machen. 



Onanie und Potenz. 



87 



mehr und bereitete mir größeren Genuß als die Onanie. Bis zum 25. Jahre 
fühlte ich nichts von den Schäden der Onanie. Damals passierte es mir plötzlich, 
daß ich hei meiner Geliebten vorsagte. Nun wußte ich, daß die schädlichen 
Folgen der Onanie, von denen Platen spricht, bei mir schon eingetreten sind 
und daß ich nun für meine Jugendsünden zu büßen habe. Ich bin so nieder- 
gedrückt, daß mich das Leben gar nicht freut. Ich war jetzt schon viele 
Male in Gefechton und habe deu Tod gesucht, leider aber nicht gefunden. - ' 
Die Analyse ergibt folgende Zusammenhänge. Er hatte vor 2 Jahren ein 
Verhältnis mit einer verheirateten Frau. An jenem kritischen Tage waren sie 
allein in der Wohnung. Die Frau sprach viel von ihren Gewissensbissen und 
daß sie ihrem guten Manne nicht in die Augen schauen könne. Dieso Reden 
erregten auch sein Gewissen, ohne daß er es merkte. Er war an diesem Tage 
impotent, um so mehr weil auch ein Kamerad ihm erzählt hatte, daß vor Monaten 
ein betrogener Ehemann einen Offizier verprügelt und ihm den Degen zerbrochen 
hätte, so daß der Offizier den Abschied nehmen mußte. Diese Hemmungen 
waren stark genug, die Erektion zu hindern. Das weitere besorgte das Schuld- 
bewußtsein , das die Onanie als Schuldrepräsentanten benützte .... Eine 
entsprechende Aufklärung genügte, um den Mann wieder vollkommen potent 
zu machen. Er gewann sein Vertrauen wieder und konnte schon das nächste 
Mal bei einer Meretrix ohne Störung den Koitus vollziehen. Er hatte auch 
die Onanie beschuldigt, während sein Gewissen ihm dem Streich gespielt hatte. 
Das Verhältnis aber gab er definitiv auf. 

Wie leicht kann ein solcher Fall bei mangelndem psychologischen 
Verständnis als Folge exzessiver Onanie aufgefaßt werden! 

Wir sehen bei der psychischen Impotenz das gleiche Bild: 

Infolge einer zufälligen Hemmung wird die Erektion 
verhindert. Die Wirkung der Hemmungsvorstellung wird nicht 
erkannt und der vorübergehend (bedingt) Impotente hält sich 
für dauernd impotent. Infolge der Autosuggestion und der Angst 
wird dann die Potenz dauernd geschädigt. Die Ursache der Im- 
potenz ist dann die Vorstellung: Du bist impotent! Vom Kranken aber 
wird als Ursache der Impotenz dann nachträglich die Onanie 
angesprochen, obwohl es nicht erklärlich ist, warum die Schä- 
digung durch die Onanie erst nach zehn oder gar zwanzig 
Jahren zum Vorschein kommen sollte. 

Allerdings spielen die verschiedensten Momente hinein. Die Analyse 
einer Impotenz entwirrt ein feines Gewebe von verschiedenen psychischen 
Kräften, deren Resultierende die Impotenz darstellt. 

Doch verbleiben wir noch bei dieser Kasuistik. Der nächste Fall 
bandelt auch von den Schäden der Onanie. 

Leider gibt es wissenschaftliche und populäre Bücher, welche die 
Irrlehre verbreiten helfen, daß frühzeitige Onanie Impotenz erzeugt. Solcher 
Werke könnte ich hunderte anführen. Es wäre ein Gebot der sozialen 
Hygiene, diese verschiedenen Abschreckuugs werke zu verbieten. Ich sehe 
fast jede Woche so ein Opfer der Onanieliteratur. Nur ein Beispiel für viele: 



88 



Die Impotenz ilcs Mannes. 



lall Nr. 48. Herr Z. R., Ingenieur, gibt an, seit dem 20. Lebensjahre 
impotent zu sein. Er hatte seit der Jugend onaniert. Erster Koitus mit 17 Jahren 
ohne besondere Potenzstörung. Bis zum 20. Jahre keinerlei Störungen. Zugleich 
noch immer einigemal in der Woche Onanie. Im 20. Jahre kam ihm das Buch 
von Mantcgazza, „Hygiene der Liebe" in die Hand, wo er folgende Schilderung 

eines Onanisten fand, die er zur ewigen Warnung — sorgfältig abgeschrieben 

in seiner Tasche trägt. 

„Hysterisch, launenhaft, oft hypochondrisch, verdaut er schlecht und 
leidet meistens an Verstopfung. Oft bis zum Ekel des Lebens müde, hat 
er nicht den Mut, es von sich zu werfen. Er läßt sich von den Menschen, 
denen er nicht entgegenzutreten weiß, und von den Dingeu, die er nicht 
zu beherrschen versteht, durchs Leben schleppen. Alt geworden, eho er 
jung war, ist er fast immer empfindlich, mürrisch, und gibt sich für 
skeptisch aus, um sich den Anschein eines Denkers zu geben. Auch er 
hat versucht, sich dem Weibe zu nähern, aber entweder wurde ihm nur 
Spott zuteil, oder er konnte den Besitz nur durch schimpfliche Stärkungs- 
mittel, reizende Pflaster und Salben ermöglichen. Beschämt ist er zu der 
folgsamen und heimlichen Hand zurückgekehrt, welche schweigt und nichts 
kostet: als Sohn der Finsternis ist er zu seinen kalten Nebelgestalten 
zurückgekehrt. Er wird niemals wieder den Kampf mit dem lebendig, 
funkensprühenden Fleisch aufnehmen, er wird sterben, ohne zu wissen' 
welch e.n herrliches Geschöpf das wahre Weib ist, von göttlicher Wollust' 
in jungfräulicher Jugend. Der alte, unverbesserliche Onauist ist fast immer 
impotent, er ist ein halber oder Viertelmann. Der Bruch wird um so kleiner 
je älter das Laster ist und je mehr die Jahre auf der verhängnisvollen' 
Parabel des Verfalls hinabsteigen." „Die Hygiene der Liebe" 2. Aufl 
Jena, Hermann Costenoble (S. 76—77). 

Von dieser Zeit an schrittweise Verschlimmerung der Potenz und schließ- 
lich bei einer Dirne nach einem Gelage vollkommene Impotenz. Seit diesem 
Versager wurden alle Versuche vergeblich gemacht. Kurze Heilung nach ein- 
facher Aufklärung und Lektüre meines Buches „Onanie und Homosexualität". 

Fall Nr. 49. Herr F. C, ein lediger Ingenieur im Alter von 32 Jahren 
ist seit zwei Jahren relativ impotent. Er kann es bei vielen Frauen zu gar 
keiner Erektion bringen, bei anderen nur zu einer schwachen Halberoktion 
über sein Sexualleben berichtet er folgendermaßen: 

„Ich glaube, daß ich mir mein Leiden durch übermäßige Onanie zuge- 
zogen habe. Ich habe sehr früh zu onanieren begonnen und dies schreckliche 
Laster bis zum 30. Jahre fortgesetzt. Allerdings in letzter Zeit sehr mäßig, 
während ich in der Jugend täglich und auch bis dreimal in einer Nacht 
onanierte. Mit 21 Jahren wollte ich mir die Onanie, abgewöhnen und ging in 
ein Bordell. Hier war ich gänzlich impotent und es gelang der Dirne nicht 
— trotz aller Manipulationen — , eine Erektion zu erzielen. Doch bald darauf 
hatte ich Gelegenheit, mit einem Stubenmädchen intim zu werden und da ging 
es anstandslos. Später lernte ich verschiedene Frauen und Mädchen kennen, 
die mir zu willen waren. Ich hatte immer eine ausgezeichnete Potenz, litt nie 
wie andere Männer daran, daß ich zu früh fertig wurde. Ich konnte auch 
fünfmal in einer Nacht den Koitus leisten, wenn mir die Betreffende gefiel. 
Auch in den Bordellen war ich dann vollkommen potent und besuchte sie ziem- 



Onanie und Potenz. 



89 



lieh fleißig, wenn ich keine anderen Gelegenheiten fand. Ich wurde nämlich im 
Anfange meiner Dienstzeit oft versetzt und mußte daher immer neue Gelegen- 
heiten suchen. Dies sollte mein Unglück werden. Denn vor 2 Jahren holte ich 
mir in einem Bordell einen schweren Tripper, der sehr langsam heilte. Ich 
nahm mir vor, nicht mehr mit Freudenmädchen zu verkehren. Nachdem ich 
geheilt war, machte ich die Bekanntschaft einer Lehrerin, die mir sehr gefiel 
und mir sehr entgegenkam. Auf einem Ausfluge wurden wir beide sehr hitzig. 
Ich hatte eine starke Erektion. Allein wie ich ihren Widerstand überwand 
und sie deflorieren wollte — sie war nämlich virgo — , klappte mein Penis 
zusammen und ich konnte gar nichts machen. Diese Impotenz wollte nun nicht 
weichen. Ein zweiter Versuch in einem Bordell mißlang vollkommen und noch 
heute kann ich in einem öffentlichen Hause nichts machen. Dagegen glückte 
ein Versuch halbwegs in einem zweifelhaften Hotel in Ungarn, wo einem die 
Stubenmädchen des Hauses für Geld und gute Worte gerne zur Verfüguno- 
stehen. Von einem Erfolg kann ich nicht sprechen. Es war leider aucli nur eine 
halbe Sache. Ich begann mich den Ärzten anzuvertrauen und suchte Heilung. 
Alle Kuren waren aber vergebens. Ich wurde elektrisiert, mit Sonden behandelt, 
sogar hypnotisiert. Nur ein Mittel half mir, allein auch nur momentan. Auf 
Johimhiu und auf Rhome hatte ich vorübergehend kräftige Erektionen. Muiracethin 
blieb ohne jede Wirkung. In den letzten Monaten lernte ich eine Frau kennen, 
die mir sehr gut ist und große Geduld mit mir hat. Sie weiß mit mir zu spielen 
und es durch ihre Manipulationen so weit zu bringen, daß ich eine schwache 
Erektion zu einem Koitus ausnützen kann. Merkwürdigerweise kann ich dann, 
wenn ich eine halbe Stunde warte, einen zweiten Koitus ausführen, der ganz 
ordentlich ist und eine normale kräftige Erektion zeigt. Ich bin aber über 
mein Leiden verzweifelt. Ich werde doch nie heiraten können, weil ich immer 
den Gedanken habe, daß ich impotent bin. Ich schlafe auch sehr schlecht. Ich 
schlafe meistens kaum mehr wie drei bis vier Stunden." 

„Woran denken Sie, wenn Sie so schlaflos daliegen?" 
„Immer nur an meine Impotenz und wie das traurig ist. Manchmal 
fange ich in der Nacht zu weinen au. Ich weine auch sonst leicht, seit ich 
impotent bin. Ich war in Berlin in einem Nachtlokal, wo Sänger auftraten. 
Plötzlich bei einem Liede fange ich zu heulen au, daß ich das Lokal ver- 
lassen mußte." 

„Haben Sie auch Selbstmordgedanken?" 

(Nach einer Pause.) „Offen gesagt! Ja! Ich habe mir gedacht, wenn es 
nicht besser wird, so nehme ich mir das Leben ..." 

Hören wir diesen Bericht, so müssen wir sofort die Diagnose auf eine 
psychische Impotenz stellen. Wir erfahren auch, daß des Morgens kräftige 
Erektionen vorhanden Bind, die sofort verschwinden, wenn der Patient uriniert. 
Auch andere Momente bestätigen, daß er sehr leicht auf Hemmungen reagiert. 
So schildert er folgenden Vorfall. Er kam zu einer Frau, die ihm gerne zu 
willen war. Sie legen sich in das Bett, er hat eine sehr kräftige Erektion 
und freut sich, daß er seinen Mann stellen wird. Da bemerkt sie, daß das 
Bett furchtbar kracht und daß man dies im Nebenzimmer hören könnte. Sie 
verlassen das Bett und wollen ihre begonnene Absicht am Fußboden beenden. 
In diesem Moment ist es mit seiner Erektion zu Ende und selbst die erfahrene 
Kunst der lüsternen Frau weckt den störrischen Gesellen zu keiner neuen 
Leistung. Das zeigt, daß schon der Gedanke, es könnte jemand zuhören, ge- 
nügt, um die Erektion zu verhindern. 



90 



üio Impotenz des Mannes. 



Auch der Umstand, daß die zweite Erektion besser ist als die erste, 
kommt nur bei psychischer Impotenz vor. Der aus Schwäche Impotente erlahmt 
nach dem ersten Male und die zweite Leistung bleibt — wenn sie schon zu- 
stande kommt — hinter der ersten zurück. Hier werden die Hemmnngen 
überwunden und sind sie einmal überwunden, so ist die Bahn frei. 

Woher stammt aber in diesem Falle die Hemmung? Ich habe mir ge- 
merkt, daß er zuerst bei der Lehrerin impotent war und daß die Krankheit 
sieh dann weiter durch Autosuggestion entwickelte. Depression, Weinkrämpfe, 
Selbstmordideen zeigen, daß es sich um einen sehr unglücklichen Menschen 
handelt. Sollte nicht eine unglückliche Liebe im Spiele sein ? Es hieß vorsichtig 
forschen und dem Kranken nicht wehe tun . . . 

„Sie erzählen, daß Sie zuerst bei der Lehrerin impotent waren. Wie 
trug sich der Vorfall zu?" 

„Wir gehen spazieren ... im Walde ... wir sind sehr zärtlich ... Ich 
küsse sie viele Male, sie küßt mich wieder. Ich werde kühner. Sie wehrt sich 
kaum. Ich fühle meine Erregung wachsen. Die Erektion ist fast schmerzlich. 
Wir liegen im Grase. Ich beuge mich über sie, umarme sie und drücke sie 
au mich. Jeder Widerstand verschwindet. Sie überläßt sich mir ganz. Ich fühle, 
daß sie mir gehört und in diesem Momente — welches Pech ! — bin ich kein 
Mann mehr und verschleiere meine Impotenz mit irgend einer Ausrede." 

„Wissen Sie noch, woran Sie gedacht haben?" 

„Nur, daß jetzt die Folgen meiner Onanie auftreten u D d daß ich jetzt 
impotent bin. Das haben mir auch alle Ärzte bestätigt, daß ich infolge der 
Onanie an Männerschwäche erkrankt bin." 

„Ilaben Sic sich nie Gedanken darüber gemacht, warum die Onanie erst 
jetzt die schädlichen Folgen geäußert hat? Warum Sie vorher über eine aus- 
gezeichnete Potenz verfügten?" 

„Nein . . . ich habe ja auch während der Gonorrhöe onanieren müssen, 
weil ich ja zu keinem Frauenzimmer gehen konnte." 

„War Ihnen die Lehrerin vielleicht unsympathisch und haben Sie sich zu 
der Zärtlichkeit gezwungen?" 

(Lebhaft.) „Nein ... sie war mir sehr sympathisch. Sie war das ein- 
zige Mädchen, das ich wirklich geliebt habe! Wenigstens damals. Ich 
trug mich auch mit dem Gedanken, sie zu heiraten." 

-Warum haben Sie es nicht getan?" 

„Weil ich impotent war und . . ." 

„Und . . . weil ich im Zweifel war. Meine Eltern waren dagegen, weil 
.sie arm war. Der Vater sagte mir: Schau zu, daß du ein reiches Mädel 
heiratest. Die Lehrerin ist nichts für dich. Du bleibst dein lebelang ein armer 
Teufel ..." 

„Sehen Sie das Mädchen noch?" 

„Nein. Ich habe den Verkehr ganz abgebrochen. Sie verlobte sich bald 
mit einem anderen und wird diesen Monat heiraten." 

„Können Sie sich noch erinnern, welches Lied es war, das in Berlin 
gesungen wurde, als Sie weinen mußten?" 

„Ja. Es waren Volkslieder. Damals sang man irgend ein altes Volkslied. 
Ja richtig, Ach, wie ist's möglich dann, daß ich dich lassen kann! 
Doch das hatte gar keinen Bezug. Ich weinte, weil ich so nervös war." 



Onanie und Potenz. 



91 



Nun war mir seine Impotenz und sein ganzes Leiden klar. Er liebte 
das Mädchen und stand doch zugleich unter dem Einfluß des Vaters und 
seiner Geldgier. Er war armer Leute Kind und wollte in die Höhe 
kommen. In der kritischen Szene im Walde kam ihm der Gedanke: 
„Wenn du sie deflorierst, so mußt du sie heiraten. Am Ende kommt sie 
in die Hoffnung und dann hast du als Ehrenmann keine andere Wahl!" 
•Seine Geldgier und der Imperativ des Vaters siegten. Nun war sein 
Unglück besiegelt. Er schlief nächtelang nicht, weil er unglücklich ver- 
liebt war. 1 ) Der Gedanke an die Impotenz verschleierte den viel wichtigeren 
Gedanken: „Nun ist dein Lieb für ewig verloren!" Deshalb wollte er 
sich das Leben nehmen und deshalb weinte er in Berlin. Er konnte sie 
nicht vergessen und sie hatte einen anderen genommen 

Mit der Onanie hat dieses Leiden gar keinen Zusammenhang. Die 
Onanie erwies sich als das Schuldreservoir, das seine große Schuld auf- 
nehmen und decken mußte. Er hatte ein Verbrechen begangen, an sich 
und an dem Mädchen. Er hatte aus Geldgier alle Schwüre gebrochen und 
seine einzige Liebe aufgeopfert. Er hatte vor ihr Theater gespielt und 
sich in eine physische Schwäche geflüchtet, während sein Leiden eine 
Schwäche seines Charakters war. Aber diese Feigheit rächte sich. Ewig 
stand nun das Bild des Mädchens vor seinen inneren Augen und ver- 
drängte alle anderen Frauen . . . Die Verlassene rächte sich, indem sie 
ihn seiner Mannheit und seiner Lebensfreude beraubte. Vor dem Para- 
diese der Liebe stand nun der Racheengel und verwehrte ihm den Einlaß. 

Sehr bemerkenswert ist der nächste Fall. 

Fall Nr. 50. Ich onaniere, so lange ich mich erinnern kann. Ich wurde in 
der Kindheit fürchterlich gequält, weil ich mir die Onanie nicht abgewöhnen 
konnte. Ich wurde mit allerlei Marterinstrumenten des Nachts versehen, bei Tage 
so streng" bewacht, daß man mit mir sogar aufs Klosett ging-. Ich bekam Keusch- 
boitshosen, so daß ich das Glied nicht berühren konnte. Ich onanierte durch 
die Hose. Dann wurden mir die Hände gebunden, so daß ich nicht zu den 
Genitalien konnte. Ich onanierte durch Zusammenpressen der Schenkel und 
durch allerlei Bewegungen des Beckens. Ich siegte über alle Hindernisse und 
onanierte mehrere Male taglich. Schließlich fing ich an zu heucheln und machte 
meinen Eltern vor, daß ich die Onanie gänzlich überwunden hätte. Sie gaben 
dann bald die Beobachtung- auf, weil ich frisch aussah, guten Appetit hatte 
und mich sehr gut entwickelte. Dabei onanierte ich mehrere Male täglich. Ich 
war imstande, den onanistischen Akt bis zu einer Stunde und darüber auszu- 
dehnen. Kam es zur Ejakulation, so war die Libido noch nicht herabgesetzt, 
die Erektion hielt an und ich mußte manchmal ein- oder zweimal den Orgasmus 
hervorrufen. Jetzt bin ich zwanzig Jahre alt und möchte die Onanie gerne auf- 
geben. Aber ich kann nicht schlafen, nicht studieren, wenn ich nicht täglich 
wenigstens einmal onaniere. . . . 



') Über diese „unbewußte" Liebe siehe meine Broschüre „Das nervöse Herz". 
(Verlag Wallishausser, Wien 1913.) 



92 



Die Impotenz des Mannes. 



Über meinen Rat suchte Patient Bekanntschaft mit Mildchen, weil sonst 
ED befürchten wäre, daß er bei der Onanie verbliebe und den Übergang zum 
Weibe nicht vollziehen könnte. Er suchte erst eine Dirne auf und hatte das 
typische Erlebnis solcher Menschen. Er verliebte sich in sie und wollte sie 
retten und heiraten. Bald hatte er dies Erlebnis überwunden und wurde ein 
Don Juan, der sich gar nicht satt lieben konnte. Zwei Jahre später, mit 22 Jahren 
heiratete er und führte eine überaus glückliche Ehe. Seine Frau hatte mir 
gegenüber nur eine Klage, daß ihr Mann zu starke Ansprüche an sie stelle. 
Seine Potenz war in jeder Hinsicht tadellos. . . . 

Die schwersten Fälle von Impotenz findet man bei Männern, 
welche angeblich nie onaniert haben. Es sind Menschen, welche die 
Kinderonanie früh überwunden haben und eine larvierte Form der 
Onanie betreiben, wie ich sie im IL Bande dieses Werkes eingehend 
beschrieben habe. 

Je stürmischer sich der Geschlechtstrieb in der Jugend äußert, desto 
länger hält er im Alter an. 

Es ist eine der weit verbreiteten Lügen, daß sich die Sexualkraft, 
erschöpft, wenn man früh anfängt. Gerade das Gegenteil ist wahr. 

Wer früh eine starke Sexualität zeigt, der wird sie trotz 
Onanie und trotz sogenannter sexueller Exzesse bis ins hohe 
Alter bewahren. 

Über die Schäden der sogenannten Exzesse in venere wollen wir 
später sprechen. Ich habe aber immer die Erfahrung machen können, daß 
hochpotente Männer mit ihrem Sexualleben sehr früh begonnen haben. 
Natürlich macht das Schuldbewußtsein aus vielen Onanisten Impotente. 
Auch die falschen Ansichten, die noch immer in angesehenen Lehrbüchern 
zu lesen sind, fabrizieren die Impotenz. Nie wirkt die Autosuggestion 
schädlicher als im Bezug auf die Erektion. Kein zweiter Reflex ist, so 
empfindlich wie der der Erektion und der des Orgasmus. 

Erfahrene Ärzte (z. B. Guttzeit 1 ) haben immer wieder auf die Um- 
kehrung der Tatsachen hingewiesen. Sehr treffend bemerkt Gyurkovechky : 

Die Geschlechtskruft erlischt am frühesten bei jenen Individueu, bei 
welchen sie sich niemals stürmisch geäußert hat und welche eben wegen 
des geringen Verlangens auch sehr billig in den Geruch der Tugend- 
haftigkeit gelaugt sind; am spätesten aber bei denjenigen, welche den 
sich stürmisch äußernden Begierden wohl hie und da die Zügel nachge- 
lassen haben, aber dennoch die Liebe nicht über ein gewisses, erlaubtes 
Maß genossen haben, welche mit einem Worte zu jeder Zeit nur soviel 
abgaben, als sie leicht entbehren konnten. Nur ein oberflächücber Beob- 
achter kann sich dann wundern, wenn er sieht, wie ein Individuum, 
welches sein ganzes Leben lang seine Geschlechtskraft ängstlich geschont 
hat, jetzt im Alter ganz impotent ist, während jenes als Lebemann be- 
kannte Individuum trotz seines hohen Alters noch immer einen gewissen 
Grad von Geschlechtskraft besitzt (loc. cit. S. 178—179). 

') Dreißig Jahre Praxis. Bratimüller. Wien. 



Onanie und Potenz. Q „ 

Das gleiche gilt von den Pollutionen. Es ist nicht wahr, daß Pol- 
lutionen die Geschlechtskraft heruntersetzen. Pollutionen sind fast immer 
das Zeichen einer stürmischen, unbefriedigten Sexualität. Ich wiederhole, 
was ich an anderer Stelle ausgeführt habe: Pollutionen sind eigentlich 
immer onanistische Akte mit Ausschaltung des Bewußtseins. Daher gilt 
für die Pollutionen das gleiche, was ich in bezug auf die Onanie ge- 
sagt habe. 

Der Onanist hat sich von der Realität abgewendet. Die Gefahr der 
Onanie besteht eben nur in der Schwierigkeit, den Übergang von der 
Vorstellungswelt zur Wirklichkeit zu finden. Zwischen dem Wunsche und 
der Ausführung gibt es nur innere Hemmungen zu überwinden und diese 
sind oft gering genug.') Vielleicht ist das ganze Schuldbewußtsein, das 
die Onanie erschwert, nur ein künstlich herbeigeführter Widerstand. Es 
ist immer nötig, ein Verbot zu überschreiten, wenn der Genuß hochgewertet 
werden soll. 

Eine Ahnung dieser Tatsachen dämmerte schon den älteren Beob- 
achtern. So sagt Hammond, den ich als Vertreter der Ärzte anführe, 
welche die Impotenz auf Onanie zurückführen: 

Hinsichtlich der Frage, ob exzessive Onanie oder Kohabitation leichter 
Impotenz herbeiführt, weichen die Meinungen von einander ab; ich glaube 
jedoch, daß erstere zweifellos dieses Leiden schneller hervorbringt. In- 
dessen ist dieselbe nicht etwa wegen des Samenverlustes nachteiliger, 
sondern aus anderen Gründen, die ich ganz kurz in folgendem darlegen 
will. Zunächst ist die Gelegenheit zur Masturbation immer vorhanden, 
und deshalb wird sie auch öfter betrieben als der natürliche geschlecht- 
liche Verkehr. Der Onanist ist immer bereit, er braucht sich nur für 
wenige Minuten zurückzuziehen und der Akt ist ausgeführt. Er kann, 
wenn er will, sich lOOmal an einem Tage befriedigen, erschöpft seine 
Kräfte hiebe! aber in viel stärkerem Maße als bei regulärem Beischlaf. 
Wenn Weiber stets zu seiner Verfügung ständen und er den Koitus so 
ott als die Onanie ausführen könnte, so würde sich in bezug auf Orgas- 
mflßt ^a E J akulation k ein Unterschied zeigen; ja der Geschlechtsakt 
wfnrJr* ^ 6men S rößeren Aufwand von Muskelkraft als die Onanie 
erroraert, sicherlich noch verderblicher sein, denn es ist bei dem Samen- 
venust und Orgasmus ganz gleichgültig, wo das Sperma deponiert wird, 
od m der Vagina der Frau oder in irgend einem anderen Receptaculum. 
aui auren die häufige Wiederholung wirkt die Masturbation so viel ver- 
derblicher als die natürliche Kopulation. 

So erzählt mir ein junger Mann, der im Alter von 22 Jahren be- 
reits impotent war, daß er schon mit 9 Jahren Onanie getrieben und dies 
manchmal monatelang 10— 12mal täglich fortgesetzt habe. In keinem 



») Paul Frank hat in einem von den Kritikern gar nicht verstandenem Stück Der 
Mandarin" diese Wirkung der Onanie geschildert. Ein junger Mann erhält einen zauber- 
kräftigen Mandarin, der ihm jeden sexuellen Wunsch sofort erfüllt. Dieser Mandarin 
symbolisiert — wie mir der Autor persönlich zugestanden hat — die Onanie. 



94 



Die Impotenz des Mannes. 



zivilisierten Lande kann man sich dem natürlichen Geschlechtsgenasse so 
oft hingeben. Vielleicht würde dies in der Türkei oder in anderen orien- 
talischen Ländern, wo große Harems gehalten werden, möglich sein. Aber 
sicherlich nicht in London, Paris oder New-York, obgleich hier doch wahr 
haftig Gelegenheit reichlich vorhanden ist, der Sinneslnst zu frülmen. 

Deshalb eben rühren die meisten Fälle von Impotenz, die in ärzt- 
liche Behandlung kommen, von exzessiv und frühzeitig betriebener Onanie 
her und nicht von überreichlich ausgeübtem Geschlechtsverkehr. 

Die Masturbation bringt auch aus dem Grunde leichter als die 
natürliche Kohabitation Impotenz hervor, weil bei ihr der Geist weit mehr 
mithelfen muß, den Orgasmus herbeizuführen. Die bloße Friktion der 
Glans genügt nicht, beim Onanisten den erforderlichen Grad der sinn- 
lichen Erregung hervorzurufen. Seine Phantasie zaubert ihm, während er 
den Akt ausführt, die wollüstigsten Bilder vor sein Auge. Die Folge davon 
ist , daß nach einer gewissen Zeit die Berührung mit den weiblichen 
Genitalien den Orgasmus nicht mehr zu produzieren vermag. Die Wirk- 
lichkeit bleibt weit hinter den Traumbildern zurück , die er sich selbst 
bei der Masturbation ausgemalt hat. Er findet dies auch bald heraus und 
gibt sich ganz seinem verderblichen Laster hin, welches ihm, eine gewisse 
Zeit wenigstens, — und wenn er mäßig ist, ziemlich lange — die er- 
sehnten wollüstigen Empfindungen sicher gewährt (1. c. S. 65 — 67). 

Hammond erkennt noch nicht, daß die Phantasie dem Onanisten offen- 
bar Situationen schafft, die in der Wirklichkeit nicht durchzusetzen sind. 
Deshalb ist nicht das „Laster der Onanie" verderblich, sondern die Phan- 
tasie, welche dem Onanisten den Weg in die Realität versperrt. 

Sehr nahe an die Wahrheit kommt auch Casper mit folgenden Aus- 
führungen: 

Es besteht allgemein unter den Laien die Ansicht, daß geschlecht- 
liche Ausschweifungen zu einem frühen Verlust der sexuellen Potenz führen, 
und es ist gewiß von Vorteil, daß die meisten so denken, denn sonst 
würden wohl die Exzesse noch allgemeinere sein; so aber halten sich 
viele von den wüsten Vergnügungen, zu denen sie ihrer Natur nach hin- 
neigen, aus Furcht vor den Folgen zurück. 

Andere aber sind leichtsinnigerer Natur oder die Libido trägt über 
jene Erwägungen den Sieg davon. Dann kommt es aber einmal gelegent- 
lich, daß sie beim Koitus hapern, sei es, daß die Erektion im Moment, 
wo sie gebraucht wird, nicht auftritt oder zu schnell verschwindet, sei 
es, daß diese Personen bis zur Entleerung des Samens eine außergewöhn- 
liche Zeit und eine außergewöhnliche, ihre Kräfte erschöpfende Anstren- 
gung gebrauchen, kurz die Patienten beobachten, daß der Akt anders 
von statten gegangen ist als früher. Es braucht das nun durchaus nicht 
eine Folge der Exzesse zu sein, denn es gibt andere Gelegenheitsursachen 
genug, die es erklären. Die betreffenden Personen sind vielleicht körper- 
lich erschöpft oder geistig abgespannt, ihre Gedanken abgelenkt gewesen. 
Sie haben vielleicht vorher gezecht oder die Sympathie für das betreffende 
weibliche Wesen war außerordentlich gering; letzteres hat,' sei es durch 
ünsauberkeit, unangenehmen Geruch oder gemeines Betragen Ekel oder 
Abscheu in ihnen erregt. Eines dieser Momente würde ausreichen, es 



Onanie und Potenz. 



95 



verständlich zu machen, warum der Konnex nicht so flott von statten 
ging wie früher. 

Die Patienten beziehen aber das, wie es natürlich erscheint, auf ihre 
geschlechtlichen Ausschweifungen, sie sagen : die Strafe kommt nach. Wir 
werden ja später bei Betrachtung der atonischen Form der Impotenz 
sehen , daß sie oft Recht haben , vielfach war es aber nur eines jener 
zufälligen Momente, das, verbunden mit passagerer Schwäche, das Miß- 
lingen zuwege brachte. Ist ihnen aber das einmal passiert, dann kommt, 
wie schon vorher ausführlich beschrieben, die Furcht hinzu, es möchte 
ihnen auch fernerhin so gehen, und dieser Gedanke hindert mehr als 
alles Andere das Zustandekommen einer regelrechten Erektion. 

Ich will hier einen Fall aus meiner Praxis anreihen, der durch Ana- 
mnese und Verlauf diese Ausführungen bestätigt. 

Fall Nr. 51. Vor etwa vier Jahren konsultierte mich ein junger Student 
wegen Impotenz. Er erzählte mir seine Leiden ausführlich und wahrheits- 
getreu. Er hatte schon als Knabe von 13 Jahren zu onanieren angefangen, 
und zwar trieb er diese Unzucht in der ersten Zeit fast allabendlich. Er 
konnte gar nicht früh genug ins Bett kommen, um sich den ersehnten 
Genuß zu verschaffen. Der Orgasmus wurde durch Friktionen des Gliedes 
hervorgerufen. Nach Jahren erst wurde in ihm das Bewußtsein wach, daß er 
Unerlaubtes treibe. Er kämpfte nun mit großer Energie dagegen an und 
zum Teil auch mit Erfolg. Er vermochte es über sich, Wochen hindurch 
und zuweilen auch noch länger von seinem Laster abzulenken, verfiel 
aber immer wieder in dasselbe zurück. Auch Reisen hatten nur eine vor- 
übergehende günstige Wirkung. Er beichtete mir, daß es keinen Ort 
gäbe, an dem er sich befunden, wo er nicht onaniert hätte. Obwohl er 
seinen Fehler aufrichtig bereute, die Folgen ernstlich fürchtete und in 
einem wahren Seeleiikampfe lebte , bezwang ihn nachts doch eine gleich- 
sam übermächtige Gewalt. Tags darauf war er abgeschlagen, matt, von 
hypochondrischer Stimmung, erfüllt von Verachtung and Ingrimm gegen 
sich selbst. Er versuchte sich Strafen aufzuerlegen, rief das Andenken 
an seine verstorbeneu Eltern wach, daß sie ihn beschützen und vor dem 
Laster bewahren möchten, aber alles vergeblich. 

Die Scham ließ ihn zu niemandem darüber sprechen, bis er sich 
endlich entschloß, dem alten Hausarzt der Familie ein Geständnis zu 
machen und denselben um Rat zu fragen. Er erhielt hier nur die Ant- 
wort, die er sich schon so oft gegeben hatte, daß er imstande sein 
müßte, dieses Laster durch Energie siegreich zu bekämpfen. Natürlich 
half das nichts. Der Ärmste, ein intelligenter junger Mann, machte sein 
Abiturientenexamen, ohne daß sich in seinem Sexualleben etwas änderte; 
er onanierte nach wie vor, wenn auch nicht mehr so oft wie früher. 

Da alles nichts half, so faßte er den Entschluß, den Verkehr mit 
Weibern zu versuchen in der Hoffnung, daß ihm dies helfen würde. 
Schüchtern wie er war, mußte ihm ein Freund Gelegenheit zur Koha- 
bitation verschaffen, die er mit Erfolg vollführte. Eine Zeit lang ließ er 
nun von der Masturbation ab, um aber bald wieder in seinen alten Fehler 
zu verfallen. Etwa alle zwei Monate führte er nun stets den Koitus aus 
gleichsam als Heilmittel, da er beobachtete, daß er nach einem solchen 
seltener masturbierte. Endlich als er eines Nachts — er hatte vorher Sekt 



96 Die Impotenz des Mannes. 

getrunken — mit einer Puella publica unter höchst ungünstigen äußeren 
Verhältnissen den Beischlaf versuchte, wurde plötzlich das Glied, nachdem 
es kaum in Erektion gekommen war, schlaff. Scham, Wut und Ingrimm 
gegen sich selbst übermannten ihn. Die ungünstigen Verhältnisse bestan- 
den darin, daß der Ort, wo er sich mit dem Mädchen befand, ein kleiner 
Nebenraum eines großen Bailokales war, in welchen das Ballgetöse hin- 
eindrang. Das Mädchen war eine häßliche liederliche Dirne, die ihn in 
geschäftsmäßiger Weise zur Eile aufforderte, da sie nicht so viel Zeit 
für ihn habe. Spätere Versuche mit anderen Mädchen mißglückten gleich- 
falls; es überkam ihn schon vorher die Angst, er möchte nicht reüssieren, 
und so kam der Kranke — er war damals 29 Jahre alt — in seiner 
Bedrängnis zu mir. 

Nach meiner Auffassung handelte es sich hier um eine rein psy- 
chische Impotenz auf Grund von Mangel an Vertrauen zu sich selbst, der 
naturgemäß auf das Onanieren und jenes beschriebene Fiasko zurück- 
zuführen war. Irgend eine Störung der Sexualapparate war trotz der lang 
andauernden Masturbation von 10 Jahren nicht nachweisbar, Hoden und 
Penis waren normal entwickelt, der Kranke hatte das Aussehen eines 
blühenden jungen Mannes. 

Dem entsprechend hielt ich es für meine Hauptaufgabe, dem Pa- 
tienten Vertrauen zu sich zurückzubringen. Ich versicherte ihm vor allem, 
daß, wenn er meinen Anordnungen folge, er fraglos wieder gesund wer- 
den würde. Er versprach, was in seinen Kräften steht, dazu zu tun, um 
nicht wieder zu masturbieren, ich unterließ aber nicht, hervorzuheben, 
daß wenn dies einmal im Monat vorkommen sollte, es für die Heilung 
nichts ausmachen würde. 

Ich tat dies deshalb, damit der Patient nicht im vorkommenden 
Falle, der doch sicher zu erwarten war, das Vertrauen wieder verlöre. 
Er mußte 3 Monate Abstinenz beobachten und während dieser Zeit wöchent- 
lich zweimal baden mit kalter Dusche auf die Wirbelsäule. Perinealgegend 
und Penis wurden mit dem faradischen Strom dreimal wöchentlich elek- 
trisiert, Patient nahm innerlich große Mengen Bromsalze. Er setzte große 
Hoffnungen auf die Kur, was ich als eine wesentliche Chance für die 
Heilung betrachtete. 

Nach Ablauf der genannten Zeit erklärte ich ihn für geheilt und 
sagte ihm, daß er kohabitieren dürfe, sobald er Neigung dazu empfände, 
aber durchaus nicht früher, er solle sich nicht etwa zwingen. Patient tat 
wie befohlen und berichtete mir nach einiger Zeit, daß er glänzend 
reüssiert habe. Interessant bei diesem Fall ist, daß Patient noch jetzt 
nach Ablauf von 3 Jahren — schon in Amt und Würden — noch immer 
nicht von der Masturbation hat lassen können; Koitus und Masturbation 
wechseln bei ihm ab. — — (Impotentia et Sterilitas virilis von Dr. Leopold 
Casper in Berlin-München 1890, Jos. Ant. Finsterlin.) 

Es ist zweifellos, daß viele Onanisten impotent sind. Das kommt aber 
nicht von der Onanie, sondern weil es maskierte Paraphile sind, 
Menschen, deren Sexualziel nicht die Frau ist Oder die irgend 
eine Form der Befriedigung suchen, welche einem Veto unterliegt. (Maso- 
chisten, Sadisten, Urolagnisten, Lustmörder, Homosexuelle usw.) Für diese 



Onanie und Potenz. 97 

Menschen ist die Onanie die einzige adäquate Form ihrer Befriedigung, 
weil sich mit dem onanistischen Akte immer eine „spezifische lust- 
erregende Phantasie" verbindet. Sie klagen dann die Onanie als 
Ursache ihrer Impotenz an. Wir sehen nur mit einer gewissen Berechtigung. 
Die Onanie hat die spezifische Phantasie immer wieder herbeigerufen und 
umgekehrt. Aber der Onanieakt hat nicht die Impotenz erzeugt. Er ist an 
und für sich harmlos. 1 ) Damit hängt ja auch das Rätsel zusammen, warum 
sich der eine die Onanie so leicht abgewöhnt, der andere nicht. Der eine 
bedarf der Onanie als Ersatz des Normalen. Hat er dann das Normale, 
so kann ihm die Onanie nie mehr diese Lust bieten wie der normale Akt. 
Der andere findet beim normalen Akt nicht die gleiche Libido wie bei der 
Onanie und findet unter Umständen gar keine Libido. Er wird immer 
wieder zur Onanie zurückkehren, weil sie ihn zugleich gegen die Para- 
philien schützt. 

Der nächste Fall, den ich hier ausführlich beschreibe, gibt uns eine 
klassische Schilderung des Entstehens der Impotenz durch eine Hemmungs- 
vorstellung und ihrer spontanen Heilung. 

Fall Nr. 52. Herr N. M., Arzt, 40 Jahre alt, erzählt uns folgende Anamnese. 
„Meine Sexualität erwachte sehr früh. Beinahe so früh, als ineine Erinnerung 
zurückreicht. Ich weiß ganz bestimmt, daß ich im Alter von drei Jahren mit 
einem Mädchen spielte, das um ein Jahr älter war. Wir spielten erst harmlose 
Spiele, dann aber „Verheiratetsein". Erst war auch dieses Spiel ein ganz kindliches. 
Ich kam nach Hause und fragte, was es Neues gäbe. Dann kochten wir ein 
großes Mittagsmahl, das ich außerordentlich lobte. Später gab es Streit und 
Ärgernisse mit den Kindern. Dann aber krochen wir beide in eine Scheune 
und — ich kann es mir nicht erklären — war es Instinkt oder Unterweisung 
durch das Mädchen? — ich suchte nach ihren Genitalien und versuchte einen 



') Gyurkovechky möge noch als Vertreter der gegenteiligen, falschen und so 
schädlichen Ansicht zu Worte kommen: 

„Eine rein psychische Impotenz, bei welcher sowohl die Sexualorgane und deren 
Verbindungen mit dem Zentralorgane,- als auch das gesamte Nervensystem des In- 
dividuums vollständig intakt wären, kommt nur äußerst selten zur Beobachtung. Es gibt 
wohl sehr impressionable Individuen, welche anscheinend in jeder Beziehung 
gesund sind, und doch zeitweise durch den einzigen Gedanken impotent werden können, 
daß sie impotent sind oder durch die Furcht, sieh in diesem oder jenem Fall zu blamieren. 
Derartige Individuen siud gewiß nur anscheinend gesund, aber so wie jeder Hypochonder 
nur ein faktisch bestehendes Leiden mit Übertreibung leidet, so ist sicherlich an jedem 
sogenannten psychisch Impotenten irgend eine erst bei sehr genauer Untersuchung zu 
entdecken de Ursache seines Leidens vorhanden. Und da wird man ausnahmslos finden, 
daß es N enrastheniker sind, welche an der sogenannten psychischen Impotenz leiden 
zumeist Leute, welche sich durch Onanie oder anderweitige Mißwirtschaft mit der ihnen 
verliehenen Geschlechtskraft einesteils die Sexualorgane geschwächt, andererseits das 
Gewissen belastet haben. Es sind Individuen, welche zur beischlafsfähigen Erektion 
intensiver Reize bedürfen und deren Erektionszeutren höchst stumpf und die Hemmungs- 
zentren höchst empfindlich sein müssen, da oft ein Gedanke genügt, um diese zu reizen 
und jene zu lähmen" (1. c. S. 167—168). 

St ekel, Störungen des Trieb- und Ätfektlebens. IV. 3. Aufl. 7 



98 



Die Impotenz des Mannes. 



Koitus. Ich weiß nicht, wie lange das Spiel dauerte, aber ich sehe alles vor 
mir: Die Scheune, den Arbeiter, der vorbeiging, weshalb wir uns tiefer in das 
Dunkel zurückzogen, ich sebe mich, das Mädchen; weiß, daß ich schon eine 
heftige Erektion hatte.- Eine Täuschung ist ausgeschlossen, weil dies seit meiner 
Kindheit die stärkste Erinnerung meines Lebens ist. Wir hörten dann die 
Rufe der Mutter des Mädchens und hatten ein Gefühl der Scham. Wir wußten 
wir hatten etwas getan, was man vor den Erwachsenen nicht sagen durfte. 
Wir waren auch beide sehr verlegen . . . Ich erinnere mich nicht, ob ich 
dieses Spiel mit dem Mädchen wiederholt habe. Ich glaube, ich war nur für 
den einen Tag bei der Großmutter auf Besuch, die auf dem Lande wohnte, 
und mußte am nächsten Tage nach Hause in die Stadt zurück. Die Erinnerung 
vermengt sich mit einer zweiten, die ich für eine Deckerinnerung halte. Ich 
bekam von meiner Großmutter eine billige Hirtenflöte und sie fiel mir aus dem 
Wagen, als wir im raschen Tempo der Stadt zufuhren. Der Wagen hielt, man 
suchte vergeblich und ich weinte bitterlich. Die verlorene Flöte! Soll sie' nicht 
ein Symbol für das Verlassen des schönen Mädchens sein, des ersten, mit dem 
meine lange Reihe der Liebesabenteuer anfing? Denn als ich in die Stadt zu- 
rückkam, brannte ich darnach, das neue Spiel mit anderen Spielkameradinnen 
zu wiederholen. Ich fand auch einige, die willfährig waren, und war bald ein 
kleiner Don Juan, welche Neigung mir durch mein ganzes Leben geblieben ist. 

Besonders eine Freundin fand ich, mit der ich ein Verhältnis anknüpfte, 
das bis zu meinem sechsten Lebensjahre dauerte. Wir waren viel allein und 
konnten ungestört machen, was wir wollten. Ich verlangte täglich stürmisch 
zu meiner Freundin zu gehen, was mir gewährt wurde, obwohl sie ziemlich 
weit wohnte. Während ich anfangs hingeführt wurde, ging ich dann allein 
hin und kam auch manchmal in finsterer Nacht zurück . . . ging ohne Angst 
am Kirchhof vorbei, was mir nicht wenig Lob und Bewunderung eintrug. Man 
sieht , daß nur die Liebe, und zwar die befriedigte Liebe, den Menschen selb- 
ständig und mutig maebt. 

Über die Art des Verkehrs mit meiner Freundin — das Verhältnis 
dauerte einige Jahre und liegt vor meiner Volksschulzeit — möchte ich einige 
Angaben machen, soweit ich mich erinnere. Sie gewähren tiefe Einblicke in 
die kindliche Psyche. 

Meine Freundin wollte immer zuerst erregt werden. Man bedenke daß 
ich damals zwischen dem dritten und vierten Lebensjahre stand und die Freundin 
erst drei Jahre alt war. Ich mußte ihr Geschichten erzählen. Ich erinnero mich 
daß diese Geschichten sehr heiter und phantastisch waren und besonders in 
der Schilderung eines exzessiv langen Phallus gipfelten. Mein Phallus spazierte 
zu einer Körperöffnung hinein (Vagina), kam zum Munde heraus, wurde um 
den Körper einige Male gewickelt 1 ) und kam wieder durch den Anus in den 
Körper. Meine kleine Liebste lachte und dann ließ sie mit sich machen, was 
ich wollte. Ich machte aber nie etwas anderes als den regelrechten Koitus. 
Nur als ich mit kleinen Buben spielte, wurde ich von einem Knaben unter- 
richtet, eine Immissio penis in anum zu vollziehen, was ich einige Male aktiv 
machte, aber nie an mir vollziehen ließ. Ich schlug meiner kleinen Freundin 
die Pädikatio vor, in die sie auch einwilligte, aber dann nicht mehr zuließ, 
„weil es nicht so gut sei" ... Ich erinnere mich auch, daß uns Dienstmädchen 

) Diese Phantasie ist gar nicht so selten. Auffallend, daß sie schon ein kleines 
Jvmd verwendet. Sie findet sich in einem Traume von Baudelaire, den ich in meinem 
Buche „Die Träume der Dichter" eingehend analysiert habe. (S. 187.) 



Onanie und Potenz. qq 

einmal belauschten und sich über uns lustig machten, was mich sehr beschämte 
aas aber nicht abhielt, unsere Spiele fortzusetzen. Eines Tages sollten diese 
Vergnügaugen, die mein ganzes kindliches Denken erfüllten, ein Ende haben. 
Meine Freundin erklärte mir feierlich, sie sei jetzt in der Schule einge- 
schrieben und für eine Schülerin passe schon dieses Spiel nicht mehr. Alle 
meine Überredungskunst war vergeblich. Sie blieb unerschütterlich bei ihrem 
Entschlüsse und ließ sich nicht abbringen. Ich möchte noch nachtragen, daß 
ich neben meiner Freundin noch einige andere Spielgenossinnen und Kameraden 
hatte und daß wir mitunter eine kleine Orgie veranstalteten. Der Garten war 
groß und geräumig und es kümmerte sich auf dem Laude und in der kleinen 
Stadt niemand um die Kinder. Oft marschierten wir auf die Hutweide und in 
den großen Park, der in seinen verwilderten Partien uns genug Gelegenheit 
gab, allerlei Unfug zu treiben. 

Mit jener Abschiedsszene aber nahm das ganze Spiel ein Ende. Ein einziges 
Mal gelang es mir fast, ein kleines Mädchen durch reiche Geschenke zu ver- 
führen. Ich gab ihr alles, was ich besaß, ein Federmesser, ein kleines Börschen, 
meine Habe im Betrage von einigen Kreuzern, aber sie nahm alles und fing 
zu weinen an, als es ernst wurde . . . 

So blieb mir nichts als die Onanie, der ich maßlos fröhute. Ich erinnere 
mich deutlich, daß ich in der ersten Volksschulklasse permanent onanierte. Ich 
hatte immer die Taschen zerrissen und hielt die Hand am Penis. Ich erinnere 
mich auch, daß alle Kinder in meiner Klasse onanierten. Wir benützten jede 
Gelegenheit, um hinauszugehen und gemeinsam (gegenseitig) zu masturbieren. 
Dabei wurde kein Unterschied zwischen älteren und jüngeren Knaben gemacht. 
Wir waren alle solidarisch. Ich weiß auch, daß wir in dem großen alten Hause 
wo wir damals wohnten, eine ansehnliche Schar von Kindern waren. Der 
älteste war schon 13 Jahre, die andern zwischen 5 und 10 Jahren. Wir 
saßen alle auf der Stiege, die zum Heuboden führte, und onanierten auf Kom- 
mando des ältesten Buben, vor dem wir großen Respekt hatten und der unser 
Hauptmann war. 

Ich war ein wilder und unbändiger Junge, kam aber schlecht und recht 
immer weiter. Dabei onanierte ich, wo und wann ich konnte. Erst mit 11 Jahren 
— ich war schon im Gymnasium — konnte ich wieder ein Mädchen erobern 
und mit ihr einen Koitus vollziehen. Es war ein auffallend schönes Kind, das 
oann eine wundervolle Schönheit wurde und im Leben eine große Rolle spielte, 
viele brauen erfahren vom Arzte oder in der Brautnacht, daß sie kein Hymen 
mitten und nicht Virgines wären. Sie sind dann ganz entrüstet und weisen jede 
veraaeütigung tief beleidigt zurück. Sie haben diese kleinen Kindergeschichten 
vergessen und treten unschuldig in die Ehe, weil ihnen die Erinnerung an 
ihr infantiles Sexualleben vollkommen fehlt.) Bis zum 13. Lebensjahre ona- 
nierte ich ohne Ejakulation. Ein starkes intensives Brennen in der Glans und 
an der vordersten Stelle der Urethra vertrat den Orgasmus. Wir onanierten 
immer gemeinsam und ich beneidete die älteren und stärkeren Kollegen darum 
daß bei ihnen schon eine Ejaculatio seminis stattfand. Mit 13 Jahren trat das 
erste Mal der Orgasmus mit einer kleinen Ejakulation eines einzigen Tropfens 
auf. Meine Freude war sehr groß, auch war der Orgasmus viel stärker als 
ich ihn je gefühlt hatte. Ich onanierte viel häufiger, wiederholt mutuell' mit 
anderen Kollegen, die alle ohne Ausnahme onanierten. 

Aber wir sollten eines Tages böse gewarnt werden. Ein älterer Kolle-e 
brachte uns es war in der dritten Gymnasialklasse — ein Buch mit- 

Dr. Retaus Selbstbewahrung. Dort las ich mit Schrecken (und die fürchter- 



100 



Die Impotenz des Mannes. 



lichsten Stellen wurden in den Pausen zwischen den einzelneu Gegenständen von 
einem Kollegen vom Katheder vorgelesen), daß die Onanie ein Lastor sei und 
so schädlich, daß man sich für sein Leben ruinieren könne. Wahnsinn, Blöd- 
heit, Rückenmarksschwindsucht und Auszehrung drohten den abgemergelten 
Opfern dieser Leidenschaft. 

So unglücklich war ich mein Leben lang nicht gewesen. Ich schwor mir, 
daß ich mich nie wieder anrühren würde. Ich band mich durch allerlei lächerliche 
und ernste Eide. Aber schon nach einigen Tagen erlag ich dem Laster. Während 
ich vorher nie etwas von den schädlichen Folgen der Onanie gefühlt hatte, 
war ich nun sofort deprimiert und sagte mir tausendmal, daß ich mich ruiniert 
hätte. Ich wurde matt, sah immer in den Spiegel, um die blauen Ringe zu 
konstatieren, von denen Betau geschrieben hatte. Ich konnte nicht aufpassen, 
wußte nicht, was der Lehrer vortrug, und war in Gefahr, ein schlechter 
Schüler zu werden. Das Spiel wiederholte sich jede Woche. Immer war ich 
nach einem Rückfalle totunglücklich und immer wiederholte ich mir, es sei 
diesmal bestimmt, ganz bestimmt das letzte Mal. Ich wurde hypochondrisch 
und begann allerlei Krankheiten an mir zu entdecken. Doch hatte diese Hypo- 
chondrie ihr Gutes. Ich wollte die Schwächung durch die Onanie kompen- 
sieren. Ich begann mich besser zu nähren, ich turnte, trieb jede Art von 
Sport und härtete mich auf das äußerste ab. Schließlich war ich einige Monate 
ohne Onanie ausgekommen. Ich war darüber unsagbar glücklich, aber da 
setzten Pollutionen ein und in solcher Häufigkeit, daß ich ganz entsetzt war. 
Jede Nacht, und manchmal dreimal und viermal in einer Nacht. Alle Mittel 
waren dagegen machtlos. Ich schlief auf dem harten Boden, aß wenig am 
Abend, kasteite mich in jeder Form, nahm die Medikamente, welche Ärzte mir 
verordneten. Die Ärzte meinten, es wäre die Folge der Onanie. Wie mir 
Dr. Stehet später erklärte , war es nur die Folge des Aufgebens der Onanie, 
ich onanierte einfach im Schlafe weiter. Die Heilung kam erst viel später mit 
23 Jahren, als ich anfing, regelmäßigen Geschlechtsverkehr zu pflegen. Da 
verloren sich die Pollutionen, um nie wiederzukehren. Unter regelmäßigem Ver- 
kehr verstehe ich eine Befriedigung mehrere Male der Woche, denn einen 
seltenen Verkehr hatte ich schon viel früher, davon will ich jetzt erzählen. 
Ich bin von meinem Thema abgekommen, weil ich über meine Erfahrungen 
mit den Pollutionen sprechen wollte. 

Mit 14 Jahren ging ich das erste Mal zu einer Dirne. In meiner Klasse 
waren die meisten schon dort gewesen, ich war einer der letzten und nach 
einigen Monaten waren wir alle keine Unschuld mehr. Am nächsten Tage 
wußte es immer die ganze Klasse, wenn ein Novize die Unschuld verloren 
hatte. Er wurde feierlich begrüßt und im Triumphe herumgetragen. Der letzte 
von uns, ein kleiner, unansehnlicher schüchterner Mensch, widerstand noch 
ein Jahr siegreich den Hänseleien der Kollegen, bis er nachgab. Er erntete 
ganz besondere Ovationen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit betonen, daß in 
unserer Klasse eine Menge von talentierten Bursehen beisammen waren, die 
es alle sehr weit gebracht haben. Einige sind Berühmtheiten, andere Millionäre, 
die dritten sehr tüchtig und sehr angesehen. Verkommen ist trotz dieser Sitten 
kein einziger von uns. Dies möchte ich nur für die Moralisten erwähnen, 
welche über solche Sitten die Nasen rümpfen werden. Einige sind Dichter, 
einer ein besonders zartfühlender Lyriker ... An der Jugend gleiten solche 
Dinge ab. Die Moralheuchelei wirkt vielleicht verderblicher als diese gesunde 
selbstverständliche Auffassung des stärksten aller Triebe. 



» 



Onanie und Potenz. iz-vi 

Ich begann also mit 14 Jahren zu Dirnen zu gehen. Ungefähr alle zwei 
Wochen suchte ich das Lupanar auf. Ich hatte dann immer einige Ta»e von 
den Pollutionen Ruhe . . . Und noch eine merkwürdige Veränderuno- gin«* mit 
mir vor. Ich wurde plötzlich aus einem Träumer ein glänzender Schüler und 
einer der Besten der Klasse. Ohne viel zu lernen, wußte ich alles, wohl nur 
weil die früher quälenden Phantasien ein Ende hatten. Ich stellte mir vorher 
immer vor, wie denn ein Koitus sein müsse, wie das Weib gebaut sein müsse 
usw. . . . Alle diese Grübeleien fanden ein rasches Ende, meine Energien 
wurden frei und ich war ein ganz anderer Mensch. Zugleich damit wurde ich 
im Charakter milder und besser. Meine gesamte Ethik hob sich, ich begann 
Verse zu machen, sehnte mich nach einer reinen Liebe, die mich von all dem 
Schmutze erlösen sollte. Ich begann auch die selbstverständlichen kleinen Er- 
oberungen bei Stubenmädchen und anderen leichten Damen. Die Pollutionen 
wurden seltener, je häufiger ich den normalen Verkehr ausüben konnte. 

Da trat ein Ereignis in meinem Leben ein, das mein Dasein durch zwei 
volle Jahre verdüstern sollte. Ich war damals ungefähr 18 Jahre alt und ein 
kräftiger, wohlgestalteter Junge. Ich war einer der gewandtesten Turner in 
meiner Klasse und von einer unerschütterlichen Gesundheit und eisernen Aus- 
dauer . . . Ich unterrichtete in einem Hause, in dem ich auch befreundet war 
und sehr geschätzt wurde, den Sohn. Dort diente gerade ein auffallend schönes, 
dunkles, glutängiges, sehr kräftiges Stubenmädchen, eine Walküre. Ich hole 
mir einmal Wasser in der Küche und treffe das Mädchen ganz allein. Sie 
sieht mich mit herausfordernden koketten Blicken an. Ich frage sie: „Wann 
kann ich zu dir kommen?« „Heute nachts ..." „Um wie viel Uhr?" „Erst 
nach zehn. Vielleicht um halb elf. Ich lasse die Türe offen." „Ich komme 
bestimmt." „Ich erwarte dich!" 

Das war das ganze Gespräch. Ich war in großer Aufregung und so 
glücklich, daß ich noch nicht an die Tatsache glauben wollte. Alle Erobe- 
rungen, die mir bisher gelungen waren, verblaßten vor dieser. Es handelte 
sich um eine anerkannte Schönheit und die Leichtigkeit der Eroberung 
schmeichelte mir nicht wenig. Ich konnte kaum die Nacht erwarten. Ich 
zählte die Minuten, war mit Kollegen auf einer Kegelbahn und fiel durch 
mein zerstreutes erregtes Wesen auf. Ich erzähle das so ausführlich weil es 
einen Wendepunkt in meinem Leben bedeutete . 

Endlich, endlich war es viertel elf. Ich verabschiedete mich von meinen 
Freunden und bummelte langsam und doch in fieberhafter Erregung meinem 
Ziele zu. Um halb elf drückte ich die Klinke des Haustores. Man stelle sich 
meinen Schrecken vor! Sie war verschlossen. 

Was sollte ich tun? Wenn ich klopfte, weckte ich vielleicht den Haus- 
herrn und machte die Umgebung auf mich aufmerksam. Ich versuchte die 
Türe mit Gewalt zu öffnen. Vergebliehe Mühe! In meiner Verzweiflung 
erinnerte ich mich, daß der Garten dieses Hauses an einen der Nachbarhäuser 
grenzte. Ich lief zu diesem Hause. Das Haustor war geöffnet. Ich schlich mich 
leise durch den Hof in den fremden Garten, der an den erwähnten Garten 
grenzte. Ich sprang über einen hohen Zaun. Da schlug ein Hund an und kam 
mit wütendem Gebelle auf mich los. Ich erwehrte mich kaum seiner durch 
einige Steinwürfe, lief zu der anderen Seite des Gartens, der Hund immer 
dicht hinter mir. Da kletterte ich behend in die Höhe, ließ mich auf der 
anderen Seite hinunter und war in dem erwünschten Garten. Der Hund bellte 
immer noch wütend. Aber die Leute waren das offenbar schon gewöhnt und 
keiner achtete darauf. 



102 



Die Impotenz des Mannes. 



UVfV.-ßfW 



Mir aber klopfte das Herz zum Zerspringen. Und nun bemerkte ich, daß 
ich auch nicht zur Küchontüre gelangen konnte, weil das Vorzimmer abgesperrt 
war nnd das Klopfen das ganze Haus geweckt hätte. Ich überblickte rasch 
die ganze Situation. Da bemerkte ich, daß das Kiichenfenster auf ein kleines 
Häuschen hinausging, in dem der Hausbesorger wohnte. Ich schwang mich mit 
Hilfe meiner turnerischen Künste auf das niedere Dach, schlich, kroch eigent- 
lich leise, ganz leise zum Küchenfenster und klopfte erst zart, dann aber etwas 
dreister an die Scheiben. Da öffnete sich das Fenster und eine weiche Frauen- 
hand zog mich in das Dunkel einer Stube hineiu . . . 

Ich war atemlos, mein Herz klopfte noch stürmisch. Ich konnte kein 
Wort reden und brauchte einige Minuten, um den ganzen Vorfall zu erklären. 
Ich hörte, daß der Herr heute zufallig etwas später nach Hause gekommen 
wäre und ausnahmsweise alle Türen abgesperrt hätte, weil ja ohnedies niemand 
kommen werde . . . 

Was nun folgte, war für mich sehr beschämend. Ich hatte immer tadel- 
los über meine Potenz verfügt und nie war mir der geringste Zweifel an 
meiner sexuellen Leistungsfähigkeit gekommen. Aber ich habe erst später 
begriffen, daß der Eindruck der uberstandenen Gefahren in mir nachzitterte, 
daß der Gedanke, der Herr des Hauses könnte mich erwischen, mich, der ich 
bei seiner Tochter als Freund verkehrte, bei dem Dienstboten finden. 

Ich war absolut asexuell und vollkommen impotent. Das Mädchen be- 
mühte sich eine Zeitlang, war sichtlich sehr erregt und sagte dann entrüstet: 
„Wozu kommen Sie zu mir, wenn Sie ein solcher Patzer sind!?" Ich trachtete 
bald wegzukommen. Wäre sie geduldig und liebenswürdig gewesen, ich hätte 
mich bald erholt und alles wäre in Ordnung gewesen. Sie öffnete mir leise 
die Türen und ich schlich mich wie ein begossener Pudel aus dem Hause. Es 
brauste mir in den Ohren und ich wiederholte mir mechanisch nur eiuen Satz: 
„Du bist impotent!" Jetzt fühlte ich, daß die schrecklichen Folgen der Onanie 
eingetreten waren. Ich schlief diese Nacht nicht eine Sekunde . . Ich schämte 
mich, am nächsten Morgen zu meinem Schüler zu gehen und schützte Kopf- 
schmerzen vor. Nach zwei Tagen kam ich hin. Zu meiner freudigen Über- 
raschung war das Mädchen entlassen worden. Sie hatte auch mit meinem 
14jährigen Schüler begonnen und die Mutter hatte etwas bemerkt. Zum Glücke 
nicht die ganze Wahrheit. Aber sie entließ das Mädchen Knall und Fall. 

Ich war überzeugt, daß ich impotent war. Nach drei Tagen ging ich 
in ein Lupanar und versuchte wieder mein Glück. Ich zitterte schon vorher 
am ganzen Körper und redete mir Mut zu. Aber ich konnte nicht zur Fassung 
kommen und versagte gänzlich. Nun stand es bei mir unwiderruflich fest, daß 
ich unheilbar impotent wäre und daß ich für das Laster der Onanie büßen 
müsse. Weitere Versuche mißlaugen vollkommen. Das dauerte ein Jahr. Es 
zeigten sich leichte Ansätze der Besserung, aber sie gingen rasch vorüber. 
Ich wagte es nicht, mit Mädchen anzufangen und zu erobern. Ich vermied es, 
zu Dirnen zu gehen, da ich ja des Mißerfolges sicher war. Ich trank hie und 
da einige Gläser Wein und wollte meinen Zweifel betäuben und trotzdem 
einen Koitus durchsetzen. Die Erektion kam schließlich zustande, aber eine 
Ejaculatio praecox machte meinen Versuchen ein rasches Ende. So kam es, 
daß ich wieder an Pollutionen litt und ein Hypochonder wurde. Es stand bei 
mir fest, daß ich nicht lange leben werde und daß weitere fürchterliche Folgen 
der Onanie sicher folgen würden. Eine gewisse Lebensfreudigkeit und ein 
unbesiegbarer Optimismus hielten diesen Befürchtungen die Wage. Eine innere 



Onanie und Potenz. |n» 

Stimme sagte wir: „Du wirst docli alle diese Hindernisse überwinden und 
ganz gesund werden." 

So kam ich in die Großstadt. Die neuen Anregungen und Eindrücke 
lenkten mich von meiner Krankheit ab. Einige Versuche mit Dirnen mißlangen 
oder hatten nur einen halben Erfolg. Ich wagte es nicht, ein besseres Mädchen 
anzusprechen und ein Verhältnis anzuknüpfen, wie es zahlreiche meiner Kol- 
legen hatten. 

Da trat ein Ereignis in meinem Leben ein, dem ich meine vollständige 
Heilung verdanke. Es waren schon an die zwei Jahre, daß ich impotent war, 
und ich dachte scheinbar nicht an die Möglichkeit der Heilung. Ich verkehrte 
in einer Familie, in der ein außerordentlich schönes Stubenmädchen bedienstet 
war. Sie äußerte sich zu der Frau des Hauses, daß unter allen jungen Leuten, 
welche auf Besuch kamen, ich ihr am besten gefiele. Das wußte ich und war 
doppelt so unglücklich über mein Leiden, weil viele Kollegen und ältere Herren 
sich vergeblieh um die Gunst des Mädchens bemühten, das im besten Hufe 
stand und als sehr keusch und vollkommen unverdorben galt. Meine Bezie- 
hungen zu Cilli — so hieß sie — bestanden in ein paar freundlichen Worten 
und sehr warmen Blicken, die ihr zu verstehen gaben, daß sie mir sehr gut 
gefiele. So vergingen einige Monate und ich kam um keinen Schritt weiter. 
Da fügte es der Zufall, daß ich eine Nacht in dem Hause schlafen 
konnte, wo das Mädchen bedienstet war. Wir blieben plaudernd und musi- 
zierend lange auf. Die Frau des Hauses, die einen einzigen Sohn hatte und 
die von meinem Umgänge mit ihm eine Beeinflussung des etwas leichtsinnigen 
Studenten zum Guten erhoffte — ich war natürlich ein Musterknabe — meinte 
ich solle gleich bei ihnen übernachten, es wäre schon spät und ich hätte einen' 
so weiten Weg nach Hause. Sie hatte ein Zimmer an einen Studenten vermietet, 
der gerade seinen Urlaub zu Hause verbrachte. Ich ließ mich nicht lange bitten 
und übernachtete allein in diesem Zimmer: 

Es war nun früh am Morgen, da kam das Mädchen in das Zimmer, um 
meine Kleider zu holen. Ich hörte das, war in einer Art Halbschlummer. Sie 
beugte sich etwas über mich, weil sie glaubte, daß ich fest schlief, und be- 
trachtete zärtlich mein Gesicht. Ich streckte meine Hand aus und zog sie fest 
an mich. Sie glaubte es wäre im Schlafe, weil ich die Augen fest geschlossen 
hatte. Ich flüsterte zärtlich ., Cilli" und zog sie näher, so daß ihr Gesicht das 
meine berührte. Da küßten wir uns lange und sehr innig. In diesem Momente 
fühlte ich eine heftige Erektion, wie ich sie seit meinem großen debficle nicht 
mehr erlebt hatte. Ich fühlte, Cilli könnte mich heileu und alle Hemmungen 
überwinden. Allein ich traute mich Dicht weiterzugehen, das Mädchen hätte es 
auch nicht gestattet . . . 

Seit jenem Morgen wuchs in mir die Hoffnung. Ich liebte das schöne, 
liebe Kind und fühlte meine Liebe erwidert. Ich kam öfters zu ihr, wenn ich 
wußte, daß sie allein war. Das konute ieh machen, ohne aufzufallen, weil ich 
im Hanse so intim verkehrte, daß ich schon vorher täglicher Gast war. Allein 
obgleich ich mich im Vollbesitze meiner Potenz fühlte, kam ich nicht um 
einen Schritt weiter. Cilli erklärte, daß sie ein anständiges Mädchen sei und 
bat mich, ich möge mich beherrschen und nicht „Unmögliches" von ihr for- 
dern. Ich glaube, dieser Widerstand trug nicht wenig zu meiner vollständigen 
Heilung bei. Denn mein Begebren wurde immer stärker, so daß ich unter 
der Abstinenz physisch litt. Einen Versuch anderweitig machte ich nicht weil 
das Bild Cillis mich so vollständig beherrschte, daß es mir unmöglich gewesen 
wäre, eine andere zu küssen. Das ging so viele Wochen. Einmal kam ich hin, 



104 



Die Impotenz des Mannes. 



um Klavier zu spielen, wozu ich immer die Erlaubnis hatte. Ich spielte sehr 
schön und Cilli war begeistert. Ihre Liebe machte auch den bekannten Um- 
weg über die Kunst. Die Musik ist eine gefährliche Kupplerin! . . . Ich war 
sehr erregt und umarmte sie stürmisch. Als ich aber etwas kühner wurde, 
wehrte sie ab und lief aus dem Zimmer. Ich nahm meinen Hut und nahm mir 
vor, nicht mehr in Abwesenheit der Frau zu kommen, so enervierten mich 
diese frustranen Erregungen. Ich lief auf die Gasse und wollte irgendwohin 
ins Freie. Ich war kaum einige Häuser weiter gegangen, als ich hinter mir 
laufen und meinen Namen nennen hörte. Es war Cilli, die mich bat zurück- 
zukommen und nicht böse zu sein. Ich erklärte ihr, daß es besser sei, wenn 
ich weggehe, ich vertrüge diese fürchterliche Spannung nicht. Da sagte sie 

leise errötend: „Komm nur hinauf Ich will nicht, daß du leidest. 

Aber mach keine Dummheiten . . -• 

„Und wenn ich Dummheiten machen muß?" 

„Ich liebe dich! Du kannst mit mir machen, was du willst . . ." 

Wir stürmten die Treppen hinauf. Sie war ganz mein und ich konnte 
den Kongressus einige Male vollziehen ohne zu unterbrechen. Ich wußte nun, 
daß ich nie impotent gewesen und daß Cilli mich vollkommen geheilt hatte. 

Ich spielte dann eine freie Phantasie am Klaviere. Ich glaube, wenn ich 
sie mir gemerkt hätte, es wäre das jubelndste Stück gewesen, das ein Musiker 
je komponiert hat. Ich kenne kein ähnliches Gefühl und es war der schönste 
Tag meines Lebens! Ich fühlte mich gesund und ein kräftiger junger Mann! 
Ich durfte den Mädchen keck ins Gesicht sehen und war nicht an den Folgen der 
Onanie erkrankt! Ich begriff sofort, daß alle meine Leiden Einbildung gewesen 
waren . . . Dieses Glttcksgefühl steigerte sich noch, als ich nach einigen Tagen 
Gelegenheit hatte, mit Cilli eine ganze Nacht zu verbringen. Ich hatte das 
Bedürfnis, das Versäumte nachzuholen. Ich habe siebenmal den Akt vollzogen 
ohne zu ermüden und mußte mich zurückhalten, um es nicht öfter zu tun. 
Nun wußte ich erst, daß meine ganze Impotenz eine eingebildete war und 
von dieser Nacht an datiert meine vollständige Heilung. 

Ich möchte aber noch hinzufügen, daß ich seit damals gelernt habe 
wie launisch die Potenz des Mannes ist und wie wichtig es ist, seine Hem- 
mungen zu kennen. Wenn mir später ein ähnliches Mißgeschick passierte wie 
das ausführlich geschilderte, so fragte ich mich immer : „Was war deine innere 
Hemmung?" Und immer konnte ich die Hemmung, die meist moralischer 
Natur war, finden. Ich konnte Frauen meiner Freunde nie besitzen, nie ein 
Mädchen, dein ich eine Lüge gesagt habe. Ich glaube, daß der Umstand, daß 
ich Cilli gar keine Versprechungen bezüglich unserer Zukunft machte, viel 
dazu beigetragen hat, daß ich so potent war. Ich muß mich in Übereinstim- 
mung mit meinem Gewissen befinden, dann erreichte ich meine höchste Potenz. 
An einem Tage hatte ich ein Mißgeschick, weil es sich um eine verheiratete 
Frau handelte, die vorher mir sagte: „Wenn das mein Mann wüßte!" Schon 
am nächsten Tage war ich hochpotent, weil es sich um eine geschiedene 
Frau handelte, die mich aufgefordert hatte und keinem Menschen Rechenschaft 
schuldig war. Ähnliche Hemmungen waren auch neben der Angst und der 
Erregung in dem Falle in meiner Jugend vorhanden ! Dabei bin ich Freigeist, 
überzeugter Atheist und vollkommen amoralisch. Das heißt, ich stehe auf dem 
hohen Niveau eines Nietzsche, daß jeder Mensch seine eigene Moral hat. Aber 
meine innere (unbewußte) Moral ist stärker als mein Intellekt. Ich habo es 
im Laufe der Jahre gelernt, auf diese innere Stimme zu horchen und seit 
ich das tue, weiß ich. daß ich nie impotent sein werde. 



Onanie und Potenz. |qf, 

Ich habe meine Krankheitsgeschichte so ausführlich aufgeschrieben, weil 
ich wünsche, daß viele Unglückliche sie lesen sollen und sie beherzigen mögen. 
Wäre mir eine ähnliche, aufklärende Schrift in die Hände gekommen, ich hätte 
mir viel Kummer und viele Demütigungen erspart 

Hier brechen wir die interessante Krankheitsgeschichte ab, die ich 
für ein wichtiges „document humain" halte. Wir können aus ihr außer- 
ordentlich viel lernen. Erstens: Hilft sie die Legende von der Schäd- 
lichkeit der Onanie zerstören. Ich kenne die Nachkommenschaft dieses 
Mannes. Es sind herrliche Kinder, strotzend von Gesundheit und besser 
entwickelt, als die gleichaltrigen Spielgenossen. Trotz des frühen Beginnes 
der Onanie kommt es zu vollkommener Entwöhnung, weil die Onanie nur 
ein Surrogat für das fehlende Weib war und der Mann keine Neigungen 
zu Paraphilien zeigte. Zweitens: Trotz der seit der Kindheit betriebenen 
Onanie — also trotz des gefürchteten „Onanismus" — hat er die Fähig- 
keit, den Koitus siebenmal und später zehnmal in einer kurzen Zeit aus- 
zuführen, wie mir seine Frau bestätigte. Dabei keine Ejaculatio praecox, 
nur wenn der Mann einen Kongressus unter inneren Widerständen voll- 
zog. Diese psychische Wurzel der Ejaculatio praecox habe ich wiederholt 
gefunden. Sie spricht nicht für die Schwäche des Mannes, sondern für 
die Schwäche des Sexualobjektes und für die Stärke innerer Hemmungen. 
Denn man kann es oft beobachten, daß dieselben Männer bei gewissen 
Frauen unter gewissen Umständen eine starke Potenz entfalten können. 

Drittens ist der Fall ein Musterbeispiel, wie eine Impotenz entstehen 
kann. Hätte der Mann nicht so glänzende Anlagen, einen so scharfen 
Verstand und eine so außerodentliche Gabe der Selbstbeobachtung, eine 
so gesunde „sexuelle Konstitution", hätte er in der kritischen Zeit das 
rettende Mädchen nicht gefunden, welches sein bester Arzt wurde, das 
Leiden hätte sich verschlimmern und hätte unter Umständen unheilbar 
werden können, wie einer meiner nächsten Fälle beweisen wird. Wir sehen 
hier einen Mißerfolg und die sich daran knüpfende Autosuggestion. Von 
da aus setzt sich die Vorstellung fest: Du bist impotent. Was nachher 
lolgt, ist der Kampf gegen diese Vorstellung, welcher je nach der Stärke 
dieser Vorstellung und dem Schicksal des Menschen verschieden ausfällt. 
In diesem Stadium kann der Zuspruch eines vernünftigen Arztes Wunder 
wirken. Ware unser Patient zu einem erfahrenen Kollegen gekommen 
der ihm gesagt hätte: „Haben Sie keine Sorge und grübeln Sie nicht über 
ihr Mißgeschick. Es handelt sich nur um eine vorübergehende Störung. 
Seien Sie ganz ruhig und bilden Sie sich nicht ein, impotent zu sein. Die 
Sache ist so und so entstanden. u Man muß dem Kranken die Ent- 
stehung seines Leidens verständlich machen, seine Angst zerstören, ihn 
wegen der schädlichen Folgen der Onanie beruhigen. Man muß ihm die 
Versicherung geben, daß das Leiden nur vorübergehend ist, daß diese 
vorübergehende Störung auf eine momentane Hemmung zurückgeht, und 



106 



Die Impotenz dos Mannes. 



daß innere Widerstünde das Zustandekommen der Potenz verhindert 
haben. 

Fassen wir die Erfahrungen . die wir aus der Beobachtung der 
berichteten Fälle gewonnen haben, zusammen: 

1. Die Onanie ist nie die Ursache der Impotenz. 

2. Viele Onanisten sind impotent, weil sie im normalen 
Koitus keine Befriedigung finden können. Die Onanie ersetzt 
infolge der damit verbundenen Phantasie einen paraphilen Akt. 

3. Die Vorstellung der Impotenz ist die stärkste Hemmung. 
Gegen diese Vorstellung muß der Psychotherapeut ankämpfeu und den 
Kranken davon überzeugen, daß die Angst ihn impotent macht. Vor- 
stellungen, er hätte sich durch übermäßigen Koitus, Pollutionen, Jugend- 
sünden, Onanie, Onanismus die Potenz ruiniert, sind gleichfalls zu be- 
kämpfen. 

In leichten Fällen gelingt die Heilung ohne Eingehen auf tiefere 
Motive durch bloße Suggestion. Schwerere verlangen eine psychologische 
Erforschung. 



VI. 
Unbewußte Liebe und unbewußter Haß. 

Jedes ITerz hat seine Geliciinnis.se, die 
es vor sich selbst ängstlich verbirgt. 

Grillparser. 

Die Leser meines Buches „Die Geschlechtskälte der Frau" kennen 
bereits die Schauspielernatur der Parapathiker und wissen, daß es Menschen 
gibt, die ihre Liebe und ihren Haß vor sich selbst verbergen. In jedem 
Fall von Impotenz hat man sich die Frage vorzulegen: „Liegt nur ein 
einfacher Fall von verderblicher Autosuggestion vor oder handelt es sich 
um ein geheimes Sexualziel, um eine jener besonderen Bedingungen der 
Potenz, die wir ja im dritten Kapitel ausführlich geschildert haben?" Dieses 
geheime Sexualziel kann aber ein Liebesobjekt sein, das man sich nicht 
eingestehen will. 

Wir kommen nun zu dieser zweiten Form der Störung der männlichen 
Potenz, welche sehr verbreitet und trotzdem von den Ärzten sehr wenig 
gekannt ist. Es ist dies jene Form, welche bei älteren oder jüngeren 
Leuten auftritt, wenn sie an ein bestimmtes Objekt fixiert sind, ohne es 
zu wissen. Es gibt nämlich eine Form der Liebe, welche man die unbe- 
wußte Liebe nennen kann. Ich habe sie ausführlich in meiner Broschüre 
„Das nervöse Herz" ') beschrieben. Ich führe hier nur jene Stellen an, die 
uns zum Verständnisse dieses merkwürdigen Phänomens notwendig sind. 

') Hygienische Zeitfragen, Nr. 9. Verlag Paul Knepler, 1913. 



Unbewußte Liebe uud unbewußter Haß. ia- 

FallNr. 53. Vor uns steht ein etwas trübsinnig blickender Jüngling und kla°-t 
über allerlei nervöse Beschwerden. Er künne seit einigen Monaten nicht studieren 
und stehe vor einer Prüfung. Er könne nichts fassen, die Gedanken blieben 
nie bei dem Stoffe, den er bewältigen müsse. Dabei sei er so zerstreut und 
vergeßlich, daß es ihn beunruhige, er glaube, er leide an Gedächtnisschwäche. 
Überdies könne er nur sehr wenig schlafen. Das heißt, er schlafe sehr spät 
ein, weil es ihn mit einem Rucke aus dem Schlafe reiße, als ob er einen Schuß 
gehört hätte, als ob er einen Abhang hinunterstürzen würde, sein Herz klopfe 
zum Zerspringen und es werde oft spät nach Mitternacht, ehe er ein- 
schlafen könne. Dann passiere es ihm, daß er mit einigen unangenehmen 
Unterbrechungen (die geschilderten Anfälle!) bis spät in den Morgen hinein 
8« hlafe. Erwacht, sei er nicht erquickt, sondern wie gerädert und zerbrochen. 
Fortwährend müsse er gähnen und möchte am liebsten wieder einschlafen. Er 
könne dann nicht aufstehen. Er sage sich: Du mußt sofort aufstehen, in die 
Vorlesung gehen und studieren. Aber seine Trägheit sei stärker als Wille 
und Vorsatz. Die ganze Welt erscheine ihm wie verändert, wie fremd. Manch- 
mal habe er das Gefühl, als seien alle Lichter verlöscht und selbst die Sonne 
von Schleiern umgeben. Am meisten erschrecke ihn, daß ihn das schöne Ge- 
schlecht nicht interessiere. Er wäre sonst einem galanten Abenteuer nicht ab- 
geneigt gewesen. Er fühle sich matt, energielos und elend und habe die 
Empfindung, es gehe etwas in ihm vor. Er leide auch an Ang6t vor dem 
Wahnsinn. Manchmal dränge es in dem Kopfe, als ob etwas heraus wollte, 
ein eiserner Keifen halte aber seine Gedanken zusammen, es beginne sich 
etwas zu verwirren und dabei werde ihm angst und bange . ! . 

Und jode Nacht quäle ihn in den Anfällen ein heftiges Herzklopfen. 
Und auch am Tage überfalle ihn dieses unmotivierte Herzklopfen, dabei be- 
herrsche ihn die Empfindung, es könne etwas Schreckliches passieren, als ob 
ihm etwas Teueres verloren gehen könnte . . . Solche Zustände haben die 
Ärzte früher „Neurasthenie" bezeichnet und es wird noch heute Jünger Äsku- 
laps geben, die dem jungen Manne sagen werden: „Sie haben sich über- 
anstrengt. Sie müssen ausspannen. Fahren Sie für einige Wochen je nach 

Ihren Mitteln — auf den Semmering, nach Abbazia oder gehen Sie in ein 
Sanatorium. Allein unser Jüngling kommt schon aus einem schöneeleeenen 
Sanato„ ura im Süden. Es ging ihm in der Ferne noch schlimmer als zu 
S« I b ^™hte ihn eine quälende Unruhe, immer der Zwangs- 
überleben würde * ** 6tWaS Schreckliches Pieren, was er nicht 

Ich erkundigte mich, ob er besondere Gemütsürschütterungen durch- 
gemacht habe, ob irgend ein folgenschweres Erlebnis in seiner Seele nachzittere 
Das verneint er und behauptet, gar keinen Grund zur Unzufriedenheit auf- 
weisen zu können. Wer sich nun mit dieser Antwort zufrieden geben würde 
. der müßte auf das alte Requisit der „Übermüdung" oder gar der „erblichen 
Belastung" zurückgreifen. 

Nun ist es schwer zu lernen, daß die Menschen nicht wissen, was sie 
wollen und was ihnen fehlt. Daß sie immer Schauspieler sind, die sich und 
der Welt eine Komödie vorspielen und glauben machen wollen, es wäre eine 
Tragödie. Und manchmal ist es eine Tragödie, an der einige Menschen zu- 
grunde gehen. Was ging nun in der Seele unseres Kranken vor sich? Spielte 
er oder war es Wahrheit? Wir können ihm die Tragödie und die Krankheit 



108 



Die Impotenz des Mannes. 



glauben. Denn er erzählte uns eine merkwürdige Tatsache, aus der wir auf 
vieles schließen können. Er berichtete, er habe das Interesse für die Weib- 
lichkeit verloren. Und das muß uns zu denken geben. 

Die Erfahrung und die einfache Überlegung sagt uns, daß Menschen, 
die ein bestimmtes weibliches Wesen vor Augen haben, den Wert aller an- 
deren so gering einschätzen, daß es den Anschein hat, sie hätten den Sinn 
für alle Weiblichkeit verloren. Er verneint diese Frage und meint, das mit 
der Liebe wäre eino alte, längst überstandene Sache und längst vorbei. Wir 
erfahren, da wir die „alte, längst überstandene Sache" kennen lernen wollen 
folgende Tatsachen: Er liebte seit vielen Jahren eine Kusine. Immer schwebte 
ihm vor, er werde als fertiger Doktor (er ist Mediziner) vor sie hintreten 
und werde um ihre Hand anhalten. Diesen Sommer jedoch war er bei ihrem 
Vater zu Gaste und da sei plötzlich die wunderbare Wandlung gekommen. Er 
habe bemerkt, daß er sich über sein Gefühl getäuscht habe, und sei zur Über- 
zeugung gekommen, daß er sie nicht liebe. — Jetzt folgt ein langer Exkurs über 
ihre schlechten Eigenschaften, Fehler, Gewohnheiten, Gebrechen 

Noch immer belügt der Kranke uns und sich selbst. Noch immer kennen 
wir nicht den Kern seines seelischen Konfliktes, ohne den nach meinen An- 
schauungen keine Parapathie zustande kommen kann. Ich will hier nicht 
schildern, wie ich auf die Wahrheit gekommen bin. Aber die Tatsachen will 
ich mitteilen, weil sie uns tief in das geheime Kräftespiel einer Seele blicken 
lassen. Dieser Jüngling stammt von armen Eltern, hatte sich bisher mühsam 
durchs Leben gebracht und teils von Lektionen, teils von dürftigen Stipen- 
dien sein Leben gefristet. Es war ein jammervolles Dasein. Jetzt winkte ihm 
auf einmal ein freundliches Los. Ein reicher Mann hatte ihn liebgewonnen 
und seinen Eltern mitgeteilt, der fleißige strebsame Student gefalle ihm sehr 
gnt und er möchte ihn gern als Schwiegersohn erwählen. Er verpflichte sich, 
die Kosten seiner Ausbildung zu tragen und ihm nach dem Doktorat noch die 
Möglichkeit zu einer gründliehen Ausbildung in den Kliniken zu geben. Die 
Eltern teilten diesen Plan ihrem Sohne mit. Sie wiesen mit Recht darauf hin 
daß jetzt große Ausgaben bevorstünden: Rigorosen faxen, die teuren Kurse- 
sie betonten die Unmöglichkeit, im letzten Jahre Stunden zu geben und viele 
solcher „vernünftiger" Dinge mehr. Der Jüngling meinte, er wolle nur aus 
Liebe heiraten, er könne Bich nicht verkaufen und so weiter. Die Eltern er- 
widerten, daß auch das in Frage kommende reiche Mädchen hübsch, bescheiden, 
wohlerzogen und liebenswert sei. Sie betonten die Nützlichkeit der Verbindung 
mit einem so vornehmen Hause, dessen Mitglieder allein einen Arzt ernähren 
könnten, lenkten seine Aufmerksamkeit auf den großen Einfluß des Schwieger- 
vaters in spe. Der Sohn, in seinen Grundsätzen erschüttert, erbat sich Bedenk- 
zeit und fuhr zu dem Vater seiner Geliebten, zu seinem Onkel, der auf dem 
Lande in einer gesicherten, aber bescheidenen Existenz lebte und seiner Tochter 
eine kaum in Betracht kommende Mitgift geben konnte. 

Man kann sich nun den Seelenkampf des Jünglings vorstellen. Auf der 
einen Seite lockte die Liebe, drohten aber Entbehrungen, Kämpfe, vielleicht 
Not, die Aussicht, sich das ganze Leben als Landarzt durchzuschlagen, auf 
der anderen Seite winkten Glanz, Reichtum, Karriere und Sorglosigkeit. Wie 
alle Kinder armer Leute war er grenzenlos ehrgeizig und wollte es weit 
bringen. In allen Häusern, wo er unterrichtet hatte (auch im Hause seines 
künftigen reichen Schwiegervaters, der ihn bei dieser Gelegenheit kennen und 
schätzen gelernt), mußte er immer den unterirdischen Neid des armen Stu- 
denten gegen seinen reichen Brotherrn empfinden, diesen verzehrenden, bohren- 



Unbewußte Liebe und unbewußter Haß. inq 

den, nagenden, fressenden, uneingestandenen Neid, der aus den bestbehandelten 
Untergebenen heimliche, schadenfrohe Gegner macht und der die Ursache aller 
sozialen Konflikte ist. Ihn trösteten phantastische Zukunftsbilder. Er wollte 
ihnen später zeigen, wie weit es der arme Student bringen werde. 

Und alle diese Hoffnungen sollte er einer Liebe opfern, einem kleinen 
lieben Mädchen, das andere vielleicht nicht dieses Opfers wert fanden? Er- 
spielte aber vor sich immer den Idealisten, der das Geld verachtete. Das war 
seine offizielle Weltanschauung, die aus der Anpassung an die Not seiner Ver- 
hältnisse entstanden war. Er mußte also, um nicht die Achtung vor sich selbst 
zu verlieren, sein Vorgehen mit dem Verstände entschuldigen. Aber wie mit 
der Liebe fertig werden? Wie ein mächtiges Gefühl aus seinem Herzen 
reißen ? 

Er war ein Mensch mit einem eisernen Willen. Er konnte die Selbst- 
beherrschung wenn es not tat bis zum Extrem anwenden und durchführen. 
Und so kam eine flüchtige Viertelstunde, in der er sich sagte: „Du darfst 
deine Kusine nicht heiraten! Du machst dich für dein Leben unglücklich!" 
. . . Und von diesem Moment an war die Liebe in seinem Herzen ausge- 
löscht. Sie war ihm mit einemmal gleichgültig geworden, er benahm sich auf- 
fallend kühl und brach den Aufenthalt beim Onkel unter irgend einem Vor- 
wandc unvermutet ab. Die Kusine war ihm fremd geworden . . . 

Jetzt verstehen wir mit einemmal seine ganze Krankheit und seine Herz- 
parapathie. Denn er liebte sie noch immer und hat nie aufgehört, sie zu lieben. 
Er hat sich nur weisgemacht, daß die Angelegenheit für ihn erledigt sei. Er 
spielt vor sich den Menschen, der nicht mehr liebt, er benimmt sich so, als 
ob er nicht mehr lieben würde . . . Allein er muß zugeben, daß er noch 
immer von der Kusine träumt und daß seine Träume sich nur mit dieser 
Kusine und keinem anderen weiblichen Wesen beschäftigen. Jede Nacht um- 
armt er, nach all den schrecklichen Schuß- und Abhangszenen, schließlich 
seine Kusine, er, der am hellen Tage keine Erregung beim Anblicke von 
schönen Mädchen empfindet. Er ist vergeßlich und zerstreut, weil er alle 
seine Energie aufwenden muß, um nicht an das geliebte Mädchen zu denken ; 
er schläft nicht, weil ihn die Sehnsucht nicht schlafen läßt ; und er will immer 
schlafen, weil er im Traume mit der Geliebten beisammen ist. Und er leidet 
an Herzklopfen, weil er die Angst hat, das Mädchen zu verlieren und weil 
inm eine Sekunde der Gedanke durch den Kopf zuckte : Bevor du sie einem 
andern gönnst wirst du dich und sie erschießen! Daher das Herzklopfen 
und der Schuß in seinen Träumen. Die Lichter der Welt sind erlöscht, weil 
seine Liebe und die Aussicht, die Liebste zu erringen, in einem Chaos seiner 
kampfenden Gedanken versunken sind. Die anderen Schönen interessieren ihn 
nicht, weil all sein Sinnen und Trachten nur der Einen, Unerreichbaren, ewig 
Verlorenen gilt. ° 

Das ist ein deutliches Beispiel einer solchen „unbewußten'-' Liebe. Ob 
sie aber wirklich „unbewußt" ist? Wir erinnern uns, daß er genau wußte 
und auf unser eindringliches Befragen zugeben mußte, daß er sich eines 
Tages gezwungen hatte, nicht zu lieben. Dann trat nach diesem heroischen 
Akte eines starken Willens die Willensschwäche auf. All sein Wollen war 
jetzt dazu bestimmt, die eine nicht zu wollen. Wo sollte er noch Energien 
hernehmen, wenn sie alle dazu verwendet wurden, die Liebe nicht auf- 
kommen zu lassen V 



1 1.0 Die Impotenz des Mannes. 

Der Fall scheint mir auch zu beweisen, daß wir mit der Formulierung 
des Unbewußten vorsichtiger sein müssen. Man hat sich, verführt von den 
Ausführungen Freuds, verleiten lassen, eine Reihe von Handlungen und 
Gedanken als unbewußt zu bezeichnen. In diesem Falle war die Liebe 
eigentlich gar nicht unbewußt. Eigentlich war sie dem Kranken immer 
bewußt, aber er bemühte sich permanent, dieses Bewußtsein durch einen 
Willensakt zu unterdrücken. Und mit schlechtem Erfolge. Denn schließlich 
brach er in Tränen aus und bekannte sich zu seinem Elend und zu seinem 
Konflikte. Man kann höchstens behaupten, daß ihm die Liebe „neben- 
bewußt" war. Das Hauptfeld des Bewußtseins nahm der Gedanke ein: 
.,Du mußt reich werden, du mußt deine soziale Position verbessern, du 
darfst das arme Mildchen nicht mehr lieben!" 

Solche Fälle von nebenbewußter Liebe, die sich als „Herzklopfen" 
äußern, gibt es aber unzählige. Soll ich sie alle aufzählen V Den Chef, der 
in seine Maschinschreiberin, die Kontoristin, die in ihren Chef verliebt 
ist, angeblich ohne es zu wissen? Eine unerträgliche Gereiztheit im Ver- 
kehre ist das einzige Zeichen, daß das Verhältnis von Affekten erfüllt ist, 
die ein Inkognito tragen. Soll ich vom „herzkranken" Vormund erzählen, 
der in sein reizendes Mündel verliebt ist, ohne es zu wissen, und der jeden 
Bewerber mit fadenscheinigen und billigen Argumenten abweist? Der eine 
ist ein Beamter und Beamte wären heutzutage alle Hungerleider; der andere 
ist ein Beisender und Reisende wären heutzutage alle leichtsinnig; der 
dritte ist ein Kaufmann und der Kaufmannsstand wäre heutzutage in einer 
schlechten kritischen Situation; der vierte hat einen Makel im Vorleben 
usw. ... Da ist auch der nervöse Mann zu erwähnen, der ., liebenbewußt" 
in die Frau seines besten Freundes verliebt ist. Er ist ein Ehrenmann und 
nur der Umstand, daß er seine Liebe nicht sehen will, ermöglicht es ihm, 
im Hause seines Freundes weiter zu verkehren. Aber auch er gibt zu, als 
er über Anfälle von Herzklopfen klagt, wie der oben erwähnte Jüngling, 
daß er sich einmal gesagt hatte: „Um Himmelswillen, du wirst dich doch 
nicht in die Frau deines eigenen Freundes verlieben! Das darf unter keinen 
Umständen sein!" Und es war nicht mehr. Er hatte die Liebe beiseite 
geschoben. Ebenso den kriminellen Gedanken, seinen Freund umzubringen, 
ihn einen Abhang hinunterzustürzen, ihn zu vergiften ... Er erkrankte 
an heftigen Angstzuständen. Er konnte aus keinem Fenster auf die 
Straße sehen, witterte überall Gift und kam vor lauter Angst nicht 
zur Ruhe. Er hatte eigentlich Angst vor den bösen Gedanken in seiner 
Brust. 

Im Anschlüsse an diese Ausführungen, die in der erwähnten Bro- 
schüre noch eingehender begründet werden, möchte ich einige Fälle solcher 
„nebenbewußten" Liebeseinstellungen anführen. Sie werden uns später in 
der Kasuistik noch wiederholt begegnen. 



Unbewußte Liebe und unbewußter Haß. ji | 

Fall Nr. 54. Herr 8. A., ein Kaufmann von 34 Jahren, sucht mich auf, 
weil ihm plötzlich ein großes Malheur passiert sei. Er sei seit zehn Jahren 
überaus glücklich verheiratet und wäre in der Ehe immer potent gewesen. 
Nun wäre er in Frankreich gewesen und habe Kriegsdienste geleistet. Er 
habe für einige Wochen Urlaub bekommen, weil er sich ausgezeichnet und das 
eiserne Kreuz erworben hatte. Die ganze Zeit über (vier Monate!) wäre er 
abstinent gewesen und habe sich außerordentlich nach seiner Frau gesehnt. 
Die erste Nacht konnte er auch den Kongressus viermal vollziehen. Die zweite 
nur einmal und die dritte sei er zum erstenmal in seinem Leben impotent 
gewesen. 

Ich vermute, daß ihm eine andere Frau gefällt, und frage vorsichtig nach 
seinen erotischen Erlebnissen im Kriege. Er erzählt, daß er in einer kleinen 
Stadt in Frankreich die Tochter einer Wirtin gefunden habe, die mit ihm 
sehr kokettierte und gar nicht spröde war. Er küßte sie sogar einige Male 
aber weiter nichts ... Er sei nicht wie seine Kollegen, die überall herum- 
scherwenzelt hätten. Mancher habe sich eine Krankheit geholt und sei mit 
Schimpf und Schande nach Hause geschickt worden. Er habe allen Ver- 
suchungen tapfer widerstanden und deshalb wundere ihn sein Mißgeschick 
doppelt. Ich hätte aber einen Freund so rasch von diesem Leiden geheilt, 
daß er gleich zu mir gekommen sei. 

Ich erkundige mich, ob er in das Mädchen verliebt sei, und bleibe hart- 
näckig bei diesem Gegenstande, obwohl er versichert, daß an der Sache nichts 
aber schon rein gar nichts gewesen wäre. „An dieser Sache bestimmt nicht." 
„Sie sagen an dieser Sache nicht. Ist vielleicht noch eine andere Sache in 
Frage, von der Sie mir nicht gesprochen haben?" 

„Allerdings. Wenn Sie schon nach einer anderen Liebe fragen, so gäbe 
es eine Frau, bei welcher das stimmen könnte." 

Nun erzählt er folgende Tatsachen. Er verkehrte den letzten Sommer 
mit einem Ehepaare, das sich gegenseitig furchtbar mit Eifersucht plagte. Er 
hatte oft zu vermitteln und zu sehlichten und die lieben Freunde, mit denen 
er sich inzwischen intim angefreundet hatte, zu versöhnen. Es war doch seine 
Pflicht, da sie jetzt alle Dutzbrüder waren. Nach einem solchen Streite nahmen 
er und seine Frau sich vor, das Ehepaar ein für allemal zu bekehren. Seine 
Frau nahm den Mann ins Gebet und er ging mit der Frau rückwärts. Es 
war im Walde. Er hängte sich in sie ein und sprach ihr zu und da merkte 
er m seinem Arger, daß er heftig sinnlich erregt war und eine so starke 
Jüreöion hatte, daß er sich schämte, weil man es sofort sehen mußte. Er 
entfernte sich unter einem Vorwande, um nicht aufzufallen, und kam erst 
zurück, bis er vollkommen beruhigt war. Das habe ihn sehr geärgert. Doch 
er kam darüber hinweg und liebte seine Frau noch viel mehr als vorher. 

Wie er in Frankreich war, hatte er oft Pollutionen. Da fiel es ihm auf, 
daß er immer von der Freundin träumte und nie von seiner Frau. Nun hatte 
ihm seine Frau mitgeteilt, daß ihre Freundin jetzt in Wien wäre, da ihr Mann 
einberufen sei. Sie komme täglich zu ihr, man dürfe doch die arme Freundin 
jetzt nicht allein lassen. Am ersten Abend sah er sie noch nicht. Aber am 
zweiten waren sie schon alle drei beisammen und am di-itten hatten sie zu- 
sammen ein Theater besucht und blieben mehr als fünf Stunden beisammen. 
Und nachher sei ihm das Malheur passiert, denn die ersten zwei Ta°-e sei 
seine Frau noch zu knapp nach der Menstruation gewesen. 

Er versteht jetzt sofort, daß er die andere Frau begehrt und gesteht, 
daß er in der kritischen Nacht noch eine Erektion hatte, als ihm die Freundin 



112 



Die Impotenz des Mannes. 



einfiel. Das war gegen Morgen und er wurde aus einem Traum geweckt, 
in dem er die Freundin entkleidet sah. Er wollte die Erektion benutzen 
und sofort zu seiner Fraa gehen. Da fiel es ihm ein, daß das sehr unmora- 
lisch, und ein Betrug wäre . . . 

Ich empfehle ihm, den Verkehr mit der Freundin abzubrechen, ehe die 
Ehe in Brüche geht. Er aber gesteht alle Tatsachen seiner Frau, die sie der 
Freundin mitteilt, wobei sie sie ersucht, nicht mein' zu ihr zu kommen. Sie scheiden 
in Freundschaft. Gewiß ein Fall von seltener Offenheit und die beste Therapie. 
Die Impotenz verschwand vollkommen. 4 W 

Wie wäre es aber gekommen, wenn der Mann nicht zu mir ge- 
kommen wäre? Es hätte sich eine schwere psychische Impotenz ausbilden 
können oder die Leidenschaft wäre übermächtig geworden und es hätte 
eine Ehetragödie mehr gegeben . . . 

Denn eine solche dem Träger nicht klar bewußte Liebe kann die 
Ursache der schwersten Störungen der Potenz werden. Beim Auftreten 
der ersten Störungen der Potenz kommt es zu den beschriebenen Er- 
scheinungen. Zuerst setzt sich der Gedanke fest: Du bist impotent. Dann 
werden für diese Erscheinung die Ursachen in der Vergangenheit gesucht. 
Man findet dann Onanie, Pollutionen und die schon besprochenen famosen 
„Exzesse in venere". 

Fall Nr. 55. Ein 46jähriger Mann, Herr P. U., konnte immer seinen ehe- 
lichen Pflichten tadellos nachkommen. Seine Potenz stand ihm immer zur Ver- 
fügung, auch wenn er nicht dazu aufgelegt war. Ein kleiner Beiz genügte, 
und er konnte seinen Mann stellen. Er ist sehr polygam veranlagt, hat ein 
großes sexuelles Bedürfnis, dem seine Frau absolut nicht genügen konnte. Er 
hatte noch immer nebenbei ein oder mehrere Verhältnisse, so daß er fast jeden 
Tag und manchmal mehrere Male täglich koitierte, wobei er sich ausgezeichnet 
befand und nie über Krankheiten oder Beschwerden zu klagen hatte. Mit 
44 Jahren passierte es ihm das erste Mal, daß er bei seiner Frau die Erektion 
nicht erzielen konnte. 

Ich will gleich erklären, wie diese Störung zustande kam. Die Frau 
hatte ihm mitgeteilt, daß sie ein Frauenleiden hätte und der Arzt ihr eine 
kleine Operation angeraten habe. Sie klagte überdies über einen unangenehmen 
Fluor. Dem Manne war es peinlich davon zu hören, aber das war ja früher 
auch der Fall gewesen und hatte ihn nicht gestört. Diesmal aber scheint ihn 
die Mitteilung doch mehr beeinflußt zu haben. Kurz er konnte nicht kodieren 
und schämte sich vor seiner Frau. Durch sein Hirn zuckte der Gedanke: Du 
wirst alt und hast dich ausgelebt. Jetzt kommt die Strafe für deine Jugend- 
sünden und dein ausschweifendes Leben. Der Krug geht so lange zum Brunnen, 
bis er bricht. . . Gleich am. Nachmittage suchte er eine Meretrix auf, um 
seine Potenz zu erproben. Er brachte nur eine jämmerliche Erektion zustande. 
Jetzt stand es bei ihm fest, daß er nun impotent geworden sei, und er suchte 
einen Arzt auf. 

Dieser konstatierte, daß die Hoden auffallend atrophisch wären und gab 
ihm innerlich „Johimbin" ; äußerlich empfahl er ihm Faradisation der Sexual- 
organe. Er wurde durch vier Wochen elektrisiert, ohne daß eine Besserung 
eingetreten wäre. 



Unbewußte Liebe und unbewußter Haß. i i a 

Dann wurde er mit dem Psychrophor geplagt, auch einige Monate ohue 
jeden Erfolg . . . 

Herr P. U. begann eine schwere seelische Krise durchzumachen. Er hatte 
nun sein „kritisches Alter", das meiner Ansicht nach immer auf solche see- 
lische Kräfte zurückzuführen ist. 1 ) Er begann sich im Spiegel zu betrachten 
und entdeckte graue Haare, er zweifelte an der Fähigkeit, den Frauen 
zu gefallen und wich allen Gelegenheiten aus, die er früher aufgesucht hatte. 
Nach verschiedenen Irrfahrten kam er nach zweijährigem Leiden auch in meine 
Ordination. * 

Ich erkundigte mich, ob er noch Morgenerektioneu hätte, was er ver- 
neinte. Er habe schon seit Monaten keine Erektion mehr gehabt. Er nehme 
jetzt Didymintabletten, die ihm ein Arzt wärmstens empfohlen habe. Nach 
allerlei Kreuz- und Querfragen kam ich auf die Vermutung, daß er eine andere 
Frau lieben müsse. 

Doch wie diese Dinge erfahren? Die Menschen belügen sich ja selbst 
und kennen ihre eigenen Geheimnisse nicht. Wieder brachte mich ein Traum 
auf die richtige Fährte. 

„Was haben Sie heute Nacht geträumt? Was träumen Sie überhaupt? 
Haben Sie sehr lebhafte Träume? Haben Sie Träume, die sich wiederholen?" 

„Ich träume sehr aufgeregt und fürchte mich schon vor dem Schlafe. Ich 
sehe immer wieder Tote und Begräbnisse." 

„Haben Sie heute Nacht auch von einem Begräbnis geträumt?" 

„Heute Nacht? Nein .... Oder doch? Warten Sie . . . jetzt fällt es 
mir ein. Ich träumte, daß meine Frau gestorben ist und ich wieder geheiratet 
habe." 

„Wen haben Sie im Traume geheiratet?" 

„Es ist einfach lächerlich! Eine Person, an die ich nicht einmal im 
Traume denke ..." 

„Offenbar haben Sie doch im Traume an sie gedacht " 

„Wer ist das?" 

„Unsere Disponontin . . ." 

„Gefällt sie Ihnen?" 

„Die? Ein häßliches, mageres, unansehnliches Geschöpf!" 

„Haben Sie sich je mit ihr beschäftigt?" 

„Da würde ich mir jemanden anderen aussuchen, Herr Doktor. Sie sind 
auf einer falschen Fährte . . . ." 

Nun, auf diese Worte ist nichts zu geben. Der Mann lügt oder er kennt 
sich nicht. Daß er seine Frau im Traume sterben läßt, weist schon darauf 
hin, daß er sie los werden möchte, um eine andere heimzuführen. Ich erkun- 
dige mich, wie lange die Störung seiner Potenz dauert. 

„Schon bald zwei Jahre ..." 

„Wie lange kennen Sie die Disponentin." 

„Etwas länger. Sie ist jetzt etwas über zwei Jahre im Geschäfte." 

„Hat sie Ihnen nicht sofort einen günstigen Eindruck gemacht?" 

„Im Vertrauen gesagt, Herr Doktor. Mit der Vorgängerin dieser Dame hatte 
ich ein Verhältnis. Sie heiratete und ich war froh, denn sie gefiel mir gar nicht 
mehr. Als die neue eintrat, fiel mir auf, daß sie so mager war. Nun, ich schwärme 
eigentlich für magere Frauen und habe das Pech, daß mir lauter starke Frauen 

') Siehe meinen Aufsatz „Das kritische Alter des Mannes" in meinem Buche 
„Nervöse Leute". Verlag Paul Kuepler, Wien. 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affoktlebons. rv. 2. Aufl. g 



114 



Die Impotenz des Mannes. 



unterkommen. Ich lerne sie als magere kennen und sie werden dann fett und 
dick. Meine Frau war so dünn wie eine Gerte und jetzt ist sie ein unförmiges 
Faß. Aufrichtig gesagt: Ich muß immer einen Ekel überwinden, wenn ich zu 
meiner Frau gehe. . ." 

„Da hat Ihnen die magere Disponenten gleich auf den ersten Blick ge- 
fallen?" 

„Eigentlich ja. ... Ich habe mir gedacht: Wirst du mit der auch 
ein Verhältnis haben wie mit der Vorgängerin ? Dann aber sagte ich mir : 
Nein, das ist unmöglich und der Gedanke war ein für alle Mal vorbei. . . ." 

Ich konnte mir schon ein Bild von dem Entstehen seiner Impotenz 
machen. Seine Frau reizte ihn wenig, sein Begehren war, ohne daß er sich 
darüber Rechenschaft geben wollte, auf die Disponentin gerichtet. Deshalb 
war er anderen Frauen gegenüber scheinbar impotent. . . Nun war durch die 
Augstvorstellung „Du bist impotent !" eine vorübergehende Störung eingetreten. 

Doch wie in einem solchen Falle die Heilung herbeiführen? Wie dem 
Manne es ermöglichen, bei seiner Frau potent zu sein? 

Ich gewann im Laufe mehrerer Unterredungen immer mehr die Über- 
zeugung, daß er seine Disponenten liebe. Dio Träume und verschiedene Hand- 
lungen zeigten das. Er kam immer sehr zeitlich ins Geschäft, während er 
sich früher häufig verspätete, war um die Gesundheit dieser Dame sehr be- 
sorgt, hatte sie eingeladen, an seinem Mittagstische teilzunehmen, weil sie sich 
im Gasthause den Magen verdorben hatte. Seine Frau war mit dem feinen 
weiblichen Instinkte, der so selten trügt, auf die Disponentin sehr eifersüchtig, 
war aber zu stolz, um es zu zeigen. Seine ganze Laune ändere sich — so 
behauptete seine Frau — , wenn die Disponentin eintrat. 
Ich riet ihm, diese Dame zu entlassen. . . 

„Das kann ich nicht. Unmöglich! Sie ist mir im Geschäfte unentbehrlich!" 
Er wurde furchtbar aufgeregt und suchte mir klar zu machen, daß das sein 
Ruin wäre. . . Die Disponentin sei ihm als „Weib" ganz gleichgültig, aber 
er brauche sie als „Arbeitskraft" im Geschäfte. . . 

Der weitere Verlauf der Begebenheiten war der folgende. Er blieb noch 
immer impotent, bis er einmal mit der Disponentin einen Ausflug machte, bei 
dem er einige Gläschen Wein zu sich nahm. Da überwand der Alkohol seine 
Hemmungen und er küßte das Mädchen und erklärto ihr seine Liebe . . . 

Nun entstand eine wahre Liebesraserei bei ihm. Seine Potenz war stärker 
als je vorher und er schien unersättlich. Er wollte sich von seiner Frau scheiden 
lassen und das Mädchen heiraten. Seine Frau aber wehrte sich dagegen, und, 
da sie drei Kinder hatten, blieb sie die Siegerin. Die Disponentin mußte aus 
dem Geschäfte, aber sie ist seine Geliebte geblieben. Nach einigen Jahren, in 
denen er ihr treu blieb, erwachten seine polygamischen Instinkte und er hatte 
neben ihr noch immer einige kleine Liebesaffären. 

Das Merkwürdige in diesem Falle ist die Störung der Potenz infolge 
Fixierung der Libido auf ein bestimmtes Objekt, ohne daß es ihm klar war, 
daß er eine andere begehrte. . . 

Solche Fälle sind außerordentlich häufig und ich kann einige sehr 
charakteristische erzählen. 

Die Psychogenese ist nicht immer so einlach und oft schwer zu 
durchblicken, weil die besten Seelenkenner in beziig auf die eigene Seele 
blind sein können. Ich habe wiederholt Gelegenheit gehabt, Analytiker zu 



Unbewußte Liebe und unbewußter Haß. 115 

behandeln und konnte mich nur immer verwundern über die Tatsache, 
daß wir alle in bezug auf die eigenen Komplexe so verblendet sein können. 
Haß und Liebe, Eifersucht und Neid werden vor dem Bewußtsein ver- 
borgen und äußern sich in parapathischen Symptomen. 

Fall Nr. 56. A. S., Arzt im Alter voa 48 Jahren, konsultiert mich wegen 
Impotenz, die seit zwei Jahren aufgetreten sei. Zuerst kam es nur hie und da 
zum plötzlichen Zusammenfallen des Gliedes, wenn es eingeführt wurde. Er 
merkte, daß sein Glied nicht die gewöhnliche Steifung und Festigkeit hatte. 
Auch war ihm vorher nie passiert, daß sein Glied während des Koitus zu- 
sammenfiel. Er glaubte nun, es wäre die Zeit der Impotenz gekommen und 
sagte sich: „Nun, du hast genug gelebt! Jetzt hast du dein Pulver verschossen!" 
Er versuchte allerlei interne Mittel, nahm verschiedene organotherapeutische 
Präparate, Testogan und Tabloid Testis, ließ sich Spermininjcktionen maehen. 
Alles ohne Erfolg. Er schaffte sich einen künstlichen Phallus an und wußte 
seine Frau so zu täuschen, daß sie nichts merkte und über seine erwachte 
Potenz sehr erfreut war. Da sie getrennte Schlafzimmer hatten, war ihm diese 
Täuschung möglich, um so mehr, als seine Frau in Sexualibus sehr keusch und 
zurückhaltend war und es nie vermochte, ihn unten zu berühren. Er war ein 
leidenschaftlicher Musiker. Unter seinen Patientinnen befand sich eine Dame, 
mit der er seit Jahren häufig musizierte. Einmal spielten sie eine Sonate von 
Beethoven und waren beide sehr erregt. In dieser Erregung fiel ihm die schöne 
junge Frau um den Hals und küßte ihn leidenschaftlich. Er reagierte sofort mit 
einer heftigen Erektion. Sofort war es ihm klar, daß er diese Frau leiden- 
schaftlich liebte und seit zwei Jahren liebte, ohne daß er sich darüber Rechen- 
schaft zu geben wagte. Das Bild der schönen Frau hatte die Reize seiner 
Gattin vollkommen entwertet. 

Es gehört ein großer Scharfsinn und psychologisches Talent dazu 
um in den einzelnen Fällen die Quelle der Störung ausfindig zu machen. 

Fall Nr. 57. Herr T. Z. ist jetzt 56 Jahre alt, hat das dritte Mal ge- 
heiratet. Er ist seit 11 Monaten verheiratet und in der Ehe vollkommen im- 
potent. Er sendet mir eine ausführliche interessante Krankengeschichte und 
fragt an, ob noch Heilung möglich wäre. Da er noch hie und da Morgen- 
erektionen hat — wenn aueh sehr selten und nicht sehr stark — , so gebe 
ich die Möglichkeit einer Heilung zu. Er kommt für 14 Tage in meine Be- 
handlung, die sich in Ischl nur auf morgendlichen Spaziergängen abspielte. 

Aus der Anamnese möchte ich hervorheben: Er ist jetzt mehrfacher 
Großvater, Vater von 11 Kindern, und sieben Enkeln. . .' Seine Sexualgc- 
schichteist außerordentlich interessant und zeigt uns einen frommen Menschen 
aus frommer Familie im Kampfe gegen seine Sexualität, die sich schon in 
den ersten Kiuderjahren sehr stürmisch äußerte. Der Patient onanierte schon 
als kleines Kind und hatte eine lange Reihe von erotischen Erlebnissen. Er 
begann sehr früh (mit 13 Jahren) mit Dienstmädchen zu verkehren, hatte aber 
Perioden tiefer Reue, in denen er versuchte, keusch zu sein und die sexuellen 
Triebe zu unterdrücken. Er heiratete sehr früh und hatte bei seiner ersten 
Frau eine Impotenzperiode von drei Wochen durchzumachen. Diese Impotenz- 
periode giug auf die Vorstellung zurück: „So ein Schwein verdient nicht ein 
so reines Weib. Du darfst sie nicht beflecken". . . . Bald war die Störung 
behoben und der Geschlechtsakt ging ohne Störung vor sich, die Potenz war 

8* 



116 



Die Impotenz des Mannes. 



eine ausgezeichnete. Nach dorn Tode der ersten Frau, der nach fünfjähriger Ehe 
erfolgte, onanierte er wieder und gewöhnte sich den Verkehr mit Dirnen an. 
Nach drei Jahren heiratete er ein zweites Mal. Diesmal dauerte die Impotenz- 
periode 6 Wochen, um daun wieder spurlos zu verschwinden. Im 50. Le- 
bensjahre wird er wieder Witwer. In den letzten zwei Jahren vor der Heirat 
versuchte er sich den Verkehr mit den Dirnen abzugewöhnen, bei denen er 
zeitweise impotent war. (Diese Impotenz geht auf die Hemmungsvorstellung 
zurück: So ein alter Mann, der schon Großvater ist, sollte sich schämen, solche 
Dinge anzustellen! . . .) Nun lernte er auf einer Reise ein sehr feines älteres 
Mädchen kennen, in das er sich verliebte und das er im Einverständnisse mit 
der ganzen Familie heiratete. . . 

Die junge Frau hatte ein sehr typisches Schicksal. Um sie bewarben sich 
viele junge Männer, welche sie einen nach dem anderen abwies, weil sie ihr zu 
sinnlich waren und sie eine reine Ehe führen wollte. Deshalb nahm sie die 
Werbung des hochintelligenten älteren Mannes an, der ihr offenbar auch den 
Vater ersetzen sollte. Leider merkte der Mann, daß seine junge Frau nervös 
wurde und auf die Erfüllung ihrer geheimen Wünsche wartete. Sie sprach wohl 
nichts darüber und wenn der Mann über seine Impotenz klagte, so mointe 
sie, er solle sich nichts daraus machen, es läge ihr nichts an diesen Dingen, 
es sei ihr sogar so lieber. . . Aber er merkte deutlich, daß ihr etwas fehlte und 
hie und da kam eine Bemerkung, die darauf schließen ließ, daß sie sich nach 
einem Kinde sehnte. Er hatte wohl manchmal eine Andeutung einer Erektion, 
ein Gefühl, als ob er eine Erektion erzielen könnte, aber wie er sich seiner 
Frau näherte, wurde er gefühllos wie ein Stein und seine ganze Sinnlichkeit 
verschwand. 

In der Psychanalyse kam erst eine große, tiefe Neigung zu seiner Frau 
zutage. Er konnte ihre Bescheidenheit, ihre Tugenden, ihr Zartgefühl, ihre 
Nettigkeit nicht genug preisen. Als eine der Wurzeln seiner Impotenz kam 
ein Schuldgefühl hervor, das sich von der Jugend an durch sein ganzes Leben 
zog. Er hatte allerlei auf seinem Gewissen, war ein frommer Klerikaler und 
dabei ein äußerst sinnlicher Mensch, so daß ein geheimer Imperativ verständ- 
lich wurde, der da lautete: Du verdienst eine solche Frau nicht! Es war die 
Strafe Gottes, die er sich selbst diktierte 1 ), um sich für seine Laster am 
empfindlichsten zu bestrafen. Allein diese Erklärung schien mir die Parapathie 
nicht restlos aufzulösen. Denn derartige Perioden hatte er ja schon zweimal 
im Leben mitgemacht und immer wieder hatte sein Instinkt über die Hem- 
mungen gesiegt. Es mußte dieses Mal die Hemmung durch ein anderes Moment 
bedeutend verstärkt worden sein. Es hieß dieses Moment suchen. . . 

Wir fanden allerlei Paraphilien, verschiedene Ablenkungen und Ab- 
biegungen der Libido, aber nicht die tiefste Wurzel der Störung. Am vier- 
zehnten Tage der Behandlung brachte mich ein Traum auf die größte Hem- 
mung. Das Traumbild lautete: 

Ich kam spät abends nach Hause und wollto meine Frau sprechen. 
Die Wirtschafterin sagte, meine Frau wäre ausgegangen und käme nicht 
mehr zurück. Sie zeigte ein schadenfrohes Gesicht und wollte mich trösten. 

Ich schloß aus diesem Traume, daß die Wirtschafterin zu der Störung 
der Potenz eine Beziehung haben müßte und fragte darnach, wie er zu der- 
selben stünde. Er antwortete erst ausweichend, die Wirtschafterin hätte gar 



') Vergl. das Kapitel Talion in „Das liebe Ich" (Otto Salle-Berlin). 



Unbewußte Liebe und unbewußter Haß. 117 

nichts mit seinem Leiden zu tun, sie wäre ihm ganz gleichgültig. Ich merkte 
aber, daß diese Angaben nicht der Wahrheit entsprachen. Der Patient ver- 
sprach sich einige Male und sagte: Sie ist ganz unschuldig und ich habe 
mit ihr eine Beziehung . . . pardon ich wollte sagen, ich habe zu ihr keine 
Beziehung. . . 

Dann gestand er freimütig: „Ich stehe schon zwei Jahre zu diesem 
Mädchen in Beziehungen. Es handelt sich um ein 2G jähriges sehr schönes, 
blühendes Geschöpf, zu dem ich eine tiefe Neigung gefaßt habe. Diese Neigung 
wurde von dem Mädchen erwidert. Es kam so weit, daß wir im Bette lagen 
und allerlei trieben. Dabei hatte ich die stärksten Erektionen. Aber ich wollte 
die brave, hochanständige Person nicht ihrer Unschuld berauben, sie hätte dies 
auch nicht zugegeben. Sie war kein gewöhnliches Mädchen. Sie hatte Herzens- 
eigenschaften, die mehr wert sind als die größte Bildung. Übrigens war sie 
nicht ungebildet ..." 

„Wollten Sie das Mädchen nicht heiraten?" 

„Freilich wollte ich das. Aber ich schämte mich vor meinen Kindern 
und ineinen Enkeln. Was hätten die gesagt, wenn ich meine Wirtschafterin 
zum Altar geführt hätte?!* 

„Was sagte das Mädchen dazu?" 

„Sie meinte, sie wüßte, daß ich f(ir sie zu hoch stünde und überließ mir 
vollkommen die Entscheidung. Ich aber zog es vor, eine größere Reise nach 
Deutschland zu machen, um das Mädchen zu vergessen, das ich mehr liebte 
und begehrte als je ein Wesen in der Welt." 

„Auf dieser Reise lernten sie Ihre jetzige Frau kennen?" 

„Stimmt. Ich war mit meiner Tochter und meinem Schwiegersohne zu- 
sammen, da trafen wir sie auf einer Wanderung in Tirol mehrere Male zu- 
fällig in den gleichen Hotels. Sie gefiel uns allen sehr gut. Wir trafen uns auch 
auf dem Gipfel eines Berges. Als der Zufall uns auf dieser Reise wieder einige 
Male zusammenbrachte, faßte ich das als einen Fingerzeig Gottes auf. Ich ver- 
sprach der Dame, sie in ihrer Vaterstadt zu besuchen. Das führten wir (ich 
und meine Tochter) auch aus. Ich sprach ihr von meinen ernsten Absichten 
und meine Tochter lud sie ein, uns in Rußland auf dem Lande zu besuchen. 
Sie kam auch mit ihrer Schwester und gefiel meiner ganzen Familie. Auch 
sie fand Gefallen an uns und willigte bald ein, meine Frau zu werden." 

„Und was sagte das Dienstmädchen dazu?" 

„Die ist ein so feines Wesen, daß sie mich in diesem Entschlüsse unter- 
stützte. Sie bat mich nur um die Erlaubnis, bei mir ferner dienen zu dürfen. Sie 
sehe es ein, daß ich eine Frau aus anderen Kreisen brauche. Mir war es sehr 
angenehm, daß sie blieb, denn meine Frau kannte sich in unserem Lande gar 
nicht aus. Das Mädchen gewann meine Frau sehr lieb und unterstützte sie in 
jeglicher Weise ..." 

Nun war die größte Hemmung klar. Dieser Patient liebte ja sein Dienst- 
mädchen ebenso glühend wie vorher. Er hatte sich zu einer anderen Liebe 
gezwungen. Diese andere Liebe war nur eine Gedankenliebe . . . aber das 
Mädchen, das war eine Instiuktliebe. Das Mädchen begehrte er immer, weil 
es sich ihm ja nicht hingegeben hat. Solche unerfüllte Wünsche sind die Ur- 
sache zahlloser Störungen und solche Wünsche sterben eigentlich niemals . . . 
Wenn er zu seiner Frau ging, schwebte ihm unbewußt das Bild des Mädchens 
vor, das viel schöner und begehrenswerter war als seine Gattin. Das muß nicht 
immer der Fall sein. Denn ich sah Männer, die sehr schöne Frauen hatten, 
impotent werden, weil sie eine andere häßliche Frau begehrten. Der Sexual- 



118 



Die Impotenz des Mannes. 



geschniack ist sehr verschieden und wechselt; infolge dessen schwankt, das 
Schönheitsideal des Individuums. Kurz, diesem Kranken erschien das Mädchen 
viel schöner und begehrenswerter. Der große Rechenfehler bei ihm war, daß 
er das Mädchen im Hause behalten hatte. Denn immer schwebte ihm ihr Bild 
vor und der tägliche Anblick des schönen Geschöpfes mußte ihn täglich wieder 
von der Frau ablenken. 

Ich machte dem Manne klar, daß seine Potenz erst zurückkehren würde, 
wenn er das Mädchen aus dem Hause geben würde. Darauf erhielt ich eine 
Antwort, die für diese Art Menschen sehr charakteristisch ist und uns beweist 
wie trügerisch die Selbsterkenntnis der intelligentesten Männer sein kann, 
wenn sie von den Angelegenheiten ihres Herzens sprechen. 

„Das Mädchen ist mir ganz gleichgültig. Ich denke nicht mehr an das- 
selbe. Ich liebe und begehre nur meine Frau." 

„Das glauben Sie nur, weil Sie die Wahrheit nicht sehen wollen. Ich 
bestehe aber darauf, daß Sie das Mädchen aus dem Hause geben, wenn Sie 
gesund sein wollen." 

„Das ist unmöglich!* 

„Warum unmöglich?" (Man erhält immer diese Antwort, welche die Liebe 
verrät. Es werden nun eine Reihe von Rationalisierungen dieser Unmöglichkeit 
vorgebracht. In Wahrheit heißt es, es ist unmöglich, weil icli ohne sie nicht 
leben kann.) 

..Es ist unmöglich, weil . . . wir sie zu den Kindern brauchen . . . Ich 
habe von der zweiten Frau noch zwei jüngere Kinder, welche die Wirtschafterin 
erzieht. Meine Frau kann sie nicht entbehren, weil sie sie in alles einweiht 
und in der Wirtschaft unterstützt. Überdies ist sie eine Perle und wir bekommen 
ein solches Mädchen nicht wieder." 

„Aber sehen Sie das nicht ein, daß Sie das Mädchen weggeben müssen, 
wenn es Ihnen ernst ist um Ihre Ehe? Da lebt in Ihrem Hause ein Wesen, 
das Sie einmal so heiß begehrton, das Sie heiraten wollten, mit dem sie Monate 
lang jede Nacht im Bette lagen, mit dem Sie so intim waren, . . . uud da 
wollen Sie, der fromme religiöse Mann, ungehemmt mit ihrer Frau verkehren 
können? Und haben Sie nicht daran gedacht, was das Mädchen leiden muß? 
Daß es wahrscheinlich ein wahres Martyrium durchmacht ....?" 

„Nein, sie erträgt es sehr geduldig. Sie tröstet mich auch und meint, 
ich solle nur Geduld haben, es wird schon besser werden . . ." 

„Was, Sie sprechen mit dem Mädchen über Ihre Impotenz?" 

„Warum denn nicht? Wir waren ja einmal so vertraut?!" 

„Wissen Sie, was das heißt? Sie sagen ihr immer wieder aufs neue: Ich 
bin dir treu, ich liebe nur dich, ich kann die andere nicht lieben. Nein . . . 
Sie müssen das Mädchen aus dem Hause geben, wenn sie wirklich gesund 
werden wollen." 

Der Patient kämpfte noch eine Weile mit allerlei Scheinargumenten. Am 
nächsten Tage kam er ganz reuig zu mir. Er hätte genau nachgedacht, es 
wäre alles, wie ich es ausgeführt hatte. Er wolle das Mädchen aus dem Hause 
geben, aber erst nach einigen Monaten, er müsse nur einen Vorwand suchen 
und es dem Mädcheu klar machen , daß es das Haus verlassen müsse . . . 

Damit war die Behandlung zu Ende. Nach ungefähr drei Monaten erhielt 
ich ein Schreiben, das mich von den Vorgängen im Hause benachrichtigte. Das 
Mädchen hatte sich dareingefunden, das Haus zu verlassen. Er habe ihm eine 
größere Summe Geldes gegeben, so daß es sich einen besseren Beruf wählen 
könnte. Zwei Wochen nachdem es das Haus verlassen hatte, gelang der erste 



Unbewußte Liebe und unbewußter Haß. ]J9 

Koitus. Die Frau war ganz anästhetisch. Ein weiterer Brief teilte mir mit, daß 
die Anästhesie der Frau geschwunden, auch daß sie bereits gravid wäre . . . 

Man verabsäume in keinem Falle von Impotenz, die bei einem ver- 
heirateten Manne im höheren Alter auftritt, nach einer geheimen Liebe 
zu forschen. Das Dienstmädchen ist ein beliebtes Objekt bei solchen 
Männern, deren Frau alle Reize verloren hat und die sich jedoch vor 
jeder Frauengesellschaft scheu zurückziehen. Das Dienstmädchen wird 
nicht als Frau gewertet, die Neigung wird sich nie eingestanden. Es 
kommt zu allerlei nervösen Störungen, Zwangshandlungen usw. 

Fall Nr. 58. Herr Dr. N. G., ein praktischer Arzt, 53 Jahre alt, klagt 
über Impotenz seit einigen Monaten und Auftreten von Zwangshandlungen 
sonderbarer Art. Er hat keine Kinder und lebt schon 2G Jahro mit seiner 
Frau in glücklichster Ehe. Er war aber sehr polygam veranlagt und brauchte 
neben seiner Frau noch immer verschiedene andere Frauenzimmer. Seit vier 
Jahren sei er seiner Frau vollkommen treu. Er habe sich vorgenommen, dem 
sündigen Leben ein Ende zu machen und nur seine ehelichen Pflichten zu er- 
füllen. Nun sei er seit einem halben Jahre impotent, was er auf sein Alter 
zurückführe. Aber er habe die unangenehmsten Zwangsvorstellungen. Er sei 
plötzlich eifersüchtig auf seine alte Frau geworden, obwohl sie ihm gar keinen 
Anlaß zur Eifersucht gebe. Er sei auf einem Spaziergange, plötzlich falle es 
ihm ein, daß seine Frau zu Hause etwas Verbotenes machen müsse, er eile mit 
Herzklopfen nach Hause, sei aufgeregt und könne sich kaum beruhigen. Auch 
in der Praxis und bei Patienten passiere ihm dasselbe, so daß er keine Ruhe 
fände, wenn seine Frau nicht immer um ihn sei. Sie müsse ihn zu allen 
Patienten begleiten, nachts halte er ihre Hände fest und wenn er sie loslasse, 
quäle ihn ein unerträgliches Angstgefühl. Als Hauptursache seiner Impotenz 
gibt er folgende merkwürdige Tatsache an: Ich konnte eine Zeitlang mit meiner 
Frau nicht verkehren, weil die Köchin nebenan schläft und jedes Geräusch 
gehört hätte. 

„Können Sie das Dienstmädchen nicht in ein anderes Zimmer legen?" 
„Nein! Unsere Wohnung ist so beschaffen, daß es nicht anders geht. 
Vorher schlief sie in der Küche. Das ist aber höchst unhygienisch. Da machte 
ich meiner Frau den Vorschlag, sie neben unserem Schlafzimmer in einem 
kleinen Kabinette schlafen zu lassen. Seit damals hatte ich eine Hemmung, 
wenn ich zu meiner Frau ging. Ich dachte immer, das Mädchen höre alle 
Geräusche und werde dadurch verdorben, am Ende noch auf Abwege ge- 
bracht." 

Solche Schleichwege liebt das menschliche Gewissen. Er gesteht es sich 
nicht ein, daß er immer an das junge Dienstmädchen denken muß, wenn er 
zu der älteren Frau geht. Aber er findet einen Umweg, um doch immer an 
das Dienstmädchen zu denken und sich doch darüber keine Vorwürfe machen 
zu müssen. Dabei zeigt sich die Handlung, das Dienstmädchen neben seinem 
Zimmer einzuquartieren, als mehrfach determiniert. Sie ist ein Kompromiß aus 
zwei Strömungen. Er möchte das begehrte Wesen recht nahe bei sich haben . . . 
und er fürchtet sie in der Küche schlafen zu lassen, da er sonst seiner nicht 
sicher ist. Er bedarf eines Wächters seiner Tugend, den seine Frau besorgen 
muß. Deshalb muß er sie immer um sich haben. Er muß sieh schützen! Die 
Eifersucht auf seine Frau hat auch mehrere Motive. Sie ist die Projektion 



120 



Die Impotenz des Mannes. 



eigener Unzulänglichkeiten auf den Zweiten ] ) und zugleich der Ausdruck einer 
Revanchephantasie. Wie häufig hört man Frauen sagen: Wenn ich meinen 
Mann auf einer Untreue ertappe, so werde ich mich sofort revanchieren. Das 
heißt mit anderen Worten: Hinter seiner Eifersucht steckt auch ein leiser 
Wunsch, die Frau möge ihn durch die eigene Untreue der Verpflichtung der 
Treue entheben. 

Er gesteht aber ein, daß seine Eifersucht sich auch auf den Hund und 
auf die Freunde erstreckt. Und zwar erst in letzter Zeit. Dahinter verbirgt 
sich auch ein merkwürdiger Mechanismus, den ich die „Maskierung durch 
Verallgemeinerung" („Die Auflösung in das Große") genannt habe. Jemand 
haßt eine bestimmte Person. Er will sich den Haß gegen diese Person nicht 
eingestehen. Er beginnt alle Menschen zu hassen, oder alle Verwandten dieser 
Person. Ist die Person eine Tschechin, so kann er fanatischer Tschechenfeind 
werden. Es ist dies die Vergrößerung des individuellen Konfliktes ins Soziale. 
Auch die Eifersucht unseres Kranken auf seine Frau und seine Freunde dient 
nur dazu, die Eifersucht auf das Dienstmädchen zu verdecken. Denn sie 
bezieht sich eigentlich nur auf das Dienstmädchen und dieser Quelle entspringen 
die mächtigsten Affekte. Er ist unglücklich, wenn es jeden zweiten Sonntag 
Ausgang hat. Das sind seine schlechtesten Tage ... Er hat wiederholt Briefe 
aufgemacht, die an das Mädchen gerichtet waren, angeblich aus Zerstreutheit, 
in Wirklichkeit aus Eifersucht. 

Wieder spielt sich die gleiche Szene ab, die wir vom vorherigen Falle 
schon kennen. 

„Was soll ich machen, Herr Kollega?" 

„Suchen Sie irgend einen Vorwand, um das Dienstmädchen zu entlassen." 

„Das ist 



n 



Warum 



unmöglich!" (Er wechselt die Farbe und wird ganz blaß.) 
unmöglich? Können S.e nicht einen Streit provozieren ( 



provozieren oder 
der Köchin sagen, daß sie weggehen soll, weil Sie ihnen zu gut gefällt?" 

„Nein! Das ist unmöglich! Das würde meiner Frau auffallen. Außerdem 
ist es so schwer, heutzutage ein gutes Dienstmädchen zu finden. . . . Nein 
Sie müssen einen anderen Ausweg finden." 

Ich riet dem Kollegen, das Dienstmädchen wieder in ihrem Verschlage 
neben der Küche schlafen zu lassen. Der Erfolg war ein sehr prompter. So- 
fort traten in dieser Nacht heftige Erektionen auf und der Drang zu dem 
Mädchen zu gehen! ... Er kam ganz verzweifelt zu mir und doch glück- 
lich, daß der beschämende Zustand der Impotenz vorüber war. Denn er hatte 
die Erektion benützt um seiner Frau beizuschlafeu. Allerdings trat der Or- 
gasmus erst ein, als er sich das Mädchen vorstellte. Nun wollte er um jeden 
Preis Genesung haben und sagte mir: 

„Ich weiß den einzigen Ausweg. Ich schicke Ihnen meine Frau und Sie 
erklären ihr, daß das Mädchen aus dem Haute kommen müsse." Ich sträubte 
mich eine Weile, mußte aber schließlich den Bitten des Kollegen nachgeben. 

Seine Frau erschien und ich teilte ihr schonend den wahren Tat- 
bestand mit. 

„Sie sagen mir keine Neuigkeit! Ich habe dem Mädchen schon vor einer 
Woche gekündigt, denn es ist mir schon lange aufgefallen, daß der Blick 
meines Mannes sich veränderte, wenn das Mädchen ins Zimmer kam. Auch 



') Siehe Kapitel „Eifersucht" inmeiuem Buche .Was im Grund der Seele ruht" . . . 
Verlag Wallishausser, Wien, II. Aufl., 1920. 



Unbewußte Liebe und unbewußter Haß. 121 

sprach er fortwährend von ihr, ich wußte das schon lange, ehe mein Mann 
zu Ihnen kam." 

Das Mädchen wurde entlassen. Der unglückliche Kollege machte einige 
Wochen eine schwere Depression durch, hatte Selbstmordgedanken usw. Er 
war ein Arzt, der sich von seiner Praxis zurückgezogen hatte und nun sein 
Leben in Ruhe in der Großstadt beenden wollte. Ich riet ihm wieder eine 
intensive Beschäftigung an. Er trat als Hilfsarzt in ein öffentliches Institut 
ein , begann wieder Vorlesungen zu besuchen , studierte fleißig zu Hause. 
Seine Ehe wurde wieder glücklich, seine Potenz tadellos. Ob die Besse- 
rung angehalten hat, weiß ich nicht. Ich habe ihn aus den Augen ver- 
loren. 

Nicht allein die ,, nebenbewußte Liehe", sondern auch der nebenbe- 
wußte Haß kann die Ursache einer plötzlich oder allmählich auftretenden 
Impotenz sein. Alle die Momente, die ich im vorigen Band als „Kampf 
der Geschlechter" geschildert habe, und die bei der Psychogenese der 
Dyspareunie so schwer ins Gewicht fallen, kommen auch bei der Psycho- 
genese der Impotenz in Betracht. Besonders die in der Ehe auftretende 
Impotenz kann die Folge einer Haßeinstellung gegen die Ehefrau sein. Diese 
Ilaßeinstellung wird vor dem Bewußtsein verborgen gehalten und maskiert 
sich durch eine übertriebene Zärtlichkeit, zu der dann die physische Im- 
potenz grell kontrastiert. Frauen, die an ihrem Manne immer etwas zu 
tadeln haben, die ihre geistige Überlegenheit zu offenkundig an den Tag 
legen, sich über ihren Mann lustig machen, oder seine beruflichen Leistungen 
nicht anerkennen, Frauen, die ihre Familie herausstreichen und die Ange- 
hörigen ihres Mannes herabsetzen, kommen oft in die Lage dieses Vor- 
gehen mit der Impotenz des Mannes zu bezahlen. Die Impotenz entspricht 
dann dem Bedürfnis sie zu strafen, sie stellt eine Art ..passiver Resistenz 
in der Ehe" dar. Oft geht diese Impotenz den Dissonanzen und Streitig- 
keiten voraus und der Zusammenbruch der Ehe oder des Liebesverhält- 
nisses wird dann auf die Impotenz geschoben, während die Impotenz schon 
das erste Symptom des Zusammenbruches bedeutete. Auch uneingestandene 
Eifersucht, die viel häufiger vorkommt, als es die Menschen ahnen, kann 
sich durch eine verringerte Potenz äußern. 

Der nächste Fall bringt uns ein solches Beispiel: 

Fall Nr. 59. Herr T. G., Schriftsteller, 36 Jahre alt, vollkommen gesund, 
merkte seit einigen Monaten eine unangenehm empfundene Abnahme seiner 
Potenz. Während er vorher fast jede Nacht mit seiner Frau verkehren konnte, 
stellen sich jetzt Perioden absoluter Gleichgültigkeit ein, die Wochen dauern 
können. Meist kommt es nur zu einer halben Erektion, oft fällt das Glied 
zusammen, wenn er es einführen will. Das ist ihm um so rätselhafter, weil er 
jetzt seine Frau inniger liebt als je vorher. Er könne sich ein Leben ohne 
diese Frau nicht denken und fürchtet, daß er jetzt für seine Jugendsünden 
(Onanie und Exzesse) büßen müsse. 

Auf die Frage nach seinen Träumen wird er ganz verlegen und gesteht 
endlich : „Ich weiß nicht, wieso das kommt. Ich träume oft, daß meine Frau 



122 



Die Impotenz des Mannes. 



stirbt und daß icii dann ganz untröstlich bin. Ich pflege im Traume dann so 
heftig zu weinen, daß meine Frau mich aufweckt." 

Schließlich gesteht er, daß er eine Szene aus dem Othello geträumt habe 
in der eine Frau ermordet wurde, welche seiner Frau sehr ahnlich war. Er 
sei aber gar nicht eifersüchtig und könne sich diesen Traum gar nicht erklären. 

Nach einigen Wochen einer schwierigen Analyse kommt folgender Tat- 
bestand zum Vorschein. Er hatte gerade ein Drama verfaßt und war auf das 
Urteil seiner Frau sehr gespannt, Sie war nicht so enthusiastisch wie bei seineu 
früheren Arbeiten. Ein verheirateter Freund, der bei der Vorlesung anwesend 



wai 



hatte manches zu tadeln. Es verstimmte ihn, daß seine Frau dem Freunde 
beistimmte. Er beharrte darauf, daß dieses Stück seine beste Arbeit sei und reichte 
es bei einem Theater ein, das schon mehrere Werke aus seiner Feder mit Erfolg 
aufgeführt hatte. Das Stück wurde ihm zurückgegeben und in dem Antwort- 
schreiben wurde nebst den üblichen Lobesworten auch auf Besetzung«- und Re- 
pertoireschwierigkeiten hingewiesen, welche es der Direktion leider unmöglich 
machten, das wertvolle Stück zur Aufführung zu bringen. Er freute sich, daß 
der Wert seines Stückes anerkannt wurde, während seine Frau auf die Fehler 
der Arbeit aufmerksam machte und ihm riet, dem Kate seines Freundes zu 
folgen und das Stück umzuarbeiten. Das Unglück wollte es, daß ein Roman 
seines Freundes großen Erfolg hatte und seiner Frau außerordentlich gefiel 
Von dieser Zeit an glaubte er sich weniger geliebt. Es bildete sich eine Haß- 
einstellung gegen seine Frau aus, die er sich nicht gestehen wollte. Im Gegen- 
teil! Er lobte sie über alle Maßen und machte sich an die Umarbeitung des 
Stuckes, die aber nicht recht aus der Feder fließen wollte. Er suchte Zwist 
mit seinem Freunde, stellte die Besuche bei ihm ein, wurde gereizt, wenn auf 
ihn die Rede kam. Er wollte sich auch die Eifersucht und den Neid auf den 
Freund nicht eingestehen. Aber er lernte sich erkennen. 

Nach der Analyse rasche Heilung der vorübergehenden Impotenz. 

Es kommt vor, daß Männer eine Frau heiraten sollen, mit der sie 
schon längere Zeit ein intimes Verhältnis haben. Sie erfüllen ihre Pflicht 
und führen sie zum Traualtare, aber innerlich sträubt sich eine Kraft gegen 
diese Vergewaltigung des Ich und sie weiden vor der Hochzeit oder in 
der sogenannten ..legalen Brautnacht" impotent. Oft benützen sie diese 
Impotenz, um der Ehe und ihrem Zwange zu entgehen. Auch in dieser 
Impotenz müssen wir den Ausdruck negativer Tendenzen sehen, welche 
ja jede Liebe begleiten. Das Gesetz der Bipolarität bedingt es, daß jeder 
Liebe eine bipolare Komponente des Hasses eigen ist. Der erste Ausdruck 
des Hasses kann eine temporäre Impotenz sein. (Bei Sadisten ist es oft 
umgekehrt. Sie werden im Hasse potent und manche Impotenz hat durch 
das Auflodern des Hasses ein rasches Ende gefunden.) 

Tiefe Einblicke in die Psychogenese einer Haßimpotenz gewährt uns 
die nächste Beobachtung: 

Fall Nr. 60. Herr I. W., ein Mann von 49 Jahren, glaubt, daß er infolge 
des Alters und einer schweren Purapathie impotent geworden. Es sind schon acht 
Monate, daß er mit seiner Frau nicht verkehren kann. Er hat vergeblich alle 
möglichen Kuren mitgemacht. Die Potenz ist dahin, so daß er schon' ganz re- 
signiert ist und in dieser Hinsicht auch keine Besserung von meiner Behandlung 



Unbewußte Liebe uud unbewußter Haß. 



123 



erwartet. Er leidet an einer bestimmten Vorstellung, die ihm das Leben zur 
Qual macht. Er glaubt, er werde plötzlich auf der Gasse zusammenfallen und 
ohne jegliche Vorbereitung sterben. Die Anfälle gehen, wie er glaubt, ohne 
jede Veranlassung vor sich. Plötzlich fühlt er, wie ihm die Hose zu enge wird ; 
das Gefühl der Spannung wird unerträglich; er verliert den Atem und der 
Puls beginnt zu jagen. Jetzt sagt er sich: Nun wirst du storben. In diesem 
Momente wird ihm die Hand kalt, es erkalten die Beine, ein kalter Schweiß 
bricht im Gesichte aus, er beginnt zu zittern und verliert die Besinnung. Er 
muß dann erbrechen oder er beginnt fortwährend aufzustoßen. Der Zustand 
dauert oft mehrere Stunden und ist äußerst qualvoll. 

Um sich vor diesen Anfällen zu schützen, trägt er ein Buch bei sich, das 
die Aussprüche von 21 Ärzten uud sechs Professoren über sein Leben enthält. 
Über manche Ärzte ist er wütend, weil sie gesagt haben : „Jeder Mensch muß 
einmal sterben. Denken Sie daran!" Er will aber nicht an den Tod denken. 
Er liest keine Zeitung, weil darin Todesanzeigen vorkommen und weil von 
Unglücksfällen berichtet wird. Hört er, einen Bekannten habe der Herzschlag 
getroffen, so ist er unglücklich, weil er dann einige Tage seine Anfälle hat. 
Auf der Elektrischen und immer, wenn er nicht in seinem Berufe beschäftigt 
ist, liest er sein Trostbüchlein, das er eigentlich schon längst auswendig kann. 

Dies Büchlein ist wohl die merkwürdigste Lektüre, die sich ein Arzt 
leisten kann. Es besteht aus lauter guten Sprüchlein und Versicherungen. Zitieren 
wir nur einige Zeilen des Talismans, der leider seine Wirkung verloren hat, 
obgleich jeden Monat neue Mitarbeiter aufgenommen wurden: 

„Dr. B. hat dir gesagt: Du hast ein eisernes Herz. Solche Menschen 
werden hundert Jahre alt. Dr. B. ist ein berühmter Arzt. Er wird doch keinen 
Unsinn schwatzen. Dr. B. meinte auch die Lunge sei normal und ich hätte 
gar keine Veranlagung zu einem plötzlichen Tod. Dr. B. ist eine Autorität. 
Du mußt Dr. B. unbedingt Glauben schenken. . . . Dann denke an deinen Onkel 
Heinrich. Er ist fett und wiegt über hundert Kilo. Dabei ist er schon 70 Jahre 
alt. Er fürchtet sich nicht vor einem Herzschlag und raucht täglich fünf Vir- 
ginia. Du rauchst nur 10 Zigaretten im Tag, die dir alle Doktoren gestattet 
haben. . . . Denke an Tante Hermine. Sie ist zuckerkrank und hat schon Azeton 
gehabt und ist 65 Jahre und lebt noch immer. Denke an Herrn Schrenzel, an 
Herrn Meier, an Herrn Wögerer. Sie sind alle über sechzig Jahre und fürchten 
nicht. . . . Und was hat dir Professor Heitier gesagt? Dein Herz ist pumperl- 
gesund. Ein pumperlgesundes Herz kann doch nicht plötzlich versagen! Dr. N. 
hat dich eine Stunde lang untersucht — allerdings hat er sich dann 20 Kronen 
zahlen lassen — aber es war das Geld wert. Was sagte er? Ein so gesundes 
Herz habe ich überhaupt noch nicht gefunden. Sie werden über hundert Jahre 
alt werden! Bei Dr. F. hast du eine Wasserkur durchgemacht und er hat täglich 
dein Herz untersucht. Sie haben laute reine klappende Töne! Lauter reine 
klappende Töne! Also du Esel, was fürchtest du dich? Du bist der dümmste 
Mensch, den die Welt gesehen hat. Esel! Esel! Esel! Dr. N. hat deinen Urin 
untersucht. Dr. G. hat dein Herz mit Röntgenstrahlen untersucht. Fünfzig Kronen 
hat das gekostet. Aber es war das Geld wert — ! — Alle — alle — alle 
haben nichts bei dir gefunden. Dr. X. hat gesagt, dein Herz ist so normal, daß 
man es als Musterherz ausstellen könnte. Also was fürchtest du? . . ." 

In diesem Tone geht das Buch weiter, so daß er einige Stunden darin 
lesen kann. Trotzdem wird der Zustand nicht besser. Patient ist ein typischer 
Fall von Aerophagie. Er ist ein Luftesser und pumpt sich die Luft fort- 
während ein und aus. Er bläst wie eine Dampfmaschine und bei der nächsten 



124 



Die Impotenz des Mannes. 



Sdlr ^^^ ^ nmi Zi6ht SiCh diG fli '" Sehie ^ m P tome notwendige 
Nun zur Psychogenese seiner Impotenz. Er hat nur vorübergehend ein 
Jahr onaniert, war nie besonders ausschweifend, aber doch sehr leistungsfähig 
in venere. Seine Frau behauptet er zu achten, zu schätzen und zu lieben Er 
habe sie wohl nicht aus Liebe geheiratet, aber trotzdem sehr lieb gewonnen 
Sie sei eine schöne fesche Frau und durchwegs sein Geschmack Er sei ihr 
auch in den zehn Jahren der Ehe, da sie ihm vier Kinder geboren habe treu 
geblieben. ' 

Seine Anamnese ergibt sonderbare Familienverhältnisse. Es ist auch sehr 
interessant daß ihm gleich einfällt die Mutter hätte ihn immer wie einen 
Stiefsohn behandelt. Er war der Liebling des Vaters und dem Vater sehr 
ahnlich. Infolge dessen wurde er vom Vater verzärtelt, von der Mutter sein 
ganzes Leben sehr schlecht behandelt. Er war deshalb auf alle anderen Ge- 
samter eifersüchtig und hatte mit ihnen wiederholt Streit. Einmal sei er 
SSLtJT 7 h r r aUf *■?**« losgegangen, ein anderes Ma e n 
eine» Hund!« "**** ^ " Wb **■" « Sch '' eß «>» " ieder *• 

., Der Vater lebte schlecht mit der Mutter und ging seine ei-onen Weee 
Aber als die Eltern alt wurden, mußte er beide erhalten und J °es reichl fh 
so daß seine Mutter ihm sogar einmal für alle erlittene Unbill Abbitte Teisete 
Er kann sich n .cht genug tun, von seiner Güte und Weichherzig!^ " Je ählen 

L^XTÄ " "*» ^ Diemandem 8 *™* ■ leide, könne nicht Z 
mal eine Fliege totan. Er war, wie er zugeben muß, in der Jngend sehr 
grausam, quälte Tiere hatte bei seinem Onkel, der Fleischer war," ein Kalb 
aÄfdi™ 7 7 rf h " r T ches He -" * *• Überkompensätion eines 
tSü : sebe Sder': hatte Todesphantas.en gegen alle, die er haßte und auch 

zembefror^ei 'LT *" **" * **? ^^ Es ™ - »■ De " 
„Wer ist an diesem Tage gestorben?" 
„Niemand." 

gestorbe S n?« antW ° rten *" raSCh ' ÜberIegen Sie doeh! Wei ' «t an diesem Tage 

«h ß f f i Cht | ! MeiQ äUe T r T er , B, T der WU1 ' de aQ diesem Til S e «■ ^r Eisenbahn 
überfahren. Es war ein Unglückstag für mich . . ." 

„Die Erinnerung an diesen Tag hat unbewußt den Anfall ausgelöst 
Haben Sie an seinem Grabe weinen können?" 

„Nein. Ich habe nicht geweint. Es war der Bruder, den ich einmal er- 
schießen wollte. Das ist aber ein Zufall. Der nächste Anfall war am 17.Februar. 
Das ist . . . Oder doch. An diesem Tage ist meine Mutter gestorben « 

„Woran?" 

„Sie bekam einen großen geschwollenen Bauch und kalte Hände 
und tüße . . ." 

„Wie Sie jetzt im Anfalle?" 

„Wie ich. Genau wie ich. Ich habe oft gesagt, ich habe das gleiche 
Unoen wie die Mutter. Übrigens vergaß ich, Ihnen zu erzählen, daß ich oft 
das Gesicht der Mutter sehe, wie sie aufgebahrt war. Sie war der einzige Tote 
den ich gesehen habe. Auch beim Tode und dem Begräbnis der Muttor konnte 
ich nicht weinen. Sie werden wieder sagen, daß ich froh war, daß ich sie 
nicht mehr unterstützen brauchte ... Das ist nicht der Fall. Ich habe sie ja 



Unbewußte Liebe und unbewußter Haß. 1 95 

nie besonders ausstellen können, aber in den letzten Jahren hatte ich Mitleid 
mit ihr." 

Die weitere Analyse ergibt, daß er sich mit der kranken, sterbenden Mutter 
identifiziert und ihre Sterbeszene spielt, zur Strafe, weil er über ihren Tod 
eine gewisse Genugtuung empfunden hatte. Sein Leiden ist das Gesetz der 
Wiedervergeltung. Die poena talionis sich selbst diktiert und an sich voll- 
zogen . . . 

Nun kann ich auch das Verhältnis zu seiner Frau analysieren, da er 
jetzt von anderen Dingen spricht als von seinen Anfällen. Er gibt an, die 
Frau zu lieben, aber ihre Familie zu hassen. Er stammt aus einer feinen, gebil- 
deten Familie, seine Frau ist die Tochter eines reichen Emporkömmlings, die 
er des Geldes wegen heiratete. Da gab es und gibt es freilich viele Konflikte 
mit ihrer Familie. 

„Zuletzt" — fährt er fort — „habe ich ihren Leuten das Haus ganz 
verboten. Keiner von dieser Bande darf mir ins Haus kommen." 

„Hat Ihre Frau sich diesem Verbote gefügt?" 

„Keine Rede. Es gab große Szenen, bis ich einmal ihre Tante persönlich 
hinausgeworfen habe. Seit damals ist keiner von ihrer Familie in unser Haus 
gekommen." 

„Zürnte Ihnen Ihre Frau nicht wegen dieser Maßregel?" 

„Freilich. Sie rächte sich nach ihrer Weise. Ich bekam schlechtes Essen 
sie warf mir immer vor, ich wäre ein Gewaltsmensch und . . . verweigerte 
mir eine Zeitlang die ehelichen Pflichten. Ich bitte Sie. Ich war doch 
zu anständig, um sie zu vergewaltigen. Später söhnten wir nns aus . . . aber 
da war ich schon impotent ..." 

Ich breche hier die Analyse ab. Es dauerte 10 Tage, ehe die Ursache 
der ehelichen Impotenz bekannt wurde. Es war der Haß gegen die Frau, der 
die ganze Parapathie mächtig determinierte. Solche unbewußte Haßeinstellungen, 
die sich häufig in Haß gegen die Familie der Frau äußern, sind oft die Ur- 
sache der Impotenz in der Ehe. 

Rasche Heilung nach der Analyse. 

Alle diese Fälle, die ich hier vorgeführt habe, zeigen uns eine sehr 
einfache psychische Struktur. Sie sind sozusagen nicht mehrdimensional 
aufgebaut. Sicherlich spielen auch andere Kräfte mit, als die hier ge- 
schilderten. Sie kommen aber neben der einen wichtigsten kaum in 
Betracht. 

Es sind Fälle, in denen auch die einfache Suggestionstherapie unter 
Umständen einen glänzenden Erfolg erzielen kann, Fälle, wie ich sie vor 
der analytischen Behandlung mitunter mit großem Geschick durch irgend 
eine Therapie (Psychrophor) geheilt habe. 

Der Mechanismus ist ein einfacher: Aus irgend einem Grunde 
kommt es zu einer psychischen Hemmung der Potenz. Es ent- 
steht die Vorstellung der Impotenz und zugleich die Angst vor 
der Blamage. Durch das aus verschiedenen Quellen stammende 
Schuldbewußtsein wird diese Impotenz als eine berechtigte und 
durch Sünden der Vergangenheit entstandene Schwäche aner- 
kannt. 



126 Die Impotenz des Mannes. 

VII. 
Asketen, Hypochonder und Familiensklaven. 

Das asketische Ideal entspringt dem Schütz- 
end Heilinslinkte eines degenerierenden Lebens. 

Nietzsche. 

Wir haben bei den letzten Analysen von temporärer Impotenz die 
Bedeutung der unbewußten Haßeinstellung kennen gelernt. Dieser Haß 
bedeutet ein deutliches ..Ich will nicht!" im Gegensatze zu den Angaben 
der Kranken, welche über ein „Ich kann nicht!" klagen. Dieses Nicht- 
wollen ist der Ausdruck des inneren Menschen, der seine Tendenzen gegen 
den Willen des bewußten Menschen durchsetzt. Alle Parapathiker sind ge- 
spaltene Menschen und die Zerrissenheit ihres Ich äußert sich in den sich 
widersprechenden Kräften ihrer Seele, von denen sich der eine Teil als 
„Wille zur Gesundheit", der andere als „Wille zur Krankheit" in Krank- 
heitssymptomen ausdrückt. Wer die Organsprache der Seele versteht, der 
wird in der Impotenz immer eine Tendenz des inneren Menschen erkennen 
können. Asketische Richtungen verbergen ihre religiöse Grundlage durch 
allerlei hygienische und ästhetische Masken. Verbündet sich mit der aske- 
tischen Tendenz ein drückendes Schuldbewußtsein, so entsteht das bunte 
Krankheitsbild des sexuellen Hypochonders. 

Fast alle Parapathiker leiden an einem mehr oder minder schweren 
Minderwertigkeitsgefühl, das dazu bestimmt ist, den geheimen Größen- 
wahn, den Glauben an die große historische Mission, zu überdecken. Janet 
hat dies „sentiment d'incompletitude"i) als erster sehr genau beschrieben. 
Er meint: „Das Gefühl der Minderwertigkeit verleitet den Psychastheniker 
fast immer zu besonderen Attitüden und einem absonderlichen Benehmen" '-) 
Diese Attitüden und Absonderlichkeiten geben dem Leiden, das die Ärzte 
früher „sexuelle Neurasthenie" genannt haben, ein charakteristisches 
Gepräge. 

Beim Impotenten äußert sich dieses Gefühl der Minderwertigkeit in 
sehr empfindlicher Weise. Er hält sich für häßlich, er zweifelt, ob er 
Frauen gefallen könne, er ist meistens mit der Größe seines Penis nicht 
einverstanden. Er möchte gerne den größten Penis haben, weil er seinen 
Stolz darein setzt, die Frauen zum höchsten Orgasmus zu bringen. Aus 
Angst vor einer Niederlage flüchtet er in die Impotenz. Es bildet sich ein 
hypochondrisches Krankheitsbild aus, das durch die Abstinenz und durch 
angstparapathische Züge, ferner durch das sich in versteckten Vorwürfen 
und asketischen Tendenzen äußernde Schuldbewußtsein seine spezifischen 
Züge erhält. 

*) Obsessions et psychasthönie. Paris 1903, S. 264. 
J ) Les Ndvroses. Paris 1910. 



Asketeu, Hypochonder und Faniiliensklavcn. \21 

Den Übergang zu diesen schweren Fällen bilden die angeblich 
Ungeschickten und Unwissenden, die sich bei den Frauen wie Tölpel be- 
nehmen und den Koitus aus Ungeschicklichkeit nicht vollziehen können. 
Oft sind es Latent-Homosexuelle, welche eigentlich den Anus suchen und 
daher den Introitus vaginae nicht finden können. 

Garnier erzählt einen sehr lehrreichen Fall aus seiner reichen Er- 
fahrung : 

Fall Nr. 61. Ein Mann von 33 Jahren hat nie mit Frauen verkehrt, 
was die Folge einer streng religiösen Erziehung ist. Er begnügte sich mit 
Onanie und amüsierte sich auch mit Kollegen, ohne dadurch homosexuell zu 
werden. (?) Um der Homosexualität sicher zu entgehen, heiratete er. Aber es 
war ihm unmöglich, den Beischlaf zu vollziehen. Er konnte keine Öffnung 
finden und stocherte in ungeschickter Weise in der Vulva herum, wobei es 
zu keiner Ejakulation kam. Erst später erlöste ihn eine Pollution. Die Frau 
erwies sich bei der Untersuchung als defloriert. Man konnte leicht in die Vagina 
eindringen. (Anomalies sexuelles. Paris, S. 240.) 

Der Fall ist klar. Es handelt sich um einen Homosexuellen, der vor 
sich und dem Weibe eine Komödie aufführt, um sich die Niederlage und 
Blamage zu ersparen. 

Ich habe folgenden Fall beobachtet: 

Fall Nr. 62. Herr N., 28 Jahre alt, ein Mann, der deutlich psychopathisch 
ist, war drei Monate verheiratet, ohne imstande gewesen zu sein, einen Koitus 
auszuführen. Seine Frau fragte ihre Großmutter um Rat, welche ihr riet, ihr 
Mann solle sich erst die Sache ansehen, dann werde er das Loch schon finden. 
Er legte seine Frau auf einen Tisch und versuchte mit dem Finger in die 
Vagina einzudringen. Er umwickelte den Finger mit einem Sacktuch, da er 
starken Ekel empfand. (!) Er fragte sie dann nach einigen Manipulationen, ob 
sie fühle, daß kleine Fetzerln (das Hymen!) abgegangen seien. Erst nach einigen 
Monaten gelang ein Koitus, dem Gravidität folgte. Bald jedoch hörte der Mann 
mit dem Verkehr auf, „weil er sie schonen wollte". Er rühmte sich noch, daß 
andere Männer nicht so rücksichtsvoll seien. Er machte aus seiner Not eine 
Tugend, um in ihrer Achtung zu steigen, anstatt zu sinken. 

Nach der Gravidität kam es zu Streitigkeiten, er suchte sich andere Sexual- 
objekte. Es scheint sich um einen an seine Familie (Schwester) fixierten Mann 
mit zahlreichen versteckten Paraphilien zu handeln. 

Wiederholt habe ich Männer behandelt, die über ihre Unwissenheit 
und Ungeschicklichkeit geklagt haben. Viele verlangten ein Buch, das sie 
belehren sollte, wollten sich aus Bildern Kenntnisse über den Bau der 
weiblichen Genitalien verschaffen. Daß es sich um eine parapathische Blind- 
heit handelt, beweist mir der Fall eines Arztes, der Assistent auf einer 
dermatologischen Klinik war, die Frauenabteilung leitete, täglich viele 
Male das Spekulum einführte und trotzdem beim Versuche des Beischlafes 
so verwirrt wurde, daß er den Scheidcncingang nicht finden konnte. Er- 
ließ sich immer das Glied einführen. Die Aualyse zeigte neben anderen 



128 Die Impotenz des Mannes. 

Motiven, daß er den Anus als Sexualziel suchte. Er war ein ausgesprochener 
Analerotiker. 

Auch Klagen über die Kleinheit des Penis kommen vor. Oft steht 
der stattliche Penis im schreienden Mißverhältnis zu diesen Klagen. Es 
gibt aber Menschen, deren Penis sich so zurückziehen kann, daß er schein- 
bar ganz verschwindet. Garnier (1. c. S. 283) beschreibt diese „spontane 
Retraktion des Penis". Ein 27jähriger Junggeselle fand eines Morgens 
statt des Penis eine kalte Hautpartie. Der herbeigeholte Arzt fand ihn in 
der Haut wie in einer Hydrokele vergraben. Am nächsten Tage war der 
Zustand nach Waschungen wieder normal. 

Dr. Ivanoff beobachtete einen schweren Fall. Es handelt sich um 
einen 23jährigen Bauer, der verheiratet und Vater mehrerer Kinder war. 
Der ganze Penis war verschwunden und es bedurfte längerer Manipula- 
tionen, um ihn wieder zum Vorschein zu bringen. Die Tendenz zur Re- 
traktion blieb sechs Tage bestehen, obwohl man an der Glans ein Gewicht 
befestigt hatte. Erst 5 g Bromkali führten eine definitive Heilung herbei 
(Lancet, August 1886). 

Man kann sich vorstellen, wie Sexualhypochonder auf eine solche 
Retraktion reagieren, die offenbar durch vollkommene Entleerung der 
Corpora cavernosa zustande kommt. Sie untersuchen sich im Spiegel und 
konstatieren dann mit Schrecken, daß sie sich verweiblichen und daß der 
Penis täglich schrumpft usw. . . . 

Eine Zusammenstellung solcher hypochondrischer Klagen verdanken 
wir der reichen Erfahrung Färbringers: 

Als eine Abart der psychischen Impotenz kann diejenige „durch 
Einbildung gelten; hypochondrische Vorstellungen, daß die Genitalien 
geschrumpft seien, daß der Spermastrahl infolge von — nicht vorhan- 
dener — Striktur zu schwach geworden wäre, daß der Samen „zu dünn" 
geworden, daß die Frau die Lichtung der Schamhaare unter Abscheu 
bemerken müsse und andere „verrückte Ideen" haben wir öfters, als ätio- 
logisches Moment vorübergehender und selbst dauernder Beischlafsun- 
fähigkeit kennen gelernt. Ein 25jähriger Beamter mit tadellosem Vorleben 
hatte die Menge seines Ejakulates gemessen, auf „2 — 3 Fingerhüte voll" 
befunden und folgerte aus diesem Ergebnis, daß er demnach nicht heiraten 
dürfe. Unsere Untersuchung ergab keinerlei Abweichung von der Norm. 
Wir haben leider nicht in Erfahrung gebracht, ob wir den Verirrten 
bekehrt. In einem zweiten Fall wurde ein Mediziner jahrelang von Furcht 
vor dem Koitus geplagt, obwohl es „schließlich immer gut gegangen". 
Eine eigene, wenn auch nicht durchwegs als hypochondrisch zu bezeichnende 
Form betraf einen 41jährigen ausländischen ledigen Techniker, der früher 
stark, zu Zeiten monatelang täglich onaniert hatte. Seit Jahren hatte 
er normale Libido und normale Ejakulation, durchschnittlich wöchentlich 
zweimal den Beischlaf geleistet, in letzter Zeit allenfalls eine mäßige 
Abnahme der Erektion wahrgenommen. Nicht diese Beobachtung trieb 
den Heiratskandidaten zu uns, sondern die ihn nun unablässig verfolgende 
Furcht, die zur Zeit noch recht gut erhaltene Potenz könne sich weiter 



Asketen, Hypochonder und Familiensklaven. J2Q 

derart abschwächen, daß er in „zehn und mehr Jahren" seine künftige 
Gattin nicht ausgiebig genug würde befriedigen können! Die Untersuchung 
ergab außer einem mäßigen Grad Neurasthenie, zumal unter der Form 
von Herzparapathie, keinen abnormen Befund. Unsere tröstende Versiche- 
rung, daß unsere Frauen von einem im sechsten Lebensjahrzehnt stehenden 
Ehegatten gemeinhin keinen sonderlich sexuellen Tribut zu erheben geneigt 
seien, schien wenig Eindruck zu machen. Er reiste, von seinen „Curae 
posteriores" weiter gequält, ab. wahrscheinlich um von einem ^Spezialisten" 
seine „Neuropsychose" in Lokalbearbeitung nehmen zu lassen. Ähnliche 
Fälle sind uns in neuerer Zeit wiederholt entgegengetreten (1. c. S. 127). 
Eine Anzahl der Kranken verfällt schließlich im Laufe der Jahre 
in schwere hypochondrische Zustände; die Genitalien und ihre Funktion 
sind dann gern der Dreh- und Schwerpunkt des ganzen Sinnens und 
Trachtens. Die mildesten, uns am häufigsten entgegentretenden Formen 
sind wohl die, in denen über eine Schrumpfung der Geschlechtsteile geklagt 
wird. „Meine Genitalien sind durch den Samenfluß anders geworden", ist 
eine Redensart, die trotz gegenteiliger Belehrung nicht verstummt. Andere 
geben ungezählte Beschwerden und „objektive Störungen", mögliche und 
unmögliche an. Mehrfach wurde uns vorgejammert, daß nur schwerkranke 
Nachkommen gezeugt werden könnten. In einem von uns beratenen Falle 
war die einzige Triebfeder zur Konsultation in der Wahrnehmung gegeben, 
daß die Pollutionsprodukte — nach geriebenen Kartoffeln röchen, — was 
eine schwere Krankheit bedeuten müsse. Ein junger Weinreisender, der 
nie gonorrhoisch infiziert gewesen, behauptete, häufig mit dem Urin gegen 
das Endo der Entleerung Samen zu verlieren, zugleich, wie der gedrehte 
Strahl des Harns anzeige, an Striktur zu leiden und mit zu kleineu Hoden 
behaftet zu sein. Unsere Beobachtung erwies, daß die trübe Flüssigkeit, 
die allerdings ein leichtfertiger Arzt als Sperma gedeutet, stets lediglich 
durch Phosphate hergestellt war, keine Spur einer Striktur und durchaus 
normale Größe der Testikel bestand. Solche Patienten können den Arzt 
mit ihren Klagen schier zur Verzweiflung bringen, die mißliebigsten Gäste 
werden, welche schließlich nur noch einen Wunsch, den ihrer Abwesenheit 
in der Gesellschaft erwecken. Selbstmordsucht wird ebenso häufig behauptet, 
als nicht betätigt. Wenigstens ist uns kein Fall bekannt geworden, in 
dem der Patient sich wirklich das Leben genommen. Es fehlt eben, wie 
Curschmann richtig bemerkt, gewöhnlich die Energie zur Ausführung 
(1. c. S. 69—70). 

Es handelt sich in allen diesen Fällen um Sexualhypochonder, welche 
in der Angst leben, sie verkürzten sich mit jedem Sexualakte das Leben. 
Ich muß meine Leser bitten, das wichtige Kapitel über Hypochondrie 
in meinen „Nervösen Angstzuständen" (Kapitel XXIX) nachzulesen. Ich 
will hier nur die wichtigsten Grundsätze wiederholen, wie ich sie dort 
aufgestellt habe: 

1 . Die hypochondrische Vorstellung hat den Charakter einer Zwangs- 
vorstellung. 

2. Die Vorstellung ist der Ersatz eines verdrängten sexuellen Erleb- 
nisses oder einer Phantasie. 

3. Die hypochondrische Zone ist immer eine erogene Zone. 

St ekel, Störungen des Trieb- und Affektlebens. IV. 2. Aufl. 9 



330 



Die Impotenz des Mannes. 



4. Die hypochondrische Vorstellung ist immer nach dem Prinzip« 
der Vergeltung (Talion) aus dem religiösen (oder ethischen) Schuldbewußt- 
sein entstanden. 

5. Die Todesangst des Hypochonders verwandelt sich in Angst vor 
dem Sexualakte. Der Hypochonder vermeidet den normalen Sexualakt, 
weil er nicht seine adäquate Befriedigung darstellt. Seine Angst ist die 
Furcht vor einer vom Bewußtsein abgelehnten Paraphilie; daher pendelt 
er zwischen Sexualbegehren und Sexualangst ständig hin und her. 

Wie empfindlich reagieren die Sexualhypochonder! Sie sind sofort 
am nächsten Tage nach einem einmaligen Koitus müde und schlaff, glauben, 
sie hätten exzediert und machen sich die heftigsten Vorwürfe. 1 ) Ich kann 
nur wiederholen, was ich schon gesagt habe: Nach einem Koitus, dem 
keine Reue folgt, dessen man sich nicht zu schämen hat, bei dem man 
keine Folgen fürchtet, ist der Mensch immer heiter und viel leistungs- 
fähiger als vorher. Anders freilich, wenn die durch den Trieb vorüber- 
gehend überwundenen Hemmungen wieder lebendig werden und das Ge- 
wissen sein Machtwort spricht. 

Noch immer ist es mir gelungen, die Ursache dieser Beschwerden 
nach einem Verkehre nachzuweisen. 

Ein Fall eigener Beobachtung ergänzt diese Schilderung: 

Fall Nr. 63. Herr F. M., ein 24jähriger herkulisch gebauter Mann, kon- 
sultiert mich wegen paralogischer Inipotenz, welche wahrscheinlich durch eine 
Entzündung hervorgerufen worden sei. Er sei jetzt vollkommen herunter- 
gekommen, habe 10 kg an Gewicht verloren und leide in der Nasengegend an 
furchtbaren Schmerzen, welche ihm das Gehen und jede größere Anstrengung 
fast unmöglich machen. Er schreibt sein schweres Leiden exzessiver Onanie ZU 
die er im 14. Lebensjahre begonnen und bis zum 18. Lebensjahre einmal 
täglich getrieben habe. Seit damals aber habe er, belehrt durch einen Arzt und 
durch entsprechende Bücher, die große Gefahr eingesehen, welche dieses Laster 
mit sich bringt, und die Onanie vollkommen aufgegeben. Seit jener Zeit treten 
bei ihm unfreiwillige Samenergüsse auf, die sich an jeden Stuhl anschließen. 
Ein leises Kitzelgefühl im Penis ist das einzige, was er dabei fühlt. In den 
letzten Jahren gehe aber doch auch der Samen mit dem Urin ab, er fühle 
sich nach jeder Urinentleeruug matt, schwach und ganz wie ausgesogen, als 
wenn das ganze Knochenmark ausgeronnen wäre. Er gibt auch au, daß sein 
Penis kleiner geworden wäre, ebenso die Hoden, und daß bei einer Pollution 
fast gar kein Samen zum Vorscheine komme, da er offenbar ganz ausgepumpt 
sei. Er habe noch kein einzigesmal mit einem Weibe verkehrt, weil 
er nicht die Kraft hiezu in sich fühle. 



') Ich erinnere mich auch aus meiner Praxis an einen zirka dreißigjährigen Mann, 
der, von einer längeren Reise zurückgekehrt, seiner Frau zehnmal beigeschlafen hatte 
und am nächsten Tag einen Ausfluß zeigte, bei dem die sofort vorgenommene Unter- 
suchung keine Gonokokken ergab. Er fühlte sich ganz frisch und meinte, nach der 
langen Entbehrung wäre diese Nacht für ihn eine große Wohltat gewesen, er fühle 
sich wie neugeboren. 



Asketen, Hypochonder und Familiensklaven. 



131 



Ich sehe vor mir das deutliche Bild eines Sexualhypochonders, wie man 
ihn typischer kaum mehr finden kann. Er ist außerordentlich empfindlich 
ein leiser Druck auf die Haut dos Abdomens löst nervöse Bewegungen und 
Schmerzensrufe aus; er schaut mürrisch und finster drein, ist lebensüberdrüssig 
und trägt sich mit Selbstmordgedanken. Er macht sich erbötig, vor mir zu 
urinieren, ich würde mich dann überzeugen, daß tatsächlich große Samen- 
mengen abgehen. Es hätten ihn schon einige Ärzte untersucht und bei ihm 
einen Blasenkatarrh konstatiert; er entleert vor mir einen trüben Harn und 
tatsächlich bemerkt man, daß am Ende der Miktion einige weiße, krümlige 
zusammenhängende Massen abgehen. Einige Tropfen Salzsäure klären den 
trüben Urin. Es handelt sich um eine Phosphaturie, die teils nervöser Art 
ist, teils durch eine strenge vegetarische Diät hervorgerufen wurde. Der 
trübe Urin klärt sich bald nach entsprechender Diät und Verabreichung von 
Salzsäure. Er glaubt nicht an die Möglichkeit einer Heilung und hält daran 
fest, daß er permanent Samen verliert. Ich weise ihm nach, daß die angeb- 
liche Samenmenge nur Phosphate sind, aber er hält mit der Hartnäckigkeit 
eines Hypochonders daran fest, daß er verloren sei und keinen Samen mehr 
produzieren werde. 

Es wäre noch der Umstand zu erklären, warum der Mann bei der 
Ejakulation weniger Samen produziert. Handelt es sich auch da noch um 
krankhafte Erscheinungen? Keineswegs, es ist dies eine Beobachtung, die wir 
häufig machen können, daß bei geringerer Libido während eines schwachen 
Orgasmus auch weniger Sperma ejakuliert wird. Selbstverständlich rührt seine 
Impotenz nicht von der Onanie her. Die Onanie wird fälschlich als Ursache 
seines Leidens beschuldigt. Es handelt sich um einen homosexuellen Menschen, 
der diese homosexuelle Begierde bei Seite schieben wollte. Er wurde zur 
Onanie von einem Kollegen verleitet und hatte gleich mit ihm längere Zeit 
ein homosexuelles Verhältnis. Die Phosphaturie gab seinen hypochondrischen Be- 
schwerden eine gewisse Berechtigung. Wie bei vielen Menschen, die längere Zeit 
abstinent leben, hatte er eine leichte Spermatorrhoe am Schlüsse der Defäkation. 
Diese Spermatorrhoen verschwinden, wenn die Betreffenden regelmäßig ge- 
schlechtlichen Verkehr aufnehmen. Davon will er aber nichts wissen , weil er 
den Rest seiner Kräfte nicht vergeuden will; wie alle Hypochonder spart er 
ängstlich mit seinem Sperma, als könnte er dadurch sein Leben verlängern. 

Die weitere Analyse dieses Falles ergibt eine Fixierung an die Schwester, 

h Mi, « alS Kmd im Alter von n Jahrea schon regelrechten Verkehr 
genabt natte. Mit 16 Jahren wiederholte er diesen Verkehr einige Male. Dann 
wurde er von religiösen Gewissensskrupeln geplagt und versuchte sich durch 
eine Jieicüto von den Vorwürfen zu befreien. Die Hypochondrie erwies sich 
als eine „bchuldparapathie". Die Schwester ist nach Amerika gefahren. Er 
hat angeblich den Vorfall schon vergessen. Es scheint, daß er noch immer 
daran denkt. 

Er lebt mit seiner Mutter, die er mit seinen Klagen belästigt und der 
er offen alle seine sexuellen Beschwerden mitteilt. Leider unterbricht er nach 
drei Tagen die Analyse. . . . 

Unter den Impotenten findet man sehr viele Familiensklaven, wie 
ich sie im vorigen Bande dieses Werkes im Kapitel VII („Infantile Fixa- 
tionen") beschrieben habe. Ich möchte mich nicht wiederholen aber in 
diesem Zusammenhange betonen, daß speziell die Fixation an die Schwester 
eine große Rolle spielt. Ich sage dies im Gegensatz zu Dr. Maximilian 

9* 



132 



Die Impotenz des Mannes. 



Steiner, der das Fehlen einer Schwester als belastendes Moment bei der 
psychischen Impotenz des Mannes anspricht. 1 ) Ich lasse nun einige Fälle 
folgen, in denen diese infantilen Fixationen deutlich hervortreten. 

Fall Nr. 64. Herr I.B. konsultierte mich wegen einer plötzlich aufgetreteneu 
Impotenz. Er ist ein kräftiger Mann von 29 Jahren, Offizier, der immer über eine 
tadellose Potenz verfügte. Seit vier Wochen merkte er Störungen der Potenz. 
Er brauchte etwas längere Zeit, um die Erektion zu erzielen, und sie hielt nicht 
so lange au, wie er es gewöhnt war. Aher bald versagte er vollkommen. Er 
konnte sich diese Erscheinung nicht erklären uud wartete bangend auf die 
nächste Gelegenheit. Da aber ging es schon gar nicht. Nun wußte er, daß er 
impotent war und kämpfte durch Wochen mit dem Gedanken, sich mir an- 
zuvertrauen. Inzwischen machte er einige Versuche, die ihm aufs neue seine 
völlige Ohnmacht bewiesen. Auf weiteres Befragen gesteht er, daß ihm dieses 
Versagen bei seiner Geliebten passiert sei, mit der er schon drei Jahro ein 
Verhältnis habe. 

„Haben Sie irgend eine geheime Angst? Etwa die vor Infektion oder 
vor einer Gravidität?" 

„Keine Rede . . Mein Verhältnis ist ja eine verheiratete Frau, die einzige 
Frau, die ich geliebt habe, und die ich — das ist das Merkwürdige — noch 
geradeso liebe wie am ersten Tage." 

„Sie sagen, daß Sie vier Wochen impotent sind. Hat sich vor vier 
Wochen etwas Wichtiges in ihrem Leben ereiguet, was diesen Wandel er- 
klären könnte?" 

„Etwas Wichtiges? Nicht daß ich wüßte. Die Männerschwäche traf mich 
plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich bin nur glücklich, daß meine 
Geliebte mir das Leiden nicht übel nimmt. Sie tröstet mich noch und sagt . . . 
na so wie Frauen in solchen Fällen reden ..." 

„Was reden Frauen in solchen Fällen?" 

„Daß sie mich seelisch liebt und daß sie mich fernerhin lieben wird, 
auch wenn ich nicht geschlechtlich verkehren könnte. Sie ist sehr lieb . . . ." 

„Wie erklärt sich Ihre Freundin diese Veränderung? Glaubt sie nicht, 
daß Sie sie weniger lieben?" 

„Nein! Das kann sie nicht glauben. Sie hat zu viele Beweise meiner Liebe. 
Sie meint, ich hätte mich überarbeitet und sehr aufgeregt." 

„Also, Sie hatten doch eine große Aufregung?" 

„Sie war nicht so groß. Sie ist mir nicht nahe gegangen." 

„Worüber haben Sie sich aufgeregt?" 

„Ich habe mich nicht aufgeregt, Herr Doktor. Ich hatte einen Streit 
mit meinem Freunde. Einen unangenehmen Streit. Seit damals sind wir ganz 
auseinander." 

„Dieser Streit war vor vier Wochen?" 

„Ja. Vielleicht einige Tage vorher." 

„Weshalb gerieten Sie denn in Streit?" 

Patient stockt einen Moment lang. „Eigentlich nichts von 

Bedeutung. Er meinte, ich benehme mich zu auffallend mit seiner Frau. Wir 
sollten den Verkehr aufgeben-" 

„Er hat Ihnen sozusagen die Türe gewiesen." 



J ) Die psychischen Störungen der männlichen Potenz. (Franz Deuticke, II. Aufl. 
1919. Wien und Leipzig.) 



Asketen, Hopochondcr und Familienaklaven. iog 

„Wenn man es genau nimmt, ja . . Das ist mir sehr unangenehm, denn 
seine Frau ist eben meine Geliebte." 

„Er hat von Ihrem Verhältnis erfahren?" 

„Ach bewahre. Er erhielt einen anonymen Brief. Er zeigte ihn mir und 
betonte, daß er seine Frau kenne und kein Wort davon glaube. Aber die 
Leute sprechen alle, daß ich nur mit seiner Frau zu sehen sei . . . Und ob- 
wohl er bestimmt wisse, daß die Tratschereien falsch sind, müsse er doch 
den Ruf seiner Frau und seines Hauses makellos erhalten. Deshalb bitte er 
mich, gerade weil ich sein bester Freund bin, sein Haus zu meiden und die 
Besuche aufzugeben." 

„Dachten Sie daran, das Verhältnis ganz aufzugeben, da nun der Freund 
darum wußte, was Ihnen sehr unangenehm sein mußte?" 

„Ich das Verhältnis aufgeben? Das überlebt die Frau nicht und das 
überlebe ich nicht " 

Es war mir nun klar, daß seit diesem Streite eine Hemmung zwischen 
den beiden Liebenden stand, ein Gedanke, der bei ihm keine Lust aufkommen 
lassen wollte und durfte. Auch er verwandelte ein „Ich will nicht!" in ein 
„Ich kann nicht!" Ich will dies Gespräch nicht weiter mitteilen. Man merkt, 
wie schwierig es ist, bei solchen Störungen auf das echte Motiv zu kommen. 
Der Kranke sucht allerlei Umwege. Will er doch selbst nicht sehen, daß er 
dieser Frau müde ist und sie loswerden möchte. 

Nein — das will er um keinen Preis einsehen. Allerdings gibt er zu, 
daß er mit einem Mädchen begonnen hätte, das ihm gerne zu Willen wäre. 
Allein — er tue es nicht. Erstens, weil er jetzt impotent wäre (die Impotenz 
als Tugendwächter) und zweitens, weil er es als eine Gemeinheit betrachten 
würde, seine Geliebte zn betrügen. 

„Das tut ein anständiger Mensch nicht! (Der betrügt höchstens den 
Mann!) Ich habe oft Gelegenheit zur Untreue, aber ich tue es nicht. Doch 
erklären Sie mir eine Sache , die ich selbst nach Ihren Ausführungen nicht 
begreifen kann. Ich glaube es schon selbst: irgend eine Hemmung ist da vor- 
handen, ich glaube nicht mehr, daß ich in meinem Alter infolge des Zuviels 
impotent geworden bin. Doch eines ist mir unklar. Vorige Woche war die Ge- 
liebte bei mir . ." 

„Sie kommt zu Ihnen? Fürchten Sie nicht, daß ihr Mann das erfährt?" 

„Nein . . ich habe eine geheime Wohnung, die niemand kennt. Ah . . . 
so klug bin ich schon .... aber ich will fortfahren. Die Geliebte war bei 
mir und hatte die Periode, so daß ein Verkehr unmöglich war. Und ist das 
nicht zum Verzweifeln? Da hatte ich die stärksten Erektionen. Wie sie aber 
nach dem Unwohlsein wieder zu mir kam, war alles wie durch einen Zauber 
verloren und ich bin wieder so impotent wie vorher." 

Dieser Vorgang zeigt, daß die Hemmung nur dann funktioniert, 
wenn die Gefahr vorhanden ist, daß der Koitus ausgeführt werden 
könnte. Im Stadium der Menstruation entfiel diese Gefahr, die Hemmungen 
durch die Impotenz waren überflüssig, die Sicherung erfolgte durch die Tat- 
sache, daß die Frau während der Menses für den Mann immer „Tabu" war. 

Ich stellte mir das Entstehen der Impotenz so vor: Nach dem Streite 
mit dem Manne verlor das Verhältnis viel von seinem Reiz, den es aus homo- 
sexuellen Quellen, aus der Liebe zum Freunde bezogen hatte. Dazu trat die 
unangenehme Situation. Er konnte sich bisher mit der Freundin öffentlich 
zeigen, ging mit ihr in alle Theater, Konzerte und gab so freilich Anlaß zum 
allgemeinen Gerede. Aber es war eine Art Legitimität dabei. Jetzt war die 






134 



Die Impotenz des Mannes. 



Sachlage geändert. Er hatte doch Angst, daß der Mann ihn beobachten lasse 
und ihn in flagranti erwische, wie es einem Bekannten von ihm passierte. 
Er hätte die Frau dann heiraten müssen. Deshalb war er impotent. Das 
Weitere besorgte dann die Angst und die Vorstellung, er wäre impotent. 
Diese Angst machte ihn dann bei dem Mädchen impotent, weil er ja sonst 
gleich erkannt hätte, daß alles nur ein Spiel war, um das „Ich will mit dir 
nichts zu tun haben" zu verbergen. 

Sehr interessant ist die Reaktion solcher Menschen, welche bemerken, 
daß ihre Gefühle sterben wollen. Sie sträuben sich dagegen, daß die Liebe 
sterben soll und peitschen sie in die Höhe, sie spielen sieh eine noch stärkere 
Leidenschaft vor. So machte es auch unser Held. Er schrieb täglich einige 
Briefe, verlangte stürmisch Rendezvous, beteuerte, er werde sich das Leben 
nehmen, allein er machte nicht das Eine, was ein Mann macht, der eine Frau 
so hebt Er sagte nicht: komme mit mir und sei mein Weib, lasse deinen 
Mann, denn ich kann ohne dich nicht leben. 

„Haben Sie nie daran gedacht, diese Frau zu heiraten? Haben Sie ihr nicht 
den Antrag gestellt, daß sie den Mann verlassen sollte, um Ihnen zu fol-en?" 
verheiratet 8 ! « ** 8icherBch getaiK Aber ich kann es »leht: Ich bin schon 

„Was, Sie sind verheiratet?" .... 

■ i . ? Ja M*i"v? meiner Mitterl Verstehen Sie mich, Herr Doktor . . . 
ich habe alle Nachteile einer Ehe, ohne deren Vorteile. Mein Vater starb sehr 
früh und ich war der einzige Sohn. Meine Mutter konzentrierte alle Liebe auf 
mich Wir waren immer zusammen und es gab viele Jahre, an denen ich 
nicht einen Abend, nicht eine freie Minute ohne die Mutter war. Ich glaube 
sie hat ihr ganzes erotisches Bedürfnis auf mich gerichtet und ich war das 
Opferlamm ..." 

„Wie stellte sich Ihre Mutter zu dem Verhältnisse mit der Frau?" 
„Im Beginne war sie davon begeistert und unterstützte es auf jede 
mögliche Weise Denken Sie, sie war immer mit uns zusammen, so daß wir 
drei oder mit dem Manne der Geliebten vier waren. Wir hioßen die Unzer- 
trennlichen und waren es auch." 

„Wissen Sie, warum die Mutter das Verhältnis unterstützte?" 
„Freilich. Sie fürchtete immer, ich könnte heiraten, wenn sie aucb fort- 
während vom Heiraten sprach. Aber sie suchte mir als Gattinnen die häß- 
lichsten Mädchen mit den größten häuslichen Tugenden aus, von denen sie 
wußte, daß sie meinem verfeinerten Geschmacke nicht entsprachen. Nun — 
da icli das Verhältnis hatte — war sie gesichert. Denn ich konnte die ver- 
heiratete Frau, die Mutter von zwei Kindern, nicht heiraten. Ja — sie war 
meiner sicher. Dann war sie in unserem Komplotte, ohne daß sie mit der 
Frau darüber jemals sprach. Sie verließ die Wohnung, wenn die Freundin 
kommen sollte (damals hatte ich noch keine eigene Wohnung), so daß wir 
ganz ungestört waren, ja sie hütete dies Verhältnis wie ein guter Geist durch 
eine Art Freundschaft mit der Geliebten, so daß es nicht auffällig war, wenn 
sie in unsere Wohnung kam, sondern selbstverständlich." 
. „Die Mutter ist jetzt gegen das Verhältnis?" 
" ^' e wfltet J e ' zt gegen diese Frau, so daß es die ärgsten Szenen 
gibt. Ich habe es mir strenge verbeten. Die Mutter weiß, daß sie kein be- 
leidigendes Wort über eine Frau sprechen darf, die ich so verehre. Ich war 
so wild, daß ich mich selber nicht erkannte. Ich hätte der Mutter etwas antun 
können ..." 



Asketen. Hypochonder und Familiensklaven. JJ35 

„Sehen Sie! Etwas von den Worten der Mutter muß Sie doch beein- 
flußt haben. Es fraß in Ihrem Innern fort und wirkte als Hemmung. Sagen 
Sie mir, was Sie am meisten betroffen hat?" 

„Mich trifft alles schwer, was man über meine Geliebte sagt. Doch das 
überraschte mich! Die Mutter, die so Feuer und Flamme für das Verhältnis 
war, änderte sich und wurde die stärkste Gegnerin." 

„Sie haben früher sozusagen mit der Erlaubnis der Mutter verkehrt. 
Jetzt sollen Sie es gegen die Erlaubnis der Mutter tun . . . und das können 
Sie nicht. Die Worte der Mutter haben unwillkürlich so stark auf sie gewirkt, 
weil sie selbst so sehr an die Mutter fixiert sind." 

... In der Tat. Der Mann lebte eigentlich mit seiner Mutter, wie man 
nur mit einer Geliebten lebt. Die Mutter hatte seine ganze seelische Liebe 
und sie bäumte sich erst gegen das Verhältnis auf, als sie merkte, daß die 
Rivalin ihren Sohn immer mehr in die Hand bekam, daß der Sohn sie wirk- 
lich liebte und als er begann mit der Freundin allein auszugehen, ohne sie 
als „Elefanten" mitzunehmen. Früher hatte sie im Geiste mitgeliebt, mitge- 
ktißt, mitgestritteu und sich mitversöhnt. Die fremde Frau war nur ein Ge- 
meinsames, in das ihre Liebe sich ergießen konnte, sie war für ihren Sohn 
die notwendige physische Ergänzung, das zur Mutterliebe Fehlende und dann 
war alles komplett . . . Wie sie aber fühlte, daß ihre einzige Liebe, ihr Sohn, 
ihren Händen zu entgleiten anfing, wurde sie verändert und stellte sich in 
immer schärfere Opposition zu dem Verhältnis. Es hatte immer Streit zwischen 
ihr und ihrem Sohne gegeben. Menschen, zwischen denen so viel Unverstan- 
denes und Unerfülltes steht, sind immer sehr gereizt gegen einander. Einer 
erwartet vom anderen Verständnis und Initiative für den dunkel drohenden 
iDzest. Jeder ist ein Verzichter und ein Eutsager, ein Büßer and Dulder, der 
den anderen dafür verantwortlich macht. So war es auch in diesem Falle. 
Aber die Szenen erreichten einen solchen Grad, daß der Sohn für Tage die 
mütterliche Behausung fliehen mußt«. 

Aber er kam immer wieder. Er konnte sich von der Mutter nicht los- 
lösen, obgleich er ein reicher, unabhängiger Mann war und ihm die ganze 
Welt offen stand. 

„Wie oft habe ich mir vorgenommen, wegzufahren und irgendwo in 
einem stillen Winkel mit meiner Geliebten zu leben. Ja wir wären durchge- 
gangen, wenn diese Ehe mit meiner Mutter nicht wäre. Aber meine Mutter 
hält mich fest in der Hand. Was die Liebe nicht kann, das bewirkt das Mitleid. 
Meine Mutter hat eine Verkalkung der Arterien und hat schon einmal einen 
leiehten Schlaganfall gehabt. Ihr Arzt machte mich aufmerksam, daß eine 
größere Aufregung ihr den Tod geben könnte. Ich weiß, daß der Arzt das 
über Auftrag der Mutter gesagt hat, denn ich kenne ihre Art, durch Mitleid 
auf mich zu wirken. Ich glaube auch nicht an den Schlaganfall und an die 
Arterienverkalkung. Ich glaube nicht an die Gefährlichkeit dieser Aufregungen, 
denn sonst hätten die letzten Szenen meine Mutter schon längst umgebracht. 
Und ich erkläre Ihnen: Ich bin heute schon so weit, daß ich mir gar nichtB 
daraus machen würde. Es wäre eine Erlösung für mich. Ich wäre endlich ein 
freier Mensch, ich könnte endlich eiuen Abend verbringen, ohne Rechenschaft 
geben zu müssen, ich könnte ohne die häßlichen Szenen, die brutalen Worte 
„Muttermörder", „Herzloser Verbrecher" usw. leben. Und trotzdem kann ich 
nicht wegfahren. Die Worte des alten Hausarztes haben doch auf mich ge- 
wirkt. Soll ich mir immer sagen müssen, daß ich ein Muttermörder bin? Ich 
kann es nicht." 



136 



Die Impotenz des Mannes. 



„Sie können es nicht, weil Sie ohne die Mutter nicht leben können. Sie 
brauchen jetzt die Aufregungen und die großen Szenen mit der Mutter, sie 
gehören schon in Ihr Lebensprogramm. Sie haben es ja selbst betont: „Wenn 
die Aufregungen töten würden, so wäre meine Mutter längst tot". Die Mutter 
würde die Trennung schon ertragen, wahrscheinlich sehr schwer — aber Sie 
können auch nicht mehr ohne die Mutter leben, Sie können nicht gegen die 
Imperative der Mutter handeln, selbst nicht in den Momenten bei der Freundin, 
wo Sie sich als Mann bewähren sollen. Ihre Freundin hat für Sie den Wert 
verloren, weil ihr jetzt die Sanktion der Mutter fehlt ..." 

Therapeutisch wendete ich meinen schon erwähnten Kunstgriff an, den 
schon die alten Ärzte als vorzüglich priesen. Ich erließ ein strenges Verbot! 
Er dürfe durch vier Wochen keinen Versuch machen! Er müßte sich zurück- 
halten! Nach zwei Tagen meldete er mir, er hätte bei der Freundin wieder 
heftige Erektionen gehabt und sich doch zurückgehalten, eingedenk meines 
Verbotes ! Aber er war nahe daran gewesen, es zu überschreiten. Das Verbot 
wird nämlich erlassen, um den Koitus als ein großes Wagnis, als einen selb- 
ständigen Akt, als einen Triumph über den Arzt darzustellen. Die meisten 
Impotenten gehen in diese Falle und berichten dann triumphierend: „Ich habe 
mich an Ihre Worte nicht gehalten und es giug ausgezeichnet." Geht es aber 
schlecht, so hat der Arzt den Trumpf des Verbotes in der Hand. Fehlerhaft 
ist es, die Patienten zu Versuchen anzutreiben. Je strenger man diese Versuche 
verbietet, desto leichter haben es die Kranken. Der Arzt spielt dann die Rolle 
des strengen verbietenden Vaters, der von dem selbständig handelnden Kinde 
überwunden wird. 

So war es auch in diesem Falle. Der Kranke konnte am dritten Tage 
nicht mehr kommen nnd telephonierte, er hätte wahnsinnig viel zu tun. Ich 
fühlte schon, daß sich wichtige Änderungen vorbereiteten und daß er sich vor 
mir schämte. Er hatte offenbar vor seiner Mutter kapituliert. 
Am nächsten Tage werde ich ans Telephon gerufen. 
„Hier 1. B. Entschuldigen Sie, daß ich Sie telephoniseh störe. Ich habe 
heute ein Rendezvous mit derPuella, derselben, von der ich Ihnen gesprochen 
habe. Sie kommt in meine Wohnung. Darf ich? ..." 

„Nein. Sie dürfen nicht! Ich habe es Ihnen strenge verboten!" 
„Warum? Erklären Sie mir ..." 

„Ich kann das telephonisch nicht erklären. Bitte, ich bin gerade be- 
schäftigt." 

„Nur noch ein Wort! Was kann mir passieren, wenn ich das Verbot 
übertrete?" 

„Daß es noch länger dauert, bis Sie in Ordnung kommen." 
„Wenn es nur das ist. Doch sagen Sie mir . . ." 

Ich brach das Gespräch ab. Am nächsten Tage kam der Patient trium- 
phierend zu mir: „Sie haben sich schön blamiert. Es ist alles ausgezeichnet 
gegangen. Ein herrliches Mädel ..." 

Von der Freundin war nicht mehr die Rede. Er hatte ihr begreiflich 
gemacht, daß jetzt alles aus sein müsse, daß er sie ewig lieben werde. Seine 
Mutter hatte ihre gewichtige Stimme für das Mädchen erhoben. Jetzt ist ihr jedes 
weibliche Wesen willkommen, das ihren Sohn der verhaßten nnd gefährlichen 
Rivalin entreißt. Wie lange noch? — und sie wird sich gegen das Mädchen wenden, 
wenn ihr Sohn die Sache übertreibt. Ihr ganzes Leben ist ein Zittern um den 
Sohn und eine ununterbrochene, ewig quälende Angst, sie könnte diese Liebe 
an ein anderes Weib verlieren. 



Asketen, Hypochonder und Familiensklaven. 137 

Ich betone „an ein Weib", weil ich Fälle kenne, in denen die Mutter den 
männlichen Geliebten duldete, die weibliche Geliebte haßte. Deshalb sind Mütter 
sehr nachsichtig gegen die Homosexualität ihres Kindes. 

Wir sehen hier einen sehr interessanten Fall. Der Mann kann eigentlich 
nur mit Zustimmung seiner Mutter potent sein. Er hätte dauernd impotent werden 
können, wenn nicht seine gesunde Anlage und gewisse andere Momente ihn 
davor bewahrt hätten. Er hatte nämlich eine Enttäuschung mitgemacht, die 
sein Verhältnis zur Mutter lockerte. In jüngeren Jahren hatte die Mutter nach 
dem Tode des Vaters auch ein Verhältnis, das ihn sehr kränkto, aber dazu 
beitrug, ihm die physische Liebe näherzurücken. Die Distanz zwischen ihm 
und einer „heiligen Mutter" wäre so groß gewesen, daß sie erst zur Über- 
schätzung des Weibes geführt hätte und fernerhin zu einer psychischen Im- 
potenz. Daß er sich in eine verheiratete Frau verliebte, die älter war, beweist, 
daß er nur einen Ersatz für die Mutter suchte. Als die Mutter anfing, Oppo- 
sition zu machen und auf Lösung des Verhältnisses drang, machte sie die 
Bemerkung: „Wenig Mädel laufen in Wien herum? Buche dir ein junges 
Mädel. Die paßt zu dir, nicht eine ältere Frau, die schon deine Mutter sein 
könnte ..." Als gehorsamer Sohn brach er mit der Frau, die er angeblich 
so liebte, und suchte sich das junge Mädel, mit der er nicht auszugehen brauchte. 
Seine Mutter hatte an ihm nun wieder den vollkommenen Ersatz eines Gatten 
und er war wieder wie vorher mit der Mutter verheiratet. 

Wir setzen jetzt unsere Kasuistik fort. Der nächste Fall bietet schon 
ein ganz anderes Bild. 

Fall Nr. 65 : Ein dreißigjähriger, ziemlich fettleibiger Mann klagt über 
eine schon seit einem Dezennium bestehende Impotenz, die sich in sehr merk- 
würdiger Form äußert. Er habe kräftige Erektionen, die sofort verschwinden, 
wenn er sich einem Weibe nähert. Er berichtet mir: 

„Schon in ganz jungen Jahren zeigte sich bei mir ein ungemein stark 
entwickelter Geschlechtstrieb. Doch konnte ich ihm in gar keiner Weise Genüge 
tun. Als ich dann mit 14 Jahren ins Gymnasium kam, verleitete mich ein 
Kollege zur Onanie. Letzterer fröhnte ich 3 — 4 mal die Woche hindurch. Und 
als ich in normaler Weise geschlechtlich zu verkehren begann, was ich jede 
Woche einmal tat, konnte ich noch immer nicht der Onanie entsagen. Viel- 
mehr nahm ich auch jetzt zu ihr Zuflucht, zumal mich der einmalige wöchent- 
liche Verkehi - mit Frauen noch mehr aufregte und durchaus nicht geeignet 
war, meine Wollust ganz zu befriedigen. Durch die Lektüre medizinischer 
Bücher wurde ich auf die schädlichen und verderblichen Folgen der wider- 
natürlichen Befriedigung des Geschlechtstriebes aufmerksam gemacht. Ich nahm 
mir vor, davon ganz zu lassen, was mir nicht voll gelingen wollte. Einmal 
in der Woche, bzw. einmal in zwei Wochen kam ich immer wieder darauf 
zurück. Nebenbei verkehrto ich auch in normaler Weise. Da geschah es, daß 
ich im 19. Lebensjahre einen Tripper akquirierte. Infolge dieser Erkran- 
kung litt ich unter einer tiefen seelischen Depression und gelobte, 
nie wieder mit Weibern zu verkehren. Ich faßte aber zugleich den Vor- 
satz, von der Onanie zu lassen. Beiden Entschlüssen treu zu bleiben gelang 
mir leider nicht. Nachdem ich vom Tripper geheilt war, hielt ich es einige 
Monate aus, verfiel aber gleich darauf in ein neues Laster. Ich erwarb mir 
die Freundschaft eines soliden Mädchens, das ich nach einiger Zeit per anum 
besitzen konnte. Ob das von schädlichen Folgen für das sexuelle Nervensystem 
ist, war mir zu jener Zeit nicht bekannt. Das trieb ich wohl ein ganzes Jahr 



138 



Die Impotenz des Mannes. 



hindurch. Dann machte ich den Versuch, mit einem Weibe ganz normal den 
Koitus zu vollziehen. Als ich mich anschickte, den Penis einzuführen, kam es 
gleich zur Samenentleerung und da gewahrte ich, daß es mit meiner Kraft 
vorüber war. Ich stellte gleich darauf alle weitereu Versuche ein und lebte nun 
resigniert weiter. Das dauerte über zehn Jahre. Ich machte mich nun mit 
einem Mädchen vom Lande bekannt und erfuhr gleichzeitig von Kollegen, daß 
es willfährig ist. Ich machte den Versuch, den Geschlechtsakt auszuführen- 
allein mein Versuch scheiterte an der unzulänglichen Erektion und an der 
frühzeitigen Ejakulation des Samens. Nach zwei Wochen setzte ich meine Ver- 
suche fort, aber ohne Erfolg. Mein letzter Versuch füllt in den Monat März 
des vorigen Jahres — diesmal mit eiuein Dienstmädel; doch wiederum ohne 
Erfolg. Ich habe seitdem alle weiteren Versuche aufgegeben. Zu bemerken 
wäre noch, daß ich in den letzten Jahren weder in der Nacht noch bei 
sonstigen Gelegenheiten eine genügende Steifheit des Penis wahrnahm. In den 
letzten Jahren habe ich mich physisch sehr gut erholt, zirka 10 ha zuge- 
nommen, und bemerke, so oft ich aus dem Schlafe erwache, starke Erektionen. 
Versuche zum Koitus möchte ich nicht mehr machen, einerseits aus Angst 
vor einer Infektion, andererseits aber aus Furcht vor einem Mißerfol«- Ich 
habe aber das Gefühl, daß ich mit einem ganz braven Mädchen vielleicht 
normal verkehren könnte." 

Dieser Krankheitsbericht ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Wir 
stoßen wieder auf die Gonorrhoe als auslösende Ursache einer Impotenz. Wir 
haben schon bei der Kasuistik der Homosexualität betonen müssen, daß der 
Ekel vor dem \Ve,be, die Angst vor Infektionen am bäufigsten nach einer 
uberstandenen Infektion einsetzt Der Ausspruch Gyom: „die Gonorrhoe ist der 
rufstein der schwachen Gehirne«, ist dahin zu ändern: „Die Gonorrhoe ist der 
1 nifstem der echten Heterosexnalität«. Der richtige Weiberfreund ist auf seine 
Gonorrhoen stolz und zählt sie wie seine Schlachten, trägt sie wie der Krieger 
die Narben Der Mann mit der schwach entwickelten und stark gehemmten 

Hetcrosexuahtät wird diese Gelegenheit benützen, um neue Schranken zwischen 
sich und dem Weibe zu errichten. 

Der Brief erzählt nichts von dem feierlichen Gelübde, das sich der Kranke 
.n der Kirche gab. Er warf sich reuig zu Boden und schwur, mit keinem Weibe 
mehr zu verkehren und auch nicht mehr zu onanieren. Er hätte ja ewige Keusch- 
heit geloben können Das tat er nicht. Er entsagte nur dem Verkehre mit 
den Krauen. Jetzt hätte or unter anderen Umständen homosexuell werden 
können. Er flüchtete sich in ein Kompromiß, das ihm die letzte heterosexuelle 
Betätigung als Maske der Homosexualität ermöglichte. Das war das Verhältnis 
mit dem Mädchen, welches den Koitus in anum gestattete und auch gerne 
duldete. Der Orgasmus bei diesem Akte war sehr groß, weil er ihm offenbar 
auch eineu homosexuellen Akt ersetzte. Schon vorher hatte er beim Koitus 
mit dem Weibe au der Angst gelitten, die Vagina der Frau sei zu groß. Es 
kam ihm alles so weit, so entfernt, so unendlich weich vor. Alle Frauen waren 
für ihn „weich"; er suchte ein Ideal, das er nie fand: den Anus. Bei diesem 
Mädchen fand er es. Aber seine moralische Natur sträubte sich dagegen. 

VViederum eilte er eines Tages in die Kirche und machte ein Gelübde: 
Er werde dieses Mädchen lassen und nie mehr a posteriori verkehren. Man 
merkt mit Staunen, mit welchen Nebensächlichkeiten die Menschen ihre Götter 
belästigen. Ihm war es aber eine wichtige Sache. Er wollte sich auf den 
richtigen Weg bringen und kam über die Ejaculatio praecox in die Impotenz 
hinein. 



Asketen, Hypochonder und Familionsklaven. ^go, 

Seine Erektionen sind des Nachts immer sehr kräftig. Es besteht nur 
eine Angst vor Infektionen. 

Ich habe schon wiederholt betont, daß diese Angst vor Infektionen sym- 
bolisch zu verstehen ist und eine Angst vor der Vergiftung mit Sünden dar- 
stellt. In dem Berichte des Patienten ist ein Satz sehr auffallend: „Ich habe 
aber daß Gefühl , daß ich mit einem ganz braven Mädchen normal verkehren 
könnte.'' 

Dieses Gefühl muß eine Wahrheit enthalten . . . aber in einer maskierten 
Form. In einem Traume der nächsten Nacht, sieht er sieh mit einer mächtigen 
häßlichen Impfpustel geimpft. Der Eiter sei wie aus einer Quelle aus der 
Pustel geronnen und habe ihn ganz schmutzig gemacht. Er konnte sich gar 
nicht reinwaschen. 

Solche Träume haben nur Menschen, die sich mit Inzest und mit Homo- 
sexualität, die ja innig zusammenhängen, infiziert fühlen. (Auch mit nekrophilen 
und anderen kriminellen Gedanken.) Wir erkundigen uns nach seinen näheren 
Familienverhältnissen und erfahren, daß er mit einer Schwester allein auf dem 
Lande lebt, die um acht Jahre jünger ist und ihm die Wirtschaft führt. Nun 
geht er sehr ungern auf dies Thema ein , gesteht aber , daß er sich schon 
sexuelle Gedanken über die Schwester gemacht habe. Warum man nicht eine 
Schwester heiraten dürfe? Er sei aber ein so frommer Mensch, daß er diese 
Gedanken als Heimsuchungen des Teufels erkannt und sich von ihnen durch 
die Beichte befreit habe. Allerdings hören wir von nächtlichen Anfällen, in 
denen er zum Zimmer der Schwester geht und an ihre Tür klopft. Wir ver- 
stehen dann die mächtigen nächtlichen Erektionen und seine Tendenz zur 
Homosexualität, die eine Flucht vor der Schwester zum Manne bedeuten 
würde, über die Virginität der Schwester machte er sich öfters Gedanken und 
er bedauert sie, daß sie als Virgo sterben sollte. Wiederholt habe er schon dar- 
über nachgedacht, ob es nicht eine Wohltat wäre, die Schwester zu deflorieren. 
Er gestehe auch, daß er sich in der Nacht ihrem Bette genähert habe , aber 
seine Impotenz war so vollständig , daß er sich nur lächerlich gemacht hätte. 
Die Schwester wäre wahrscheinlich nicht abgeneigt, wie er aus ihren Äuße- 
rungen und Ansichten zu entnehmen glaube. Er wisse aber, daß er dann sein 
Seelenheil verloren habe. 

Der Koitus in anum zeigte auch eine bemerkenswerte infantile Wurzel. 
Er hatte viel mit dem Schwesterchen gespielt, als sie jünger war und sie auch 
in Krankheiten gepflegt. Sie hatte als vierjähriges Mädel an Fieber gelitten 
und wurde von ihm zweimal des Tages im Anus gemessen. Er machte das sehr 
gerne und so exakt, daß das ganze Haus prophezeite, er werde sicher Arzt 
weiden. ... 

Das Verhältnis mit dem Mädchen, das er in anum koitierte, war eine 
Neuauflage dieses infantilen Erlebnisses. Interessant ist auch, daß er immer 
mit den Dienstmädchen des Hauses Verhältnisse anknüpfen wollte. Er wachte 
des Nachts mit der Erektion auf und ein Trieb zwang ihn ... zu der 
Schwester zu gehen. Dieser Trieb war in den letzten Jahren nicht mehr be- 
wußt. Er verschob sein Begehren auf die Köchin, welches aber infolge der 
Identifizierung mit der Schwester dem gleichen hemmenden Verbote ausgesetzt 
wurde. Sie war auch Tabu und damit war seine Potenz vorüber. 

Mit der Schwester lebte er in furchtbarem Streit. Jeden Tag kündigten sie 
sich die Freundschaft und blieben trotzdem immer wieder beisammen. Bei ge- 
ringen Anlässen kam es zn großen Szenen. Die Dienstboten hielten es nicht 
lange aus, weil die Schwester sofort eifersüchtig wurde, wenn sie merkte, 



140 



Die Impotenz des Mannes. 



daß dem Bruder ein Mädchen gefiel. Diese beiden braven, edlen Menschen 
schmiedeten sich an eine Galeere des Hasses und der Leiden, in der einer 
dem anderen die Abstinenz teuer bezahlen mußte. 

Mein Rat, er möge sich von der Schwester dauernd trennen, wurde 
nicht befolgt. Er könne die Schwester nicht im Stiche lassen. Je deutlicher 
der Inzestwunsch zutage trat, desto unruhiger wurde der Analysand und nach 
einer Woche war er plötzlich verschwunden. 

Nach einigen Wochen aber erhalte ich den Besuch seiner Schwester, 
eines sehr verständigen Mädchens, die auch einige meiner Bücher gelesen und 
mir deshalb den Bruder geschickt hatte. Sie sei sich dessen vollkommen be- 
wußt, daß sie unter der Herrschaft von Inzestgedanken stehe, und habe des- 
halb den Entschluß gefaßt, den Bruder gänzlich zu verlassen. Sie fürchte nur 
einen Verzweiflungsausbruch und eine Gewalttat und habe sich deshalb heim- 
lich aus dem Hause gemacht. Sie sperre ihr Zimmer jetzt immer ab, denn ihr 
Bruder sei einmal im Rausche in ihr Zimmer gekommen und habe' versucht 
sie zu vergewaltigen. Er wisse offenbar von der ganzen Sache gar nichts' 
denn er sei total betrunken gewesen. Es sei aber zu keinem Verkehr .ge- 
kommen, denn sie habe sich naß gefühlt, ehe er sie unten berührt hatte Es 
war ein Kongressus zwischen den Schenkeln. Am nächsten Morgen wollte sie 
fliehen, sie merkte aber, daß der Bruder von dem Vorfalle nichts wußte Jetzt 
war sie gewarnt und verriegelte ihre Türe. Er machte ihr wiederholt 
Vorschläge zu gemeinsamen Reisen und habe schon die Ansicht geäußert er 
wäre gar nicht ihr Bruder, er wisse es, daß er von einem anderen Vater 
stamme. Sie fliehe, weil sie sich selbst zu schwach fühle, seinen ewigen 
Werbungen zu widerstehen. 

Wer mit A. Adler den Inzest nur als ein „Arrangement" auffaßt, um sich 
selbst zu schrecken und die eigene Schlechtigkeit vor Augen zu fuhren als 
eine parapathische Fiktion, ein Gleichnis, das dem Lebensplan des Kranken 
entspräche — als ein „Als ob 1 - — der wird sich die Aggression im Rausche 
schwer erklären können, i) Die Impotenz dieses Mannes ist eine Sicherung 
gegen die Inzestwünsche. 

Ich wurde von der Schwester über den weiteren Verlauf des Falles 
unterrichtet. Der Bruder faßte die Flucht der Schwester als schmählichen Ver- 
rat auf. Er brach mit ihr den Verkehr ab. Sic heiratete dann und ersuchte 

1 ) Einseitigkeit ist das Kennzeichen der orthodoxen Freudianer. Aber ebenso ein- 
seitig benimmt sich Adler, der die ganze Sexualität und den Inzest als ein Gleichnis 
auffassen will. — „Das ganze Bild der Sexualneurose ist ein Gleichnis, in dem sich 
die Distanz des Patienten von seinem fiktiven männlichen Endziel, und wie er sie zu 
überwinden und verewigen sucht, spiegelt. Sonderbar, daß Freud, ein feiner Kenner des 
Symbolischen im Leben, nicht imstande war, das Symbolische in der sexuellen Apper- 
zeption aufzulösen, das Sexuelle als Jargon, als Modus dicendi zu erkennen. Aber 
wir können dies verstehen, wenn wir einen weitereu Grundirrtum ins Auge fassen, als 
stünde der Neurotiker unter dem Zwang infantiler Wünsche, vor allem dos Inzest- 
wunsches, die allnächtlich (Traumtheorie) aufleben, ebenso auch bei bestimmten An- 
lässen in der Wirklichkeit." — (Ober deu nervösen Charakter. II. Auflage. Seite 5. 
Verlag I. F. Bergmann, 1919.) 

Dieses Buch wird uns Beweise genug bringen, daß die infantilen Wünsche in der 
Tat wieder aufleben, daß der Inzest gelegentlich seine bestimmte Funktion in der Psycho- 
genese der Impotenz hat und daß das Sexuelle viel mehr bedeutet als einen bloßen 
Modus dicendi. . . . 



Asketen, Hypochonder und Familieusklaven. 141 

ihn nach der Geburt des ersten Kindes die Patenstelle zu übernehmen. Er 
kam flüchtig zu ihr, erfüllte seine Pflicht frostig und gemessen und hielt sich 
auch ferner in kühler Distanz, wie ein Liebhaber, der von seiner Geliebten 
treulos verlassen wurde. 

Nach einigen Jahren kommt er wieder in meine Ordination. Er hat 
sich jetzt in einen kompletten Sexualhypochonder verwandelt. Er lebt 
gänzlich abstinent, da er doch die Folgen der Onanie und des verderb- 
lichen Koitus in anum kompensieren müsse. Er spricht immer wieder von 
dem unglückseligen Koitus in anum. Hätte er nur das nicht getan! Das 
habe ihn gänzlich ruiniert. Er machte sich darüber die heftigsten Vor- 
würfe. 1 ) Auch klagt er über Brennen und Schmerzen im Mastdarm und 
weiß bestimmt, daß er an einem Mastdarmkrebs sterben wird. Er zeigt 
alle fünf Punkte, die ich auf Seite 48 erwähnt habe: 1. Seine hypochon- 
drische Vorstellung ist eine Zwangsvorstellung und läßt sich durch den 
Intellekt nicht korrigieren. 2. Statt sich über den Koitus mit der Schwester 
Vorwürfe zu machen, klagt er über den „analen Verkehr". Seine Vorwürfe 
sind Ersatzbildungen. 3. Sein Anus ist seine erogene Zone. 4. Er bestraft 
sich für seine Inzesthandlungen. 5. Seine Todesangst ist die Angst vor 
der Abrechnung im Himmel, also vor der Strafe Gottes, der er durch 
selbstdiktierte Strafen und Buße zuvorkommen will. 

Eine deutliche Schwesterliebe und das Bild einer beginnenden Hypo- 
chondrie zeigt auch der nächste Fall: 

Fall Nr. 66. Herr J. F., Student von 25 Jahren, vor der Promotion 
stehend, konsultiert mich wegen Impotenz, die um so peinlicher sei, als er 
möglichst bald nach der Promotion heiraten möchte, da er so gut wie verlobt 
sei. Auf meine Frage, was er darunter verstehe „so gut wie verlobt", erwidert er: 

„Ich liebe ein Mädchen, das mit einem anderen Manne verlobt ist. 
Letzten Sommer waren wir viel zusammen. Ich faßte bald zu ihr eine heftige 
Neigung. Bin unglücklich, weil sie in einigen Monaten heiraten sollte. Der 
Bräutigam lebt in Schweden und konnte wegen der Kriegsvorhältnisse nicht 
kommen. Jetzt aber steht seiner baldigen Ankunft nichts mehr im Wege. Das 
Mädchen versprach mir, die Verlobung aufzulösen, da sie nur mich , wirklich' 
liebe. Wenn Sie mich von der Impotenz heilen, bin ich der glücklichste Mensch 
der Welt." 

Die Impotenz bestehe seit drei Jahren. In den letzten Jahren ist auch 
die Erektion beinahe ausgeblieben, so daß der Kranke von seinem Gebrechen 
vollkommen überzeugt ist. Er hat wenig onaniert und mit 18 Jahren den ersten 
Koitus absolviert. Er hatte damals ein Verhältnis mit einer im Hause woh- 
nenden jungen Näherin, zu der er jede Nacht schlich. Die Potenz war aus- 
gezeichnet. Da kamen ihm Gedanken, daß er sich vollkommen ruiniere und 
seine Lebenskraft ausgebe. Er wollte immer ein starker Mensch sein und hatte 
sich das Ziel gestellt, ein hohes Alter zu erreichen. Deshalb trieb er Sport 
und bemühte sich, alle hygienischen Regeln strenge zu befolgen. Mit über- 
menschlicher Kraft riß er sich von dem Mädchen los und bemühte sich durch 



') Vergl. meine Arbeit: Depressionen, ihre Ursache uud ihre Behandlung. Therapie 
der Gegenwart, 1920. 



142 Die Impotenz des Mannes. 

Abstinenz seine Lebenskraft zu steigern. Den Versuchungen wich er womöglich 
aus. Er merkte bald mit Schrecken, daß seine Potenz immer geringer wurde. 
Angst vor Infektionen und die ihm innewohnende Angst, sein Lebeu zu 
verkürzen, hatten als Hemmungen diese Schwäche bewirkt. Die Vorstellung 
„du bist impotent!" wirkte als Autosuggestion automatisch weiter und fixierte 
das Leiden. 

Der Analyse war es ein leichtes, hinter dem „Ich kann nicht" das 
„Ich will nicht" zu entlarven. Er äußerte sich spontan, daß ihn die Impotenz 
vor einigen Schlechtigkeiten bewahrt habe. Er wollte die Schwester seines 
Freundes verführen und wäre sicher dazu gekommen, wenn ihn sein Leiden 
nicht daran gehindert hätte. Auch mit seiner „Braut" hatte er ein ähnliches 
Erlebnis. Er war mit ihr im Walde allein, begann kühn zu werden und sie 
leistete keinen Widerstand; er wurde immer dreister. Die Erregung des Mäd- 
chens war eine so große, daß er sich alles hätte erlauben können, wenn ihn 
seine Impotenz nicht um die Früchte dieses billigen Sieges gebracht hätte 
Der Charakter dieser Impotenz als Sicherung war deutlich, aber sie hatte noch 
eine zweite Wurzel. Er hatte eine jüngere Schwester, über deren Tugend er 
eifersüchtig wachte (seine Braut ist die Freundin dieser Schwester). Er wollte 
einen Mann durchprügeln, sogar erschießen, der sich seiner Schwester -o- 
nähert hatte und mit dem sie korrespondierte. Kam sie einmal von einSm 
Spaziergange eine Viertelstunde später heim, so machte er eine heftige Szene 
Das Erlebnis mit seiner Braut gab ihm viel zu denken. Die Braut hatte eine 
ebenso gute Erziehung genossen wie seine Schwester und sei auch aus »uter 
Familie. Wie leicht könnte auch seine Schwester verführt werden, wenn"man 
sie nicht strenge bewachen würde! Er würde aber in einem solchen Falle seine 
Schwester samt dem Verehrer niederknallen. Die weitere Analyse ergab eine 
starke Fixierung an die Schwester. Er behandelte seine Braut als seine 
Schwester, daher seine Impotenz. 

Er ist überdies ein starker Zweifler und zeigt leichte Symptome einer Zwan°-s- 
parapath.e. Er wurde aufmerksam gemacht, daß das Junktim von Impotenz 
und Hochzeit dazu diene, die Entscheidung hinauszuschieben. Er müßte sich 
sagen: „Ich heirate das Mädchen, auch wenn ich impotent bin". Vor diese 
Entscheidung gestellt, gesteht er, daß er verschiedene Bedenken gegen das 
Mädchen habe. Das wichtigste Bedenken war, daß seine Familie mit der Wahl 
nicht einverstanden war. Trotzdem hindere er das Mädchen, einen wohl- 
situierten Mann zu heiraten. Es kam in der Analyse zutage, daß er den Plan 
gehabt habe, das Mädchen zu verführen und dann sitzen zu lassen. 

Die Potenz kehrte wieder, aber er löste die Verlobung auf. Die Braut 
hatte ihre höchsten Werte als Freundin der Schwester erhalten. In dem Momente, 
als ihm die Fixation an die Schwester klar wurde, sank die Leidenschaft in 
sich zusammen. 

Fall Nr. 67. Herr A. B., 29 Jahre alt, kräftig, von gesunden Eltern 
stammend, ist seit vier Jahren impotent. Flüchtige Morgenerektionen werden 
zugegeben. Die Impotenz führt er auf ein Verhältnis zurück, das ihn voll- 
kommen „entnervt" habe. Er wohnte als Zimmerherr bei Verwandten; daselbst 
befand sich eine Kusine, ein äußerst reizvolles „anständiges" Mädchen. Er 
begann mit ihr ein Verhältnis, das sich auf frustrane Erregungen beschränkte. 
Er kam jede Nacht zu ihr ins Bett, aber er deckte ihr Hemd nie auf, sondern 
lag halbangekleidet neben ihr, umarmte und küßte sie stürmisch. Ein einziges 
Mal hatte er, als das Mädchen tief schlief, versucht eine Immissio zu vollziehen. 



Asketen, Hypochonder und Familiensklaven. 143 

Wie er sieh mit dem Gliede der Seheide genähert hatte, erwachte sie und 
schrie auf. Er zog sich sofort zurück. Dieses Verhältnis dauerte zwei Jahre. 
Im weiteren Verlaufe des Verhältnisses kam es bei ihm zu stürmischen Eja- 
kulationen. "Während dieser Zeit machte er keine Versuche mit anderen Mäd- 
chen. Bald aber nach Abbruch der Beziehungen zu dieser Kusine erlebte ei- 
sern erstes Mißgeschick bei einer Dirne und konstatierte seine Impotenz. Seit 
damals gelangte er höchstens zu einer halben Erektion. Sein Mißgeschick sei 
es, daß er mit einem schönen lieben Mädchen verlobt sei und seine Heirat 
von seiner Potenz abhänge. Die Analyse ergab einige sehr merkwürdige Tat- 
sachen. Er war scheinbar ein Freigeist, im Innern fromm katholisch, aus einer 
streng religiösen Familie stammend. Es kam die überraschende Tatsaciie zutage, 
daß er doch einmal bei einer Dirue potent war. Er faßte dies als einen Zufall 
auf. Jedenfalls suchte er diese Dirne nicht mehr auf, obwohl ihn der Gedanke 
durchzuckt hatte: das Mädchen könnte dich gesund machen. Es ergab sich 
eiue starke Fixierung au seine zwei Schwestern, wodurch sich das merkwür- 
dige Verhältnis zu seiner Kusine erklären ließ. Er hatte sie auch wie eine 
Schwester behandelt. In der Analyse wurde er bald gesund und machte von 
seiner Potenz einen merkwürdigen Gebrauch. Er ließ seine Braut kommen 
und ließ sich trotz meiner Warnungen hinreißen, 6ie zu deflorieren. Er ent- 
schwand bald meinem Gesichtskreis, ich weiß nicht, ob er die Braut geheiratet 
hat. Auch seine Impotenz erwies sich als „Selbstschutz". Er ist ein ausge- 
sprochener Familiensklave. 

Seit der Publizierung der ersten Auflage dieses Werkes haben sich 
meine Erfahrungen vermehrt. Naturgemäß habe ich eine bunte Reihe von 
Impotenten behandelt. Der Zufall wollte es, daß ich in vielen Fällen auf 
einen „Schwesternkomplex" stieß. (Ähnliche Erfahrungen habe ich bei der 
Dyspareunie mit dem Bruderkomplex gemacht.) Ich will damit nicht sagen, 
daß die Fixierung an die Schwester die einzige Ursache einer psychischen 
Impotenz ist. Aber in zahlreichen Fällen stoßen wir auf diese Fixierung, 
welche meistens mehr als eine seelische Rindung bedeutet und oft auf 
wirklichen Inzest zurückgeht. Nach meinen letzten Erfahrungen muß ich 
leider sagen: Geschlechtsverkehr zwischen Geschwistern ist keine Ausnahme, 
sondern kommt verhältnismäßig häufig vor, besonders in der Jugend. 
Spielereien zwischen Geschwistern sind ein fast alltägliches Vorkommnis, 
das oft verdrängt, erst in der Analyse zutage kommt, oft aber voll- 
kommen erinnerlich ist. Ein solches Geschwisterpaar ist meistens für das 
Leben verdorben. Bruder und Schwester kommen voneinander nicht mehr 
los. Diese Erfahrungen habe ich in allen Gesellschaftsschichten und bei 
allen Nationen machen können. (Es wäre gefehlt hier von einem genius 
loci zu sprechen, denn mein Material stammt aus allen Teilen der alten 
und der neuen Welt.) Man lasse sich in der Analyse nicht täuschen, wenn 
die Kranken angeben, die Schwester wäre ihnen ganz gleichgültig, es wäre 
nie etwas zwischen ihnen vorgefallen, usw. Nach einiger Zeit tritt die 
Wahrheit hervor und die Patienten geben freiwillig an, was sie vorher 
angeblich nicht gewußt haben. Hüten muß man sich nur vor Suggestiv- 



144 



Die Impotenz des Mannes. 



fragen und vor zu früher Aufdeckung des Komplexes, falls er nicht auf 
dem Präsentierteller entgegengetragen wird. 

Der nachfolgende Fall bringt uns eine Reinkultur des {Schwestern- 
komplexes, wie ich ihn bisher noch nicht beobachten konnte. 

Fall Nr. 67 a. Jaromir L. ein 36jähriger Manu, von asthenischem Habitus, 
sonst gesund, keine Degenerationszeichen, aus gesunder Familie stammend, in 
seinem Fache sehr tüchtig und erfolgreich, Kaufmann, klagt über vollkommene 
Impotenz bei Frauen. In den letzten sieben Jahren habe er ein einziges Mal 
bei einem Mädchen in Polen volle Potenz gezeigt. Es war in der Etappe im 
Kriege. Mit diesem Mädchen hatte er ein Verhältnis, das einige Wochen 
währte. Dann mußte er den Ort verlassen und glaubte sich genesen. Aber 
schon der nächste Versuch mißglückte. Er habe eigentlich großes Glück bei 
Frauen. Er könnte die schönsten Mädchen und Frauen haben, aber er müsse 
im letzten Momente zurücktreten, denn jeder Versuch ende mit einer voll- 
kommenen Blamage. 

Die Analyse vollzieht sich unter großen Widerständen. Er weicht den 
freien Assoziationen aus und spricht über allgemeine Themen, versichert wider- 
holt, daß man ihm nicht helfen könne, seine Impotenz Bei die Folge seiner 
Onanie. Er onaniert nämlich zeitweilig mit vollkommen guter Potenz und 
macht sicli später bittere Vorwürfe, daß er seine Jugendkraft vergeudet habe. 
Er kompensiert dann den Kräfteverlust dadurch, daß er am nächsten Tage 
zehn Eier ißt, um den Ausfall von phosphorhältiger Substanz zu ersetzen. 

Wiederholt bleibt er aus der Behandlung unter allerlei nichtigen Vor- 
wänden aus, kommt immer später, will aber einen größeren Pauschalbetrag 
zahlen, wenn ich ihm die Heilung garantiere, was ich selbstverständlich ab- 
lehne. Endlich erzählt er mir seine Lebensgeschichte ungeschminkt und mit 
voller Offenheit. 

Er hatte in seiner Jugend (12—19) eine leidenschaftliche Liebe zn seiner 
um vier Jahre älteren Schwester gefaßt. Sie lagen oft in einem Bette (16) 
und sie spielte mit seinen Genitalien. Zu einem Koitus ist es nicht gekommen, 
weil sie sich vor den Folgen fürchtete. Nach einiger Zeit begann der Junge 
auch mit seiner um 12 Jahre jüngeren Schwester zu spielen. Sie war vier 
Jahre alt, als er daranging sie systematisch für sich „abzurichten". Zuerst 
lehrte er sie, seinen Penis in die Hand nehmen und spielte mit ihren Genita- 
lien. Dies Verhältnis wurde mit beiden Schwestern fortgesetzt, bis sich die 
ältere Schwester verlobte, was für ihn ein schwerer Schlag war. Er hätte den 
Schwager und die Schwester umbringen können. Noch einen Tag vor der 
Brautnacht kam er zu seiner Schwester und nahm sich vor, sie zu vergewaltigen, 
wenn sie sich wehren sollte. Aber sie wehrte sich nicht. Er war damals schon 
19 Jahre alt und kräftig genug, seinen Willen durchzusetzen. Sie küßte ihn 
leidenschaftlich und sagte ihm: „Daß du es weißt: Ich habe nur dich lieb! 
Ich heirate „ihn" ohne Liebe. Nimm mich! Du sollst mich zuerst besitzen." 
Er war gewaltig aufgeregt, sein Verlangen auf das höchste gesteigert, 
aber als er sich ihr nahte und ihr Genitale mit der Spitze des Penis berührte, 
kam er schon zur Ejakulation, der Penis kollabierte sofort. Ein zweiter Ver- 
such in der gleichen Nacht zeitigte den gleichen Mißerfolg. 

Am nächsten Tag fand die Hochzeit statt. Er war furchtbar traurig und 
schlich in dieser Nacht zu seiner jüngeren Schwester und versuchte mit dem 






Asketeu, Hypochonder und Familie usklavon. 145 

Kind (7 Jahre alt!) einen Koitus — mit dem gleichen Mißerfolg wie bei der 
älteren Schwester. 

Seit dieser Zeit spielte sich sein Liebesleben nur mit der jüngeren 
Schwester ab, immer mit dem gleichen Mechanismus: Schmerzhafte starke 
Erektion, anhaltend, so lange er nur spielte und spielen ließ und sofortige 
präzipitierte Ejakulation im Momente, da er eine Immission versuchte. Es kam 
trotz Versuchen niemals zu einer Immissio. Das zog sich Jahre hin 
und er erzog sich die jüngere Schwester als seine Geliebte, lehrte sie allerlei 
Paraphilien. Sie war wahnsinnig in ihren Bruder verliebt und vergötterte ihn. 
Auch auf die ältere Schwester konnte er nicht verzichten. In der Zeit von 
19 bis 29 kam die üppige Frau manchmal nach Hause und eine Zeitlang 
wohnte er bei ihr als Gast. Es kam bei diesen Gelegenheiten auch da zu 
neuen Versuchen, bei denen er im entscheidenden Momente immer versagte. 

Schließlich war er 29 Jahre und die jüngere Schwester 17. Sie war zu 
einer wunderbaren Schönheit herangeblüht. Er beschloß sie um jeden Preis 
zu deflorieren. Er hatte seit dem 20. Jahre bei Dirnen mit guter Potenz den 
Koitus vollzogen. Er ging vorher zu einer Dirne und dann zur Schwester, 
um nicht so aufgeregt zu sein. Das Resultat war ebenso kläglich wie vorher. 
Die Schwester war furchtbar leidenschaftlich, flehte ihn an, sie zu erlösen. Er 
konnte es nicht. Einmal onanierte er viermal vorher, um eine längere Erek- 
tion zu erzielen. Auch dieses Mittel half ebenso wenig, als alle möglichen 
Aphrodisiaka, welche ihm die Ärzte angeraten hatten. Die Schwester kühlte 
ab und wollte nicht mehr mit ihm zusammenschlafen. Sie wurde sehr viel um- 
schwärmt und verlobte sieh mit einem ihm natürlich „sehr unsympathischen 
Menschen". Seit dieser Verlobung war er auch bei Dirnen impotent, immer 
von der Zwangsvorstellung besessen, die Schwester zu erobern und zu seiner 
Geliebten zu machen. Die Verlobung ging durch seine Machinationen in Brüche. 
Er wußte die ganze Familie materiell so zu fesseln, daß er der absolute 
Herr im Hause war. 

In der ersten Zeit der Behandlung leugnete er, daß er mit seinen 
Eltern und der Schwester zusammen wohne. Endlich gestand er die Wahr- 
heit und mußte zugeben, daß er noch bis in die letzte Zeit die Versuche 
fortgesetzt hatte. Jetzt sei aber die Schwester widerspenstig und drohe ihm, 
sie werde alles den Eltern sagen. Sie hätte jetzt eine Bekanntschaft; der 
Mann wolle sie heiraten ; er leide entsetzlich unter Eifersucht und arbeite mit 
allen Mitteln gegen die Heirat. 

iiis gelang mir ihn zu überzeugen, daß er niemals sein Ziel erreichen werde 
die Schwester zu besitzen), da die moralischen Hemmungen zu groß seien. 
Er trennte sich von seiner Schwester, bezog eine eigene Wohnung, sie heiratete 
nach kurzer Zeit. Bald nach ihrer Heirat verlobte er sich mit einem ihm sym- 
pathischen Mädchen und konnte mir nach der Heirat berichten, daß er 
vollkommen genesen sei. 

In allen diesen Fällen muß der Analytiker mit Erstaunen konsta- 
tieren, daß die Kranken nicht an die Möglichkeit einer Heilung glauben 
wollen. Auch dieser Patient wiederholte die mir bekannten, stereotypen 
Worte: „Mir ist nicht zu helfen!" Bei keinem anderen Leiden wird man 
dieses hartnäckige Festhalten an der Autosuggestion des Leidens finden. 
Der Impotente sträubt sich gegen seine Heilung. Wohl versichert er, er 
werde im Falle seiner Heilung der glücklichste Mensch auf der Welt 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affektlebens. IV. 2. Aufl. jq 






146 



Die Impotenz des Mannes. 



sein, er würde alle Schätze hergeben, um zu genesen, aber in der nächsten 
Minute wird er seine Zweifel aussprechen und immer wieder betonen, daß 
es sich um eine organische Schwäche handelt und daß er unheibar sei. 

Dieser Glaube an die Unheilbarkeit des Leidens stammt 
von dem geheimen Sexualziel und heißt eigentlich: „Mich könnte 
nur der Besitz der begehrten Person potent machen. Diese 
Person kannst du mir nicht geben. Auch mein Gewissen und 
die Gesetze verbieten es. Daher wirst du mir nicht helfen 
können." 

Die Formel würde auf den letzten Fall angewendet lauten : Nur der 
Besitz der Schwester könnte mich potent machen. Dies ist mir unmög- 
lich. Daher ist mir nicht zu helfen. 

Andrerseits drückt sich in diesem Krankheitswillen ein gewisser 
Trotz aus: „Wenn ich nicht meine Schwester haben kann, so verzichte 
ich auf alle anderen Frauen und auf meine Genesung!" 

So verrät der Glaube an die Unheilbarkeit die Stärke einer fixen 
Idee und zeigt uns eine sexuelle Leitlinie mit ihrem geheimen unerreich- 
baren Sexualziel. 

Ich schließe dieses Kapitel mit der Schilderung eines sehr wichtigen 
Falles, der uns ganz neue Perspektiven bringt. 

Fall Nr. 68. Herr S. D., ein Fabrikant im Alter von 32 Jahren, ist seit 
drei Jahren vollkommen impotent. Er hat vor sieben Jahren geheiratet und 
ist Vater von drei Kindern. Seine Potenz am Beginne der Ehe war eine 
ziemlich gute. Er litt wohl an Ejaeulatio praecox. Aber er vollzog die De- 
floration seiner Gattin mühelos und war gewöhnt, jede Nacht vor dem Ein- 
schlafen einen Koitus zu absolvieren. Er führt seine Impotenz auf diese Ge- 
wohnheit, auf die große Überanstrengung in Sexualibus zurück. Er habe 
za viel geleistet. Nun sei er erschöpft. Er fühlt sich müde und alt 
und betont wiederholt, daß es mit ihm abwärts gehe. Seine 
Impotenz bezieht sich nicht nur auf das Sexuelle. Er fühlt sich dem 
ganzen Leben gegenüber minderwertig. Er kommt sich häßlich vor und 
kann nicht begreifen, daß er einer Frau gefallen könnte. Er kann in seinem 
Privatleben niemandem einen Befehl geben. Er ersucht den Diener, ihm 
etwas aus der Apotheke zu holen, er macht lieber alles allein, bevor er einem 
Dienstmädchen einen Auftrag gibt. Er begreift es nicht, daß ihm ein Mensch 
gehorchen könne. Er ist ein großer, starker, blühend aussehender Mann. Er 
fühlt sich klein, krank, schwach und dem Grabe nahe. Jeden Tag merkt er, 
daß er sich dem Tode nähere. Die Hoffnung auf Erlangung der Potenz hat 
er ganz aufgegeben. Er hat alle berühmten deutschen und ausländischen Spe- 
zialisten konsultiert. Alle sagten ihm: „Ihnen fehlt gar nichts. Das wird be- 
stimmt gut werden." Aber alle Kuren und Medikamente halfen gar nichts. 
Nutzlos waren Johimbin, Muriazethin, Sperminum Poehl, Elektrizität und alle 
hydrotherapeutischen Kuren. Nutzlos war eine Suggestionsmethode, bei der er 
nicht in Schlaf geriet. Eine Erfahrung, die ich schon oft gemacht habe: die Im- 
potenten sind die schlechtesten Versuchsobjekte für eine Hypnose. Auch bei 
unserem Patienten wurde eine Hypnose ohne jeden Erfolg versucht. Er konnte 



Asketen, Hypochonder und Familiensklaven. ^4.7 

nicht einschlafen und die Suggestionen im Halbschlaf blieben ohne jeden 
Erfolg. 

Sein ganzes Leben ist nur der Arbeit gewidmet. Er ist ein Fanatiker 
der Arbeit. Nur eine Ausnahme macht er, die ihn von den Fleißigen unter- 
scheidet. Er schläft ziemlich lange in den Tag hinein. Er und seine Frau 
stehen erst um 11 Uhr vormittags auf. Er hat das ungeheure Schlafbedürfnis 
der unglücklichen Menschen, die der Traum für alle Unbill des Tages ent- 
schädigen muß. Dann aber beginnt sein Robot und er arbeitet ohne Pause 
bis spät in die Nacht hinein. Er kennt keinen Feiertag und keine Pausen. 
Während seine Angestellten Urlaube verlangen, einen Tag der Woche Aus- 
gang haben, hie und da ins Theater gehen, kennt er das Wort Vergnügen 
nicht. Zu Hause oder in einem Vergnügungslokale ist er unglücklich. Er fülilt 
sich am behaglichsten, wenn er in seinem Geschäfte ist und arbeiten kann. 
Dabei kommt es ihm gar nicht auf das Geldverdienen an. Er ist sparsam, 
sogar geizig, ohne das Geld zu lieben. 

Durch sein ganzes Wesen zieht sich eine asketische Tendenz, die 
wir bei so vielen Impotenten beobachten können. Er hat früher gerne 
geraucht. Plötzlich gab er das Rauchen auf, weil er sehen wollte, ob er sich 
beherrschen könne. Er spielte hie und da Karten. Bald fand er, daß ihm 
das auch kein Vergnügen machen könne. Er hörte ein für allemal zn spielen 
auf. Nach dem Vorhergehenden werden wir verstehen, daß er auch Alkohol in 
jeder Form verschmähte und vollkommen abstinent war. 

Diese asketische Tendenz werden wir bei allen Impotenten nachweisen 
können. Es finden sich unter ihnen auffallend viele Vegetarier, Antialkoho- 
liker, Menschen, die nicht rauchen, auch Arbeitsfanatiker. Diese asketische 
Tendenz entspricht einer selbst diktierten Strafe und heißt: Das verdienst du 
nicht! Die Menschen bestrafen sich gerne mit dem, was ihnen das liebste ist. 
Impotente sind meistens Menschen, welche die Impotenz schwer ertragen, da 
sie hypersexuell sind und den ganzen Tag in erotischen Phantasien schwelgen. 
Ihre Unfähigkeit zur Liebe steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu ihrem 
Verlangen. Wir merken hier auch eine Schutztendenz der Impotenz. Sie haben 
das dunkle Gefühl, sie müßten sich besonders beherrschen lernen. Denn ließen 
sie der Sexualität die Zügel locker, so würden sie bald ausschweifend werden 
und Sklaven ihrer Leidenschaften. Es geht ihnen aber darum, die 
Herren ihrer selbst zu bleiben. Ihre grenzenlose Herrschaft richtet sich 
nach innen. Asketen sind ehrgeizige Menschen, mit deutlich sadisti- 
scher Anlage, die den Willen zur Macht gegen das eigene Ich 
wenden. Sie sind das einzige Objekt, das ihnen willenlos ausgeliefert ist. Die 
Askese ist dann das Produkt des gegen das Ich gerichteten Willens zur 
Macht. Sie sind groß im Versagen und klein im Genießen. Man verstehe 
mich wohl: ich meine hinter dem „Ich kann nicht" steckt eine ganz ander« 
Kraft. Es heißt eigentlich : „Du darfst nicht!" Und noch wichtiger ist das: 
„Ich will nicht." 

Es ist die Kunst der Psych an alyse , hinter dem Nichtkönnen das 
Nichtdürfen und das Nichtwollen nachzuweisen. 

Auch in diesem Falle drängt sich die Vermutung auf, daß der Kranke 
sich für irgend einen Vorfall bestraft. Andrerseits müssen wir immer bedenken 
daß in diesen Fällen die Liebe zu der Frau nicht sehr groß sein kann. Denn 
eine große Liebe läßt eine solche Impotenz nicht aufkommen. 

Er antwortet auf meine Frage: „Natürlich liebe ich sie und keine andere 
Frau. . . Hätte ich 6ie sonst geheiratet?" Er sei sehr glücklich in der Ehe, 

10* 



148 



Die Impotenz des Mannes. 



habe keinen anderen Wunsch, als den, mit seiner Frau wieder verkehren zn 
können. 

Wer sich nicht gewöhnt hat, hinter diesen Ausflüchten die Wahrheit zu 
erkennen, der wird nie eine Impotenz heilen können. Wir erkundigen un6 
vorsichtig nach seiner Sexualgeschichte und erfahren folgende sein- interessante 
Details. Der Patient begann schon sehr früh zu onanieren. Er onanierte schon 
mit zehn Jahren und vielleicht früher. (Aber sein Gedächtnis versagt bezüglich 
früher Erinnerungen.) Er onanierte täglich. Erst mit 15 Jahren begann" der 
Kampf gegen die Onanie, der sich durch sein ganzes Leben zieht. Es kommt 
noch jetzt vor, daß er onaniert. Er faßt natürlich die Impotenz als Folge der 
Onanie auf. Er ist unglücklich, wenn er nach monatelangen Pausen wieder 
einmal onaniert hat. Er wird so verstimmt und traurig, daß er dann wochen- 
lange kein Wort spricht, ja er merkt sich die Daten, an denen er onaniert 
hat. Diese Tage sind für ihn Unglückstage. Er hat einen ganzen Kalender 
dieser Unglückstage. Er merkt sich sogar die Orte, wo er einmal onaniert hat. 

Sein Kampf gegen den Genuß, seine asketische Tendenz ist 
eigentlich ein Kampf gegen die Onanie. Während er aber in allen 
anderen Genüssen Sieger geblieben ist, führt ihm die Onanie immer wieder 
seine eigene Schwäche vor Augen! 

Der onanistische Akt ist mit großem Orgasmus verbunden, während er 
beim Koitus nur einen mäßigen Orgasmus empfindet. Dies zeigt uns schon, 
daß die Onanie der Ersatz irgend einer anderen Sexualbefriedigung ist. . 
Der 1 atient wird nach seinen Phantasien bei der Onanie befragt. Er ist ver- 
legen und meint es wäre immer eine Frau, irgend ein Mädchen oder eine 
*rau aus seiner Bekanntschaft. Wir merken die polygame Tendenz, die sich 
in der Onanie kundgibt und die zu seinem asketischen Leben im scharfen 
Gegensatz steht Ferner erkennen wir, daß er ein Mensch ist, der nicht 
gewohnt ist sich über seine eigenen Gedanken und Phantasien Rechenschaft 
zu geben. Er ist ein Tagträumer, wie viele dieser Patienten. 

Dieser Tagtraum spielt eine große Rolle in der Psvchogenese der Im- 
potenz. Heilen heißt die Tagträume vollkommen bewußt und über- 
flüssig machen. Diese Menschen arbeiten oft viel, aber sie arbeiten mecha- 
nisch, wobei sie immer ihren Phantasien nachhängen können. Ihre Arbeit ist 
daher nie tadellos, sie sind zerstreut und machen viele . Fehler. So steht es auch 
um unseren Kranken. Er arbeitet, aber er läßt sich gerne kontrollieren, weil 
er kein Vertrauen zu seiner Arbeit hat. Wenn er Sonntag keine Arbeit findet 
oder sich auf dem Wege in sein Geschäft oder auf einer Promenade mit seiner 
Frau befindet, kann er stundenlang vor sich hinbrüten und weiß nicht, was 
er gedacht hat. Er kennt eben den Inhalt seiner Tagträume nicht. 

Wir hören nun, daß er mit 21 Jahren zum ersten Male zu einem Weibe 
kam. Natürlich versuchte er es im Lupanar und versagte vollkommen. Wir 
finden solche Erlebnisse sehr häufig in der Geschichte der psychischen Im- 
potenz. Er wiederholte dann den Versuch und es gelang ihm, einen Koitus 
auszuführen, der ohne jeden Orgasmus verlief. Erst nach einigen Monaten 
hatte er seinen ersten Orgasmus. Er fand ein Mädchen, das ihm gefiel und 
mit dem er eine ganze Nacht verbrachte. Während er beim ersten Koitus immer 
nur eine lustlose Ejaculatio praecox erzielen konnte, war der zweite und dritte 
sehr zufriedenstellend und auch mit Orgasmus verbunden. Am nächsten Morgen 
fühlte er sich überaus glücklich und zufrieden. Er wußte nun, daß er heiraten 
dürfe und daß er imstande sei, eine Frau zu befriedigen. 



Asketen, Hypochonder und Familicnsklaveu. ^49 

Interessant ist der Umstand, daß er die Adresse dieser Puella nicht 
kannte, nicht verlangte und nie mehr mit ihr zusammenkam. Er hatte sie auf 
der Straße kennen gelernt. Er sagte sich : „Du wirst sie schon wieder anf der 
Straße begegnen." Er suchte sie und konnte sie nie wieder finden. Wir können 
ruhig annehmen, daß er sie nicht finden wollte. Daß er sich vor ihr fürchtete, 
gerade woil er bei ihr einen großen Orgasmus empfand. Sein System von 
Sicherungen vertrug dieses Mädchen nicht! Sie hätte ihn leicht ausschweifend 
macheu und um seine Selbstbeherrschung bringen können. Wir merken also 
auch an dieser Episode das Nichtwollen als stärkste Kraft in seinem Leben. 
Hier traf er ein Mädchen, das sein Nichtkönnen tiberwinden konnte. Er tat 
alles mögliche, um nicht wieder zu unterliegen. . . . Sein Suchen nach dem 
Mädchen war eines der billigen Spiele , mit denen der Parapathiker sein Be- 
wußtsein beruhigt. Er tat nur so, als ob er es suchen würde, als ob er sich 
sehnen würde, mit einer Frau zu verkehren, bei der er Orgasmus empfindet. 

Jedenfalls war er seit diesem Abenteuer ein anderer Mensch und viel 
selbstbewußter und männlicher. Er fühlte sich als Mann. . . . 

Jetzt begann das Suchen nach einer Leben sge'fährtin. Bei jedem Mädchen 
fand er ein „Wenn" und ein „Aber", bei jedem irgend einen Fehler. Bei dem 
einen paßte ihm die Familie nicht, bei dem anderen war zu wenig Geld vor- 
handen, das dritte war nicht schön genug, das vierte war zu elegant ange- 
zogen, das fünfte zu wenig nett. . . Kurz, er suchte immer nur mit halbem 
Willen und wäre am liebsten ein Hagestolz geblieben. Da machte ihn sein 
Vater auf ein Mädchen aufmerksam. Er heiratete es, weil er des Suchens 
müde war und weil er sich rationalisierte, daß er sieb ruhig auf seinen Vater 
verlassen konnte. . . . 

Er heiratete seinem Vater zuliebe, weil er immer ein gehorsamer Sohn 
war. Wir werden auf dieses merkwürdige Phänomen noch zurückkommen. Ich 
kenne zahlreiche Ehen, die aus Trotz oder aus Gehorsam den Eltern gegen- 
über geschlossen werden. Es sind meistens unglückliche Ehen. . . . 

Er hatte an seiner Frau keine Fehler auszusetzen. Sie war weder reich 
noch schön, sie war aus guter Familie und er glaubte , er werde sie lieben 
können. Er konnte sie leicht deflorieren und zeugte mehrere Kinder, ehe die 
Störung einsetzte. Er hatte wohl eine stark ausgeprägte Ejaculatio praecox, 
die aber seine Frau nicht zu stören schien. Er war aber gleich seiner Potenz 
nicht Bicher. Deshalb koitierte er jede Nacht vor dem Einschlafen. Es war ge- 
wissermaßen die Probe, als ob er sich sagen wollte: Siehst du, es geht noch. 
Er wiederholte aber niemals den Koitus, auch nicht in den ersten Wochen 
der Ehe. Das ist für einen jungen Ehemann ein seltenes Vorkommnis. Wo 
wir es konstatieren, da können wir den sicheren Schluß ziehen, daß das Ver- 
langen nach der Frau kein großes ist, daß der Mann nur eine sehr geringe 
Libidomenge zur Verfügung hat, die bald aufgebraucht ist. 

Ich erkläre meinem Krauken, daß er seine Frau ohne Liebe geheiratet 
habe, was ein großer Fehler gewesen sei. Ich frage auch, ob er nie geliebt habe. 

Unter großen Widerständen erfahre ich dann folgenden Tatbestand, der 
für die Psychogenese seiner Impotenz von der größteu Bedeutung ist. Er war 
noch ein Junge von zwanzig Jahren , da lernte er ein Mädchen kennen , das 
auf ihn einen großen Eindruck machte. Es war das einzige Mädchen, mit dem 
er frei sprechen konnte, wie es ihm ums Herz war. Sie trafen sich ein Jahr 
hindurch fast jeden Tag und gingen einige Stunden spazieren. Die Zeit wurde 
ihm nie lange. Er zeigte ihr deutlich seine Neigung und auch das Mädchen 
hielt mit den Beweisen ihrer Gunst und Bevorzugung nicht zurück. Da traf 



150 Die Impotenz des Mannes. 

ihn das Unglück, daß die Familie dieses Mädchens die Stadt verließ, in der er 
wohnte und in ein nicht allzuweit entferntes anderes Städtchen zog. Er versprach 
ihr zu den Osterferien einen Besuch. Bis dahin schrieben sie sich sehr fleißig 
Briefe, in denen Beteuerungen der Liebe und Treue eine große Rolle spielten 

Es kam die kritische Zeit. Er ersuchte seinen Vater um die Erlaubnis 
in das benachbarte Städtchen zu fahren. Die Anwesenheit eines Jugendfreundes 
in diesem Städtchen gab einen guten Vorwand. Denn seine Liebessache hatte 
er seinem Vater verschwiegen, da sie ja gar nicht spruchreif war und er vor 
vier oder fünf Jahren gar nicht ans Heiraten denken konnte. 

Da geschah etwas, was in seinem Leben eine große Wandlung hervorrief 
feein älterer Bruder, über den wir noch ausführlich zu sprechen haben werden' 
suchte ihn auf und gab ihm zu verstehen, daß seinem Vater der Umgang mit 
diesem Madchen nicht angenehm wäre. Das Mädchen wäre sicherlich ein feines 
Mädchen aber d,o Famihe zähle nicht zu den vornehmen und angesehenen 

l^.Vh ° er i Vat f iab ° "^ ***» eiüeu Flirt > er --e aber „n 

glücklich, wenn aus der Sacho etwas Ernstes würde 

BA U* Hi , er f V ; ar f die Kr f unseres Patient«! auf die erste Probe gestellt! Er 
»Ute jetzt trotzen und gegen den Wunsch (nicht gegen den Willen') des 
Vaters doch hinfahren. Er sollte wählen zwischen eeln« Liebe und der Lieb" 

Tem Vo" l g ? ?T P ' an 2* "^ SChri6b der «WM*J u"te, iigend 
einem Verwände ab. Er korrespondierte noch eine Zeitlang mit ihr. Dann gab 

er auch die Korrespondenz auf. Sie wartete auf ihn einife Jahre. Dann aber 

gab sie die Hoffnung auf und heiratete einen anderen. (Er sah sie vodge 

r Jß SÄ f ' « li*". f inen u Stich iüS Herz. Sofort aber konstatierte 
er daß s,e ihm jetzt nicht gefallen könnte und er bei ihr sicherlich auch im- 
potent wäre . . .) 

*M S^n^STJ? 11 ? J? dafaUf hin ' daß er die8es WeseQ weh heute 
hebt. Der Geschlechtsrnstinkt hatte ihn zu diesem Mädchen hingezogen. Wir 

o^n.mtS.cerhcitannehmen, daß er bei ihr nicht impotent gewesen wäre, 
beme Traume aber zeigen, daß er noch heute an dieses Mädchen denkt. Er ist 
bei seiner rrau impotent, weil er immer wieder die andere begehrt. Das Mädchen 

Z ,v t \ u 1 f r 6r 0r S asmus empfunden und dreimal hintereinander 
den Koitus ausführen konnte, sehr ähnlich. Das erklärt alles 

Aber wie merkwürdig war dieses Verhalten zu dem Vater, den er ffar 
uich gesprochen hatte, den er gar nicht interpellierte und zu überzeugen ver- 
suchte, dessen Wünsche er bedingungslos annahm! 

Sein Vater war für ihn das Muster eines pflichteifrigen, vornehmen, wohl- 
tätigen, angesehenen Mannes. Der Vater war sein Ideal, zu dem er voll Ver- 
ehrung wie zu einem höheren Wesen emporblickte. Es schmerzte ihn aber 
daß der Vater sich nie um sein Seelenleben bekümmerte und mit ihm nie ein 
vertrauliches Gespräch führte. Ja, vor seiner Abreise nach Wien, wo er sich 
in meine Behandlung begeben wollte, sprach er seinen Vater am Bahnhof und 
machte ihm Vorwürfe. Er hätte doch auch Schuld an seinem Leiden, er hätte 
sich nie um ihn bekümmert. . . Es war leider so gekommen, daß alle Ver- 
wandten (ja fast alle Welt) von seiner Impotenz Kenntnis hatten. Seine Frau 
hatte diese Tatsache jedermann mitgeteilt — aus welchen Motiven, das ist 
mir nicht bekannt worden. Aber auf ihn wirkte diese Tatsache sehr nieder- 
drückend und verminderte sein Selbstbewußtsein, isolierte ihn und ließ ihn lieber 
die Einsamkeit als die Gesellschaft seiner Verwandten aufsuchen. 

Die Vorwürfe seinem Vater gegenüber bezogon sich auch auf die Wahl 
seiner Frau, obgleich er über diesen Punkt nie offen mit dem Vater sprach, 



Asketen, Hypochonder und Familiensklaven. 151 

ja sich selbst keine klare Rechenschaft geben wollte, daß er mit der Wahl 
des Vaters sehr anzufrieden war. Seine Frau war ein Kind und kümmerte 
sich gar nicht um die Wirtschaft und um die Erziehung der Kinder. Sie ließ 
alles gehen, wie es die Dienstboten wollten, so daß eine recht arge Mißwirt- 
schaft in seinem Hause herrschte. Sie lag bis spät in den Tag hinein im Bette, 
machte dann einige Besuche und lebte nur ihrem Vergnügen. Sie sparte nicht 
und hatte weder Interesse für das Hauswesen noch für seine Geschäfte. . . . 
Er hatte gegen sie eine feindliche Einstellung, die er sich nicht gestehen wollte, 
die sich aber in der Potenzstörung deutlich äußern konnte. 

Immer stand vor seiner Seele das Bild der Freundin, die er so feige 
ohne den Versuch eines Widerstandes aufgegeben hatte. Er liebte sie auch 
weiterhin, ohne sich darüber Rechenschaft geben zu wollen. 

Wie kam es aber, daß er auf den bloßen Wunsch des Vaters sofort zu- 
sammenknickte und nicht einmal an die Möglichkeit eines Widerstandes dachte? 
Das will ich gleich erklären, nur vorher ausführen, wie er versuchte darüber 
hinwegzukommen. Er veränderte sein Wesen und wurde aus einem frischen 
lebenslustigen Jungen ein ernster, überaus strebsamer Mann. Er wurde unnatürlich 
fleißig. Es ist dies das Prinzip der Ablenkung, das in der Psychogenese der 
Parapathie eine so überragende Rolle spielt. Er lernte vom Morgen bis in die 
späte Nacht, so daß sein Vater ihn bitten mußte aufzuhören, er ruiniere doch 
seine Gesundheit. Er lernte weiter und wußte sich so zu beschäftigen, daß 
er keine freie Minute mehr hatte. Nun konnte er nicht denken und glaubte, 
er habe das Mädchen schon ganz vergessen. 

Noch einige Worte über sein Verhältnis zum älteren Bruder. Er hatte 
mehrere Brüder. Sie waren alle leichtsinnig und machten dem Vater viele 
Sorgen, kosteten ihm auch viel Geld. Besonders der ältere Bruder, der ein 
Bruder Leichtsinn war. Sein Stolz war es, sich von diesem Bruder zu 
differenzieren. War der Bruder leichtsinnig, so mußte er doch übertrieben 
pflichteifrig werden; war der Bruder die Sorge seines Vaters, so wollte er 
sein Trost sein. Der Bruder war ein Mädchenjäger und bekannter Don Juan, 
ein Trinker und Spieler. Was war uäherliegend , als daß er nun ein Asket 
wurde, der die Frauen mied, keine Karte anrührte, nicht rauchte, kurz ein 
Mustermensch in jeder Beziehung wurde? Sein Vater trug ihm oft Geld an. 
Er wies es zurück. Dabei wurmte es ihn, daß der Bruder, daß alle Brüder 
so viel Geld verbrauchten, aber er rationalisierte sich diesen Ärger, indem 
er sich sagte: „Du sorgst dich nur deines Vaters wegen. Wovon wird der 
geliebte Mann im Alter leben?" . . . 

Am meisten kränkte es ihn von seiner Frau, daß sie die überragende 
Bedeutung des Vaters nicht anerkennen wollte. Sie liebte nur ihren eigenen 
Vater in abgöttischer Weise und betonte immer wieder, daß ihr Vater aus 
einer viel besseren Familie stamme, was unseren Patienten schmerzlich ver- 
letzte. So häufte sich in seiner Seele ein dumpfer Groll an, der sich nie in 
Szenen entladen konnte. Dazu war er zu schwach. Aber er konnte sich in 
einer empfindlichen Strafe, in der Impotenz äußern, welche seine Frau beleidigte 
und welche sie auch ganz richtig auffaßte. Wenigstens betonte sie es wieder- 
holt ihrem Manne gegenüber: „Du mußt mich nicht richtig lieben, sonst könntest 
du nicht impotent sein. Bei einer anderen, die dir besser gefallen würde, 
wärest du nicht impotent!" Er bekämpfte diesen Standpunkt energisch. Ein 
Gegenbeweis war nicht zu liefern, da seine strengen moralischen Grundsätze 
ihm verboten, ein anderes Weib anzurühren. 



1 



152 



Die Impotenz des Mannes. 



Es war die Moral seines Vaters, die er sich ganz zu eigen gemacht 
hatte. Auch sein Vater hatte eine Frau, die tief unter seinem geistigen Niveau 
stand und der er trotzdem die Treue hielt. Es stellte sich in der Analyse 
heraus, daß er sich mit seinem Vater identifizierte. Der Vater pflegte 
schon seit vielen Jahren keiuen Geschlechtsverkehr mehr. Er maehte 
es wie der Vater. Deshalb fühlte er sich so alt und so müde. Er hatte eine 
vollkommene Identifizierung mit seinem geliebten Objekte, dem Vater, vollzogen. 
Es mußte aber ein Junktim zwischen seiner Impotenz und dem Vater 
bestehen. Darauf deuteten verschiedene Erscheinungen. In der Analyse trat 
das Junktim bald zutage. Er hatte ein Schutzmittel gegen die Onanie ge- 
sucht und konnte es nicht finden. Da kam er auf den Einfall, er werde beim 
Leben des Vaters einen Eid leisten, nicht mehr zu onanieren. Diesen Eid 
brach er und das war seine große Sünde. 

Diese Sünde mußte er büßen und so büßte er sie durch die Abstinenz 
Er hatte sich nämlich ein anderes Junktim gebildet: „So lange du nicht koitieren 
wirst, so lange wird dein Vater leben!" Das erklart uns die Angstgefühle vor 
einem Koitusversuch. 

Nun gesteht er, daß er selbst die Erektionen verhindert. Er hatte 
ganz kräftige Erektionen. Er schicke sich an, den Koitus auszuführen. Doch 
habe er sich angewöhnt vorher zu urinieren. Das gehe sehr schwer und er 
müsse warten, bis die Erektion nachlasse, so daß die Miktion zustande käme 
Dann wäre es aber aus und es komme keine Erektion mehr zustande Das 
heißt mit anderen Worten: Er ersetzt den Orgasmus des Koitus 
durch das infantile Lustgefühl der Miktion während der Erektion 
dabei empfindet er ein Brennen und einen Kitzel in der Urethra' 
Er begnügt sich also mit einer starken Vorlust und verzichtet auf 
den eigentlichen Orgasmus. 

Er verhindert seine Potenz und führt durch geschickte Manipulationen 
eine Impotenz herbei. Er ist ein Schauspieler der Impotenz. 

Wie bei allen diesen Kranken findet sich auch bei ihm die Vorstellung- 
durch die Enthaltsamkeit könne mau sein Leben verlängern. Er will sehr alt 
werden und sieht in jedem Samenverlust einen Verlust an Lebenskraft Er 
behandelt das Sperma wie Geld und ist auch sonst im Leben ein Geizhals 

Zu dem Bilde gehört noch die homosexuelle Komponente, die allein die 
Durchführung des asketischen Programines gewährleistet. Er will von homo- 
sexuellen Einstellungen nichts wissen. Aber im Laufe der Behandlung treten 
diese Einstellungen in aller Deutlichkeit auf. Schließlich erinnert er sich an 
Erlebnisse der Kindheit, die er nie vergessen. Warum er sie mir nie erzählt 
habe? Er meint, er habe nie daran gedacht. . . Wir wissen es besser! Er 
wollte an diese Dinge nicht denken. Aber seine Jugend ist angefüllt mit homo- 
sexuellen Traumen. Er diente dem älteren Bruder als Lustknabe und was noch 
viel schwerer ins Gewicht fällt, er trieb das gleiche Spiel mit seinein jüngeren 
Bruder. Besonders die Fellatio hatte er außerordentlich häufig betrieben und 
betreiben lassen. 

Nun wissen wir, was hinter seiner Onanie steckt: Die Erinnerung an 
die stärkste Lustquelle seiner Kindheit. Wir verstehen auch, daß ihn ein 
schweres Schuldbewußtsein bedrücken mußte, weil gerade dieser jüngere Bruder 
sehr nervös und vollkommen arbeitsunfähig war. Er machte sich Vorwürfe, 
ihn krank gemacht zu haben. Seine Impotenz war also auch eine Strafe für 
verbotene Vorgänge der Kindheit. Schließlich erinnerte er sich oder sagen wir 
besser, gestand er noch einen homosexuellen Akt, der sich im Alter von 



Asketen, Hypochonder und Familiensklaven. J53 

19 Jahren zugetragen hatte, bei dem er einen intensiven Orgasmus empfun- 
den hatte. 

Nun steht das Bild seiner Impotenz in seinen psychischen Wurzeln deut- 
lich vor uns. Das Wichtigste! Die Heilung gelang vollkommen. Schon während 
der Behandlung traten schmerzhafte heftige Erektionen auf, wohl wegen der 
starken Übertragung auf mich (Vaterimago!). Sie hielten an, als er zu seiner 
Frau zurückkam. Die entsprechend belehrte Frau änderte sich gründlich und 
versuchte eine neue Eroberung des Mannes, die auch vollkommen gelang. 

Diese Analyse zählte wegen der enormen Widerstände zu den schwersten, 
die ich je vollzogen habe. Er trachtete immer von Nebensächlichkeiten zu 
sprechen, wollte immer Lebensprogramme haben und wich allen entscheidenden 
Fragen in geschickter Weise aus. Selbstverständlich träumte er nie, das hätte 
ja zuviel von seinen Komplexen verraten. Nur einmal träumte er, er hätte 
eine Prüfung mit Auszeichnung bestanden. Es war die Prüfung seiner Jugeud, 
bei der er sich mit schwerem Geld alle Fragen erkauft hatte. Er hatte sie ohne 
jede Vorbereituug nach einem Kurs von einigen Stunden glänzend bestanden. 
Mit Auszeichnung. Dies war ein Sinnbild, wie er es in der Analyse machen 
wollte. Die Prüfung durch einen Schwindel bestehen. Er reiste auch ab, ohne 
das Wichtigste gesagt zu haben. Aber das Material, das ich in Erfahrung 
bring-en konnte, ist interessant genug, die Publikation zu rechtfertigen. 

Der therapeutische Erfolg beweist nicht viel. Immerhin , wenn mau 
bedenkt, daß er alle Kapazitäten seines Heimatlandes und viele Professoren 
in Deutsehland vergeblich um Hilfe angerufen hat, kann man auf die Waffen 
stolz sein, welche uns die Analyse in die Hand gegeben hat. 

Als das wichtigste Moment, das zutage getreten ist, betrachte ich 
die Tatsache eines Gelübdes: Ich will nicht mehr koitieren! Und die 
Fixierung dieses Gelübdes durch ein Junktim mit dem Leben seines 
Vaters. (Die Todesklausel, die in keiner Zwangshandlung fehlt. Seine Im- 
potenz ist ein negativer Zug und heißt: Du darfst nicht!) 

Man glaube nicht, daß ihm dies Gelübde eines Tages spontan ein- 
gefallen ist. Im Anschluß an ein Gespräch bemerkte ich diese negative 
Einstellung, diese Angst vor dem Koitus. Er sprach von einem Mädchen, 
das ihm in den letzten Tagen sehr gefallen hatte. Die nächste Assoziation 
war scheinbar ganz unvermittelt. Er fürchte, daß der Vater leidend sei, 
er hätte schon durch eine Woche keinen Brief erhalten. Ich dachte sofort 
an die selbstverständliche Regel von Freud: „Was hintereinander vor- 
gebracht wird, muß zusammengehören : Es muß einen inneren Zusammen- 
hang haben." Und so war es. Auf meine direkte Frage gestand er sehr 
zögernd und nur gezwungen das Gelübde. 

Nun sehen wir, daß der Mann in einem gewissen Sinne recht hatte, 
wenn er den Vater beschuldigte, er wäre an seiner Impotenz schuld, er 
hätte sich nie um ihn gekümmert. Der Vater hatte ihn von dem einzigen 
Mädchen getrennt, daß er geliebt hatte. Der Vater stand zwischen ihm und 
seiner Frau. Man merkt, daß seine Zwangsimpotenz auch eine Strafe für 
den Vater bedeutet. „Du wolltest ja, daß ich dieses Mächen heirate, das 
ich nicht liebte. Nun hast du die Strafe. „Es war ihm gar nicht un- 



154 



Die Impotenz des Mannes. 



angenehm, daß seine Frau die Tatsache seiner Impotenz zuerst dem Vater 
erzählt hatte. Im Gegenteil! Die Anregung ging von ihm aus. Denn die 
•Strafe hätte ja gar keinen Sinn, wenn der Vater nicht davon Kenntnis 
gehabt hätte. Jammerte der Vater darüber, daß der ältere Bruder ein 
Mädchenjäger war und soviel Geld verbrauchte, so mußte er jetzt darüber 
unglücklich sein, daß er kein Weib berührte und sich bei ihm ein 
pathologischer Geiz ausbildete. Er hatte sich gänzlich von seinem Bruder 
differenziert und sich vollkommen mit dem impotenten sparsamen Vater 
identifiziert. 

Die merkwürdige Todesklausel, welche eine Genesung verhindern 
mußte, da ja der Koitus mit seiner Frau durch ein „Junktim" mit dem 
lode des geliebten Vaters verbunden war, zeigt uns das in der Impotenz 
so häufige „Vexierschloß der Parapathie«, welches dazu bestimmt ist das 
Leiden unheilbar zu machen. So ein Vexierschloß ist auch die Tatsache 
daß manche Impotente, die bei einer Dirne immer impotent sind, vor 
einer anständigen Frau Angst haben und sich fürchten zu heiraten, ehe 
sie Sieh von ihrer Potenz überzeugt haben. In diesem Falle wurde die Un- 
teilbarkeit des Leidens durch die Todesklausel garantiert. Der „Wille zur 
Krankheit" hatte sich diese raffinierte Assoziation zwischen ehelichem 
Verkehr und väterlichem Tod hergestellt. 

An solchen Junktims kranken die meisten Impotenten. Immer ist 
nach einem Gelübde, einem Fluch oder einer Todesklausel zu suchen. 

Diese Todesklausel verrät aber auch die bipolare Einstellung zu dem 
geliebten Vater; seinen unterirdischen Haß gegen den Mann, der ihn durch 
ein Machtwort von seinem geliebten Mädchen getrennt hatte. Aber dieses 
väterliche Veto ist nur die Neuauflage eines viel älteren Vetos aus der 
Kindheit an das er sich nur dunkel erinnerte, und das ihm erst am 
•Schluß der Analyse bewußt wurde. Der Vater hatte in seiner Kindheit 
hindernd ,n seine ünanie eingegriffen. Er hatte ihn einst überrascht als 
er unter der Decke spielte. Daran schloß sich eine ernste Ermahnung' und 
eine Drohung, daß er sich die Gesundheit ruinieren werde Wir finden 
hier die m Analysen häufig vorkommende Tatsache, daß die erste lust- 
betonte sexuelle Aktion der Kindheit durch einen Imperativ gehemmt wird 
und sich mit Unlust assoziiert. 

Aus dieser Zeit stammt der stärkste Haß gegen seinen Erzeuger, der 
uns auch den zwiespältigen Versuch erklärt, sich durch einen Eid beim 
Leben des Vaters von der Onanie zu befreien. Dieser Eid wurde gebrochen 
und das Leben seines Vaters war verwirkt. Der Kranke mußte also zur 
Buße jetzt die Sexualbefriedigung bei seiner Frau opfern und verband sie 
wieder mit einer Todesklausel, die sich psychologisch folgendermaßen auf- 
losen laßt: „Wenn mein Vater stirbt, so kann ich gesund werden, da ich 
so lange er lebt, an ihn gebunden bin " 



Asketen, Hypochonder und Familiensklaven. ^55 

Die homosexuelle Einstellung zum Vater liefert uns erst das Verständnis 
seiner Parapathie. Nur dem Vater zuliebe spart er und knickert er. Er wartet 
sehnsüchtig auf den Moment, daß der Vater infolge der Verschwendung 
seiner Söhne ganz verarmt ist. Dann will er wie Cordelia in Lear dem 
Vater erst beweisen, was für ein Unterschied zwischen Kindesliebe und 
Kindesliebe besteht. Er sammelt für diesen Moment, er lebt in diesen 
Phantasien und er wird alt und fühlt sich alt, weil er das Altern des 
Vaters nicht erwarten kann uud diesen Moment als die Krönung seines 
Lebens herbeisehnt. 

Andrerseits lernen wir aus diesem Falle, wie falsch die Ansicht ist, 
daß es sich bei der Impotenz um ein „Ich kann nicht* handelt. Ebenso 
wie bei der Dyspareunie des Weibes muß der Psychotherapeut das über- 
mächtige „Ich will nicht" ausfindig machen. 

Das ist in diesem Falle ziemlich deutlich zum Vorschein gekommen. 
Die Verhinderung der Erektion am Morgen durch die Miktion, die geschickt 
inszenierte Regression auf infantile Lustquellen zeigt, wie recht Adler hat, 
wenn er von einem „Arrangement der Niederlagen" spricht. Unser Kranker 
arrangiert sich seine Impotenz in sehr geschickter Weise, wie alle die 
Männer, welche angeblich so ungeschickt sind, daß sie das Loch nicht 
finden können oder eine Naivität und Unwissenheit markieren, welche 
ihren „Willen zur Impotenz" verschleiern soll. 

Freud und seine engere Schule legen den größten Wert auf den 
„Kastrationskomplex" und halten ihn nach dem Ödipuskomplex, von 
dem unser Kranker nicht eine Spur zeigt, für die wichtigste Kraft in der 
Psychogenese der Impotenz. Ich muß gestehen, daß ich sehr selten das 
Glück gehabt habe, auf diesen so stark affektbetonten Kastrationskomplex 
zu stoßen, ohne von der Tendenz geleitet zu sein, ihn zu übersehen. Wir 
werden einige Beispiele kennen lernen. In dem vorliegenden Falle zeigt 
sich die Andeutung eines „psychischen Kastrationskomplexes". Der Vater 
hatte ihn entmannt und er entmannt den Vater. Seit sein Vater abstinent 
lebt (sich entmannt hat), ist er auch bei seiner Frau impotent. Er benimmt 
sich, als ob er» sich zum Weibe gemacht und sich für den Vater reser- 
viert hätte. 

Große Bedeutung kommt der Eifersucht gegen die Brüder zu, mit 
denen er ja homosexuelle Verhältnisse hatte und auf die er eifersüchtig 
ist, weil sie Frauen jäger und Lebemänner sind. Er ist doppelt eifersüchtig. 
Er gönnt ihnen nicht die Liebe und nicht das Geld des Vaters, was er 
hinter seiner materiellen Anspruchslosigkeit dem Vater gegenüber verbirgt. 
Diese Anspruchslosigkeit ist ja nichts anderes, als ein steter Vorwurf gegen 
die Brüder und eine stumme Aufforderung an den Vater, den Brüdern auch 
kein Geld zu geben. Er trieb die Differenzierung von seinen Brüdern auf 
die Spitze. Er strafte sich auch für seine bösen Gedanken in der Jugend. 



156 



Die Impotenz des Mannes. 



Er ließ die Brüder oft sterben und blieb der alleinige Erbe des großen 
Vermögens. Er hatte auch allerlei Todesklauseln, die sich auf die Brüder 
bezogen. Sie sollten nur lumpen und ihre Lebenskraft in den Armen der 
Frauen vergeuden! Desto besser! Er sparte an Kraft und sparte an Geld. 
Das hatte den einen geheimen Sinn: 

Er wollte auch alle Brüder überleben und dies sollte sein Triumph 
sein. Sie sollten nur besser leben und die kostbare Lebenskraft, vergeuden 
Er konnte warten, er sparte seine Kraft, Es ist nicht unmöglich daß er 
im Alter plötzlich ein Don Juan geworden wäre. Sein ganzes Leben war 
ein Vorbereiten eines endgültigen Triumphes über alle seine Brüder Sie 
müßten zu ihm kommen und er, der reiche Mann, würde sie unterstützen 
Ich traf ihn einmal die Bibel lesend. Er las seine Lieblingsstelle 
Die Legende von Josef, der von den Brüdern verstoßen wird und sich 
dann auf so edle Weise rächt. So konnten die Jahre in Arbeit und Buße 
vergehen. Alles war ein Vorbereiten, ein Sammeln, ein Wägen der Zukunft 
Seme Frömmigkeit war nicht einmal versteckt Er war wirklich 
fromm und hielt viel auf seinen Glauben. Er hoffte auch auf Vergehung 
und Belohnung in der anderen Welt. Hier auf Erden durfte es ihm nicht 
gut gehen. Er hatte immer die Prüfung im Auge, die große letzte Prüfung 
des jüngsten Gerichtes. Er hatte einmal eine wichtige Prüfung durch 
einen Schwindel bestanden. Warum sollte das nicht bei Gott möglich sein* 
Er zeigte jene abergläubische „Angst vor der Freude-"-, die allen diesen 
Parapathikern eigen ist. Er traute sich nicht, sich wohl zu fühlen Hatte er 
einmal einen guten Tag, so erwartete er am nächsten Tag den obligaten 
„Dämpfer', den er sich natürlich selbst erzeugte. Er wollte sich nicht 
freuen und ging am liebsten traurig und kopfhängerisch herum. Er weinte 
sehr gerne und kannte die Wollust des Leides, die so gefährlich ist weil 
sie alle Liebe im Übermaß auf das eigene Ich zurückführt. Wer war so 
unglückhch wie er? Wer hatte soviel Unglück im Leben gefunden?*) 

Nur langsam und mühsam trennte er sich von diesen infantilen 
Einstellungen und wagte es, sich dem Tage hinzugeben und den Blick von 
der Zukunft abzulenken und auf den Tag zu richten. Die Pflicht des Tages 
erfüllte er nur, insofern sie Arbeit war. Aber die Pflicht gegen sich selbst, 
die Pflicht zur Freude und zum Genüsse; die Pflicht, sich glücklich zu 
machen, die hatte er vergessen . . . 

Hier muß die erzieherische Tätigkeit des Psychotherapeuten ein- 
setzen. Er muß ihm wie ein zweiter Vater neue und gesündere Imperative 
für das Leben geben. Denn ohne Imperative sind diese xMenschen verloren 
und selbst in der Karikatur der Parapathie erkennen wir die alten väter- 
hchen Impe rative. Seine ganze Askese setzt sich aus alten Ermahnungen 

') Vgl. die beiden Kapitel: „Die Angst vor der Freude" und -Der Pechvogel" 
(„Das liebe Ich".) 



Impotenz und Ehe. 157 

des Vaters zusammen. Der Vater ist an seiner Parapathie schuld! Das ist 
seine unerbittliche Logik und er mußte erst das alte Götzenbild des Vaters 
zertrümmern, sich so von ihm lösen, daß er ihn sine ira et studio lieben 
konnte, um frei und gesund zu sein. 

Wir sehen auch die schrecklichen Folgen einer Ehe, die ohne Liebe 
auf den Wunsch des Vaters geschlossen wurde. Ich habe wiederholt beob- 
achtet, daß sich die Eltern die Wahl des sexuellen Partners ihrer Kinder 
vorbehalten und stets ein Objekt wählen, das ihnen die Liebe des Kindes 
nicht rauben kann. Ideale Momente und soziale, ebenso ökonomische Fak- 
toren werden nur vorgeschoben, um den eigenen Egoismus zu überdecken 
und ihn als Altruismus auszugeben. Es sind Eltern, die um die Zukunft 
und das Wohl des Kindes besorgt sind und nur das Beste wollen. 

In Wahrheit handelt es sich ihnen nur darum, das Kind und dessen 
Liebe für sich zu behalten. 

Hätte unser Patient das Mädchen seiner Wahl heimgeführt, seine 
Parapathie wäre im Feuer einer echten Liebe dahingeschmolzen, die alten 
Fixationen hätten sich gelockert, er wäre ein „Anderer* geworden. Seine 
unglückliche Ehe verband ihn noch stärker mit seinem Vater, der sein 
Schicksal bestimmte und Herr seines Lebens und seiner Liebe blieb, bis 
er durch die Schwere seines Elends bedrängt, zu Befreiung und Über- 
windung des Infantilen durch die Analyse gelangte. 



VUI. 

Impotenz und Ehe. 

Erster Teil. 

.Schon das Wort conjugium (Ehe) be- 
weist hinlänglich, daß beide an einem Joch 
tragen; und in ein Joch gespannt sein, 
kann doch keine Glückseligkeit genannt 
werden. Kant. 

Es ist leider eine vom Sexuologen häufig beobachtete Tatsache, daß 
es viele Frauen gibt, die nur bei ihrem Ehemanne anästhetisch bleiben, 
beim Liebhaber jedoch empfinden können, und viele Männer, die ihren 
Ehefrauen gegenüber impotent sind, während sie bei anderen Frauen oder 
Dirnen ihre volle Potenz entfalten können. Oft kann man beobachten, 
daß Männer, die vor der Ehe ein Verhältnis hatten und dieses Verhältnis 
aus materiellen oder sozialen Gründen aufgegeben haben, um sich ihre 
Lage zu verbessern oder eine Familie zu gründen, in der ersten Zeit 
der Ehe vollkommen impotent sind. Sie lieben meistens die aufgegebene 
Frau, haben diese Liebe aus dem Bewußtsein gedrängt oder sie offen 
aus dem Herzen gerissen, sie waren aber sexuell an die Geliebte schon 



158 Die Impotenz des Mannes. 

gewöhnt, bei ihr potent, ihr sexuell hörig und stehen nun einem neuen 
Weibe gegenüber. Viele haben noch nicht eine Virgo besessen, fürchten 
die Defloration, trauen sich nicht die Kraft zu diesem Akte zu oder 
scheuen ihn aus verdrängten sadistischen Motiven; andere sehen in der 
jungen Frau eine Mutter- oder Schwester-Imago, was oft die Entwicklung 
der Potenz verhindert. Das Resultat ist dann eine Impotenz in der ersten 
Zeit der Ehe. Diese so häufig vorkommende fmpotenz, vor der sich fast 
alle Männer fürchten, kann unter Umständen fixiert bleiben, wenn durch 
Autosuggestion und ungeschicktes Benehmen der Frau, durch falsche Be- 
lehrung der Ärzte, durch böses Gewissen die Vorstellung „Du bist impo- 
tent!" dauernd als Hemmungsvorstellung fixiert wird. Oft wirkt die noch 
nicht erloschene Liebe zur verlassenen Geliebten als Hemmung und setzt 
sich als Impotenz durch. Ich habe auch Fälle beobachtet, daß Männer 
nach kurzer Ehe, während der sie impotent waren, reuig zu ihrer Geliebten 
zurückgekehrt sind und sie dann geheiratet haben. 

Fall Nr. 69. Ein Unikum dürfte der folgende Fall darstellen. Ein Manu, 
der immer nur mit Dirnen verkehrt hatte und bei ihnen hochpotent war' 
heiratete eine sehr reiche Frau, die aber über genügend Reize verfügte, um 
einen Mann anzuregen. Sie hatte eine wunderbare Gestalt und auch zahlreiche 
Vorzüge des Geistes und Gemütes, welche die Wahl erklärlich machten Vor 
allem war sie sehr leidenschaftlich und hatte sich in den Mann verliebt, weil 
er als Lebemann bekannt war und sie bei ihm raffinierte Liebeskunst voraus- 
setzte. Zu semer nicht geringen Beschämung war er in der Brautnacht voll- 
kommen impotent. Was tat er nun? Er erklärte seiner -Frau, er halte es nicht 
aus, er müsse frische Luft schöpfen, und eilte ins Bordell, woselbst er 
imstande war, den Koitus zweimal in einer halben Stunde zu voll- 
ziehen. Heimgekehrt, wollte er wieder bei seiner Frau sein Glück versuchen 
Aber wieder versagte er vollkommen. Erst nach einigen Wochen gelang ihm 
der erste Koitus. Drei Jahre blieb er bei seiner Frau potent. Allerdings konnte 
er ihr nie die Treue halten. Er suchte immer Bordelle auf, hatte Verhältnisse 
mit verschiedenen Kokotten. Jede Frau konnte ihn reizen, wenn sie durch- 
brochene Strümpfe und schönes Schuhwerk hatte. Er verlangte von seiner 
Frau, sie solle sich raffinierter kleiden. Es hatte keinen Erfolg. Das häßlichste 
und verworfenste Weib konnte ihn auf der Gasse reizen, während seine 
liebenswürdige und vornehme Gattin keine Erektion provozieren konnte, obwohl 
sie sich alle Mühe gab. Er verliebte sich dann in eine Tänzerin, verschwendete 
wahnsinnige Summen, wollte sich von der Frau scheiden lassen, wurde ganz 
verrückt, so daß er Wien verlassen und sich in der Schweiz einer längeren psych- 
analytischen Behandlung unterziehen mußte, die seine Liebesraserei minderte, 
ihn etwas arbeits- und lebensfähiger machte. Allein die Impotenz seiner Frau 
gegenüber war trotz aller Auflösungen nicht behoben. Er unterzog sich dann 
in Wien einer „individualpsychologischen Behandlung", in der er zur Erkenntnis 
kam, daß er über seine Fran triumphieren, daß er sie demütigen, daß er 
„oben sein wollte, daß er seine Impotenz zu diesem Behufe „arrangiere", aber 
er kam nicht weiter. Sein Schuldbewußtsein wurde noch drückender und 
schwerer. Er führte ein Notizbuch mit allerlei Imperativen bei sich, aus den 
Lehren seiner Ärzte zusammengestellt. Sein Doppelleben dauerte fort. Er 



Impotenz und Ehe. lf>9 

hielt sich eine ständige Geliebte, bei der er außerordentlich potent war. Sie 
brauchte nur seinen Phallus zu berühren und er hatte eine kräftige Erektion. 
Nur in der Ehe war er ein sexueller Krüppel, so daß ihm seine Frau schon 
die Scheidung vorschlug. Bei diesem Gedanken erschrak er heftig. Er hatte 
sich an das Zusammenleben so gewöhnt, daß er sie nicht entbehren konnte, 
auch war er materiell auf sie angewiesen. Er geriet in quälende Zweifel- 
zustände. Sollte er sich scheiden lassen und das Mädchen heiraten, bei dem er 
zwar keine geistige Anregung aber immer gute Befriedigung seiner sexuellen 
Appetenz gefunden hatte? (Was ihn nicht hinderte, auf seineu weiten Reisen 
andere Baude mit zweifelhaften Frauen anzuknüpfen.) Er wurde wieder 
arbeitsunfähig und kam in diesem Zustande zu mir. 

Die Analyse ergab heftige Todeswünsche gegen seine Gattin und ver- 
drängte kriminelle Ideen, sie aus dem Wege zu räumen. Solche Todeswünsche 
kommen fast in jeder Ehe vor, in der sich die Partner gebunden fühleu und 
den anderen Teil für diese Bindung verantwortlich machen. Zu schwach, um 
die Bande zu lösen, rechnen sie mit dem Tod als Erlöser. Aus diesen Besei- 
tigungsideen durch Krankheit und Tod, Unfall und Zufall bilden sich dann 
die kriminellen Gedanken, selbst das Schicksal zu spielen und die Frau auf 
irgend eine Weise aus dem Wege zu räumen. 

Diese Gedanken rühren aber an den sadistischen Urkomplex, wecken 
atavistische Regungen, in denen sich Sexualität und Mordinstinkt zu einer 
furchtbaren Einheit verbinden. Die Folge ist dann als Schutz gegen die eigenen 
Gedanken Impotenz. Der Haß verlötet sich mit der Impotenz, während die 
Liebe sich auf seelische Kräfte beschränkt. Die Erotik steigert sich, während 
die Sexualität abnimmt. Daher werden so viele Impotente übertrieben zärtlich 
und aufmerksam, überströmend an Liebe. Es geschieht nicht allein, um die 
körperliche Unfähigkeit zu überkompensieren. Nein! Es ist die vom Haß 
befreite Liebe, die sich in reiner Zärtlichkeit ausleben darf. 

In diesem Falle bewirkte die Analyse endlich eine vollkommene Auf- 
hebung des Schuldbewußtseins. Mit der Entdeckung der kriminellen Impulse 
and ihrer bewußten Verurteilung und Überwindung trat der lang erwartete 
Erfolg ein. Der Patient wurde wieder potent und die Geburt zweier Kinder machte 
allen Scheidungsgedanken ein Ende. Die polygamischen Tendenzen traten allmäh- 
lich zurück, da er immer mehr Gefallen und Verguügen bei seiner Frau fand. 

Wir haben ein Beispiel kennen gelernt, daß ein Impotenter sich 
noch in der Brautnacht bei einer Prostituierten die Überzeugung holt, daß 
er noch über genügende Manneskraft verfüge. Schließlich konnte die ehe- 
liche Impotenz geheilt werden. Es gibt aber Männer, die nur bei Dirnen 
potent sind. Die psychologischen Wurzeln der Liebe, den „Zug nach 
unten" und seinen Gegensatz, den „Zug nach oben", habe ich im vorigen 
Bande beschrieben. Es gibt Männer, die nur potent sind, wenn sie sich 
der Frau überlegen fühlen. Ein gesteigertes Persönlichkeitsgefühl ist Grund- 
bedingung der Potenz. Das sind Männer, die bei Dienstmädchen und Dirnen, 
bei alten, häßlichen, sozial minderwertigen Frauen potent sind, während 
sie bei der „Dame" versagen. 1 ) Dieses Leiden zeigt Beziehungen zum 

') Der Markgraf in Gerhart Hauptmanns Griseldis ist so ein Typus. Impotent bei 
Damen und hochpotent bei einer Stallmagd. Die Beziehungen zum Familienkomplex sind 
sehr dentlich herauszulinden. 









160 



Die Impotenz des Maunes. 



tamiüenkomplex und äußert sich iu der schon besprochenen Trennung 
von Sinnlichkeit und Zärtlichkeit. Aber es zeigen sich auch Fäden, die 
zur Homosexualität ziehen. Eine Frau erhält nur dann einen Wert, wenn 
sie von anderen Männern besessen oder wenigstens begehrt wurde. 
Die nächste Beobachtung führt uns ein solches Beispiel vor: 

ra K FaH N u r- . 70 ' Herr F - °"' 42 Jahre alt ' hat vor 8echs J «bren ein 25jähri ff e< 
Mädchen geheiratet und war die ersten Monate der Ehe vollkommen impotent Er 
hatte vor der Ehe ein Verhältnis und konnte mit der Geliebten anstandslos mehrere 

wu d * U e /-f / n SF? a J bS0l r ren - SeiDe «P-IfiBche Potenzbedingung 

war die Berührung des Gliedes durch die weibliche Hand. Schließlich frelane 

»fÜ 8e r h aU 7 b T egeDj ^ n 1 SOnSt Pr ° mpt ***"&** Handgriff aus 
/u Uhren, der aber diesmal seine Wirkung versagte. Anf den Rat seines Arztes 

S L T 1Ue T Gel f bte aUf ' " Um Sich Wieder einzuüben". Dort ging e 
tadel os aber zu Hause ebenso schlecht wie vorher, d. h. gar nicht Nach zfrk ! 
dreijähriger Ehe machte er eine psychanalytische Kur bei Dr X in wfen mit 
deren Erfolg ein sehr bescheidener war Die vorher ™„ ^LZ a V 1 . 1 
deflorierte Frau konnte den Genuß einer mXere SeLde n 1 lf 1 ^ 
genießen. Diese Potenzperiode dauerte aj TS ^ toet ^Ä 
wieder eine Periode absoluter Impotenz. Der Frau Z ' ' J:L 
pathischen Symptomen zu leiden begann, wurde m SÄJ \£ teUE 

^ wkii: dis r fi t r sc n id r zu iasseü oder sich ** "*s ?££ 

fmno d «! m ' e - U ? d BUQ er,ebte sie das Merkwürdige. Der immer 

kT he"! dl^i W " J T 1 P ° tent ' WCnn Sle V0D einem l^nclezv'u 
Kam, bei dem sie einem anderen ane-ehört hsiH« kv w<-„ i • n 

•laß sie ihn betrog. Er fühlte es «.Äw^ffSÄ 
etwas m ihrem Wesen, was sein Minderwertigkeitsgefühl aufhob und ete 

W sie es trT.'T 11 ",^ aUSÜbte? Lch *%■ 52 : Elhru^ 

an! Fr Lt ' hi S° 15^ "* der P ° tenz ihres ^nnes ™ es auc 

■m & . Er hatte wohl eine Erektion. Aber wenn p,r «i-fe ih- »m * , , 

Glied sofort in sich zusammen. "^ lhr nähe '" te ' Saük das 

Die Überschätzung des Sexualobjektes führt leicht zu einer Impotenz 
die besonders in der Brautnacht auftritt, wenn der Mann sich von de'; 
Unschuld und Reinheit seiner jungen Frau übertriebene Vorstellungen macht. 

Ein lehrreiches Beispiel teilt schon Kammond mit: 

,™ ^JV 1 '* S\ Ehemanu > der W «einer Heirat der Sinneslust 
zwar rechlich gerrohnt jedoch sonst keine Veranlassung hatte, seine 
Potenz für erschöpft oder auch nur geschwächt zuhalten, fand in der 
Hochzeitsnacht und auch einige Tage später, daß er absolut außerstande 
war, seinen Gattenpflichten zu genügen. Sein Weib war eine feingebil- 
dete kluge und schöne Frau. Er liebte sie zärtlich und hatte bei seiner 
Verheiratung mit den alten Bekanntschaften aus früherer Zeit gänzlich 
gebrochen. Seine Regierden waren stark, aber sobald er eine Annäherung 
versuchte verschwand das Verlangen, das er kurz vorher gefühlt hatte, 
h u m faedanken > daß es ein « Profanation wäre, wenn er ein so un- 
schuldiges, schönes Weib zu einem derartigen sinnlichen Genüsse miß- 
brauchen sollte. Es ist zu gut für mich, sagte er sich selbst, ich hätte 
ein weib heiraten sollen, das solch einem Zweck genügte, oder besser 
nocn , ich hätte doch ledig bleiben und wie früher leben sollen. Dies 



Impotenz und Ehe. 1 gi 

passierte ihm mehrere Male, bis er schließlich, über sich selbst ärgerlich 
zu einer früheren Bekannten ging nnd sich dort bald überzeugte, daß 
seine Potenz in keiner Weise gelitten hatte. Von neuem versuchte er es 
mit seiner Frau, aber wieder ohne Erfolg. 

Er war bereits eine Woche verheiratet und da er noch immer 
seine Gattenpflichten nicht erfüllen konnte, suchte er meine Hilfe auf. 

Dieser Fall bot nun uicht viel Schwierigkeiten. Ich erinnerte ihn 
daran, daß, so rein und edel auch seiu Weib sein mochte, doch in einem 
legitim und natürlich vollzogenen geschlechtlichen Verkehr keine Profana- 
tion läge ; daß seine Frau Geschlechtsorgane besäße, die bestimmte Funk- 
tionen zu verrichten hätten; daß diese Funktionen mit der Fortpflanzung 
des Menschengeschlechtes eng verknüpft wären; daß es nur eine Mög- 
lichkeit gäbe, die Spezies fortzupflanzen und daß seine Gattin ihn als 
Mann erwählt habe, der es ihr ermöglichen solle, ihre Pflicht in dem 
großen System der Natur zu erfüllen. Er solle deshalb seine Hochachtung 
vor ihrem engelhaften Charakter etwas herabstimmen und sie in dem 
gleich würdigen Lichte einer Frau betrachten, die ebenso wie andere 
Frauen in dieser Situation behandelt sein will. Er versprach, meinen Rat 
zu befolgen, aber schon am folgenden Morgen meldet er mir, daß er 
keinen Erfolg gehabt hätte. Er hatte sich alle Mühe gegeben, seine Erek- 
tionen waren kräftig und wiederholt aufgetreten; aber sobald er eine 
weitere Annäherung versuchte, verschwand sein Geschlechtstrieb. Sie wäre 
zu gut, zu ätherisch für eine so sinnliche Natur wie die seine, er könnte 
nicht ihren schönen Körper durch solch einen gemeinen Akt entweihen etc. 

Aus einigen Worten, die er fallen ließ, gewann ich die Überzeu- 
gung, daß seine Frau kein so platonisches Geschöpf war, wie er meinte, 
nnd daß ich durch eine kurze Verständigung mit ihr bald die Sache zu 
beiderseitiger Zufriedenheit würde erledigen können. Ich drückte deshalb 
den Wunsch aus, seine Gemahlin zu sehen und besuchte sie mit seiner 
Zustimmung am Nachmittag im Hotel, in dem sie während ihrer Hoch- 
zeitsreise wohnten. Ich fand, daß sie zwar sehr zartfühlend, aber keines- 
wegs prüde war und daß sie gern ihren Teil beitragen wollte, ihren 
Gatten aus der prekären Lage, deren Charakter sie nur halb begriff, zu 
befreien. 

Ich bat sie, etwas freier und entgegenkommender im Umgang mit 
ihrem Manne zu sein und sagte ihr, daß, wenn sie dies befolge, ganz 
gewiß kein Mißerfolg eintreten würde. Indes sollte sie nicht so handeln, 
als ob sie bestimmte Instruktionen von mir erhalten hätte, sondern im 
Gegenteil, als ob sie meine Vorschriften nicht befolge. Die Details über- 
ließ ich natürlich ihrem weiblichen Taktgefühl. Der Plan hatte außer- 
ordentlichen Erfolg, wie mir ihr Gatte am nächsten Tage mit großer 
Freude berichtete. Sie sagte mir, erzählte er, daß sie keinen Doktor nötig 
hätte ; sie könnte die Sache schon selbst ins richtige Geleise bringen. Da* 
Übrige, fuhr er fort, bleibt ein Geheimnis zwischen ihr und mir, aber 
beim Himmel, es erinnert mich an frühere Zeiten. Ich brauche wohl' kaum 
hinzuzufügen, daß später keine Störung mehr eintrat. Hammond (1 c 
S. 48—49). 

Die in der Ehe auftretenden Impotenzen, besonders die in den ersten 
Woehen, können im Beginne leicht geheilt werden. Es gibt wohl kaum 
eine Ehe, in der der Mann nicht einmal eine temporäre Impotenz mitge- 

Stekol, Störungen des Trieb- und AfFektlebens. IV. 2. Aufl. , < 



162 



Die Impotenz des Mannes. 



macht hätte. Das Benehmen der Frau entscheidet meistens, ob sich die 
Impotenz dauernd etabliert. In Ehen, in denen viel gestritten wird, kommt 
es leicht zu solchen Störungen. Taucht mit dem Haß die sadistische Kom- 
ponente des Geschlechtstriebes auf, so pflegt die Potenz meistens verloren 
zu gehen. 

Daß es eine Impotenz gibt, welche eine Angst vor der eigenen 
Sexualität darstellt, habe ich in diesem Buche schon wiederholt betont und 
an verschiedenen Beispielen gezeigt. Speziell bei ausgesprochenen Sadisten 
kann es zu einer vollkommenen Lähmung der Aggressionskraft kommen, 
weil sich die Komponente des gewalttätigen Hasses nicht anders unter- 
drücken läßt. Von den Männern, die vor Dirnen Abscheu haben und vor 
ihnen davonlaufen, sind ein gut Teil Sadisten, welche in der Phantasie 
mit dem Frauenmorde spielen. Weil sich eben die Libido an den Mord 
knüpft und die Vorstellung des Lustmordes der schärfsten Zensur des 
Bewußtseins verfallen muß, kann die Libido als solche nicht zugelassen 
werden, außer in autoerotischen Akten. Nun scheint es aber, als ob diese 
sadistische Komponente des Geschlechtstriebes ein Teil des uralten Kampf- 
triebes zwischen Mann und Frau darstellt, wie wir ihn im „Kampf der 
Geschlechter" (Band III) geschildert haben. 

Es kommt aber häufig vor, daß Menschen, welche ihren Sadismus 
in Ethik und Menschenliebe konvertiert haben, in der Ehe so enttäuscht 
werden, daß der alte verdrängte Trieb sich wieder meldet. Das sind die 
Fälle von Charakteränderung, welche eigentlich eine Rückkehr zum infan- 
tilen Charakter bedeuten. So manche im späteren Alter in der Ehe auf- 
tretende Potenz geht auf das Wiedererwachen der kriminellen (sadistischen) 
Regungen zurück. 

Der nächste Fall bietet uns eine Reihe der eben besprochenen psycho- 
logischen Momente. 

Fall Nr. 72. Herr N. V., hoher Offizier, ein stattlicher, schöner Manu 
von 52 Jahren, leidet an schwerer Impotenz. Er könnte jetzt sein Ideal be- 
sitzen, nach dem er sich seit Jahren gesehnt hatte. Aber seine Impotenz ist 
das unüberwindliche Hindernis. Er glaubt, es wären die Folgen der Onanie, 
die er noch bis in die letzte Zeit betrieben und von der es für ihn keine 
Rettung mehr gibt. Er verlangt ein sicheres Mittel, das ihn potent machte. 
Er habe jetzt eine Gelegenheit, wie sie nie mehr kommen werde. Ich mache 
dem intelligenten Manne begreiflich, daß es sich um psychische Hemmungen 
handelt, nachdem er beim Onauieren kräftige Erektionen hat, auch die Morgen- 
erektionen außerordentlich kräftig sind, und empfehle ihm eine Psychaualyse. 
Er ist nämlich kein Wiener und kann erst nach einiger Zeit wieder kommen. 
Unser Verkehr geht meistens in Briefen vor sich. Auch das ist möglich, wenn 
man es mit intelligenten Menschen zu tun hat. Der Erfolg war ein in jeder 
Hinsicht zufriedenstellender. Nach seinem ersten Besuche sendet mir Herr N. V. 
einen ausführlichen Bericht, den ich in gekürzter Form hier wiedergebe. 

„Ich erlaube mir, nachstehend die gewünschten Daten über meine Person 
bekanntzugeben. 



Impotenz und Ehe. 163 

Vorerst über das, was meinen Körper betrifft: 

Ich stehe im 52. Lebensjahre. Meine Jugend war keine sehr freudige, 
weil sich meine Eltern wenig um uns Kinder kümmern konnten, da sie beide 
fortwährend im Geschäfte tätig waren. Meine Eltern waren Pächter einer 
Restanration. Wir waren daher größtenteils Dienstboten und auch Hauslehrern 
überlassen. Die letzteren, sehr tüchtige und Späterhin in hohen Lebensstellungen 
befindliche Männer, haben aber ihr Erzieheramt nicht im richtigen Sinne 
aufgefaßt. Unsere unreifen Begierden wurden wohl getadelt und bestraft, aber 
nicht umgewertet. So habe ich von meinem 12. bis 17. oder 18. Jahre onaniert 
und davon erst teilweise abgelassen , als ich Gelegenheit bekam , mit Frauen 
zu verkehren. Mit 17 Jahren akquirierte ich einen Tripper, der jahrelang mit 
Unterbrechungen anhielt und erst in meinem 28. Jahre definitiv geheilt wurde. 

Mit 19 Jahren erkrankte ich au Lues, welche durch innere Anwendung 
von Quecksilber mit darauffolgender Jodkur scheinbar geheilt wurde. 

Mit 29 Jahren heiratete ich aus Liebe und zeugte zwei vollkommen ge- 
sunde Kinder , von denen das erste, ein Knabe, im Alter von 2 Jahren an 
Diphtheritis starb, während das zweite, ein Mädchen, vor l>/ 2 Jahren heiratete 
und vor einigen Tagen einem sehr gesunden, kräftigen, bei der Geburt 4y g kg 
wiegenden Mädchen das Leben gegeben hat. 

Nach meiner Verheiratung war ich jahrelang ganz gesund , bis sich in 
meinem 33. oder 34. Jahre schwere nervöse Störungen einstellten, die sich 
hauptsächlich in Verdauungsstörungen, Angstgefühlen, totaler Abmagerung etc. 
äußerten und daher von vielen Ärzten als Erkrankung der Verdauungsorgane 
behandelt wurden. Ich fühlte mich damals so krank , daß ich beständig in 
Angst lebte, ich könnte zusammenbrechen und auf der Gasse sterben, weshalb 
ich alle meine Wege so wählte , daß ich von Zeit zu Zeit einen Wachmann 
zu treffen sicher war. Eine Karlsbaderkur sowie eine Kaltwasserkur hatten 
keinen Erfolg. 

Erst Primarius Dr. N. scheint meine Krankheitserscheinungen mit der 
überstandenon Lues in Zusammenhang gebracht zu haben, denn er gab mir 
nach kurzer Beobachtung Jodkali als Medizin und als ich diese nicht vertrug. 
Arsen in verschiedenen Formen , worauf sich mein Zustand sukzessive , aber 
sehr langsam besserte. Nicht unerwähnt kann ich lassen , daß zu der Besse- 
rung auch wesentlich ein psychologisches Moment beitrug. 

Ich habe während der Erkrankung fortwährend meinen Körper beob- 
achtet und vielleicht ungefährlichen Symptomen allzugroße Bedeutung zuge- 
messen. Über meine Furcht, plötzlich zu sterben , sprach ich nun einmal mit 
einem älteren Freunde, den ich schon aus früheren Jahren als Mystiker 
kannte. Dieser verlachte meine Furcht und meinte, den Tod habe niemand 
zu fürchten, denn es sei nichts Schlechteres, was ihm folge. Er riet mir an. 
vorerst das kleine Werk Du Preis „Rätsel des Menschen" zu lesen. Ich habe 
mich bis dahin nie mit Philosophie beschäftigt und dachte auch nicht daran, 
mich durch diese Wissenschaft belehren zu lassen, wenn es nicht der Zufall 
gewollt hätte, daß mir dieses Büchlein bei der nächsten Buchhandlung auf- 
fallend ins Auge sprang, was mir wie ein Wink des Schicksals erschien. 

Ich kaufte das kleine Werk und studierte es sowie später alle Schriften 
Dr. Du Preis und in weiterer Folge auch anderer Philosophen, welche Studien 
mich ganz von meinem Leiden ablenkten und diesem, da ich die Unsterblich- 
keitsideen zu den meinen machte, alles Beängstigende nahm. 

In meinem 36. oder 37. Jahre traten jedoch wieder andere Krankheits- 
erscheinungen bei mir auf, die ich nun selbst auf Lues zurückführte. Läsionen 

11* 



164 



Die Impotenz, des Mannes. 



der Zunge und später auch am Gliede trateu auf und verschwanden unter 
Kalomelanwendung. Diese Beobachtung veranlaßte meinen Hausarzt, mir eine 
kleine Schmierkur anzuraten, die ich auch durchführte und die mich wieder 
herstellte. 

Jedenfalls sehe ich mein Heil im Quecksilber, das mich nun schon seit 
einem Jahre von meinem Leiden frei hält. Möglicherweise haben auch die 
diversen Jodpräparate (Sajodin, Jodostarin), die ich bis vor einem Jahre öfters 
gebrauchte, fördernd mitgewirkt. 

Jetzt fühle ich mich körperlich ziemlich wohl, wenn ich davon absehe, 
daß ich — noch vor zwei Jahren ein unermüdlicher Fußgeher — leicht er- 
müde leicht transpiriere, mich öfters erkälte und, last not least, meinen 
außerehelichen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann 

, , , Bis \ 0T * Jahren hatte ich ein ständiges Verhältnis und konnte den Bei- 
schlaf regelmäßig nnd ohne Anstand ausüben, ja sogar, was ich sonst nie, 
auch nicht inden ersten Monaten meiner Ehe tat, ab und zu exzedieren! 
Nach Losung des letzten Verhältnisses aber übte ich den Koitus mangels eines 
geeigneten Objektes und be. der Furcht vor dem Verkehre mit öffentlichen 

vln Wnr.r "S'J T "" •"* * "*** ** Öfters ^gedrungen Pausen 
von Wochen und Monaten in welchen ich kaum an Frauen dachte. Eine 

groß«* geschlechtliche Aufregung aber durch Anblick oder Berührung eines 
Weibes erweckte wieder das Verlangen und es traten ohne Erektion des 
Gliedes Schle.mabsonderungen auf, denen in den meisten Fällen manchmal un- 
erträgliche Schwellungen und Schmerzen im linken Hoden folgten, die sich 
dann auf den ganzen Hoden und die unteren Bauchpartien verbreiteten.*) Diese 
bchmerzen schwanden nur nach dem Samenerguß und oftmals nicht nach 
einem einmahnen. Mit kalten Umschlägen, durch Tragen eines Suspensoriums etc. 
suchte ich der Schmerzen Herr zu werden — vergeblich — , bis ich zu 
meinem Jugendübel zurückkehrte und mich selbst erleichterte. Daß 
ich nicht zu Freudenmädchen ging und den Koitus mit einem Präservativ aus- 

EfpJS < Dr f ch( ~ darin ' daß ich Unfähi S bin > mlt einem Präservativ 

den Penis in erregtem Zustande zu erhalten. Wie ich einen solchen über das 

■hed ziehe, erschlafft es. Da ich auch gegen Paraphilien eine Aversion habe, 
blieb mir nichts anderes übrig als die Selbstbefriedigung, die ich aber stete 
ohne Lust und nur dem Zwange gehorchend, ausübte, wobei ich trachtete, 
möglichst bald fertig zu werden und daher gar nicht die volle Erregung des 
Gliedes abwartete. fe 

Als sich mir vor drei Monaten die Gelegenheit bot, ein neues Verhältnis 
einzugehen, sprach ich mit meinem Hausarzte über meine Impotenz und kon- 
statierte dieser die Schwäche des Gliedes dadurch, daß dasselbe nur schwer 
Blut aufnahm und halten konnte (!). 

Durch Ansaugen des Gliedes mit dem Vakuum-Margonalapparat nach 
Prof. Bier, durch Elektrizität und vielleicht auch durch eine Muriazithinkur 
besserte sich mein Zustand so weit, daß ich bei meinem gewohnten Ver- 
haltnisse 1— 2mal in der Woche den Beischlaf ausüben kann, immer aber erst 
nach entsprechender Aufregung des Gliedes durch das Weib und ohne beson- 
deren Genuß und bei sehr geringem Samenerguß. 

um vollkommen bei der Wahrheit zu bleiben, muß ich nun bekennen, 
daß sich mir jetzt die Gelegenheit bietet, mit einer Frau zusammenzu- 
kommen, nach der ich mich seit Jahren sehne. Der Gedanke aber 

l ) Epydidimitis erotica! Vergl. Band I, II. Aufl., S. 30. 



Impotenz und Ehe. \(j5 

an die erste Zusammenkunft, die nächstens stattfinden soll, flößt mir Angst und 
Qual ein, weil ich mich fürchte, das sich ebenfalls nach mir sehnende Wesen 
nicht befriedigen zu können und ihr den ersten Liebesbeweis schuldig bleiben 
zu müssen. 

Diese Angst hat mich auch zu Ihnen getrieben, sehr geehrter Herr 
Doktor, und ich wäre schon früher gekommen, wenn ich mich nicht gescheut 
hätte, mich körperlich und seelisch vor einem Manne zu entblößen, denn ich 
glaube, der Grundzug meines Wesens ist Keuschheit. 

Angeregt durch den Verkehr mit Dr. G., einem Arzt und Enthaltsam- 
keitsapostel (aus Erkcnntnisgründen), habe ich schon mit dem Gedanken ge- 
spielt, dem Weibe ganz zu entsagen, — die Schmerzen in den Hoden 
bei längerer Enthaltsamkeit und ein Rest an Lebenslust hindern mich aber, 
dem Gedanken die Tat folgen zu lassen. 

So steht es also derzeit um mich. Jetzt will ich versuchen, nach ge- 
nauester Selbstprüfung etwas über mein Seelenleben zu sagen. 

Und da muß ich von vornherein darauf hinweisen, daß sicli durch mein 
ganzes Leben wie ein roter Faden zwei unselige Eigenschaften ziehen, die 
mich um manchen Lebensgenuß und Erfolg gebracht haben und die parallel 
laufen — d. i. Mangel an Selbstvertrauen, gesteigert bis zur Selbst- 
unterschätzung, und Willensschwäche. — Ich glaube, es muß erwähnt 
werden, daß ich mich beispielsweise schon als Jüngling viel mit poetischen 
Arbeiten beschäftigte, die ich aber immer wieder trotz der Anerkennung durch 
berufene Personen beiseite legte, weil ich sie für schlecht und das Lob an- 
derer für Schmeichelei hielt. Ich habe Romane und Theaterstücke angefangen, 
mit einer außerordentlichen Phantasie fertig vor mir gesehen und halbvollendet 
weggeworfen. Die Energie, der Wille, Begonnenes zu vollenden, fehlte mir. 
Erst vor wenigen Jahren vollendete ich unter dem Antriebe einer großen 
Liebe einige Lustspiele, von denen eines auch aufgeführt wurde, jedoch nur 
kurze Lebensdauer hatte, was mich bewog, trotz der Angebote, die mir zu- 
kamen und noch zukommen, nichts Größeres mehr zu arbeiten, weil ich mich 
für einen Stümper halte. Und trotzdem kommt es noch oft wie ein Zwang 
über mich — und da schreibe ich Gedichte, Novellen und Einakter für gute 
Freunde und — die Schreibtischlade. 

Ein anderes Beispiel: Als Jüngling und junger Mann war ich von den 
Frauen gerne gesehen und während meiner Dienstzeit als junger Offizier bot sich 
mir manche Gelegenheit, die begehrenswertesten Frauen zu erobern. Ich habe 
mich bis heute n i e an einer verheirateten Frau vergriffen, und zwar, wie ich 
mir bei genauer Prüfung eingestehen muß, nur deshalb, weil ich immer annahm, 
zu schwach gebaut zu sein, von welchem Irrtum ich eigentlich erst kuriert 
wurde, als ich in Sonnenbädern vor wenigen Jahren sah, daß ich von dem 
Durchschnitt nicht sehr abweiche, sogar ein viel größeres Glied habe als andere 
Männer, die große Franenhelden sind. Wahrscheinlich habe ich als Knabe bei 
einem Knechte einmal einen besonders großen Penis in Erregung gesehen und 
nach diesem das Maß an mich gelegt. Ich habe mich daher stets an käufliche 
Frauen und an unschuldige Mädchen gehalten, bei denen ich fehlende Er- 
fahrung voraussetzte. 

Dazu gehört auch, daß ich meine Dienstleistungen trotz äußerer Er- 
folge und Anerkennungen stets unterschätzte. Ich hielt und halte mich für 
einen mittelmäßigen Offizier, dem nur stets das Glück hold war, obwohl ich 
einen so hohen Rang erreicht habe. Auch heute in meiner sehr einflußreichen 
und von Tausenden beneideten Stellung als führender Mann in einem wich- 



166 



Die Impotenz des Mannes. 



tagen Amte, im ständigen Verkehre mit hoben und höchsten Würdenträgern 
belobt, ausgezeichnet und pekuniär sehr gut gestellt, bringe ich es nicht fer- 
tig, mit dein nötigen Selbstbewußtsein aufzutreten. Ich rüge und strafe un- 
gern, weil ich mir in vielen Fällen sage, daß ich manches, vor einem plötz- 
lichen Eutschlußzwauge stehend, wie es bei der Exekutive täglich vorkommt 
auch nicht besser gemacht hätte, und ich scheue mich vor dem wenn auch 
unausgesprochenen Vorwurf eines Untergebenen, daß eine Kritik nach reif- 
licher Überlegung keine Kunst ist. 

Ich komme oft in die Lage, an meine Untergebenen Ansprachen zu 
halten. Das ist mir eine Qual, weil ich überzeugt bin, was ich sagen kann, 
ist das Alltäglichste. Wenn ich mir aber den Zwicker aufsetze, daß ich meine 
Umgebung nur undeutlich sehe (ich bin weitsichtig), dann geht es und man 
machte mir schon oft das Kompliment, daß ich gut spreche. 

Kurz - ich halte jeden Menschen für bedeutender als mich selbst, 
auch dann, wenn mir die Überlegung oder eine Tatsache das Gegenteil sagt 

IfjT i ,e80 J- V0rSt !i IU k ng ,6ide ich stüDdi S ** «11 mein Handeln steht 
teilweise unter diesem Wahne. 

*„« wliTf'Tl ?*J* deS ^ lb mitünlust un <* ^ der beständigen Furcht 
SStoT^J ♦ « t' dn Er6igni8 kÖnnt0 mich um d » 8 j i meiner lang- 

£25 Z FS n rbene t Re T m r. bringen - Dazu geseiit ** «* & 

Sto ;,1 unr «t.onell arbeitet und die Ämter zu bürokratisch 

™*\. i m ^ gezwungen ist, Vieles gegen seine bessere überzeu- 

fehhfn 6 Tag6 ' ^ ^ n ° cb bis ZUr Pensionierung 

Damit im Zusammenhange steht, daß mich Kleinigkeiten, eine von mir 
nicht ganz richtig erteilte Auskunft, ein kleiner Lapsus in einem von mir 
ausgegangenen Berichte - ein irrig falsch angewendetes Fremdwort, derart 
SHT^ ^ aß ; s m J r k ^ iiber den Rücken läuft und mich der Schlaf 
2 ^ brend mich , Pouche Meldungen über große, mein Amt betreffende 
Unfälle, Tötungen, Brände etc. etc. vollkommen kalt lassen und mein Herz 
nicht schneller schlagen machen. Apropos Herz! Dasselbe reagiert nur auf 
eehsche Erregungen Körperliche Anstrengungen tangieren dasselbe gar nicht. 
Ich reite einige Stunden , ich steige hohe Berge und mein Herz bleibt stets 
ruhig^ Der Anblick eines schönen Weibes läßt es sofort schneller schlagen . 
Bei Erkrankung (Fieber) aber bedarf es stets eines Stimulans. 

Bei dieser Gelegenheit schalte ich, was eigentlich zum Körper gehört 
hätte, ein, daß ich nicht unmäßig lebe. Ich esse nicht viel, aber hastig und 
bin gleich überfüllt. Mein Alkoholgenuß beschränkt sich auf einige Glas Bier 
und etwas Wein abends. Bei Tage trinke ich keinen Alkohol und wenig 
Wasser. Ich rauche täglich 15 bis 20 Zigaretten. Kaffee trinke ich nur nach- 
mittags. Morgens nehme ich Kakao. 

Nach dieser kurzen Abschweifung zu meinem Seelenleben zurückkehrend, 
habe ich noch zu berichten, daß ich wenig Vergnügen suche. Ich gehe seit 
Jahren in kein Theater und kein Konzert, lese aber sehr viel, und zwar mit 
Bevorzugung belehrende Belletristik, Reisebeschreibungen, philosophische 
Werke etc. Utopien befriedigen mich sehr — hingegen bin ich Büchern 
erotischen Inhalts oder bloß Liebesgeschichten behandelnd ab- 
hold. Pornographische Photographien kann ich nicht ausstehen, ich schäme 
mich vor mir selbst, wenn ich sie betrachte. Aufregende Erzählungen, z. B. 



Impotenz und Ehe. 167 

i 

von Hans Heinz Ewers, Poe, lese ich, wenn sie seelische und utopistische 
Probleme behandeln, gerne. l ) 

Und nun etwas über meine Ehe. Ich habe meine Frau, eine feurige 
Rumänin, die sehr hübsch und rassig war und noch ist, wie gesagt, aus Liebe 
geheiratet, trotzdem mir meine Vernunft abriet, weil ich in dem Verkehre 
meiner Braut in Rumänien in den besten, aber leichtlebigen Kreisen keine 
Garantie für die Zukunft erblickte. Ich hatte Angst vor der Hochzeitsnacht 
aus den bekannten Gründen — ließ mich aber von der Leidenschaft treiben 
nnd war beinahe willenlos. 

Die Hochzeitsnacht brachte mir schon die erste Enttäuschung, da sie 
mir nicht die Gewißheit gab, daß meine Frau vollkommen unberührt in die 
Ehe gegangen ist. Ich zwang aber mit Gewalt jede Äußerung zurück in der 
Erwägung, daß nun das Malheur schon geschehen sei und ein Konflikt in der 
Hochzeitsnacht unabsehbare Folgen für die Zukunft haben könne. Überdies 
war ich froh, daß ich selbst gut abgeschnitten hatte und die Miseren des 
Junggesellenlebens los war. Ich suggerierte mir in der Folge, daß ich mich 
getäuscht haben könnte, und daß das deutliche Vorhandensein des Hymens 
nicht der einzige Beweis der Jungfrauenschaft sei. Diese Autosuggestion ge- 
lang mir so gut, daß ich zwei Jahre mit meiner Frau ganz gut lebte. 

Nach dieser Zeit meldete sich aber bei ihr wieder das leichte Blut der 
Südländerin. Sie ging gerne Vergnügungen nach, denen ich absolut keinen 
Geschmack abgewinnen konnte, und hatte für meine Bestrebungen, die anf 
gute Lektüre, poetisches Schaffen, Freude an der Natur etc. gerichtet waren, 
keinerlei Verständnis. 

Diese Unstimmigkeiten in den Lebensanschauungen wurden noch ärger, 
als ich als Offizier in ein galizisches Nest in Garnison kam. Meine Frau fuhr 
oft nach Lemberg und nach Wien, wo sie bei Verwandten wohnte. 

In dieser Zeit brachte sie ihr Hang für Vergnügungen, ihre Sucht nach 
schönen Kleidern etc. auf Abwege und es kam zu einer furchtbaren Szene 
zwischen uns, als ich entdeckte, daß sie sich über unsere Verhältnisse kleidete, 
und nun ahnte, woher die Mittel kamen. Sie hatte ein Verhältnis mit einem 
72jährigen Baron angefangen, der ihr angeblich nicht nabetrat und sie nur 
unterstützte. Denken Sie sieh in meine Lage als Offizier ! Ich hätte sofort 
quittieren müssen, wenn man erfahren hätte, welche Einnahmen meine Frau 
benützte, um ihrem Hange nach Luxus zu fröbnen. Ich schrieb einem befreun- 
deten Advokaten und bat ihn, die Ehescheidung einzuleiten. Seine Vernunft- 
gründe aber, die Furcht vor dem Skandal, die Rücksicht auf unser Kind und 
meine Stellung und nicht zuletzt meine Willensschwäche verhinderten mich 
aber, bei meinem Entschlüsse zu beharren, und wir lebten nebeneinander weiter, 
fremd und lieblos. 

Nach Jahren bildete sich dann eine Art Freundschaft heraus, da meine 
Frau auch einige gute Eigenschaften hatte und wir waren stillschweigend über- 
eingekommen, jeder seines Weges zu gehen, wovon ich keinen, sie aber ziem- 
lich viel Gebrauch machte. 

Erst viel später, als ich bereits in Wien ins Ministerium kam, lernte 
ich ein geistig sehr hochstehendes Mädchen kennen, das auch oft mit meiner 
Frau verkehrte. Mit diesem Mädchen knüpfte ich nun ein Verhältnis an, das 
fünf oder sechs Jahre währte. Nun zeigte sich aber der eigenartige Charakter 
meiner Frau in ganz eigentümlichem Lichte. Während sie selbst sich keinerlei 

') Es handelt sich um Befriedigung seiner sadistischen Phantasien. 



168 



Die Impotenz dos Mannes. 



SeTlt!^ T 6r f iio T und ^eu Leidenschaften lebte, verfolgte 

uns zn heiraten, was ja, da wir Katholiken sind, nicht möglich JZ t , f ' 
und verbitterte mir das Leben auch damit daß SZSh^T ? m *^ wäre > 

wurden diese Konflikte noch dadurch, daß ich ihr ied n™ ^ ^S* 
Ziehung meiner Tochter entzog- diese n Jh R n jede t . Ia S erenz «* die Er- 
Absolvierung desselben eine "gouv" mante LVSÄÄ ^ 5 "5* 
frömmelnden Einfluß des Klosters 7n n,.oi ? ule nahm > d,e den 

Tochter nur mit mir ÄKtoTÄ Ausgehen durfte meine 
könnte sie in ihre Kaffeehausgesel.schlft ■ tlehe„ *** '*' ^ *»■ 

Beweis dadurch liefern wollte, daß ich »2 n ! 5 MCht elaubte ' den 

nähern versuchte - dieser Versuch Li t* **"£' S eschlech « zu 

endete. Meine Frau schloß daran mit Recht LA W*"! Mißerfo1 * 
in mir erstorben sei ' daß jedes «esgefühl für sie 

-w.°-r USA X%ar«f: d °v ie der ■* " 

hat, ich dachte an ihr • «tes fcT • '•* n e '" 6 *"* ""»weifelhrt 
schartlich hat, „ ihreC^Seh'. ° nd tra?^^""* 6 " S- 1 - 
e = doch der Liehe . fi ^ t^ " S^ 

Annäherung an meine Tochter i f h iZ!? T kennea lernte > dossen 
mir in seiner dni^L^^giSlSSL,?; f"" **** ******* 
nicht dem Ideal meiner fc*T5£ SÄ*T2f Ä °? T***" 
hat und ihr in die Kah-.rPt« , „d Vota J e ° ant > dei das Leben- durchgekostet 
u mr m aie ß.aturets und Vanetees nachgelaufen wäre, vorg-ezo<*en hätte 

Sw^^Zt' H- Ch T h Ä D ^ wohlüberlegten Erwägung, daß 

Experimen e hTnr ßeT Ä "?" ^ ^T kÖDUte ' Z " dera 
Das war v J ? / e eiümal Jämmerlich durchzuprügeln. 

ich schloß die 1^^^ "t 5f ™ terdrückte mein 6"»» Mitempfinden, 
ich schlug sie derart daß " ? V üterlie ^ ende "hen zu müssen - abe ; 

ganz mhig gewoJS tl m .Z° chen l mse die Spuren an Sich tru - Sie «r 
um e O eworden und weinte und jammerte. Ich aber lief fort, weit 



Impotenz und Ehe. jtsg 

in die Praterauen und weinte ebenfalls und schämte mich und war tatsächlich 
dem Selbstmorde nahe. Zufällig begegnete ich einem alten Freunde, einem 
selten braven und ehrenfesten Manne. Diesem schüttete ich mein Herz aus 
und er tröstete mich. Mit seinen Trostworten im Herzen ging ich nach Hause 
und bat meine Frau um Verzeihung. Sie weinte noch immer. Und von diesem 
Momente an hatte ich, kleine Zwischenfälle ausgenommen, von 
ihr Ruhe. 

Meine Tochter heiratete den jungen Mann , meine Frau ging wieder 
ihren Vergnügungen nach, fand einen Freund, der mir, da es doch nicht ohne 
einem solchen abgeht (sie ist sehr sinnlich), konvenierte, weil er solidere Grund- 
sätze hat, als man bei einem aus der Gesellschaft meiner Frau erwarten 
konnte — Heß mich meiner Wege gehen, ohne allzuviel Eifersucht zu zeigen, 
und stellte sich auch mit meinem Schwiegersohn und meiner Tochter auf guteu 
Fuß, benahm sich an deren Wochenbett großartig und umsichtig — hat sich 
überhaupt ganz geändert. Ich hatte niemals wieder fJelegenheit, an das e i n- 
mal angewendete Mittel der Züchtigung auch nur im EuLi'erntesten zudenken. 

Aber von der wiedererlangten Ruhe und Freiheit habe ich wenig, denn, 
wie bereits geschildert, ist mir durch viele Enthaltsamkeit im Laufe der letzten 
Jahre — vielleicht auch durch Mangel eines geeigneten Objektes, was ja diese 
Abstinenz bedingte — die Kraft geschwunden, mich soweit auszuleben, als ich 
noch das Verlangen hätte. Und da sich mir jetzt die Gelegenheit, vielleicht 
die letzte meines Lebens bietet, einem Weibe, dem ich sehr zugetan bin, 
nahezutreten, bedaure ich diesen Mangel an Kraft und empfinde doppelt die 
Furcht vor der seelischen Hemmung, die mich im entscheidenden Momente 
um die Früchte meiner monatelangen Bemühungen und um die Erfüllung 
meiner Sehnsucht bringen könnte. 

Schreiten wir zur Analyse dieses Falles. Es fällt uns zuerst die 
Neigung des Patienten zur Mystik auf. Hinter dieser Neigung verbirgt 
sich ein Bedürfnis nach Glauben. In der Tat. Unser Patient ist heimlich 
so fromm wie alle anderen Parapathiker, welche sich schämen, sich ihre 
Frömmigkeit einzugestehen. Er geht in die Kirche, aber nur zum engli- 
schen Gottesdienst, weil es ihm Freude macht, englisch sprechen zu hören 
und weil die englische Predigt ihm einen Genuß bereitet. (Er mache das 
nur aus Interesse für die Sprache.) Seine Frömmigkeit verrät sich auch 
aus der Unmöglichkeit, mit verheirateten Frauen zu verkehren. Das ist 
nicht bewußte Moral. Denn seine moralischen Anschauungen in sexuellen 
Dingen sind ja sehr frei, wie sein Benehmen gegen die Frau beweist. 
Die Heiligkeit der Ehe ist ihm mehr als ein leerer Begriff. Aber alle seine 
bewußte Religiosität hat sich in Mystik verwandelt. Der Grund seines 
Wesens ist Keuschheit. So faßt er die religiösen Hemmungen auf. 

Interessant ist, daß er so spät wieder zu onanieren angefangen hat. 
Diese Regression auf eine infantile Form der sexuellen Betätigung muß 
einen Zusammenhang mit seiner Impotenz haben. Nicht daß er sich durch 
das Onanieren geschädigt hätte, aber daß sein Sexualziel und die von ihm 
erstrebte Sexualbefriedigung durch einen Koitus sich nicht ersetzen ließ 
während die Onanie eine Art adäquater Befriedigung darstellt. Er faßt 



170 



Die Impotenz des Mannes. 



den Entschluß, dem Weibe ganz zu entsagen. Außer der schon betonten 
religiös asketischen Tendenz muß diese Entsagung noch einen anderen 
Grund haben. Er muß sich vor dem Weibe fürchten, oder er muß fürchten, 
daß er sich beim Weibe zu weit gehen lassen' könnte. 

Die außerordentlich scharf hervorgehobenen Minderwertigkeitsgefühle 
ergänzen das Bild. Denn minderwertig fühlt sich nur der Mensch, der 
sich seiner ethischen Defekte bewußt ist. Dieser Fall zeigt uns ganz deut- 
lich, daß die Befriedigung über eine große Leistung das Gefühl der Min- 
derwertigkeit nicht bannen kann. Denn der Mann hatte mehr erreicht als 
alle seine Freunde und Kollegen. Seine Vielseitigkeit war auffallend Er 
war Offizier und Gelehrter, Maler und Dichter und ragte auf musikalischem 
Gebiete über die Mittelmäßigkeit hinaus. Und trotzdem drückten ihn die 
Minderwertigkeitsgefühle zu Boden. Weil er sich bewußt war daß er das 
alles nicht verdiente. Weil er in sich einen geheimen Verbrecher fühlte 
gegen den er sich immer zur Wehr setzen mußte. Alles an sich sah er 
durch ein Verkleinerungsglas, selbst seinen großen Penis. Einen kleinen 
1-ehler, den er macht, vergrößerter so lange, bis daraus eine große Sünde 
wird und er darob nicht schlafen kann. 

Dieser Mann büßte schwer die falsche Wahl seines Partners. Die 
Homosexualität seiner Frau dürfte meinen Lesern schon aufgefallen sein 
Ihre Eifersucht auf die Freundin, auf ihren Mann, dabei selbst der rastlose 
Urang nach den Männern, zeigen, daß es sich um eine Messalina mit ver- 
drängter Homosexualität handelt. Auch er hat seine homosexuelle Kom- 
ponente, die ihn ertragen läßt, daß die Frau keine Virgo ist die ihn 
überhaupt mit der Frau zusammenleben läßt, welche sich schamlos be- 
nimmt und sich auch um Geld an alte Wüstlinge wegwirft. Er erträgt 
alles, weil der Duft der Männer, der ihr anhaftet, ihm eine geheime Wollust 
bereitet. Er bestimmt schließlich die Wahl des Geliebten und ist froh 
daß seine Frau mit einem besseren Menschen zu tun hat. Er liebt sie 
trotz allem, was vorgefallen ist. 

Es sind zwei Menschen, die um die Macht in der Ehe kämpfen. 
Er grollt ihr innerlich, weil sie den Künstler in ihm nicht anerkennt. Sie 
setzt sich nie an das Klavier, wenn er spielt, sie lobt nie seine Bilder, ob- 
wohl alle Welt sie bewundert, sie liest auch seine Bücher nicht. Sie hat für 
ihn nur Interesse, wenn er als Offizier handelt. Der Künstler in ihm rächt 
sich aber und er haßt die Frau. Die Frau wollte sich gleich in den 
ersten Tagen der Ehe als der stärkere Teil zeigen und sie blieb es auch. 
Er ertrug den Umstand, daß sie keine Virgo war, und wagte nicht einmal 
zu fragen, ob sie schon vor ihm ein anderer besessen hatte. Sie ging schließ- 
lich ihrer Wege und ließ sich durch ihn nicht im geringsten stören. Sie war 
sofort auf seine Schwester eifersüchtig und machte immer Hindernisse, 
wenn die Schwester zu ihm kommen sollte. Oder sie war nie zu Hause. 



Impotenz und Ehe. j^yj 

Da zeigte er ihr eines Tages den Herrn. Hatte sie das erwartet? 
War ihr Benehmen nicht wie ein Herausfordern , ein stummes Fragen : 
Wie lange wirst du dir das noch bieten lassen? Ich würde an deiner 
Stelle dir schon den Herrn zeigen." 

Und wunderbar, wie sich ihr Wesen ändert, da er ihr einmal den 
Herrn gezeigt. Diese Frau hatte einen ganzen Mann gesucht, der sie mit 
Gewalt in seiner Macht hielt, dem sie gehorchen mußte. Nur der starke 
Mann hätte sie fesseln und halten können. Alles in ihr schrie nach Unter- 
werfung, aber unter einen stärkeren als sie es war. Seine Wut hatte ihr 
das erste Mal gezeigt, welche furchtbare Gewalten in der stillen Seele 
ihres Mannes schlummerten. 

Er aber liebte diese Frau und wollte es nicht zeigen, weil in ihm 
mit der Liebe noch eine andere Kraft aufstieg, gegen die er sich mit 
aller Macht seines Wesens stemmen mußte. Welches waren aber diese 
geheimen Kräfte, welche uns das Rätsel seiner Impotenz lösen helfen? 
Wir sahen, daß auch moralisch-religiöse Hemmungen bei ihm tätig waren. 
Er wird die schöne Frau, welche er jetzt besitzen könnte, nie besitzen. 
Der Mann dieser Frau ist sein Freund und mag seine homosexuelle Kom- 
ponente ihn auch in diese Richtung drängen wollen, sein Wesen ist zu 
sehr mit Ethik durchtränkt, als daß ihm dieser Ehebruch gelingen könnte. 
Dazu kommt noch eine andere Kraft, die alle seine Energien absorbiert. 
Er gesteht nämlich bei der nächsten Zusammenkunft zögernd, daß er öfter 
davon träume, daß er seine Frau schlage und daß er dann eine heftige 
Erektion habe. Öfters sei es schon zu Pollutionen gekommen. Er kann 
sich dies Gemenge von Haß und Liebe, von Verachtung und Wollust 
nicht erklären. 

Seine weiteren Mitteilungen zeigen, daß er schon in seiner Kindheit 
mit sadistischen Regungen zu kämpfen hatte. Ja, in der Brautnacht kam 
ihm der Gedanke, seine Frau zu erwürgen, als er entdeckte, daß 
sie keine Jungfrau war. Dieser furchtbare Gedanke machte ihn wehr- 
los. Er durfte nicht böse sein, weil sonst alle Dämonen des Hasses in 
seiner Brust losgelöst würden. Nun aber fühlte er — seit er die Frau 
geschlagen hatte — eine immer stärker werdende Tendenz, die Frau zu 
schlagen und sich für die vielen Jahre der Schmach zu rächen. Diese 
Rache war nur der Vorwand für seine sadistischen Regungen. Wie viele 
Strafen und Züchtigungen entstehen auf diese Weise ! Wie viel Taten ver- 
danken ihre Größe diesem in uns lebenden gewalttätigen Urmenschen! 
Was er eigentlich verlangte, das war ein Lustmord an seiner Frau. Er 
möchte sie erwürgen oder erstechen. 

Die Liebe zu der schönen Frau wurde von ihm gierig aufgegriffen 
und vergrößert, um sich noch einmal von dem andrängenden Sadismus 
in die normale Heterosexualität zu retten. 



172 



Die Impotenz des Mannes. 



Ich lasse mir seine letzte Novelle und sein letztes Theaterstück 
schicken, da ich annahm, sie müßten diesen Konflikt in irgend einer Weise 
künstlerisch zu lösen versuchen. Die Novelle handelt von einem Manne 
der seine Frau wegen Treubruches erschießt und dann freiwillig aus dein 
Leben geht. Das Stück zeigt uns einen gewalttätigen Mann, der ein Ver- 
brecher ist einmal einen Giftmord begangen hatte, um eine lästige Ge- 

2£m r T 6g K ZU f UmeD ' Und tr ° tzdem ZU S roßen Ehren kommt, 
schließlich aber doch entdeckt wird. 

Dieser Haß gegen die Frau ist zugleich ein Kampf gegen alles 

l e ; tt ; s n t iv as ; hn entmannt und in wichti ^ *~ kffi 

Punkte frllJ r* Um , Seme 6igene Miinnlichkeit > auf deren äußerstem 
Punkte irgendwo der gewalttätige Mann steht, der seiner Frau den Mann 
zeigt dadurch, daß er sie tötet, der Herr über ihr Leben ist. 

n„i BO !.♦ ! Und b6WUßte Übe ™dung dieser sadistischen Im- 

pulse machten es ihm möglich, mit seiner Frau Frieden zu sc lTeßen 4 

Hause zu Ende war. Er hatte auf allen Linien gesiegt . Die PotenT 

Störung schwand vollkommen. 

RW„ fV? SGine " Fl ' aU Übte er keinen ßeischlaf ■* Er konnte seiner 
*»u die Untreue nicht vergessen und fühlte sich tief gekrankt und T 
dem utlgt .obwohl er ihr verziehen und ihr letztes Verh iÄJÄÄff 

bJC Beziehungen zu Kriminalität und Sadismus zeigt die »"*■ 

gelingt fast ta£. T* »3 fcJÄ Z? 3 * **£?" "*" Hw8e 

seiner Eheimpotenz. In der Analyse JrS? t ?'. ^^ ^ ** Dmcho 

Kind wäre von einem einer fÄp n l ^ daß T äw Verdacht hat > das 
zu seinem lCm de wTToWe L K «TS!** (»Gewußte) Beziehung 
vorieen BmSSwi ? u ? Kapitei » Eife rsucht und Sadismus« d«£ 

gib PhantSn t Ä 5*^ ¥ ""S "** Zeitweise bewußt gewesen. Er 
er als fc£ AiTt et Sf^V? ^ ZU rtamen l ) und Ästeht, ^ß 
Hebten hatte ein Ki ? a J nllche8 ^ ^^en begangen hatte. Eine seiner Ge- 
hatte, al 8 es 2,™^ ^ ^ einmal ° inc Morphiuminjektion gegeben 

ob es an der JSS" ™" * ^ ^ ° b er * gCtÖtet hat oder 
er Krankheit gestorben sei. Die weitere Analyse ergibt kriminelle 

^Innoceite' 68 M ° t,V behandelt d ' An "«^io in seinem psychologischen Eheromane 



"TS 



Impotenz und Ehe. 173 

Phantasien gegen Mutter und Kind. Er träumte wiederholt, daß er die Frau 
erwürgt oder erschossen hätte. 

Die meisten dieser Sadisten flüchten sich in eine tiefe Religiosität, 
in der sie Schutz gegen ihre bösen Instinkte suchen. Diese Religiosität 
kann sich — wie die nächste Beobachtung beweist — hinter asketischen 
Tendenzen verbergen. 

Fall Nr. 74. Herr H. 0., 50 Jahre alt, ein bekannter Literat, leidet seit 
zwei Jahren an einer vollkommenen Impotenz. Sogar die Morgenerektionen 
sollen vollkommen fehlen. Er führt sein Leiden auf zwei Motive zurück: 
1. Auf eine im neunten Lebensjahre begonnene und bis zum Eintritt in die 
Ehe (35. Jahr) immer fortgesetzte Onanie; 2. auf eine Übermüdung in- 
folge übermäßigen Betreibens von Sport. Er ist ein typischer Hypochonder, 
dessen ganzes Streben dahin geht, die durch seinen eigenen Leichtsinn er- 
worbenen Schäden zu bessern. Er führt eine absolut hygienische Lebensweise 
nach bestimmten Regeln. Er hält strenge Diät, sorgt für frische Luft, badet, 
sonnt sich, und leidet trotzdem an Müdigkeit, Sehmerzen im Rücken und in den 
Beinen, an Magenkrämpfen und ist zum Überfluß noch impotent geworden. Er 
war ein leidenschaftlicher Turner, Radfahrer, Skiläufer, Bergsteiger. Er hat 
alles aufgegeben, weil er weiß, daß die Übermüdung ihn für viele Wochen 
schwer krank macht. Überdies leidet er an schweren psychischen Depressionen, 
ist immer mißgestimmt, erbittert, trägt sich mit Selbstmordgedanken. Er bleibt 
nur seiner Frau und seinen reizenden zwei Knaben zuliebe am Leben. Er hat 
eine Liebesheirat geschlossen und behauptet, sich nie nach anderen Frauen 
gesehnt zu haben. Er hat nie eine andere Frau besessen als die seine — er 
will auch keine andere erobern. Er wäre glücklich, wenn er bei seiner Frau, 
die er liebe und verehre, potent wäre. 

Aus der Anamnese sind einige Momente von besonderer Bedeutung her- 
vorzuheben. Er hatte eiuen sehr strengen Vater, der das ganze Haus tyrannisierte, 
alle in strenger Zucht hielt, zu Ehrfurcht und Frömmigkeit erzog. Er begann 
früh zu onanieren, war schüchtern und wich allen Gelegenheiten aus, sich 
durch Gespräche mit anderen Knaben sexuell aufklären zu lassen. Aus Be- 
merkungen des Vaters entnahm er, daß er ihm nie einen Schritt vom Wege 
verzeihen würde. Er lernte sehr früh sein heißes Temperament beherrschen 
und seinen Willen stählen. Es gab keine Leistung, die er sich nicht erzwingen 
konnte. Er lernte Entsagung und die Freude der Entsagung. Er kämpfte sein 
ganzes Leben gegen die Onanie und war glücklich, wenn er die einzelnen 
Akte in Pausen von Wochen absolvierte. Seinen Trost fand er bis zum 18. Jahre 
in der Religion. Die Beichte war ihm immer eine große Erleichterung. Dann 
aber wurden seine Anschauungen freier. Er blieb wohl immer ein frommer 
Mensch, der gerne in die Kirche ging, wenn etwas sein Herz bedrückte, aber 
er hielt sich an keine Formalitäten mehr, er hatte einen reformierten Glauben, 
wie er seiner Intelligenz entsprach. 

Sein Ehrgeiz war grenzenlos. Er wollte es in jeder Hinsicht weiter bringen 
als seine Kollegen. Er hoffte durch die sexuelle Abstinenz seine Kräfte zu 
ungeahnten Leistungen zu steigern. Er gewann viele Preise im Wettschwimmen, 
bei Radrennen; er bestieg Berge, die bisher für unbezwinglich gegolten hatten. 
Aber er wich ängstlich allen erotischen Versuchungen aus, obwohl er von 
Erektionen gequält wurde, die einige Tage dauerten. Er hatte ein Mittel, die 
Askese zu erzwingen. Er wertete seine ganze sexuelle Energie in Sport um. 



174 



Die Impotenz des Mannes. 



Immer spielte er vor sich den Mann, dem die Gelegenheit fehlte, der keine 
Zeit für die Liebe hatte. Aber es war nur eine Flucht vor der Sexualität. 
Die harten Worte seines Vaters klangen ihm immer im Ohr. Er wollte kein 
Lump, kein Wollüstling, kein ausgezehrter Schwächling werden. Schließlich 
wurde ihm die Selbstbeherrschung wichtiger als die Ausübung des Triebes. 

Für viele Beispiele, wie er sich benahm, will ich ein einziges anführen. 
Er kam einmal spät nachmittags in eine Sennhütte. Da traf er eine bildsaubere 
dralle, appetitliche Sennerin, welche das kärgliche Mahl mit ihm teilte. Sie 
fragte, wohin er denn gehe und als er ihr das Ziel nannte, meinte sie, es 
wäre zu weit, er werde es nicht erreichen. Überdies drohe ein Gewitter. Er 
solle lieber in der Sennhütte bei ihr übernachten. Ihr Bursche sei beim Militär 
und schreibe gar nicht mehr, er sei ihr sicher untreu worden. So ging 

das Gespräch weiter. Das Dirndl gab ihm deutlich zu verstehen, daß er ihr 
sehr gut gefiele und bei ihr leicht alles erreichen könnte. Er aber meinte er 
müsse noch in eine bestimmte Hütte, er werde dort von Kameraden erwartet 
Davon war kein Wort wahr. Er wollte nicht bleiben, obwohl er vor Be-ierde 
brannte. Er war doch innerlich fromm und jeder Koitus vor der Ehe war 
in seinen Augen eine Sünde, obwohl er sich vormachte, daß er freie Ansichten 
habe. Er glaubte aber, er hätte nicht das Recht, das unschuldige Dirndl zu 
verderben Das war nur die Rationalisierung einer inneren Angst. Er fürchtete 
mit dem Mädchen allein zu bleiben. 

Auf irgend eine Weise rationalisiert er so seine asketischen Ten- 
denzen und geht weiter durch das Leben gegen seine Onanie kämpfend 
und seine Kräfte im Sport verbrauchend. Es war nicht zu hindern, daß 
seine reiche Phantasie ihm die Realität ersetzen mußte. Er begann von 
allen Frauen zu träumen, die ihm am Tage begegneten und ihm gefielen 
Er versank in Tagträume, in denen er all das vollziehen konnte, was er 
sich m der Wirklichkeit versagte. Er wurde zerstreut, unruhig, der Kampf 
wurde immer stärker. Er fühlte, er müsse seine Abstinenz, auf die er so 
stolz war, aufgeben. Er lernte in einem Klub ein Mädchen kennen, das 
ihm sehr gut gefiel. Sie hatte die gleichen Neigungen für den Sport wie 
er, war aus guter Familie und ihm sehr sympathisch. Kurz, er faßte den 
Entschluß, sich um das Mädchen zu bewerben. Sie ging auch auf seine 
Werbung ein und machte ihm deutlich Hoffnungen. Eines Tages aber 
hörte er, daß sie sich mit einem anderen verlobt hatte. Das Mädchen schrieb 
ihm einen Brief, er solle ihr nicht zürnen, aber sie sei zur Erkenntnis 
gekommen, der andere passe besser usw. 

Er konnte sich von dem Schlage lange nicht erholen. Er war schon 
ein Dreißiger und hatte bisher abstinent gelebt. Er nahm sich vor, jetzt 
anders zu werden. Er war ein stattlicher, wohlgebildeter, eleganter, junger 
Mann. Er hätte so viele Eroberungen machen können, als er gerade brauchte. 
Er fing an, sich in den Strudel zu stürzen, knüpfte allerlei Beziehungen 
an . . . und flüchtete im letzten Augenblicke immer vor den äußersten 
Konsequenzen. Seine Exbraut sah er niemals, er wich ihr aus, so viel er 
konnte. So verstrichen zwei Jahre ... Da erhielt er eines Tages einen 



Impotenz und Ehe. \l 5 

Brief von der Treulosen, sie bitte ihn, sie zu besuchen. Er eilte zu ihr 
und fand sie in Tränen. Der andere wäre ein leichtsinniger Mensch, sie 
merke erst jetzt, daß sie eigentlich nur ihn liebe ... Ob er verzeihen 
und ob alles wieder gut werden könnte? 

Er ließ sich rühren uud hielt noch einmal um ihre Hand an. Sie 
wurde bald seine Frau. Die Potenz war ausgezeichnet und es schien, als 
ob er glücklich werden könnte. Da traten verschiedene Störungen der 
Verdauung auf, er begann mit der Selbstbeobachtung und es bildete sich 
eine Zwangsvorstellung aus: „Ich hätte nicht bergsteigen sollen. Ich habe 
mir beim Bergsteigen eine Übermüdung zugezogen." Die Zwangsvorstellung 
wurde immer peinlicher. Er begann Diät zu halten, magerte ab und kon- 
statierte gleich, daß er auch in der Ehe zu viel koitiert hatte. Er hatte 
die ersten Jahre täglich seinen Kongressus vollzogen. Nun wollte er auch 
hier an Kraft sparen und fing an sich zurückzuhalten. Eines Tages aber 
war er impotent. Nun wußte er es: „Jetzt kamen die Schäden der Onanie 
und der Übermüdung hervor, nun war er fertig." Diese Impotenz blieb 
acht Monate bestehen. 

Die Analyse hatte nun die Aufgabe, die Hemmungen zu finden, 
welche zu dieser Störung geführt hatten. Es war keine leichte Aufgabe. 
Patient blieb hartnäckig dabei, das Bergsteigen wäre an der Impotenz 
schuld. Das erste Mal, da diese Störung aufgetreten, war es nach einer 
großen Partie auf den Großglockner. Er kam müde nach Hause und 
wollte den Beischlaf vollziehen . . . und es ging nicht mehr. Das war 
ihm der sichere Beweis des Zusammenhanges zwischen Bergsteigen und 
der Impotenz. 

Die Analyse brachte die bekannten Momente, die bei keinem dieser 
Parapathiker fehlen. Einen maßlosen Ehrgeiz, der nun in sich zusammen- 
gebrochen war, eine unaufhaltsam arbeitende Phantasie, die auch in der 
Ehe nicht aufgehört hatte, die bekannten Frauen in den Kreis erotischer 
Kombinationen zu ziehen. Erst seit der vollkommenen Impotenz hatte er 
Ruhe vor diesen Gedanken. Ihn beherrschte nur die eine Zwangsvor- 
stellung: Ich hätte nicht so viel onanieren und bergsteigen sollen. 

Allmählich trat das Bild einer anderen Frau hervor. Es war eine 
sehr intelligente Dame, die ein Freund geheiratet hatte, der einzige, mit 
dem er intim verkehrte. Es zeigte sich, daß er den Freund in jeder 
Hinsicht um diese Frau beneidete. Die Zwangsvorstellung : Ich hätte nicht 
bergsteigen sollen, löste sich in einfacher Weise auf, sie stand für einen 
anderen Vorwurf, den er sich machte: Ich hätte meine Frau nicht heiraten 
sollen. Immer deutlicher kam es zum Vorschein, daß er sich in der Ehe 
schwer zurückgesetzt fühlte. Seine Frau und er führten ein gesondertes 
Leben. Sie begleitete ihn nicht mehr auf seine Ausflüge, sie kümmerte 
sich nicht um sein Schaffen. Er kam immer einsilbig nach Hause und 



176 



Die Impotenz des Mannes. 



sprach kein Wort. Das verstimmte seine Frau, die sehr empfindlich war. 
Sie rächte sich dann auf ihre Weise. Kurz, es waren zwei Menschen, von 
denen jeder über den anderen herrschen wollte, die andrerseits von 
einander Zärtlichkeiten verlangten. Beide beklagten sich über den Mangel 
an Freundlichkeit und Zärtlichkeit, einer beschuldigte den anderen und 
keiner machte den Anfang. 

H. 0. hatte zu Hause das Beispiel eines strengen starken Vaters 
gesehen, der neben seinem Willen keinen anderen kannte. Seine Frau 
aber war die Tochter einer Mutter, welche die Zügel der Regierung 
stramm in den festen Händen hielt. Ihm schwebte das Beispiel des Vaters 
vor, ihr das der Mutter. Schließlich mußte er einsehen, daß er im Hause 
nie seine Persönlichkeit durchsetzen werde. Ein dumpfer Haß gegen die 
Frau begann zu gähren. Er wünschte ihr den Tod und wollte wieder 
frei und unabhängig sein. Mit 35 Jahren lernt man es schwer, sich einem 
fremden Willen zu beugen. Er erinnert sich an Träume, in denen er sie 
tot sah, er weiß auch, daß er mit dem Gedanken gespielt hatte, sie auf 
einem Ausfluge in die Tiefe zu stürzen. Nun weiß er, warum er nach 
der Großglocknerpartie impotent war. Er war lange Zeit vor einer Stelle 
gestanden, wo eine Dame einmal abgestürzt war. Er erinnerte sich an die 
berühmte Stelle am Ortler, die er mit seiner Frau passiert hatte. Sein 
böses Gewissen regte sich. Seine ganze Krankheit war die Strafe für seine 
feindseligen Gedanken. Ich hätte nie bergsteigen sollen, heißt auch: Wären 
mir nur nicht auf den Bergen die schlechten Gedanken gekommen 

Er sieht ein, daß er die Störung der Potenz selbst erzeugt hat, weil 
er die kleinen Differenzen mit seiner Frau nicht gleich durch ehrliche 
offene Aussprache zerstreut hatte. Er nimmt sich vor, sich zu ändern' 
Zum ersten Male in der Ehe spricht er mit seiner Frau über alles, womit 
er nicht zufrieden ist und gibt auch ihr Gelegenheit, sich mit ihm über 
seine Fehler auszusprechen. Der Erfolg war verblüffend und überzeugend. 
In dieser Nacht konnte er ohne jede Störung den Verkehr ausführen. Die 
Störung- der Potenz ist seit der Versöhnung vollkommen behoben. 

Auch in diesem Falle hatte die Vorstellung „Du bist jetzt impotent" 
als weitere Hemmung gewirkt. Starke asketische Tendenzen, in denen die 
Sucht, sich zu bestrafen, sich Freuden zu entziehen, sich zu beherrschen, 
deutlich hervortraten, verstärkten das Krankheitsgefühl. Und das Krank- 
heitsgefühl ist in diesem Falle die Krankheit selbst. *) 



) Kant sagt sehr treffend: „Selbst bei wirklichen Krankheiten müssen wir 
wohl unterscheiden: die Krankheit, und das Gefühl der Krankheit. - Das 
letztere übertrifft mehrenteils die erste bei weitem; ja man kann behaupten, man würde 
die eigentliche Krankheit, die oft nur in einer örtlich gestörten Verrichtung eines oft 
um bedeutenden Teiles besteht gar nicht bemerken, wenn nicht die dadurch erregte all- 



Impotenz und Ehe. | n-j 

Fall Nr. 75. Ein 3Gjühriger Mann ist seit einem Jabre von einer sonder" 
baren Form der Impotenz betroffen worden. Er leidet seit 10 Jahren an Auf- 
stoßen , Spannungsgefühl im Bauche, Herzklopfen und Schwindel und allerlei 
komplizierten Angstgefühlen. Allmählich hat sich bei ihm die Angst heraus- 
gebildet, es könnte ihn der Schlag treffen ; er hörte zufällig von einem alteren 
Herrn, den der Schlag während eines Beischlafes getötet habe. Diese 
Vorstellung wurde zur fixen Idee und bewirkte, daß er bei seiner Frau halb 
impotent wurde. Oft schwand die Erektion in dem Momente, als er sich an- 
schickte, die Immissio zu vollziehen. Seit einem Jahre ist er gänzlich impotent 
und darüber sehr unglücklich. Die Erektionen sind vollständig ausgeblieben 
und treten nicht einmal mehr des Morgens im Traume auf. 

Er ist der Ansicht, daß er sich früher zu viel ausgelebt habe und die 
Impotenz scheint ihm als erzwungene Askese nicht unwillkommen zu sein, weil 
or sein Leben dadurch zu verlängern hofft. Aber seine Frau empfindet den 
Zustand als sehr peinlich und meint, ein junger kräftiger Mann wie er, könne 
unmöglich schon impotent sein. Aus diesem Grunde habe er sich zur Behand- 
lung entschlossen, obwohl schon mehrere Kuren insoferue erfolglos waren, als 
nach einem vorübergehenden Aufflackern seiner Potenz die Störung dann mit 
um so größerer Hartnäckigkeit einsetzte. Er weiß außer der erwähnten Angst 
vor dem Schlag keine Ursachen anzugeben, will auch während der Ehe keine 
andere Frau begehrt haben. Er liebe seine Frau leidenschaftlich und werde 
glücklich sein, wenn or sie wieder voll und ganz werde befriedigen können. 

Er geht bereitwillig auf den Vorschlag der Analyse ein und läßt sich 
von mir belehren, daß es sich um eine seelische Impotenz handelt, er stehe 
unter der Herrschaft der Angstvorstellungen, es könnte ihn der Schlag treffen, 
und diese Vorstellung wirke auf seine Geschlechtslust lähmend. Da er ein 
normales Herz und sehr elastische, weichwandige Gefäße hat, kann ich ihn 
bezüglich der hypochondrischen Angst beruhigen und ihm rasche Heilung ver- 
sprechen. Ich schließe die erste Unterredung mit den Worten: „Sie sind nicht 
impotent, Sie bilden sich nur ein es zu sein. . ." 

Oft genügt die Aufdeckung der inneren Widerstände und die Versiche- 
rung: „Sic sind nicht impotent!" . . . und die Störung ist behoben. So 
war es auch in diesem Falle. Aber die Potenz war noch immer launisch, 
sie versagte hie und da. Es waren noch andere Momente zu erforschen, 
welche diese Impotenz bedingt hatten. Einen Anhaltspunkt erhalten wir aus 
der Angabe des Kranken, daß er häufig, wenn er in ein Geschäft eintrete, 
in welchem der Mann allein anwesend ist, einen Angstanfall hat. Das laßt auf 
eine ihm nicht bewußte Homosexualität schließen. 

Wenn er seinen Angstanfall hat, so braucht er immer eine Begleitung. 
Diese Begleitung muß eine Dame sein. Der Mann schützt ihn nicht gegen Angst. 

Gewöhnlich protestieren die Patienten sehr lebhaft, wenn mau sie auf- 
merksam macht, daß dieser oder joner Zug latente Homosexualität verrät. 
Dieser Patient hat sofort das volle Verständnis dafür, weil ihm die homo- 
sexuellen Tendenzen immer bewußt waren. Er erzählt eine ganze Menge De- 
tails, welche meine Annahme bestätigen, seine Impotenz hänge zum Teile mit 



gemeine Unlust und Unbehaglichkeit, oder unangenehme Gefühle und Schmerzen unsern 
Zustand höchst peinlich machten. Diese Gefühle aber, diese Einwirkung der Krankheit 
auf das Ganze, stehen großenteils iu unserer Gewalt. Eine schwache, verweichlichte 
Seele, eine deshalb erhöhte Empfindlichkeit, wird dadurch völlig übermannt; ein starker 
abgehärteter Geist weiset sie zurück uud unterdrückt sie." 

Stokel, Störungen dos Trieb- und AfTuktlubuim. IV. 2. Aull. J2 



178 



Die Impotenz des Mannes. 



seinem unbefriedigten homosexuellen Verlangen zusammen. Zuerst, daß die 
Impotenz sich rasch besserte, als er bei Dr. N. in Behandlung war, der 
seinen Penis elektrisierte. Er wurde dann, wenn er vom Arzte wegging, so 
aufgeregt, daß er gleich mit seiner Frau verkehren konnte. Dann passierte 
ihm das Malheur, daß er die Erektionen während des Elektrisierens produzierte, 
und zwar in dem Momente, als die Hand des Arztes ihn berührte. Er ist sehr 
empfindlich gegen die Berührung des Phallus durch Männerbände. Er verlangte 
auch von der Frau die manuelle Berührung in Erinnerung an zahlreiche homo- 
sexuelle Akte, die er in der Kindheit bis zum 16. Jahre vollzogen hatte. Er 
hatte ein Verhältnis mit einem Mitschüler. Sie pflegten in dunklen Zimmer sexuelle 
Spiele aufzuführen, wobei er das Weib spielte. Auch zur Fellatio kam es zwischen 
ihm und dem Freunde. Seine Brüder und er onanierten öfters gemeinsam. 

Merkwürdig war es, wie ich auf alle diese Zusammenhänge gekommen 
bin. Der Patient teilte mir mit, er habe ein Märchen geträumt, das sehr schön 
wäre, aber keinen Sinn hätte. Ich ersuchte um Mitteilung des Märchens, das 
folgendermaßen lautet: 

Mir träumte: Ich kroch auf einen hohen Berg; als ich oben war 
und mich umschaute, stand vor mir ein Mann, der mich mit den Worten 
ansprach: Wollen Sie noch höher steigen? Ich sagte ja. Also schauen Sie 
dort das Bauernhaus an, dort ist ein Wagen und auf demselben liegen 
Schlüsseln; wenn Sie mir selbe bringen, so führe ich Sie weiter. Ich, 
ohne zu überlegen, ging auf den Bauernhof los, um in den Besitz der 
Schlüssel zn kommen. Als ich in der Nähe war, bemerkte ich Hunde; 
ich fing an, mich zu fürchten, doch sah ich aber eine Weile zu, und als 
ich bemerkte, daß die Hunde an einer Kette angebunden sind, sprang 
ich hin und nahm die Schlüsseln; als ich mich aber entfernen wollte, 
sprang mir ein Hund nach und biß mich in den Fuß; ich, ohne auf 
die Wunde zu achten, fing an zu laufen und kam glücklich bei dem 
Manne an. 

Er sprach mich mit den Worten an: Nun hast du die Schlüsseln? 
und ich zeigte ihm selbe, ohne ein Wort zu sageu, jedoch zeigte ich ihm 
die Wunde, er aber sprach, nun können wir weiter gehen. 

Er führte mich einen Berg höher, und als wir oben angelangt 
waren, sprach er zu mir: Wir kommen jetzt in einen großen unterirdi- 
schen Gang. Ich werde verschiedenes sehen. Ich sah große Kasematten, 
und als wir zur letzten kamen, welche rund und bemalt war, verschwand 
mir plötzlich der Mann und suchte ich ängstlich nach einem Ausgang, 
den ich aber bald fand, und ging ein Stück durch den Gang. Schließlich 
lichtete sich der Gang und ich kam nach sehr kurzer Zeit auf eine so 
schöne Wiese, daß mir das Herz lachte; ich sah auf eine kleine Ent- 
fernung eine Herde voll mit Rindvieh, welche geweidet wurde, später 
erblickte ich eine sehr schöne Hirtin, auf welche ich zuging. Selbe 
erweckte den Anschein, als wenn sie gänzlich überrascht gewesen wäre, 
wie ich zu ihr gelange. Ich setzte mich neben sie und nach kurzem 
Gespräch waren wir ein Liebespaar; selbe war so reizend, daß ich sie 
bald in die größte Erregung brachte und ich anfing, sie zu drücken und 
zu küssen. Was weiter geschah, weiß ich leider nicht mehr. 

Der Sinn des Traumes ist, daß er einen Schlüssel zu seinem Leiden sucht 
und diesen Schlüssel findet. Die unterirdischen Kasematten symbolisieren dunkle 
Verstecke der Seele. 



Impotenz nnd Ehe. 179 

Hinter allen Geheimnissen steckt ein bestimmtes, das die schöne Hirtin 
repräsentiert. Er versprach sieh auch einmal und sagte Hirten statt Hir- 
tin. Kenner dieses Phänomens werden sofort wissen, daß das Verschreiben 
und Versprechen ein psychischer Verrat ist. Ich bin der Bauer, der ihn in 
die Höhe führt, die eigenen wilden Gedanken, die Leidenschaften (Hunde) 
hindern ihn, die Hohe zu erreichen. Er sucht und sucht und findet ein Mäd- 
chen, das Kühe weidet. Er beschreibt es ganz genau. Er wäre so selig ge- 
wesen, so außer sich vor Wonne, wie noch nie in seinem Leben. (Ferner 
Fellatio-Phantasien.) 

Seine Amme war Kuhhirtin und blieb noch viele Jahre im Hause. Er er- 
innert sich folgenden Vorfalls. Er war acht Jahre alt, da litt er an Zahnschmerzen 
und klagte sehr darüber. Die Amme nahm ihn zu sich ins Bett und fing 
mit seinem Gliede zu spielen an, um ihn zu beruhigen. Auch ließ sie ihn 
auf sich liegen, nur sagte sie ihm: „Hineinstecken darfst du es nicht und der 
Mutter kein Wort sagen." Am nächsten Tage hatte er Flecke auf dem Hemde 
und die Mutter wunderte sich sehr, woher er das habe. Aber er schwieg und 
der Vorfall wiederholte sich noch einige Male. Erst mit 16 Jahren vollzog er 
mit einem Dienstmädchen, das auch ähnliche Züge hatte wie, die Hirtin, den 
Koitus. Das Mädchen des Traumes war eine Verdichtung aus der Amme und 
dem Dienstmädchen und zeigte auch Ähnlichkeit mit dem Freunde, mit dem 
er gegenseitige Fellatio getrieben hatte. Die Wiese des Traumes war die 
Wiese, wo sie sich das erste Mal gefunden hatten. 

Nun erklären sich eine ganze Menge seiner parapathischen Symptome. Er 
schluckt die Luft statt des Sperma, er muß fortwährend schlucken und 
schlucken und dabei kommt die Luft in den Magen, er wird dann geschwollen 
und hat einen dicken Bauch, wie eine gravide Frau, mit der er sich identifiziert. 

Er sehnt sich nach den infantilen und juvenilen Formen seiner Ge- 
schlechtsbetätigung. Er ist impotent, weil er ganz andere Reize verlangt, als 
seine Frau ihm bieten kann. 

Die Assoziation zur Amme (Hirtin), die ihn wie eine Hirtin behütet hat, 
weckt die Erinnerung an die infantile Periode des Saugens an der Ammen- 
brust. Er war lange Zeit ein Lutscher und hat noch heute die Gewohnheit, an 
dem Daumen zu saugen, wenn er aufgeregt ist und nicht einschlafen kann. 
Bei seiner Frau hat er ebenfalls versucht zu saugen, aber diese Liebkosung 
ist ihr nicht angenehm. 

Ich habe die Vermutung, daß er mir noch nicht alles mitgeteilt habe. 
Ob sich nicht hinter der Hirtin ein anderes weibliches Wesen verbirgt, dem sein 
Herz gehört? Er verneint diese Frage. Er liebe und begehre nur seine Frau. . . 

Einige Stunden Analyse ohne besondere Ergebnisse. Er läßt sich noch- 
mals über das Entstehen eines Schlaganfalles belehren, möchte über das Wesen 
der Analyse sprechen, wird von mir verwiesen, nicht auszuweichen. Während 
er vorher betont hatte, daß er die glücklichste Ehe der Welt führe, gibt er 
in der letzten Sitzung kleine Differenzen mit seiner Frau zu. . . . 

Er gibt eine eingehende Schilderung seines Leidens. Seit 10 Jahren mache 
er eine Hölle durch. Er kann nicht allein ausgehen, muß immer begleitet 
werden. Er geht in kein Theater und in kein Konzert. Immer beherrscht ihn 
Angst, es könnte ihn der Schlag treffen. Es ist, als ob er verhext wäre. 
Er sei doch früher ein lustiger Bursche und lebensfroher Mann gewesen. Die 
Angstanfälle werden von ihm durch eine großartig durchgeführte Aerophagie 

12* 






180 



Die Impotenz des Mannes. 



eingeleitet. leb sehe ihn in einem solchen Zustande. Der Bauch ist wie eine 
große Trommel bretthart aufgetrieben. 

Er kann schon allein zu mir kommen, während er vorher immer von 
seiner Frau begleitet wurde. Er wird über den Mechanismus des Luftschluckens 
unterrichtet. Es wird ihm der Rat gegeben, auf der Gasse eine Mentholzigarette 
oder einen Bleistift zwischen den Zähnen zu halten, was bekanntlich das Luft- 
schlucken verhindert. 

Er beginnt langsam zuzugeben, daß er sich in der Ehe unglücklich fühlt. 
Er habe sich geschämt, die Wahrheit zu gestehen und habe geglaubt, das 
Leiden habe mit seiner Ehe nichts zu tun. Er berichtet über seine Odyssee 
bei den verschiedenen Ärzten Wiens und Berlins. Jeder hätte ihm eine andere 
Krankheit eingeredet. Er überträgt sehr lebhaft auf mich und beginnt meine 
Tätigkeit ebenso zu überschätzen, als er die der anderen Ärzte unterschätzt. 

Zwei Tage absolutes Wohlbefinden wie schon seit 10 Jahren nicht. Heute 
ein kleiner Rückfall. Von seinen Zweifeln gibt ein kleines Notizbuch Kunde, 
das er vollgeschrieben hat. 

Er träumt, daß er einen Hirsch geschossen hat. Er weidete den 
Hirsch aus, da nahte sich ihm ein Heger und ineinte, er mache da6 
nicht kunstgerecht. Sie luden den Hirsch auf einen Wagen und wollten 
ihn dort im Fahren ausweiden. Da bemerkte er zu seinem Schrecken, 
daß der Hirsch ein Mensch sei, schwer verletzt, röchelnd. Er ließ den 
Wagen halten und legte die Eingeweide zurück, so daß der Mann wieder 
lebendig wurde. 

Die Beziehung zur Analyse ist klar. Er wird von mir (Heger) ausge- 
weidet und will das Alte zurücklegen, d. b. wieder krank sein. Doch der 
Traum zeigt auch viele sadistische Momente. Im Anschluß daran eine ganze 
Menge sadistischer Erinnerungen. Er war lange Zeit ein passionierter Jäger. 
Er hatte in den ersten Jahren der Ehe viel Streit mit der Frau und drohte, 
ein fürchterliches Ende zu machen. Das Wichtigste aber, daß er vor der Ehe 
lange Zeit mit einer schönen Dame ein Verhältnis hatte, die „Hirsch" hieß. Er 
ertappte sie auf einer Untreue und wollte sie niederschießen. Sie aber drohte 
ihn zu erstechen, als sie hörte, daß er eine andere heiraten werde. Sie ging 
mit dem Messer auf ihn los und er konnte sich nur mit Mühe ihrer erwehren. 
Bei dieser Frau, die ihm auch Fellatio machte, war er immer sehr glücklich. 
Er liebte sie über alle Maßen und wollte sie trotz der Untreue heiraten. 
Seine Familie hinderte ihn daran und zwang ihn förmlich, seine jetzige 
Frau heimzuführen. Er liebt aber noch immer die andere und denkt immer 
an sie. So sieht die glückliche Ehe und große Liebe aus! . . . 



Auftreten starker Erektionen. Allgemeine Besserung. Er erzählt, daß er 
immer zittert, wenn er in eine Kaserne kommt. Ferner, daß er die Gewohn- 
heit hat, am Skrotum zu reiben. Es jucke dort unten und das Reiben erzeuge 
ihm ein Lustgefühl. Doch komme es nie zur Ejakulation. (Er begnügt sich 
mit der Vorlust.) Er verlangt auch von den Frauen diesen manuellen Liebes- 
dienst. Das ist ihm viel lieber und wichtiger als die Immissio penis in vaginam. 
Dies oft betonte Kompromiß, der latenten Homosexualität entsprungen , diese 
Erinnerung au die gemeinsame Onanie mit anderen Knaben, ist auch die Art, 
wie er seine Erektion und auch oft die Ejakulation zustande bringt. Der 
eigentliche Akt ist ihm Nebensache. 



Impotenz uud Ehe. 181 

Gestern fielen ihm eine Menge sadistischer Handlungen ein, die er als 
Knabe begangen hatte. Ich mag hier nicht die raffinierten Grausamkeiten 
schildern, mit denen er die Tiere quälte. Es ist nur charakteristisch, daß er 
heute nicht von Blut hören kann. 

Es geht ihm in jeder Hinsieht viel besser. Der Gedanke „Dich trifft 
der Schlag" habe ihn gar nicht gequält. Dagegen sei ihm beim Einschlafen 
ein ganzer Roman eingefallen, der sich einige Stunden fortgesponnen habe. 
Es war wohl das Merkwürdigste in seinem Leben. Er war noch vollkommen 
wach und träumte mit offenen Augen: 

Ich ging von der Ordinationsstunde des Herrn Dr. Stekel, so be- 
ginnt der Traum , und als ich mich unten in der Gonzagagasse befand, 
fühlte ich, daß mein Kopf nicht so dumpf wie immer sei, ich griff nach 
demselben und fühlte abermals, daß mein Kopf leicht ist, und sagte zu 
mir: so hell, so klar, so rein, Teufel noch einmal, der Dr. Stekel ist ein 
Zauberer. Darauf ging ich zum Schottenring und als ich dort ankam, blieb 
ich stehen, zog meinen Taschenspiegel heraus und wie ich in selben hinein 
schaue, bemerke ich, daß meine Augen feurig glänzen, freudestrahlend ziehe 
ich meinen Hut ab, setze selben recht schief auf, nehme meinen Stock in 
die rechte Hand und fange an selben zwischen den Fingern zu drehen, und 
nun gehts pfeifend, hüpfend und tänzelnd auf und ab. Eine Freude hatte 
ich, die ich hier nicht schildern kann. 

Nun auf einmal sehe ich vor mir einen Auflauf von Menschen, sehe, 
wie sich die Schar verbreitet, habe doch aber keine Idee, daß mich das an- 
geht; erst als ich aus der Volksmenge die Worte vernehme „Ein Narr 
macht viele Narren" wurde ich auf mich aufmerksam. Nun was tun, um 
der Menge zu entrinnen V Ich komme auf den Einfall, um die Ecke wohnt 
ja Dr. Stekel und ging nur zum Haustor, dort blieb ich stehen und über- 
legte, was ich tun soll! Hieb mit dem Stock auf den Hoden und sagte 
„Nein! Ich gehe doch nicht hinauf". 

Wie ich nun aber doch zum Herrn Doktor hinauf komme, weiß ich 
nicht, jedenfalls aber spielte sich der Traum beim Herrn Doktor weiter 
ab, u.zw.: Ich stand vor Ihnen, wollte Sie umarmen, begehrte Ihre Hand 
und Sie wiesen mich mit den Worten ab „aber gehen Sie, ich weiß doch, 
daß Sie ein homosexueller Mensch sind". Weiter wie ich wieder auf die 
Gasse komme, weiß ich nicht, doch Tatsache ist, daß ich unten stand 
und ein ernstes Gesicht annahm, um einen zweiten Auflauf von Menschen 
nicht auf mich zu lenken. 

Nun am Schotteuring angelangt bleibe ich wieder stehen, schaue 
hin und her, auf einmal bemerke ich eine reizende Frau nnd da steigt in 
mir der Gedanke auf, halt, die wirst du verfolgen, und richtig ich stieg 
ihr ziemlich lange nach, doch war ich nicht so tapfer sie anzusprechen. 
Endlich dachte ich mir, was kann dir mehr passieren als einen Korb zu 
bekommen , ich fasso die Courage und sprach sie mit den Worten an : 
Gnädigste! verzeihen Sie, wenn ich mir erlaube, Sie zu belästigen, doch 
ich bitte, haben Sie Erbarmen mit einem durch 10 Jahre dahinsiechen- 
den Manne. Sie sah mich erstaunt an , doch war sie aber mit meinem 
Anerbieten einverstanden. Ich fing an, von meinem Leiden zu sprechen, 
uud sao-te ihr, sowie Sie mich da sehen, so komme ich von den Toten, 
wo ich durch 10 Jahre lebend begraben war uud mich ein Arzt namens 



182 



Die Impotenz des Mannes. 



Stekel aus einem langen Schlaf erweckt hat. Ich sah ihr an, wie sie er- 
schrak, und im Nu blieb ich allein. So ging ich am Kai dahin und nahm 
mir vor, auf Eroberung zu gehen, es dauerte nicht lange und ich ging 
schon mit einer Dame. Wie diese zu mir kam, habe ich keine Idee, doch 
war es eine ebenso reizende Frau wie die verschwundene ; diesmal hütete 
ich mich von meinem Leiden zu sprechen und so machte ich eine Er 
oberung. Bei der Stephaniobrücke verabschiedeten wir uns und gaben uns 
für den nächsten Tag dortselbst ein Rendezvous. 

Jetzt sehe ich mich zu Hause, u. zw. bei meiner Frau, die merkt an 
mir eine Änderung und spricht zu mir, was ist denn mit dir los, ich hin 
es nicht von dir gewöhnt, wo bleibt heute das Lümmeln und Nachdenken. 
Ich sagte aber zu ihr, geh in das andere Zimmer und schau nach, was ich 
dir und den Kindern mitbrachte. Sie kam zurück und sagte, ja was ist 
mit dir los, und ich antwortete, das hast du dem Dr. Stekel zu verdanken ; 
darauf fühlte ich, daß sie mich geküßt hat. 

Nun stehe ich wieder auf einmal bei der Stephaniebrticke und warte 
auf meine reizende Dame, doch niemand kommt. Endlich werde ich ange- 
sprochen und siehe da, es ist meine Schwägerin, ich werde unruhig, denn 
ich erwarte noch immer die Dame von gestern und will mich von ihr 
entfernen; darauf sagte sie mir, du hast doch hiermit mir ein Rendezvous 
verabredet; darauf sagte ich, das ist absolut unmöglich, denn ich erwarte 
eine andere, sie sagte aber darauf, also nun hör zu, die Dame, der du 
vom Dr. Stekel erzählt hast und die dir spurlos verschwunden ist, bin ich. 
die Dame, mit der du gestern hier das Rendezvous vereinbart hast, bin ich 
auch; nun erschrak ich und wachte auf. 

Wie wichtig sind solche Wachträunie, über die wir so gerne als Dumm- 
heiten hinweggehen! Dieser Traum brachte die Lösung einer ganzen Sym- 
ptomengrnppe. Er will eigentlich besagen : Von meiner Schwägerin habe ich 
dem Doktor in der Behandlung noch nichts erzählt und sie ist doch die wich- 
tigste Pereon. Es ist charakteristisch, daß ihn die Schwägerin zu mir brachte. 
Er klagte ihr immer seine Beschwerden. Sie sagte ihm eines Tages: „Du, 
ich glaube, das wird eher ein seelisches Leiden sein. Du gehörst zu einem 
Seelenarzt." 

Ich erfahre, daß er die Schwägerin schon liebte, ehe sie den Bruder 
geheiratet hatte. Der Bruder fand einen bösen Widerstand der Familie gegen 
diese Ehe. Da dachte ersieh: „Wenn der Bruder sie nicht heiratet, so werde 
ich sie nehmen." Aber der Bruder setzte auf sein Zuroden die Heirat durch. 
Kurze Zeit nachher heiratete er selber, blieb jedoch immer in sehr freund- 
schaftlichen Beziehungen zur Schwägerin. Er hat die Gewohnheit, sie als 
Schwager zu umarmen und zu küssen, mit ihr handgreiflich zärtlich zu werden. 
Sein Bruder steht jetzt bei den österreichischen Mörsern im Felde, er ist 
Reserveoffizier. Er fühlt es fast als seine wichtigste Pflicht, täglich zu der 
Schwägerin zu gehen, nachzusehen und ihr vorzujammern. 

Die Impotenz hat wieder eine neue Wurzel gezeigt. Fr begehrt eine 
andere Frau. Seine Schwägerin gefällt ihm viel besser, als seine Frau, sie 
reizt seine Sinnlichkeit. Die Verschlimmerung des Leidens datiert von dem 
Tage, da er die Nachricht erhielt, der Bruder wäre erkrankt. Damals hatte 
er flüchtig den Gedanken : „Wenn sie jetzt Witwe wird ! Schade, daß du nicht 
frei bist." Der Schlag, den er fürchtet, ist ein Todesfall, der ihn seinem 
Ziele näherbringen würde. 



Impotenz und Ehe. 183 

Der Zwangsgedanke verschwindet für halbe Tage. Es geht ihm in jeder 
Hinsicht besser. Er teilt mir noch eine Angelegenheit mit, die in seinem Leben 
die größte Rolle gespielt und von der er bisher geschwiegen hatte. Er war 
20 Jahre alt, da verliebte er sich in eine reizende Kusine, die damals 15 Jahre 
alt war. Sie liebten sich außerordentlich. Er habe wirklich nur einen Menschen 
geliebt: diese Kusine. Sein Vater aber sagte: „Du wirst sie nie heiraten. Sie 
ist ein armes Mädel. Dn mußt Geld ins Haus bringen. Ich werde dir nie die 
Erlaubnis zu dieser Heirat geben ! u Erst nach diesem Verbote des Vaters 
wurde er leichtsinnig und suchte sich bei seiner Geliebten zu trösten. Wenn 
man dies seiner Kusine hinterbrachte, so lachte sie und sagte : „Er soll sich 
nur ausleben. Ich brauche keinen Duckmäuser zum Manne!" Dann aber kamen 
die Jahre seines wilden Lebens. Er dachte jeden Tag an die Kusine und wollte 
ihr täglich schreiben. Aber die neue Geliebte hielt ihn zu fest. Erst als er 
mit ihr gebrochen, wandte er sich an die Geliebte seiner Jugend und teilte 
ihr mit, er sei schon so weit, daß er sie heiraten könne. Die Mutter des 
Mädchens antwortete ihm. Er habe sich die Sache doch zu lange überlegt, er 
käme jetzt mit seiner Werbung um einen Monat zu spät — ihre Tochter 
sei schon verlobt und werde in Bälde heiraten. 

Das war eigentlich der schwerste „Schlag" seines Lebens. Denn an die 
Kusine habe er immer gedacht. Man dürfe noch heute nicht von ihr reden, 
weil er eifersüchtig sei und noch immer unter der Vorstellung leide, daß sie 
einem anderen gehöre. Sie komme hie und da nach Wien. Da vermeide er 
€8 ängstlich, sie zu 6ehen. Er könnte ihren Anblick nicht ertragen. Seine 
Schwägerin aber sei der Kusine sehr ähnlich, deshalb sei er ihr gewogen. 
Wenn er eine ähnliche Gestalt sehe, so fange sein Herz zu klopfen an. 

Aus einem Traume entnehme ich, daß der Patient unter der Wirkung 
•eines Fluches stellen muß. Ich frage ihn diesbezüglich, worauf er mir aus- 
weichende Antworten gibt. Allerdings betont er, er wäre verhext, es habe ihn 
ein böser Rück getroffen. Auch von mir behauptet er, ich hätte die Gabe, 
ihn mit einem Blicke zu suggerieren, so daß es ihm besser gehen müsse. Er 
ist abergläubisch. 

„Ich muß Ihnen die Wahrheit sagen. Ich habe Sie in manchen Punkten 
belogen. Ich sehe aber ein, daß mir nur schrankenlose Offenheit nützen kann. 
Sie sprachen von einem Fluche und da fiel mir erst der ganze Zusammenhang 
ein. Sie werden es nicht glauben, daß ich, der impotente Mann, eine Zeitlang 
vier Geliebte hatte, die alle mit mir sehr zufrieden waren. Als ich vom Militär 
nach Hause kam, hatte ich doch das Mädchen, von dem ich Ihnen erzählte. 
Bald sollte ich aber ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau haben. Es 
war die junge Frau eines Nachbars, die mich eines Tages sehr freundlich 
ansprach. Ich wehrte mich aus Leibeskräften gegen ihre Verführungsversuche, 
aber ich erlag und wurde ihr Geliebter. Nie habe ich ein menschliches Wesen 
bo geliebt wie diese Frau. Ich wollte sie heiraten, wenn sie ihren Mann hätte 
verlassen können. Ich hatte koineu anderen Gedanken als diese Frau. Zu 
gleicher Zeit liebte ich die Kusine und war dem Mädchen ganz gut. Nun kam 
bald die Katastrophe. Ich wurde eines Tages von dem Mädchen mit der Frau 
überrascht. Sie machte uns eine fürchterliche Szene, drohte, die Frau nieder- 
zuschießen und schrieb auch an den Mann meiner Geliebten anonyme Briefe, 
so daß ein öffentlicher Skandal entstand und die Frau mich nicht mehr sehen 
konnte. Sie verließen den Ort. Meine Geliebte aber glaubte nun, daß sie mich 



184 



Die Impotenz des Mannes. 



fest im Besitze habe und wollte mich vollends an sich fesseln. Ich war leicht- 
sinnig, spielte Karten. Sie borgte mir das Geld, denn sie war jetzt sehr wohl- 
habend, sie hatte eine Erbschaft gemacht. 

Von all den Streichen wußte meine Kusine, die noch immer sagte: 
„Laßt ihn nur austoben. Ich brauche keinen Mucker zum Mann !" Nun kamen 
große Verdrießlichkeiten mit meinem Vater. Er trank und spielte viel, besonders 
auf der Börse und eines Tages stand sein Bankhaus da und hatte fallieren 
sollen. In dieser Not sollte ich ihn durch eine reiche Partie retten. Er sagte 
mir, es sei meine Pflicht und ich konnte nie dem Vater widersprechen. Ich 
verlobte mich und da begann mein Martyrium. Denn meine Geliebte, von der 
ich erfahren hatte, daß sie eine geschiedene Frau wäre, wollte mich trotzdem 
nicht fortlassen. Sie drohte mit Revolver und Vitriol und setzte alle Hebel in 
Bewegung, um mich an der Heirat zu hindern. Ich heiratete trotzdem und 
gab einen Teil der beträchtlichen Mitgift meinem Vater. Vor der Hochzeit ließ 
mich meine Geliebte zu sich, kommen und drohte mich zu erschießen, wenn 
ich ihr nicht versprechen würde, zu ihr zurückzukommen. Sie sehe es ein, 
daß Ich das Bankhaus retten müßte und ihr Geld reiche dazu nicht aus, aber 
nach einem Jahre müßte ich die Frau lassen und zu ihr zurückkommen. Das 
mußte ich ihr bei meinem Leben und beim Leben meiner Eltern 
beschwören und dazu war ich auch entschlossen. 

Nach der Hochzeit begann für mich ein wahres Martyrium. Die Geliebte 
verlangte, ich solle ihr schreiben und sie besuchen und als ich mich weigerte, 
denn ich wollte meiner Frau ein braver Mann sein, regnete es anonyme Briefe! 
so daß ich sogar zur Polizei nieiue Zuflucht nehmen mußte. 

Das größte Leid tat mir mein Vater an. Er vergeudete die eine Hälfte 
meiner Mitgift, 50.000 Mark, in einer kurzen Zeit, gab nur den geringsten 
Teil des Geldes in das Geschäft und verlangte nach einigen Monaten wieder 
Geld von mir. Mir fing es an besser zu gehen, aber ich konnte den Leicht- 
sinn meines Vaters nieht unterstützen, der sich nach dem Tode der Mutter 
eine Geliebte hielt und dies mit 64 Jahren! Wie ich aber dem Vater die 
weiteren Unterstützungen verweigerte, sein Geschäft liquidieren ließ und ihm 
eine sehr anständige Rente aussetzte, wurde er immer brutaler, schlug mich 
einmal und fluchte mir in entsetzlicher Weise. Ich werde schon sehen 
mich würde der Schlag troffen oder ich würde gelähmt werden, 
weil ich den Vater nicht ehrte. 

Nach einigen Monaten starb er und sein Fluch ging mir oft im Kopfe 
herum. Ich wollte aber nicht daran denken, weil ich mich unschuldig fühlte. 
Auch von der Geliebten hatte ich viel zu leiden, aber ich konnte mich mit Hilfe 
eines Anwalt es durch eine große Summe Geldes loskaufen. Sie wanderte ans 
und ich habe von ihr Ruhe. Von der Frau höre ich nichts und die Kusine 
heiratete nach meiner Hochzeit. Meine Frau liebe ich nicht, wenngleich ich 
ihre Tugenden gerne anerkenne. Ich habe viel Streit mit ihr gehabt und ich 
sehe es jetzt ein, daß sie recht hatte. Ich weiß jetzt, daß ich mich vor der 
Erfüllung des Fluches fürchte. Ich habe beim Leben meiner Eltern geschworen 
und den Schwur nicht gehalten. Nun sind beide gestorben und nun glaube 
ich, daß der Fluch des Vaters in Erfüllung gehen wird. Ich werde gelähmt 
sein. Davor fürchte ich mich und daran wollte ich nicht denken. Erst unsere 
Gespräche haben mir bewiesen, daß alles einen Zusammenhang hat und daß ich 
auch nur impotent geworden bin, um mich zu bestrafen und vor weiteren leicht- 
sinnigen Schritten zu behüten. . . 



Impotenz und Ehe. j_g^ 

Diese Krankengeschichte ist in mancher Hinsicht sehr lehrreich. Wir 
lernen, was wir schon längst wissen und was uns immer wieder überrascht, 
wie unverläßlich die Angaben der ersten Stunden sind. Der Kranke schil- 
dert uns eine glückliche Ehe, er begehrt angeblich nur seine Frau, und 
es erweist sich gerade das Gegenteil. Erst in der Analyse kommt man 
auf die wahren Familienverhältnisse. 

Wir sehen ferner, wie die sogenannten „Vernunft- und Geldheiraten 1 ' 
ausgehen. Dieser Mann opferte sich für seinen Vater, er gab seine stärkste 
Liebe auf, nahm eine ungeliebte Frau, deren Geld den Vater aus der Not 
befreien sollte. Das Geld flog in alle Winde. Die Hälfte verzehrte der 
Vater, die andere Hälfte verflatterte bei Ärzten, Apothekern und in Sana- 
torien. Aber die ungeliebte Frau, mit der ein anderer Mann wahrscheinlich 
glücklich geworden wäre, blieb ihm. Die anderen (geliebten) Weiber 
schwanden aus seinem Gesichtskreis. Bloß die Schwägerin blieb in seiner 
Nahe. Er übertrug die ganze Liebe auf diese Frau, um die er seinen 
Binder beneidete. 

Die Folge dieser unglücklichen Verhältnisse waren Todeswünsche 
gegen seine Frau und seinen Bruder. Der große Schlag, den er erwartete, 
war der Tod seiner Frau und der Tod seines Bruders. Da sein Bruder im 
Felde stand, mußte sich die Parapathie um diese Zeit steigern. Seine 
Impotenz bewahrte ihn vor einem Inzest zu dem er sonst fähig geworden 
wäre. Seine Krankheit gestattete ihm, sein Liebesunglück in Schmerzen 
und Angstgefühle umzusetzen und die Schwägerin immer wieder anzu- 
jammern, ihre Liebe in Form von Mitleid zu erpressen. 

Er hatte aber auch seinem Vater den Tod gewünscht, weil er seinen 
materiellen Ruin fürchtete. Er war auf das Liebesleben seines Vaters 
eifersüchtig. Wäre der Vater ruhig bei ihm geblieben, er hätte ihm alles 
Geld gegeben. Er vertrug den Gedanken nicht, daß der Vater mit seinem 
Gelde eine Geliebte unterstützte. Er wünschte durch seinen Tod von diesen 
ewigen Quälereien erlöst zu werden. 

Deshalb traf ihn der Fluch des Vaters sehr schwer. Er glaubte an 
den Fluch, weil er ihn verdient hatte. Die abergläubische Furcht, der 
Fluch könnte seine Potenz verringern, machte ihn schon impotent. 

Ich finde bei Casper eine charakteristische Stelle über die Wirkung 
der Furcht und des Aberglaubens. 

Früher war der Glaube allgemeiu verbreitet , daß Hexen und 
Zauberer jemandem die Zeugungsfähigkeit rauben könnten. Diese Individuen 
hatten in Frankreich den Namen noueurs d'aiguillette. Allerdings mußten 
die Personen, welche mit jenem Zauberwort belegt werden sollten, auch 
fest daran glauben, dann trat die Impotenz sicher ein. Fälle dieser Art 
waren früher so häufig, daß fast jeder Mann, der nach einer Zeit seine 
Potenz schwinden sah, die Schuld irgend eiuem alten Manne oder Weibe 
zuschob, welche gerade in dem Ruf standen, der Zauberei mächtig zu sein. 



186 



Die Impotenz dos Mannes. 



Viele dieser armen Unglücklichen wurden am Pfahle verbrannt oder sonst 
wegen ihrer angeblichen Verbrechen grausam bestraft. 

Man sollte kaum glauben, daß auch in unserer Zeit derartige Dinge noch 
vorkommen; indessen bieten sich dem Arzte noch Fälle von rein einge- 
bildeter Impotenz dar, die nach der Ansicht des Individuums durch einen 
Feind, einen bösen Blick, einen Zauberspruch oder durch eine besondere 
Speise hervorgerufen ist. Unter dem Einfluß solchen Aberglauheus tritt stets 
Mißerfolg ein, und das Individuum hört deshalb bald auf, weitere Versuche 
der Kohabitation zu machen. 

Vor ganz kurzer Zeit erst konsultierte mich ein Mann wegen Im- 
potenz, an der, wie er meinte, ßeine Frau Schuld hätte, weil sie ihn 
während einer Reise, die er nach New York machte, vor Ehebruch be- 
wahren wollte. Sie hätte, sagte er, ihn mit einem ganz besonderen Blicke 
angesehen, als er sich von ihr verabschiedete. Er empfand dabei einen 
eigentümlichen Schauer, den Rücken entlang bis zu den Hoden, und seit 
dieser Zeit war ihm eine Erektion unmöglich. 

In einem anderen Falle suchte ein Mann aus Long-Island wegen 
Impotenz meine Hilfe auf und übergab mir eine Haarlocke der Fran, 
welche gegen ihn einen Zauberspruch ausgestoßen hatte. Die betreffende 
Person wollte, so erzählte er mir, ihn gern heiraten, er aber nahm eine 
andere zur Frau, worauf die erstere ihn aus Rache impotent gemacht 
hatte. Dies war am fünften Abend nach seiner Hochzeit geschehen. Bis 
zu dieser Zeit konnte er seine Gattenpflichten gänzlich erfüllen, au jenem 
Abend jedoch hätte die enttäuschte Freundin, welche ihre Eifersucht ver- 
barg, ihn und seine junge Gattin zum Tee eingeladen, und noch in der- 
selben Nacht entdeckte er seine Impotenz. Man hatte ihm erzählt, daß 
ich ihn mittels einer Haarlocke der Zauberin kurieren könne. Er hätte 
sich deshalb eine solche Locke verschafft und brächte sie mir jetzt 
(1. c. S. 36—38). 

Auch Mantegazza kennt diese Zusammenhänge: 

Es ist leicht zu begreifen, daß es in den glücklichen Zeiten, wo 
man an Hexen und Zauberei glaubte, hinreichend war, einen Mann mit 
„Nestelknüpfen" zu bedrohen, also ihn durch Zauberei impotent zu machen, 
daß die Furcht in der Tat die Wirkung auf ihn ausübte. Man versteht 
auch leicht, daß Männer, welche öffentlich den Beweis ihrer Maiineskraft 
ablegen mußten, sieh in der Tat impotent bewiesen haben, obgleich sie 
es durchaus uicht waren. Der gute Vovette, welcher seiner Zeit weit 
voraus war, schrieb mit , vollem Recht in seinem Tabloau de l'amour con- 
jugal: „De mille hommes il n'y a peut etre pas un, qui puisse sortir victorieux 
du cougres public. Le6 parties naturelles ne uous ob'eissent poiut, quand 
nous Ie voulons, bien loin d'obeir aux juges. Elles se fletrissent souvent 
contre notre volonte, et souvent elles sont dans la glace, quand notre 
coeur est le plus embrase. 8i nous sommes prets a nous animer, le courage 
uous mauque, la crainte nous saisit, la haine s'einpare de notre coeur 
et la pudeur s'oppose aux libertes effrontees." 

Derselbo Schriftsteller erzählt folgende merkwürdige Anekdote, welche 
schon allein hinreichen würde, diese Fälle von vorübergehender Impotenz 
aus Furcht deutlich zu machen. 

„Pierre Buriel, seinem Handwerk nach ein Küfer und Branntwein- 
brenner, welcher für meinen Vater auf einem seiner Landgüter arbeitete, 



Impotenz und Ehe. 187 

hatte ihm eines Tages etwas Nachteiliges über mich gesagt, was mich 
vermochte, ihm am folgenden Tage mit dem „Nestelknüpfen" zu drohen , 
wenn er sich verheiraten würde. Da er bald nachher ein Dienstmädchen 
aus unserer Nachbarschaft heiraten wollte, so glaubte der Manu treuherzig, 
was ich ihm sagte, und obgleich ich lachte, während ich mit ihm sprach, 
machte doch diese scherzhafte Drohung einen so starken Eindruck auf 
seinen Geist, der schon an Hexerei glaubte, daß er nach der Hochzeit 
fast einen Monat lang die Ehe nicht vollziehen konnte. Er bekam manch 
mal Last seine Frau zärtlich zu umarmen, aber wenn er seinen Entschluß 
ausführen wollte, zeigte er sich impotent, denn seine Einbildungskraft 
war von der Idee der Hexerei befangen" (1. e. 8. 139 — 140). 

Die Wirkung solcher Hexereien und des Nestelknüpf ens war oft eine 
prompte, wenn die Betreffenden darum wußten. Wir erkennen in dieser 
mitgeteilten Krankengeschichte, daß die Wirkung eines Fluches auch in 
der modernen Zeit verhängnisvolle Folgen haben kann. 

Viele Impotente führen sich bei mir mit der Phrase ein, ihre Sexualität 
sei rein wie verhext, sie kämen sich wie verzaubert vor. Manche glauben 
sogar an die Macht des bösen Blickes und an die „Allmacht, der bösen 
Gedanken". 

Unser Patient hatte diesen geheimen Glauben an die „Allmacht der 
Gedanken" {Freud). Er glaubte, daß sein Wunsch, der Vater solle sterben, 
auch die Ursache des Todes war. Er kämpfte oft gegen seine Todes- 
wünsche und der ganze Zustand verwandelte sich in Angst, er könnte 
einem Menschen etwas Böses wünschen. 

Da er innerlich ein frommer Mensch war, lasteten die bösen Ge- 
danken schwer auf seinem Gewissen, raubten ihm alle Lebensfreude und 
führten ihn auf dem Wege der Talion zur Selbstbestrafung. Er strafte sich 
mit dem. was ihm am liebsten war. mit der Entziehung der Potenz. 

Der erste Traum von der Kuhhirtin enthält den Schlüssel zu seiner 
Parapathie. In der letzten Sitzung sagt er mir: „Wissen Sie, was ich Ihnen 
in der ersten Sitzung verschwiegen habe? Daß mir zuerst beim Traume 
von der Kuhhirtin die Szene aus dem Tannhäuser eingefallen ist, in der 
er aus dem Venusberge kommend das Lied des Kuhhirten vernimmt. Ich 
verstehe erst jetzt diesen Traum. Mein religiöses Gewissen verlangt, daß 
ich mich aus dem Venusberg zur Gesundheit retten soll. Der Hirte und 
die Hirtin sind die Gesundheit und die Frömmigkeit. Der hohe Berg, auf 
den ich steigen will, ist meine neue gesunde Weltanschauung, mein Glaube 
an die Macht des Gewissens und die Macht der seelischen Kräfte. Ich 
habe auch meinen anderen Seelenhirten, den Pastor, dieser Tage aufge- 
sucht und mich mit ihm ausgesprochen. Ich glaube jetzt nicht mehr an 
den Fluch und an die Allmacht der bösen Gedanken. Ich will gesund 
sein und will versuchen, mit meiner Frau eine glückliche Ehe zu führen. 
Ich bin wieder ein Mann, aber ich will kein Lump mehr sein. Ich habe 



188 



Die Impo enz den Mannes. 



auch offen auf meine Schwägerin verzichtet. Sie haben mich belehrt, was 
mir Goethe schon vorher gesagt hat, ohne daß ich es verstehen konnte: 
„Glück ist die Pflicht des Tages!" 



IX. 

Impotenz und Ehe. 
Zweiter Teil. 



Die Ehe ist kein Ende 
t^in Anfang. 



sondern 



Die Morgenerektion ist ein sicheres Zeichen, daß es sich nur um 
eine psychische Impotenz handelt. Allein das Fehlen der Morgenerektion 
hat noch nichts zu bedeuten. Häufig sah ich Fälle, in denen die Hem- 
mungen auch das Traumleben ergriffen hatten. Auch die lauge Dauer 
der Impotenz ist noch kein sicheres Zeichen der organischen Impotenz. 
Speziell im hohen Alter kann man da seltsame Überraschungen erleben 
Der nächste Fall gibt uns in diese.- und auch in mancher anderen Hin- 
sicht beachtenswerte Aufklärungen. 

imnnJ; , "f"" 7 f'- H r. X - V L' Ü? ?*** V °" M ***■» ™ ■* 20 Jahren 

mpotcnt. Zuerst äußerte sich die Impotenz, so, daß er kräftige Erektionen 

hatte die in dem Momente verschwanden, als er sich seiner Frau näherte. 

heit 10 Jahren gar keine Erektionen mehr - auch nicht am Morgen. Er litt 

an nächtlichen Angstanfällen, in denen er furchtbar schrie und auch ans dem 

Bette sprang. Überdies an einer krankhaften Angst, ein Arzt könnte ihm 

sagen, er sei herzkrank. Wenn er zu einem Arzte ging, schlug sein Herz so 

stürmisch, daß der Puls auf 140 Schläge und darüber stieg. Er schrieb mir 

vorher, er käme nur zu mir, wenn ich ihm versprechen könnte, daß ich 

.hin nicht sagen würde, daß er ein Herzleiden hätte. Alles könnte er eher 

hören a s diese Diagnose. Damals war der Mann erst 52 Jahre alt. und schon 

zehn Jahre impotent Er war ein bekannter Maler, dessen Bilder weit über 

dte Grenzen seines engeren Vaterlandes Beachtung fanden. Bevor er bei mir 

erschien, kam seine Frau, um mich über ihren Mann aufzuklären. Es war eine 

auffallend kluge, junonische Dame, welche bedeutend jünger als ihr Mann 

und von einer ganz wundervollen Schönheit war. Sie klagte nicht über die 

Impotenz des Mannes, sondern über seinen Jähzorn. Es sei oft unberechenbar 

was alles seinen Zorn errege. Dann verliere er die Besinnung, brülle im Zimmer 

wie ein Wilder, so daß sie sich vor den Nachbarn schäme. Es wäre noch 

ein Glück, daß ihr Stubenmädchen schon so lange bei ihr war und den Herrn, 

der sonst ein herzensguter Mensch wäre, so gut kannte. In solchen Krisen] 

die sich leider fast jeden Tag ereigneten, sei es am besten, wenn alles im 

Hause schweige und den Mann auetoben lasse. Er zerbreche dann einige 

gegenstände, die zufällig in seiner Nähe stünden. Sie traue sich deshalb nicht 

mehr kostbare Vasen und andere Nippesgegenstände anzuschaffen. Sie kaufe 

nur billiges Geschirr, damit der Schaden nicht so groß wäre. Sie glaube. 

daß der Jähzorn des Mannes, der sich erst in den letzten Jahren entwickelt 

habe, die t olge seiner Impotenz sei. Sie sei gewiß an seinem Leiden unschuldig 



1 



Impotenz und Ehe. 1§9 

und ertrage alle seine Versuche mit Geduld und habe schon auf diese Liebe 
verzichtet. Sie wäre glücklich, wenn sie nur ihre Ruhe im Hause hatte. Die 
Wochen, da der Mann auf einer Kunstreise wäre oder einen auswärtigen Auf- 
trag zu vollenden hätte, wären jetzt ihre glücklichsten. 

Der Mann wieder, der sich sein Herz untersuchen läßt und dann ganz 
glucklich ist, wie ich ihm mitteile, daß es sich nur um ein nervöses Herz 
handelt, schiebt die Schuld an den häuslichen Szenen auf seine Frau. Sie 
hätte gar keine Rücksicht auf seine künstlerischen Bedürfnisse und sei im 
Grunde eine Philisternatur, die nichts von Kunst verstehe. Jetzt sei noch diese 
verdammte Impotenz gekommen, welche ihn ganz unglücklich mache. Er sei 
immer in punkto Potenz sehr launisch gewesen. 

„Wissen Sie, Herr Doktor, der normale Koitus ist mir schon als junger 
Mann oft nicht gelungen. Ich muß immer eine Gefahr fühlen, wenn ich gut 
koitieren soll. Lachen Sie darüber! Ich bin im Bette nie recht potent gewesen, 
nur bei meiner Frau im Beginne der Ehe. Aber wenn ich ein Frauenzimmer 
in eine Ecke hinschmeißen konnte, sei es auf den Fußboden oder auf eine 
Ottomane, da ging es immer vorzüglich." 

Es handelt sich um einen Gewaltmenschen, der nur mit der Vorstellung 
einer Vergewaltigung potent ist. Das weibliche Wesen muß von ihm mit 
brutaler Gewalt genommen werden, da kommt er zu einem großen Orgasmus. 
Er benötigt die Komponente des Hasses, um koitieren zu können. Nur die 
große Liebe zu seiner Frau machte diese Fiktionen eines Stuprums überflüssig. 
Es muß aber ein Vorfall oder irgend eine Erkenntnis die Einstellung zu seiner 
Frau geändert haben. 

Darüber erhalte ich nach längerem Forschen folgende Aufklärungen. Er 
war, wie alle Künstler, sehr eitel und benötigte sehr viel Lob. Seine Frau 
hatte sich in ihn verliebt, weil sie seine Bilder so schätzte. Sie war erst seine 
Schülerin und wurde dann seine Frau. Sie gab dann das Malen auf und wurde 
ganz Hausfrau. Plötzlich begann sie wieder zu malen und wollte immer seine 
Ansicht hören. Er meinte, für mittelmäßige Malereien habe er kein Ver- 
ständnis. Es hätte keinen Sinn, daß sie die Zeit mit diesen Schmierereien 
verlöre! Diese Aufrichtigkeit sollte er teuer bezahlen. Denn die Frau begann 
auch seine Bilder kritisch zu betrachten. Einmal kränkte er sich ganz außer- 
ordentlich über die Kritik einer Kunstzeitschrift, die ein Nachlassen seiner 
künstlerischen Gestaltungskraft konstatieren wollte und ihm den Rat gab, 
auszuspannen. Zu seinem Ärger verteidigte seine Frau den Kritiker, so daß 
er merkte, sie schätze ihn als Künstler nicht mehr so hoch. 
„War das vor Ihrer Impotenz?" 
„Ich glaube schon nachher ..." 
„Denken Sie doch nach." 

„Warten Sie. Das Datum der Ausstellung ist mir genau erinnerlich. Auch 
das Datum der ersten Blamage, denn es war der Geburtstag meiner Frau und 
wir waren beide am Semmering . . . Natürlich. Die Blamage passierte einige 
Monate später." 

Ich machte dem Manne begreiflich, daß er sich aus Haß gegen die 
Frau nicht mehr mit Liebe einstellen konnte und nun zu seiner alten Form 
der Befriedigung zurückkehren wollte. Er wollte seine Frau vergewaltigen. 
, Sie bringen mich auf eine Idee. Es hat mir immer ein größeres Ver- 
gnügen gemacht, improvisiert zu verkehren als im Bette. Damals am Semmc- 
rin°- wollte ich meine Frau am Tage koitieren. Sie weigerte sich. Ich bekam 
den ersten Zornanfall. Ich hätte sie schlagen können ... Bei Nacht im Bette 



190 



Die Impotenz des Mannes. 



war ich dann impotent und bekam einen solchen Zorn, daß ich die elek- 
trische Lampe zu Boden schleuderte." 

Von diesem Momente an war es mit seiner Potenz vorbei. Der Mann 
wollte seinen Zorn an der Fran in irgendeiner Form auslassen, vielleicht auch 
ein Verbrechen begehen. Das war nicht zu eruieren, weil er auf nähere Details 
nicht eingehen wollte. Aber die Herabsetzung seiner Persönlichkeit durch die 
Identifizierung der Frau mit dem gehaßten Kritiker ertötete seine Liebe und 
nun konnte er nur wieder mit Hilfe des Hasses potent sein. Er zeigte diesen 
Aufklärungen gegenüber gar kein Verständnis. Er glaubte fest an eine Ver- 
kalkung der Arterien und an Alterserscheiuungen und wollte immer wieder 
nur Mittel zur Verjüngung haben. Ich sah ihn dann immer zeitweilig und es 
gelang mir, ihn zu beruhigen. Die Zornanfälle wurden seltener, als die Frau 
auf meinen Rat sich wieder für seine Bilder zu interessieren anfing. 

Er war schon 62 Jahre, als seine Frau plötzlich infolge einer inter- 
kurrenten Krankheit starb. Und nun ereignete sich etwas ganz Merkwürdiges. 
Sie hatten eine Köchin, die, schiefgewachsen und auch sonst mißgestaltet, ohne 
Liebe durchs Leben gegangen war. Zwei Wochen nach dem Tode seiner Frau 
vergewaltigte er sie in seinem Atelier und seine Potenz kam nach einer Pause 
von fast 20 Jahren wieder ! Er suchte mich auf, weil er sich vor einem Herz- 
schlage fürchtete, und brachte mir so die Bestätigung meiner hartnäckig ver- 
fochtenen Ansicht, daß es sich nur um eine psychische Störung seiner Ge- 
schlechtsfunktion handelte. Er gestand dann, daß er von jeher eine Vorliebe 
für alte und häßliche Frauen gehabt hatte. Er glaubt nicht, daß er schon 
vorher ein Auge auf das Dienstmädchen geworfen habe. Nach einigen Monaten 
entließ er das Mädchen, nachdem er es reichlich entlohnt hatte. Er verliebte 
sich in eine junge Schülerin, die ihn schwärmerisch verehrte und die er mit 
ausgezeichneter Potenz auf normale Weise im Bette lieben konnte. Er hatte 
zwei Formen der Potenz. Eine brutale, gewalttätige gegen Personen, denen 
er zürnen und die er als gemeine Personen behandeln konnte. Solchen Menschen 
sagte er auch gerne rohe, zynische Worte, was seinem sonstigen Wesen nicht 
entsprach. Die andere Form war durchgeistigt und seelisch bedingt. Da wurde 
er zärtlich, sanft und hingebend. Seine kriminellen Anlagen wurden durch eine 
große Liebe gebändigt und traten in den Momenten des Hasses immer wieder 
zutage. 



Solch spätes Erwachen der Potenz nach einer Periode der Impotenz 
ist keineswegs sehr selten. Wenn man sich die Mühe nimmt, bei Greisen 
nachzufragen, wird man öfter auf solche Tatsachen stoßen. Manche Autoren 
schieben diese neue Pubertät auf die Hypertrophie der Prostata und auch 
andere organische Veränderungen, wie sie oft bei dem Priapismus eine 
Rolle spielen. Der Priapismus ist aber jener Zustand, in dem es infolge 
von organischen Veränderungen (Erkrankungen der Corpora cavernosa etc.) 
zu dauernder Erektion kommt. In meinen Fällen war davon keine Rede. 
Es handelte sich nur um ein Fortfallen von Hemmungen. Daß Greise für 
Kinder sehr gefährlich werden können, wissen die Psychiater leider besser 
als das Publikum, das nicht ahnt, was hinter der Kinderliebe der Greise 
steckt: Die Liebe zu der eigenen Jugend, eine Regression in das Infantile 
und Verbrechen der Sexualtriebe , eine Sicherung gegen eine Niederlage 



Impotenz und Ehe. 191 

bei den Erwachsenen und oft ein Durchbrach einer Paraphilie, gegen die 
sie das ganze Leben gekämpft haben. Sie wollen nun nicht sterben, ehe 
sie nicht die Erfüllung dieser krankhaften Wünsche durchgesetzt haben. 
Wenn wir aber einen Rückblick über den letzten Fall halten, so fallt uns 
der Umstand auf, daß der Patient erst potent wurde, nachdem seine Frau 
gestorben war. Das ist in der Geschichte der psychischen Impotenzen 
kein seltenes Vorkommnis. Oft sind es die Mutter, der Vater, welche den 
Weg zur Potenz freimachen, wenn sie sterben. In diesem Falle stand die 
Frau als gewaltiges Hindernis zwischen ihm und der aktiven Sexualität. 
Diese Tatsache in Verbindung mit den Zornausbrüchen gibt uns erst 
das tiefste Verständnis dieses Falles. Der Mann war ein Lustmörder! 
Er wollte seine Frau während des Koitus erwürgen. Alle seine frustranen 
Gewaltakte sind Lustmordrudimente. Ein Fetzen Realität und ein großes 
Stück Phantasie. Weil er sich aber vor dem Morde schützen wollte, durfte 
er nicht potent sein. 

Das erklärt uns eine merkwürdige Tatsache, die sich am Beginne 
der Impotenz zugetragen hatte. Da litt er an schmerzhaften Erektionen, 
einem förmlichen Priapismus, wenn die Frau nicht zu Hause war. In dem 
Momente, da er sich zu seiner Frau legte, war alle Libido ins Geistige 
verwandelt, die Potenz war verschwunden. Er durfte nicht koitieren. wenn 
er nicht zum Verbrecher werden sollte. 

Für diese Annahme sprechen noch andere Momente. Er empfahl mir 
zweimal Bücher, das eine Mal waren es Novellen von Andrejew, von denen 
die erste von einer Vergewaltigung handelte, das anderemal war es „L'argent" 
von Zola, wo bekanntlich ein solcher Lustmord vorkommt. Eine seiner 
Skizzen, die er dann später übermalte, stellte ein Mädchen dar, das von 
einem Gorilla überwältigt und fortgeschleppt wird . . . 

Es läßt sich überhaupt kaum darstellen, welche große Bedeutung 
die Ehe bei der Entstehung einer psychischen Impotenz hat. Sie wirkt 
entweder als Hindernis, wenn es sich um eine Angst vor der Ehe handelt, 
wie uns die nächsten Fälle belehren werden, oder als Heilmittel, wovon 
wir auch ausführlich zu sprechen haben werden. 

Daß sich hinter mancher Impotenz die Angst vor der Ehe verbirgt, 
gehört fast zum Abc der Psychotherapie. Und doch gibt es so viele Ärzte, 
die von diesen Mechanismen keine Ahnung haben . . . Wir wollen jetzt 
einige solcher Fälle analysieren. Der nächste zeigt eine gewisse Verwandt- 
schaft zum vorhergehenden. 

Fall Nr. 77. Es handelt sieh um einen 56jährigen Architekten, der bis 
zu den letzten Wochen immer tadellos potent gewesen. Allerdings hatte aneh 
er eine Vorliebe für die improvisierte Liebe und fürchtete sich vor Betten 
und langen Vorbereitungen. Wenn er in einer finsteren Zimmerecke stehend 
oder auf einer Stiege halb liegend koitieren konnte, dann war er am poten- 
testen. Auch wenn er das Frauenzimmer „hinschmeißen" konnte, wenn er an- 



192 



Die Impotenz des Mannes. 



gezogen war, wenn es sehr plötzlich kam, dann konnte er nicht klagen Er 
gehorte zu den Männern, die im Bette stets schwach potent waren. Auch 
pflegte er zu versagen, wenn er sich lange für ein Rendezvous vorbereiten 
sollte, welche Schwäche er dann bald überwand, wenn er mit einem Objekte 
öfter zusammenkam. Die Launen bezogen sich meist auf das erste Mal Nun 
aber war ihm das Unglück passiert, daß er impotent geworden war und auch 
bei den alten bekannten Objekten vollkommen versagte. Dies Unglück traf ihn 
um so schwerer, als er sich verliebt hatte und sich ernstlich mit Heiratsee- 
danken trug. Aber seine Erektionen blieben vollkommen aus. Auch des Mortem? 
kam keine zustande. Er hielt sich für absolut impotent. 

Mau kann mit Sicherheit annehmen — mit jener relativen Sicherheit 
die man aus der Erfahrung gewinnt — , daß in solcheu Fällen ein starker 
Widerstand gegen die Ehe besteht. Nach diesem Widerstand zu forschen ist 
mitunter sehr schwierig, weil die Größe der künstlich aufgepeitschten Liebe 
schon jeden Zweife an der Starke der Liebe als arge Schmähung auffaßt 
Hier hören wir auch nur von den Vorzügen der Angebeteten. Es handelt sich 
um ein älteres Mädchen yon 34 Jahren, das sich als Schriftstellerin einen 
gewissen Namen gemacht hatte. Beide kamen in einem literarischen Klub zu 
sammeu. Sein Erstaunen war groß, als er merkte, daß das Mädchen sich für 
ihn interessierte. Es entwickelte sich allmählich eine große Leidenschaft di« 
den stattlichen, sehr angesehenen, wohlhabenden Mann überglücklich machte 
So sagte er wenigstens. Allerdings stimmte zu dem Glücke nicht, daß er dte 
langen Nachte hindurch nicht schlafen konnte und immer daran denken mußte 
ober auch den starken Anforderungen eines noch jungen, in Liebe un5 
ahrenen und hebeshimgngen Wesens genügen werde. Versteht man es, hinter 
diesem Zweifel das Nein« herauszuhören, das „Ich will nicht!", so hat man 
schon einen Weg für die weiteren Forschungen. Dieses Nein war in diesem 
Falte sehr begründet. Denn der Architekt war schon zweimal verheiratet ff e- 
wesen und mußte sich in beiden Fällen von seiner Frau scheiden lassen. 
Beide hatten ihn betrogen und jedesmal stand er kuapp vor dem Ruin und 
dem Selbstmorde. Es ist ja klar, daß in solchen Fällen eine innere Stimme 
sagt: „Heirate nicht, du wirst noch eino dritte Enttäuschung erleben'« Diese 
innere Stimme aber hörte er nicht und er wollte sie nicht hören. Vorlauf! - 
sicherte ihn die Impotenz vor der Ehe. Er begann sehr vorsichtig mit dem 
Madchen von der Zukunft zu reden und betonte, daß er nicht mehr in dem 
Alter sei, ein Mädchen zu befriedigen. Sie würden wahrscheinlich eine pla- 
tonische Ehe führen. Über diese Aussicht war die Braut ganz entzückt. Sie 
wünsche sich nichts anderes. Sie hasse die rohen Formen der Sexualität. Sie 
wollten wie Bruder und Schwester leben. Das sei ihr Ideal 

Ich äußerte Zweifel an diesen Worten. Das Mädchen täusche sich und ihn 
mit dieser „Geschwisterliche". 

Er aber schwur mir, sie würde sieh nicht berühren lassen, selbst wenn 
er sie heiraten würde, sie sei prüde und unnahbar und das mache ihm auch 
die größten Sorgen. Schon nach einigen Tagen teilte er mir mit, daß er endlich 
eine Erektion konstatieren konnte. Er brachte nach einer Theatervorstellung 
seine Braut im geschlossenen Automobil nach Hause. Sie küßten sich leiden- 
schaftlich. Plötzlich fühlte er ihre Hand unten, sie öffnete ihm die Kleider 
et tenebat membrum suum valde erectum. Noch immer war er so ver- 
blendet, daß er auf ihre Reinheit schwor und meinte, es wären „zufällige und 
unbewußte Reflexakte". 



B 



Impotenz und Ehe. 193 

Nun erkannte ich bald aus den Schilderungen der Verhältnisse, daß die 
Geliebte ihn nie heiraten würde und nur den Koitus kennen lernen wollte. 
Sie lebte mit einer gelähmten Schwester, welche auf ihre Pflege angewiesen 
war, und zwei Brüdern in einem sehr intimen Haushalt. Sie schlug ihm zuerst 
vor, die gelähmte Schwester mit ins Haus zu nehmen, was er verweigerte. Dann 
gelobte sie ihm, das Haus zu verlassen und die Pflege der Schwester einer 
erfahrenen Wärterin zu überlassen. Ich schloß aber aus kleinen Zügen auf 
eine so starke Fixierung an die Familie, daß ich ruhig die Prognose stellen 
konnte, sie werde ihn nicht heiraten, obwohl er eine glänzende Partie war und 
sie ihn außerordentlich liebte. Diese Liebe war nämlich eine Art von Trotz- 
liebe. Einer ihrer beiden Brüder hatte sich eine Geliebte genommen, zu der er 
häufig ging und die er sogar heiraten wollte. Sie suchte sich aus Trotz auch 
einen Geliebten. 1 ) In dem Maße aber, als ich ihm versicherte, die Braut 
werde ihn nicht heiraten, stieg seine Potenz. Einmal deflorierte er sie in 
seiner Kauzlei des Abends, als schon alle Beamten weggegangen waren. Er 
war ganz außerordentlich potent und mit sich und seiner Leistung sehr zu- 
frieden. Nun drang er auf öffentliche Verlobung und baldige Heirat. Sie 
machte einen energischen Anlauf dazu. Sie stellte ihn der Mutter als Bräutigam 
vor. Die Mutter und die Schwester behandelten den reichen Freier als einen 
verbrecherischen Eindringling, der ihnen ihr Heiligtum rauben wollte. Die 
Brüder versteckten sich und ließen sich gar nicht sehen. Die Mutter setzte 
ihm auseinander, daß sie gegen die Ehe nichts habe, aber die Tochter hätte 
Pflichten gegen ihre gelähmte Schwester, die es nicht überleben werde, wenn 
ihre Pflegerin aus dem Hause käme . . . Kurz, es kamen allerlei fadenscheinige, 
nicht schwerwiegende Motivierungen. Das Mädchen aber hielt noch scheinbar 
fest zu ihm und war entschlossen, mit der Familie zu brechen. Man suchte 
eine entsprechende Wärterin und es war keine zu finden. Keine wollte der 
Kranken passen und bei jeder wurden Fehler gefunden . . . 

Inzwischen mußte der Bräutigam erfahren, daß er trotz außerordentlicher 
Potenz bei seiner Braut keinen Orgasmus erzielen konnte. Sie blieb anästhetisch 
und sprach wiederholt ihre Verwunderung aus, daß die Frauen „auf so etwas 
flögen." Ihr sei es ganz gleichgültig. Log sie oder war sie infolge ihrer 
Fixierung an die Brüder und die ganze Familie frigide? Tatsache ist, daß 
sie die Verlobung bald löste und sich vollkommen zurückzog. Unser Architekt 
hatte noch eine Weile an dem Erlebnis zu tragen. Er sah es aber bald ein, 
daß dies die beste Lösung war. Sie behielten beide ihre Freiheit. Er aber 
hatte seine Potenz wiedergewonnen und sich auf einige alte und mehrere neue 
Liebesobjekte zurückgezogen; 

Interessant ist der Umstand, daß die Hemmungen aufgehoben waren, 
wie es sich nicht mein- um einen Koitus matrimonialis handelte. Ferner, 
daß es eine besondere Bedingung seiner Potenz war, daß die Partnerin 
eine Aggression auf sein membrum macht. Er bringt selten einen Koitus 
zustande — die brutalen Akte, die einer Vergewaltigung gleichen, aus- 
genommen — , wenn diese Liebesbedingung nicht erfüllt wird. Diese 



') Ich kenne einen ähnlichen Fall, in dem eine Schwester zu ihrem Bruder 
sagte: „"Wenn du dir eine Geliebte nimmst, so nehme ich mir sofort einen Geliebten !" 
Sie zwang ihn dadurch, nur zu Dirnen zu gehen. Darüber hinaus duldete die Schwester 
kein Verhältnis. 

Stekel, Störungen den Trieb- nnd Affektlebona. IV. 2. Aufl. 13 



194 Die Impotenz des Mannes. 

Form der bedingten Potenz entspricht einer gewissen Passivität. Er will 
genommen werden. Wir sehen auch hier deutlich den Gegensatz zur über- 
mäßig betonten männlichen Aggressivität, die ihn auch potent macht. 

Es gibt viele Männer, deren Potenz an diese Bedingung geknüpft 
ist. Mir scheint es, als ob auch Erinnerungsspuren an die unbeabsichtigten 
und beabsichtigten Griffe der Kinderpflege die Grundlage dieser Liebes- 
bedingung darstellten. Allerdings ist diese verbreitete Bedingung nur eine 
von den zahllosen, im Kapitel IV beschriebenen Bedingungen, von denen 
die männliche Potenz abhängig ist. Wir werden bald auch einen Fall 
kennen lernen, in dem diese Bedingung die Ursache einer Impotenz wurde. 
Ich kenne Männer, die sich vor der Ehe fürchten, weil sie nicht wissen, 
ob ihre Gattin dieses Ansinnen erfüllen wird. Es gibt auch Frauen, die 
sich außerordentlich dagegen sträuben. Ein Mann, der mit seiner 'Frau 
sonst isehr glücklich lebte, behauptete mir gegenüber, daß dieser Um- 
stand allein ihn nötige, seiner Frau die Treue zu brechen, die er sonst 
unbedingt einhalten würde . . . 

Ich möchte hier noch über zwei Fälle referieren, in denen die Angst 
vor der Ehe eine psychische Impotenz verursachte. 

Fall Nr. 78. Herr P. F., Arzt, 49 Jahre, verfügt über eine sehr launische 
Potenz, bo ist er das erste Mal meist impotent und macht die Frauen auf 
seine Schwäche schon vorher aufmerksam. Das zweite Mal ist er vor Über- 
raschungen sicher. Trotzdem passierte es ihm, daß er bei einer bestimmten 
Dame vollkommen impotent war, und zwar bei einer Dame, bei der ihm am 
meisten gelegen war, sehr potent zu sein. Er lernte vor einigen Monaton eine 
junge, blühende Frau kennen, die ihm sehr gefiel, so daß er sich in sie ver- 
hebte und sofort den Entschluß faßte, sie zu heiraten. Er fand bei ihr das 
größte Entgegenkommen. Sie leistete nicht allzngroßen Widerstand und kam 
bald vertrauensvoll in seine Wohnung, wo sie in seine Arme fiel. Allein das 
erste Mal war er vollkommen impotent, worüber er sich keine Gedanken machte 
Jedoch die nächsten Male ging es ihm nicht besser. Er ist verzweifelt. Alle 
Mittel nützen gar nichts. Sie beschließen eine Probeehe. Er zieht mit ihr in 
eine gemeinsame Wohnung, sie bleiben die ganze Nacht im Bette und er kann 
nichts anderes als seine jämmerliche Schwäche konstatieren. 

P. F. war vor diesem Erlebnis schon zweimal verheiratet und hatte mit 
beiden Frauen sehr böse Erfahrungen gemacht. Die erste Frau überraschte er 
mit ihrem Liebhaber in seiner Wohnung und die zweite ging ihm durch so 
daß es einen. öffentlichen Skandal gab. Wiewohl er sich nach einer geordneten 
Häuslichkeit sehnte, war die innere Stimme stark genug, um sich als Impotenz 
durchzusetzen. Wäre die Frau nur seine Geliebte gewesen, er hätte ihr bei- 
schlafen können, wie allen anderen Geliebten, deren er schon sehr viele 
besessen hatte. Mit der Idee der Heirat weckte er auch alle traurigen Erinne- 
rungen an seine beiden bösen Erfahrungen. Interessant ist auch der weitere 
Verlauf dieser Störung. Während der Probeehe war er auch sonst ganz un- 
erträglich. Er war launisch, machte Szenen und verbitterte dem armen Wesen 
das Zusammenleben recht gründlich. Schließlich trennte sie sich von ihm und 
schrieb ihm einen Abschiedsbrief. Nun flammte seine Liebe auf und er begann 
aufs neue leidenschaftlich um sie zu werben. Er drohte mit Selbstmord, wenn 



Impotenz und Ehe. iqf. 

sie ihn verlassen würde nnd war so verzweifelt, daß er nicht arbeiten konnte. 
Gelang es ihm aber die Frau umzustimmen und merkte er, daß sie sich ihm 
wieder näherte, so wurde er unruhig, zog sich zurück und suchte Zwist, na- 
türlich ohne sich darüber Rechenschaft zu geben. Es kommt vor, daß in solchen 
Fällen die Impotenz verschwindet, wenn die Zweifler vor der Tatsache der 
Ehe stehen, wenn sie nicht mehr zurück können. So war es auch hier. Ich 
gab ihm den Rat, keine Probeehe zu arrangieren, sondern das liebe Wesen 
gleich zu heiraten. Er hatte erst allerlei Ausflüchte, so daß die Braut sieh zu- 
rückzog. Dann aber faßte er den schweren Entschluß. Er heiratete und schon 
nach einigen Tagen war die Potenz ganz normal. Jetzt hatte der Protest der 
ablehnenden Stimmen keinen Sinn mehr. Das Unglück war geschehen und para- 
pathische Symptome pflegen sich auch mit Tatsachen rasch abzufinden. Die Im- 
potenz war nur eine Waffe im Kampfe um die Freiheit. Nun, da die 
Freiheit endgültig verloren war, nun, da sie seine Frau war, mußte diese 
Störung verschwinden. Gerade diese Spontanheilung in der Ehe ist sehr cha- 
rakteristisch und gestattet dem erfahrenen Psychotherapeuten, in geeigneten 
Fällen — das heißt, wenn eine echte und tiefe Liebe vorhanden ist — den 
Rat zur Ehe trotz bestehender Impotenz zu geben. 

Es kommt gar nicht so selten vor, daß ein Bräutigam vor der Hoch- 
zeit den Arzt aufsucht und sich berät, was er denn machen solle. Er habe 
einen Koitus mit einer Dirne versucht und sei ganz impotent gewesen. Er 
traue sich nun nicht zu heiraten. Man muß in solchen Fällen darauf hin- 
weisen, daß die Fixation an die Braut, die inneren moralischen Hemmungen 
(Vorwürfe, daß man der geliebten Braut untreu sei), die Angst vor der 
Infektion, welche ja die Hochzeit verhindern könnte, und nicht in letzter 
Linie ein letzter Kampf um die Freiheit sich verbünden, um die Impotenz 
zustande zu bringen. Mit einigen beruhigenden Worten kann man da 
Wunder wirken. Falsch wäre es, neue Versuche anzuraten oder zu be- 
handeln und die Hochzeit hinausschieben zu lassen. 

Wie wunderlich innere Hemmungen sich äußern können, das hat 
mich folgender Fall belehrt, den ich in gedrängter Kürze hier mitteilen 
möchte. 

Fall Nr. 79. Herr J. H. — nennen wir ihn Delta — ist eiu bekannter 
Philologe und eine Zierde seines Faches. Er wurde schon in jungen Jahren zu 
einem hohen akademischen Grad berufen und erfreut sich bei seinen Schülern 
wegen seiner geistreichen Vorträge großer Beliebtheit. Er ist 34 Jahre alt, als 
er in meine Behandlung tritt. Die Ursache seiner Behandlung ist eine voll- 
kommene Impotenz, die sich erst in den letzten Monaten ausgebildet hat, aber 
in einer wichtigen Lebensfrage ein entscheidendes Wort spricht. 

Delta gehört zu jenen Menschen, welche mit Leidenschaft anonymen Brief- 
wechsel führen, bei dem sie sich hemmungslos gehen lassen können. Die Zahl 
solcher Briefschreiber in den Großstädten ist unendlich groß. Und selbst auf dem 
Lande gibt e6 manche stille, keusche Frau, welche seit Jahren einen anonymen 
Briefwechsel führt, in der sich ihre zweite zynische Natur voll und ganz aus- 
leben kann. Gerade unter den keuschesten Naturen, die im Leben sehr prüde 
und zurückkaltend sind, findet man solche. Schreiber, deren Briefe selbst dieses 
gewiß nicht zurückhaltende Buch nicht wiedergeben kann. Ich habe einige Male 

IS* 



196 Die Impotenz des Mauues. 

Einsicht in einen solchen Briefwechsel gehabt. Ich war erstaunt, als ich die 
wilde, unbändige Schmutzliebe sah, die sich in diesen pornographischen Stil- 
übungen auslebte. Noch größer war mein Erstaunen, wenn ich die Schreiber 
oder Schreiberinnen kennen lernte. Es bestand immer ein auffallender Gegensatz 
zu der Mysophilie, wie sie unter der Maske der Anonymität zum Vorschein kam. 
Man lernt erst in solchen Fällen, welche Verstellung unsere Kultur vielen 
Menschen aufzwingt und wie der Anspruch auf öffentliche und persönliche 
Achtung diese Triebe zurückdrängen kann. Auffallend war mir eine Frau, die 
es ihrem Manne nicht verzeihen konnte, wenn er ein freies Wort gebrauchte 
oder einen anstößigen Witz erzählte und die einen heimlichen Briefwechsel 
führte, der selbst einen abgehärteten Leser der Anthropophyteia noch über- 
rascht hätte. 

Auch Delta führte ein solches Doppelleben. Er war sehr feinsinnig in 
Damengesellschaft beliebt wegen seiner vornehmen kühlen Zurückhaltung pflegte 
verschiedene ideale Freundschaften, in denen die geistigen Interessen das einzige 
Band waren, und lebte sich gleichzeitig in einem pornographischen Briefwechsel 
aus, der sich fast über die ganze Welt erstreckte. Er hatte beinahe täglich 
einige Stunden mit der Abfassung von Briefen zu tun und hätte er die Ant- 
worten alle gesammelt, es gäbe ein artiges Kabinett aller möglichen Paraphilien. 
Seine besondere Freude war es, unschuldige Mädchen zu belehren und sie über 
die Formen des normalen und abnormalen Verkehres aufzuklären. Er war schon 
seit dem 10. Lebensjahre Onanist und vielleicht noch länger. Er onanierte so 
lange er sich erinnern kann. Auch während des Briefschreibens onanierte er 
und teilte dies auch den Leserinnen mit, zeichnete oft das erigierte Glied ver- 
breitete sich ausführlich über Orgasmus und Ejakulation. Wir werden auf' diese 
Paraphilie (Koprographie) später noch zurückkommen. Ich will hier nur aus- 
führen, auf welchem Wege er zu seiner Braut gekommen war. Seine Annonce 
war ja recht harmlos, sonst wäre sie in den Zeitungen nicht abgedruckt worden. 

Briefwechsel. 

Ein sich einsam fühlender, gebildeter Junggeselle sucht 

anregenden Briefwechsel mit intelligenter Dame. Unter 

... an die Expedition des Blattes. 

Auf eine solche Annonce kamen gewöhnlich eine Anzahl Antworten. 

Aus diesen suchte er sich die Damen heraus, die ihn interessierten. Er begann 

erst sehr zurückhaltend zu schreiben und wagte sich erst nach einigen Briefen 

an das eigentliche Thema. Häufig passierte es ihm. daß er keine Antwort 

erhielt. Mitunter kamen auch grobe Briefe, in denen er als lasterhafter Mensch 

und als Schwein bezeichnet wurde. In den meisten Fällen jedoch fund er ein 

verständiges Eingehen auf seine Absichten. Sehr selten kam er dann dazu, 

die Briefschreiberin kennen zu lernen. Das passierte ihm nur einige Male. 

Die meisten blieben in dem Dunkel, das ihnen diese Exhibition gestattete. Denn es 

handelt sich in allen diesen Fällen um eine Art psychischen Exhibition vor 

einem Unbekannten. 1 ) 

') Ich möchte bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam machen, wie ungern 
leichtsinnige Frauen sich hekannten Männern hingeben. Sie verlangen, daß man sie achtet 
und von ihnen gut denkt. „Was werden Sie jetzt von mir denken?" ... ist wohl die 
häufigste Phrase, welche der Verführer von der gefallenen Frau nach dem ersten Koitus 
hört. Deshalb haben die Männer in einer fremden Stadt mehr Glück als in der Heimat. 
Deshalb werden in Kurorten so wie auf Reisen leicht Eroberungen gemacht; darin 
liegt auch der große Reiz der Maskenbälle. Ich habe oft konstatieren können, daß sehr 



Impotenz uud Ehe. 197 

Einmal kam unter diesen Briefen ein ganz sonderbarer, der einen merk- 
würdigen „geistigen" Duft ausströmte. Er merkte, daß er es mit einer großen 
geistigen Potenz zu tun habe und nachdem ein sanftes Ablenken in das Por- 
nographische von der Briefschreiberin energisch abgelehnt wurde, blieb er in 
der Richtung der geistigen Interessen und schrieb weiter, während er sonst 
den Briefwechsel aufgegeben hatte, wenn er nicht interessant, d. h. porno- 
graphisch genug war. Schließlich kam es zur Mitteilung der Namen und zu 
gegenseitiger näherer Bekanntschaft. Er lernte eine sehr interessante, schöne 
Dame kennen, die als Folge einer Jugendliebe ein Kind hatte. Sie war vor- 
urteilslos genug, um es bei sich zu halten und zu erziehen, da sie, durch und 
durch modern, sich nicht viel darum kümmerte, was die Leute sagen. Dazu 
kam, daß eine kleine Rente sie ganz unabhängig von der Welt und von ihrer 
Familie machte. Sie erzählte ihm ihre Lebensgeschichte. Der Vater des Kindes 
war zufällig einige Tage vor dem Hochzeitstage ertrunken. Sie hatte sich ihm 
vorher hingegeben und war gravid. Sie stand nun vor der Wahl, sieh einen 
Abortus machen zu lassen oder Mutter zu werden. Das Andenken an den ge- 
liebten Mann bewog sie, die Verachtung der Welt auf sich zu nehmen und 
dem Kinde zu leben. 

Dieses Vorgehen steigerte ihr Ansehen in den Augen Deltas. Er beschloß, 
sie näher kennen zu lernen und sie eventuell zu heiraten. Da trat nun zum 
ersten Mal in seinem Leben zeitweilig bei anderen Frauen eine Impotenzstörung 
auf. Trotz der neuen Liebe konnte er nicht abstinent leben. Denn er hatte 
seit Jahren die Losung: Nulla dies sine coitu. Nun zeigten sich leichte Stö- 
rungen. Es gab gewisse Frauen, bei denen er nicht potent war. Jetzt gab es 
einen schweren Kampf in seiner Seele, einen quälenden Zweifel. Er liebte 
diese Frau rasend. Er wollte sie nun gerne heiraten, wenn er nur wüßte, ob 
er bei ihr potent sein würde. 

Er schlug ihr vor, sie möge zu ihm in die Wohnung kommen. Sei er 
imstande, mit ihr zu verkehren, so würde er sich sofort mit ihr verloben und 
sie in kürzester Zeit heiraten. Er war wohlhabend, in angesehener Stellung, 
ein schöner, einnehmender Mann. Sie bat sich eine kurze Bedenkzeit aus und 
beriet sich mit ihrer Mutter. Die Mutter empfahl ihr, das Experiment zu 
machen, das ja ungefährlich war. Entweder er war impotent, dann geschähe 
ihr nichts, oder er war potent, dann würde er als Ehrenmann sicherlich sein 
Wort halten. Wie ich schon ausgeführt habe, ist dieser Weg der schlechteste. 
Denn diese Probe gestattet dem Zweifler — und das war Delta — einen 
Rückzug. Sie hätte auf die unbedingte Heirat bestehen müssen, dann wäre Delta 
auch potent gewesen. So aber ging sie auf seinen Vorschlag ein. Das sollte 
der Anfang eines langen Leidensweges sein. Delta hatte nämlich die passive 
Einstellung, die der Fiktion Lust ohne Schuld entspricht. Er benötigte die 
manuelle Reizung und Nachhilfe der Frau und konnte auch nie ohne Unter- 
stützung der Frau den Introitus vaginae finden. Er suchte immer wo anders, 
immer tiefer. Diese Form der Impotenz, ebenso häufig wie das Bedürfnis 
nach manueller Reizung, verrät eine homosexuelle Komponente und den Um- 
stand, daß eigentlich das Sexualziel nicht die Vagina, sondern der Anus ist . . . 
Sie erfüllte beide Bedingungen (Reizung manueller Art und Einführung) nicht. 



anständige, d. h. im bürgerlichen Leben sehr zurückhaltende Frauen unter der Maske 
ihre Dirnennatur ausleben und sich bis in die letzten Konsequenzen wie eine Dirne be- 
nehmen, wenn sie wissen, daß man sie nicht erkennt und sie nach dem Abenteuer in 
ihre bürgerliche Existenz zurückkehren können. 



I"" Die Impotenz des Mannes. 

Bei Delta kam es bei dem Besuche der heißgeliebten Frau zu keiner Erektion. 
Lr war unglücklich und drohte, er werde sich das Leben nehmen. Nach 
einigen Tagen beschwor er sie, zu ihm für eine ganze Nacht zu kommen 
Gegen Morgen litt er unter schmerzhaften Erektionen. Wenn sie die ganze 
*acht bei ihm wäre, so kalkulierte er, werde er die Morgenerektion benutzen 
können. Aach einigem Schwanken gab die Frau über Rat der Mutter nach 

™ r^rT e ^ 0h T g -. . Er hattC den gleicheu Mlßerfo1 » wie das <*ste 
; äff »«"»effjrhaupt nicht ein. Da aber die Grundbedingung der Morgen- 
erektion der Schlaf und die Beseitigung der Hemmungen im Schlafe ist, kam 
es natürlich am Morgen auch zu keiner Erektion. Sie zog beschämt ab und 
aus der Verlobung wurde gar nichts. Er kam nun in meine Behandlung und 
.teilte mir die Alternative: „Entweder Sie können mich gesund machen 
so daß ich die geliebte Frau heiraten kann, oder ich nehme £l 

Udo 1_j6 D6n . 

Ich konnte ihm die Heilung der Impotenz versprechen, wußte aber daß 
er nach der Heilung die Frau nicht heiraten werde Denn nur die Starken 
inneren Hemmungen hatten die Impotenz verursacht. 

Vr » l" Ä Sieht u n d6r Imp ° teDZ die Strafe für «*»e unmäßige Onanie 
Er hate seit dem zehnten Lebensjahre mindestens einmal im Tagf onantort 
Ja er konnte nicht einschlafen, wenn er nicht onaniert hatte. Er tCnn m t 
33 Jahren der Onanie zu entsagen. Die Entwöhnung von der OnanT war 
nicht gleicht. Aun hatte er schon ein Jahr nicht onaniert, allerdings "ehr viel 
mit trauen verkehrt. Es verging fast kein Tag, an dem er niclft eine ode 
zwei Zusammenkünfte mit Frauen hatte. Trotzdem hatte er noch nie n Frau 
besessen, die er nicht bezahlt hatte. Seine Domäne waren die Halbdirneu die 
21 IT 1 , Pr0Stltuierten: Theatermädchen, Ladenmädchen, die auf 
einen Nebenverdienst angewiesen waren, Kassierinnen, leichtsinnig Frauen 

1 /IT Nebe r rWerb 8UCllten - Er war aüf di « Straße angewiesen und 
suchte täglich, was das ungeheuere Meer der Großstadt an seinen Strand warf 

und hHeh H m ^ 6 I Sei " e RuDdgän ^' erlebt * Absagen und Überraschungen 
nnd blieb dann mit den so erworbenen Bekanntschaften noch in längerem 

5 t fiS t ereinerD ' rne ^Ibstin die Fremde Briefe und unterftüt te 
5t , 8 5 enken i| wu - * ew*, ^ vergeudete ein Vermögen für leichtsinnig 

fn ihn'"- ■£ WU 6 , « a ' S "S' UrZ ° nC bekannt ' duß sich « Qbeka ^te Mädcht 
an ihn wandten und ihn um Unterstützung baten. Bald war er aber der alten 
Bekanntschaften müde und suchte nach neuen Reizen. Er setzte sich auch mit 
einer Kupplerin in Verbindung, die ihn immer mit „frischer Ware" versorgte. 
Dieses unterirdische geheime Leben stand im großen Gegensatze zu dem Leben 
eines Gelehrten. Er verkehrte in den höchsten akademischen Kreisen und 
wurde sehr gerne gesehen, weil er außerordentlich gebildet war und sehr 
geistreich konvenieren konnte. Ein- oder zweimal in seinem Leben war es 
inm passiert, daß er für die Liebe nicht zahlen mußte. Diese zwei Ereignisse 
sind in seinem Kaleudarium, iu dem er alle erotischen Erlebnisse gewissenhaft 
notiert . auch in bezug auf ihre Kosten ... rot unterstrichen. Seine Sehn- 
ig l h ? Ch Die erfüllte > war > "^ seiner selbst willen geliebt zu werden, 
lcn nabe schon erwähnt, daß er nur potent war, wenn die manuelle Reizung 
unü die Immissio penis gewährleistet wurde. Wurde aber diese Bedingung er- 
füllt' so war er trotz der exzessiven Onanie so potent, daß er das Mädchen 
mehrere Male befriedigen konnte. Er war imstande seine Ejakulation bis zu 
einer halben Stunde zurückzuhalten und so die Partnerin in den höchsten 
Orgasmus zu bringen. Er strebte immer darnach, bei ihr einen Are de cercle 



Impotenz und Ehe. 199 

zu erreichen. Dann kam auch er in sexuelle Ekstase und ließ dem Orgasmus 
freien Lauf. Allerdings brach dann gegen seinen Willen eine ihm später 
peinliche Koprolalie hervor. Er schimpfte und schmähte seine Partnerin („Gelt 
— du Luder — du Hure — du gemeines Ding, das ist dir recht! Das 
schmeckt dir!"). Je größer sein Orgasmus war, desto ordinärer wurde sein 
Jargon und er begann auch im Dialekt zu sprechen und Worte zu gebrauchen, 
von denen er nicht wußte, daß er sie kannte. 

Nach dem Koitus schlief er regelmäßig ein und wenn es nur für einige 
Minuten war. Dies kommt immer bei Menschen vor, welche mit einer be- 
stimmten Phantasie koitieren und sich dann von der Realität in die Welt des 
Traumes flüchten. 

Allmählich aber stellte sich — seit er die junge Frau kannte — die 
Impotenz ein, so daß er seiner nicht mehr sicher war. Er glaubte nun, die 
Stunde der Vergeltung sei gekommen, er müsse für seine Jugendsünden zahlen, 
er war unglücklich, daß er impotent war, und sprach von der „rächenden 
Nemesis". Er sollte nun für seine onanistischen Prozeduren und seinen Brief- 
wechsel büßen. Er hatte so viele reine Seelen beschmutzt, sich wie ein Schwein 
im Schmutze gewälzt, ein Doppelleben geführt . . . 

In Wirklichkeit handelte es sich aber um den Durchbruch einer aske- 
tischen Tendenz auf religiöser Grundlage, wie der weitere Verlauf der Analyse 
zeigen wird. Er bestreitet eine bewußte Religiosität, muß aber zugeben, daß 
er sich viel mit religiösen Fragen beschäftigt. Er studierte die Bibel und das 
Evangelium und brachte es sogar bis zu wissenschaftlichen Exegesen und 
Kommentaren. Sein Vater war Freigeist und hatte ihn eigentlich ganz frei 
erzogen. Er war nur nominell Mitglied der evangelischen Gemeinde. Es trieb 
ihn aber in die Arme des Katholizismus. Er war schon nahe daran, den Übertritt 
zu vollziehen, da sah er eine Vision: Christus mit ausgebreiteten Armen, der 
ihm drohte und zurief: „Ich lasse mit mir nicht frevelhafte Spiele treiben ! a . . . 
Schon vor Ausbruch der Impotenz hatte sich die Rückkehr vom alten Leben 
vollzogen. Er hörte ja zu onanieren auf, er begann die Korrespondenz zu be- 
schränken und gab sie gänzlich auf. Es gibt viele Menschen, bei denen 6ich 
in einem gewissen Alter die „moralische Reaktion" einstellt. Sie machen auch 
ohne religiöse Motive eine Renaissance durch. Sein Anschluß an die Frau war 
eigentlich auch die Sehnsucht nach Reinheit und Ehe. Aber konnte er das bei 
ihr finden? Mußte er nicht zweifeln, daß dieses Erlebnis mit dem Vater ihres 
Kindes nicht das einzige war, mußte er nicht denken: So gut wie sie zu dir 
kommt, wäre sie auch zu einem anderen gekommen? Er hatte ihr zur Bedin- 
gung der Ehe gestellt: seine Potenz bei ihr. Die richtige Antwort wußte sie 
nicht zu finden. Sie hätte sagen müssen: zu so einer Probe bin ich mir zu 
gut. Dann hätte sie die Probe bestanden und wäre seine Frau geworden, 
überdies wußte er, daß diese Frau noch ein zweites Erlebnis hatte. 

Er war ein Zweifler und alles in ihm war doppelt und zerrissen. Er war 
Atheist und ein Frömmling, ein Mensch, der sich nach Reinheit sehnte und ein 
Lüstling, der gerne im Schlamme wühlte, er sehnte sich nach den Höhen und 
nach den Tiefen, er war Forscher und Genußmensch, ein kühler Skeptiker und 
ein warmes Kind. Alle Gegensätze wohnten in ihm und bewirkten, daß er sich 
immer zum Leben doppelt einstellen mußte. An allem zweifelte er, nur 
an seiner Liebe zu dieser Frau wollte er nicht zweifeln. Aber seine 
Impotenz sprach den Zweifel deutlicher aus als es Worte vermögen. 1 ) 

') Die echte Liebe kennt keinen Zweifel, sie ist schon der Glaube. 



200 



Die Impotenz des Mannes. 



Ein tiefes Sehnen nach Reinheit und Erlösung verlangte von ihm einen 
vollkommenen Wandel des Lebens. Da setzte die Impotenz ein und mahnte 
ihn zur Reue und Einkehr. 

„Kann ich nicht Gott sein, so will ich wenigstens Satan sein!" So 
hieß seine frühere Losung. Er trug sich mit Erlösergedanken, seine große 
historische Mission ging dahin, die Menschen zu versöhnen und ihnen eine 
neue Religion zu schenken. In die Höhe wollte er streben, in das lichte Reich 
der Gedanken. 

Dabei zog es ihn immer tiefer in das Reich des Bösen , Finsteren und 
Schmutzigen. Mit dem Gelde konnte er verschwenderisch sein, wenn es eatt 
arme Dirnen zu unterstützen und die Angst, „schmutzig" zu erscheinen , "ließ 
inn die dümmsten Streiche machen. Allein an diesem Beispiele zeigt sich wieder 
einmal die Bedeutung der BipoJarität. Er war physisch schmutzte wie ein 
Anachoret. Er spielte auch den Anachoreten. Er wusch sich schon einige Jahre 
nicht, kannte nicht die Wohltat eines Bades. Er ließ sich einen riesigen schwarzen 

finlT T' £"♦ im VCreine UÜt eiDem Uralten ' Menden Mantel und 

einem breiten Hute zu einer auffallenden Erscheinung machte Der Mantel 

war ihm so lieb weil er Ober und über mit Schmutz und Urinresten imprägniert 

war Er hatte die Gewohnheit, beim Urinieren einige Tropfen auf den Mantel 

TnchT;- D "?™\ di ™* MaDtelS ™ kte in *» direkte LustgS 
Auch beim nächtlichen Lnnieren, das er immer im Bette wie ein kleines Kind 
besorgte, kamen e.nige Tropfen auf das Leintuch und oft schlief er in der 
wohhgen Nässe ein. Solche Fälle werden wir im nächsten Bande dieses Werkes 
bei Besprechung des psychosexuellen Infantilismus vorführen und analysieren 
Fast jeder Parapatlnker bat noch etwas von diesen infantilen Lustquellen bei- 
behalten und verz.cl.tet nur schweren Herzens auf diese Rudimente der schönen 
ü.nderzeit. 

. U4 ^ Hch ** der Defäkation ging es etwas kompliziert zu. Er zeigte wohl 
n.cht jenen Kultus mit den beschmierten Papieren, die so viele Parapathiker als 
eine Zwangshandlung betreiben, aber er machte sich die Finger gerne schmutzte 
und, da er sich nie ordentlich wusch und den Gebrauch der Seife nicht 
kannte, so klebte immer etwas Schmutz an seinen Fingern. Zu diesen mvso- 
pnilen Symptomen gehörte auch das seltene Wechseln der Wäsche Er hätte 
ein Hemd am liebsten ein ganzes Jahr getragen, wenn er sich nicht 'vor 
seiner Zimmerfrau geschämt hätte. 

Er drückte mit allen diesen Infantilismen einen Gedanken aus: „Ich bin 
schmutzig Ich bin durch und durch schmutzig!" Er fühlte all das Böse in 
s.ch iah Infektion. Solche Menschen leiden an der Vorstellung, sie wären 
syphilitisch. Er träumte auch häufig von Infektionen und daß er von einer 
bösen Krankheit ganz zerfressen wäre. Die ganze zurückgedrängte Kriminalität, 
die Inzestgedanken, der homosexuelle Trieb verdichten sich zu der Vorstellung- 
du bist syphilitisch. So ging er mit 15 Jahren zu seinem Hausarzte und klagte 
er sei syphilitisch. Selbst die Versicherung des Arztes, daß er kein Symptom 
aer byphihs an ihm entdeckt habe, konnte ihn nicht beruhigen. 
• h T • urs P run £ licüer Sadismus war schon stark sublimiert und richtete 
sicn nach innen. Aber es werden ihm Phantasien aus der Kindheit erinnerlich, 
da f seine bösen Konkurrenten, den älteren Bruder und die jüngere Schwester 
gevierteilt und verstümmelt sah. Er zeigte auch die nekrophilen Instinkte 
solcher Parapathiker in veränderter Form als Statuenliebe und als Interesse für 
den lod und die Toten. Ging er zu einem Begräbnis, so stieg seine Libido 
so außerordentlich, daß er gleich mit höchster Erregung bei permanenter Erektion 



Impotenz und Ehe. 201 

ein Mädchen finden mußte, um einige Male zu koitieren. Im Notfälle half er 
sich mit Onanie. Das beweist uns, wie mächtig ihn die Vorstellung von Ein- 
graben eines noch warmen Leichnams in die Erde erregte. 

Seine seelische Homosexualität war so deutlich , daß sie ihm in subli- 
mierter Form offen zum Bewußtsein kam. Er war immer auf Freunde ange- 
wiesen und liebte die Mädchen und Frauen, die einen knabenhaften Zug im 
Gesichte oder in der Figur hatten. Für Freunde war er zu jeder Hilfe zu haben 
und eigentlich ihren Wünschen gegenüber willenlos. Er wurde auch von allerlei 
Freunden ausgenützt und ließ sich, gerne ausnützen. Freunde und Dirnen 
verzehrten einen Teil seines Vermögens. Er war vertrauensselig und glaubte 
gerne allen Menschen, wenn es sich um Geld handelte. Während er sonst 
ziemlich hemmungslos war, wenn er auf der Jagd nach Libido war, so lehnte 
er die nicht sublimierte Homosexualität vollkommen ab. Er behauptete auch 
eine Zeitlang, sich geprüft und gar keine physische Homosexualität entdeckt 
zu haben. Doch zeigt er gerade jene Form, die ich als Don Juan beschrieben 
habe: Häufiger Wechsel des weiblichen Objektes, triebartiges Nachlaufen und 
ewige Unersättlichkeit. Im Laufe der Analyse wird ihm seine Homosexualität 
bewußt. Sie richtete sich ursprünglich auf den Vater, der in der ganzen 
Familie wegen seiner wunderbaren Eigenschaften wie ein Gott verehrt wurde. 
Er fühlte sich nicht genug geliebt und hatte immer eine Scheu vor seinem 
Vater, zu dem er nie in ein rechtes herzliches Verhältnis kam. 

Ähnlich stand er zu seiner Mutter, nur viel herzlicher. Zu den älteren 
Brüdern — sie waren sechs Geschwister — hatte er keine besonderen Be- 
ziehungen. Er war viel aus dem Hause gewesen und stand ihnen mehr als 
Fremder gegenüber. Aber seine jüngere Schwester war ihm lange alles gewesen. 
Sie machten zusammen Reisen und Ausflüge, sie lasen die gleichen Bücher, 
gingen zusammen in die Konzerte und pflegten in Gesellschaften sich nur mit- 
einander zu unterhalten. So groß war ihre Liebe und ihr gegenseitiges Ver- 
ständnis, daß sie wiederholt den gleichen Gedanken hatten, ohne zu reden. 
Er dachte nie an eine Ehe, so lange er die Schwester hatte. Da geschah das 
Unglaubliche, daß sie sich in einen seiner Freunde verliebte und ihn heiratete. 
Er "empfand diese Liebe und diese Ehe als einen Treubruch und fühlte sich 
verraten. Er zog sich von seiner Schwester zurück und suchte . . . eine neue 
Schwester. Seine Braut hatte eine gewisse Ähnlichkeit. Sie durfte also nicht 
angerührt werden. Sie wurde wie die Schwester behandelt und — alle sexu- 
ellen Regungen schwiegen. 

Daß sich in ihm eine Renaissance seiner Ethik vorbereitete, habe 
ich schon angedeutet. Er trat zum katholischen Glauben über, legte die 
Anachoreten-Kleider ab, kaufte sich moderne steife Hüte, begann sich zu 
baden und zu waschen, hörte auf, den Frauenzimmern auf der Gasse nach- 
zulaufen, arbeitete an einem großen Werke und machte schließlich eine 
größere Studienreise, von der er als ein geänderter, gesunder Mensch zu- 
rückkam. Die Frau, die er liebte, machte inzwischen verschiedene wechsel- 
volle Schicksale durch. Das Wichtigste aber : Er kam zur Erkenntnis, 
daß die Hemmungen von seinem moralischen Ich ausgingen, daß in ihm 
viele Stimmen gegen diese Frau sprachen. Er löste sich von ihr los ... . 
und nahm sich nicht das Leben. Seine Potenz war in der Analyse voll- 
kommen wiedergekehrt. 



^02 Die Impotenz des Mannes. 

Wir sehen aber, wie viele Kräfte zusammenwirken, um ein solches 
Symptom wie die Impotenz zustandezubringen! Es ist das heimliche „Du 
darfst nicht!", das einer asketischen Tendenz entspricht, es ist die Homo- 
sexualität, welche einen Teil der Kräfte ablenkt, es ist die Fixierung an 
die Familie, Schuld und Strafe in einem Symptom vereinigt. 

Wonach sich Delta sehnt, das ist die hohe, reine Liebe; ein ideales 
Wesen möchte er finden, wie seine Schwester es war, dann könnte er 
rein und glücklich sein. Ob ihm das Leben dieses Wesen bringen wird, 
das ihm ein neues Leben schafft, in dem ihm das alte wie ein böser 
Traum vorkommt, das weiß ich nicht. Anzunehmen ist, daß er es finden 
wird und daß er dann das Muster aller häuslichen Tugenden wird, wie 
sein Vater es war. Sein Vater starb, von dem er sich so energisch dif- 
ferenzierte, und immer stärker muß jetzt die Tendenz werden, sich mit 
dem Vater zu identifizieren. 

Ich bin also nicht der Ansicht wie viele andere Forscher, besonders 
Moll, welche die Sexualneurastheniker . die an psychischer Impotenz 
leiden, vor der Ehe warnen. Es gibt viele Impotente, welche nur 
in der Ehe potent werden. Es sind dies Moralisten mit einer ver- 
steckten inneren Moral, welche den außerehelichen Koitus als Sünde werten 
Es sind Menschen , die oft zahllose Versuche gemacht haben und immer 
impotent waren und dann bei der Ehefrau erst, potent werden. Allerdings 
nach einigen Schwankungen und Versagern. Sie sind der Frau unendlich 
dankbar. Die besten Ehemänner trifft man unter den geheilten Impotenten 
und die glücklichsten Ehen sind wohl die, wo der eine Teü sich dem 
anderen so verpflichtet fühlt, daß er sich willenlos unterwirft. Daß meine 
Beobachtung, die Ehe sei unter Umständen ein Heilmittel der Impotenz 
(wie sie auch der Feind der Potenz sein kann), richtig ist, hat mir meine 
Erfahrung erwiesen. Auch FürbHnger erwähnt in dem Artikel „Impotenz" 
(Eulenburgs Iteal-Enzyklopädie) diese Tatsachen mit folgenden Worten: 
„Oft genug kommt die gesunkene Potenz bei Sexualneur- 
asthenikern mäßigen Grades in der glücklichen Ehe wieder zur 
Blüte, an welcher Tatsache wir trotz der etwas pessimistischen Haltung 
Motts festhalten." 

Wer einmal einen Parapathiker verstehen gelernt hat, der weiß 
wie stark die versteckte religiöse Forderung sein ganzes Handeln be- 
herrscht. Zu den wichtigsten Forderungen der Kultur — immer wieder 
erhoben und nie eingehalten — gehört die Monogamie des Mannes. Der 
außereheliche Koitus, von der Gesellschaft stillschweigend geduldet, gilt 
trotzdem als Sünde und wird von vielen Männern nur unter schweren 
inneren Widerständen vollzogen. Es ist sehr interessant zu sehen, wie 
die alten religiösen Forderungen immer wieder unter neuer Flagge er- 
erscheinen, als ethische, hygienische und soziale Forderungen. Hinter diesen 






Impotenz und Ehe. 203 

sozialen Bewegungen steckt die unverbrauchte maskierte religiöse Kraft, 
die wieder als eine bestimmte Richtung der menschlichen Entwicklung 
anzusehen ist. Diese Entwicklung der Menschen scheint von der 
Polygamie zur Monogamie, von der Bisexualität zur Mono- 
sexualität, von der polymorphen Perversität zum sogenannten 
Normalen zu gehen. Anders wäre der ungeheure seelische 
Kampf um die Paraphilien nicht zu verstehen. 

Unter den impotenten ledigen Männern wird man einen ganz be- 
stimmten Typus finden: scheinbar von allen Hemmungen freie Jung- 
gesellen, welche vergeblich bei Dirnen Befriedigung gesucht haben, immer 
impotent oder halb potent geblieben sind, welche auch mit Mädchen ein 
Verhältnis angeknüpft haben und vollkommen versagt haben. Solche 
Männer sind voller Phantasien und lechzen förmlich nach erotischen Er- 
lebnissen kühnster Art, können aber nie in der Realität einen Erfolg er- 
zielen. Ihre Träume handeln oft von Prüfungen in der Religion und der 
erfahrene Traumdeuter erkennt, daß es sich um religiöse Menschen mit 
geheimer innerer Religion handelt, welche vergeblich gegen diese inneren 
Hemmungen ankämpfen. Oft sind es Menschen, die vorher potent waren 
und bei denen diese religiöse Wandlung unter dem Einflüsse einer wunder- 
baren Rettung aus schwerer Gefahr erscheint. (Impotenz nach Operationen, 
nach Abstürzen im Gebirge, nach Schlachten usw. . . .) In allen diesen 
Fällen kann man nie mit der Empfehlung eines außerordentlichen Koitus 
einen Erfolg erzielen. 

Es zeigt von großer Unkenntnis der wahren Tatsachen, von einem 
vollständigen Verkennen der Psychogenese der Impotenz, wenn Ärzte und 
besonders Psychanalytiker, von denen man eine größere Erfahrung vor- 
aussetzen sollte, ihre Patienten zu Prostituierten jagen. . Ja, ein mir 
bekannter Kollege begleitete seine Kranken in das Lupanar und tat sich 
viel auf diese durch homosexuelle Zündung zustandegekommenen Erfolge 
zugute. Diese Erfolge sind ein trügerisches Strohfeuer, das sehr bald er- 
lischt. Nach einigen geglückten Versuchen kommt dann unfehlbar der 
Rückschlag. Immer wieder versuchen diese armen Opfer ärztlicher Ignoranz 
den Koitus und jeder neue Mißerfolg stürzt sie tiefer in die Krankheit. 
Nun kommen sie und sagen: „Ich würde gerne heiraten; ich kann es 
aber nicht, weil ich nicht weiß, ob ich potent bin. Die Probe bei einer 
Prostituierten mißlingt immer." Ohne Probe wollen sie aber nicht in den 
Ehestand treten. 

Es ist dies jene Erscheinung, welche ich als „Vexierschloß der 
Parapathie" erwähnt habe. Jeder Parapathiker trachtet seine Krankheit zu 
einer unheilbaren zu gestalten und die Heilungsmöglichkeiten auszu- 
schließen. Die Kunst des Psychotherapeuten besteht eben darin, zu jedem 
Vexierschloß den richtigen Schlüssel zu finden. Für diese Formen der Im- 



204 Die Impotenz des Mannes. 

potenz ist der Schlüssel die Ehe mit einer geliebten oder womöglich sym- 
pathischen Person. Denn eine Ehe mit einem Wesen, das geheiratet wir& 
weil es reich ist oder andere Vorteile bieten kann, und gegen das even- 
tuell innere Widerstände bestehen, kann auch nicht zum Ziele führen. 
Das haben wir ja schon aus früheren Beispielen gelernt. 

Man muß diesen Kranken die Überzeugung beibringen, daß sie in 
der Ehe potent sein werden. Dann geht es gewöhnlich ausgezeichnet. Ich 
habe eine ganze Menge von solchen Fällen beobachtet, von denen ich 
nur einige hier anführen will. Ich möchte nur noch einmal sehr energisch 
Stellung nehmen gegen die Kollegen, welche solche Kranke mit Johimbin. 
Faradisation und Psychrophor behandeln und dann zu Dirnen schicken, 
eventuell nachdem sie den Ödipuskomplex (die Liebe zur Mutter) heraus- 
gefunden haben, und sich dann wundern, dalä der Fall nicht gut wird 
eventuell auf eine vererbte konstitutionelle Schwäche des Sexualanparates 
schließen. 1 ) 

• Fal \.? r : 80 \ Her ™ D , r " U - V -> eiB 32jähriger Arzt, diente lange Zeit an 
einer gynäkologischen Klinik. Er wurde schließlich Assistent und hatte den 
ganzen Tag mit Frauen zu tun. Ich betone das, weil Herr Dr. U. V psychisch 
impotent war. Ihm versagte meist die Erektion und wenn sie ihm schon ein- 
mal zur Verfügung stand, war er nicht imstande, den lntroitus vaginae zu 
rinden. Er mußte die Immissio immer von der Meretrix ausführen lassen Er 
wurde so aufgeregt, daß er alle seine gynäkologischen Kenntnisse ver-aß 
Dieser Rückfall in ein infantiles Stadium im Zustande der Affektivität ist 
außerordentlich häufig. Ich weiß aber kein schöneres Beispiel als das eben er- 
wähnte. Seine Lebensgeschichte ist besonders interessant, weil sie uns einen 
frühreifen Jüngling vorführt, der schon im achten Lebensjahre onaniert, der 
mit 14 Jahren bereits erotische Erlebnisse mit Dienstmädchen hat, sich dabei 
potent erweist, bei dem aber die Potenzstörung verhältnismäßig spät und mit 
progressiver Tendenz zur Verschlimmerung einsetzt. Er hatte ein Verhältnis 
mit einem Dienstmädchen, als er 14 Jahre alt war. Es war eine ältere Köchin 
mit einer sehr großen weiten Vagina. Damals hatte er die Sensation, daß er 

') Dr. M.Steiner (I.e.) meint: „Bleibt der Erfolg auch nach psychischer Be- 
handlung aus oder tritt er nur unvollkommen ein, so werden wir nicht fehl gehen, den 
Kranken in die erste Kategorie einzureihen, bei der es sich vorwiegeud um angeborene 
konstitutionelle Momente handelt . . .« Die Möglichkeit, daß die psychische Behandlung 
nicht die richtige war, zieht der Autor nicht in Betracht. Ich habe aber schon eine 
erklekliche Anzahl von Männern behandelt, die nach der ersten schablonenmäßigen 
psychischen Behandlung krank blieben und dann erst nach Aufdeckung der kompli- 
zierten seelischen Mechanismen vollkommen potent wurden. Ich möchte eher behaupten: 
Bleibt der Erfolg nach einer psychischen Behandlung aus, so schlage sich der Psycho- 
therapeut an die Brust, und sage: „Mea culpa! Mea maxima culpa!" Es gibt schwere 
Falle, bei denen die meisten Psychotherapeuten versagen, weil die Impotenz als Siche- 
rung dem Patienten wichtiger ist als der Erfolg des Arztes, weil die Libido sich an 
die Entsagung fixiert hat. Mir sagte einmal ein Patient direkt: „Ich will nicht gesund 
werden. Ich schöpfe mehr Lust aus der Askese, als mir alle Frauen bieten können . . .-« 






Impotenz und Ehe. 205 

mit einem kleinen Penis in einer Rieseuvagina manipuliere, eine Sensation, 
die ihm geblieben ist und sieb noch verstärkt hat. Jetzt empfindet er, wenn 
er schon eine Erektion produzieren und einen Koitus ausführen kann, daß er 
wie mit einer ^Guromifatsche" in einem unendlichen Räume herumarbeite. Diese 
Sensation ist unabhängig von der Beschaffenheit des weiblichen Wesens. Denn 
er hatte schon Mädchen besessen, bei denen das kleinste Spekulum angewendet 
wurde und die ihm trotzdem ebenso weit vorkamen, wie die anderen. Seit einem 
halben Jahre jedoch ist er vollkommen impotent und hat alle Versuche bei 
Dirnen aufgegeben. Nur einmal machte er einen Versuch, der zu drollig ist, — 
als daß ich ihn nicht hier wieder einmal erzählen sollte. Er gründete einen 
Verein zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und hielt eine fulminante 
Rede gegen die Prostitution. Nach dieser Rede wurde er von der begeisterten 
Jugend im Saale herumgetragen und es wurden ihm große Ovationen dar- 
gebracht. Seine Stimmung war so gehoben, daß er sich dachte: Heute wird 
es vielleicht gehen! ... und er fuhr schnell — einen Besuch vorschützend — 
mit dem Auto in ein Lupanar, wo er ein vollständiges Fiasko erlebte. Ein 
interessanter Beitrag zur Genese der sozialen Bewegungen! 

Ich will hier nicht noch einmal alle Details wiederholen, die uns schon 
aus früheren Krankengeschichten bekannt sind. Ich will nur auf das schwere 
Trauma zurückkommen, bei dem seine Impotenz entstand. Er war 15 Jahre 
alt, da wohnte im gleichen Hause ein etwas älteres Mädchen, das blöd war. 
Dieses lockte er eines Abends in sein Zimmer und koitierte es. Seit jener Zeit 
machte er sich die heftigsten Vorwürfe, die ihm aber nur in nebenbewußten 
Gedanken kamen. Er wollte diese Vorwürfe nicht anerkennen und bemühte 
sich, diesen Vorfall zu verdrängen. ... 

Als weitere Determinante seiner Impotenz kam die Liebe zu seiner 
Schwägerin ans Tageslicht. Schon in der ersten Stunde glaubte ich Anhalts- 
ankte°zu haben, daß er die Schwägerin liebe. Darauf lachte er und sagte: 
Wissen Sie, wie sie aussieht? Eine dicke, plattfüßige, immer nach Schweiß 
riechende, rothaarige, stinkende Jüdin ! Mir kommt das Brechen an, wenn 
ich an sie denke " Und dann lachte er unbändig und machte sich über 

meine Vermutung lustig. 

Ich habe hier ja schon einige Fälle von solchen Liebesaffären, die dem 
Bewußtsein verschleiert sind, geschildert. Eine bestimmte Form der Maskierung 
ist auch die Entwertung des Liebesobjektes durch Spot und Hohn. Man findet 
die geliebte Person lächerlich, man entdeckt Fehler. Ja man spneht davon, 
daß man nicht begreifen könne, wie man einer solchen Frau einen Kuß geben 
könne und alles ist Verstellung und dient dazu, die Liebe zu verbergen. 

In diesem Falle kam die Liebe als Maske der Homosexualität in Be- 
tracht Der Mann liebte seinen Bruder, mit dem er schlecht lebte und 
sich nicht vertragen konnte. Die Analyse förderte jedoch eine stürmische 
Neigung zu der bewußten Schwägerin zutage. Er hatte eine Zeitlang dort zu 
Mittag gespeist und alles mögliehe getan, um recht viel mit ihr zusammen zu 
sein °ja°sogar einige Monate bei seinem Bruder gelebt und gewohnt, er hatte 
allerlei verräterische Träume zu berichten, die er noch vor der Analyse ge- 
träumt hat (Koitus mit der Schwägerin!) und kommt schließlich zur Einsicht, 
daß er die Schwägerin liebt, wie seine ganze Familie. Er ist kolossal an die 
Familie fixiert. Er liebt seinen Vater, seine Mutter, seine Schwester, aber nicht 
wie ein Sohn und Bruder, sondern mit ausgesprochener Inzestneigung. Die 
Inzestphantasien waren ihm schon alle vor der Analyse vollkommen bewußt. Er 
hatte wiederholt mit offenen Inzestphantasien (Schwester und Mutter) onaniert 



-06 Die Impotenz des Mannes. 

Und schließlich erfahre ich, daß er ein Wesen geliebt hatte, in deren 
Anwesenheit er stets starke Erektionen hatte: seine Kusine. Diese Kusine war 
seiner Schwester zum Verwechseln ähnlich, war aber aus einer armen Seiten- 
linie. Seine Mutter hatte ihm zu verstehen gegeben, daß er reich heiraten 
müsse, und sie war ganz arm. Nach kurzer Zeit entdeckte er einen unan- 
genehmen" Geruch an der Kusine, das unfehlbare Mittel, mit dem er alle 
Frauen entwertete, die ihm gefährlich wurden. Die Erektionen hörten auf und 
er wurde vollkommen impotent. Die Kusine war nicht spröde und ein leiden- 
schaftliches Mädchen. Er war mit ihr öfters allein und zu seinem Erstaunen 
wehrte sie sich nicht, als er kühner wurde. Er hätte alles mit ihr machen 
können, . . . aber er war impotent. Die Hemmungen waren stärker als sein 
Verlangen. 

Nach der Analyse, während der er alle Versuche mit Dirnen aufgeben 
mußte, heiratete er die Kusine, lebte mit ihr sehr glücklich und wurde Vater von 
drei gesunden Kindern. Auf der Hochzeitsreise war er in Wien und kam am 
nächsten Morgen nach der Brautnacht zu mir. Er war in der ersten Nacht impotent 
und kam, um mir Vorwürfe zu machen, daß ich ihm zur Ehe geraten hatte mit der 
Begründung, da sein moralisches Gewissen einen außerehelichen Koitus immer 
wieder hemmen werde. Ich wußte schon, daß dies eine kleine Rache des Kol- 
legen war und ein leteter Versuch, sich aus den Fesseln der Ehe zn befreien 
Ich lachte ,hn ans und versprach ihm vollen Erfolg, der schon in der nächsten 
Nacht eintrat. Er hatte sich auch eine homosexuelle Zündung bei seinem Arzte 
gesucht und wollte sich die Gelegenheit eines Triumphes über seinen Meister 
nicht entgehen lassen. Seit dieser Brautnacht keine Störung der Potenz mehr 
sondern eine immer zur Verfügung stehende lang andauernde kräftige Erektion.' 

Fall Nr. 81. Dieser Fall ist wegen verschiedener Nebenumstände sehr 
interessant. Es handelt sich um einen kräftigen Mann von 30 Jahren der 
über eine besondere Potenzstörung klagt. Er hat nie das Gefühl, eine 'tadel- 
lose Erektion zu haben. Er behauptet, daß sein Glied immer nur halbsteif wird 
Manchmal hat er eine kräftige Erektion, er fühlt aber, daß sie während des 
Koitus nachläßt und der Penis seine Rigidität verliert. Er hat eine Geliebte 
an die er schon gewöhnt ist, so daß es halbwegs geht. Versucht er bei einer 
anderen einen Kongresse, so versagt er vollkommen. Die Analyse ergibt die 
uns bekannten Fixierungen und Ablenkungen, die ich nicht endlos wieder- 
holen will. Ich merkte bald eine ausgesprochen religiöse Tendenz, die auf 
eine Identifizierung mit seinem frommen Vater zurückgeht. Meine Überzeugung 
war bald befestigt, daß der Mann nur in einer Ehe potent sein werde. Er 
verläßt nach einem Monat Wien und begibt sich in B. in Behandlung des 
Analytikers Dr. F. Nach einer längeren Analyse mit größeren Pausen lernt er 
ein Mädchen kennen, in das er sich verliebt und das er heiraten will. Er ver- 
langt von Dr. F. ein Konsilium mit mir und Prof. Freud. In diesem Konsilium 
kommt es zu keiner Einigung, da Freud und Dr. F. dem Patienten den Rat 
der Ehe nicht geben wollen. Ich trete für die Ehe ein und melde ein Minoritäts- 
votum an. So wird es dem Herrn X. mitgeteilt. Freud und Dr. F. sprachen 
die Hoffnung aus, daß die Ehe ihm vorteilhaft sein könne, wollten aber 
keinen direkten Rat geben. Er müsse diesen Schritt auf eigene Verantwortung 
tun. Gewiß vorsichtig — aber psychologisch nicht richtig. Denn der Mann 
suchte ja einen Imperativ und wollte eine Beruhigung haben, daß er potent 
sein werde. Ich dagegen sprach meine Überzeugung aus, daß er potent sein 
werde, wenn er die Frau wirklich liebe. Er kam dann noch zu mir, weil ich 



Impotenz und Ehe. 207 

ihn am besten verstünde, und ich konnte meinen Rat nur wiederholen, weil 
ich die Überzeugung hatte, seine relative Impotenz werde sich nur in einer 
Ehe beheben lassen. 

Er heiratete bald darauf und dankbare Nachrichten von der Hoch- 
zeitsreise, die Anzeige der Geburt eines Kindes bestätigten meine Annahme. 

Fall Nr. 82. Herr G. F. leidet gleichfalls an einer relativen psychischen 
Impotenz. Bei bestimmten Frauen, die ihn kennen, ist er ganz potent. So 
hat er eine Dirne, zu der er immer hingeht, die seine Eigenheiten schon 
kennt. Bei der ginge es ganz gut. Aber in anderen Fällen versage er voll- 
kommen. 

Er ist ein übermoralischer Mensch und hat gerade einen schweren Kon- 
flikt. In dem Hause, wo er wohnt, dient ein Mädchen, das ihn durch seine 
große Schönheit fesselt. Er machte ihr den Hof und sie kam schließlich ein- 
mal in sein Zimmer. Er versuchte einen Koitus, war aber vollkommen im- 
potent. Am nächsten Abend blieb die Kleine in der Nacht aus und kam 
erst am Morgen nach Hause. Sie war mit einem anderen Manne in einem Hotel 
gewesen. Er fragte sie, weshalb sie das getan hätte und er erhielt die halb 
scherzhafte Autwort: „Sie sind daran schuld!" 

Nun lebte er in dem Wahne, er habe das Mädchen auf Abwege gebracht. 
Er kämpfte mit der Versuchung, es zu heiraten. Er ließ ihr bei einem Ad- 
vokaten eine größere Summe Geldes verschreiben, die ihr im Falle einer Ehe 
auszuzahlen wäre. Er schlief viele Nächte nicht und wollte sich schließlich 
das Leben nehmen . . . 

In der Analyse trat ein ähnliches Erlebnis aus seiner Jugend zutage. 
Er hatte mit 17 Jahren einem Mädchen beigeschlafen und war dann viele 
Jahre von Gewissensbissen gepeinigt, er habe das Mädchen verdorben. 

Eine wichtige Rolle in seinem Leben spielt ein Imperativ seiner Mutter, 
den sie sterbend dem zehnjährigen Knaben auf dem Totenbette gab. Es waren 
ihre letzten Worte. „Hüte dich vor den Frauen!" Dann hauchte sie ihre 

Seele aus. 

Man versteht, daß dieser Imperativ die Ursache einer Potenzstörung 
sein mußte. Die Identifizierung aller geliebten Objekte mit seiner Schwester 
führten dann wegen der Inzestphantasien zu Vorwürfen, welche sich auf den 
Akt bezogen, also verschoben waren. Charakteristisch ist, daß er immer erst 
Ruhe fand, wenn er zur Schwester fuhr und ihr alles beichtete. Sie redete ihm 
dann die Sache aus. Diese Reue nach dem Koitus führte schließlich zu einer 
Angst vor dem Koitus wegen der darauffolgenden Reue. Die Reue erwies sich 
als eine Sicherung im Sinne des mütterlichen Imperatives. Ein Verhältnis mit 
einer geschiedenen Frau geht auch wegen der wechselnden Potenz in 
Brüche . 

Er verliebt sich dann in ein Mädchen, das seiuer Schwester sehr ähnlich 
ist und den gleichen Vornamen hat. Er heiratet und von einer Potenzstörung 
ist keine Rede. Alle seine Zwangsvorwürfe verschwinden, er fühlt sich voll- 
kommen gesund. Die Potenz ist tadellos. 

Solche Beispiele könnte ich noch viele anführen. Die wenigen mögen 
genügen. Es erweist sich die Wahrheit eines alten lateinischen Sprich- 
wortes: Amor omnia vincit! Und auch das schöne Wort des amerika- 
nischen Philosophen und Lebenskünstlers Frentice Mulford kommt einem 



-08 Die Impotenz des Mannes. 

in Erinnerung: „Die Liebe ist allerwirklichstes Leben. Wo keine 
Liebe, da ist der Tod! 8 

So möchte ich diese Reihe mit einem Falle abschließen, der vielen 
Impotenten eine frohe Hoffnung bedeuten mag. 

Fall Nr. 83. Herr D. B. war schon 37 Jahre alt und hatte noch kein 
Weib berührt. Nicht daß es an Versuchen gefehlt hätte oder an dem guten 
Willen. Aber er hatte bis zum 37. Jahre keinen Koitus zustande gebracht. 
An und für sich war die Potenz bis zum 34. Jahre eine sehr gute. Er wurde 
zu Hause von Erektionen gepeinigt. War er aber im Lupanar oder lag er bei 
irgend einem Mädchen, so fiel der erigierte Penis sofort in sich zusammen 
und er konnte nichts anderes machen, als beschämt seine Ohnmacht einge- 
stehen. Alle internen Mittel waren vergebens und hatten keinen Erfolg Er 
war schon viele Male in Sanatorien, wurde mit allen möglichen und unmög- 
lichen Instrumenten behandelt, mit Sonden und mit Lapis, und der Erfob- 
blieb immer wieder aus. 

Jetzt hatte er eine Frau kennen gelernt, die von ihrem Manne geschieden 
war en brannte in Liebe zu ihr und hätte sie gerne geheiratet, wenn sein 
Leiden ihn nicht abgehalten hätte. In dieser Verfassung kam er zu mir Ich 
übergehe die obligate Lebensgeschichte, die allen anderen gleicht. Ein Moment 
ist hervorzuheben. Er hat nie onaniert! Wenigstens nicht bewußt. Aber die 
Analyse weist ihm nach, daß er verschiedene Manipulationen am After machte' 
welche sogar zum Orgasmus und zur Ejakulation führten. Er litt an Soer- 
matorrhoe mit leisem Lustgefühl beim Stuhlabsetzen. Überdies an Pollutionen 
welche ich ja als unbewußte Onanie ansehe. 

Als Hemmung gegen den Koitus fand ich zwei Momente: Eine Warnung 
seines Vaters. Er war 16 Jahre alt, als ihn sein Vater ins Zimmer nahm, ihm 
fürchterliche Bilder von Syphilitischen zeigte und schließlich sagte: „Ein Schwein 
geht zu Prostituierten. Ein richtiger Mensch verkehrt nur mit Frauen, die er 
hebt . . . Diese Worte klangen ihm in den Ohren nach, wenn er bei einer 
Dirne war. Diese gräßlichen Bilder stiegen vor seinem inneren Auge auf und 
drohten mit Fäulnis und Verwesung bei lebendem Leibe. 

Eine andere Hemmung entsprang seiner Kriminalität. Er hatte schon 
als Kind Freude gehabt, zuzusehen, wie Hühner geschlachtet wurden und 
wünschte sich auch, Hühnern den Hals umzudrehen. Wiederholt war ihm schon 
früher der Gedanke des Erwürgens als lustbetonte Handlung gekommen. Ein 
Mensch mit einer solchen Kriminalität konnte sich seiner Sexualität nicht aus- 
liefern. Er mußte sich zurückhalten, um kein Verbrechen zu begehen. 

Nun möchte ich betonen, daß alle diese Parapathiker niemals das Ver- 
brechen begehen, wenn sie einmal schon so weit sind, sich davor zu fürchten. 
Es ist eigentlich nur bei den Paralogen der Fall (Alkoholpar'alogien, Paranoia, 
Dementia praecox und manchen Fällen von Epilepsie), daß das Verbrechen aus- 
geführt wird. Der Parapathiker ist eben der Verbrecher ohne den Mut zum 
Verbrechen. Es sind Schattenbilder, die ihn schrecken. So war auch mein 
Kranker leicht zu überzeugen, daß er kein Verbrechen begehen werde und 
noch dazu an der Frau, die er so heiß liebte. Ebenso konnte ich ihm die 
Überzeugung beibringen, daß er in der Ehe vollkommen potent sein werde. 
Er heiratete und ich habe jedes Jahr Gelegenheit, ihn einige Male zu 
sehen. Er und seine Frau sind mir unendlich dankbar. Seine Potenz ist tadel- 
los (Beobachtungsdauer 10 Jahre!), die verschiedenen kriminellen Impulse sind 



Impotenz und Ehe. 209 

gebändigt. Er sprach mit seiner Frau offen darüber, -welche ihm sagte: „Ich 
fürchte dich nicht! Du liebst mich zu sehr, als daß du mir etwas antun 
könntest. Und tust du es aus Liebe, so will ich es ertragen, wie alles, was 
aus deinen Händen kommt." 

Es kam aber nur Liebe und Segen über diese Frau, welche ihren 
Mann so gut zu behandeln verstand, daß sie ihm Mutter, Schwester und 
Gattin in einer Person wurde. Als er aber Vater wurde, er, der sich 
sein Lebtag für impotent gehalten, kannte sein Jubel keine Grenzen. Er 
begann seine Kinder maßlos zu verzärteln. Ich machte ihn nun auf die 
gefährlichen Folgen einer solchen Affenliebe aufmerksam und er hielt die 
übertriebene Liebe zurück. Denn ein großer Teil der Parapathiker stammt 
von Vätern, die impotent waren und dann ihrem Sprößling vor lauter 
Jubel eine goldene Jugend bereiten wollen. Das ist aber die große Gefahr. 
Dann blicken diese Menschen immer nach rückwärts, immer in die Zeit 
der ewigen Lust und der so überreich gespendeten Zärtlichkeit. Sie werden 
die infantile Sexualität nie los. Unter den Impotenten gibt es eine Menge, 
solcher ewiger Kinder. Wir werden sie im Buche „Sexueller Infantilismus" 
noch zusammenhängend besprechen. Hier möchte ich nur kurz darauf hin- 
weisen. Manche Impotenz ist ein Festhalten des infantilen Standpunktes. 
Der Impotente fühlt sich Kind. Er will kein Mann sein. Und alle Psycho- 
therapie der Impotenz läuft ja auf die Umwandlung des „Ich kann 
nicht" in ein „Ich darf nicht" und ein noch viel wichtigeres „Ich 
will nicht" zurück. Man lasse, sich nicht davon täuschen, daß diese 
Menschen zum Arzte laufen und um Genesung flehen, erklären, sie würden 
die glücklichsten Menschen sein, wenn sie ihre Impotenz verlören. Irgendwo 
im Innern sitzt der andere und sieht diesem heuchlerischen Spiel zu und 
lächelt. Ich weiß es, daß allen diesen Kranken der Wille zur Gesundheit 
fehlt. Denn der Mensch kann alles, was er wirklich will. Wenn 
er sich aber an kindliche Lust klammert, wenn er sich an Objekte 
fixiert, die für ihn unerreichbar sind, so wird er eben impotent. „Es 
steht ihm nicht dafür", wie der verräterische Ausdruck der deutschen 
Sprache lautet. Man muß ihm in der Analyse nachweisen, daß er ein 
Spiel mit sich und vor sich selbst treibt, daß die unerreichbaren Ziele 
ihm die erreichbaren entwertet haben. Deshalb lieben diese Impotenten so 
selten und verlieben sich kaum mit voller Glut, ohne Zweifel und 
im sicheren Gefühle, ihre weibliche Ergänzung gefunden zu haben. Hat 
sie aber die Liebe beglückt, so hat man den besten und sichersten Arzt 
gefunden und es genügt eine kleine Leitung, um den Kranken zu einem 
Gesunden zu machen. Ebenso schwer rächt es sich aber bei diesen Menschen, 
wenn sie ohne Liebe heiraten. Dann wird das Übel verstärkt, die infan- 
tilen Götter kommen wieder zu Ehren und das Leiden triumphiert über 
alle Bemühungen der Gattin und der Ärzte. Deshalb ist in Rußland und 
Galizien bei den Juden die Impotenz geradezu eine soziale Krankheit. 

Stekol, Störungen des Trieb- und Affektlebena. IV. 2. Aufl. j^ 



210 



Die Impotenz des Mannes. 



Die Ehen werden früh durch Vermittler geschlossen und der Geschlechts- 
instinkt spricht nicht sein entscheidendes Wort. Die Verwandten wählen 
und entscheiden und meist kommt die Liebe später. Wo sie aber nicht 
kommt, entstehen die schwersten Parapathien bei Mann und Weib. Ich habe 
wenigstens immer auffallend viele Impotente aus dem Osten beobachten 
können und andere Ärzte haben mir diese Beobachtung bestätigt. 



X. 
Impotenz und Religion. 

spottet nicht der traurigen Asketen, — üaß sie den 
Leib mit scharfen Leiden plagen, — Die süßen Erdenfreuden sich 

versagen, — Die ilüchtigen, nur allzu schnell verwehten ! 

Nebst solchen, die das Futter gierig mähten, — Seit des ver- 
lornen Paradieses Tagen, — Hat eine Schar von Herzen stets 
geschlagen, — Die, abgewandt, die Weide hier verschmähten. 

Ein schüchternes Gefühl: „Wir sind gefallen!" — Hält 

sie vom lauten Freudenraarkt zurück, — Heißt sie den Pfad 
einsamer Dornen wallen, — Es wächst ihr Ernst, wenn sie 
vorüberstreifen — An einem unverdienten Erdenglück: — Die 
Scham verbietet, keck danach zu greifen. Lenau. 

Ich habe wiederholt betont, daß alle Parapathiker fromm sind und 
sich dieser Frömmigkeit schämen. Sie stellen sich auch zu Gott „bipolar" 
ein. Der Trotz gegen jede Autorität läßt sie eine Kampfstellung gegen die 
Trias „Vater — Lehrer — Gott" einnehmen, aber sie fröhnen alle einem 
heimlichen Gottesdienste, der außerordentlich fein versteckt ist und mit 
allerlei Bußprozeduren durchsetzt erscheint. Dieses religiöse Kompromiß 
gleicht allen anderen Kompromissen der Parapathiker, die sich bemühen, 
mehrere differente Gefühlsströmungen zu einer einzigen zu vereinigen und 
alle widerstrebenden Tendenzen gerecht zu werden. Besonders in der 
Zwangsparapathie kann man diese religiösen Kompromißbildungen in geradezu 
klassischen Formen beobachten: Unterwerfung und Trotz gegen Gott zu 
einem Symptom zusammengeschweißt. 

Es ist auffallend, wie viele Freigeister und Atheisten sich unter den 
Impotenten und anderen Parapathikern finden. Aber dieser Atheismus ist 
kein echter und hält keiner eingehenden Prüfung stand. Man merkt bei 
allen Parapathikern eine affektative Einstellung zum religiösen Problem. 
Viele sind in Freidenker vereinen, sind Monisten, haben Broschüren ge- 
schrieben, welche das Dasein Gottes bestreiten. Viele ergehen sich in 
Schmähungen gegen Gott und die Religion; machen sich über die Priester 
lustig oder sind fanatische Pfaffenfeinde. Schon diese affektative Einstel- 
lung macht uns diesen Atheismus verdächtig. Denn ein wirklicher Atheist 
wird sich nie über Gott lustig machen oder Schmähungen ausstoßen. Denn 
etwas nicht Existierendes kann man doch nicht bekämpfen. Man denke 



Inipotenz und Religion. 211 

an das treffende Wort Gottfried Kellers: „Ein leidenschaftlicher Lieb- 
haber Gottes und ein leidenschaftlicher Leugner ziehen im Grunde an 
demselben Wagen, von dem der eine ebensowenig loskommen könne als 

der andere." l ) 

Wir werden in der Lebensgeschichte der Parapathiker immer eine 
mehr oder minder starke fromme Periode konstatieren können. Erst die 
genaue Kenntnis dieser frommen Periode vermittelt uns das Verständnis 
seiner ganzen Persönlichkeit und seiner Parapathie. Nun pflegen die Kran- 
ken diese Dinge nur sehr widerwillig und gezwungen mitzuteilen. Während 
sie beispielsweise von den sexuellen Erlebnissen, von ihren Verfehlungen 
und Erlebnissen sehr gerne Mitteilung machen, verbergen sie die religiösen 
Erlebnisse in geschickter Weise, gleichsam als könnte mit dem Besprechen 
dieser Gefühle und Erlebnisse ein Stück von ihrem Wert verloren gehen. 
Sie schämen sich alle ihrer heimlichen Religiosität, denn die Analyse zeigt, 
daß alle diese infantilen Einstellungen noch nicht überwunden sind und 
die parapathischen Symptome mächtig konstellieren. Aus dieser frommen 
Periode sind gewisse Bruchstücke noch immer erhalten und zeugen von 
der entschwundenen Pracht". Der eine erzählt, daß er das von der Groß- 
mutter geschenkte Kruzifix immer über seinem Bette hängen läßt und 
es auch auf Reisen mitnimmt ; der andere hat sein Kindergebetbuch wohl- 
erhalten aufbewahrt und er könnte sich unter gar keinen Umständen 
davon trennen; der dritte hält irgend ein Heiligenbildchen, das ihm ein- 
mal geschenkt wurde, immer in seinem Notizbuche usw. Die Parapathiker 
haben alle einen geheimen religiösen „Reliquienknlt" ; es handelt sich nur 
darum, zu erfahren, welche Gegenstände für sie den Wert religiöser Reli- 
quien haben. Zugleich verrät sich hier der Glaube an die große histo- 
rische Mission, der sich bei den Männern als Christus-, Satan- oder Judas- 
parapathie, bei den Frauen in der Identifizierung mit Maria äußert. 

Diese Reliquienbildung kann auch geistiger Natur sein und aus einem 
alten Kindergebete einen Satz oder nur ein Wort bewahren, um so das 
ganze Gebet zu ersetzen. Pars pro toto! Dafür kann ich gleich einige 
Beispiele erbringen, welche uns diese Masken der Religiosität drastisch 

vor Augen führen. 

Eine Zwangsparapathikerin sagt vor dem Einschlafen „Gibmi!" oder 
auch nur „Gmi" ... Ein anderes Mal sagt sie „Leise" und dann kann 
sie erst einschlafen. Was bedeuten diese an und für sich sinnlosen Worte? 
Das erste ist ein Rudiment aus einem Kindergebet, das schon mit 6 Jahren 

J ) Vielleicht ließe sich dieser Satz an keinem anderen Beispiel schöner beweisen 
als an den Pastorensohne Nietzsche, der zeitlebens ein heimlicher Frömmler gebliehen 
ist und dessen „Also sprach Zarathustra" in Erfüllung einer großen historischen Mission 
die Bibel entwerten und durch eine neue Bibel ersetzen soll. Auch bei Nietzsche fällt 
seine afl'cktative Einstellung zum Problem des Glaubens sofort, auf. Jemand, der einen 
Antichrist schreibt, ist im Grunde genommen ein gläubiger Christ. 

14* 



212 Die Impotenz des Mannes. 

vor dem Einschlafen gesagt wurde und lautete: „Lieber Gott verzeih mir 
Ich bin nicht schuld, die Mama ist nicht schuld, niemand ist schuld 
Lieber Gott vergib mir!« Aus diesem Gerede rettete sich das „Vergib mir" 
welches in der Festhaltung einer charakteristischen Kindersprache als das 
rätselhafte „Gibmi" erscheint. „Leise, leise, fromme Weise, schwing dich 
aul zum Sternenkreise. Lied erschalle, feiernd walle mein Gebet zur 
Himmelshalle . . .« Dieses Lied repräsentierte für sie ebenfalls ein Gebet 
Für die Worte kann auch die gesungene oder gepfiffene Melodie von 
„Leise, leise' eintreten, welche dann natürlich wieder eine Maske eines 
Gebetes oder sagen wir treffender ein religiöses Gefühl repräsentiert. 

Besonders häufig sind Rudimente aus dem „Vater unser", welche 
das ganze Gebet vertreten. Wir werden auch das erwähnte „Gibmi" als 
ein Rudiment erkennen, „Herr vergib uns unsere Schuld, wie auch wir 
vergeben unseren Schuldigern«. Ein leise hingehauchtes ,.Amen« vor dem 
Schlafengehen sol als Ersatz des ganzen Gebetes gelten. Diese Worte 
werden in einer Art Halbschlummer ausgesprochen, wie wenn der Intellekt 
sich schämen würde zu beten und erst die beginnende Narkose des 
Schlafes eine Überrumpelung des Intellektes herbeiführen würde. „Erlöse 
uns sagt em anderer Parapathiker im hypnagogen Zustand. Auch Reste 
aus alten Kindergebeten, mitunter das ganze Kindergebet wirken als gute 
Schlafmittel vermöge der Beruhigung der ängstlichen, um ihr Heil be- 
sorgten Seele Einige Male hörte ich das Geständnis von hocMntelliijenten 
Mannern, daß s,e das kindliche Gebet „Müde bin ich, geh zur Ruh, 
schließe meine Äuglein zu, Vater lass< die Augen dein über meinem Bette 
sein. - Alle, die mir sind verwandt, nimm o Herr in deine Hand; alle 

nllSf *? ; "S Dir befohlen sein! " "*»*». a-mtfi ein 
Umveisiatsprofessor der Philosophie, der ein großes atheistisches Werk 

publiziert hat und wegen Impotenz in meiner Behandlung stand. Er 
meinte rationalisierend, das Gebet erzeuge die Kinderstimmung und in 
dieser Kmderstimmung höre er zu denken auf und dann könne er wun- 
derbar einschlafen. In Wahrheit haben wir es mit einer Kompromißbildung 
zu tun. Er wird infantil, die infantile Frömmigkeit erwacht und verschafft 
ihm durch die Aussöhnung mit Gott das gute Gewissen, mit dem er ein- 
schlafen kann. 

Viele Parapathiker haben selbstverfaßte Gebete, welche sich meistens 
auf das Wohlergehen der Umgebung erstrecken und Reaktionsbildungen 
des erregten Gewissens gegen die noch immer präsenten Todeswiinsche 
sind. So betete ein kleines Mädchen : „Lieber Gott, erhalte mir meine 
Eltern, meine Geschwister, meine Freundinnen", und dann kam eine lange 
Reihe von Menschen, die gleichfaUs erhalten werden sollten. Gegen eine 
Menge dieser Menschen richteten sich feindliche Beseitigungsideen, welche 
über den Umweg des Gewissens zu Gebeten wurden. Von diesem Gebete 



Impotenz und Religion. 213 

hat die Dame eine einzige Reliquie erhalten, ein stammelndes, leise hin- 
gehauchtes „Erhaltmi" oder nur ein „Haltmi". Aber sie wagt es nicht 
dieses Gebet aufzugeben, aus Angst, es könnte den Lieben dann etwas 
geschehen. Hier sehen wir den bekannten Glauben an die Allmacht der 
Gedanken in negativer Form auftreten. Als Abendgebete sind auch ver- 
schiedene Zwangszeremonielle zu deuten, wie ich überhaupt seit jeher die 
religiöse Bedeutung der Zwangshandlungen betont habe. Verschiedene 
Waschungen vor dem Schlafengehen, rätselhafte Verbeugungen, ein flaches 
Reiben der Hände, ein Niederwerfen auf den Boden, ein zehnfaches Bücken, 
ließen sich als Rudimente eines infantilen religiösen Kultes nachweisen 
und auflösen. Viele Parapathiker kann man dabei überraschen, daß sie die 
Hände in Gebetstellung gefaltet haben, daß sie unmotiviert niederknien 
oder sich flach zu Boden werfen. Ich habe ■ schon betont, daß diese Vor- 
gänge in einer Art Wach träum vor sich gehen. Die Spaltung des Bewußt- 
seins ist schon so weit gediehen, daß viele dieser Kranken von diesen 
religiösen Zeremonien keine Ahnung haben oder besser ausgedrückt, keine 
Ahnung haben wollen. In solchen Dämmerzuständen werden ganze Gebete 
hergesagt, besonders in Zeiten, wo das Individuum seine Persönlichkeit 
bedroht fühlt. 

Andere Masken der Religiosität drücken das Bedürfnis nach Religion 
aus und zugleich die Tendenz, diese frommen Bestrebungen vor dem Be- 
wußtsein zu verschleiern. So ist der Besuch der Kirchen oder anderer 
Gotteshäuser zu erklären. Die Parapathiker suchen sehr gerne Kirchen auf. 
Machen sie eine Reise, so haben sie sicherlich die Kirchen am genauesten 
studiert. Der eine geht, um die alten Bilder zu bewundern, der andere, 
um Kirchenmusik zu hören, der dritte, weil es kühl ist, der vierte, weil 
es ihm „ein Vergnügen macht, die stumpfsinnigen Gesichter der Frommen(!) 
zu beobachten", der fünfte, weil es so still in der Kirche ist und er dort 
zur Ruhe kommt und einen wunderbaren Frieden empfindet, der sechste, 
weil er gerade vorbeigegangen ist und sich die Geschichte wieder einmal 
ansehen wollte usw. . . Die Rationalisierungen sind zahllos, die Tatsachen 
des Kirchenbesuches sind die gleichen. 

Ich habe auch konstatieren können, daß viele Naturschwärmer ver- 
kappte Frömmler sind. Manche gehen nur auf die Berge, um Gott näher 
zu sein. Sie fallen auf dem Gipfel in die Knie und rufen dann verzückt 
aus: „Ach wie groß ist die Natur! Wie erhaben!" und meinen darunter 
Gott und diese Worte sollen ein Gebet ersetzen. Manche beten auch in 
einer Art frommer Scheu. 

Daß sich unter Gewitterangst die Angst vor dem grollenden Gotte 
verbirgt, habe ich schon in der zweiten Auflage meiner „Nervösen Angst- 
zustände'' nachgewiesen. Und eine ähnliche Wurzel läßt sich bei den 
meisten anderen Phobien nachweisen. 



214 Die Impotenz dos Mannes. 

Für die Therapie sind diese TatsacheD, die ich hier mitgeteilt habe, 
von der größten Bedeutung. Es gehört zu den schwersten Aufgaben des 
Psychotherapeuten, diesen Konflik zwischen Intellekt und Affekt zu lösen 
Die Wege sind sehr verschieden. Ich kenne Kranke, die sich dann offen 
zu ihrer Frömmigkeit bekannt haben. Andere, welche die infantilen Gefühls- 
reste überwunden haben und wirklich freie Menschen geworden sind, wenn- 
gleich diese Fälle zu den Ausnahmen gehören. In den meisten Fidlen tritt 
eine Umwandlung der religiösen Tendenzen ins allgemein Ethische auf. 
Es werden aus diesen heimlichen Frömmlern hochstehende Träger aller 
Kulturbewegungen. Ihr Ethos wird dann ihre Religion. Andere flüchten 
sich in neue Religionen, werden Tolstoianer, Monisten oder Theosophen 
Buddhisten, Spiritisten und können so ihren metaphysischen Bedürfnissen 
gerecht werden. Unter diesen Schwärmern habe ich sehr viele Impotente 
gefunden, die ihre Sexualität ihrem Glauben geopfert haben. 

Auch die Kunst ist dazu berufen, diese religiösen Kräfte zu über- 
nehmen oder auch zu maskieren. Mancher Parapathiker schafft sich plötzlich 
ein Harmonium an und spielt Choräle, „nur weil sie so feierlich klingen« 
und bestreitet heftig, daß es sich um eine Art Gebet handelt. Solche 
Tendenzen kann der Arzt als Erzieher ausnützen und so jenes notwendige 
Kompromiß zwischen infantilem und präsentem Glauben herstellen, ohne 
das eine Heilung unmöglich ist. Dabei muß er seine persönlichen Über- 
zeugungen zurückstellen. Ich persönlich habe keine religiösen Gefühle, was 
ich einer sehr vernünftigen, freien Erziehung meiner Eltern verdanke Ich 
wurde nie mit der Strafe Gottes bedroht und hörte nie die furchtbaren 
Geschichten von Vergeltung und Hölle, von Sünden, die sich auf Erden 
strafen usw. Ich wurde in rein ethischem Sinne erzogen und nur das 
Beispiel meiner ethisch sehr hochstehenden Eltern wirkte auf mich 
Aber ich dränge meine Überzeugung den Kranken nicht auf. Ich er- 
ziehe sie nicht zu einer freien Religion, ich entziehe sie nicht ihrem 
Glauben, wenn sie nicht dazu fähig sind. Täte ich das, ich brächte sie 
wahrscheinlich in neue Konflikte. Ich trachte ihren Gottesbegriff, der 
kleinlich, infantil und lächerlich ist, zu erhöhen. Die Vorstellung eines 
Gottes, der hinter den Wolken die Menschen kontrolliert und über ihre 
Vergehen ein genaues Buch führt, jeden Koitus als Sünde registriert, 
dieser Glaube an eine himmlische Buchführung der Sexualität verträgt 
sich nach meiner Ansicht nicht mit einer echten Frömmigkeit. Ich trachte 
nur, den Kranken den Begriff „Gott* größer zu geben, wenn ich sehe, 
daß sie ohne Religion nicht leben können. Ich führe sie zu einer Art von 
Pantheismus, wobei ich ihre veralteten Sündenbegriffe durch eine neue 
freiere Auffassung des Lebens zu ersetzen trachte. Ich nehme ein Stück 
persönlicher Verantwortung und gebe es den Naturkräften zurück. Doch 
es geht nicht in allen Fällen. Viele Menschen werden schon geheilt, wenn 




Impotenz und Religion. 2 15 

man sie zu den alten Formen ihres Glaubens zurückführt. Diese Fragen 
sind von größter Bedeutung und entscheiden oft über den Erfolg der Be- 
handlung. 

Daß man den Glauben an die Allmacht der Gedanken, den Glauben 
an die große historische Mission, an ihre Gottähnlichkeit gründlich zer- 
stören muß, möchte ich noch besonders hervorheben. Alle diese Propheten, 
Religionsstifter, Erlöser, Heilige müssen sich als gewöhnliche Sterbliche 
bekennen und ihre Ohnmacht einsehen, sie müssen auf die Phantasie dieser 
Mission verzichten und sich mit der Realität aussühnen. Gerade unter den 
Fetischisten begegnet man Menschen, die einen solchen Glauben hart- 
näckig festhalten. Je mehr solcher abstruser sexueller Zielvorstellungen 
sie sich konstruieren, desto mehr entfernen sie sich vom Weibe. Der 
Fetischismus ist die Flucht vor dem Weibe aus asketischen Gründen. Das 
Weib wird zum Repräsentanten der Sünde. Der Fetisch, z. B. die Hand, 
oder ein Taschentuch, das Haar dient zur Fixierung der Libido, welche 
so dem ganzen Weibe entzogen wird. Die Hauptsache dieser fetischistischen 
Konstruktionen : dem Koitus zu entgehen . . . • 

Hinter allen asketischen Bestrebungen verbergen sich religiöse Motive. 
Die meisten Fälle von psychischer Impotenz sind hartnäckig festgehaltene 
Bestrebungen, sich durch Entbehrungen himmlische Belohnung zu sichern. 
Das Weib erscheint als Inkarnat des Bösen und der Koitus als Symbol 
der Sünde, ja als die Sünde selbst. So kommen jene merkwürdigen Formen 
von Paraphilie zustande, in denen jede Lust gestattet wird, außer der 
Immissio penis in vaginam. Alle Versuche zur Heilung dieser Impotenz 
auf außerehelichem Wege scheitern jämmerlich, während das „Sakrament 
der Ehe" die wunderbarsten Kräfte frei macht und die angeblich Im- 
potenten nach einigen leicht begreiflichen Schwankungen zu vollkommen 
gesunden, potenten Ehemännern macht. 

Oft treten aber bei diesen zur Askese disponierten heimlichen Frömm- 
lern auch, während der Ehe die asketischen Tendenzen in Form von Im- 
potenz auf. Die Impotenz ist dann eine Strafe für „böse Gedanken'- und 
soll als Buße die Verzeihung der höheren Mächte durchsetzen. 

Fall Nr. 84. Herr 0. R., 38 Jahre alt, kräftiger Mann, seit 10 Jahren 
verheiratet, leidet seit zwei Jahren an Impotenz. Außerordentlich gewandter 
Sportsmann, weltberühmter Schwimmer, Bergsteiger und Höhlenforscher, 
der als erster einige gefährliche Dolomitenspitzen erstiegen hat, führt sein 
Leiden auf Überanstrengung im Gebirge zurück. Er habe einmal 6 Wochen 
lan°- auf den Bergen gelebt, um ein bestimmtes Gebiet alpinisch zu erforschen 
uud°sich keinen Tag Ruhe gegönnt. Als er nach diesen 6 Wochen nach Hause 
kam war er zu seinem Schrecken die erste Nacht gleich impotent. Er wußte 
sofort: das ist die Folge der in der Jugend zwischen 12—17 Jahren be- 
triebenen Onanie und der übermäßigen körperlichen Strapazen. 



216 Die Impotenz des ManneB. 

Die Analyse ergab mehrere Wurzeln seines Leidens. In erster Linie 
Differenzen mit seiner Frau, die seine Bergleidenschaft nicht teilen wollte. 
Es wurde ferner erforscht, daß ihm ein Dienstmädchen aus der Nachbarschaft 
außerordentlich gefallen hatte und daß er vor dieser Versuchung in die Berge 
floh. Angeblich ein Freigeist, entpuppte er sich innerlich als ein Frömmling und 
seine Bergpartien zeigten sich in diesem Lichte als Kasteiung und Buße. 
Auf dem Gipfel verrichtete er seine Andacht. Seine geheimen Ziolvorstellungen 
waren Jungfrauen. Deshalb suchte er immer nichtbestiegene Berge auf deren 
Eroberung ihm symbolisch eine Defloration bedeutete. Es zeigte sich auch 
daß er seine Frau eigentlich nur aas Anständigkeit geheiratet hatte. Er liebte 
ein anderes Mädchen, aber während die ersten Fäden mit diesem gesponnen 
wurden, teilte ihm seiue jetzige Frau, damals seine Bürokollegin und Geliebte 
mit, daß sie sich Mutter fühlte. Er heiratete sie, aber seine wahre Liebe 
konnte er nicht vergessen. Auf den Bergpartien lebte er mit ihr in Gedanken 
was um so leichter möglich war, als sie ihn in früheren Jahren oft auf seinen 
waghalsigen Touren begleitet hatte. Er zeigt eine ganze Reihe von „Masken 
der Religiosität : das Kindergebet des Abends, eine Schwärmerei für die 
Bibel, die er „aus poetischem Interesse liest", häufigen Besuch von Kirchen 
wegen der ruhigen, feierlichen Stimmung. Seine Impotenz, ist die Strafe für 
seine Todeswünsche gegen seine Frau. 

Es gibt eine Menge junger Leute, die sehr gerne den Frauenhelden 
spielen möchten und es doch nicht zustande bringen. Eine innere Scheu 
hält sie davon ab, den Übergang von der Onanie zum Weibe zu voll- 
ziehen. Denn es sind in den meisten Fällen Onanisten, die stets bereit 
sind ihre Schwäche als Folge der Onanie aufzufassen. Fast in allen Fällen 
kann man konstatieren, daß es sich um Freigeister handelt, welche ihre 
Religion und alle religiösen Hemmungen scheinbar überwunden haben und 
sich nach einem freien, ungebundenen Leben sehnen. Die Analyse weist 
fast immer nach, daß sich hinter diesem „Nichtkönnen" ein , Nichtwollen" 
des inneren, religiösen Menschen verbirgt. Es sind Asketen mit den Allüren 
eines Skeptikers, wie ich sie vorher beschrieben habe. Die Analyse deckt 
dann die Gründe dieser Einstellung auf. Es sind Menschen mit über- 
mächtiger Sexualität, ganz erfüllt von Inzestphantasien, von allerlei para- 
philen Regungen, es sind Sadisten und Wollüstlinge der Phantasie, welche 
sich gegen ihre Triebe durch eine selbstauferlegte Impotenz schützen, 
über welche sie dann unglücklich sind und gegen die sie beim Arzte Ab- 
hilfe suchen. Die Analyse eines solchen Falles ist sehr lehrreich und ge- 
stattet tiefe Einblicke in die zerrissene Seele des Kulturmenschen. 

Fall Nr. 85. Dr. F. K., 29 Jahre alt, konsultiert mich wegen der schreck- 
lichen Folgen der Onanie. Er habe seine Kräfte erschöpft, er sei unfähig zu 
denken, er sei ein müder Greis, er habe alle Lebensfreude verloren. Der Kampf 
gegen die Onanie ende stets mit einer Niederlage. 

Er ist menschenscheu und meidet größere Gesellschaften. Er steht vor 
dem Doktorate und kann seine Stadien nicht vollenden. Er sieht nur einen Aus- 
weg, den Selbstmord. Er hat sich durch die Onanie „das ganze Leben verpatzt". 

Er wird belehrt, daß die Onanie harmlos ist und wird aufgefordert, die 
Onanie durch normalen Geschlechtsverkehr zu ersetzen. Er verspricht, den 



Impotenz uud Religion. 217 

Versuch zu wagen und das Unmögliche durchzusetzen. Bisher konnte er sich 
noch nie einer Frau nähern. Er hatte mehrere Gelegenheiten und nahm reiß- 
aus. Ein Dienstmädchen zeigte ihm, daß er ihr gefalle. Er wollte es nicht 
sehen. Er war auf dem Lande und lebte allein in einem Hause mit einer 
sehr schönen jungen Frau, die ihm unumwunden zu verstehen gab, daß er 
jede Nacht zu ihr kommen könne. Er kämpfte mit sich und brachte nicht den 
Mut auf, zu ihr zu gehen, so daß sie ihn auslachte und behauptete, er wäre 

kein Mann. . 

Nach zwei Monaten kommt er wieder. Er konnte nach der Aussprache 
wieder studieren und hat seinen Doktor gemacht. Er kaun aber den Übergang 
von der Onanie zum Weibe nicht vollziehen und unterzieht sich einer analyti- 
schen Behandlung. 

Wir erfahren, daß er unter den Zuständen im Elternhause sehr schwer 
leidet. Seine Mutter ist eine hysterische Frau, die mit dem Vater in Streit 
lebt, fortwährend Vorwürfe macht uud das Haus mit Unruhe erfüllt. Er leidet 
an einem quälenden Minderwertigkeitsgefühle. Er wird häufig rot, wenn er 
in Gesellschaft einige Worte sprechen soll. Als ein folgenschweres Erlebnis 
erzählt er die Bemerkung eines Katecheten, die er im 14. Jahre über sich 
ergehen lassen mußte: „Du bist ein Heuchler! Du hast es faustdick hinter 
den Ohren!" Mit 20 Jahren suchte er wegen verschiedener Beschwerden einen 
Arzt auf, der „sexuelle Neurasthenie" diagnostizierte und als Ursache des 
Leidens die Onanie ansprach. 

Er teilt in den ersten Stunden einen längeren Traum mit, der uns einige 
Aufklärungen über die Psychogenese seiner Parapathie bringen wird. 

Der Traum lautet: 

I. Die Gesellschaft hat sich aus dem Salon in ein anschließendes 
Zimmer begeben, um dort zu musizieren. Ich höre singen, während ich 
mich noch in meinem Wohnzimmer aufhalte. Ich habe soeben allein ein 
Lied gesungen und begebe mich in den Salon, um in das Zimmer weiter- 
zugehen, in dem sich die Gesellschaft befindet. Da kommt mir eine ältere 
Frau entgegen und ich fühlte plötzlich, daß meine Kleidung nicht in 
Ordnung Ist; die Weste ist offen, die Hosenträger sind nicht angeknöpft, 
so daß die Hose nicht stramm sitzt. Ich wende mich nach links, um mich 
zu verbergen, öffne den Mittelteil einer Art von spanischer Wand, die 
eine Ecke des Zimmers abschließt, besinne mich, daß dies nicht der richtige 
Ort sei, um sich den Blicken der Dame zu entziehen, bzw. es sträubt 
sich mein Inneres, mich wie in einem Kasten eingezwängt zu verstecken, 
und ich gelange endlich durch eine Seitentür links in einen kleinen Raum 
mit einem Fenster gegenüber der Tür, durch die ich eingetreten bin. 

II. Kaum bin ich eingetreten, kommt von rechts meine Schwester, 
deren Gesicht ich nicht gleich bemerke, und führt ein Mädchen, das sich 
in sie eingehäugt hat, durch das Zimmer. Das Mädchen hat, wie ich kon- 
statiere, in jener Gesichtspartie, die von Augen und Nase gebildet wird, 
eine gewisse Ähnlichkeit mit der Frau des Bruders meines Schwagers. 
Ich knöpfe rasch meinen Rock zu und bitte, meine Verlegenheit ver- 
bergend, meine Schwester, mich dem Mädchen vorzustellen. Das geschieht. 
Das Mädchen läßt sich aber nicht stören, sondern spricht weitergehend 
mit meiner Schwester. Bei der gegenüberliegenden Türe wird halt gemacht. 
Ich habe mit den beiden Schritt gehalten. Wir wenden uns einander zu 
und das Mädchen beantwortet meinen wahrscheinlich erstaunten oder 



218 Die Impotenz des Mannes. 

fragenden BJick damit, daß sie mir sagt: „Aber wir kennen aus doch 
schon. ">) 

III. Ich entferne mich durch die Tür und befinde mich in einem 
Vorraum, den ich rasch durchschreite, weil in zwei Nischen, ähnlich ge- 
öffneten Badekabinen, zwei Frauen, mit dem Rücken mir zugekehrt, stehen 
welche bis zum Gürtel entblößt sind. Hinter ihnen stehen Kammerfrauen' 
die mich anschauen. Ich verlasse diesen Raum. 

IV. Ich gelange in eine Säulenvorhalle oder besser Kolonnade, die 
sich dem Garten zu öffnet. Unter dem Säulengang steht ein älteres Ehe- 
paar mit freundlichen Gesichtern. Ich sage zum Mann: „Wollen Sie etwas 
Besonderes? Tee aus Regenwasser?" Es regnet nämlich. Sogleich halte 
ich eine Schale Tee, aus Regonwasser zubereitet, das ich durch Hinhaiton 
der Schale in den Regen gewonnen habe, in meiner Hand. Ich trinke. 
Plötzlich sage ich ausspeiend: „Pfui Teufel!" Es war mir Kalk zwischen 
die Zähne gekommen, der schon früher vom Plafond in die Sehale ge- 
fallen sein mußte. Ich möchte den Rest des -Tees, in dem Kalk als Boden- 
satz zu sehen ist, ausschütten, will aber diese Handlung vor den Au-en 
der anderen verbergen und schütte, nachdem ich in den Garten hinaus- 
geschritten bin, den Teerest hinter einem Alleebaum auf den Boden. 

V. Ich kehre zurück. Jemand redet mit Bezug auf den hineinge- 
fallenen Kalk von kosmischem Staub. Ich belehre ihn, indem ich sage: 
„Wenn Sie den Kalk ausbeuteln, so haben Sie kosmischen (fein verteilten) 
Staub; wenn Sie mit dem Finger über ein Möbel fahren, so ist das 
terrestrischer Staub." 

Beginnen wir die Analyse mit dem ersten Bruchstück des Traumes. 
(I.) Er wird aufgefordert, ein Lied zu nennen, das ihm einfällt, da er sich nicht 
erinnert, was er für ein Lied gesungen habe könne. Er ist überhaupt kein 
Sänger. Es will ihm kein Lied einfallen. 

„Nennen Sie mir irgend ein Lied." 

„Ich weiß keines." 

„Sie werden doch ein Lied kennen?" 

„Nein! Ich kenne kein Lied." 

„Haben Sie in der Schule Lieder gesungen?" 

„Ja." 

„Haben Sie als Student Lieder gesungen?" 

„Hie und da." 

„Fällt Ihnen kein Lied ein?" 

„Nein." 

Wir bemerken einen außerordentlichen Widerstand, der sich nur aus 
dem Traummateriale erklären läßt. Endlich läßt er sich herbei zu erklären, 
daß seine einzige (um zwei Jahre ältere) Schwester singen lernte und sehr viel 
sang. Aufgefordert, ein Lied zu nennen, das die Schwester gerne gesungen 
hatte, schweigt er und gesteht endlich, daß ihm ein Lied von einem Schäfer 
und einer Schäferin eingefallen sei. (Ihren Schäfer zu erwarten, schlich sich Phyllis 
in den Garten, in dem dichten Myrtenhain, schlief das lose Mädchen ein.) Der 
Schluß des L iedes ist bekannt. Das Mädchen antwortet auf die Vorwürfe der 

) Jetzt sagt meine Schwester : „Du kannst etwas (zu essen) haben, aber nimm 
nicht zu viel Wasser." Ich antworte : „Ja, mein Gott, Wasser ist im Tee, im Kaffee, 
Wasser ist überall." Wir alle lachen. 



Impotenz und Religion. 219 

Mutter sie hätte ihre Unschuld verloren und auf ihre Drohungen : „Kloster ist 
nicht mein Verlangen, du bist selbst nicht 'neingegangen, uDd wenns allen 
so sollt gehn, will ich mal die Klöster sehn." 

Erst am nächsten Tag gesteht er, daß ihm gleich „Die lustige Witwe" 
eingefallen sei, daß er sich geschämt hätte, diesen Einfall mitzuteilen. 

Wir erfahren, daß seine Schwester verheiratet ist. Über sein Verhältnis 
zur Schwester weiß er erst nichts zu berichten. Endlich erinnert er sich wider- 
willig daß er zweimal Erektionen hatte, als er die Schwester im Nachtgewand 
sah und daß er sie zufällig einige Male ganz nackt gesehen hatte, als sie sich 
umkleidete Er habe zwar gleich weggeschaut, aber er gibt zu, daß er auch 
in diesen Momenten „zu seiner Schande" von Erektionen überrascht wurde. 

Er hat aber angeblich bei der Onanie nie an die Schwester gedacht. 
Der Einfall Die lustige Witwe" erklärt sich aus seinen Eifersuchtsreguugen 
gegen den Schwager. Wenn der Schwager stirbt, wird die Schwester eine 

..Lustige Witwe". »■,,.. m 

Singen" hat hier die Bedeutung von „Onanieren" und ist ein sexuelles 

Symbol. Er hat allein gesungen heißt: er hat allein onaniert, während die 
anderen gemeinsam genießen können. Er stellt den asozialen Akt der Onanie 
in Gegensatz zum sozialen des Koitus. 
Gehen wir in der Analyse weiter: 

„Da kommt mir eine ältere Frau entgegen und ich fühle plötzlich, daß 
meine Kleidung nicht in Ordnung ist." 

Die nachfolgende Schilderung der Entkleidung und des Versteckens ist 
sehr charakteristisch. Er versteckt sich hinter einer spanischen Wand, er 
zwangt sich in einen Kasten hinein. Er will sich vor der Welt und besonders 
vor der älteren Frau (Mutter-Imago?) verstecken. 

Zur älteren Frau erzählt er eine Geschichte. Er befand sich wegen eines 
Lungenleidens in Davos. Dort gab es viele schöne Mädchen, die er ängstlich 
mied. Dagegen befand sich daselbst auch eine sympathische ältere Frau, die 
ihm sehr gefiel. Sie war in Gesellschaft zweier anderer älterer Damen. Diesen 
Frauen widmete er sich die ganze Zeit, obgleich sie ihn aufforderten, sich doch 
mit den jungen Mädchen zu unterhalten. Er motiviert dieses Verhalten mit 
seiner Scheu vor jungen Damen. Er weiß noch, daß die Dame ihm beim Ab- 
schied sagte: „Gott erhalte Sie so rein und unschuldig, wie Sie sind!" 

In diesem Traume kommt er aber in einer merkwürdigen Toilette zur 
Unterredung. Weste offen, die Hosenträger nicht zugeknöpft, die Hosen fallend. 
Man merkt, daß er vom Aborte kommt. Das muß natürlich eine besondere 
Bedeutung haben. Es verrät auch eine deutliche exhibitionistische Tendenz. Er 
bestreitet erst die exhibitionistische Tendenz, weiß aber bald eine Fülle von 
Bestätigungen. Seine erste Onanie begann damit, daß er sich im Aborte splitter- 
nackt auszog und dann eine Weile mit erigiertem Gliede seinen Phantasien 
nachhing, bis es zur Ejakulation kam. Später zog er sich im Zimmer aus, 
ging nackt herum und onanierte dann vor dem Spiegel durch manuelle Hilfe. 
Ein weiteres Verständnis des Traumes kommt aus seiner gerontophilon Ein- 
stellung. Er hat sich immer zu alten Frauen und kleinen Kindern hingezogen 
gefühlt. Gegen die sexuelle Reizwirkung der älteren Frauen suchte er sich zu 
schützen, indem er sich ihre Kunzein und ihre rauhe Haut vorstellte. Der Abort war 
für ihn ein sexuelles Stimulans, weil er sich vorstellte, daß seine Umgebung 
den gleichen Abort benütze. 

Exhibitionismus und Gerontophilie, vielleicht auch Mysophilie, das sind 
die Ergebnisse der Analyse des ersten Traumstückes. 



220 



Die Impotenz des Mannes. 



Das aweite > Traumstück bringt die Episode mit der Schwester und der 
Dame, die wir Olga nennen wollen. Olga ist die Frau des Bruders seines 
Schwagers und soll nach seiner Aussage mager und häßlich sein, keineswegs 
seinem Ideale entsprochen, das sich die Schwester zum Vorbild nimmt (klein 
mollig, sehr schön, üppiges Haar, weiche Stimme). Aber er hatte ein unange- 
nehmes Erlebnis mit Olga. Er war in ihrem Hause und konnte bei einem Be- 
suche fast gar kein Wort herausbringen. Es war gerade bei einem Tee. Das 
rätselhafte Wir kennen uns schon" steht im Gegensatz zu seiner Verbergunes- 
tendenz Er fürchtet von der klugen Dame durchschaut zu werden wie vom 
Katecheten. Die Wasserepisode ist vorläufig ganz dunkel, wir werden aber 
bald auf sie zurückkommen können. Jedenfalls ist er bei der Vorstellung in 
einer Toilette, die einer „Koitusbereitschaft" entsprechen würde ° rSteUUUg in 
M M Dm , T ™ m8t ; ck IH ^mgt zwei entblößte Frauen. Ihm fallen sofort 
Mutter und Schwester ein. Er reproduziert eine Szene, die ihm imver^ßHch 
in der Erinnerung haftet. Sie spie.t in einen, Seebade, die Eltern sind nebenan 
in einer Kabine und streiten. Der Vater verläßt die Kabine d, Tili 1 
Mutter gehen Er öffnet die Tür und sieht fe luSS^Jl£ ZC 

£ S ' t ne f 1Z , U geDierea ' iD g röß ter Erregung zuYhm z^sp ' 

Sie redet zu ihm über das „unglaubliche" Benehmen des Vaters bis £w 

Szetlr^t ^£ ünZiemliChe d6r T ° ilette — ^ 2Ä^ V Ä 
Alle seine Phantasien drehen sich um Entkleidung. Er feiert nhantastiseh« 

Ein großes Ra sei gibt uns das Traumstück IV auf. Das ältere Ehepaar 

»st leicht zu agnoszieren. Er geht sehr häufig in einem Park Sere und 

>eht dieses Paar immer liebevoll und sich in Aufmerksamkeiten Setend 

lustwandeln^ Sie Schemen wie die Turteltauben zu leben. Ein Gegensatz zu der 

ZriLfTJ:T h BCh0n ^ k,einerK - b - »lehweÄtirln« 

Nim fni„t Ai a r>„ -,. geiontophilen Neigungen. 

JSun folgt die Regenwasserszene, die nicht erklärlich wäre wenn der Tee 
nicht aus Regenwasser wäre. Regenwasser kommt vom Himmel Es st dn 
himmlischer Trank, den er trinken will, den Trank des re" n eh rüc 2 
Glaubens. Aber der Teufel verhindert seine Reinheit. Der Te TZaSt Kalk 

Jen W? T rf t6D a daß ,- D . d6r KÜCh6 S6iDer Schw6Ster 2 der Kalk von 
den VVänden loste und in die Speisen fiel. Es mischen sich die bösen Inzest 

gedanken in die Vorstellungen von Ehe und reiner Liebe. Sein Glaube i* 

entwürdigt Er ist jetzt angeblich Atheist, war aber bis zum 16. Jahre so 

fromm, daß er Klosterbruder werden wollte. Wieder zeigt sich die Verbergungs- 

tendenz in deutlicher Weise. Er will den Tee ganz versteckt ausgießen 

Im Traumstück V spricht er vom kosmischen und terrestrischen Staub 
Das hat folgende Erklärung. Staub ist Schmutz. Er hat zweierlei schmutzige 
bedanken. Sünden wider Gott (kosmischer Staub) und Sünden durch Inzest- 
gedanken (terrestrischer Staub). Das Gewand symbolisiert die Weltanschauung 
die Möbel stehen für die Menschen. Die Berührung der Schwester, die er zum 
bcnerze öfters ausführte, zeitigte irdischen Schmutz. Seine Weltanschauung ist 
voll von kosmischem Staub (Atheismus). 

Wir erfahren noch einige Einzelheiten über seine Onanie. Er stellte sich 
die trauen immer ohne Kopf vor, nur die Körper. Das ist eine Eigentüm- 
licnfceit der Inzestphantasien, die Onanisten vor sich selbst verbergen wollen 
ferner erhellt aus dem Traume auch eine starke narzißtische Komponente 



Impotenz und Religion. 221 

Die Onanie vor dein Spiegel zeigt diese Verliebtheit in den eigenen Körper, 
welche dem Narzißten eigen ist. 

Das Essen und das Trinken im Traume vorweist uns auf den Mund 
als erogene Zone. Vorläufig kann er uns zu diesem Thema nichts sagen. 

Auch Traum II bleibt dunkel, weil Frl. Olga nicht als Sexualobjekt er- 
scheint. Er sagt, sie wäre alt und mager. Möglicherweise entspricht sie seiner 
Gerontophilie. Wenn er jungen Mädchen begegnet, die mit ihm kokettieren, 
so schlägt er die Augen nieder. Älteren Frauen kann er in die Augen sehen. 
Ein Erlebnis spielt in seinen Onaniephantasien eine große Rolle. Er war in 
einem Parke. Da sah er in einem Gebüsche zwei junge Mädchen. Er schätzte 
sie auf 13 Jahre. Sie entkleideten sich gänzlich und traten vor und zeigten 
sich ihm nackt. Er errötete und wendete sich ab. 

Diese Mädchen stellt er sich immer vor, wenn er an zwei Personen zu- 
gleich denkt. 

Wichtige Aufklärungen bringt uns der nächste Traum, der gleichfalls in 
mehrere Abschnitte zerfällt. 

I. Ich gehe auf der Straße und blicke durch ein geöffnetes Fenster 
in ein Zimmer, in dem an einem viereckigen Tisch vier Personen sitzen 
und speisen, und zwar ein junger Mann, den ich nicht sehe, zwei dunkle 
unscheinbare Frauen, in deDen ich meine Tanten Gusti und Fanni errate 
und eine heller angezogene, aufrecht sitzende altere Frau, die zum jungen 
Manne spricht und dabei lächelnd ihre blanken Zähne zeigt. Diese Frau 
hat Ähnlichkeit mit meiner zweiten Klavierlehrerin. 

U. Ich befinde mich auf einmal an Stelle des jungen Mannes und 
esse die Suppe mit. Es wird Aber die Suppe gesprochen. Jemand sagt: 
„Die Suppe ist sehr gut (dabei schaue ich die Suppe an und finde, daß 
sie grau, dick eingebrannt ist und Brotbrocken enthält) . . . aber" ... Ich 
habe dieses „aber" erwartet als etwas Einschränkendes, Herabsetzendes und 
frage lachend: „Aber?" 

III. Ich löffle die Suppe aus, und zwar indem ich den Teller schief 
aufhebe und mit dem Löffel alle Reste aufnehme, nur einige Gemüseteile 
bleiben zurück. Ich denke, es ist nicht schicklich, die Suppe so zu essen. 
Der Teller wird auf die Teller der drei Damen, welche die ihrigen 
übereinandergestellt haben, daraufgelegt. 

IV. Ich gehe in ein Zimmer, um auf die weiteren Gänge zu warten. 
Es dauert lauge, ich gehe nachschauen und sehe, wie weißes Fischfleisch 
von einer größeren Platte, auf der ßratenfleisch und Fischfleisch liegt, 
auf eine kleinere Platte gelegt wird. Ich erinnere mich, daß ich schon 
einmal hier gebackenen, fetten Karpfen gegessen habe (aber mit der 
Familie des Onkels Josef). 

V. Das sage ich zu meinem Schwager Erich, mit dem ich micli 
jetzt im Salon befinde. Noch eine dritte Person, wahrscheinlich meine 
Schwester, ist hier anwesend. Mein Schwager sagt: „Da war ich nicht 
dabei". 

VI. An der Wand, bevor mau aus dem Salon in das Zwischen- 
zimmer kommt, ist eine chinesische Wandbespannung angebracht, welche 
in dem rechten unteren Teil mehrere Figuren zeigt. Darunter meine 
Kusine Minna im Turnkostüm, wie ich sie nie gesehen habe. Ich ent- 
decke eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihr und einem Sohne der Hella, 






222 Die Impotenz des Mannes. 

doch verwerfe ich diesen Gedanken, weil ihre Mutter (also die Hella 
und die Frau des Onkels Josef) in der Jugend nur bekannt waren und 
nicht verwandt sind. Wir gehen durch ein Zwisehenzimraer in ein Hinter- 
zimmer (wie bei Tante Fanni). Ich schaue ins Zwischenzimmer zurück und 
bemerke, daß es größer und höher ist als unser Zimmer zn Hause. 

VII. Eine entfallene Szene mit Mama, Erich und mir beim Ofen. 

VIII. Erich und ich sitzen, bis aufs Hemd entkleidet, auf den 
Betten, da wird zum Essen gerufen. Ich ziehe das Schlafkleid au, während 
mein Schwager im Hemd hinein geht. Er bemerkt aber, daß ich mich 
anziehe und will zurück, dasselbe tun. 

IX. Irgendwo hinein in den Traum gehört folgende Szene: Ich 
sitze beim Tisch, rechts mein Vater, links meine Schwester. Ich halte 
den Deckel eines Marmeladeglases in der Hand. Der Deckel trägt eine 
dicke Schichte dunkelroter Marmelade. Meine Schwester nimmt sich davon. 
Mein Vater kratzt mit der Messerspitze ganz wenig davon ab. Es wird 
von der Beschaffenheit der Marmelade gesprochen. Ich erkläre, sie sei 
deshalb so fest, zähe und zuckerhaltig, damit sie nicht schlecht werde 
bei längerer Aufbewahrung. Die bisher erzeugten Marmeladen hätten 
Wasser enthalten und seien schlecht gewesen. Auch habe man jetzt die 
Gummiverschlüsse nicht mehr, müsse daher durch eine feste Schichte oben 
den Luftzutritt verhindern. — Ich beiße schließlich in die Schichte des 
Deckels und die Masse zieht sich beim Abbeißen. 

Das erste Traumstück (I) zeigte ihm einen jungen Mann in Gesellschaft 
von drei älteren Damen. Darunter befindet sich auch seine Klavierlehrerin, 
ein älteres Fräulein mit großen weißen Zähnen, die seine Begierde erregt hat. 
U. zeigt, daß er selbst der junge Mann ist. Die Suppe hat ungefähr den Sinn: 
Du mußt auslöffeln, was du dir eingebrockt hast! „Du hast jetzt an den Folgen 
der Onanie zu tragen." — Andrerseits zeigen sich Beziehungen zu einer ge- 
steigerten Munderotik. Sein Mund ist eine stark betonte erogene Zone; er muß 
verschiedene paraphile Regungen aufweisen. 

Er gibt zu, daß ihn die Phantasie des Kannilingus viel beschäftigt hat. 
Zuerst seien ihm die beiden kleinen Mädchen eingefallen, die eine exhibitioni- 
stische Szene aufgeführt haben. Dann aber seien die Leckphantasien auch auf 
andere, altere Personen übergegangen. 

Auch Orgien (besonders Leckorgien) scheinen ihn beschäftigt zu haben. 
Das verraten die übereinandergelegten Teller in III. 

IV. bringt ein neues Gericht vou der Tafel des Lebens. Wir können 
jetzt bei der exquisit phallischen Bedeutung des Fischsymbols auf die homo- 
sexuelle Ergänzung seiner Triebrichtungen gefaßt seiu. Iu VI taucht ein Hinter- 
zimmer auf und nach der mysteriösen, entfallenen Szene Vll sitzt er mit seinem 
Schwager nackt auf dem Bette, offenbar nach einer Liebesszene. 1 ) Sie be- 
nehmen sich, als hätten sie die Tendenz, diese Liebesszene zu verbergen. 

Die Kusine in IX ist ein Kompromiß aus homosexuellen und hetero- 
sexuellen Regungen. Die Dame in Hosen. Aber wir kommen jetzt auf die Be- 
deutung von Olga im vorhergehenden Traume (Stück II). Sie vertritt ihren 
Sohn, der ihm sehr gut gefällt. 

Iu X brechen die Fellatio- uud Kunnilingusphautasien stärker durch. Er 
erklärt sich als ein Liebhaber von alter und fester Marmelade. „Die Masse 



') Die entfallenen Traumstücke enthalten oft das wichtigste Stück. 



Impotenz und Religion. 993 

zieht sich beim Abbeißen." Derartige ziehende Substanzen im Traume ver- 
raten die Beziehungen zu Sperma oder Schleim. 

Audi die religiöse Bedeutung des Traumes ist nicht zu übersehen. Doch 
auf diese komplizierten Überdeterminationen (Fisch als Symbol von Christus, 
Beziehungen zum Abendmahl und Verzehren des Leibes Christi — der Onkel 
Josef als Repräsentant des heiligen Josef mit der heiligen Familie — Wasser 
als himmlisches Geschenk) kann ich hier nicht eingehen. Ich möchte nur betonen, 
daß sich in vielen Träumen religiöse und sexuelle Beziehungen vermengen und 
so ein Spiegelbild der Verschmelzung von Religion und Sexualität geben, der 
wir im Leben immer wieder begegnen werden. 

Sehr merkwürdig ist sein Verhältnis zu seinem Vater. Er sucht vergeb- 
lich bei ihm den Freund, dem er sich ganz anvertrauen könnte. Eine uner- 
klärliche Scheu herrscht zwischen ihnen. Die sexuelle Aufklärung vollzog der 
Vater in folgender Weise. Er war 12 Jahre alt, da kam sein Vater aufgeregt 
in sein Zimmer und sagte ihm errötend: „Du — ich wollte dir sagen, daß 
die Kinder nicht vom Storch kommen, sondern von der Mutter geboren werden." 
Dann verließ er, ohne seinen Sohn anzublicken, das Zimmer. Nach einem Jahre 
sagte er ihm eines Morgens: „Mir scheint, du hast deine Reinheit verloren und 
machst Sachen, die dich beflecken." Damit meinte er die Onanie. Daß er 
damit das Leiden seines Sohnes verstärkte, war die selbstverständliche Folge 
eines solchen lächerlichen Benehmens. 

In der Familie herrscht die größte Zurückhaltung in Besprechung der 
sexuellen Fragen. Aber dafür brechen die sexuellen Regungen in sonderbaren 
Handlungen durch. Wir haben erwähnt, daß er die Mutter nackt im Bade sah. 
Es war nicht das einzige Mal. Auch die Schwester sperrte die Türe zu ihrem 
Zimmer nicht zu, wenn sie sich umkleidete. Ja, sie genierte sich gar nicht, als 
er eintrat. Sie handelte so, als ob er gar kein Geschlechtswesen und gar kein 
Mann wäre. Dabei herrschte eiue Zärtlichkeit und ein Familiensinn, der die 
seelische Liebe der Mitglieder ganz für sich in Anspruch nahm. 

Er träumt: 

Ich bin mit einem Mädchen im Garten und küsse es in wahnsinniger 
Leidenschaft auf Schultern und Hals. Sie schweigt und lächelt nur merk- 
würdig. Ich sage: Du kannst ja den anderen nicht vergessen. Für mich 
bist du ewig verloren. Ich küßte dem Mädchen die Hand und sagte noch : 
„Lebe wohl! Lebe für ewig wohl." 

Der erste Gedanke zu dem Traume war: „Dieses Mädchen war meine 
Schwester. Ich habe es für ewig an meinen Schwager verloren !" 

Er gibt die Iuzestregungen und seine Eifersucht auf den Schwager Erich 
zu. Er rette sich vor seinem Haß gegen den Schwager in die Liebe zum 
Schwager. Ihn beschäftigen immer wieder Phantasien, „wie es der Schwager 
mit der Schwester mache". Er ist als „Kiebitz" an ihrer Ehe beteiligt und 
läßt sich von Erich gerne einige Mitteilungen über sein Eheleben machen. 
Erich ist nicht so zurückhaltend wie die Mitglieder seiner Familie. 

Im weiteren Verlaufe der Analyse treten auch Todeswüusche gegen seine 
Mutter hervor. Die Mutter zaukt von Früh bis Abend, so daß der Vater wieder- 
holt drohte, er werde das Haus verlassen oder Selbstmord begehen. Er wünschte 
dann, die Mutter sollte sterben, und phantasierte von einer Ehe mit dem Vater 
indem er den Vater durch, maßlose Liebe die Quälerei der Mutter entgelten 
wollte. 



224 Die Impotenz des Mauues. 

Gegen Schluß der Behandlung bringt er folgenden Traum: 

1. Mama, Schwester und ich fahren im letzten Wagen der Elektrischen 
eine steile Gasse hinauf. Oben steigen Mama und Schwester aus. Ich folge 
gemächlich nach, erinnere mich, etwas vergessen zu haben, kehre zurück 
und nehme von der Sitzbank einen kurzen Überzieher und eine Unter- 
hose. Irgend einer von uns dreien hat einen gläsernen Deckel mit Sprüngeu 
in Form eines Büschels. 

Wir gehen die Gasse hinunter. Der Weg wird jetzt rechts von einer 
Böschung, links von freiem Feld begleitet. Ich suche den Deckel. Die 
Schwester zeigt ihn mir. Ich sage: „Das ist er nicht. Da ist ja ein Stück 
Glas ausgefallen." Dann suche ich die Unterhose. Meine Schwester zeigt 
sie. Ich nehme sie und fürchte dabei, daß Leute, die in der Nähe sind, 
sich über die Unterhose lustig machen. 

2. Wir drei stehen beim Motorführer in der Elektrischen. Ich mache 
meine Schwester auf mehrere Herren in einer Allee aufmerksam, die nach 
der neuesten Mode kurze Hosen tragen. Ich bemerke, daß sie und der 
aufmerksam gewordene Motorführer in die falsche Richtung schauen. 

Der Motorführer hat ein Paar weißer Damenhalbschuhe. Hinter ihm 
steht eine Dame, die sie probiert. Sie sagt: „Die sind ja viel zu hart." 
Ich bemerke auch, daß sie zu groß sind. 

Wir sind mit meinem Schwager in einem Coupe". Ich sage zu ihm 
mit Bezug auf die modern angezogenen Herren in kurzen Hosen: „Da 
ist es gut, wenn man ordentliche Wadeln hat." 

3. Wir sind (jetzt 4 Personen) in einem Variete. Es ist zirkusartig 
gebaut, mit einem Podium statt der Arena, dann ein Stehparterre und 
rund herum Holzwäude mit großen Zwischenräumen, in denen man die 
dahinterbefindlichen Galerien sieht. Wir gehen auf eine solche Galerie 
und sehen im Vorbeigehen einen Mann auf dem Podium, der die Vorder- 
seite seines Körpers entblößt hat. Glied und Hoden sind vollkommen ein- 
gezogen. Er zeigt seinen Längsschnitt vom Nabel zum Mund und sagt 
etwas dazu. 

Auf der Galerie entferne ich mich von den Meinen und steige auf 
einen anderen Platz. Hier steht etwas aufgeschrieben. Ich glaube, daß es 
bedeute, meine Karte berechtige mich nicht hier heraufzusteigen. Trotz- 
dem blicke ich auf das Podium herunter. 

Der Mann hat eine lange Röhre in der Hand, vorn mit einem (rot) 
färbigen Glas verschlossen und schaut durch. Er richtet diese Art von 
Fernrohr auf einen jüngeren Ankömmling und bewegt dabei die Schultern 
so, als ob er über eine Menge von Leuten hinweg etwas erspähen wollte. 

Der junge Mann hat ein gleiches, aber viel kürzeres Instrument 
in der Hand und schaut damit auf den Mann auf dem Podium. 

Die beiden nähern sich, bis die farbigen Gläser fast aneinanderstoßen. 

Bisher hatte er alle Phantasien vor sich selbst versteckt. Nun ist 
der Deckel, der seine Sexualität verdeckte, schadhaft geworden. Er be- 
steht aus einem äußeren Menschen (Überzieher) und einem inneren (Unter- 
hose). Er will den anderen Menschen, den inneren Menschen nicht zeigen. 
Sein innerer Mensch ist noch immer fromm. Er wagt es nicht fromm zu 
sein (die Unterhose) zu zeigen, weil er fürchtet, verlacht zu werden. Aber 
er weiß, daß die fromme Richtung die einzig richtige ist. Die meisten 



Impotenz und Religion. ^,%^ 

Menschen (auch sein Vater, der Motorführer, der ein halber Freigeist ist) 
blicken in eine falsche Richtung. Auch der Mann in der Arena hat Glied 
und Hoden ganz eingezogen, also auf seine Sexualität verzichtet. Er blickt 
mit einem Fernrohr in die Ferne, zu den Sternen, zum Himmel und zeigt 
ihm so den Weg, den er zu gehen hat. 

Die Erkenntnisse des Traumes lassen sich folgendermaßen zusammen- 
fassen: Ad 1. Er wollte mir seine Einstellung zur Schwester und Mutter 
verbergen. Das drückt sich in dem Deckel aus, der ein Loch hat und 
Sprünge zeigt. Die Unterhose verrät die sexuellen Gedanken an die 
Schwester, deren er sich schämt. 

Ad 2. Der Motorführer ist der Vollmann. Er beneidet den Schwager 
um seine Gestalt und um die Größe seines Phallus. Sie waren einmal 
in einem Museum und sahen den Gipsabdruck eines Gladiators, der 
einen sehr großen Penis zeigte. Sein Schwager sagte ihm : „Der meine 
ist größer". Überdies prahlte sein Schwager wiederholt mit seiner Potenz. 
Er leidet an Minderwertigkeitsgefühlen und glaubt, daß er einen zu 
kleinen Penis habe, daß er Frauen nicht befriedigen könnte. Seine erogene 
Zone sind die Waden, was im Traume deutlich zum Ausdruck kommt. 
Die harten Damenschuhe beziehen sich auf seine Gerontophilie, die Vor- 
stellung, er könnte eine zu große, weite Vagina nicht ausfüllen, wird 
gemildert durch seine infantile Vorstellung, daß sich bei alten Frauen die 
Vagina verkleinere . . . 

Homosexuelle Tendenzen gegen den Vater, den Schwager und mich 
bringt der dritte Abschnitt. Ein homosexueller Akt, bei dem die Glieder 
zusammenstoßen, wird ziemlich deutlich geschildert. 

Wichtiger ist die zweite Bedeutung. Ich lehre ihn, in die Ferne zu 
sehen und die kurzsichtige Einstellung zur Familie zu überwinden. Er hat 
wohl nicht meinen Weitblick, aber er will sich bemühen, die inzestuösen 
Einstellungen zu überwinden und die Liebesobjekte nicht in der nächsten 
Umgebung zu suchen. 

Welche unglaubliche Zerrissenheit zeigt uns die Seele dieses Men- 
schen! Unwillkürlich müssen wir an den Ausspruch der alten Dame 
denken: „Gott erhalte Sie so rein!"' So kennen sich die Menschen und so 
wenig wissen sie voneinander! Ja, wer nach dem Scheine urteilen würde, 
der könnte in dem feinen, liebenswürdigen, zartbesaiteten, keuschen Manne 
nicht die Abgründe erkennen, die in seiner Seele zwischen Wirklichkeit 
und Phantasie klaffen. 

Zerrissenheit ist das Charakteristikum dieses Menschen, der nach 
außen einen sehr harmonischen und ausgeglichenen Eindruck macht. Er 
führt das Leben eines Asketen, seit es ihm gelungen ist, den Trieb zur 
( )nanie zu überwinden. Aber er kann den Übergang von Autoerotismus 
zu Heteroerotismus nicht vollziehen. Seine Vorwürfe, er habe sich durch 

Stelcel, Störungen des Trieb- und Aftektlebona. IV. 2. Aufl. j^ 



226 



Die Impotenz des Mannes. 



' 



Onanie das Leben zerstört, werden erst verständlich, wenn wir den Reich- 
tum seiner „polymorph-paraphüen" Sexualität und seiner Phantasiewelt in 
Betracht ziehen. Ich konnte in seiner Psyche alle Regungen finden, welche 
die Lehrbücher der Psychopathia sexualis füllen. Nur die Inzestphantasien 
von seiner Schwester konnte er zurückdrängen, so daß sie ihm nicht be- 
wußt wurden und er sich über die Erektion in ihrer Nähe wundern 
konnte, „da er doch absolut kein sexuelles Gefühl für sie habe"(!). Auch 
seine starke Homosexualität gehört zu den Regungen, die er nicht sehen 
wollte und erst in der Analyse erkannte. Aber seine Leckphantasien, 
seine Neigung für Schmutz, sein Exhibitionismus, seine Gerontophilie, 
sein Pluralismus waren ihm bewußt. Phantasien von Orgien waren keine 
Seltenheit. 

•Gegen diese Regungen suchte er Schutz in der Religion. Er wollte 
Klosterbruder werden und seine kindliche Sexualität durch Fasten und 
Gebete ertöten. Erst als er die Unmöglichkeit einsah, seiner stürmischen 
Sexualität zu entgehen, flüchtete er in einen Atheismus, der nur dazu 
dienen sollte, sein Schuldgefühl aufzuheben und ihn von Go.tt, dem Strafe r 
und Rächer, dem Aussehenden frei zu machen. Aber dieser Atheismus 
war — wie die Traumanalysen gezeigt haben — etwas Äußerliches, seinem 
Wesen nicht organisch Entsprungenes, sondern Aufgepicktes, eine dünne 
Papierhülle. 

Er ist innerlich fromm geblieben und diese Frömmigkeit drängt 
ihn auf den Weg der Askese. Seine Impotenz ist der innere Wille des 
religiösen Menschen, das irdische Glück der ewigen Seligkeit aufzuopfern. 
Dazu verhalf ihm auch seine Fixierung an die Familie. Sein wichtigstes 
Sexualobjekt war eigentlich die Schwester. Mit dem ganzen Trotz der 
infantilen Parapathiker hielt er an seinen einstigen sexuellen Forderungen 
fest: sie oder keine! 

Die Zustände in seinem Hause waren unerträglich. Die Mutter 
keifte den ganzen Tag und der Vater drohte mit Selbstmord. Es war ihm 
unmöglich zu studieren und zur Ruhe zu kommen. Es boten sich ihm 
einige Gelegenheiten, eine günstige Stellung zu erhalten und aus dem 
Hause zu kommen. Er ergriff unter allerlei Rationalisierungen diese Ge- 
legenheiten nicht. Er meinte, er könne seinen armen Vater nicht im 
Stiche lassen, er wäre der Mutter dann gänzlich ausgeliefert. Das waren 
aber alles nur Vorwände. Er konnte von seiner Familie nicht loskommen. 
Er war ein Familiensklave. Er konnte ohne die Zänkereien der Mutter 
und ohne die Klagen des Vaters, ohne die täglichen Besuche bei seiner 
Schwester und seinen Tanten und Kusinen nicht mehr leben. 

Er spielte sich den Mann vor, der nur darauf wartete, sich ins Leben 
zu stürzen und Frauen und Mädchen zu erobern. Seine innere Religiosität 
hat ihm dann immer noch rechtzeitig ihr hemmendes „Nein" zugerufen. 



Impotenz und Religion. 227 

Eine Heilung finden diese Familiensklaven erst in einer Ehe, welche 
ihnen auch eine Lösung von der Familie und eine Überwindung der in- 
fantilen Sexualität gestattet. Viele aber bleiben ewige Hagestolze, schein- 
bare Abstinenzler, der Onanie als der einzig möglichen Form der Sexual- 
befriedigung ergeben. 

Geben sie die Onanie auf, so durchsetzt die Sexualität ihr ganzes 
Leben und dringt als Parapathie wieder durch. Oft werden diese ver- 
kappten Frömmlinge später wieder fromm. Sie sprechen dann von einer 
inneren Wandlung, die doch nichts anderes ist, als die Rückkehr zum 
alten, nie verlassenen Kinderglauben. Dann rächt sich die verdrängte 
Sexualität und durchsetzt ihren Glauben. Ihre religiösen Ekstasen sind so 
mächtig mit zurückgestauter Libido erfüllt, daß schon das Gebet zum 
erotischen Akt werden kann. 

In den meisten Fällen von Impotenz gelang es mir diesen Typus 
des Frommen, der seine Frömmigkeit vor sich verbirgt und hinter einer 
Maske der Religiosität weiter pflegt, zu entlarven. Damit entschleiert 
sich die Impotenz als etwas vom inneren Menschen Gewolltes. 
Sie ist eine hartnäckig angestrebte und durchgesetzte Askese 
des inneren Frömmlings. 

Therapeutisch zeigen sich zwei Wege der Heilung. Entweder der 
Kranke überwindet seine infantile Religiosität, die sich oft auch hinter 
ästhetischen und ethischen „Bewegungen" verbirgt, oder er kapituliert 
und fügt sich den Satzungen seiner Religion. Deshalb kann die Impotenz, 
wie ich in den Kapiteln „Impotenz und Ehe" ausgeführt habe, in der 
Ehe vollkommen verschwinden, besonders wenn die Wahl des Partners 
nicht nach sozialökonomischen Gesichtspunkten, sondern vom Geschlechts- 
instinkte diktiert wurde. 

Viel schwieriger wird der Fall, wenn die Askese selbst, zur Lust 
geworden ist was man bei frommen Naturen sehr häufig antrifft. Auch 
eine masochistische Komponente kann sich als Impotenz durchsetzen und 
aus der Demütigung beim Weibe, ebenso wie aus der Stellung des Weib- 
lichen und Schwachen Lust schöpfen, wozu wieder das Schuldbewußtsein 
mithelfen kann, das ja in keinem Falle von Impotenz fehlt. 

Geradezu ein Musterbeispiel für diese Verhältnisse zeigt eine Analyse, 
die Dr. A. Mißricgler an einem ihm von mir zugewiesenen Patienten 
mit ausgezeichnetem Erfolge durchgeführt hat. Leider ist es aus Raum- 
mangel nicht möglich, das höchst interessante Protokoll in vollem Umfang 
zu bringen. Ich lasse dem Kollegen das Wort. 

Fall Nr. 86. Herr K. N., gel). 1887, Getreidehandler in Serbien, ältestes 
Kind einer orthodoxen jüdischen Familie, der aber selbst Freigeist ist, wie er 
hervorhebt, berichtet an amnestisch folgendes. Er hat in seinem Leben noch 
nie sexuell reüssiert. Er hat seit langem überhaupt keine Erektion mehr, 
früher kam es wenigstens zu schwachen Erektionen, allerdings trat im besten 

v 15* 



228 



Die Impotenz des Mannes. 



Fall nach 2 — 3 Bewegungen schon die Ejakulation ein ohne jeden Orgasmus, 
oft mit brennenden Schmerzen. Auch Morgenerektioneu, die früher manchmal, 
wenn auch vou kurzer Dauer aufgetreten waren, fehlen jetzt. Sehr selten 
Pollutionen, aber ohne jegliches Gefühl. Der erste Verkehr war im 16. — 18. 
Jahr. In diesen drei Jahren hatte er auch mit sehr guter Potenz und mit 
Orgasmus onaniert, die Selbstbefriedigung dann aus Gründen der Gesundheit 
aufgegeben. 

Er hat drei Brüder, von denen einer durcli einen Unglücksfall ums 
Leben kam, und vier Schwestern. Machte einige Kinderkrankheiten durch und 
vor 10 Jahren eine Pleuritis exsudativa, sowie eine Gonorrhoe. Die Mutter 
ist höchst nervös, die Großmutter hatte einige Jahre laug Anfälle von „Geistes- 
störung nervöser Art, die sie sich einbildete", die je ein Jahr lang anhielten, 
sich zwei oder dreimal wiederholten und jetzt ganz verschwunden sind. Auch 
der zweite Bruder leidet an einer nervösen Störung, er kann nämlich nirgends 
Schmutz vertragen. Der dritte Bruder, den Patient von der Onanie abbrachte 
leidet ebenfalls an Ejaculatio praecox. Alle drei Brüder sind unverheiratet, ob- 
wohl sie genug gute Partien machen könnten. 

Vom objektiven Befund will ich bloß anführen: Pleurale Adhäsionen an 
der Lungenbasis links, sonst keine Symptome an anderen Organen. Das Mem- 
bran ist etwas kleiner als normal, die Hoden gut entwickelt. Der neurologi- 
sche Befund negativ. 

Diagnose: Psychische Impotenz mit Ejaculatio praecox. 
1. Er berichtet in der ersten Stunde: Er hat keine gute Erziehung 
gehabt, die Eltern haben ihn stets „persekutiert". Er mußte nur fortwährend 
lernen und lernen, besuchte drei Schulen zu gleicher Zeit, die serbische, 
jüdische und französische. Da er wenig zu essen bekam, alte geflickte 
Kleider trug und darum schlecht aussah, verspotteten ihn seine Kameraden 
oft, obwohl er stets der erste in der Schule war. Er zog sich daher auch 
sehr zurück und genierte sich vor allen Menschen. Das blieb ihm bis heute. 
Auch vor den Dirnen, zu denen er ging, schämte er sich, und zwar 
wegen der Kleinheit seines Gliedes, und da ihn diese verspotteten, hatte er 
keine Erektionen oder sofort Erguß, wenn er das Glied überhaupt einführen 
konnte. Er versuchte das nach den Ratschlägen seiner Brüder mit allerlei 
Praktiken zu umgehen, stand z. B., während das Weib auf dem Bettrand 
saß, machte bald lange Pausen, führte dann den Koitus rasch hintereinander 
wieder aus, verwendete Medikamente, Heilbäder, elektrische Gürtel, eine 
Maschine, die das Glied erigiert halten sollte usw., aber alles ohne Erfolg. Er 
war deshalb oft schon nahe daran sich das Leben zu nehmen. 

Sein Minderwertigkeitsgefühl hat er auch Fremden gegenüber. Er macht 
sich über alle Fehler, die er begeht, z. B. wegen eines Etiketteverstoßes oder 
wenn er einem Kellner zu wenig Trinkgeld gibt, heftige Selbstvorwürfe. Er 
gibt daher immer um 10 K mehr Trinkgeld als ein anderer. Sehr schämt 
er sich zuhause darüber, daß er mit 35 Jahren noch „Bocher" (Junggesolle) 
ist, da ein solcher ja nicht als vollgültiger Mann angesehen werden könne. 
Die Schäden der Onanie hat er aus einem Buche kennen gelernt und 
meint, daß seine Impotenz wahrscheinlich doch durch die Onanie hervor- 
gerufen wurde. Er hat auf eine ungewöhnliche Weise onaniert: Er bog das 
Glied in der Mitte ab, so daß die Spitze zwischen die Hoden 
zeigte, und reizte es an der Knickungsstelle. 



Impotenz und Religion. 229 

2. Er bringt spontan Gründe für das innere „Nein" gegen den Verkehr 
vor, ohne aber den Zusammenhang zu ahnen. Den ersten Koitusversuch 
machte er in einem Bordell mit einem sehr schmutzigen und stinkenden 
Mädchen, weil er wenig Geld hatte. Es ging nicht recht und sie lachte ihn aus. 
Er hatte auch stets Angst vor Infektionskrankheiten. Vor den Eltern hatte er 
immer große Angst, besonders vor dem Vater, der ihn stets dringendst und 
drohend ermahnt hatte, ja kein Mädel anzusehen. Der Vater hielt ihm auch 
stets die Lehren der Religion vor, die Unkeuschheit verbiete. 

Auf meinen Hinweis akzeptiert er sofort die ersten zwei Einfälle als 
bestimmend für seine Impotenz, er habe sich das Genitale und den Leib der 
Frauen in seinen Phantasien und nach Bildern immer als ganz besonders 
schön vorgestellt und der Gegensatz zur Wirklichkeit sei allzugroß gewesen. 
Die Angst vor Geschlechtskrankheiten sei auch jetzt noch lebhaft. Die 
Furcht vor den Eltern sei aber jetzt ganz unwirksam. Er beginnt sofort 
wieder in den stärksten Ausdrücken über die verfehlte Erziehung der Eltern 
zu schimpfen. Er würde sich jetzt nicht im geringsten um ihre Meinung 
kümmern. Allerdings gibt er ohne befragt zu werden zu, daß er damals 
großes Heimweh hatte. Auch die Religion habe gar keinen Einfluß auf ihn. 
Er sei einst sehr fromm gewesen, aber der Glauben sei keinen Pfifferling wert. 

Er meint, bei einem stabilen Verhältnis werde es vielleicht besser gehen, 
aber fürchtet wieder, daß sie seine Schwäche weitererzählen könne, und kommt 
zu dem Schluß, daß die zwei Gründe für seine Impotenz: Unreinlichkeit, 
Ansteckung, elterliches und religiöses Verbot bei einer Frau ja wegfallen 
würden. Nur wäre er nicht imstande, sich seiner zukünftigen Frau vorher zu 
offenbaren, und fürchtet, sie werde nicht genug Geduld mit ihm haben und 
ihn etwa nach einigen Versuchen auch auslachen. 

Mit etwa 12 Jahren schwärmte er für schön und rein gekleidete Mäd- 
chen mit eleganten hohen Stöckelschuhen. Er hatte sogar Pollutionen im Traum 
und bei Tag Phantasien, in denen er sich vorstellte, daß solche Mädchen 
mit den Schuhen auf seinem Leib herumtraten; der Orgasmus kam, 
wenn er ihre Schuhe in seinem Gesicht spürte. 

Die Frauen habe er stets für höhere Wesen gehalten. Manchmal hatte 
er das Verlangen, den Verkehr in umgekehrter Position zu vollziehen, aber 
er getraute sich nicht, den Wunsch zu äußern. — Der ungemein nervöse 
und jähzornige Vater hatte ihn als Kind oft geprügelt. Und daran schließt 
er wieder eine Sturzflut von Vorwürfen, die uns seine unbewußte Liebe zum 
Vater verraten. Wir warten ab, bis sie sich von selber äußern wird. Dann 
wird er auch seine innerliche Religiosität, seine verdrängte Liebe zu Jehova, 
dem „strafenden und zürnenden Gott" erkennen. 

3. Er beginnt wieder über seine Erziehung zu klagen: Der Vater ließ 
ihn einmal mit 8 Jahren nicht in ein Theater. Die Mutter war sehr geizig, 
lebte nur für ihr Geld. Auch seine Lehrherrn waren immer streng. Er suchte 
nie Gesellschaft, weil er sich schämte Fehler zu machen, er kann auch keine 
elegante Konversation führen, wie er ja auch als Kind nie reden durfte. 
Er hat immer alles für sich behalten, auch berechtigte Klagen; wurde ver- 
schlossen, schwerfällig im Entschluß. 

Auch etwas wegen seiner Impotenz zu unternehmen kostete ihm viel 
Entschlußkräfte. Er versuchte allerdings schon eine Reihe von Kuren bei 
verschiedeneu Ärzten, aber sie halfen nichts. Jetzt kam er nach Wien, um 
einen letzten Versuch zu machen und — wenn er fehlschlagen sollte — end- 



230 Die Impotenz des Mannes. 

gültig zu entsagen oder sich das Leben zu nehmen. Man wies ihn hier an 
einen berühmten Professor, der ihm Chinin (Yohimbin?)-Tabletten, Kohlensäure- 
bädar und eine Stunde Schlaf vor dem Koitus verordnete. Nach einer Woche 
solle er es mit einer Dirne versuchen. Der erste Versuch nach dieser Kur schlug 
fehl und er fürchtet jetzt, von den Tabletten eine Nierenschädigung zu be- 
kommen, da er einmal eine Nephritis hatte und jetzt Schmerzen im Kreuz 
spürte (aufgepeitschte Sexualität, die wegen der natürlich fortbestehenden psy- 
chischen Hemmungen nicht befriedigt werden kann). In einer Buchhandlung 
sah er Ste/ceh Buch über Impotenz und suchte ihn auf. 

Anfangs onanierte er mit erigiertem Glied, erst später mit gebogenem 
da er das für weniger gefährlich hielt; es fließe weniger vom kostbaren 
Samen ab. Nach der Lektüre eines Buches über die Schäden der Onanie hörte 
er vor Angst ganz auf. Er hatte übrigens die Vorstellung, das Glied brauche 
zum Koitus nicht erigiert zu sein, es könne auch einfach in die Scheide 
hineinhängen. (Wir merken infantile Kcitnsvorstellungen.) 

Er baut seine masochistischen Onaniephantasien weiter aus: Das Weib 
schlage ihn schüttle ihn, überwältige ihn, setze sich auf ihn und uriniere 
in seinen Mund Plötzlich erkennt er den Zusammenhang zwischen diesen 
masochistischen Ideen und seinem Minderwertigkeitsgefühl. 

• 4 ; c E t , lriB SiC v darüber bern!li £ eB ^sen, daß es für die Heilung bei 
seinen 35 Jahren nicht zu spät ist, ihm die Onanie und der Tripper nicht 
geschadet haben. Klagt sehr über sein Leiden; er denke auch hauptsächlich 
an seine Brüder, die er ebenfalls zu mir schicken will, wenn er gesund wird. 
(Der Widerstand wird wach. Er will die Flucht ergreifen und lieber die 
Brüder zur Behandlung schicken.) 

Er hat wenig Bedürfais nach einem Verkehr und erkennt, daß dieselben 
Grunde, die seinen Orgasmus hindern, auch hier wirksam sind. Die Über- 
schätzung des Weibes in der Phantasie, die Enttäuschung durch die Wirklich- 
keit, die Angst sich vor dem Weibe zu blamieren und dann zum Gespött der 
tremdeu zu werden, die Unmöglichkeit seinen Masochismus zu realisieren 
das Verbot der Eltern und der Religion. 

Mit etwa 12 Jahren kam er vom Hause fort und kehrte mit 24 Jahren 
zurück Er war vielleicht 19 Jahre, als er erkannte, was ihm der Vater alles 
vorenthalten. Damals erkannte er auch das Lächerliche der Reli-ion Er wird 
auf den Zusammenhang dieser beiden Wandlungen aufmerksam gemacht. 

Die Mutter liebte er als Kind sehr, besonders wenn sie über irgend 
etwas sehr weinte, aber er konnte es ihr niemals sagen oder zeigen; behielt 
alle Gefühle für sich. (Bei seinem Masochismus scheint eine Identifizierung 
mit der Mutter mitzuspielen, worauf vielleicht auch der Wunsch nach dem 
Succubus hindeutet.) Jetzt kann er den Vater nicht leiden und er läßt ihn 
nicht einmal in sein Haus, wo er mit seinen Brüdern wohnt. Der dritte 
Bruder, den er gern hat, ist sein Kompagnon, der zweite (mit der Zwangs- 
parapathie) ist mehr separiert. 

Diesen 3. Bruder hat er stets vor der Onanie gewarnt, besonders damals, 
als er selbst mit aller Kraft dagegen kämpfte und sich z. B. die Hände am 
Halse festband, um nicht unwillkürlich in der Nacht zu onanieren. Die zwei 
Brüder erzählen sich alle ihre sexuellen Erlebnisse und Blamagen, denn der 
Bruder hat jetzt ganz dieselben Erscheinungen wie er (bei ihm selbst waren 
sie zuerst), obwohl dieser niemals onanierte. Er begründet dieses Ausfragen 
und Beraten damit, daß der Bruder die Sache besser machen und nicht so 






Impotenz und Religion. 231 

leiden solle. Auch das Glied des Bruders ist nicht so klein wie seines, es sei 
im Gegenteil sehr schön. Befragt, wieso er das wisse, meint er, im Bad habe 
er es einmal gesehen. 

5. Er hatte zum erstenmal einen kurzen Traum: 

Ich war in einem Städtchen und habe einen Bekannten bemerkt 
mit seiner Frau und noch jemanden spazieren gehen. Sie waren sehr 
krank. 

Einfälle: Er erwartet Nachrichten von zu Hause, eine seiner Schwestern 
soll sich verloben. Auch der zweite Bruder macht jetzt eine Bäderkur durch, 
weil er heiraten möchte. (Seine Heimat und sein jetziger Aufenthaltsort.) 

Der Bekannte ist in jungen Jahren au Knochentuberkulose gestorben. 
Er hatte mit ihm manche Auftritte, weil er ihn ironisierte. Er hat eine 
Tochter, die verlobt ist. (Ein junger Mann = er selbst.) 

Er sah eine hohe, schlanke, sehr anständige Frau im Traum. Hierzulande 
respektiert jeder das Eigentum dos andern. (Seine Frau = meine Frau.) 

Sein 2. Bruder. 

Er möchte hier heiraten und gleich mit der Frau zurück nach Hause 
fahren, ohne etwas zu schreiben. (Kranksein = Gesundsein.) 

Er sieht sich im Traum schon mit seiner Frau gesund spazieren gehen. 
Das erste Anzeichen von Übertragung zeigt sich, denn sein Liebesobjekt 
ist meine Frau. 

6. Er hatte wieder einen kurzen Traum: 

Ich hab mit jemandem Perscrtoppiche gesehen. Er sagte, wir wollen 
Teppiche kaufen. 
Die Teppiche sind die schönen kostbaren Frauen in Wien, von denen 
er sich eine in die Heimat mitnehmen will, „sie braucht kein Geld zu 

haben". n „, . , . 

Er las heute ein Buch, wo masochistische Szenen großen Eindruck auf 
ihn machten und ihn erregten. Er will aber im Leben kein unterwürfiger 
Diener und Sklave sein, habe auch nie sexuelle Phantasien dieser Art ge- 
habt, sondern sucht im Gegenteil immer Gesellschaft auf, wo er der klügere, 
reichere, angesehenere ist. 

Als Kind hatte er zwei Freunde, die Mutter des einen nahm sich manch- 
mal seiner an, wenn er von seinen Eltern gesehlagen wurde. 

Beim Reiten hatte er sexuelle Erregung, obwohl er sich immer vor 

Pferden fürchtete. " . 

Es meldet sich langsam die Erkenntnis, daß Furcht, Schlage und Wol- 
lust bei ihm zusammenhängen, ohne daß ich davon ein Wort gesprochen hätte. 

7. Er bringt einen größeren Traum: 

Ich habe etwas gewogen (l). Was auf der Wagschale (2) war, 
habe ich genommen (2) und ging damit neben einen Zaun (3) und hab es 
weggeworfen (4). Es fiel dabei ein kleines Gewicht von 100 g heraus (5). 
Es liefen Hunde dort hin und her und ich meinte, es laufen unsere 
Hunde den anderen nach (6). Ich bekam Angst und traute mich das 
Gewicht jetzt nicht zu nehmen (7), erst am andern Tag (8). Da bemerkte 
ich, daß es weiße Hunde mit schwarzen Flecken waren, fremde Hunde. 



232 



Die Impotenz des Mannes. 



Einige liefen zu mir, ich dachte, sie werden mich jetzt zerreißen und 
erwachte mit Angst. 

Beim Mittagschläfehen hatte ich noch einen Traum: Ich war in 
einem kleinen Städtchen in einem ärztlichen Ordinationszimmer. Ein ein- 
ziges Bett, auf dem mehrere Leute lagen oder saßen. Der Doktor kam 
zu mir, ich klagte ihm mein Leiden. Er ging in eine Kanzlei und kam 
mit einem andern, Oberarzt. Plötzlich war auch ein kleines Kind neben 
nur auf dem Bette. Der /.weite fragte: Ist das Ihr Kind? und lächelte 
ironisch. Ich sagte: Nein. 

• K* n iD K fäl w : L G u eSte, * U , abe " UdS hatte er eine E, " ektiou wie schon lange 
nicht Dabei kamen ihm auch die Phantasien zu Bewußtsein, die er als Knabe 
(12 Jahre) hatte: Der Sklave einer schönen vornehmen Frau zu sein di ?Jn 

von der tuberkulösen Pleuritis und STSftÄ ffSlÄE 

<. Hat jetzt keine Angst vor dem Heiraten mehr. 

8. Wenn es klar ist, wenn man alles sieht und weiß, „ach der Analyse. 

sch^ ää: jtb ss^äs s-sr - 

ab Was mi^h n;»^,.^..,-. i * j ,. Wie & e aie Chancen meiner Heilung 

L we7Lw •; •T Üekl,ält ' de " Gedanken« mein kleines 

fthie d kß die \Z;J? , Vr h t den Elteru **■**■» «^ ich 

lünle, daß die Autorität der Eltern doch noch wirksam ist, aber ich werde 

WoM™ r iD Ä ?f? ^ n ° Ch WaS andereS niit meinem Gliel set. ( h 
Wohl aus der Kindheit) Ja, wo die Eltern mir das Spielen verboten haben. 

Ich gab es auch auf, warf es weg, sollte es später wieder nehmen dürfen, 

wenn ich groß bin. Die Hunde sind meine Eltern. Die fremden weißen Hunde 

mit den Flecken sind die andern Frauen, wohl die Dirnen. 

. e Ö \ De [ nächste Traun » bringt erstens die Bestätigung des vorigen, weiters 
aoer bchmähungen gegen den Arzt in sehr verschleierter Form und verrät 
seine Absicht, zwei Dinge für sich zu behalten und damit in die Heimat zu- 
rückzufahren, schließlich aber enthält er doch wieder die Erkenntnis, daß er 
neiraten müsse, um gesund zu werden, ohne allerdings den Grund zu erken- 
nen In seinen Einfällen kommt auch das Thema der Religion — in ableh- 
nender Art — zur Sprache. 



Impotenz und Religion. '*■$'$ 

" 9. Gestern hat er ein Mädchen getroffen, das Eindruck auf ihn machte, 
da sie klug und freundlich mit ihm sprach. Darauf hatte er einen interes- 
santen Pollutionstraum, der uns in der Erkenntnis seiner religiösen Einstellung 
weiterführt. Er berichtet dazu: 

„Die Pollution erfolgte mit viel größerem Orgasmus als früher. Ein 
Zigeunermädel lockte mich einmal, so wie die erste im Traum, aber ich hatte 
Angst vor einer Infektion. Ein andermal wollte ich ein Zigeunermädel haben, 
aber sie gab sich nicht. Diese Zigeunerinnen sind das gemeinste was es gibt. 
Die Juden sind von den Zigeunern (Ägyptern) einst unterdrückt worden." Und 
nun spricht er fast die ganze Zeit von der Bibel: Josef und seine Brüder, 
die Verführung durch die Potiphar, sein moralischer, gottgefälliger Lebens- 
wandel. Die sieben fetten und die sieben mageren Jahre (er sagt jedesmal 
umgekehrt: die sieben mageren und die sieben fetten Jahre!). Josef hat viel 
gelitten, aber er hat viel erreicht, er ist der zweite nach dem König selbst 
geworden. Bei Moses ging es ebenso, der ein großer Mann und ein Stellver- 
treter Gottes wurde. An der Bibel sei übrigens doch einiges dran, sie lege 
z. B. auch den Träumen sehr große Bedeutung bei. 

Er identifizierte sich mit Josef und Moses, sieht sich bereits als zweiter 
nach seinem Vater und sieht hoffnungsvoll iu die Zukunft. Er hat heute viel 
ans Heiraten gedacht. Das Mädchen T. machte großeu Eindruck auf ihn. 

Der religiöse Komplex meldet sich bereits deutlicher, obwohl der Zwang 
der Analyse noch immer vollkommen dem Patienten überlassen ist. Nur bei 
der Auflösung der „Nachfolge" half ich ihm etwas nach. Wir erwarten die 
Erkenntnis seiner latenten Frömmigkeit und dann seiner Einstellung zum 
Vater mit wahrscheinlichem Auftauchen homosexueller Regungen. 

10. Er bringt noch einen wichtigen Einfall zum „Insekt" des gestrigen 
Traumes: Er ließ sich als junger Bursche, fern von der Obhut der Eltern 
(„wenn man bei ihnen ist, kann einem so was nicht geschehen") von einem 
Kridatar verführen, für ihn falsches Zeugnis abzulegen. Er sei dabei einer 
großen Gefahr, eingekerkert zu werden, entgangen. Das Insekt symbolisiert 
die Gefahren, die ihn in der Fremde bedrohen, die Sünde, das falsche Zeugnis, 
die Mädchen, die Krankheiten (den Unglauben?). 

Nachmittags träumte er: 

Ich ging mit meinem Pfarrer im Talar der Popen, ein Kind auf 
einem Friedhof begraben. Hinter uns auf einem Wagen war das Kind. 
Ich denke mir, ich sollte doch lieber mit einem Rabbi gehen, aber es 
wird mich ja hier niemand sehen. Ich werde ihn auch ersuchen, einen 
kürzeren Weg zu gehen, daß uns die Leute nicht sehn. Der Pfarrer 
fragte, wo ist der Friedhof. Ich sagte, wir werden einen Wachmann 
fragen. Während er fragte, überlegte ich, daß ich das Kind lieber auf 
einem jüdischen Friedhof begraben sollte, und drehte mich um. Da sah 
ich, daß das Kind gar nicht tot ist und sagte der Magd, sie soll es 
nach Hau6e tragen. Ich dachte mir dabei selber, ich soll nicht von der 
jüdischen Religion weggehen, dann wird alles gut. 

Der Pfarrer ist sein jetziger christlicher Arzt, von dem er fürchtet, daß 
er etwa seine neu auftauchende Religiosität bekämpfen würde. Ein Glaubens- 
genosse wäre ihm als Behandelnder lieber. Aber hier in der Fremde weiß 
man ja das nicht und er bittet immer, die Analyse möglichst abzukürzen. Der 
Arzt fragt nach dem Friedhof, wo die Erinnerungen begraben sind. Er weiß 



234 Die Impotenz des Mannes. 

ihn nicht. Der Wachmann ist der Vater, die Mutter, die Frau. Er überlegt, 
ob er nicht den Arzt verlassen könnte, um allein gesund zu werden, denu 
er sieht jetzt, daß seine Potenz gar nicht tot ist. 

Der Pfarrer sind auch einer seiner Verführer, die ihn zum Atheismus und 
zum Besuch von (christlichen) Dirnen verleiteten. Es sieht ihn zwar dort niemand 
aber er muß es auf dem kürzesten Weg sehr schnell machen (Ejaculatio 
praecox). Er möchte das Kind, sein Glied, lieber bei einer Jüdin begraben. 
Er gibt es der Magd, der Frau, es nach Hause zu tragen, in die Heimat. 

Im Anschluß an diese Traumanalyse rühren sich zum erstenmal etwas 
freundlichere Regungen gegen die Eltern. Er beginnt von zwei Lehrern zu 
erzählen, die sehr gut mit ihm waren, klagt zwar, daß ihn die Eltern so über- 
mäßig zum Lernen anhielten, nieint aber dann: „Ich bin zwar bös auf die 
Eltern, aber was hat das weiter für einen Sinn. Ich will nicht mehr bös sein, 
will vergessen und einfach verbessern, was sie schlecht gemacht haben." 

11. Der heutige Traum: 

Der Kaiser hat mich mit einer Peitsche geschlagen. 

Er kommt wieder auf die Bibel. David, der erste König (sein Vater), 
der viele Kriege führte (mit Kot kämpfte), die Psalmen dichtete (bigottisch 
war) und einen Harem hielt (verheiratet ist). Unter seinem Sohne Salomon 
(er selber) kam das Land zur Blüte; er sammelte Reichtümer, war ein sehr 
weiser Mann. Seine Sprüche machten großen Eindruck auf ihn. Ein Spruch 
lautet: Man solle sich fernhalten von den käuflichen Dirnen, denn sie seien 
nur äußerlich schön, innerlich aber voll Falschheit. Das hat ihn stets abge- 
halten, zu Mädeln zu gehen. 

r u D f r . Vater hat i,,a oft geschlagen, oft unschuldig. Auch von einem 
Lehrer bekam er einmal einen heftigen Stoß, ebenfalls unschuldig. Und ein- 
mal bekam er auch zwei Ohrfeigen von einem Fremden infolge eines Irrtums 
des anderen. Von feiner Lehrerin, die er sehr liebte, hätte er sich gern schla- 
gen lassen, damals hatte er auch die Phantasien, der Sklave einer vornehmen 
Dame zu sein. Auch der Rabbi schlug ihn einmal ganz unschuldig. So ist er 
aucn von Gott uuschuldigerweise mit der Impotenz bestraft worden. 

Die Peitsche (Patsch =.- Ohrfeige) hatte eine merkwürdige Form, sie 
erinnert ihn an des Genitale. Er zeichnet sie auf. Ein langer Stiel, oben um- 
gebogen mit einem Knopf am Ende. 

12. Er hatte heute eine sehr kräftigo Erektion und einen langen Traum, 
der in der Deutung folgendes ergab. Er erkennt, daß die Hemmungen seines 
Lebens und seiner Potenz äußerlicher Art sind; noch ist er ängstlich über 
das schnelle Tempo, in dem die Aufklärung vor sich geht, er will ausspringen, 
aber die Übertragung, in der er vom Arzt sexuelle Befriedigung erwartet, 
hält ihn zurück. 

13. Er hatte wieder eine Pollution bei einem Traum , in dem er das 
Glied in eine Glasröhre stecke. 

Der Traum führt uns in den homosexuellen Komplex (Glasröhrchen = 
Anus). Er pflegte mit 13 — 14 Jahren den Finger in den Anus zu stocken, 
um sich zu erregen. Zu jener Zeit hatte er im Klosett das Glied eines Mannes 
gesehen, das ihm ungeheuer groß vorkam. Er sah einen Bauern einmal ona- 
nieren und lernte es darum auch. Als Schulbub schlief er öfter mit einem 




Impotenz und Religion. 235 

Kameraden in einem Bett und hatte den Drang, diesem die große Zehe in 
den Mund zu stecken. 

Er erkennt die homosexuelle Wurzel und klärt auf, daß ihm Frauen in 
Unterhosen unsympathisch seien. Einen besonderen Ekel vor Homosexuellen 
habe er allerdings nicht. Seine verdrängte Homosexualität ist noch im Rahmen 
der physiologischen Breite. 

Er berichtet dann über Gespräche mit Freunden über Paraphilien wie 
Fellatio, Coitus inter mammao und daß er keinen übermäßigen Drang darnach 
verspürte. Großen Eindruck machte die Erzählung eines Freundes, daß er sich 
3 Tage bemtihsn mußte, ein Mädchen zu entjungfern (wahrscheinlich wehrte 
sich diese), er meinte aber damals, das sei so schwierig, und fürchtete, er 
werde das nie eustande bringen. 

Auch ein Buch, das er damals las, beeinflußte ihn stark. Der Autor 
warnte vor Geschlechtsbotiitigung, da durch den Samen die Kraft verloren 
gehe. Nur durch Enthaltsamkeit könne man ein hohes Alter erreichen. Er 
bemühte sich damals, jede Erregung zu unterdrücken, badete das Glied vor 
dem Einschlafen in kaltem Wasser und übte die Onanie höchstens bei ab- 
gebogenem Glied, weil er glaubte, das sei keine Onanie. Übrigens lehnt er 
die von mir geäußerte Vermutung, daß bei diesem Umbiegen des Gliedes zum 
Anus hin homosexuelle Regungen mitspielen, nicht vollkommen ab. 

Die Brüder, von denen er sonst jede Stunde eine Erwähnung macht, 
brachte er heute nicht ins Gespräch, obwohl ich ihn einmal vorsichtig darauf- 
führen will. Dagegen berichtet er spontan, daß er eine seiner Schwestern sehr 
liebe. Sie schlafe auch manchmal in seinem Haus und er bemühe sich dann 
stets, sie beim Auskleiden zu beobachten und sie im Schlaf zu sehen und es 
errege ihn sehr, wenn sie dabei etwas entblößt sei, z. B. der nackte Fuß 
hervorgucke. 

14. Wir dringen weiter vor in der Aufklärung des Verhältnisses zum 
Vater: Sein Großvater, der ebenfalls sehr religiös war, hielt ihn streng im 
Zaum, zu ihm ging nämlich seine erste Reiso. Die Mutter war — obwohl sie 
nur für das Geld lebte -- doch öfter gut zu ihm. Es rührt sich der Gedanke, 
sie hätte einen besseren Mann verdient. Sie war auch früher mit einem andern 
verlobt gewesen und ihr Bräutigam kam nach Jahren wieder einmal zu ihnen 
und bat die Mutter um Entschuldigung. Der Vater war sehr eifersüchtig. 
Auch wahrscheinlich auf ihn. Zur Zeit, als die Mutter mit ihm schwanger war, 
wurde der Vater verhaftet und diese Aufregung schadete vielleicht der Mutter 
und ihm. Er erkennt, daß er sich in jeder Hinsicht vom Vater differenzieren 
wollte; also auch in der Potenz. Nun kommt er von der Haßeinstelluug zur 
Liebe zu der Mutter auf einem Umweg über ein Erlebnis mit der Tante. Er 
identifiziert sich mit der Mutter. Sie kann seit den Geburten den Urin nicht 
halten, er seinen Samen nicht. Er erinnert sich noch sehr gut, wie er immer 
von unten zu schauen versuchte, wenn die Mutter auf den Boden hinaufstieg. 
Der Ödipuskomplex wird ihm deutlich bewußt, auch daß seine Angst als Kind 
vor dem Wasser mit den Todeswünschen gegen den Vater zusammenhängen 
dürfte. Er findet auch , daß er als Kind seinen Penis in die Vagina der 
Mutter hineinhängen lassen wollte. 

15. Während gestern der Widerstand sich mehr in der Form der nega- 
tiven Übertragung (Haß gegen den Vater) äußerte, wird er heute in der 
positiven (homosexuelle Neigung zum Vater) noch stärker. Ich mache ihn 



236 



Die Impotenz des Mannes. 



darauf aufmerksam, daß seine Krankheit ja auch Bestrafungstendeuzen gegen 
die Eltern enthalte: Ihr seid ja schuld, jetzt habt ihr den Erfolg! Er meint er 
wolle den Eltern nichts zu leid tun, er erkenne jetzt, daß sie ja von ihrem Stand- 
punkt ganz recht hatten. Der Vater hatte ja auch vor der Ehe bestimmt keinen 
Verkehr, und der Vater hätte ihn totgeschlagen, wenn er gewußt hätte, daß 
sein Sohn die Keuschheit nicht bewahrt hat. Dieser väterliche Imperativ sei gewiß 
immer in ihm wirksam gewesen. Auch die Angst vor der Ansteckung stammt zum 
Teil aus der Angst vor dem Vater, denn durch eine Geschlechtskrankheit wäre ja 
aufgekommen, daß er bei einer Dirne war. Er fürchtete sich übrigens auch im 
Bad angesteckt zu werden und badete stets in einer separaten Kabine ' nie 
im gemeinsamen Herrenbad. Ich mache ihn auf das Unzulängliche dieser Be- 
gründung aufmerksam. Er meint, es hätte auch die Schani mitgespielt, er 
wollte sich nie nackt zeigen, und die Männer baden dort stets ganz nackt 
voreinander. Zögernd gibt er dann zu, daß die Homosexualität hier eine 
Rolle spiele und erklärt auch die Ansteckungsangst bei Dirnen: Ich fürchte 
mich, daß ich von einem andern Mann was bekomme, denn zu diesen Mädeln 
kommen doch viele Männer. Ich mag mit den andern Männern nichts gemein- 

lZ n *TK ^t**^?! ^ mir überhaupt unsympathisch. Nun\ommt 
heraus, daß er sich als Kind immer als Mädchen fühlte Eine Reihe von Tag- 

S„TE e - fuhr , ea . das . aus -, **■• Vermutung, daß er mit dem Abbiegen 
TlrZL 5* n r £**? VerWa " dIe ' Sich SleichBam kastriere, lehnt 
Vate dt M« D f\ Set t- er de " Gedankengang, daß er als Mädchen dem 

e^nl !v /l !' «!" k T 6 ' iD a " derer Wdse fort; Er ^kam als Kind 

einmal sehr große Schuhe Er schämte sich sehr dieser Schuhe, die besser 
der Mutter als ihm gepaßt hätten. In so große Schuhe hineinzufahren, sei 
ihm peinlich gewesen. Bei den großen Schuhen müsse er au die Mutter 

™~ " -i u ! e / J** S ° b0he < ele g ante > «*" Damenschuhe. Die 

erregen ,hn auch ihr Lederknarren, sowie das Rauschen von Seidenuntcr- 
rocken und das Knarren des Sattels beim Reiten. Er erkennt den sexuellen 
binn dieser Geräusche und daß die Schuhe eigentlich das weihliche Genitale 

sijlt; P ; as ( der Mutter - 8owie das Tre,en mit de » **■*■ j » 

seinem MundjlieJ>hantasie eines Kunnilingus symbolisiert. 

c , Iiir( 16 , Er /«s gestern ein Kapitel in Stekd* „Impotenz des Mannes" und 
erklart, daß ,hm dies Buch die Gewißheit von der Heilbarkeit seiner Störung 
gegeben. Wenn er es früher gelesen hätte, wäre er wohl nie krank geworden 
Er sieht aber dann ein, daß er die Richtigkeit der Stekdachen Darlegungen 
erst jetzt nach der Selbsterkenntnis durch die Analyse begreift, während früher 
nur gegenteilige, asketische Bücher Eindruck auf ihn machten. 

17 - — 26. Von nun an geht die Analyse sehr flott weiter. Er bestätigt, 
wiederholt, daß die Gebote der Religion den größten Einfluß auf sein Han- 
deln hatten, obwohl er nichts davon wissen wollte, und daß ihm einfach ein 
außerehelicher Verkehr schon aus dieser Hemmung heraus unmöglich war. In 
der Ehe werde er wohl sicher potent sein. Er weiß aber auch, daß der Ge- 
horsam gegen die Gebote Gottes in letzter Linie auf den Gehorsam gegen 
den Vater zurückgeht, den er trotz oder gerade wegen seiner Strenge liebt. 
Er habe auch dem Vater immer unbewußt gehorchen und die Keuschheit vor 
der Ehe einhalten müssen. Die Verfolgungen, das Geschlagen-, das Getreten- 
werden durch den Vater haben sein Minderwertigkeitsgefühl geschaffen und 
damit den Masochismus fixiert. Die infantile Lust, das willenlose, das ge- 



Impotenz und Religion. 237 

schlagene und das minderwertige Kind zu sein, habe nach ewiger Wieder- 
holung verlangt. Von diesem Minderwertigkeitsgefühl und dem Wunsch, ein 
Kind des Vaters zu bleiben, führt eine dritte direkte Linie zur Impotenz. 

Der Masochismus aber führt infolge der Verstärkung durch spätere 
infantile Lustvorstellungcn (Lehrerin etc.) zur fetischistischen Vorstellung des 
von einer Frau-getreten-werdens, zu einer paraphilen Phantasie, und bei deren 
Unausführbarkeit wieder zur Askese, bzw. Impotenz. 

Die Liebe zum Vater verstärkte aber auch seine latente homosexuelle 
Komponente, die sich einerseits im Gedanken ein Weib zu sein äußert (hier 
wieder Verbindungswege zum Minderwertigkeitsgefühl, dem Unterliegen, 
dem Getretenwerden, dem Masochismus, dem Verstecken des Penis), andrer- 
seits in seiner Fixierung an den Bruder. Der Bruder ersetzt ihm das Weib, 
darum blieben sie beide unvermählt und beisammen. Seine spezifische Onanie- 
form ist durch diese Vorstellungen mit determiniert. Auch die Homosexualität 
führt, trotzdem sie selber abgelehnt wird, durch die Angst vor Infektion vom 
Weib weg und teils zum Fetischismus (Getretenwerden, Schuhe), teils zur 
Impotenz. 

Die Liebe zum Vater leitet weiters in Verbindung mit dem religiösen 
Inhalt des Vaterkomplexes auf einen sechsten Ast zu Bestrafungs- und Buß- 
ideen, die wieder zum Fetischismus (die erstere) und zur Impotenz, Entsagung 
(die letztere) führen. 

Aber im Geschlagen werden durch den Vater hat sich nicht bloß die 
Liebe zu diesem fixiert, sondern liegt auch der Ursprung seiner Haßeinstel- 
lung gegen ihn. Auch hier konnte er verchiedene Leitstrahlen verfolgen und 
bestätigendes Material aus seinen Erinnerungen beibringen. Erstens die Todes- 
wünsche gegen den Vater, die in ihrer Kompensation den Anschluß an die 
vorhin erklärten Bußideen finden und in den Selbstmordgedanken und dem 
Tod des Penis ihre Strafe nach dem Gesetz der Talion erfahren. Zweitens 
die Differenzierung vom Vater, die sich in religiöser, ethischer und sexueller 
Form äußert. (Der Vater ist orthodox, in Gesellschaften nicht gerade rigoros 
und bat Kinder, er i*6t in allem das Gegenteil.) Drittens die Liebe zur Mutter, 
bzw. zur Schwester. Er leitet diese Liebe zur Mutter von der zum Vater ab. 
Er wollte die Mutter beim Vater ersetzen (Verbindung zu den homosexuellen 
Vorstellungen), er identifiziert sich aber auch mit der vom pater familias 
unterdrückten Frau. Hier wäre der Punkt gewesen, wo er den Weg zum 
Weibe vom Manne hätte finden können; weil er aber den Inzestwunsch ver- 
drängte, mußte er ebenfalls wieder in den Fetischismus und die Impotenz 
münden. 

Eine Reihe sehr interessanter Kindheitserinnerungen mußte ich hier aus- 
lassen, die Beiträge zum Verständnis seiner Paraphilie bzw. seines beginnenden 
Fetischismus bilden, z. B. wie er einmal als Kind die Tochter eines adeligen 
Gutsbesitzers verehrte, die wunderschöne Stiefel trug usw. Ich will nur kurz 
darauf hinweisen, daß eine solche paraphile Neigung keineswegs so einfach 
psychisch determiniert ist, wie es nach der rein deskriptiven Schilderung 
solcher Fälle in der Literatur — und sei es auch in solch plastischer Weise 
wie der wundervolle Fall von Ilacelock-Ellis — zu sein scheint. ') 



1 ) Die krankhaften Geschlechtsempfindungen auf dissoziativer Gruudlage. 
Deutsche Ausgabe von l)r. E. Jentsch, Würzburg, Kurt Kabitzsch. 1917. Etwas gekürzt 
im Band VII. Fetischismus, Seite 220 ff. 



238 



Die Impotenz des Mannes. 



Der Patient Havelock-Ellis' hatte die Paraphilie, auf dem Fußboden auf 
dem Rücken zu liegen und von einer hübschen gut gekleideten Dame mit 
eleganten Halbschuhen und hohen Absätzen auf die Brust, den Sauch und 
den Penis getreten zu werden; übrigens hatte er auch Genuß daran, daß ihm 
der Prauenfuß die Kehle zuschnüre. „Ich stelle mir gern dabei vor", sagt er 
weiters, „daß die Dame, die mich tritt, meine Herrin, ich ihr Sklave bin und 
daß sie es tut, um mich für einen gemachten Fehler zu bestrafen oder sich 
selbst (nicht mir) Genuß zu verschaffen." 

Ganz dieselben Details enthalten die Tagträume unseres Patienten mit 
der Lehrerin, die er als kleiner junge in der französischen Schule hatte, die 
ihn sehr freundlich behandelte und von der mit dem Lineal gezüchtigt zu werden 
sein sehnlichster Wunsch war. Später trat die Vorstellung von der Herrin 
und dem Sklaven, der feinen Kleidung, den eleganten Halbschuhen mit den 
hohen Absätzen, dem Liegen auf dem Boden und dem Getretenwerden auf. 
Der Patient Havelock-Ellis' führt seine Paraphilie auf ein höchst ein- 
dringliches „erstes Erlebnis" im Sinne Bhiets zurück, auf eine erste Liebe zu 
einem Mädchen. Auch diese Analogie finden wir bei unserem Patienten in 
der unausgesprochenen Liebe zu der Gutsbesitzerstochter. Aber um wie viel 
reicher determiniert erweist sich dieses Symptom in der Analyse als bei der 
bloßen Deskription. Es ist nicht bloß eine „Wiederholung des ersten Erleb- 
nisses', es ist auch der Ausdruck seines Minderwertigkeitsgefühles im allge- 
meinen, es ist auch der Wunsch, nach dorn Getreten werden ,vom Vater, es 
ist auch der Ausdruck einer Identifizierung mit der Mutter. Und der Frauen- 
schuh ist viel mehr als nur der Schuh. Zuerst sagte er mir auch nur von der 
Vorstellung, überhaupt getreten zu werden, dann beichtete er das Treten auf 
den Penis, dann kam das Geständnis, die Frau soll ihm in das Gesicht treten, 
schließlich sich auf sein Gesicht setzten und endlich kam die Vorstellung des 
in den Mund Uriniereus. Merkenswert ist aneh die Verschiebung der Person, 
die als Herrin auftritt: Zuerst waren es die Frauen im allgemeinen, dann die 
französische Lehrerin, dann das kleine vornehme Mädchen, zuletzt die Mutter. 
Seine Paraphilie stellt offenbar einen Versuch dar, von der Liebe zum Vater 
zu einer Liebe zum Weibe zu kommen. Aber die Flucht durch die Paraphilie 
mußte ebenfalls mißlingen, da sie denselben Verboten unterlag, wie die nor- 
male Sexualität. Er war auf dem Weg ein Fetischist zu werden und damit 
seine Impotenz und Askese völlig zu fixieren. Selten können wir so wie in 
diesem Fall den Fetischismus sozusagen in statu nasceudi beobachten. 

Doch wir wollen seine v/eiteren Schicksale erfahren, wie sie sich wirk- 
lich abspielten, nicht wie sie wohl ausgegangen wären. In .26 Stunden hatten 
wir das in Kürze skizzierte Ergebnis erreicht. Nun teilte er mir mit, er habe 
sich gestern verlobt. Der Weg, auf dem er zum Weibe gefunden, war der 
klar durch seine Erlebnisse vorgezeichnete. Er ging rückläufig über den Fuß- 
fetischismus (ihre schönen Schuhe gefielen ihm), über den religiösen Komplex 
(sie stammt auch aus einer religiösen Familie), über die Mutterliebe (er 
beichtete ihr alles und gestand ihr seine Krankheit), zum Vaterkomplex (er 
schloß sich sehr an den Schwiegervater an). Ich mache ihn auf die Möglich- 
keit einer Übertragungsliebe aufmerksam, aber er weiß mich vom Gegenteil 
zu überzeugen. 

Er dankte mir in überschwenglicher Weise, machte mir Versprechungen 
und fuhr nach einigen Tagen ohne Abschied zu seiner Braut. 

Erst ziemliche Zeit später besuchte er mich freudestrahlend mit ihr und 
verkündete mir seine baldige Hochzeit. Diese fand auch bald danach statt, 






Impotenz und Religion. 239 

der Bräutigam reüssierte und ich bekam noch mehrmals frohe Nachrichten 
aus seiner Heimat, wo er sich mit seinen Eltern ausgesöhnt hat. 

Hier schließt der Bericht von Dr. Mißriegler , der ein schönes Beispiel 
von versteckter Religiosität bietet. Es gibt aber ganz andere Typen von Im- 
potenten, bei denen die Religion die wichtigste Hemmung darstellt. 

Auch jene Fälle sind zu berücksichtigen, bei denen die Religiosität 
offen besteht, stolz eingestanden wird, trotzdem aber Impotenz besteht. 
Meist läßt sich dann nachweisen, daß der Geschlechtsakt als etwas Un- 
reines und Sündiges — selbst in der Ehe — betrachtet wird. Ich be- 
handelte einen Mann, der die Ansicht verteidigte, nur ein Koitus zum 
Zwecke der Kinderzeugung sei berechtigt. Nachdem seine Frau wegen 
einer Ovarialzyste operiert und steril gemacht wurde, gab er den Ge- 
schlechtsverkehr auf, den er vorher fleißig gepflogen hatte. In der Ehe 
auftretende Impotenz bei frommen Menschen läßt sich oft auf religiöse 
Bedenken zurückführen. "Wie diese Verquickung von Schuld und Sexualität 
zustandegekommen sein mag, das habe ich im Kapitel „Religion und Onanie" 
(II. Band) nachzuweisen versucht. Wir werden dem Motiv der inneren 
Religion in den späteren Analysen wiederholt begegnen. Das „sexuelle 
Gewissen" des Menschen ist in den meisten Fällen ein „religiöses Ge- 
wissen". So manche Impotenz ist nur ein Opfer zu Ehren der Gottheit, 
der man das Höchste und Wertvollste darbringt. Denn ircpotent ist nur 
der Mann, der auch impotent sein will. Eine Tatsache, die die wenigsten 
Forscher kennen: Es gibt einen Willen zur Impotenz. Wer einheit- 
lich ein Mann sein will, der kann gar nicht impotent sein. Nietzsche hat 
diese Tatsache gewußt: „Wer einen eigenen Willen in die Dinge 
zu legen hat, über den werden die Dinge nicht Herr. Zuletzt 
arrangieren sich die Zufälle nach unseren eigenen Bedürfnissen." 

Der Psychotherapeut hat die wichtige Aufgabe, die Impotenz als 
eine Folge des inneren Willens zu entschleiern. Er wird dann im Sinne 
Nietzsches oft konstatieren können, wie die Blamagen des Mannes von 
ihm selbst „arrangiert" wurden, um sich den endgültigen Triumph in der 
Ewigkeit zu sichern. Aul' diese Weise wird die Impotenz gerade wie der 
Geschlechtsakt ein Symptom des unermüdlichen Kampfes der Menschen 
um ihre Unsterblichkeit. Das Gesetz der Bipolarität erhält auch in der 
Psychogenese der Impotenz eine glänzende Bestätigung. Vergängliches und 
Ewiges fließen zu einer Einheit zusammen, die alle Übergänge vom Trieb- 
Ich zum Ideal-Ich umfaßt. Das parapathische Symptom stellt die Synthese 
von Tier und Gott dar. In der Analyse muß die Antithese aufgedeckt 
werden. 



^40 Die Impotenz des Mannes. 

XI. 

Analyse eines Falles von Impotenz. 

(Der religiöse Komplex und seine Beziehungen zum Inzest.) 

A'on Drd. med. Emil Gutheil. ') 

Die Natur weiß, wann sie heilen soll, 
der Arzt nicht immer, darum darf er auch 
bloß die Natur beschirmen. 

Theophrastus Paracelsus. 

Unter den vielen, individuell wechselnden Komponenten der psychi- 
schen Hemmungen nimmt der religiöse Komplex die beiweitem wich- 
tigste Stellung ein. Das — insbesondere von der katholischen Kirche ge- 
prägte — Ideal der Keuschheit wird in vielen Fällen, in denen sich der 
Sexualtrieb intensiver kundgibt, nur auf dem Umwege über die Parapathie 
erreicht ; die psych analytische Therapie muß den religiösen Konflikt einer 
Lösung zuführen, sonst kann die Parapathie unmöglich beseitigt werden. 

Nichts fixiert jedoch den religiösen Komplex so stark in der Seele 
des Kranken, wie seine Verknotung mit einem Inzestkomplexe. Der 
folgende Fall bringt dies deutlich zum Ausdruck. 

Fall Nr. 87. Herr Johann V., ein 26jähriger Bürgerschullehrer, hat bloß 
einige Male in seinem Leben den Koitus versucht und war entweder voll- 
ständig impotent oder hatte Ejaculatio praecox. Sein Seelenzustand ist daher 
dauernd gedrückt, auch seine Arbeitslust gering. Die somatische Untersuchung 
(Dr. Stekel) ergibt ein negatives Resultat, der Kranke wird der psychanalyti- 
schen Behandlung unterzogen. Die Analyse umfaßt 51 Sitzungen, doch stellt 
sich die Potenz bereits nach der 35. Sitzung, d. h. noch vor der restlosen 
Auflosung der Parapathie ein. Bis dahin übte Patient — einige onanistische 
Zwischenfälle ausgenommen — strenge Abstinenz. 

Der Kranke hatte ursprünglich 5 Geschwister, 3 Brüder und 2 Schwestern, 
doch sind 2 Brüder im Kriege gefallen. Nach Absolvierung der Volksschule 
in seinem Heimatsorte kam er in ein Priesterseminar, um den Wunsch seiner 
frommen Mutter zu erfüllen und Geistlicher zn werden. Doch der Kampf, 
den er gegen die Sexualität führte und die daraus entspringende seelische 
Zerrüttung brachten es mit sich, daß er im Studium stecken blieb, auffassungs- 
unfähig wurde und das Seminar verlassen mußte. Er war damals 12—13 Jahre 
alt. Patient berichtet, daß, als er dann von der Stadt in sein Heimatsdorf zu- 
rückkam, die Mutter ihm nicht nur nicht entgegenkam, wie sie es sonst zu 
tun pflegte, sondern auch den ganzen Tag seine Nähe mied und sich so be- 
nahm, als ob er an ihr schwer gesündigt hätte, unser Patient widmete sich 
später dem Lehrerberufe (Mathematik, Physik, Naturgeschichte), dem er in 
allen Stücken nachkommt. 

Seine Vita sexualis ist ziemlich reichhaltig. Von starken Eindrücken 
aus der Kindheit wäre zu erwähnen, daß er im 4. bis 5. Lebensjahre zwei 
kodierende Hunde beobachtete, die nicht auseinander konnten, so daß mau 
sie gewaltsam trennen mußte. Dieser Eindruck wurde vom Patienten parapathisch 

') Nachstehende Analyse wurde unter der Leitung und mit Hilfe Dr. Stekeh 
durchgeführt. 



Analyse eines Falles von Impotenz. 241 

verwertet. Dann spielte er (6 — 7) mit mehreren Kameraden „Pferderl", 
ein Spiel, bei welchem die Knaben mit entblößten Genitalien Reitbewegungen 
ausführten, wurde dabei vom Vater überrascht nnd strenge bestraft. Der 
Kranke ist nicht imstande bezüglich des Zeitpunktes 'seiner sexuellen Auf- 
klärung genaue Angaben zu machen, da er angeblich seit der frühesten 
Kindheit über sexuelle Dinge reden hörte, er kann nur mit Bestimmtheit an- 
geben, daß er in der Zeit der beiden sexuellen Traumen (Hunde und „Pferderl") 
bereits die vollständige Aufklärung besaß, was ja bei Landkindern häufig ist. 
Im 8. bis 9. Lebensjahre wird er zum zufälligen Zeugen des elterlichen Geschlechts- 
verkehrs, welches Ereignis er später ebenfalls, u. zw. ganz besonders mächtig, 
parapathisch ausbeutete. Kurz darauf finden wir bei ihm eine sadistische 
Periode, die sich im Auseinanderreißen koitierender Küfer und Fliegen, im 
Vernichten von Spielzeug u. a. äußerte und darauf den Abstieg der sexuellen 
und den Aufstieg der religiösen Kurve, ein Prozeß, bei dem die Mutter durch 
ihren Einfluß auf den Knaben die entscheidende Rolle spielte. 

Eine parapathische Erscheinung fällt auch in diese Zeit: der Zähl- 
zwang, der im Laufe der Jahre zu einem System ausgebaut wurdo und dessen 
Psychologie uns in der Analyse klar geworden ist. Den ersten Zwang zu 
zählen verspürte der Kranke angeblich während einer Predigt in der Kirche, 
die ihn langweilte; errechnete, wie lange es noch dauern werde, bis der 
Priester fertig werde. 

Im 14. bis 15. Lebensjahre beginnt der Knabe zu onanieren und setzt 
die Onanie mit größeren Intervallen bis in die letzte Zeit fort. Er kämpft 
gleichzeitig einen verzweifelten Kampf gegen diese Leidenschaft, weil sie nach 
seiner Anschauung Impotenz und Krämpfe in den Gliedmaßen bringen solle. 
Patient gehört zu der großen „Sekte" der Onanisten, die alle „Sündentage", 
an denen sie dem Triebe zum Opfer gefallen, gewissenhaft registrieren. Die 
Statistik der onanistischen Akte und Pollutionen, die mir der Kranke übergab, 
ist ein Kuriosuni. Sie umfaßt das Sündenregister eines Zeitraumes von nahezu 
4 Jahren. Die Onanie verursacht bei ihm schon in der Kindheit eine große 
Schüchternheit (Schuldgefühle !), welche ihn von den Mädchen zurückhält; im 
15. bis 16. Lebensjahre verliebt er sich platonisch in ein Mädchen, dem er 
sich nicht zu nähern traut, im 20. Lebensjahre versucht er unter Angstzu- 
ständen einen Koitus und wird durch einen Krampf im Oberschenkel und 
völlige Impotenz an dessen Vollführnng gehindert. Die weiteren Versuche vor- 
laufen ebenso kläglich. In den Jahren 1916 und 1917 fallen seine beiden älteren 
Brüder im Felde, im Jahre 1921 verliert er den Vater. Im folgenden Jahre 
kommt er in Behandlung. Die Behandlung vollzog sich unter unwesentlichen 
Widerständen und bei vollem Gesundungswillen des Kranken; man muß allerdings 
bedenken, daß er sich den Umweg über die diversen fruchtlosen physikalischen 
und medikamentösen Heilmethoden ersparte, die die meisten seiner Leidens- 
gefährten durchmachen, ehe sie in die psychanalytische Behandlung kommen. 
Er war demzufolge auch weniger skeptisch in bezug auf seine Genesungsaus- 
sichten. 

Der Vater des Kranken war Gastwirt und galt als der stärkste Mann 
in der Umgebung, war daher eine Art persona grata im Dorfe. Er erfreute 
sich von Seiten des Sohnes Johann keiner besonderen Zuneigung, doch tritt 
in der Analyse ein deutliches Bestreben des Kranken zutage, sich mit ihm 
zu identifizieren, ja sogar Phantasien, in denen er ihn um seine Kraft — 
auch die sexuelle — beneidet und ihn zu überwinden versucht. Man sprach 
im Dorfe allgemein von Vators ungewöhnlicher Leistungsfähigkeit auf sexuellem 

St ekel, Störungen de» Trieb- und AfftiVtlebens. IV. 2. Aufl. jg 



242 



Die Impotenz des Mannes. 



Gebiete. Der Vater soll ausonsten ein gutherziger Mann gewesen sein, ein guter 
Geschäftsmann, mitunter ein wenig kleinlich. Die Stellung des Patienten zum 
Vater charakterisiert folgender Traum: 

1. Franz (ein Bekannter), brüstete sich, er sei der Stärkste. Er 
stemmte mich mit einer Hand in die Höhe. Ich meinte, man brauche 
sich vor ihm nicht zu fürchten. Mein Vater könne noch mehr er- 
tragen (200 kg?). 

Der Traum enthält eine Heuchelei. Franz und der Vater (heißt auch 
Franz) sind identisch. Nicht Stolz, sondern Neid liegt in dem Satze: „Mein 
Vater kann noch mehr ertragen." Eine Nebenbedeutung des Traumes ist: Der 
Vater hat mich auch als Kind auf dem Arme getragen, ich möchte wieder 
ein Kind sein, um von ihm getragen zu werden. In diesem Wunsche sehen 
wir den polaren Ausdruck für die oberwähnte Machtphantasie: die Phantasie 
der kindlichen Unbeholfenheit. 

Die Mutter des Patienten ist eine bigotte, einfache Frau. Ihr Verhältnis 
zum Knaben war stets ein besonders inniges. Der Knabe schlief bis zum 4. Lebens- 
jahre mit der Mutter und mußte erst nach der Geburt des nächstjtiugeren 
Bruders diese Vorzugsstellung aufgeben. Er erinnert sich an eine unangenehme 
Episode. Eines Nachts bekam seine Mutter Wehen, wälzte sich im Bette und 
jammerte vor Schmerz. Sie rief, sie werde sterben. Er lag in der Nähe und 
traute sich nicht aufzuschauen. Am Abend des nächsten Tages erfuhr er, daß 
die Mutter tote Zwillinge geboren hatte (Abortus). — Ein einziges Mal schlief 
er später mit der Mutter; es war in der letzten Nacht, bevor er ins Priester- 
seminar zog, auf die Aufforderung der Mutter hin. Er faßte es als eine ganz 
besondere Liebesbezeugung auf. 

Die Analyse fördert eine überaus starke Inzestbindung an die 
Mutter zutage. Für den Busen der Mutter bezeugte der Knabe früh schon 
ein lebhaftes Interesse, er produziert noch heute ausgesprochene Säuglings- 
phantasien, wie die, aus den Brüsten des geliebten Mädchens zu trinken etc. 

Nach dem Erlebnis aus dem 8. bis 9. Lebensjahr, in welchem der 
Knabe den Koitus der Eltern belauschte, stellte sich bei ihm eine vorüber- 
gehende parapathische Störung ein, indem er zu stottern anfing. Diese Er- 
scheinung beweist den schweren Eindruck, den die nächtliche Szene auf den 
Knaben ausgeübt hatte. Das Stottern ist ein Zeichen, daß der Knabe unter der 
Herrschaft eines Geheimnisses stand 1 ), welches er entsprechend tief verdrängen 
mußte. Es obwaltete dabei beim Kranken die Angst, er könnte sich durch 
ein unvorsichtiges Wort verraten. Es gelingt ihm bald diese Kindheitsein- 
d rücke zu vergessen, es bleibt jedoch eine hochgradige Zerstreutheit, die ihn 
letzten Endes für das Studium in der Priesterschule unfähig macht. 

Der Geschlechtsakt der Eltern, den der Knabe belauscht hatte, ergibt 
für ihn die Grundlage einer Mutterleibsphantasie, der wir in der Ana- 
lyse sehr häufig begegnen. Wollustempfindungen und Dämmerzustände während 
der Eisenbahnfahrt; Erektionen in der Schule bei der Besprechung der Be- 
fruchtung einer Pflanze durch Hummeln, die in den Kelch der Blumen hinein- 
kriechen; schließlich direkte diesbezügliche Vorstellungen und Träume bieten 
für uns das Material für die Annahme einer Mutterleibsphantasie. Ein Traum 
diene als Beispiel: 



') Vgl. Bd.I, Über das Stottern. 



Analyse eines Falles von Impotenz. 

2. Ein großes Unwetter war im Anzug. Ich saß in unserem kleinen 
Schlafzimmer und sah durchs Fenster große Tropfen und dann 
Schwefel vom Himmel fallen. Bald darauf stand ich mit der 
Mutter bei der Straßentüre, öffnete sie und hatte den charakteristischen 
Geruch von Schwefeldioxyd, der mich an den Weltuntergang erinnerte. 

In der Deutung heißt „Weltuntergang" — Geburt. — Der Traum ge- 
währt uns aber auch in den religiösen Komplex Einblick; er bringt die 
Schilderung eines Schwefelregens, wie er auf das sündhafte Sodom und Go- 
morrha niederging. Er stellt eine Warnung vor der Sünde dar. 

Der belauschte Koitus der Eltern hatte noch andere bedeutungsvolle 
psychische Reaktionen beim Kranken hervorgerufen. 

Einen der zahlreichen äußeren Anlässe für eine masturbatorische Betäti- 
gung bildet für den Patienten das rhythmische Knarren der Schuhsohlen der 
Weiber beim Gehen. Er wußte es zuerst nicht zu erklären und suchte es bloß 
als „etwas Kraftvolles" hinzustellen; dann sprach er von einem angenehmen 
Gefühl, welches bei ihm der Gedanke an die Spannung und das Vibrieren des 
weiblichen Wadenmuskels hervorrufe und kam allmählich auf seine Paraphilie 
zu sprechen: der Oberschenkel des Weibes wirke auf ihn derart erotisch, daß 
bei der geringsten Berührung des Membrums au den Schenkel momentan 
Ejaculatio seminis erfolge. Auch diese Paraphilie wurde analytisch geklärt und 
es folgt tieferstehend ihre nähere Besprechung. Im Verlaufe der Analyse gelang 
es ihm zu finden, daß das Knarreu der Schuhe im Unterbewußtsein eine 
Assoziation an das Krachen der Elternbetten während des Koitus her- 
vorrufe und er fand auch, daß die Erektionen, die er bei solchen Geräuschen 
zu bekommen pflegte, offenbar aus dieser Quelle stammen. (Die Besitzerin der 
knarrenden Schuhe ist demnach ein Ersatz für das primäre Jnzestobjekt.) 
Daraus erkannte der Kranke, daß er noch immer, ohne es zu wissen, aus 
seinem infantilen Erlebnisse Lust schöpfe. Die Erektionen, die er gewöhnlich 
beim Rattern des Eisenbahnwaggons bekam, fanden hier ebenfalls ihre Er- 
klärung. 

Patient erzählt, er habe in jener kritischen Nacht nur das Krachen der 
Betten wahrgenommen und sei so erregt gewesen, daß er onanieren mußte. 
Der Takt ist ihm lange Zeit im Ohre verblieben, so daß er später in demsel- 
ben Rhythmus zu onanieren pflegte, dabei beschlich ihn jedesmal ein unan- 
genehmes Gefühl, der Takt erschien ihm irgendwie störend (das stammt wohl 
von der inzestuösen Natur des masturbatorischen Aktes) und er versuchte so 
rasch als möglich fertig zu werden. Allmählich entwickelte sich daraus 
der Drang während der onanistischen Manipulation zu zählen. Hier hegt der 
Ursprung des Zählzwanges, den' Patient erst durch die Analyse verlor. Die 
frühere diesbezügliche Angabe erweist sich somit als falsch. 

Was — und warum zählt der Kranke zwangsweise? Diese Frage 
hat die Analyse zu beantworten. Der Kranke wußte es nicht. Er konnte nur 
angeben, daß er die Fenster der Häuser und seine Schritte zu zählen pflege, 
er zähle auch, wenn er mit der Eisenbahn wegfahren soll, die Zeit bis zur 
Abfahrt des Zuges und auch während der Onanie, hier gewöhnlich 2, 4, 6, 8; 
weiter wird die Reihe nicht fortgesetzt. Wir erfahren, daß er bestimmte 
Zahlen als Glücks-, andere als Unglückszahlen bezeichnet. Zu den ersteren 
"ehören 17 und 27, eine Unglückszahl ist 33. Er gibt auch die Begründung 
dafür. Am 17. ist er geboren, an einem 27. hat er seinen Namenstag. (Para- 

18* 



244 



Die Impotenz des Mannes. 



pathiker — vielleicht auch viele Gesunde — halten offenbar ihre Geburt für 
ein besonders glückliches Ereignis.) 

Alles Gute sei ihm an den Tagen 17 und 27 passiert, auch habe er 
die Behandlung an einem 17. begonnen. Ein Wahrsager habe ihm prophezeit, 
daß er mit 27 Jahren heiraten werde. 1 ) Beim Onanieren habe er öfters gezählt, 
ob er bei 17 oder 27 ejakulieren würde. So wurde der Akt zum Orakel: 
„Wenn ich die Ejakulation bis 17 (resp. 27) erreiche, dann werde ich mein ge- 
heimes Sexualziel erreichen." 

„Im Priesterseminar" — sagt der Kranke — „hatte ich die Bett- und Wäsche- 
nummer 33 ; die unangenehmste Zeit meines Lebens steht im Zeichen dieser Zahl. 
Ich habe auch das Gefühl, daß ich das 33. Lebensjahr nicht überleben werde." 
Pat. ist innerlich fromm und abergläubisch, sein ganzes Tun und Denken ist 
nur auf die Suche nach Glück eingestellt. In diesem Streben gewinnen tote 
Dinge Symbolwert und Zahlen, die an und für sich Symbole sind, erscheinen 
am besten geeignet, andere Symbole darzustellen. Pat. hält sich für das 
Glückskind der Familie; andererseits sei er auch der Totenvogel der 
Familie. Er sei der letzte Besucher bei seinen beiden Brüdern gewesen, die 
bald darauf gefallen sind, kurze Zeit nach seinem Besuche bei einem Onkel 
sei dieser an Herzschlag gestorben. 

Man muß immer wieder staunen, was die Analyse an Kindlichkeit und 
Aberglauben aus dem Unterbewußtsein eines sogenannten Intellektuellen heraus- 
holt; m welch hohem Maße Unvernunft und Frömmigkeit sich zu schier un- 
entwirrbaren Gelübden und Junktims verknoten. Mit diesem Rüstzeug sichert 
der Parapathiker seine Kindlieitsschätze vor den Forderungen des realen Lebens, 
insbesondere abor — der Liebe. 

Ich übergehe nun die mannigfachsten Schwüre, durch die der Kranke 
über die Onanie Herr zu werden versuchte und die nichts weiter halfen, als 
seine Schuldgefühle vertiefen. Ich gehe auch über die Tatsache hinweg, daß 
sich der Kranke vor Prüfungen gewöhnlich auf kurze Zeit dem Teufel im 
Geiste verschrieb (äußeres Zeichen: ein Kreuz über den Nates schlagen); 
unser Interesse erweckt folgende Klausel: 

„Wenn ich onaniere, werde ich im Felde nicht fallen." Der 
Patient sagt: 

„Meine Brüder haben koitiert und sind gefallen; ich habe nur onaniert, 
es wird mir also nichts geschehen." Es heißt demnach, daß der Koitus den 
Tod verursache und die Onanie ihn verhindere. Die vom Kranken gegebene 

Formel ist vorläufig nicht klar. „Kurze Zeit vor dem Tode des Vaters" 

setzt der Kranke fort — „habe ich mir vorgenommen nicht mehr zu onanieren. 
Als er starb, hatte ich starke Gewissensbisse, als ob ich an Beinern Tode 
schuld wäre. Ich konnte nie vor 1 Uhr nachts, der Stunde, in der der Vater 
starb, einschlafen, ich fürchtete, er werde als Geist kommen und mich zur 
Rechenschaft ziehen, warum ich damals aufgehört habe zu onanieren." 
„Sie wollen vielleicht sagen warum Sie nicht aufgehört haben?" 
„Nein. Ich habe das Richtige gesagt. Ich dachte mir einmal, wenn ich 
3 Wochen enthaltsam bin, dann stirbt der Vater. 2 ) Ich lebte tatsäch- 

*) Pat. ist 26 Jahre alt; der Mann kann recht haben! 

s ) Wir vernehmen hier eine seltene Klausel. Das gegenteilige Junktim: „wenn 
•[ch nicht aufhöre zu onanieren, stirbt der Vater" bekommt der Analytiker 
häufiger zu hören. Es ist eines der Verzweiflungsmittel des Onanisten, das er im 
Kampfe gegen den Trieb verwendet: die Todesklausel in der Abstinenz. 



Analyse eines Falles von Impotenz. 245 

lieh vor seinem Tode ca. 3 Wochen enthaltsam. (Ein Blick auf die „Statistik" 
bestätigt dies.) Es wäre noch zu erwähnen, daß der Vater des Pat. vor seinem 
Tode zweimal vom Schlage gerührt wurde. — Ich wende mich an den 
Kranken : 

„Nach Ihrer Auffassung zieht die Onanie Impotenz nach sich ; haben 
Sie diese bei Ihrer Klausel in den Kauf genommen? 

„Ja. Ich habe immer das Gefühl gehabt, auf der Familie laste ein 
Fluch, sie müsse aussterben. Mein jüngster Bruder soll ein Mädchen, 
welches aus einer Epileptikerfamilie stammt, heiraten, er wird wohl keine 
Kinder zeugen. Ich bin der letzte der Familie, ihr Totenvogel, ich werde 
durch meine Impotenz den Fluch abwenden." 

Wir sehen , er kommt von einer Klausel auf die andere (Stekels Ein- 
schachtelungsprinzip). Die äußerlich ganz ungereimten Mitteilungen des Kranken 
könnten den Eindruck erwecken, als handle es sich hier um eine Paralogie. Dies 
ist durchaus nicht der Fall; es besteht bei unserem Kranken kein intellek- 
tueller Defekt, er ist sich der Absurdität dieser Tagesphantasien völlig be- 
wußt. Sie stammen aus jenen seelischen Abgründen, in denen es keine äußere 
Logik gibt, wohl aber eine innere. 

„Von welchem Fluche sprechen Sie?" 

„Sehen Sie — das ist mir selbst nicht ganz klar. Es muß sich um eine 
Sünde meiner Eltern handeln. Der Vater hatte einmal mit einem Manne einen 
Streit, weil er von ihm bei einer Geldtransaktion 6% Zinsen verlangte. Jener 
hatte den Vater zum Schluß „Wucherer" geschimpft und ihm geflucht. Nun — 
..jede Schuld rächt sich auf Erden". 

Die Analyse des obenerwähnten Junktims ergibt eine auf der ödipus- 
einstellung basierende Todesklausel. Die Lappalie, welche der Kranke als 
Ursache des „Fluches, der über der Familie lastet" angibt, ist eine Deck- 
angabe, nach dem Prinzipe: Große Wirkungen auf kleine Ursachen verschie- 
ben, um die eigentlichen großen Ursachen besser zu verbergen. Es handelt 
sieh in unserem Falle um den Haß und den Todeswunsch gegen den 
Vater, um den Fluch, den der Kranke selbst auf die Familie ge- 
worfen hatte. Mit Hilfe seiner Phantasie hat sich der Kranke in die Lage 
versetzt, den lästigen Konkurrenten bei der geliebten Mutter durch bloße Ab- 
stinenz aus dem Wege zu schaffen. (Die Wahl gerade dieses „Beseitigungs- 
mittels" ist durch seinen religiösen Komplex — vide tiefer ! — determiniert.) 
Das Junktim muß so gelesen werden: 

„Wenn ich nicht onaniere, werde ich potent. Ich darf aber und will 
nicht koitieren können, denn ich kann es nur, wenn der Vater stirbt (bei 
der Mutter). Ergo muß ich ewig onanieren, ä. h. ewig impotent sein. Die 
Impotenz ist dann zugleich die Strafe dafür, daß er seine (inzestuöse) Sexual- 
betätignng vom Tode des Vaters abhängig mache, und zwar ist sie es in dem- 
selben Maße, als andererseits die Onanie die Erfüllung dieser geheimen Wünsche 
bringt. Das ist das erste Vexierschloß, mit dem er seine Parapathie 
versichert hat. Wir verstehen auch, warum er sich für einen Totenvogel 
hält. Nicht nur auf den Vater, auf die ganze Familie richtet sich sein Kon- 
kurrenzneid und sein Haß. Wir finden als Belog hiefür z. B. ausführliche 
Noahphantasien (Tannenbaum) in denen alle aussterben und er mit einem 
geliebten Wesen zurückbleibt (manchmal ist es die jüngste Schwester). „Oft 
sehe ich mich am Grabe aller meiner Verwandten" — erzählt der Kranke — 
ich weine aber nie. Ein anderes Mal denke ich: Wir sind acht in der Fa- 
milie - zwei Männer sind tot. Jetzt müssen zwei weibliche Wesen sterben — 



246 



Die Impotenz des Mannes. 



vielleicht die beiden Schwestern — , dann sterben wieder zwei männliche, z. B. 
der Vater und der jüngste Bruder . . . 

Wir haben hier das 2-4-6-8-Zählsystem. Aus der Zusammenstellung des 
Kranken ergibt sich zwanglos, daß das übrigbleibende Paar er und die Mutter 
ist. Über den Sinn dieser Tagesphantasie wird dem Kranken Aufklärung 
gegeben. 

Auch das Zählen enthält also die Todesklausel. Es gelingt mir ferner 
festzustellen, daß die Zahl 33 außer der erwähnten Bedeutung das Alter des 
Vaters angibt, in welchem ihn der Kranke beim Koitus belauschte, Pat. gibt 
an, daß ihm der Koitus damals grausam vorkam, denn die Mutter rief immer- 
fort : „Nicht, nicht, du tust mir weh!« (Er hatte das Pech, dieselben Worte 
bei seinem ersten Koitusversuche von der Partneriu zu vernehmen; selbstver- 
ständlich mußte er da versagen.) Er wünschte dem Vater den Tod. 1 ) Die 
Talion zwingt ihn nun die Zahl 33 als ein Unglücksomen zu betrachten und 
zu glauben, er werde ebenfalls dieses Alter nicht überleben. Hier liegt auch 
eine Impotenzklausel verborgen, welche lautet: „Ich darf nicht so potent sein 
wie der Vater; ich habe ihn wegen seiner Potenz in seinem 33. Lebens- 
jahre sterben lassen (in der Phantasie), so würde auch ich deswegen im 
33. Lebensjahre sterben müssen." 

Wir sehen, in den tiefsten Abgründen seiner Seele gilt die Formel: 
Koitieren = Sterben. Es ist nicht zuletzt die Todesangst, die unseren 
Kranken an der Entfaltung der Potenz hindert. 

Der Vater war, wie erwähnt, sehr potent und stark. Pat. empfand seine 
Schwäche dem Vater gegenüber um so intensiver. Hier liegt die Quelle seines 
Machtbestrebens, welches wir im pathologischen Ehrgeiz und in ausgedehnten 
Machtphantasien konstatieren können. Er versuchte iu denselben den Vater zu 
überwinden und wir können hier im Gegensatz zu seiner äußeren Keuschheit'-) 
reichhaltige Haremsphantasion vorfinden, in denen er außerordentlich 
leistungsfähig ist. Wir wissen, daß sich hinter der „Vielheit" in der Harems- 
phantasie eine einzige Frau, nämlich sein geheimes Sexualobjekt (Muttor) 
verberge. 



Eine interessante Episode sei in diesem Zusammenhange erwähnt: 
Der pathologische Ehrgeiz unseres Krauken veranlaßte ihn, trotzdem ihm 
das nötige systematische Wissen fehlte, über schwere mathematische und 
physikalische Probleme nachzudenken; er wollte durch eine etwaige Lösung 
einer als unlösbar geltenden Aufgabe berühmt werden. So eine Aufgabe stellte 
die konstruktive Wiukeldroiteilung dar, an deren Lösung er viele Monate 
und Jahre vergeblich arbeitete. Die Sache wäre an sich nicht bedeutungsvoll, 
wenn wir nicht festgestellt hätten, daß diese Experimente nur das Aussehen 
eines wissenschaftlichen Unterfangens trugen und do facto eine Spielerei dar- 
stellten, die in einem Dämmerzustande ausgeführt wurde, so daß wir an- 
nehmen mußten, hinter der mathematischen Übung, hinter der Frage nach 
der Lösbarkeit des Winkelproblems verberge sich eine Tagesphantasie, 
die ebenfalls ein Problem zu lösen sucht, wohl aber auf einem anderem Terri- 
torium. Wir kennen diesen' geheimen Trick des Parapathikers, der an indif- 



l ) Es war dies das zweite Mal; das erstemal wünschte er ihm nach der Züch- 
tigung wegen des „Pfcrderlspiels" den Tod. 

") Wir verstehen unter Keuschheit natürlich die parapathische , d. h. die durch 
seine Impotenz erzwungene. 



Analyse eines Falles von Impotenz. 247 

ferenteu bewußtseinsfähigen Objekten bewußtseinspeinlich orientierte Triebe 
auslebt. Es gelaug mir mit Hilfe der Analyse die spezifische Tagesphantasie 
zu finden, welche sich hinter dem Winkelteilungsproblem verbarg. 

Ein' Zufall war mir förderlich. Am 15. Oktober — es war schon 
Während der Behandlung — kommt der Kranke glückstrahlend zu mir und 
erzählt, er sei auf eine Idee gekommen, die ihm sicher die Lösung der Auf- 
gabe bringen werde. Es sei merkwürdig, daß er ein so wichtiges Resultat 
gerade an dem Geburtstage der Mutter erzielt habe. Er werde den löten 
von nun an als Glückstag betrachten ... Der nächste Tag brachte jedoch 
eine Enttäuschung; die Lösung erwies sich als nicht ganz fehlerfrei. — Es 
vergingen einige Wochen, da berichtete mir der Pat., er habe in der Schule 
während des Unterrichtes eine starke Erektion bekommen. Es sei kein direkter 
Grund zu einer sexuellen Erregung vorgelegen, denn es war gerade Mathe- 
matik. Ich erkundige mich, was gerechnet wurde. Nach kurzem Nachdenken 
sagt Pat.: „Es waren mehrere Operationen auszuführen, ich erinnere mich 
nur an eine Division, 15:3 .. . richtig! 15 ist ja eine Glückszahl, der Ge- 
burtstag meiner Mutter und 3 . . . die Teilung des Winkels; das ist ja mein 
Problem! Wie kommt es aber zur Erektion?" — „Sicherlich aus einer unter- 
bewußten erotischen Vorstellung, in deren Mittelpunkt die Mutter steht. Sehen 
Sie, diese Winkeldreiteilung symbolisiert Ihre Parapathie. Aus ehrgeizigen und 
anderen ungesunden Motiven werden Sie getrieben Unlösbares zu lösen; für 
den Ehrgeiz genügt aber das bloße Suchen nach einer Lösung nicht, oder 
nur momentan; dann kommt die Ernüchterung und die Depression. Die Para- 
pathie dagegen braucht keine Lösungen; sie nährt sich gerade von Unge- 
löstem. Wir wollen nicht die Winkel dreiteilung, sondern die Parapathie lösen. 

Der Winkel drückt den Assoziationen des Kranken gemäß das verpönte 
Sexualziel aus (die Vagina der Mutter) und seine Teilbarkeit die Erreichung 
des Sexualziels sowie die Potenz im Allgemeinen. Die Zahl 3 deutet außerdem 
auf das männliche Genitale. (Wie viel mal sind 3 in dem Winkel ent- 
halten?) Die Aufgabe wird von dem Parapathiker zum Orakel ausgebeutet, 
welches ihm in seinem Suchen nach Glück und Seligkeit Auskunft geben soll. 

Die Haremsphantasie, von der oben die Rede war, hat außer der er- 
wähnten, noch eine andere, überaus wichtige Bedeutung. 

Die Leistungen auf dem heterosexuellen Gebiete, die der Kranke in 
derselben vollbringt, sollen ihn nämlich von dem Gefühle, ein latent Homo- 
sexueller zu sein, abbringen. Die homosexuelle Komponente seiner Erotik 
ist ziemlieh stark ausgebildet. Er war an seine beiden Brüder, die gefallen 
sind, erotisch fixiert und hatte auch zahlreiche gemeinsame homosexuelle Er- 
lebnisse aufzuweisen, u. a. Immissio penis erecti inter fratris femora. Auch 
die „Pferdorlspiele" tragen homosexuellen Charakter. Es bestand durch längere 
Zeit der Wunsch hermaphroditisch zu sein, um das Weib, vor dem er Angst 
empfand, vollkommen entbehren zu können. Der Gedanke, einer seiner Brüder 
würde mit seiner Geliebten verkehren, war ihm sympathisch; er phantasierte 
sogar davon, daß er seine Geliebte von jemandem anderen zuerst deflorieren 
läßt um sich vor einer eventuellen Blamage zu sichern. (Hier liegt noch ein 
anderer Gedanke verborgen; siehe tiefer!) Ein Traum steht in diesem Zeichen. 
3. Ich lag bei Paula (eine Bekannte). Nach kurzer Zeit legte sich 
zwischen uus ein Kollege namens M. K. 

Paula ist als Schwester eines Freundes vom Kranken, eine Schwester- 
imago. Die Analyse bringt, wie es häufig der Fall ist, neben der Mutter- 



. 



248 Die Impotenz des Mannes. 

fixierung auch eine starke Schwesterfixierung zum Vorschein. Hier ist die 
ältere Schwester gemeint, doch ersehen wir aus dem Material, daß auch die 
jüngere ein Begehrungsobjekt für den Kranken ausmacht. Er machte eben 
aus der Familie einen Harem. Seine latente Homosexualität drängt sich 
zwischen ihn und das weibliche Objekt. Die Schwesterbindung begünstigt 
diesen Prozeß. Ähnliches bringt der nächste Traum: 

4. Ich ging mit dem Bräutigam meiner älteren Schwester aus, der 
sich mit der Schwester zerstritt. 

Der genaue Inhalt des Traumes ist mir nicht bekannt. 

Aus diesem Traume ist zu entnehmen, daß er auf den Bräutigam 
der Schwester „überträgt"! Er wünscht, der Mann möge sich mit seiner 
Schwester zerstreiten, damit er mit ihm „ausgehen" könne. 

Als Kind hielt der Kranke das weibliche Genitale für eine Wunde die 
Vulva als kastrierten Penis. Seine hermaphroditische Phantasie ist in diesem 
Zusammenhange ungemein wichtig. Sie macht den Kern der Oberschenkel- 
paraphilie aus. Pat. berichtet, daß er von der Mutter öfters abgewiesen 
wurde, als er ihr unter die Kleider zu schauen versuchte. Träume und Asso- 
ziationen des Kranken bringen uns darauf, daß der Oberschenkel des Weibes 
eine hermaphroditische Verdichtung aus dem weiblichen und männ- 
lichen Genitale, also eine Art Lingam repräsentiere. 1 ) Es handelt sich 
dabei um eine Verschiebung von einem verpönten Körperteile auf einen indif- 
ferenten. Die Verdichtung umfaßt einerseits das mütterliche und schwester- 
liche, anderseits das väterliche und brüderliche Genitale. Außerdem ist der 
Oberschenkel aus den Erlebnissen der Kindheit direkt als erogen fixiert. Die 
Bahnung des inzestuös-homosexuellen Komplexes bewirkt beim Berühren des 
weiblichen Oberschenkels mit dem Membrum die Ejaculatio praecox. Patient 
wird darüber aufgeklärt. Träume belehren uns darüber: 

5. Der M.-dorfer Bürgermeister hatte in P. einen Acker, wo er 
Korn drosch. Ich half ihm und auch Frl. P. M., die sich niederlegte. 
Sie war im Badekostüm, an der Innenseite der Schenkel hatte 
sie>berhalb des Knies Haare, die den Schamhaaren glichen. 

6. Ich koitierte meine kleine Schwester, hatte aber jedes- 
mal frühzeitige Ausspritzung. Darüber ärgerte ich mich, daß das trotz 
der Behandlung vorkam. Mit der großen Tuchent deckte ich die Flecke, 
die ich auf dem Leintuche machte, zu. Dann erinnerte ich mich, daß ich 
von meiner kleinen Schwester Skabies an dem Oberschenkel be- 
kommen habe und beschloß mich sofort mit, einer Salbe einzuschmieren. 
(Traum unvollständig, in Wirklichkeit hat während des Krieges die 
Familie von mir Skabies bekommen.) 

Traum 5 bringt eine selten klare Darstellung der Paraphilie. Der Bür- 
germeister steht für den Vater, der Acker, „wo er Korn drosch" symbolisiert 
die Mutter. Pat. hilft ihm dabei und auch Frl. P. M., die eine Schwester- 
imago darstellt. Das Badekostüm ist ein Badetrikot, somit erscheint hier das 
Mädchen in Hosen (als bisexuelles Symbol). Der Schluß ist vollkommen klar: 
Oberschenkel mit den Schamhaaren = Genitale. 

Traum 6 bringt die Inzesteinstellung zur kleinen Schwester. Es ist selbst- 
verständlich, daß der Träumer bei diesem Objekte nicht reüssieren kann. Gleich- 

') In der Phantasie sieht der Kranke das Urbild eines Weibes mit einem Penis- 



Analyse eines Falles von Impotenz. 249 

zeitig entdeckt er uns aber, was für ein Ideal ihm unbewußt vorschwebt, 
wenn er bei anderen Weibern Ejaculatio praecox hat. Skabies symbolisiert 
das Schuldgefühl wegen des verpönten Begehrens. 

Wir wollen nach dieser längeren Abschweifung auf eine oben gestellte 
Frage zurückkommen: 

Was und warum zählt der Kranke zwangsweise? 

Hören wir zuerst auf die Sprache seines Traumes, bevor wir unsere 
Antwort präzisieren: 

7. Ich hatte einen Traum, in dem meine Mutter eine Rolle spielte. 
Der genaue Inhalt ist mir nicht bekannt. Ein Satz ist mir aber noch in 
Erinnernng geblieben, den ich am Ende des Traumes gesprochen habe. 
Dieser lautet: „Damit ich mich beim drahtlosen Telegraphieren 
nicht irre, muß ich immer die Buchstabennummern der Fremd- 
wörter dividieren". Nach dem Erwachen dachte ich mir, der Traum 
könnte von Wichtigkeit sein. Da machte ich mit der Hand eine glei- 
tende Bewegung am Körper in die Gegend des Gliedes und spürte, daß 
ich Pollution hatte. Ich brachte diese sofort mit dem Traume in Be- 
ziehung. Ich ertappte mich auf folgender Spielerei: Ich berechnete die 
Buchstabensumme des (Fremd-)Wortes „Koitus": 6. Dann dachte ich 
unwillkürlich au das Wort „Mutter"; ich stellte auch hier die Buchstaben- 
summe fest: 6. Dann tat ich dasselbe mit dem Worte „Vater": 5. Als 
ich alle 3 Summen addierte, freute ich mich, daß ich die Glückszahl 17 
herausbekam. Dann sagte ich befriedigt: Stimmt! und schlief wieder ein. 

Es konnte aus diesem und ähnlichen Träumen festgestellt werden, daß 
der Kranke durch das Zähion eine Inzestphantasie, die auf die Mutter ge- 
richtet ist, erlebt. Ihr Inhalt wird für Manche befremdend und absurd klingen. 
Das Haus, dessen Fenster er zählen muß, wird in seiner Phantasie zum 
Sexualobjekte und das Fenster zum Symbol der Vagina. Jeder Blick, der beim 
Zählen die dunklen Flecke trifft, die die Fenster auf dem hellen Hintergründe 
der Mauer bilden, entspricht einem Stoß beim Geschlechtsakte. Der Kranke 
zählt so die Stöße des männlichen Geschlechtspartners seiner Phantasie. Die 
dabei unterbewußt gesponnene Tagesphantasie ist auf den infantilen Ein- 
drücken (8./9. Lebensjahr) aufgebaut. 

Die Phantasie enthält aber auch einen Taliongedanken, der da lautet: 
„Nachdem du in der Kindheit sündhafterweise den Geschlechtsakt deiner 
Eltern zur autoerotischen Betätigung benütztest; nachdem du berechnetest, 
wann der Vater fertig werde und sogar den Ehrgeiz hattest, früher als er 
fertig zu werden, d.h. ihm bei der Mutter zuvorzukommen; wirst du dein 
Leben lang zwangsweise rechnen müssen und dadurch um deine Seelen- 
ruhe kommen." Wir sehen in dem Zählen während der Predigt bereits 
die Wiederholung der primären Situation, der Priester steht hier für den 
Vater. Wir würden jedoch irre gehen, wenn wir annehmen wollten, der Zähl- 
zwang sei dadurch endgültig geklärt. Die weiteren Mitteilungen des Kranken 
lassen uns eine komplexe Natur dieser Zwangshandlung erkennen. Der Kranke 
stellte sich gegen den neuen Konkurrenten, der in jener verhängnisvollen 
Nacht gezeugt wurde, sofort mit Haß ein. Er wünschte nicht dessen Geburt 
und wünschte ihm den Tod (das Kind kennt in solchen Fällen keine andere 
Reaktion), er zählte ängstlich die Zeit, bis das Kind geboren werde, da er 
dachte, die Geburt folge unmittelbar auf den Geschlechtsakt. Mehrere Tage 



250 Die Impotenz des Mannes. 

verbrachte er in Aufreguug. Als er nach einiger Zeit von dem Abortus ver- 
nahm, freute er sich innerlich, gleichzeitig hielt er sich (auch diese Reaktion 
ist typisch) für schuldbeladen. Die Analyse zeigt, daß durch die Totgeburt 
nach dem Prinzipe der Talion seine Zählparapathie fixiert wurde. Er empfand 
es als sündhaft, daß die Kinder ungetauft starben und infolgedessen nicht in 
den Himmel kommen konnten. Lange noch nach dieser Begebenheit pflegte 
er, wenn er die Anzahl der Kinder anzugeben hatte, die zwei toten Ge- 
schwister im Geiste mitzuzählen. Er annullierte so sein in der Phantasie be- 
gangenes „Verbrechen". (Stehet: „Am schwersten ertragen wir die Sünden, 
die wir nicht begangen haben.") Es ist staunenswert, in welchem Maße 
die Sexualentwicklung dieses Menschen von dem einzigen infantilen Erlebnis, 
nämlich dem Belauschen des elterlichen Geschlechtsaktes, determiniert wurde. 

Die ursprüngliche Auffassung des Kranken über den Geschlechtsverkehr 
war die, daß er nur unter Gewaltanwendung möglich sei. Das Benehmen der 
Mutter und die Beobachtungen aus der Tierwelt haben diese Anschauungen 
gefestigt. Er wollte aber bewußt, keine Gewalt üben. Aus diesem Grunde 
wünschte er sich ein Hermaphrodit oder überhaupt asexuell zu sein. Seine 
Angst vor dem Koitus wurde durch den Abortus der Mutter frühzeitig be- 
deutend verstärkt. Doch findet die Analyse, daß die Kindheitserlebnisse auch 
einen positiven Trieb beim Kranken erweckt haben, wir begegnen hier einer 
ausgesprochenen Vergewaltigungsphautasie, insbesondere aus der Zeit 
der Depressionen wegen seiner Impotenz. Bei einsamen Spaziergängen im 
Walde ist ihm dieser Gedanke öfters gekommen. Auch das Knarren der 
Schuhe eines Mädchens flößt ihm solche Phantasien ein. (Vgl. seine Bezeich- 
nung: „etwas Kraftvolles", S. 243.) 

Es kommt aus Träumen zum Vorschein, daß diese Idee in dem 
Wunsche seine kleine Schwester zu vergewaltigen (vgl. Traum 6!) 
ihren Ursprung hatte. Sie schlief längere Zeit mit ihm im Bette und erregte 
ihn durch ihre Nähe öfters derart, daß er seinen Penis an ihren Körper 
andrückte. 

Traum 8. Mein Freund S. und sein Begleiter (den ich nur vom 
Sehen kenne) trafen im Walde ein Mädchen und wollten es 
schlagen. Ein anderer Herr verteidigte das Mädchen. Auch eine alte 
Frau habe ich dabei gesehen. 

9. Ich sprach mit jemandem (Ing. Seh.?) über Paraphilien. Unter 
anderem sprach ich über den Lehrer in E., der sich wiederholt an 
Schulmädcheu vergriff. In diesem Traume sehe ich auch unsere 
Mehlkammer und den Boden. 

10. Meine kleine Schwester und deren Freundin spielten in der 
Graskammer. Vor der Türe der Graskamraer lag auf Holz ein armes 
hübsches Mädchen. Mit einem Gehstock wollte ich sie möglichst unbe- 
merkt aufmerksam machen, sie solle zu mir kommen. (Ich war anschei- 
nend auch in der Graskammer.) Sie merkte es nicht. Endlich faßte ich 
Mut, packte sie mit der rechten Hand und zog sie gewaltsam 
zu mir heran, um sie zu koitieren. Hier brach der Traum ab, 
ohne ein Lustgefühl zu hinterlassen. 

Alle diese Träume verraten neben dem Vergewaltigungsmotiv eine starke 
pädophile Tendenz und enthalten eine deutliche Beziehung zum Inzest- 
komplexe. Es ist ein Glück für den Pat., daß er keine Mädchen zn unter- 




Analyse eines Falles von Impotenz. 251 

richten hat. Der Konflikt wäre dann vielleicht noch stärker. Nach außen hin 
ist Pat. der ausgesprochenste Moralheld. Er geht den Liebschaften ängstlich 
aus dem Wege. Er flüchtet vor den Vorwürfen wegen der Onanie freiwillig 
ins Feld (wodurch er eine masochistische Tendenz verrät) und zieht sich zwei- 
mal in seinem Leben aus einem Verhältnis zurück, sobald man vom Heiraten 
zn sprechen beginnt. 1 ) Er sagt: 

„Ich habe immer gedacht, man müsse der Ehe würdig sein. Ich hielt 
mich für unwürdig. Auch eine Jungfrau könne nur derjenige beanspruchen, 
der selbst Jungfräulich' ist". Hier sehen wir auch eine Schutzvorstellung, 
welche das Hervorbrechen des Sadismus (Vergewaltigung) verhindern soll 
(vgl. S. 250, es handelt sich um die Angst vor einer blutigen Defloration). 

Nach dem Tode des Vaters sagte ein Onkel zur Mutter des Kranken: 
„Wenn du alle Kinder verheiratet hast, wirst du auch heiraten". Patient ant- 
wortete hastig: „Die Mutter denkt nicht daran." Er dachte, es wäre ein Treu- 
bruch an ihm, wenn sie heiraten würde. Da sich die Mutter der Idee des 
Onkels nicht abgeneigt zeigte, gewann der Kranke noch einen Anlaß mehr, 
sich mit der eigenen Verehelichung nicht zu beeilen. Hier liegt ein weiteres 
wichtiges Junktim verborgen, welches uns zeigt, daß der Kranke sein 
Schicksal mit dem der Mutter verknüpft hat. 

Die Mutter war es , die ihn zum Priesterstaude drängte. Dr. Stekel 
machte mich aufmerksam, daß man dies bei vielen Müttern, die offenbar an 
ihre Söhne fixiert sind, beobachten könne (ich selbst kenne noch einen ana- 
logen Fall) ; sie gönnen das liebste Kind außer der heiligen Maria keiner 
anderen Frau und sind sicher, daß der Sohn, der seine Sexualität geopfert 
hat, sich ihnen seelisch nicht entfremden wird. Sie fühlen es instinktiv, daß 
in der Verehrung der Mutter Gottes das Herz des Sohnes auch für die eigene 
Mutter schlägt. Daß sie auf diese Weise in vielen Fällen das Glück des Kindes 
zerstören, ist diesen Müttern nicht bewußt. 

Wir gehen nicht fehl, wenn wir unseren Kranken als einen verkappten 
Priester bezeichnen. Es ist uns aus der Analyse klar geworden, daß dies der 
leitende Gedanke bei unserem Kranken sei. Er stellt ein Beispiel eines sog. 
„nachträglichen Gehorsams" vor, indem er die Kränkung, die er der Mutter 
durch seine Berufswahl verursachte, durch den geheimen Entschluß, auf die 
Sexualität zu verzichten, wieder gut machen will. Aber er verzichtet auf die 
Sexualität, wie jeder Parapathiker, nur nach außen hin; denn wir haben ja 
gefunden, daß er in seiner Phantasie auch sein sexuelles Schicksal au das der 
Mutter zu ketten versucht. Deshalb läßt er auch in der Phantasie alle Ge- 
schwister ^sterben; deshalb beseitigt er den Vater durch seine 3wöchentliche 
Abstinenz;* deshalb empört er sich über den Vorschlag des Onkels, die Mutter 
solle heiraten. Seine Mutter sagte ihm einmal, daß sie, wenn er Pfarrer werde, 
bei ihm als Wirtschafterin tätig sein werde. Der Wunsch der Mutter scheint 
in der Parapathie erfüllt werden zu wollen. Der Kranke ist ein Priester 
geblieben. Ein Traum: 

11. Ich ging mit der Mutter in eine Kirche, wo mir ein 
Geistlicher einen Anzug anmessen sollte. Es waren auch einige 
Damen anwesend und ein mir bekannter Geistlicher. 

12. Im nächsten Traume befand ich mich in einem Marburger 
Bordell. Dabei kam mir der Gedanke, daß es ein Glück für mich war, 
daß ich hier nie verkehrte. Denn icli hätte sicher eine Niederlage erlitten 



') Die Wandlung der Onanie zu einem lebenerhaltenden Akte erfolgte erst später. 



252 



Die Impotenz des Mannes. 



und das hätte meiner Potenz 1 ) geschadet. Ich betete zu Gott ein kur- 
zes Dankgebet und verließ mit dem Vorsatz nie mehr in ein 
Bordeil zu gehen, das Haus. 

Im Traum 11 empfängt der Kranke aus der Hand eines Geistlichen das 
(Priester-)Gewand, d. h. er wird selbst zum Geistlichen. Wie er sich zu den 
„Damen, die auch anwesend waren" verhält, gibt der nächste Traum Kunde, 
der eine entgegengesetzte Situation bringt. Er hält das Weib für die Sünde 
kat exochen (Weib — Dirne), er erkauft bei Gott die Reinheit um den Preis 
seiner Potenz. Für seine unkeuschen Wünsche büßt er aber und kasteit sich. 
Der Fluch", der auf der Familie lastet, ist der Fluch der Erbsünde, die 
seine Eltern begingen. Er wolle nun den Fluch abwenden. Ich habe beim 
Kranken einige Phantasien vorgefunden, die darauf hinweisen, daß er auch 
diese Erbsünde zu annullieren suchte: er ist — ein zweiter Christus — „unbefleckt" 
empfangen worden. So äußerte er mir einmal, er habe eine Zeitlang bedauert, 
daß er am 17. und nicht am 25. Dezember geboren wurde, wie Christus (2, 
4, 6, 8 Tage beträgt der Unterschied!); er «wäre gerne noch 8 Tage im 
Mutterleibe geblieben'-), ergänzt er lachend, damit die ganze Welt seinen Ge- 
burtstag als Feiertag begehe . . . 

Ich muß gestehen, daß ich angesichts eines derartigen Materials keine 
Hoffnung hatte, der Patient könnte jemals außerhalb einer von der 
Kirche sanktionierten Ehe potent sein. Die Menge der Vexierschlösser 
haben wir ja gesehen, mit denen er sich den Weg zum Weibe versperrte. Es 
war für mich daher eine angenehme Überraschung, als ich während meiner 
Ferien vom Patienten die Nachricht bekam, der entscheidende Schritt sei ihm 
gelungen. Ich bin skeptisch und halte diesen Erfolg nicht für dauernd. Es 
ist nämlich schwer zu denken, daß ein so frommer Mensch, wie es unser 
Patient ist, in illegitimen sexuellen Beziehungen zu besseren Mädchen jemals 
vollkommen hemmungsfrei sein könnte; vor Prostituierten hält ihn aber die 
Angst vor der Ansteckung zurück. Eindeutig beweist es der folgende Traum: 

13. Ich koitierte Resy (eine Bekannte, bei der ich einmal im- 
potent war). Sie war anfangs nicht dafür zu haben, erst als ich 
ihr die Ehe versprach, kam es zum Koitus. 

Über den Zusammenhang zwischen Ehe und Potenz gab ich dem Patienten 
Aufschluß und erteilte ihm den Rat, mögliehst bald ein geliebtes Mädchen 
zu heiraten. Er habe ja bereits Beweise, daß es mit seiner „Impotenz" nicht 
weit her sei. Die Analyse, die ich mit Hilfe des Herrn Dr. Stekel führte, fand 
nach der Auflösung der einzelnen Komplexe ihr Ende. Die beiden parapathi- 
schen Erscheinungen, die Schenkelparapathie und der Zähkwang sind laut An- 
gabe des Kranken verschwunden. 



Zusammenfassung. 
Der Kranke, in dessen Seelenleben wir soeben Einblick gewonnen 
haben, stellt einen sogenannten „schweren" Impotenzfall vor. Das Wider- 
spenstige dieser Erkrankung macht vor allem die überaus mannigfaltige 



') Mittlerweile hatte der Kranke die Potenz erlangt. 
2 ) Ein interessanter Beitrag zur Mutterleibsphantasie! 



I 
Analyse eiuos Falles von Impotenz. 253 



Verknotung des psychischen Konfliktes aus, ferner die direkte Keusch- 
heit skl au sei, die sowohl in dem religiösen, als auch in dem Inzestkom- 
plexe verankert ist. Die parapathische Hemmung, welche die psychische. 
Impotenz ergibt, setzt sich folgendermaßen zusammen: 

1. Im Rahmen des Ödipuskomplexes liegt die spezifische Todes- 
klausel: „Meine Potenz hängt von dem Leben des Vaters ab: so lange 
er lebt, muß ich onanieren und impotent bleiben." 

2. Durch seine 3wöchentliche Abstinenz hat der Kranke seinen Vater 
in der Phantasie umgebracht. („Wenn ich 3 Wochen abstinent lebe, stirbt 
der Vater.") Dem Prinzipe der Talion gemäß übernimmt die Impotenz den 
Charakter einer Buße. 

3. Die Analyse der Impotenz ergibt, daß in den tiefsten Abgründen 
der Seele dieses Parapathikers die Formel: Koitieren = Sterben gilt. Die 
Angst vor dem Koitus ist eine Todesangst. 

4. Die Impotenz erweist sich als eine moralische Abwehrer- 
scheinung gegen den Sadismus des Kranken (Vergewaltigungsphan- 
tasie), welcher Sadismus ursprünglich gegen die jüngste Schwester, das 
heißt inzestuös und pädophil orientiert war. 

5. Die Impotenz ist ferner durch eine homosexuelle Bindung 
bedingt, sowie durch die Paraphilie des Oberschenkelpartialismus. 
Beide Paraphüien stehen im Zeichen des Inzestes; die erste hat die in- 
fantile Einstellung zu den Brüdern zum Inhalte, die zweite stellt eine Ver- 
schmelzung des hetero- und homosexuellen Inzestideals dar und bewirkt 
einen mächtigen Nebenschluß in der Geschlechtsspannung' zwischen un- 
serem Kranken und seinem bewußtseinsfähigen weiblichen Ideal. 

6. Nachdem der Kranke durch seinen Sexualtrieb gezwungen wurde, 
die Priesterlaufbahn aufzugeben und hiedurch die Mutter in ihren Hoff- 
nungen enttäuschte, versucht er nun auf dem Umwege über die Parapathie 
die Keuschheit und mit ihr die Priesteridee zu wahren („Nachträglicher 
Gehorsam"). Die Analyse ergibt, daß der Leitgedanke der vorliegenden 
Parapathie und der Kern des parapathischen Hemmungssystems dieser 
Impotenz der Wunsch des Kranken ist, sein Leben lang die 
Keuschheit zu bewahren und das Schicksal der Mutter zu teilen. 

7. Die Impotenz sichert den Kranken vor dem Begehen der Erb- 
sünde, welche seine Eltern auf ihr Gewissen geladen hatten, sie steht im 
Dienste seiner Sehnsucht nach der Seligkeit, die er im Jenseits 
erwartet. 

Ebenso wie die Potenzhemmung ist auch der Zählzwang komplexer 
Natur und entspringt der primären Inzesteinstellung. Er bedeutet: 

1. Des Bestreben des Kranken nach dem Koitustakte des Vaters in 
der Phantasie einen Inzestakt auszuführen und dem Vater womöglich zu- 
vorzukommen. Das Zählen der Fenster, das Zählen bis der Priester fertig 



•2bi 



Die Impotenz des Mannes. 






werde, bis der Zug wegfahre, sowie der Zählzwang bei der Onanie haben 
eine unterbewußte Vorstellung eines inzestuösen Koitus zum 

Inhalte. 

2. Die Todeswünsche gegen die ungeborenen Geschwister ergaben, daß 
sich der Kranke, nachdem die Kinder tot geboren wurden, an deren Tode 
schuldig fühlte. Wie er ursprünglich die Zeit zählte, bis sie geboren 
werden, so zählt er dann um sein „Verbrechen" und den Tod 
der Geschwister zu annullieren, die zwei Kinder im Geiste mit 

(2, 4, 6 - 8). 

3. Er zählt die Tage, die seinen Geburtstag von dem Christi trennen. 
Die Analyse ergibt in dem vorliegenden Falle eine Christusidentifi- 
zierung. (Stekels Christusparapathie.) 

4. Allerlei Spiele mit Glücks- und Unglückszahlen dienen der Lösung 
seiner Lebensfrage, der Frage nach der Glückseligkeit. Seine Geburt betrachtet 
er als ein Glücksereignis. Diese Erkenntnis gibt dem Kranken jenes Selbst- 
bewußtsein wieder, welches ihm die Schuldgefühle schon im zarten Kindes- 
alter genommen haben. Gleichzeitig gewährt sie ihm das Gefühl, ein 
Günstling des Schicksals zu sein und ein Auserwählter, der eine 
,. historische Mission" (Stekel) zu verrichten, und zwar den Fluch von 
der Familie abzuwenden hat. Diese Mission zu erfüllen, gestattet ihm nun 
seine Parapathie. 



Es gibt meistens nur einen einzigen Weg, den die analytische The- 
rapie in solchen Fällen einschlagen kann: die Empfehlung einer möglichst 
baldigen Eheschließung. Nicht immer gelingt es dem Psychanalytiker, vor 
der Heirat eines solchen „Priesters in Zivil' - einen Beweis gelungener 
Behandlung zu erbringen; unser Patient war vielleicht eine Ausnahme. 
Denn aus dem Borne des Glaubens gewinnt der Kranke unerschöpfliche 
Energien für seine parapathische Hemmung. Sein Verhältnis zum 
Weibe muß daher eine von der Kirche geheiligte Form anneh- 
men. Kann man dies aber nicht ohne Psychanalyse erreichen'? — Nein; 
die Sexualität des Kranken muß zuerst von den Verankerungen und ins- 
besondere von den Junktims befreit werden, sonst trägt er seine schweren 
Konflikte in die Ehe hinein, seine Abneigung gegen das Weib wird durch 
den Zwang des Gebundenseins nur noch vertieft und der therapeutische 
Erfolg bleibt aus. Die befreiende Arbeit, von der wir sprechen, hat 
die Psychanalyse zu leisten, ich hoffe, sie hat sie in diesem Falle 
geleistet. 



Die Beziehungen des Parapathikers zur „Zeit". 255 



XII. 
Die Beziehungen des Parapathikers zur „Zeit". 

Unermeßlich — unbegreiflich — unbegrenzbar ist die Zeit: 
Eine Brücke ohne Ende! Ewigkeit zu Ewigkeit. 

Die Bemühungen, zu einer allseits befriedigenden Definition der 
Hysterie zu kommen, haben bis heute zu keinem Resultate geführt. Ist 
es uns doch schon schwer, eine Definition der Parapathie zu geben, ob- 
wohl wir alle wissen, was wir unter Parapathie zu verstehen haben. 
Erst die Einführung der ..Verdrängung" und die Berücksichtigung des 
„Unbewußten" durch Freud hat uns diesem Ziele ein Stück näher ge- 
bracht. Wir wissen seit den ersten Analysen Freuds, daß die Handlungen 
und Vorstellungen der Parapathiker aus dem Bewußtsein allein nicht zu 
erklären sind. Hier könnte eine Definition einsetzen. Sie müßte etwa 
lauten: Parapathie ist der Zustand, in dem die Grenzen zwischen Realität 
und Phantasie infolge unbewußter und bewußter Motive zeitweilig ver- 
schwimmen. Bei der Paralogie hat die Phantasie, die wir als die Realität 
des Unbewußten bezeichnen können, die ganze Realität oder ein bestimm- 
tes Realitätsgebiet vollkommen verdrängt. Das Unbewußte kennt näm- 
lich keine Phantasien; es kennt nur Realitäten. Wenn also dieses 
Werturteil des Unbewußten dauernd und unkorrigierbar vom Bewußtsein 
akzeptiert wird, dann sprechen wir von einer Paralogie.j Wenn aber die 
Grenzen schwankend sind und immer korrigiert werden, dann können 
wir von einer Parapathie sprechen. Bei der Parapathie gibt es also 
ein Grenzgebiet, das zwischen Schein und Wahrheit, liegt. Dieses 
Grenzgebiet wird bald als Eigentum des Bewußten angesprochen, bald dem 
Unbewußten völlig oder teilweise überlassen. 

In seinem Verhältnis zur Realität verrät sich der Parapathiker. Er 
ist eigentlich nicht imstande, sich mit der Realität abzufinden. Er hat 
das immerwährende Prinzip, die Realität zu verwerfen (zu ..annullieren") 
und durch die Phantasie zu ersetzen. Die Nichtanerkennung der Realität 
nimmt manchmal die wunderlichsten Formen an. Sie erinnert uns an die 
Könige im Exil, beispielsweise die Orleans, die die Republik nicht aner- 
kennen, sich den Titel eines Königs beilegen, einen Thronfolger er- 
nennen, ihren treuen Untertanen Briefe schreiben, kurz, sich so benehmen, 
als wäre die Realität der Republik nicht vorhanden. Sie annullieren die 
Realität wie die Parapathiker. 

Ein an einer Zwangsparapathie leidender 26jähriger Impotenter er- 
zählt eine sonderbare Zwangshandlung. Er trägt in der rechten Rock- 
tasche immer einen Fetzen eines alten Briefes mit sich herum. Er wäre 
unglücklich, wenn dieser Papierfetzen nicht in seiner Tasche liegen würde, 



256 



Die Impotenz des Mannes. 



Dieser ganz abgegriffene, mehrfach eingerissene Papyrus wird schon zwei 
Jahre in derselben Tasche gehalten. Er ist die Kopie eines angeblich 
„ganz gleichgültigen" Gratulationsbriefes an eine Dame, die vor zwei Jahren 
geheiratet hat. Die betreffende Dame sei ihm immer eine Nebensache ge- 
wesen, er könne sich diese sonderbare Handlung nicht erklären. Die Ana- 
lyse ergibt nun eine langjährige, tiefe, unbewußte Neigung zu dieser Dame, 
Die Parapathie brach eigentlich nach der Hochzeit der Schwester und 
nach der Hochzeit dieser Dame, die eine Freundin der Schwester war, 
aus. Beide Male waren es Verluste eines geliebten Wesens, und zwar Ver- 
luste für immer. 

Was für einen Sinn hat nun diese Zwangshandlung? Sie annul- 
liert eine Realität und fixiert eine historische Realität, die 
heute schon Phantasie ist. Unser Patient benimmt sich einfach so, als 
ob die Dame noch nicht verheiratet wäre. Er hat den Gratulationsbrief 
noch gar nicht abgeschickt. Sie ist noch frei, sie harrt noch seiner, er 
hat sie nicht für ewig verloren. Er ,, annulliert" die Realität ihrer Hochzeit 
und ersetzt sie durch eine ihm genehme Phantasie, welche wieder nur 
eine fixierte Realität der Vergangenheit ist. Die Dame ist in der Phantasie 
noch ein Mädchen. Der Gratulationsbrief ist noch nicht abgeschickt, weil 
sie noch ein Mädchen ist. Er begnügt sich tatsächlich mit einem Fetzen 
der Realität, mit der Kopie des Gratulationsbriefes, und verwendet ihn 
zur Stütae seiner Phantasie. Dies eine Beispiel steht für viele. Der Patient 
zeigt zahlreiche solcher Annullierungen. Da es sich um eine ganze Reihe 
solcher Annullierungsaktionen handelt, so ist er für das praktische Leben 
unbrauchbar. Wir sehen, daß er die Gegenwart beharrlich ignoriert und 
zwei Jahre seines Lebens ungeschehen macht. Die Zeit ist für ihn nicht 
verstrichen. Das erklärt uns neben anderen Determinationen (Trotz gegen 
den Vater!) auch den Umstand, daß er in diesen Jahren unfähig war, 
seinen Studien nachzugehen. Wozu auch? Die Zeit galt ihm ja nichts und 
er mußte künstlich den Zustand vor zwei Jahren fixieren. 

Derselbe Patient zeigt noch eine andere Symptomhandlung, die sich 
mit dem Gesetze der „Bipolarität" sehr schön erklären läßt. Er trägt noch 
einen Brief in der Tasche. Es ist eigentlich nur die Abschrift eines Briefes 
den seine Mutter dereinst an einen Jugendfreund geschrieben hatte. Eine 
Stelle in diesem Briefe lautete: „ Wohin ist unsere schöne Jugend, die uns 
eine Fülle von roten Rosen brachte?" Er meinte damals zu seiner Mutter, 
man könnte bei bösem Willen aus dieser Stelle schließen, es hätte zwischen 
seiner Mutter und dem Freunde ihrer Jugend ein Liebesverhältnis be- 
standen. Die erschrockene Mutter änderte diese Stelle. Er trägt aber die 
Abschrift des ersten Entwurfes nun an die sechs Jahre in seiner Brief- 
tasche. Dieses Schriftstück war für sein Unbewußtes der Beweis für jene 
Verdächtigungen, wie sie der parapathische Familienroman in ungeheuer- 



Dio Beziehungen des Parapathikers zur „Zeit". 257 

lichem Reichtum produziert. Hier wurde der „Fetzen Realität'' ebenfalls 
benützt, um eine Phantasie unbewußter Natur zu stützen. Aber es wurde 
nicht nach dem Prinzip der Annullierung verfahren. Im Gegenteil! Die 
Annullierung der Mutter wurde nicht akzeptiert und das Beweisstück be- 
hielt seine Gültigkeit. Hier war das kleine Stück Realität willkommen 
und wurde zur Stütze der Scheinwelt verwendet. In beiden Fällen zeigt 
sich die Parteilichkeit des Parapathikers, dessen psychische Phänomene im 
Dienste der Wunscherfüllung stehen. Seine Impotenz ist nur eine schein- 
bare. Er ist auf die Freundin seiner Schwester eingestellt mit dem ganzen 
Trotze eines Zwangsparapathikers: Entweder diese oder sonst lieber gar 
keine. Außer der Annullierung lebt er noch in einer parapathischen Illusion. 
Sie wird sich von ihrem Manne scheiden lassen und ihn als Dank für 
seine Treue belohnen. 

Ein anderes Beispiel. In einer anderen Analyse zeigt sich bei einem 
Patienten eine so vehemente Übertragung auf eine alte Wirtschafterin, daß 
dieselbe entlassen werden muß. Der Kranke löst seine Wirtschaft auf und 
verköstigt sich im Gasthause. Allein eine Reihe von Zwangshandlungen 
zeigen, daß er die Realität der Entlassung im Unbewußten rasch annulliert 
hat. Er muß nach jedem Mittagessen nach Hause fahren und sich einige 
Minuten niederlegen, was er früher nie getan hat. Das heißt er fährt zu 
seiner alten Liebe. Sie ist noch nicht entlassen. Er muß nach Hause. Er 
geht täglich unter verschiedenen Vorwänden in die nun leere Küche, 
spricht laut zu sich, untersucht, ob kein Gas ausströmt, usw. — Er macht 
der geliebten Donna einen Besuch. Kurz, er lebt mit ihr immer noch 
und seine Träume beweisen, daß ihre Entfernung den Beziehungen eigent- 
lich gar kein Ende gemacht hat. Das Unbewußte anerkennt eben keine 
Realitäten, die ihm nicht passen. Man könnte nun sagen, meine Annul- 
lierungstendenzen wären nur eine besondere Form der Verdrängung. Das 
entspricht aber nicht den Tatsachen. Eine Dame hat in ihrer Jugend mit 
einem Vetter ein schweres Trauma erlebt. Verschiedene Zwangshandlungen 
erweisen sich als die Wiederholung dieses Vorfalles, den sie vollkommen 
„vergessen" hatte. Das heißt mit anderen Worten: Ihr Unbewußtes weiß, 
was dem Bewußtsein verschlossen ist. Wie benimmt sich aber der 
Patient mit der Abschrift des Gratulationsbriefes? Er weiß im Bewußt- 
sein, daß die betreffende Dame verheiratet ist. Bloß das Un- 
bewußte will von der Ehe nichts wissen. Er ignoriert die ihm un- 
angenehme Realität. Die Verdrängung und die Annullierung stehen beide 
im Dienste unbewußter Tendenzen. Die Verdrängung hat die Tatsache 
dem Bewußtsein entzogen und dem Unbewußten überliefert. Die Annul- 
lierung schiebt auch eine Tatsache beiseite, aber nur im Unbewußten. 
Die Tatsache bleibt für das Bewußtsein die Tatsache. Es ist also 
eigentlich der umgekehrte Vorgang. 

Sluko), Stüruugün da» Trieb- and Affektlebons. IV. 2. Aufl. 17 



258 Die Impotenz des Mannes. 

Während in diesen Fällen der ewige Verlust oder, besser ausgedrückt, 
der Verlust für ewige Zeiten annulliert und ignoriert wird, kennen wir 
auch Fälle, in denen eine Realität noch immer hartnäckig festgehalten und 
für ewige Zeiten fixiert wird, wenn sie schon längst keine Realität mehr 
ist. Gewisse kindliche Eindrücke unterliegen nicht der Usur der Zeit. In 
diesen Fällen anerkennt das Unbewußte die Zeit nicht, d. h. es will sie 
nicht anerkennen. Jede Realität ist eigentlich nur so lange Realität, als 
sie Wahrnehmung ist. Wahrnehmen heißt den wahren Zustand sehen. Beim 
Parapathiker gibt es Realitäten, die dadurch Ewigkeitswert erhalten, daß 
sie das Gesichtsfeld des Bewußtseins nicht verlassen. Jede Wahrnehmung 
wird unfehlbar zur reproduzierten Wahrnehmung, die wir Erinnerung 
nennen. Der Parapathiker verwandelt permanent Erinnerungen 
in Wahrnehmungen. Diese Tendenz zeigt sich in Träumen, Halluzina- 
tionen, in Umdichtungen der Gegenwart zu Wiederholungen der spe- 
zifischen historischen Szenen, des „Klischees", wie Freud sie treffend 
benannt hat. 

Dabei muß der Parapathiker sich immer über einen wichtigen Faktor 
hinwegsetzen : über die Zeit. Die Zeit zerstört „mit der Zeit" jede Reali- 
tät. Diese destruktive Tendenz der Zeit wird vom Parapathiker beharrlich 
ignoriert. 

Nehmen wir das bekannte Beispiel, daß ein erwachsener Parapathiker 
bei einer Erziehungsperson seiner Jugend erotisch verankert ist, die eigent- 
lich physisch jenseits von Liebe und Begehren steht. Wieso kommt eine 
solche Verankerung zustande? Wieso kann sie zustande kommen? Merkt 
der Kranke nicht, daß sein einst so schönes Ideal alt geworden ist und 
Runzeln hat? Ja, im Bewußtsein erkennt er dies und doch bleibt sein 
Affekt bestehen. Er, der affektative Mensch merkt das Alter wirklich nicht. 
Sein Unbewußtes anerkennt nicht die Zerstörung, die die Zeit vollzogen 
hat. Es existiert ein sehr charakteristisches Gedicht von Wilhelm Pfau, 
das sich „Mama bleibt ewig schön" betitelt. Ein Knabe sieht eine ältere 
Frau und macht über sie eine abfällige Bemerkung. Die Mutter stellt ihn 
zur Rede und meint, sie werde auch einmal so aussehen wie die alte 
Frau. Darauf schüttelt der Knabe sein Haupt und meint: „0 — nein! 
Mama bleibt ewig schön!" 

Die infantilen Ideale widerstehen also der Usur der Zeit. Das heißt, 
der Parapathiker steht in einem ewigen Kampfe mit der Zeit. Er schiebt 
die Zeiger der Lebensuhr zurück. Er bleibt Kind und hat noch die junge 
Mama oder er ignoriert die Heirat und bleibt noch Student usw. Er ver- 
achtet die Zeit und vergeudet sie, wie reiche Erben aus Verachtung ihres 
Vaters ihr Geld vergeuden. Diese Verachtung der Zeit ist, schon eine 
Überkompensation. Der Parapathiker hat einmal in der Kindheit die Zeit 
überschätzt. 




Die Beziehungen des I'arapathikcrs zur „Zeit". ->^q 

Das Problem der Zeit ist das tragische Problem des Kindes. 
.Seine „Eltern" sind die „alteren". Die älteren haben alle Rechte und 
Freiheiten. Er muß ihnen gehorchen, weil sie älter sind. Sie sind reicher 
an Zeit. Sie haben dem Kinde so und so viel Zeit voraus. Wir wissen 
es aus unseren Psych an alysen, wie schmerzlich das Kind diesen Konflikt 
empfindet. Es möchte am liebsten sein eigener Vater sein. Es möchte groß 
sein. Die Zeit vergeht ihm viel zu langsam. Ein Jahr dünkt ihm eine 
Ewigkeit. Man denke an das große Interesse der Kinder für Geburtstage, 
an den Stolz, mit dem jedes neue Jahr registriert wird. Das Kind denkt 
immerwährend an die Zeit und selbst an die komplizierten Probleme der 
Ewigkeit. Als Beweis möchte ich hier die primitiven Gedichte des sechs- 
jährigen Oskar anführen. 

Das erste Gedicht heißt: Die rüttelnde Eisenbahn, und lautet: 

Sie rüttelt uud rüttelt! — Einsteigen und Aussteigen. — Umsteigen 
und Absteigen! — Ankoppeln und Abkoppeln! — Holla, du Träger, 
komm' herauf — und dann sauf! — Das Gedicht ist aus. — Es rüttelt 
die Bahn! — Es rüttelt die Bahn! 

Es erscheint dem geübten Psychanalytiker nicht schwer, aus den 
einfachen Zeilen die erotische Symbolik herauszulesen. Doch schon das 
zweite Gedicht dieses aufgeweckten Knaben zeigt seine Grübeleien über 
die Zeitfrage. 

Die verschlungene Zeit. — Die Zeit vergeht. — Mir kommt 
es vor, wie wenn ■ — in einer Minute Stunden — vergangen wären. — 
Mir kommt es vor, wie wenn — die Tage verschlungen wären. — Die 
Zeit vergeht. — Ich werde alt. — Meine Glieder fallen zusammen. — 
Meine Haare werden weiß. — Die Zeit vergeht. — Die Zeit vergeht. 
(Dies hat Buhi gedichtet.) 

Wir merken hier eine starke Identifizierung mit dem Vater, bei dem 
offenbar mit einer gewissen Schadenfreude die ersten Spuren des Alters 
bemerkt werden. 

Von demselben Knaben liegt ein Gedicht aus dem neunten Lebens- 
jahre vor. Auch dieses beschäftigt sich mit dem Problem der Zeit. Es 
behandelt eigentlich die Liebe, aber in Variationen: als Jüngling, als 
junger Mann, als erfahrener Mann und schließlich als Greis. 

Andere Kinder interessieren sich sehr lebhaft für das Alter der 
Könige, besonders wie lange sie regiert haben. Es beschäftigt sie der Ge- 
danke, alle zu überleben, ein Gedanke, der seine pathogene Kraft nie ver- 
liert und sich zu einer Wurzel der Hypochondrie ausbildet. Ideen vom 
Weltuntergang, bei dem das Kind allein erhalten bleibt, gehören zu den 
alltäglichen Phantasien. Der Wunsch, die Eltern zu überleben, äußert sich 
in Todeswünschen gegen Mutter und Vater, von deren Tod das Kind sehr 
gerne spricht (vergleiche den „kleinen Hans"). Das Kind beschäftigt 
sich auch lebhaft mit der Altersdifferenz, die zwischen ihm und den Eltern 

17* 



260 



Die Impotenz des Mannes. 




1 . . 


20 . . 


5 . . 


25 . . 


10 . . 


30 . . 


20 . . 


40 . . 


40 . . 


60 . . 


80 . . 


100 . . 



besteht. So hatte ein kleiner ö 1 /» jähriger Knabe, der durch sein mathe- 
matisches Talent die ganze Umgebung in Erstaunen setzte, eine Tabelle 
erfunden, in der ausgerechnet erschien, daß bei sehr langem Leben die 
Differenz zwischen ihm und der Mutter immer kleiner wird. 1 ) 

zwanzigmal (20X1) 

fünfmal (5 X 5) 

dreimal (3X10) 

zweimal (2 X 20) 

eineinhalbmal (li/ s X 40) 

ein und ein Viertelmal (li/ 4 x80) 

Trotz dieser Spielereien verzehrte dies Kind der Gedanke, der wohl 
allen parapathischen Kindern und vielleicht allen Menschen eigen ist: „Ich 
werde meinen Vater nie erreichen." Jedes parapathische Kind möchte 
gerne sein eigener Vater sein. „Der kleine Hans" schickt seinen Vater 
zur Großmama schlafen. Der Vater wird Großvater und er avanciert zum 
Vater. Diese Menschen haben als Parapathikcr im späteren Alter immer die 
Angst des „Nichterreichens". Sie haben das sichere Bewußtsein, daß sie 
ihre Eltern nie erreichen können. Solche Parapathiker spielen immer 
wieder das „Nichterreichen a , möge es sich um einen Eisenbahnzug oder 
eine Theatervorstellung handeln, wie ich in meiner Mitteilung „Der Neu- 
rotiker als Schauspieler" (Zentralblatt, I. Bd., Heft 1) ausgeführt habe. 

Diese Träume vom „Nichterr eichen" kommen bei den Frauen der 
Männer vor, die an Ejaculatio praecox leiden. Auch die Männer haben 
diese typischen Träume. 

Gerade beim Koitus spielen die Menschen mit der Zeit und rechnen 
mit der Zeit. Alle Parapathiker aber zählen die Minuten oder Sekunden 
ihrer Geschlechtsakte. Der an Ejaculatio praecox Leidende unterschätzt 
die Zeit seiner Leistung, der an Ejaculatio retardata oder an Erektion 
sine ejaculatione Erkrankte überschätzt die Zeit. Man hört von den 
Frauen oft das Gegenteil von dem was ihre Männer behaupten. Manche 
Frau ist mit der Leistung des Mannes zufrieden, kommt zum Orgasmus, 
während der Mann über Ejaculatio praecox klagt und seinen Koitus auf 
drei Sekunden schätzt, was die Frau als falsch bezeichnet, die sogar die 
Zeitschätzung von 5 Minuten angibt. Andere Parapathiker zählen die Stöße 
und melden dem Arzte: „Nach drei oder vier Stößen kommt es zum 
Erguß." 

Das Zählen der Onanisten ist allgemein bekannt. Bei ihnen handelt 
es sich hauptsächlich um die Intervalle zwischen den einzelnen onanistischen 
Akten. Sie wollen wissen, wie lange sie ohne Onanie aushalten können, 
und zählen die Tage der Abstinenz. So hatte einer meiner Patienten die 



*) Ein typischer Traum eines an „Zeitparapathie" krankenden Patienten: „Es ist 
nach 1800. Ich treffe Napoleon." 



Die Beziehungen des Parapathikers zur „Zeit". 261 

Glückszahl 23. Es war sein längstes Intervall zwischen zwei onanistischen 
Akten, ein Intervall, auf das er sehr stolz war. 

Das Problem der Zeit beschäftigt die Parapathiker in verschiedenster 
Weise. Immer wieder wird man die Klagen hören, sie hätten ihre Zeit 
nicht gehörig ausgenützt, sie hätten die Tage totgeschlagen, dem lieben 
Gott die Zeit gestohlen. Platen drückt diese Stimmung aus, wenn er sagt: 
,,Wer wußte je das Leben recht zu fassen? Wer hat die Hälfte nicht davon 
verloren?" Und an anderer Stelle bricht die Klage durch: „0 — wehe! 
Wie hast du das Leben verbracht!'' Bei und trotz aller dieser Klagen ist 
der Parapathiker genial im Vertrödeln der Zeit. Er hat anscheinend immer 
etwas zu tun, es ist aber zwecklose Arbeit, die Zeit vergeuden soll. „Ich 
komm' zu gar nichts", klagt so ein Kranker — „ich verbandle zu viel 
Zeit. Bis ich mich anziehe oder ins Bett lege, vergehen Stunden." Ein 
anderer kann nicht studieren, weil er sich über seine Zwangsvorstellungen 
erst beruhigen muß, eine häufige Form, die Zeit zu verschwenden. 

Ein dritter Zwangsparapathiker zeigt auch einige interessante Phäno- 
mene in bezug auf das Problem der Zeit. Er leidet an der Angst, daß 
die verschiedenen Gegenstände ihm näher rücken. Daß diese Angst bei 
Spitzen größer wird, ist leicht begreiflich und auch leicht erklärlich. Die 
endgültige Auflösung bringt erst die Beziehung zu seinen Todeswünschen : 
Der Tod rückt uns täglich näher. Der Tod seines greisen Vaters 
rückt auch täglich, ja stündlich und jede Minute und Sekunde näher. 
Dieser Kranke hat manchmal die Empfindung, daß er schon so alt ist, 
daß er bald sterben werde usw., ganz wie der kleine Oskar, dessen Ge- 
dichte wir kennen gelernt haben. Auch hier stammt diese Empfindung 
von der Identifizierung mit dem Vater und erscheint als Talion für die 
bösen Todeswünsche. 

Dieser Kranke hat die Eigenschaft, immer zu spät zu kommen. Er 
imitiert dabei den Vorgang bei seiner Geburt. Er ist der dritte der Ge- 
schwister. Der Neid auf den Erstgeborenen stammt ja zum Teil daher, 
daß er zu spät und der andere früher gekommen ist. Auch dieser Kranke 
möchte am liebsten sein eigener Vater sein. 

Eine bei Kindern sehr häufige Zwangshandlung, das häufige Blicken 
auf die Uhr oder die Unmöglichkeit und die Angst, auf die Uhr zu blicken, 
ferner die Störungen des Schlafes durch das Ticken der Uhr haben innige 
Verbindungen mit dem Zeitproblem. Eine an Zwangsparapathie erkrankte 
Dame konnte keine Rechnung bezahlen und war stets in Konflikten mit 
der Uhr. Die Rechnung ließ sich in der Analyse als Schuld auflösen. 
Als Brücke für diese Zwangsvorstellung und Zwangshandlung erweist sich 
der bekannte Vers von Schiller: 

Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt! 
Deine Uhr ist abgelaufen. 



262 



Die Impotenz des Mannes. 



Bei der Symbolik der Uhr spielt auch die Todessymbolik eine große 
Rolle, wie ja überhaupt Symbole bevorzugt werden, die Leben und Sterben, 
weiblich und männlich in einem Bilde vereinen (Bipolarität aller Sym- 
ptome). Ein jedes Symbol hat die Eigenschaft, eine Mehrheit von Bildern 
in einem Bilde auszudrücken. 

In der Behandlung zeigen die Parapathiker alle ihre „Zeitkrank- 
heiten" in bezug auf den Arzt. Sie kommen zu spät oder wie einer 
meiner Patienten immer um einige Stunden sogar zu früh. Sie klagen, 
daß sie mit ihrer Stunde nicht auskommen. Sie kontrollieren den Arzt, 
ob er sie in der Stunde nicht verkürze. Sie produzieren dann Widerstände 
und vergeuden die für sie in jeder Beziehung kostbare Zeit. So traf einer 
meiner Angsthysteriker, ein Arzt, zu dessen Heilung ich vier Monate an- 
genommen hatte, einen Patienten, den ein anderer Analytiker über ein 
Jahr behandelt hatte. Drei Wochen vergingen im heftigsten Widerstände, 
dann kamen die gleichen Fragen: „Warum ich nicht ebenfalls ein Jahr 
proponiert hatte?" Wie ich in der kurzen Zeit fertig werden könnte? Was 
er dann machen werde, wenn er nach vier Monaten ungeheilt sein 
werde? usw. Kurz er vergeudete die Zeit, setzte die Verlängerung der 
Behandlung um einen Monat durch, wobei natürlich auch das Moment in 
Frage kam, daß er kein leichter Fall sein wollte. Dieser Stolz auf die 
Schwere der Erkrankung ist bei allen Parapathikern außerordentlich groß. 
Sie sind eigentlich alle tief gekränkt, wenn man sie unter die leichten 
Fälle rangiert. Besonders die nächsten Angehörigen, zu deren Beherrschung 
und Bestrafung die Parapathie produziert wurde, sollen und müssen alle 
glauben, daß es ein „schwererer" Fall ist. Die Behandlungsdauer muß also 
eine Proportion zu der Schwere aufweisen. 

Die Bedeutung der Zeit für den Parapathiker zeigt sich am besten 
aus dem unbewußten Kalender der Kranken. Die Träume verraten uns, 
daß der Geist fortwährend mit gewissen Zahlen, besonders den Geburts- 
jahren, den Todesjahren, den Tagen der Traumen jougliert (vgl. Zentralbl. 
t Psych. Bd. I 1 ) u. Bd. II, S. 128: „Ein prophetischer Nummerntraum"). Ver- 
stimmungen und Depressionen an manchen Tagen erweisen sich in der 
Analyse als Jahrestage wichtiger Ereignisse. So durchlebte der Parapathiker, 
dessen Wirtschafterin entlassen wurde, nach einem Jahre die traurigen 
Szenen noch einmal. 

Auch eine Menge anderer Symptome deutet auf die falsche Einstel- 
lung zur Zeit. Ich habe schon das Zufrüh- und Zuspätkommen erwähnt. 
Hierher gehört der Zweifel, wie spät es ist. Solche Menschen haben kein 
Zeitgefühl. Ereignisse von gestern erscheinen ihnen weit in der Vergan- 
genheit, die ferne Vergangenheit erscheint ihnen wie vor einigen Tagen. 



1 ) „Zur Symbolik der Muttcrleibspl'.antaBie." 



Die Beziehungen dos Parapathikers zur „Zeit". 263 

Sie spielen mit der Zeit. Der Tag wird ihnen ein Symbol des Jahres 
und des Lebens. Sie sind am Abend müde, als stünden sie am Abend 
des Lebens! 

Der Parapathiker, dem wir die Zahlenrechnung über das Multiplika- 
tionsverhältnis verdanken, zeigte mit 4 — (5 Jahren ein phänomenales 
mathematisches Genie. Er konnte sechs- und siebenstellige Zahlen im 
Kopie in einigen Sekunden tadellos berechnen. Die Lebensalter seiner 
Eltern bildeten den fortwährenden Gegenstand seiner Berechnungen in der 
Jugend. Alles prophezeite dem aufgeweckten Jungen eine große mathe- 
matische Zukunft. Allein schon im Gymnasium begann er in der Mathe- 
matik vollkommen zu versagen. Er war bei den Stunden wie geistesab- 
wesend, so daß der Professor sagte: „Der Junge ist mit seinem Kopfe 
immer wo anders!" In den anderen Fächern war er einer der besten 
Schüler. Es ist. klar, daß sich an die Zahlen ein Affekt knüpfte, der die 
klare Auffassung trübte. Die bange Frage, die den Jungen bewegte, war: 
..."Werde ich meinen Vater überleben." Er wollte im Wettlaufe des Lebens 
der stolze Sieger sein. 1 ) Die Folge der Todes wünsche gegen den Vater war 
einerseits als Talion und andererseits direkt aus dem Wunsche, unendlich 
lange zu leben, eine unglaubliche Hypochondrie. Der Kranke hatte mit 
zwanzig Jahren kein anderes Ziel, als nur das zu machen, was einen ge- 
sund erhält, und das Leben verlängert. Er wurde Sportsmann, Luftfex, 
Vegetarier usw. Alle Fragen schmolzen ihm zu der einen Frage ein: Ist 

das gesund? 

Er wurde auch sexuell abstinent mit der Vorstellung, durch das Zu- 
rückhalten des Spermas das Leben ins Unendliche verlängern zu können. 
Eine Pollution machte ihn tief unglücklich. Er wurde impotent aus hypo- 
chondrischem Selbstschutz. Er wollte um jeden Preis sein Leben ver- 
längern. Und immer ist der erste Preis, den die Menschen zu diesem 
Zwecke zahlen, die Geschlechtslust. Beim Mann herrscht noch die mystische 
Vorstellung, daß die Zurückhaltung des Spermas das Leben verlängere. 
Die ärztliche Erfahrung zeigt das Gegenteil, Nur der Verschwender ver- 
längert sein Leben. („Es gibt für die Spermatozoon keine Sparbüchse.") Wer 
früher anfängt zu verschwenden, erhält seine Fähigkeit bis in das spätesto 
Alter. Aber unser Patient zählte jeden Samenfaden und wollte durch 
Retention des Spermas und durch hygienische Maßnahmen sein Leben 
bis zur Grenze des Möglichen ausdehnen. 

Interessant sind auch die Symbolisierungen der Zeit bei den Parapa- 
thikern. Hier berühren sich die Probleme der Zeit mit denen des Raumes. 
Die Zeit wird zu einem unendlich langen Weg, den man zu durchwandern 
hat. Zu einem Strome, den man übersetzen muß. Zeit und Geld, Blut, 



') Vgl. das Kapitel ..Der Wettlauf des Lebens" in meinem Buche „Der Wille 
zum Loben". 



264 



Die Impotenz des Mannes. 



Sperma und alle Sekrete gehen eine symbolische Gleichung ein, deren 
Auflösung die merkwürdigsten Beziehungen ergibt. 

Daß die Ungeduld der Parapathiker die deutlichsten Beziehungen zum 
Zeitproblem ergibt, ist ja einleuchtend. Der Parapathiker ist des Wartens 
müde. Er hat die Geduld verloren. Diesem einen Typus entspricht als 
bipolarer Gegensatz der andere, dem das Warten zur höchsten Lust wird, 
der alle Entscheidungen hinausschiebt, um die Vorlust zu verlängern. 
Schließlich wird ihm die Vorlast zur Hauptsache. Auch da verrät sich die 
durch die Parapathie erfolgte Störung. Der Parapathiker ist unfähig, die 
Lust des Augenblickes zu erfassen. Man denke an die Worte von Faust: 
\ Könnt' ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön!" 

Der an Ejaculatio praecox Leidende hat. schon in der Vorlust ge- 
nossen und ist der „Ungeduldige", der Potente ist auch im Geschlechts- 
verkehre der Mann, der warten kann. Der Mann benimmt sich wie sein 
Penis oder besser umgekehrt: Der Penis benimmt sich wie der Mann. 

Der Parapathiker kennt nur die Vorlust der Realität und die Nachlust 
der Erinnerung. Das ist seine geheime Strafe dafür, daß er die einzig 
schöne Gegenwart, die Kindheit, nicht als Lust empfand und damals groß 
sein wollte. 

Aus allen diesen Ausführungen ergibt sich die Wichtigkeit des Pro- 
blems der Zeit für den Parapathiker. Das Prinzip, die Realität zu an- 
nullieren, geht meistens gegen die Realitiit der Zeit. Das Unbewußte kennt 
nach einem Ausspruche von Freud keine Zeit. Das hat eine tiefe psychische 
Motivierung. Es will die Zeit nicht kennen. Es setzt sich als Wunsch- 
erfüllung über die Zeit hinweg und ist zeit- und raumlos. Aus dieser 
Dissonanz zwischen einem Bewußten, das ohne Zeit nicht existieren kann, 
und einem Unbewußten, das mit der Zeit nicht existieren will, entstehen 
manche Unsicherheiten und manche Zweifel des Parapathikers. Zwischen 
der Realität und der Phantasie gibt es ein Grenzgebiet, in dem die Zeit- 
begrifi'e schwanken. Die Größe dieses Grenzgebietes gibt einen trefflichen 
Maßstab für die Schwere der Parapathie. 

Die falsche Zeiteinschätzung kann schließlich das ganze Krankheits- 
bild beherrschen, so daß die Menschen ihr Zeitgefühl vollkommen ver- 
lieren. Sie schätzen die Zeit ganz falsch ein. 1 ) Es gibt verschiedene 
Autoren, die ein solches Krankheitsbild geschildert haben. Leider fehlt 
die analytische Erforschung dieser Fälle. 

Es ist interessant, daß man diese Zustände künstlich erzeugen kann. 
Durch Intoxikation mit bestimmten Giften läßt sich eine Störung des Zeit- 

l ) Vgl. M. Rosenberg: Über Störungen der Zeiteinschätzung. Zeitschr. f. d. g. Neur. 
u. Psych., Bd. 51, 1919. A. Pick: Zur Psychopathologie des Zeitsiuues. Zeitschr. f. 
Psychopathologie, III. Bd., 4. Heft. //. Kien: Beitrag zur Psychopathologie und Psycho- 
logie des Zeitsinnes. Zeitschr. f. Psychopathologie, III. Bd., 3. Heft. (Daselbst auch altere 
Literaturangaben.) 



Die Beziehungen des Parapathikers zur „Zeit". 265 

sinnes erzeugen. Spuren dieser Veränderungen lassen sich im Alkoholrausche 
nachweisen. Berauschte verlieren oft die Fähigkeit, die Zeit zu schätzen, 
üie Zeit vergeht ihnen im Rausche meistens sehr rasch, und man erfährt, 
daß Parapathiker trinken, weil sie die Zeit nicht vertragen und ihnen die 
Nutzlosigkeit ihres Daseins und die Unerfüllbarkeit ihrer sexuellen (ge- 
heimen) Wünsche das Leben unerträglich macht. Auch nach Haschisch. 
Opium und im Mcskalinrausch kommt es vor — ja selbst in der Chloro- 
formnarkose — . daß der Zeitsinn sehr empfindlich gestört ist. (Siehe die 
Schilderungen in der sehr interessanten Arbeit von A. Pich) Ein Haschiseh- 
esser schätzt einen Zeitraum von einer Viertelstunde auf 300 Jahre und 
der Rausch dauert nur eine Viertelstunde. (Beobachtung von Th. Gautim-) 
Scrko schildert seine Empfindung im Meskalinrausch: ,. Erlebnisse in der 
letzten halben Stunde erscheinen in weiter Feme und das Gefühl der 
nächsten Zukunft überstürzt sich. Man hat zunächst das eigentümliche 
Gefühl, als hätte man die Herrschaft über die Zeit verloren, als schlüpfe 
diese einem gleichsam durch, als wäre man nicht mehr imstande, die 
augenblicklichen Momente festzuhalten, um sie auszuleben; man sucht sich 
an sie anzuklammern, aber sie entwinden sich." 

Wir kennen auch den Zustand der „Ideennucht" in dem die Ge- 
danken einander so jagen, daß man in Minuten Stunden erleben kann. 
In Todesgefahr tritt der nämliche Zustand ein. Das ganze Leben zieht in 
Sekunden blitzschnell am geistigen Auge vorüber. Auch die Schätzung der 
Zeit im Traume unterliegt der gleichen Täuschung.. Träume von Minuten- 
dauer dehnen sich im Traume zu Erlebnissen von Monaton. (Die berühmten 
Weckerträume Hüdebrandts) Das beweist uns, daß die Zeitschätzung mit 
dem Ablauf der Assoziationen zusammenhängt. Leuten, die angeregt denken 
oder arbeiten, verfliegt die Zeit. Je rascher sie denken, desto mehr unter- 
schätzen sie die verbrauchte Zeit. Tagträumer verlieren meistens den Sinn 
für die Realität, sie verlieren die Realität der Zeit. 

Ich will mich nun zu einigen Beispielen aus meiner Erfahrung wenden, 
welche uns die praktische Bedeutung dieses Phänomens für das Verständnis 
mancher Formen von absoluter und relativer Impotenz beweisen werden- 

Fall Nr. 88. T. Z. , ein bisher vollkommen gesunder Soldat, wurde mir 
2 Wochen nach einer Granatverschüttung auf meine Abteilung gebracht. Er 
erzählte von folgenden Anfällen: „Einige Male im Tage passiert es mir, daß 
ich den Sinn für die Umwelt verliere und alles viel schneller sehe. Ich blicke 
auf die Uhr. Die Zeiger bewegen sich rasend, als wenn sie um das Zifferblatt 
laufen würden. Die Menschen eilen viel rascher als im Kino. Jede Bewegung 
geht hundertmal so rasch vor sich als in Wirklichkeit. Das dauert 10 Minuten, 
dann ist alles vorüber." 

Diese Erscheinung läßt sich als Nachwirkung der Granatverschüttung er- 
klären. Er sah das Geschoß pfeifend und pfauchend herankommen, er fühlte 
seinen nahen Tod und erlebte nun sein vergangenes Leben in rasender Eile. 



266 



Die Impotenz des Mannes. 



Der Anfall wiederholt das Schreckbild der Verschüttung und enthält eine War- 
nung: „Siehst du, so rasch verströmt dein Leben! Nütze es nur aus!" 

Er gibt an, daß ihm auch während eines Verkehrs mit seiner Geliebten 
die Empfindung gekommen sei, daß er sich sehr rasch bewege, und daß alles 
in einer Sekunde erledigt war. Es hatte aber einige Minuten gedauert. Nach 
einigen Wochen klang der Zustaud vollkommen ab. 

Wir sehen aus diesem Beispiele, wie das Nachbild der Verschüttung 
eine falsche Zeitschätzung herbeirufen kann. Nun weiß ein jeder Analy- 
tiker, wie sehr die Parapathiker der Fähigkeit unterliegen, sich Träumereien 
hinzugeben, welche oft im Tempo einer rasenden Ideenflucht vor sich 
gehen, manchmal aber ein langsames Tempo einschlagen, je nachdem es 
die psychische Situation erfordert. Dabei benützen sie die „Annullierungs- 
tendenzen", um sich über die Realität der Zeit in ihre Irrealität zu flüchten. 

Fall Nr. 89. Herr X. S., 37 Jahre alt, klagt über eine seit vier Jahren 
bestehende Impotenz. Bis zu dieser Zeit sei er vollkommen potent gewesen. 
Dann habe sich in sehr rascher Zeit eine vollkommene Impotenz ausgebildet. 
Auch Morgenerektionen sollen nicht mehr vorkommen. Organisch ist er voll- 
kommen gesund. Es ergibt sich in der Analyse folgender Zusammenhang. Er 
hatte 6ich vor vier Jahren von seiner Frau scheiden lassen, weil sie ein Luder" 
war und ihn mehrfach in schamlosester Weise betrogen hatte. Außerdem hatte 
sie ihm Geld veruntreut und es ihrem Geliebten gegeben. Sie war roh und 
hatte gar kein Herz für ihn. Es blieb als einzige Rettung die Scheidung. Sie 
lachte immer, wenn er ihr mit der Scheidung drohte und meinte: „Du kannst ja 
von mir nicht loskommen!" Er aber befreite sich von ihr mit übermenschlicher 
Kraft. Ich sage übermenschlicher Kraft, weil er ihr sexuell hörig war. In ihren 
Armen empfand er Wonnen, die er vorher gar nicht geahnt hatte, und war 
außerordentlich potent. Er erinnert sich an Leistungen, die das Dutzend in 
einer Nacht erreichten. Am Tage der Scheidung zog er sich in ein dunkles 
Zimmer zurück und weinte einige Stunden ganz bitterlich. Dann war er an- 
geblich mit ihr fertig. Aber kurze Zeit nachher wurde er impotent. Er dachte 
nicht mehr an die falsche Frau. Er hatte sie vergessen. Aber er konnte an 
keiner anderen Frau Gefallen finden, weil er eine ungenügende Erektion hatte. 
Es zeigte sich in der Analyse, daß er seine Frau noch immer liebte und noch 
immer heiß begehrte. Seine Impotenz aber war etwas „Gewolltes" und seine 
physische Unfähigkeit nur eiue scheinbare. 

Er hatte sich eine „Illusion" zurechtgezimmert, die nur mit Hilfe von 
Annullierungstendenzen hatte zustande kommen können. Seine Frau hatte wieder 
geheiratet und lebte mit einem reiehen Manne in einem vornehmen Palais, 
hatte auch ihr Dirnenleben ganz aufgegeben. Er erkundigte sich immer nach 
ihr uud konnte mit Hilfe einer alten Bedienerin immer Nachrichten erhalten. 
Er annullierte ihre Heirat, er lebte in der Illusion, sie werde oines Tages an 
seine Türe pochen und sich ihm hingeben, weil sie Geld benötigte. Aus diesem 
Grunde wnrde er krankhaft geizig und gönnte sich keine größere Ausgabe. 
Während er bewußt von ihr nichts wissen wollte, bestand er in seinem Inneren 
auf ihren Besitz. Er hatte sich in der Illusion eine merkwürdige Bedingung 
aufgenommen. So lange er seiner Frau dio Treue hielt, so lange durfte er 
hoffen, sie wieder zurückzubekommen. Diese Verbindungsbrücke zwischen Im- 
potenz und Illusion (von mir der „parapathische Konditionalsatz" genannt, das 
,.Junktim" Adlers) hielt ihn in der Impotenz fest. Überdies hielt er an der 



Die Beziehungen des Parapathikers zur „Zeit". 267 

.,parapathischen Illusion" durch folgende Handlung fest. Er trug in der Tasche 
Hin Kuvert in dem sich 1000 Kronen befanden. Von diesem schmutzigen Ku- 
vert auf dem das Datum der Scheidung aufgeschrieben war, trennte er sich 
niemals. Ich fragte ihn nach den Sinn des Kuverts, das ich zufällig entdeckte, 
als er seine Brieftasche herausnahm, um mir das Bild der geschiedenen Frau 
zu zeigen, das er immer bei sich herumtrug. „Ich habe mir gedacht, man soll 
immer Geld bei sieh haben. Man weiß nicht, wozu es gut ist." 

„Das können Sie ja in der Brieftasche tragen. Wozu schleppen Sie das 
schmutzige Kuvert herum. Übrigens kommt jetzt dieser Betrag bei Ihren Ver- 
haltnissen kaum in Betracht. Sie tragen gewiß eine größere Summe in Ihrer 
Brieftagehe. Und was bedeutet das Datum des Scheidungstages?" 

„An jenem Tage habe ich mir gedacht, du wirst jetzt übermütig werden 
und viel Geld ausgeben. Halte dir also tausend Kronen für den Notfall bereit." 

Er macht eine Ausflucht nach der anderen. Die Wahrheit ist, daß er 
an der „parapathischen Illusion" festhalt und das Geld für den Fall bereit hält, 
als sie zu ihm kommen und ihn um Geld bitten sollte. Dann wollte er auf 
das Datum des Kuverts hinweisen und ihr stolz sagen: „Siehst Du, ich habe 
es am Tage der Scheidung gewußt, daß Du reuig zurückkehren wirst." 

Er annulliert jetzt die Tatsache, daß sie reich ist, er will in seinen 
Phantasien gar nicht wissen, daß sie vergeben ist, er sieht sie immer jung 
und reizend, obwohl sie inzwischen dick geworden ist nnd (nicht mehr seinem 
Geschmack entspricht!) an Fülle zugenommen hat und sich die Spuren von 
Trinken und Spielen, von schlaflosen Nachten und wilden Orgien in ihrem 
Gesichte ausgedrückt haben. Er trügt das liebe Bildnis bei sich, auf dem sie 
die rührend naiven Züge eines echten Kindweibes zeigt. 

Ohne die Kenntnis dieser psychischen Mechanismen bleibt mancher 
Kall von Impotenz ein dunkles Rätsel. Vollends unentbehrlich ist das Ver- 
ständnis der „Zeitparapathien" für jene sonderbaren Fälle von „psychischem 
Infantilismus", deren Schilderung der nächste Band gewidmet ist. Ich will 
hier zur Ergänzung des Themas „Impotenz" einen einschlägigen Typus 
vorführen. Immer handelt es sich um Männer, welche eine Regression in 
die Kindheit vorgenommen haben und mit dieser Regression die Befriedi- 
gung als Mann aufgegeben haben. Diese Flucht vor der Männlichkeit in 
die Kindheit ist nicht, das einzige Kennzeichen dieser Parapathie. Sie 
zeichnet sich durch das Mißverhältnis zur Zeit aus. Der Kranke annulliert 
die Zeitveränderungen, er wird nicht älter, die Umgebung wird nicht älter. 
Im Gegenteil! Er geht sogar zurück. Er wird mit jedem Tage jünger und 
je länger der „Infantilismus" andauert, desto mehr kann die Regression 
fortschreiten und sich schließlich bis zur Hilflosigkeit des Säuglings steigern. 
(Sie entspricht, dem Typus des „ewigen Säuglings", wie ich ihn in der 
.Sprache des Traumes" in Band V geschildert habe.) Die Zeit wird durch 
Trödeleien und Phantasien vollkommen entwertet. Dabei kann die Analyse 
regelmäßig eine unbewußte Überwertung und einen heftigen inneren Kampf 
feststellen, der beweist, daß diese Kranken das Paradies ihrer Kindheit 
durch die Reue des Schuldigen in eine Hölle verwandeln. 



268 



Die Impotenz des Mannes. 



Fall Nr. 90. Herr 0. P., ein Mann von dreißig Jahren, wird mir von 
seinem Vater wegen Impotenz in Behandlung gegeben. Dem Vater ist eine 
merkwürdige Veränderung seines Sohnes aufgefallen. Er habe sich immer mehr 
den Aufgaben des Studiums und den Interessen der Welt entzogen und leide 
auch an epileptischen Anfällen. Auf den Rat eines Arztes habe man es mit 
Geschlechtsverkehr versucht. Aber er sei impotent und könne nicht gesund 
werden, wenn die Impotenz nicht belieben werden würde. 

0. P. ist das einzige Kind von gesunden Eltern; in der Familie gibt es 
keine Parapathen. Die Mutter zeigt nur Ansätze der Hausfraueuparapathie, die 
sich nicht weit von der Grenze des Normalen entfernen. Durch eine abgöttische 
Liebe zu ihrem Sohne, der auch der Haustyrann des ganzen Hauses wurde 
hat sie manches zur Entstehung seiner Parapathie beigetragen. 0. P. zeigt orga- 
nisch keine auffallenden Degenerationszeichen, bietet aber meistens das Bild eines 
„verblödeten Menschen". Er lacht vor sich hin, schneidet allerlei Grimassen, 
spricht unverständliche Worte, stiert plötzlich unverwandt auf einen Punkt in 
die Ferne. Er ist in seinem Benehmen etwas scheu, aber übertrieben liebens- 
würdig, beherrscht die äußeren Formen in tadelloser Weise, spricht auch fremde 
Sprachen und läßt in der Unterhaltung keinen geistigen Defekt erkennen. Die 
Anamnese ergibt, daß er sich bis zum 25. Lebensjahre ganz normal entwickelt 
hat. Er machte seine Matura nicht gerade glänzend, aber immerhin ausreichend, 
hörte dann juristische Vorlesungen, zeigte allerlei Interessen, beschäftigte sich 
auch mit Musik und leichter Lektüre. Da er Erbe eines großen Vermögens 
ist, gab es für ihn keine Notwendigkeit zu arbeiten. Mit 25 Jahren setzte°die 
Veränderung ein. Er begann die Vorlesungen zu vernachlässigen und brauchte 
ungeheuer lange zu allen kleinen Beschäftigungen. Er wurde zerstreut, trödelte 
den ganzen Tag herum, wurde immer gereizter, die Anfälle kamen häufiger, 
er zog sich von seinen Bekannten zurück, gab eine Beschäftigung nach der 
anderen auf. Als letzter Rest der gewohnten Lebensweise blieb ihm noch der 
tägliche Besuch eines Kaffeehauses, wo er etwas Zeitung las und sich die 
Leute ansah. Das wurde auch aus allerlei rationalistischen Gründen aufgegeben. 
Er wurde immer kindischer und verträumter. 

Über sein Sexualleben macht er folgende Angaben. Er begann mit 
11 Jahren spontan zu onanieren und onaniert noch heute. Mit 29 Jahren 
machten seine Eltern einen Versuch mit einer Dame, die zu diesem Zwecke 
engagiert wurde. Ihre Bemühungen waren kaum von Erfolg gekrönt. Sie 
brachte es nach stundenlangem Spielen mit seinen Genitalien zu einer schwachen 
Erektion. Als diese Erektion zu einem Koitus ausgenützt wurde, bei dem er 
den Succubus spielen mußte und sie ihm alle Initiative ersparte, hatte er das 
Pech, von der „Dame" eine leichte Gonorrhoe zu akquirieren, welche ihn noch 
weiberscheuer machte, als er es bisher gewesen. Auch andere Versuche mit 
Frauen und Mädchen, Besuche in Bordellen, hatten gar keinen Erfolg. Die 
Erektion, die am Abend und auch bei Tage stets spontan kam, wollte sich 
bei diesen Gelegenheiten nicht einstellen. 

Er onaniert augeblich immer nur mit Gedanken an Frauen. In seinen 
Phantasien spielt ein bestimmtes Mädchen eine große Rolle, das ihm sehr ge- 
fällt, das er auch gerne geheiratet hätte. Aber seine Eltern waren gegen die 
Verbindung. Er sprach auch nie den Wunsch offen aus. Denn er ist aus einer 
alten aristokratischen Familie und sie die Tochter eines besseren Gewerbs- 
maunes. Er selbst hat auch einen ausgesprochenen, lächerlichen Adelsstolz. Das 
wäre an und für sich ein Konflikt, dem seine Psyche nicht gewachsen ist. 
Überdies gibt er bald zu, daß auch homosexuelle Phantasien vorkommen. Inter- 



Die Beziehungen des Parapathikers /.ur „Zeit". 269 

essant ist der Umstand, daß seine epileptischen Anfülle zum Teile mit seinen 
homosexuellen Regungen zusammenhangen. Er war 19 Jahre alt und machte 
mit seinem Professor, den er sehr liebte, eine Reise. Zufällig mußten sie in 
einem Hotel in einem Zimmer zusammenschlafen. Er hatte Anwandlungen von Angst 
und wollte den Professor zu sich rufen. Er konnte diese kindische Regung 
noch überwinden. Am Morgen aber, als der geliebte Mann sich ankleidete, 
stand er auf. Offenbar wollte er eine Aggression auf ihn ausüben und seinen 
Penis anrühren. Bevor er es tun konnte, fiel er um und hatte . seinen ersten 
Anfall. Wir werden später sehen, daß die Anfälle mehrfach determiniert sind, 
ihre Beziehungen zur Homosexualität traten immer sehr deutlich hervor. Auf 
das Alleinsein mit einem Manne reagierte er stets mit einem Anfalle. 

Wie schon erwähnt, setzte mit 25 Jahren die Veränderung in seinem 
Leben und der Krebsgang zur Vergangenheit ein. Er begann sich nur mit 
der Vergangenheit zu beschäftigen. Er machte das sehr systematisch. Er 
führte einen geheimen Kalender und lebte erst die gleichen Tage vor einem 
Jahre, vor zwei Jahren usw. noch einmal bis in die geringsten Kleinigkeiten 
durch. Dann schritt er bis zu der frühen Kindheit. Er lebte die Kinderzeit 
durch, belebte die alten Eindrücke, die alten Häuser, sprach in Gedanken mit 
den alten Menschen, war ein Kind, ging wieder in die Volksschule. Er war 
an die Mutter fixiert und dachte auch gerne die Szenen durch, da er noch 
bei der Mutter im Bette liegen und mit ihr zärtlich sein konnte. Außerdem 
konstruierte er sich ein ganzes System von Zahlenspielereien. Jeder Buchstabe 
repräsentierte eine Zahl. A ist 1, B ist 2, E 5 usw. So konnte jedes Wort, 
jeder Name Zahlen repräsentieren. Überdies kamen die Jahreszahlen au die 
Reihe, jede Zahl, jedes Wort zeigte Beziehungen zu der Vergangenheit. Aber 
es gab bald keine Verrichtung während des Tages, die nicht zum Spielen aus- 
genützt wurde. Er konnte z. B. die Schuhe eine halbe Stunde anziehen. Dabei 
spielte es eine Rolle, ob die Schuhbänder gleich lang oder verschieden lang 
waren. (Die Frage „Wen liebst du mehr, Vater oder Mutter" sollte auf diese 
Weise symbolisch gelöst werden.) Er bemühte sich, sein Ideal zu erreichen, daß 
die Bänder immer gleich waren. Das Anziehen der Strümpfe und Kleider gab 
wieder eine Menge von solchen Problemen, deren erschöpfende Schilderung ein 
ganzes Buch füllen würde. Das Anziehen dauerte anfangs 2 , dann 3 und 
zuletzt 4 Stunden, so daß er von einem Stubenmädchen wie ein kleines Kind 
angezogen wurde und als besonderen Rekord nur 2 Stunden brauchte, worauf 
er nicht wenig stolz war. Die Mutter gab ihm in allem nach, denn sie fürchtete 
seinen Zorn. 

Wenn man seinen Willen nicht erriet, so konnte er wütend werden. Er 
fröhnte in leidenschaftlicher Weise seinem Willen zur Macht und begann mit 
seinem System das ganze Haus in seinen Dienst zu stellen. 

Beim Anziehen der Kleider mußte uachgesehen werden, ob alles glatt war. 
Rauhes vertrug er nicht. (Er wollte im Leben alles glatt erledigen, er dachte 
auch bei den Kleidern an eine glatte Haut.) Dann blickte er immer auf den 
Hacken, wo die Kleider hingen. Dabei verträumte er sich in die Vergangenheit 
und dachte an die Objekte, an die er fixiert war. Er hatte noch tausende solcher 
Spielereien, die ihn so beschäftigten, daß der Tag verflog, als ob er eine Mi- 
nute wäre. 

Das wichtigste aber waren ihm seine Ponyspielereien. Er hatte auf dem 
Lande ein Ponypaar besessen, das er sehr liebte und mit dem er sich sehr viel 
beschäftigt hatte. Mit diesen Ponys sprach er jetzt noch den ganzen Tag. Das 
männliche Pony wurde von ihm „Exzellenz" genannt, das weibliche „Frau Gräfin". 



270 



Die Impotenz des Mannes. 



Er hatte die Gewohnheit, sie anzusprechen: „Guten Morgen, Exzellenz! Haben 
Exzellenz gut geschlafen? Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten? Soll ich 
Ihnen die Zeitung vorlesen ? Ktiss' die Hand, Frau Grafin ! Wünschen Sie ein 
feines Frühstück zu sich zu nehmen ? Wollen Frau Gräfin die Liebenswürdigkeit 
haben, mit mir eine kleine Promenade zu machen ?" . . . Das konnte stunden- 
lang so fortgehen und war ihm eine unversiegbare Quelle des Humors und der An- 
regung. 

Er machte mit dem Munde allerlei sonderbare Bewegungen, die sich als 
Kaubewegungen entschleierten, wie er sie bei den Ponys beobachtet hatte. Er 
identifizierte sich mit den Pferden und kaute den ganzen Tag. Er war selbst 
ein Pony, er konnte Heu fressen, er konnte wie ein Tier scheinbar gedanken- 
los vor sich hinstarren. 

Er war nur sehr schwer zu bewegen, in der Analyse diese Kindereien 
mitzuteilen. Er hütete 6ie wie einen kostbaren Schatz und schämte sich, über diese 
Spielereien zu sprechen. 

Eines Tages aber kam die Ursache dieser Erscheinungen zur Sprache. 
Er fürchtete die Zeit. Er machte sich Vorwürfe, daß er die Zeit 
vertrödle, daß er nichts Rechtschaffenes leiste. Er flüchtete vor 
den Forderungen seines Gewissens in die Vergangenheit. Er war 
noch ein Kind, er spielte mit den Ponys, das ganze Leben stand 
noch vor ihm. Er annullierte die Gegenwart und spielte den Men- 
schen, dessen Leben noch voll von Hoffnuugen und Erfüllungen 
war. Und er hatte es durch sein sinnreiches System dahin ge- 
bracht, daß er keine Minute zum Denken frei hatte und der ganze 
Tag ausgefüllt war. Denn er zitterte vor dem leeren Raum. Er 
litt unter dem „Horror vacui". Er wollte nicht denken, er wollte 
nicht au die Forderungen des Lebens gemahnt werden. 

Trotzdem machte er sich immerwährend Vorwürfe. Er war oft schlaflos 
und da drang die Stimme des Gewissens durch. Er hatte Tage, an denen er 
voller Vorsätze war: „Morgen werde ich die Kindereien aufgeben und ein 
neues Leben anfangen. Ich werde auf die Universität gehen und wieder Vor- 
lesungen hören. Ich werde wieder Klavier spielen und Bücher lesen. Ich werde 
wieder ins Theater gehen." Er war aber zu sehwach, diese Vorsätze auszu- 
führen, und verfiel immer wieder in seine Träumereien. Er wollte sich nicht 
erwecken lassen. Nach einem kurzen Anlauf war er wieder das blöde Kind, 
das mit seinem traurigen Grinsen und seinen stereotypen Kaubewegungen die 
Spottsucht der Umgebung und der Fremden herausforderte. Er blieb auch auf 
der Straße stehen und starrte vor sich hin , in seine Gedanken versunken, 
unfähig, die Wirklichkeit zu erleben, immer in Gefahr, überfahren zu werden, 
so daß in diesem Gehaben eine gewisse Selbstmordtendenz durchschimmerte. 

Die entscheidende Wendung in seinem Leben knüpft sich au die beiden 
Ponys. Es ist kein Zufall, daß er die Erinnerung an beide Ponys so hartnäckig 
festhält und selbst das Pony spielt. Diese Identifizierung muß einen tieferen 
Sinn haben. Eines Tages erzählt er, daß die beiden Ponys vergiftet werden 
mußten, weil sie von einem wütenden Hunde gebissen wurden. 

Ich habe schon erwähnt, daß er die Neigung hat, in Wut zu geraten, 
wenn er sich zurückgesetzt glaubt. Diese Zurücksetzung hat immer nur einen 
Sinn: Er fühlt, daß sein Liebeswerben nicht angenommen wird. Die Wut ist 
die Reaktion auf eine verschmähte Liebe. Dann möchte er das Objekt seiner 
Liebe töten. Solche Wutgedanken werden der Mutter gegenüber geäußert, auch 
gegen das Stubenmädchen, das ihn ankleidet. Die Wutgedanken heißen: „Und 



Die Beziehungen des Parapathikers zur „Zeit". 271 

gehst du nicht willig, so hrauch ich Gewalt!" Er wünscht, daß man seine 
Gedanken erraten soll. Er verlangt im Geheimen, daß man zu ihm kommt, 
daß man ihn verführt, daß man ihn der Mühe der Aggression enthebt. Er ist 
fromm und will nach dein Prinzip „Lust ohne Schuld" genießen. Dazu kommt 
noch der Umstand, daß alle seine Sexualobjekte uuter einem Verbote stehen. 
(Mutter, Lehrer, das geliebte Mädchen, Kinder, Tiere.) Die Vergewaltigungs- 
phantasie, die dem Ausbruch der Wut folgt, das Beißen und Überwältigen des 
Partners erlebt er im epileptischen Aufall. (Im Kapitel „Impotenz und Krimi- 
nalität" werden wir einen einschlägigen Fall kennen lernen.) 

Die Vergiftung der Ponys, der wütende Hund weckten in ihm Assoziationen 
zu zwei seiner eigenen Komplexe. Er hatte mit dem Vergiftungsgedanken ge- 
spielt, um seinen Vater zu beerben und rascher selbständig zu werden. Der 
Vater war der einzige, den er fürchtete, vor dem er Respekt hatte, der ihm 
unangenehm war, der sich seiner Tyrannis nicht fügte, vor dem er sich schämte, 
don er als Rivalen in der Gunst der Mutter betrachtete. Überdies war er selbst 
das wütende Tier. Sein Sadismus war mit dem Gefühl der Männlichkeit und 
mit jeder Aggression verknüpft. Er mußte die Aggression fürchten und sich 
aus Motiven des „Selbstschutzes" hinter die sichere Hecke der Impotenz flüchten. 
Er wollte und durfte kein Mann sein. Noch mehr! Er wollte die Ent- 
wicklung aufhalten und machte dann den Krebsgang in die Kindheit zurück. 
Aber sein Schuldgefühl ruhte nicht und sein Infantilismus zeigte furchtbare 
Interme/.zis von Vorwürfen und Quälereien, von Depressionen und Lebensüberdruß. 

Die Analyse ist noch nicht abgeschlossen. Was zum Verständnis seiner 
Impotenz notwendig ist, habe ich in Kürze mitteilen können. 

Epikrise nach 3 Jahren: Patient kann als geheilt gelten. Er hat seine 
Anfälle verloren, sieht blühend aus, zeigt eine gewisse Selbständigkeit. Der 
Infantilismus erscheint zum großen Teile überwunden. 

So sehen wir, wie das Problem der Zeit mit dem der Impotenz ver- 
quickt ist. In den nächsten Kapiteln wollen wir das Zeitspiel der Para- 
pathiker beim Koitus beleuchten. Die zwei Haupttypen der Menschen, der 
Geduldige, der warten kann, und der Ungeduldige, der das Ende vor- 
wegnimmt, werden uns in einigen Exemplaren beschäftigen. 

Es gibt Menschen, die immer und zu allem Zeit haben, welche die 
Zeit verwalten, wie ein kostbares, ihnen anvertrautes Gut, Sie haben auch 
zur Liebe und in der Liebe Zeit. Dem Ungeduldigen, der immer gehetzt ist 
und zu gar nichts kommt, der nie Zeit hat, dem fehlt auch die Zeit zur 
Liebe und zur Liebeskunst. Und zur Liebe gehört Zeit, Zeit und wieder Zeit. 
Die Zeit ist das Geld der Liebe. Das höchste Geschenk, das ein schaffen- 
der Mann seiner Geliebten geben kann, ist ein Teil von seiner Zeit. In 
der echten Liebe trägt dieses Geschenk die besten Zinsen. Der Mann 
erhält seine Zeit durch erhöhte Schaffenskraft tausendfach zurück. Wer 
sich aber zur Liebe keine Zeit läßt, aus Liebe zur Zeit, der flüchtet in 
eine Zeitparapathie, welche seine Unfähigkeit zur Liebe verschleiern soll. 



272 



Die Impotenz des Mannen. 



XIII. 
Die Psychologie der Ejaculatio praecox. 

Die Vorstellung der eigenen Kraft macht 
kräftig. Wer sich etwas getränt zu voll- 
bringen, vollbringt es leichter, als wer 
sich 's nicht getraut. Johannen Müller. 

Auf keinem zweiten Gebiete der Sexualwissenschaft herrschen so 
viele Irrtum mer, wie in der Auffassung dieses zu besprechenden Themas. 
Die meisten Ärzte, selbst die angesehensten Autoritäten auf diesem Ge- 
biete, vertreten die Ansicht, daß die Ejaculatio praecox entweder eine an- 
geborene Schwäche der sexuellen Konstitution verrät, ein Zeichen schwerer 
Neurasthenie oder aber eine Folge der Onanie (auch der Pollutionen) 
ist. (Mitunter werden auch sexuelle Exzesse beschuldigt.) Selbst die ortho- 
doxen Psychanalytiker vertreten diese Ansicht. Freud glaubt, daß der 
an Ejaculatio praecox Leidende den ganzen Akt in der Phantasie vorge- 
nießt, so das ihm beim Weibe wenige Sekunden genügen, um den Orgas- 
mus herbeizuführen. Viktor Tausk behauptet in seinen Bemerkungen zu 
Abrahams Aufsätze über Ejaculatio praecox 1 ), daß die Ejaculatio praecox 
als eine der sicheren, viel umstrittenen, schädlichen Folgen der Onanie 
anzusehen ist. Ferner sagt er: „Für die Bedeutung der onanistischen 
Phantasie „des Vorwegnehmens" bei der Erklärung der Ejaculatio praecox 
sprechen die Praktiken, mit denen diese Kranken der Ejaculatio praecox 
vorzubeugen suchen. Diese Praktiken sind Versuche, die Phantasie mit dem 
Bewußtsein der Realität zu vertauschen, sich der Tatsache bewußt zu 
werden, daß ja nunmehr ein reales Objekt da ist, ein Frauenleib, in den 
man eindringen kann und eindringt, der alles, was zum Genuß gehört, von 
Anfang bis zu Ende darbietet, so das es nicht nötig ist, etwas dazu zu 
phantasieren, weil alles fühlbar, greifbar, in Wirklichkeit erreichbar ist. 
Nur wenn die Ablehnung des Weibes oder des normalen Geschlechts- 
aktes (infolge Parapathie, Angst etc.) so stark ist, daß das reale Weib 
überhaupt keinen Reiz zu geben vermag, endet auch der zweite Koitus 
mit einer Ejaculatio praecox, da er sich bis zur Ejaculation in der Phan- 
tasie abwickelt. Die Ejaculatio praecox ist als Pollutionsäquivalent anzu- 
sehen und in die gleiche Beziehung zur Onanie zu bringen wie die Pol- 
lution. Sofern die Enuresis ein Äquivalent ist, ist es die Pollution und die 
Ejaculatio praecox auch." 

Von den Analytikern verdanken wir Karl Abraham die erste größere 
zusammenhängende Arbeit über „Ejaculatio praecox". 8 ) 



') Intern. Zeitschr. f. ärztliche Psychoanalyse, IV. Jahrg. 
') Intern. Zeitschr. f. ärztliche Psychoanalyse, IV. Jahrg. 



Die Psychologie der Ejactilatio praecox. 21'6 

Abraham geht offenbar von dem Grundsatz aus, wer alles bringt, 
wird jedem etwas bringen. Er konstatiert, daß bei dem Phänomen der 
Ejaculatio praecox folgende Momente eine Bolle spielen: 

1. Die Urethra ist eine bevorzugte erogene Zone. Er sagt: „Wir er- 
fahren, abgesehen von solchen Reminiszenzen, die sich auf starke Lust- 
betonung der willkürlichen Harnentleerung in der Kindheit beziehen, daß 
die Kranken schwer an Reinlichkeit zu gewöhnen waren, daß sie selbst 
bis ins erwachsene Alter öfter Urin in kleinereu und größeren Mengen 
unfreiwillig verloren, daß sie bis in späte Kindheitsjahre an Bettnässen 
litten, daß sie auf Erregungen aller Art sehr leicht mit unwider- 
stehlichen Harndrang reagieren. Die gleichen Menschen, welche die nor- 
male Beherrschung der Blasenfunktion erst spät oder überhaupt nur un- 
vollkommen erwarben, neigen auch zum vorzeitigen überstürzten Samen- 
ahfluß." 

2. Die Glans penis sei mangelhaft erregbar im Gegensatze zur Emp- 
findlichkeit der Urethra. Die Sexualität dieser Männer habe ihren männlichen 
Charakter eingebüßt und die Ejaculatio praecox sei die gleiche Erscheinung 
wie die weibliche Frigidität. — Diese Behauptungen sind unhaltbare Kon- 
struktionen und entsprechen keineswegs meinen Erfahrungen. Sogar Tausk 
hat diese Auffassungen als einen „unfaßbaren Fehlgriff" bezeichnet. Ferner 
behauptet Abraham: Alle diese Kranken leiden an Kastrationsangst. Das 
weibliche Genitale tragt für sie den Charakter des Unheimlichen, weil das 
Weib als ein kastrierter Mann angesehen wird. Überdies fürchten sie durch 
den Geschlechtsakt den Penis zu verlieren. Es handle sich um eine Phobie, 
den Penis nicht aus dem Körper des Weibes zurückziehen zu können, 
sondern ihn zurücklassen zu müssen. Die Ejaculatio praecox sei eine 
Kastration vor den Augen des Weibes. Alle daran Leidenden sind Nar- 
zißten. Doch ich will hier Abraham wörtlich zitieren: 

„Das Individuum wird zu einer Zeit , da es sich längst der nor- 
malen Objektliebe zugewandt haben sollte, einen starken Anlaß zum Ver- 
wetten im Narzißmus in sich tragen. Ferner wird sich in den Vorstellungen 
des Kindes die Überwertung des Penis als Organ der Harnfunktion in 
besonderem Maße fixieren. Tritt später an das Organ die Anforderung 
der eigentlichen Geschlechtsfunktion heran, so weigert es sich nun dieser. 
Die Folge ist dann jenes Kompromiß , als welches wir die Ejaculatio 
praecox bereits erkannt haben. 

Die Libido unserer Patienten verharrt in weitem Umfang im Stadium 
des Narzißmus. Wie der kleine Knabe seine Mutter mit seinem Urin 
benäßt, den er noch nicht zu halten vermag, so bonäßt der Parapathiker 
durch vorzeitige Ejakulation das Weib, in welchem wir nunmehr mit 
voller Deutlichkeit den Mutterersatz erkennen. 

Der Ejaculatio praecox wohnt somit auch eine exhibitionistische 
Tendenz inno. In ihr setzt sich der mit dem infantilen Narzißmus ver- 
knüpfte Glaube fort, durch die eigenen Vorzüge — besonders durch den 
Penis und da6 Urinieren — einen unwiderstehlichen Reiz auf das Weib 

Stekel, Störungun dos Trieb- und Affnktleben». IV. 2. Aufl. «g 



274 Die Impotenz des Mannes. 

(die Matter) auszuüben. Der Patient möchte den als gewalttätig und roh 
betrachteten Vater durch Feinheit übertreffen und ihn dadurch bei der 
Mutter ausstechen. Die Vorstellung von der Gewalttätigkeit des Vaters 
entstammt gewissen Erlebnissen des Kindes: es hat den Verkehr der 
Eltern belauscht und ihn als einen Gewaltakt des Vaters aufgefaßt. Nach 
der eigenen Geschlechtsreife wirkt diese „sadistische" Theorie des Koitus 
im Unbewußten des Sohnes nach. Der normale Geschlechtsakt erscheint 
dann als eine Roheit. Die Ejaculatio praecox wendet sich gewissermaßen 
an die weibliche Zartheit der Mutter; sie will ausdrücken: sieh, ich komme 
dir zarter entgegen als der Vater. 

Die Ejaculatio praecox — und zwar kommt namentlich die ante 
portas geschehende in Frage — ist eine Besudelung des Weibes mit 
einem den Urin vertretenden Stoffe. 

Mit der unbewußten Absicht der Besudelung des Weibes ist eine 
andere Tendenz aufs engste verknüpft. Meine Psychoanalysen bestätigen 
von Fall zu Fall immer Wieder, daß das Bettnässen des Weibes auch 
eine Trotahandlung darstellt. Die Mutter hat die Aufgabe , das Kind zur 
Reinlichkeit, zur Beherrschung seiner Schließmuskeln zu erziehen. Wird 
die Mutter zum Objekt der Feindschaft und Verachtung, so setzt das 
Kind ihren Bestrebungen einen heftigen Trotz entgegen, der uns oft 
genug im Charakter des erwachsenen Neurotikers wieder begegnet. So 
haben wir in der Ejaculatio praecox auch einen trotzigen Rückfall in die 
unbeherrschte Entleerungsform des frühen Kindesalters zu erblicken. 

Wie früher ausgeführt wurde, befindet sich jeder unserer Kranken 
in einer passiven Einstellung dem Weibe gegenüber. Er ist von der 
Mutter dauernd abhängig und kämpft gegen diese in seinem Unbewußten 
begründete Abhängigkeit. Der Abwehrkampf tritt in die Erscheinung als 
Kampf gegen das Weib. Der Patient verfügt aber in diesem Kampf nicht 
über die Mittel einer kraftvollen männlichen Aktivität. Er muß sich darauf 
beschränken, das Weib zu enttäuschen , und übt damit an jedem Weibe 
Rache für Liebesenttäuschungen , denen er als Kind von Seiten seiner 
Mutter ausgesetzt war und die sich im späteren Alter wiederholen. 

Auch hier liegt ein Zustand der Sexualablehnung vor, der aus dem 
Narzißmus hervorgeht. 

Prognostisch sind diejenigen Fälle am wenigsten günstig zu be- 
urteilen , in denen Ejaculatio praecox sich sogleich im Alter der Ge- 
schlechtsreife bemerkbar gemacht hat und seither durch eine Reihe von 
Jahren wieder vielemal hervorgetreten ist. Es handelt sich hier um Fälle 
mit außergewöhnlich starkem Vorwiegen der urethralen gegenüber der 
genitalen Erotik, in denen die Lust der Ejaculatio praecox die Unlust zu 
überwiegen pflegt." 

Es ist Abraham in dieser Arbeit leider nicht gelungen, die Probleme 
der Ejaculatio praecox zu lösen. Im Gegenteil! Er hat das Problem ver- 
wirrt und verallgemeinernde Behauptungen aufgestellt, die analytisch geist- 
reich sind, aber die Ejaculatio praecox als Folge einer infantilen Einstellung 
hinstellen, was den Tatsachen ebensowenig entspricht, wie, daß Ejaculatio 
praecox im Alter der Geschlechtsreife eine schlechtere Prognose gibt, als 
die im späteren Alter aufgetretene. Die Vergleiche mit der „Urinerotik" 
(das Kind will seine Mutter beschmutzen) werden nicht dazu beitragen, das 



" 



Die Psychologie der Ejaculatio praecox. 97 f> 

Verständnis für Psychanalyse in weiteren ärztlichen Kreisen zu ver- 
breiten. 

Wenden wir uns nach diesen notwendigen polemischen Bemerkungen 
zu den Erfahrungen der Praxis. Am nächsten werden uns dem Verständnis 
der Ejaculatio praecox jene Fälle bringen, in denen dieses Phänomen zeit- 
weise auftritt. 

Kein Mann kann von sich sagen, daß er seiner Potenz absolut sicher 
ist. Ja — selbst ein Casanova hatte Episoden, in denen er beschämt seine 
Schwäche erkannte. Ebenso hat jedermann zwischen den normal aus- 
fallenden Begattungen einmal eine oder die andere, in der es zu früh- 
zeitigem Samenergusse kommt. Diese Fälle von temporärer Ejaculatio 
praecox gestatten uns erst einen Schluß auf die schweren Fälle. 

Nun ist die Ejaculatio praecox ein kompliziertes Symptom, das mehr- 
fach determiniert sein kann: Eines ist sicher: Sie ist weder die Folge von 
Onanie 1 ) noch die Nachwirkung einer infantilen Einstellung im Sinne von 
Abraham. 

Wir können uns den Sexualakt als die Resultierende aus zwei Kräfte- 
gruppen vorstellen. Die eine Kräftegruppe ist libidinösen Ursprungs, sie 
vertritt die Forderungen des Geschlechtstriebes, die andere Gruppe um- 
faßt alle Hemmungen, Sicherungen, Schutzfunktionen des inneren Menschen. 
Bei starkem Antrieb wird die Hemmung leichter überwunden. Bei stärkster 
Hemmung (Stimme des Gewissens) kann die Libido sich nur schwer durch- 
setzen. Die Ejaculatio praecox ist ein Kompromiß aus beiden Störungen. 

1 ) Die Vorstellung von der Schädlichkeit der Onanie ist manchmal aus dem Be- 
wußtsein des Menschen nicht, auszurotten. In den letzten Wochen wurde ich viel von 
einem Jüngling belästigt, der mich flehentlich in Anwesenheit seiner Mutter bat, ich 
möge an ihm wegen Onanie eine Kastration vornehmen lassen. Er könne mit dem Laster 
nicht leben, aber auch nicht seiner Leidenschaft Herr werden, obgleich er sich gewöhnt 
habe, seiner Mutter immer Mitteilung zu machen, wenn er einen solchen entehrenden 
Akt vollzogen habe(!). Zu einer Analyse war er nicht zu bewegen, eine Hypnose ver- 
sagte vollkommen. Die Beziehung zur Mutter war deutlich und erklärte sein Schuld- 
bewußtsein. Trotzdem glaube ich, daß es ein vererbtes Schuldbewußtsein gibt, wie es 
Marcinowski in seinem vortrefflichon Buche „Der Mut zu sich selbst" (Verlag 
Otto Salle, Berlin 1912) postuliert hat. „Der neugeborene Mensch ist kein unbeschrie- 
benes Blatt, sondern er bringt die Schuldlast seiner Väter mit zur Welt. Darum ist 
Heilung und Heilbarkeit mancher Angstzuständc so außerordentlich schwierig, weil sie 
in Jahrtausende alter Vergangenheit wurzeln. Darum ist es auch gar nicht möglich, 
das Einzelne auf seine traumatischen Quellen im Leben zurückzuführen; oder umge- 
kehrt, weil dem so ist, darum bleibt das Erkennen häufig ein zu allgemeines und die 
Heilung ist dann weniger verblüffend an die Stunden des Klarwerdeus geknüpft. Und 
immer wieder muß ich darauf hinweisen: Das Seelenleben des Kindes wiederholt die 
Kulturgeschichte der Menschheit und steckt also voll von einem ungeheueren Erinnerungs- 
material, das in nebelhaft undeutlichen Zügen an der Kinderseele vorüberhuscht, oder 
richtiger sie an ihm. Vererbung ist Gedächtnis; Beharrungswille in einer einmal ein- 
geleiteten Bewegung ist nichts anderes. Was wir bewußt leben, das sind die jüngsten 
Stufen der Entwicklung; die müssen wir bewußt erkämpfen." 

18* 



276 Wfl Impotenz des Mannes. 

Die Libido wird durch den raschen Orgasmus herabgesetzt, weil die Hem- 
mung eine rasche Erledigung des Konfliktes erzwingt. 
Es kommt also zu Ejaculatio praecox: 

1. Wenn die Libido nicht stark genug ist. (Mangel an adäquater 
Befriedigung, Sexualobjekt mit geringem Reizwert, bei herabgesetzter Libido 
infolge von Krankheiten und Schwäche, Unterernährung, Müdigkeit, vor- 
hergegangener sexueller Befriedigung.) Gewöhnlich pflegt der zweite Koitus 
länger zu dauern als der erste. Das ist das Hilfsmittel vieler an Ejaculatio 
praecox Leidenden. Sie sind sehr aufgeregt (Ejaculatio praecox infolge 
überspannter Erwartung), es kommt bald zu Orgasmus und Ejakulation. 
Handelt es sich nur um eine Ejaculatio praecox wegen Vorgenießen in 
der Phantasie und „Nichterwartenkönnens", so wird der zweite Koitus 
eine viel längere Dauer aufweisen, oft sogar bis zu einer halben Stunde 
oder einer Stunde. Mitunter gelingt es aber nicht mehr beim zweiten Koitus, 
einen Orgasmus zu erzwingen. In schweren Fällen jedoch kommt die 
Ejaculatio praecox das zweite Mal ebenso rasch, oft noch rascher als das 
erste Mal. Ja, ich kenne Männer, die beim ersten Koitus ziemlich potent, 
beim zweiten mit Ejaculatio praecox reagieren. 

2. Die Ejaculatio praecox tritt infolge von Hemmungen auf. Solche 
Hemmungen sind: Angst vor Infektionen, Ekel, religiöse Bedenken, ethische 
Bedenken (z. B. ein Lehrer, der mit seiner Schülerin verkehrt, ein Freund, 
der die Frau seines Freundes verführt, ein Arzt, der in seiner Ordinations- 
stunde verkehren will, ein Geistlicher, der sich mit einem Beichtkind ein- 
gelassen hat, ein Ehemann, der seine Frau betrügt usw.). 

3. Die Ejaculatio praecox verhindert als Schutzfunktion des Gewissens 
einen unmoralischen oder sozial gefährlichen Akt. Ein Ehemann versucht 
sein Dienstmädchen (virgo) zu deflorieren. Er verfügt sonst über eine ganz 
außerordentliche Potenz. Zum ersten Male im Leben erlebt er die Blamage 
einer Ejaculatio praecox ante portas. Ein zweiter Versuch erzielt das 
gleiche Resultat. Ein anderes Beispiel: Ein stark potenter Advokat, der 
auf seine Frau sehr eifersüchtig ist, läßt sich mit seiner Typmamsell, 
einem etwas leichtsinniges Mädchen ein. Es bestehen gar keine moralischen 
Hemmungen. Er ist weder fromm noch moralisch, sie ist männersüchtig 
und erwartet von ihm ein schönes Geschenk. Sie ist eine bessere Dirne. 
Trotzdem passiert ihm im Hotel eine Ejaculatio praecox ante portas. Er 
schiebt diesen Mißerfolg auf die lange Erwartung und große Erregung. 
Er hatte sie schon monatelang begehrt. Er bleibt mit ihr eine Nacht im 
Hotel. Immer das schnöde Resultat, kaum daß er imstande ist, die Immissio 
inter labia majora zu vollziehen. Ursache: Er hatte einen Aberglauben. 
Es handelt sich um ein geheimes Junktim. „So lange ich meine Frau nicht 
betrüge, so lange wird sie mir treu bleiben." Er durfte sie nicht betrügen, 
wenn er nicht betrogen sein wollte. Diese innere Kraft verhinderte den 



Die Psychologie der Ejaculatio praecox. 277 

normalen Ablauf des Ejakulationsvorganges und erzwang ein rasches Ende. 
Als wenn eine innnere Stimme (Das „Es" Groddeks 1 ) sagen würde: „0 wäre 
dieser Akt schon vorüber! Mach ein Ende! Mach gar nichts!" Und das 
„Es" setzt sich durch, macht ein Ende und es geschieht dann wirklich 
gar nichts. 

Wir werden diese Mechanismen erst verstehen lernen, wenn wir uns 
bei den an Ejaculatio praecox Leidenden erkundigen, bei welchen Ge- 
legenheiten sie nicht an Ejaculatio praecox gelitten haben. Da erfahren 
wir, was die Leidenden gewöhnlich verschweigen und nur in seltenen Fallen 
hervorheben, daß es bestimmte Frauen gegeben hat, bei denen die Ejaculatio 
praecox ausgeblieben ist. Oder wir erfahren, daß die Ejaculatio praecox 
mit einer Störung des Orgasmus abwechselt. Es kommt sogar vor, daß 
Ejaculatio praecox und Ejaculatio retardata abwechseln. Ist die Potenz 
einmal da, so fehlt der Orgasmus. 

Aus allen diesen Beobachtungen ergibt sieb die Tatsache, daß die 
Ejaculatio praecox nur das Symptom einer Parapathie ist, welche eine 
„Störung der Zeitbeziehung" aufweist, wie ich sie im vorhergehenden 
Kapitel geschildert habe. 

Der an Ejaculatio praecox Leidende beobachtet ängstlich seinen 
Koitus. Schon der Gedanke „Wie lange wird es heute dauern?" — oder 
..Wirst du wieder zu rasch fertig werden", wirkt als Autosuggestion und 
erzeugt durch die Furcht den Zustand, den der Parapathiker vermeiden 
wollte. 

In den meisten Fällen steckt hinter der Ejaculatio praecox eine 
Furcht, oft die Furcht vor sich selbst (z. ß. vor dem eigenen Sadismus), 
oft nur die Furcht vor einer Blamage, oft nur die Furcht vor der Furcht, 
die Autosuggestion vor der Furcht. Daher kommt es vor, daß Parapathiker, 
die zufällig durch Alkohol oder durch ein anderes Narkotikum die Furcht 
narkotisieren, zu ihrer großen Freude die Ejaculatio praecox überwinden. 
(Andrerseits kann der Alkohol durch Überwindung von Hemmungen krimi- 
nelle Impulse freimachen, zu deren Überwindung das „Es" dann zum 
Kunstgriff schreitet, die Ejakulation noch rascher herbeizuführen. Es ist 
alles bipolar beim Parapathiker und alle Symptome haben ein doppeltes 
Gesicht und eine doppelte Determination.) 

Der echte Parapathiker zählt die Zeit seiner sexuellen Leistung. Und 
es ist gar nicht so selten, daß sich Männer der Ejaculatio praecox be- 
schuldigen, die über eine ganz normale Potenz verfügen. Der Ehrgeiz des 
Parapathikers zeigt sich auch auf dem sexuellen Gebiete. Er möchte auch 
da der „Erste" sein, möchte alle anderen Männer übertreffen, er fürchtet 





') Psychische Bedingtheit und psychoanalytische Behandlung organischer Leiden. 
Verlag S. Hirzel, Leipzig 1918. 



278 



Die Impotenz des Mannes. 



im Geheimen, seine Partnerin sei nicht befriedigt und werde dadurch zur 
Untreue gezwungen. Hinter der Angst vor der Ejaculatio praecox steckt 
ein gut Teil Eifersucht. Daher greifen diese Männer zu allerlei erotischen 
Verfeinerungen und Paraphilien. Kunnilingus und manuelle Reizung sollen 
den Orgasmus der Partnerin zur höchsten Möglichkeit steigern. In den 
meisten Fällen steigert die Beobachtung des im Orgasmus schwelgenden 
Partners die Fähigkeit der Potenz. Deshalb sieht man die Ejaculatio 
praecox am häufigsten bei Männern, welche über frigide Frauen klagen. 
Die Frauen beschuldigen die relative Impotenz des Mannes als Ursache 
der Frigidität, während die Frigidität eigentlich die Ursache der Ejaculatio 
praecox ist. (Denn man beobachtet oft, daß diese Frauen bei hochpotenten 
Männern gleichfalls frigid bleiben.) Das schließt natürlich nicht aus, daß 
viele Frauen unter der Ejaculatio praecox leiden und mit Recht diese 
Anomalie als Ursache der Anästhesie ansprechen. Es ist aber wenig be- 
kannt, daß sich gleichsam auf telepathischem Wege Neigungen und Ab- 
neigungen übertragen. Das Unbewußte fühlt oft ein Widerstreben des 
Partners und reagiert darauf mit Impotenz oder Ejaculatio praecox. Im 
Feuer der echten Liebe verschwindet diese Störung und weicht der nor- 
malen, meistens übernormalen Potenz. Ich habe noch kein echtes Liebes- 
paar gesehen, das sich über Ejaculatio praecox zu beklagen hatte. Wo 
solche Störungen vorhanden sind, da ist etwas in der Liebe nicht in Ord- 
nung. Da gibt es innere Widerstände, die noch nicht völlig überwunden 
sind. Ein Mann heiratet gegen den Willen seiner Eltern ein armes Mädchen. 
In der Ehe zeigt es sich, daß seine Potenz nicht ausreicht. Oft zeigt sich 
schon in der Brautnacht Ejaculatio praecox oder vollkommene Impotenz. 
Das „Innere Nein", von dem dieses Werk so oft gesprochen hat, verhindert 
die volle Entfaltung der Potenz. Das „Es" protestiert im Namen der 
schwer gekränkten Eltern gegen diese Verbindung. Alle feinen Mechanismen, 
die Regression auf das Infantile, die geheime Rache, die unbewußte Eifer- 
sucht, die gekränkte Persönlichkeit, der Kampf der Geschlechter können 
unter Umständen eine Ejaculatio praecox auslösen und sie durch die Furcht 
vor der Ejaculatio praecox dauernd fixieren. 

Es ist mir an dieser Stelle unmöglich, eine erschöpfende Kasuistik 
der Ejaculatio praecox vorzuführen. Ich will nur an einigen Typen beweisen, 
wie wir uns die Psychogenese dieses Leidens vorzustellen haben. In schweren 
Fällen steigert sich die Ejaculatio praecox bei stark erigiertem Gliede bis 
zur Ejaculatio praecox bei schlaffem Gliede. Es handelt sich nur um einen 
qualitativen Unterschied. Die Ursachen sind die gleichen. Trotzdem wollen 
wir die letztere Form (die Impotentia paralytica) besonders besprechen 
und zuerst nur die Formen relativer Ejaculatio praecox vorführen und 
erst später Fälle analysieren, in denen die Ejaculatio praecox seit der 
Jugend dauernd bestanden hat. 



Die Psychologie der Ejaculatio praecox. 279 

Ich beginne mit jenen sonderbaren Formen, welche die Ejaculatio 
praecox im Gegensatz zu einem sonst bestehenden Priapismus zeigen. Vor 
dem Weibe sind diese Männer impotent oder nur relativ potent, oft an 
Ejaculatio praecox leidend. In der Phantasie herrscht der Priapismus. Es 
handelt sich um den Mangel der adäquaten Befriedigung. Diese Männer 
haben ein geheimes Sexualziel. Nur bei Erfüllung der geheimen Liebes- 
bedingungen können sie die Potenz entfalten. Ferner ist zu bedenken, 
daß in der Phantasie die Hemmungen fortfallen, die in der Realität als 
potenzhindernd zur Geltung kommen. 

Die erste Beobachtung 1 ) gibt uns ein klares Bild dieses Zustandes, 
der ohne Analyse unverständlich wäre. 

Fall Nr. 91. Herr L. K., 54 Jahre alt, kräftig, sehr gut erhalten, von 
jugendlichem Aussehen, verlangt Abhilfe von seinem „Priapismus nocturnus". 
Bei Tage gehe es ihm sehr gut, er könne arbeiten, fühle sich ganz gesund, 
denke nicht an sexuelle Dinge. Wie er einschlafe, treten Steifigkeiten im 
Gliede auf, die sehr schmerzhaft sind und die ganze Nacht andauern. Alle 
internen Mittel und Kuren waren bisher erfolglos. Brom, Morphium, Antipyrin, 
Kühlsonden, Hydrotherapie, Elektrotherapie waren ohne Einfluß auf das Leiden. 
Im Gegenteil! Nach den Einführungen des Psychrophors steigerte sich der 
Priapismus. Das einzige, was ihm nützt, ist das Aufsetzen im Bette und Auf- 
reißen der Augen. Nach einigen Minuten, ja nach Sekunden, fällt der Penis 
zusammen. Deshalb habe er gedacht, das Leiden habe mit dem Schlafe einen 
Zusammenhang. Als ob die gleichen Organe, welche den Schlaf erzeugten, 
auch seine Erektion auslösten. Hofrat W., dem er diese Hypothese mitteilte, 
gab ihm dann Schilddrüsentabletten, welche gar keinen Einfluß auf das Leiden 
zeigton. 

Er ist glücklich verheiratet, liebt seine Frau, achtet sie ganz außerordent- 
lich, ist ihr treu, macht keine Seitensprünge. Verkehrt jetzt in der Ehe viel 
seltener als früher, einmal die Woche, oft in zwei Wochen, weil er sich 
schonen müsse und die Erfahrung gemacht habe, daß nach dem Koitus die 
nervösen Beschwerden schlechter würden. Bei der Frau meistens Ejacu- 
latio praecox. Bei Versuch eines zweiten Koitus kommt es gar nicht mehr 
zur Ejakulation und zum Orgasmus. Beim Koitus mit der Frau sehr gerin- 
ger Orgasmus. Keine Pollutionen, sehr selten, vielleicht einmal in einem 
halben Jahre. An paraphile Träume oder paraphile Handlungen denke er nie- 
mals. Er sei 20 Jahre verheiratet, aber erst seit 10 Jahren sei das Leiden so 
arg geworden. 

Ich bedeute ihm, daß der Fall psychologisch studiert werden müsse. Er 
geht auf den Vorschlag ein. 

Er berichtet, daß er vor 10 Jahren eine sehr schwere Neurasthenie 
durchgemacht habe. Erregungszustände, Depressionen, Schlaflosigkeit, Platzangst. 
Einige Wasserkuren, Sanatorien ohne Erfolg. Er kam schließlich darauf daß 
ihm die südliche Luft nicht gut tue und wechselte das Klima, kam nach 
Wien. Hier besserten sich die nervösen Beschwerden sehr bald. 



«) Zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift für Sexualwissenschaft. „Ein Fall von 
Analerotik (Priapismus). 1 ' V. Band. November 1918. 



280 



Die Impotenz des Mannes. 



Er gibt zu, daß er seit der Kindheit an Zwangsvorstellungen leidet. 
Über den Inhalt der Zwangsvorstellungen spricht er sich nicht aus. Er habe 
es auch mit der ehelichen Treue nicht sehr genau gehalten (man sage solche 
Sachen nicht das erste Mal!), bei Dirnen allerlei Paraphilien versucht. Er 
sei aber immer impotent gewesen. In einigen Sekunden kam die Ejakulation, 
meistens noch ante portas. Sein Sexualleben habe früh begonnen. Mit fünfzehn 
Jahren der erste Koitus bei einer Dirne. Mit anderen habe er es nur einige 
Male versucht und sich immer blamiert (ein merkwürdiger Gegensatz zu 
den permanenten Erektionen des Nachts). Er habe auch einige Paraphilien 
versucht. Dabei sei er so aufgeregt gewesen, daß er gleich ejakulierte, 
oder es habe ihm kein Vergnügen gemacht. In seinen Phantasien spielen die 
Pellatio und der Kunnilingus eine sehr große Rolle. Au bestimmte Phantasien, 
der nächtlichen Erregung vorhergehend oder sie begleitend, könne er sich 
nicht erinnern. 

Er hat nachts geträumt, an den Traum schloß sich eine Wachphantasie 
an, er hat aber alles vergessen. Große Widerstände. Endlich gesteht er seine 
spezifische Phantasie. Er habe aktive und passive Phantasien, einer Frau 
anum lambere (Anilingus) und auch passiv diese Prozedur an sich vollziehen 
zu lassen. In der Praxis habe er den Akt nie ausgeführt, nur das Gesicht 
dem Hinterteil genähert, aber gleich sei es zur Ejakulation gekommen, daran 
schloß sich Ekel, so daß er davonlief. Seine Phantasie ist eigentlich folgende: 
Das Weib kniet auf ihm, so daß es ihm Fellatio macht und ihm den Hinter- 
teil zuwendet. Er vollzieht zugleich den Anilingus. Diese Phantasie verfolge ihn 
noch immer. Wenn er des Tages daran denke , was sehr selten der Fall sei, 
komme es gleich zu Erektionen und er gerate in einen Zustand toller Saty- 
riasis. In den letzten Jahren sei die passive Phantasie mehr in den Vorder- 
grund getreten. Er habe die Phantasie nicht ausgeführt aus Angst vor Infek- 
tionen und aus Angst, seine Gesundheit zu untergraben. Überdies leide er an 
sexuellen Zwangsvorstellungen, Vergessen von Namen, Zwangskorrektur von 
Vorfällen der Vergangenheit. Er sei ein Phantasiemensch, der sich immer mit 
der Korrektur der Vergangenheit beschäftige. (Er hätte das oder jenes nicht 
oder anders machen sollen !) 



In der vierten Sitzung entrollt sich das ganze Krankheitsbild. Er kämpft 
seit der Jugend gegen den Trieb zum Anilingus. Am Tage gelingt es ihm, 
diese Phantasie ganz zurückzudrängen. Im Traume der Nacht erscheinen die 
verlockenden Bilder, es erfolgt sofort die Erektion, die sich erst im Wachen 
nach Verdrängung der Anilingusvorstellung überwinden läßt. Selbstverständlich 
kann dieser Mann durcli den normalen Koitus nicht befriedigt werden. Seine 
„adäquate" Befriedigung, die mit der ganzen Hartnäckigkeit einer Zwangs- 
parapathie festgehalten wird, ist der Anilingus. 

Dieser Fall vermittelt uns das Verständnis der Formen von nächt- 
lichem Priapismus. 

Leider setzte der Kranke die Behandlung aus. Es gehe ihm noch 
nicht hesser (nach vier Sitzungen!), er werde noch mehr aufgeregt, ich 
solle ihm ein inneres Mittel geben. 

Wir haben gelernt, daß hinter seinem Priapismus der unversiegbare 
Wunsch nach einem Anilingus zugleich mit einer Fellatio besteht. Allein 



Die Psychologie der Ejaculatio praecox. 281 

sein Priapismus erträgt nicht die Prüfung der Realität. Schon der Versuch 
eines Kunnilingus löst Angstgefühle und Ekel aus, ruft die Abwehr in 
Form einer präzipitierten Ejakulation hervor. Wie steht aber dieser Mann 
vor seiner Frau da! Bei ihr ist der Mann, der über schmerzhafte Erek- 
tionen klagt, ein Schwächling. Ejaculatio praecox oder fehlender Orgasmus 
sind die Folgen seiner maskierten Paraphilie. 1 ) 

Die Ejaculatio praecox ist immer nur eine „relative" Erscheinung. 
Das beweisen uns jene Fälle, die jedem Praktiker so häufig unterkommen, 
bei denen sich Gelegenheiten feststellen lassen, bei welchen die Ejaculatio 
praecox einer normalen Potenz weicht. Diese „okkasionellen Potenzperioden" 
verraten dann die sexuelle Einstellung des Patienten. 

Fall Nr. 92. Herr T. K., 38 Jahre alt, leidet seit der Jugend an Ejacu- 
latio praecox. Der Akt ist meistens in ein paar Sekunden vorüber. Er hat im 
Leben nur eine einzige Ausnahme gefunden. Als er im Alter von 32 Jahren 
stand, kam in seine Kanzlei — er ist Advokat — eine 62jährige Dame. Sie 
war sehr gut erhalten, hatte zwar schneeweißes Haar, aber eine frische Haut 
und wunderschöne Augen, zeigte noch eine unversehrte Frische des Körpers. 
Er wurde mit ihr zärtlich und fand volles Verständais. Einem dunklen In- 
stinkte folgend, spielte er bei dem Verkehre mit ihr den Succubus. Zu seinem 
Erstaunen dauerte der Koitus fast eine Viertelstunde und schloß mit sehr 
starkem Orgasmus. Bei der normalen Position eine bessere Potenz als gewöhn- 
lich, aber nicht die Potenz, die er erzielen konnte, wenn er unten lag. Zu 
seiner Beschämung muß er diese Frau immer aufsuchen, wenn er sich über- 
zeugen will, daß er eigentlich nicht impotent ist. 2 ) 

Er verrät damit zwei Determinanten seiner Sexualität: (lerontophilie 
und Homosexualität. 

Einen ganz anderen psychischen Mechanismus zeigt der nächste Fall, 
der eine Ergänzung eines vorhergehenden bildet: 

Fall Nr. 93. Herr Z. F., 3(5 Jahre alt, verheiratet, Vater dreier gesunder 
Kinder, konsultiert mich wegen eines jeden Morgen um 2 Uhr auftretenden 
Priapismus, der ihn schlaflos macht. Kalte Umschläge auf das Glied, Brom 
nützen etwas, aber nur vorübergehend. Wie er sich niederlegt (er steht immer 



') Es ist nicht richtig, daß die Frauen auch ohne den Orgasmus des Mauues 
befriedigt werden könuen. Es kommt wohl zum Orgasmus, aber in vielen Fällen bleibt 
die Frau trotz großer Leistungen des Mauues frigide, weil sie seinen Orgasmus erwartet 
und das Ausbleiben als eine Herabsetzung empfindet. Kluge Männer heucheln — ähnlich 
wie die Frauen — einen Orgasmus, um der Frau das Gefühl der Demütigung zu er- 
sparen. Aber es gibt Frauen, die den Orgasmus fühlen und sich nicht belügen lassen. 
Sie kommen nur gleichzeitig mit dem Manne zum Orgasmus. Das sind gerade die Frauen, 
die ihren Mann seelisch und körperlich leidenschaftlich lieben. 

*) Ein Patient aus Amerika zeigte mir einen englischen Brief Franklins an einen 
jungen Freund, der in Amerika sehr verbreitet ist und unter Lebemännern zirkulieren 
soll. Er enthält die Belehrung, sich nur mit älteren Frauen einzulassen. Sie ver- 
stünden die Liebe besser, seien für die Zärtlichkeiten sehr dankbar, sie verursachten 
keine Geldausgaben und man sei vor den Gefahren des Kindersegens sicher. 



282 



Die Impotenz des Mannes. 



auf und läuft mit den kalten Umschlägen im Zimmer umher) und einschlafen 
•will, weckt ihn die schmerzhafte Erektion. Am Morgen fühlt er dann heftige 
Schmerzen im Kreuz und mitunter ziehende Schmerzen in den Hoden (soge- 
nannte Bräutigamsschmerzen). Trotz dieses Priapismus ist er uicht imstande, 
sein Verlangen bei seiner Frau zu kühlen. Er wird entweder rasch fertig 
oder es kommt zu keinem Orgasmus. Hie und da ein geringer 
Samenabgang ohne jede Spur von Orgasmus. Er schiebt dieses Ver- 
halten auf die Kälte seiner Frau, die nie eine Spur von Empfindung gezeigt 
habe und ihn infolge dessen gar nicht mehr reize. Auch glaubt er, daß es 
sich um Folgen der Onanie handelt, da er vom 12. bis zum 19. Jahre ziem- 
lich heftig onaniert habe (3 — 4mal in der Woche). 

Er hat vor zwei Jahren an Schlaflosigkeit gelitten und wegen dieses 
Leidens ein Sanatorium aufgesucht. Eine ähnliche Periode hatte er schon vor 
sechs Jahren durchgemacht. 

Nun mache ich mich an die Analyse des Zustandes. Ob er vielleicht eine 
geheime Liebe habe, die ihn beherrsche und die er sich nicht eingestehen 
wolle? Er verneint. Ich erkundige mich nach seinen Angestellten und nach 
seinen Hausgenossen und da kommt folgende Tatsache heraus. 

Er hat seit fünf Jahren ein Dienstmädchen, jung, schön, üppig und sehr 
lieb. Einmal legte er sich in Abwesenheit seiner Frau zu ihr ins Bett. Und 
da war er, der sonst gut potente Mann, impotent. Er hatte den 
Orgasmus schon in dem Momente, in dem er sie mit dem Gliede 
berührte. 

Er schildert diesen Orgasmus al6 ungewöhnlich stark. Jetzt gibt er — 
in die Enge getrieben — zu, daß er das Mädchen liebt. Er hat zwar nach dem 
mißglückten Versuche keine Annäherung mehr gemacht. Aber er fühlt es, daß 
das Mädchen ihn liebt und erinnert sich jetzt, daß er allerlei Kunststücke 
macht, um sie entkleidet zu sehen. So hat er einen Schlüssel, der direkt sein 
Zimmer öffnet. Plötzlich hat er den Schlüssel verlegt und war gezwungen, 
durch die Küche zu gehen, wo das Mädchen schläft. Zwar berührte er sie nie 
mehr, aber schon der Anblick und der Geruch ihres Bettes (!) seien ihm sehr 
angenehm. 

Die Affäre vor 5 Jahren war der jetzigen ähnlich. Damals handelte es 
sich um ein Bürofräulein, das er heiß liebte und dem er sich nicht näherte, 
weil er seiner Frau die Treue halten wollte. Damals mußte er wegen Schlaf- 
losigkeit ins Sanatorium. Er erinnert sich, daß er fast jede Nacht von diesem 
Fräulein träumte. 

Nun fordere ich ihn auf, das Dienstmädchen zu entlassen. Wie immer 
in derartigen Fällen, weigert er sich, er könne ohne das Mädchen nicht aus- 
kommen, in den jetzigen Zeiten sei es unmöglich, ein anderes Dienstmädchen 
zu bekommen, sie sei so lieb und brav usw. . . 

Nun kennen wir die Quelle seines Priapismus und wissen, warum 
er bei seiner Frau zu keinem Orgasmus kommt. Für das Verständnis der 
Ejaculatio praecox ist dieser Fall ein Schulbeispiel. Hier waren es mora- 
lische Hemmungsvorstellungen, die beim Mädchen die frühzeitige Ejaku- 
lation erzwangen. Die Ejaculatio praecox erweist sich als ein wichtiger 
Schutzmechanismus. Die Ejaculatio praecox bei seiner Frau, die häufig mit 
einer Ejaculatio retardata wechselte, hatte einen anderen psychischen 



Die Psychologie der Ejaculatio praecox. 283 

Mechanismus. Hier fehlte die Libido. Erzwang er aber durch die Phan- 
tasie, daß er mit dem Mädchen verkehre, eine kräftige Erektion, so kam 
es nicht zum Orgasmus. Sein Penis ließ sich nicht foppen. 

Ferner sehen wir hier deutlich die Psychogenese des psychischen 
Priapismus. Ein ungestilltes Verlangen setzte des Nachts um 2 Uhr ein. 
Sein Wunsch war es, zu dem Mädchen zu gehen und diesem beizuschlafen. 
Diesen Wunsch erkennt er nicht mehr und hält den Priapismus für eine 
Folge der Onanie, worin er durch die Belehrungen von unwissenden Ärzten 
unterstützt wird. 

Das weitere Schicksal des Patienten ist mir nicht bekannt. 

Die Macht des religiösen Vetos und die Gefahren der mechanischen 
Impotenztherapie illustriert die nächste Beobachtung : 

Fall Nr. 94. Herr D. U., 30 Jahre alt, Volksschullehrer, leidet seit 2 Jahren 
au Ejaculatio praecox. Er habe kaum Zeit, das Glied einzuführen. Trotz heftiger 
Erektion komme es gleich zur Samenentleerung. In den letzten drei Monaten sei 
die Erektionsfähigkeit am Tage ganz geschwunden. Gegen Morgen treten sehr 
heftige Erektionen auf. Onanie zwischen 14 und lb' Jahren in mäßigem Grade. 
Jetzt sehr selten Pollutionen ohne erinnerliches Traumbild. 

Dieses Leiden sei ihm um so unangenehmer, als er eine verheiratete Frau 
liebe, die sich seinetwegen scheiden lassen wolle. Wie könne er mit seiner Im- 
potenz es wagen zu heiraten? 

Die Anamnese ergibt, daß er vor drei Jahren eine Gonorrhoe akquirierte. 
Sie dauerte drei Monate. Nach der Gonorrhoe habe die Potenz immer mehr abge- 
nommen. Er glaube, daß die Ejaculatio praecox mit einer Erkrankung der Pro- 
stata zusammenhänge, obgleich ihm Prof. F. versichert habe, daß er vollkommen 
gesund sei. 

Die Analyse bringt folgende Tatsachen. Der erste Arzt, den er wegen Eja- 
culatio praecox konsultierte, behandelte ihn lokal mit Sonden, intern mit Ein- 
spritzungen von Maskulin und massierte seine Prostata. 

Seit dieser Behandlung leidet er an Jucken und Brennen im After, so daß 
er genötigt ist, sich des Nachts und auch am Tage zu kratzen. 

Es tritt in der Analyse zutage, daß die Massage der Prostata seine 
latente homosexuelle Komponente gewaltig verstärkt hatte. Er 
hatte immer Interesse für schöne Knaben und war leidenschaftlich seinem Berufe, 
Knaben zu erziehen, ergeben. Direkte homosexuelle Phantasien mit Knaben waren 
ihm nie bewußt, treten aber in seinen Traumbildern deutlich hervor. 

Überdies ist er sehr fromm. Er wurde in einem katholischen Konvikt er- 
zogen und wollte Geistlicher werden. Er steht jetzt zwischeu Glauben und Un- 
glauben, geht aber noch wöchentlich in die Kirche, aus alter Gewohnheit (!); 
seine Gonorrhoe wurde von ihm als Strafe Gottes aufgefaßt. Ein unehelicher 
Koitus erscheint seinem inneren Menschen als Sünde. Dieses religiöse Veto 
kann er, dessen heterosexuelle Libido durch die Reizung seiner analen Zone 
vermindert wurde, nicht überwinden. Er liebt seit sieben Jahren diese Frau 
und wagt es nicht, sie zd heiraten. Einem außerehelichen Koitus steht immer 
das innere Veto hindernd im Wege. 

Der Erfolg der Analyse war ein wunderbarer. Die geliebte Frau ließ 
sich von ihrem Manne scheiden, er führte sie als Gattin heim. Die Potenz- 
störung ist behoben. 



284 



Die Impotenz des Mannes. 



Interessant ist ein Symptom , das ihm viel Sorge gemacht hatte. Es 
traten in den letzten Jahren sehr heftige Blasen- und Bauchschmerzen auf, die 
ihn wiederholt zum Arzt trieben. Man hatte Verdacht auf eine Appendizitis, aber 
schließlich einigten sich die Ärzte auf „nervöse Schmerzen". 

Die Analyse bewies, daß diese Schmerzen immer auftraten, wenn er 
homosexuelle Phantasien hatte oder auf anderen „verbotenen Wegen" wandelte. 
Die Schmerzen waren die Mahnungen seines „sexuellen Gewissens". 

Ein Schulbeispiel für die Psychologie der Ejaculatio praecox bildet 
die nächste Beobachtung, die ich einem Arzte verdanke, der, meine Bücher 
genau kennend, mir nachfolgenden Bericht über sein .Sexualleben ge- 
geben hat: 

Fall Nr. 95. Ich war sehr frühreif und erinnere mich, schon mit acht 
Jahren von einem Vetter die Onanie gelernt zu haben, die ich bis zum 18. Jahre 
fast täglich betrieb. Durch Zufall kam mir ein Buch in die Hände, das von 
den furchtbaren Schäden der Onanie erzählte. Ich beschloß, die Onanie auf- 
zugeben und zum Weibe zu gehen. Gleich der erste Koitus bei einer Prostituierten 
ging anstandslos von statten. Meine Potenz war ziemlich gut. Die Dauer einige 
Minuten, was nach meinen Erfahrungen schon eine gute Durchschnittsleistung 
darstellt. (Die Prostituierten haben mir später erzählt, daß potente Männer, 
die es bis zu 5 Minuten bringen, eigentlich eine Seltenheit sind.) Ich fing auch 
mit verschiedenen Dienstmädchen, Schreiberinnen, Typmamsellen an und sie 
waren ebenso zufrieden wie ich selbst. Nur einmal passierte es mir bei einem 
Mädchen, daß ich zu keiner Ejakulation kommen konnte, obgleich ich mich 
sehr darum bemühte. Ich mußte nach dem Koitus onanieren, um den Orgasmus 
zu erzwingen. l ) Ich wurde mit 26 Jahren Arzt und hatte viel Gelegenheit, mit 
Frauen zusammenzukommen. Da machte ich eine merkwürdige Erfahrung. In 
meinem Ordinationszimmer litt ich immer an einer gewissen Schwäche, die sich 
in dem Maße steigerte, in dem mein Gewissen gegen mein Verhalten berechtigten 
Einspruch erhob. Dabei waren es Witwen, längst deflorierte Mädchen, ge- 
schiedene Frauen, denen ich einen großen Gefallen tat, ja die diesen Schritt 
bei mir herausforderten. Ich war sehr beschäftigt und konnte kein Hotel auf- 
suchen. Nur in einem Falle ließ ich mich dazu bewegen. Es war eine bild- 
schöne, zwanzigjährige, soeben von ihrem Manne geschiedene Frau, die mir 
selbst den Antrag stellte, mit ihr ins Hotel zu gehen. Sie schien mir sehr 
leidenschaftlich und ich fürchtete die Blamage. Denn mit meiner Ejaculatio 
praecox konnte ich bei ihr keine Ehre einlegen. Aber siehe da! Der erste 
Koitus dauerte zirka 10 Minuten, ich konnte die Ejakulation hinausschieben, 
was mir vorher unmöglich war, und ich konnte sofort nach der Ejakulation 
fortsetzen, so daß der Koitus die Dauer von */ 4 Stunden erreichte. Ich war 
sehr glücklich über diesen Erfolg und hoffte nun dauernd von meiner Ejaculatio 
praecox geheilt zu sein. Ein Versuch bei einem reizenden Stubenmädchen in 
meiner Ordination brachte einen unangenehmen Mißerfolg, den ich durch die 



l ) Onaniereu nach einem Koitus oder Pollutiouen nach einem Koitus beweisen, 
daß der Mann seine adäquate Befriedigung nicht gefunden hat. So war es auch in 
diesem Falle. Der Kollege gab mir zu, daß er damals leidenschaftlich verhebt war. .Aber 
es war nur eine Distanzliebe. Er hat seine Auserwählte nie gesprochen, nur aus der 
Ferne angehimmelt. Aber ihr Bild schwebte ihm unbewußt vor und verhinderte das Ein- 
treten des Orgasmus. 




Die Psychologie der Ejaculatio praecox. 285 

raffinierte Technik eines Liebeskünstlers in einen vollen Erfolg umgestaltete. 
Diesen Mißerfolg und den Erfolg vorher verstand ich erst später. Beim Mädchen 
flirchtete ich Gravidität und vielleicht auch Gonorrhoe, bei ihr war mein Ge- 
wissen als Arzt, trotz ihrer Frage (Sind Sie auch so ein Künstler in der Liebe 
wie in der Medizin?) beunruhigt. Ich machte mir innerlich Vorwürfe. Ich bin 
dann in der Folge in meiner Sprechstunde impotent geworden, was ich später 
als eine sehr wohltätige Maßnahme meines Unbewußten eingesehen, damals 
aber verflucht habe. Bei der jungen Frau fielen alle Hemmungen weg. Wir 
waren ja im Hotel, ich wurde von ihr aufgefordert, sie war geschieden und 
gefiel mir sehr gut. Aber zu meiner großen Verwunderung nahm die Potenz 
bei ihr bald ab. Schon das zweite Mal konnte ich nur einen Koitus vollziehen, 
der rasch vorüber war, und das dritte Mal kämpfte ich mit der Technik gegen 
meine Ejaculatio praecox. 

Ich verlobte mich mit 32 Jahren und nahm mir vor, ein anderes Leben 
zu führen. Ich liebte meine Braut und bemühte mich, ihr während der ganzen Zeit 
des Brautstandes treu zu bleiben. Ich entgleiste ein paar Male und war darüber 
unglücklich. Mein moralischer Mensch erhoffte sieh in der Ehe eine vollkommene 
Wandlung zum Besseren. Endlich kam die Brautnacht nach monatelanger Ab- 
stinenz. Ich war da ziemlich potent und habe die ersten Monate meiner Ehe 
immer zwei- bis dreimal in einer Nacht verkehrt. Freilich die Qualität meiner 
Potenz war nicht außerordentlich, der erste Koitus dauerte nur 1 — 2 Minuten, 
die folgenden 5 — 10 Minuten. 

Zwei Jahre blieb ich meiner Frau treu. Da kam die kritische Zeit ihrer 
Schwangerschaft und ihres Wochenbettes. Ich habe immer einen leichten Wider- 
willen gegen Schwangere gehabt, ihn aber bei meiner Frau fiberwunden. Ver- 
schiedene Beschwerden machten mir den Verkehr im letzten Monate un- 
möglich. Ich sollte wieder abstinent leben und das habe ich bisher nie können. 
Dazu kamen noch die permanenten Reizungen in der Praxis. Ich war ein ge- 
suchter Frauenarzt und hatte auch viele weibliche Patienten, die ich bimanuell 
massierte, was mich selbst in größte Erregung brachte. Ich brach die Treue 
und lieü mich mit einem Mädchen ein, das noch Virgo war. Nach längeren 
Spielereien wollte ich sie deflorieren. Allerdings hatte mich die prompt einsetzende 
Ejaculatio praecox bei den ersten Versuchen davor bewahrt. Aber das Mädchen 
kam einmal, nachdem ich vorher einen Koitus absolviert hatte, und da glückte 
mir eine Immissio und ein Koitus in der Dauer von einer Minute, der aller- 
dings zur Defloration und Schwängerung genügte. 

Nun begann für mich eine furchtbare Zeit, die ich wie in einem Rausche 
verbrachte. Ich hatte keinen anderen Gedanken als die Frauen. Schon am 
Morgen dachte ich mir: „Was wird der Tag heute bringen". Ich hatte viel zu 
tun, mußte viel herumfahren. Aber es verging kein Tag, an dem ich nicht 
mehrere Male den Beischlaf ausübte. Ich besuchte Frauen und Mädchen, die 
glücklich waren, mich empfangen zu können. Trotz meiner bescheidenen Potenz 
wußte ich sie zum Orgasmus zu bringen und es war mir immer schwer, sie 
los zu werden, viel schwerer, als sie zu erobern. 

Ich stürzte mich in den physischen Menschen, meine Ideale verkümmerten 
ich wurde dick und fett, ein Triebmensch, ein Schlemmer, ein Zyniker be- 
trog meine Frau, wußte sie in jeder Hinsicht zu belügen, verwickelte mich in 
unzählige peinliche Affären, Gerichtsfragen, Paternitätsprozesse, Erpressungen 
ich schadete mir in der Praxis und wollte gerade aufs Land übersiedeln oder 
nach Amerika auswandern, als meine Frau starb und mich mit einem Kinde 
— einem Mädchen von 10 Jahren — zurückließ. 



286 



Die Impotenz des Mannes. 



Ich hatte ihr in Gedanken oft den Tod gewünscht und wenn sie er- 
krankte, war mein erster Gedanke: „Wird 6ie jetzt sterben?" Ich war in der 
Ehe unglücklich. Wir paßten weder physisch noch seelisch zusammen. Sie war 
mir zu kalt, zu engherzig, zu sehr an die Wirtschaft fixiert, zu kleinlich und 
zu philiströs, während in mir ein wildes, freies Blut tobte, das sich allerdings 
nur in Sexualität umwerten konnte. 

Sie starb also und ich blieb allein. Jetzt verminderte sich meine Potenz 
zusehends von Tag zu Tag. Verschiedene Mädchen und Frauen kamen und 
verlangten, ich solle sie heiraten, da ich nun frei sei. Ich bat um Zeit, 
verschob alle Projekte, löste allmählich alle Bande und wollte mir nur ein 
Wesen zur Befriedigung halten. Allein ich war schon einige Wochen nach 
dem Tode meiner Frau impotent. Ich brachte es zu keiner Erektion und 
konnte sie weder durch äußere Manipulationen noch durch innere Mittel 
durchsetzen. 

Ich war 48 Jahre alt und dachte, es wäre das Ende meiner sexuellen 
Leistungsfähigkeit gekommen. Aber einmal gegen Morgen hatte ich einen 
Traum, in dem ich mit einer alten Frau verkehrte, die auf mir saß. Ich 
erwachte mit einer Erektion. Da erkannte ich, daß mein Leiden vielleicht 
seelisch wäre und begab mich in analytische Behandlung, lernte dort die Er- 
kenntnisse, die ich schon bei dieser Niederschrift verwertet habe. 

In der kurzen Analyse erkannte ich, daß meine Impotenz die Talion- 
strafe für den Todeswunsch gegen meine Frau war. Ich hatte ihr den Tod 
gewünscht, um mich ausleben zu können. Sie starb nun und mein Gewissen 
verbot mir in sehr eindringlicher Weise das Ausleben. 

Während der Analyse trat die volle Erektionsfähigkeit wieder ein. Ich 
begann mit einigen Frauen und Mädchen zu spielen, obgleich es mir mein 
Arzt verboten hatte. Aber mein Gewissen hielt strenge Wacht. Ich konnte sie 
küssen, hatte dabei heftige Erektionen und kam beim Kusse zum Orgasmus. 
Ein Koitus war unmöglich. Auf jeden Versuch, den Penis einzuführen, reagierte 
er mit einem raschen Zusammenklappen oder einer Ejakulation bei halbsteifem 
Gliede während des Versuches der Immissio. 

Ich ließ auf den Rat meines Arztes diese Versuche und beschränkte mich 
aufs Küssen bei einem mir sehr sympathischen, lieben Mädchen, das immer zu 
mir auf Besuch kam, um mir in der Wirtschaft zu helfen und mit meiner 
Tochter zu spielen. Sie war Virgo und hatte offenbar nur den einen Wunsch, 
sich sexuell zu vergnügen, ohne ihre Virginität einzubüßen. Sie half mir über 
die schwere Zeit des Überganges hinweg. Ich hatte starke Erektionen, was 
mich über meine Potenz beruhigte und konnte nach ein paar Minuten leiden- 
schaftlicher Küsse und Aneinauderpressens zu einer Ejakulation mit ziemlich 
starkem Orgasmus kommen. 

Doch diese Spielerei ging mir nicht nahe. Mit mir ging während der 
Analyse eine große Wandlung vor 6ich. Ich wurde wieder strebsam, begann 
mich für Kunst zu interessieren, zeigte wieder Sinn für die Natur und gab 
das Kartenspielen auf, dem ich vorher täglich einige Stunden gefröhnt hatte. 

In dieser Zeit des geistigen Wiedererwachens lernte ich eine Frau kennen, 
die mir sehr gefiel und in die ich mich rasch verliebte. Ich glaubte, es war 
das erste Mal, daß ich so heiß und innig geliebt habe. Meine Liebe fand 
Gegenliebe und es war beschlossene Sache, daß sie ihren Mann verlassen und 
mich heiraten sollte. 

Bei ihr hatte ich stundenlange Erektionen, ohne daß es zur Ejakulation 
kam. Ich fühlte mich nun potent und ein ganzer Mann und wußte, nun habe 



Die Psychologie der Ejaculatio praecox. 287 

ich das Ziel meiner Sehnsucht gefunden. Ich gab auch die Liebelei mit dem 
Mädchen auf und lebte — so unglaublich das klingen mag — 2 Jahre voll- 
kommen abstinent und fühlte mich dabei wohl. Ich wartete auf die Durch- 
führung der Scheidung von ihrem Manne, die nicht möglich war, da kompli- 
zierte Vermögensverhältnisse zu ordnen waren und der Mann sich mit Händen 
und Füßen gegen die Scheidung wehrte. Er wollte auf die Frau, die er liebte, 
nicht verzichten. Sie aber hatte ihn infolge einer „eingebildeten Liebe" ge- 
heiratet und war in ihrer 14jährigen Ehe vollkommen anästhetisch. Erst bei 
meinen Küssen kam sie zum Orgasmus. Wir kamen über die bekannten Spie- 
lereien nicht hinaus. Aber diese Introduktionen zeigten mir schon, daß sie in 
meinen Armen schmelzen würde. 

Da brach der Krieg aus. Ihr Mann mußte ins Feld, sie zog mit ihm 
und wirkte in einem Feldspital als Oberschwester. In den großen Aufregungen 
der ersten Monate kam mir der Schmerz der Trennung weniger zum Bewußt- 
sein. Ich erhielt hie und da spärliche Nachrichten und widmete mich mit Feuer- 
eifer meinen Krauken, die ich in einem Spitale zu behandeln hatte. Ich war 
ausgebildeter Chirurg und hatte nun eine große chirurgische Abteilung zu 
leiten, wie viele andere Frauenärzte mit chirurgischer Ausbildung. 

Ich hoffte auf ein baldiges Kriegsende und spielte mit dem Gedanken, 
daß der Mann meiner Geliebten fallen würde. Sie wäre also frei und ich 
könnte dann an ihrer Seite glücklich werden. 

Es kam aber anders. Er wurde verwundet und lag fiebernd zu Bette. 
Sie zitterte um sein Leben und fühlte, nur eine große Freude könnte ihm das 
Leben retten. Sie beschloß, ihrem Manne das Opfer ihrer Liebe zu bringen. 
Er sah ihr immer fragend und zitternd in die Augen, wenn sie Post erhielt. 
Eines Tages aber zeigte sie ihm den Abschiedsbrief, den sie mir geschrieben 
hatte. Sie gelobte vor dem Muttergottesbilde, auf mich zu verzichten, wenn 
Gott nur ihren Mann retten würde. Es wurde ihm besser und sie nahm für 
immer von mir Abschied. 

Ich kannte sie. Ich wußte, daß es unwiderruflich war. Ich hatte sie, 
die mir mehr als mein Leben war, für immer verloren. 

Ein wilder Haß gegen alle Frauen erfüllte mich. Ich litt maßlos unter 
der Eifersucht und dachte nicht an ihr Opfer, sondern daran, daß sie ihren 
Mann mehr liebte als mich. 

Was sollte die Abstinenz nun für einen Sinn haben? Ich war 51 Jahre 
alt. Wie lange werde ich noch leben und genießen können? Ich stürzte mich 
auf alle Weiblichkeiten, die mir unterkamen. Meine Potenz war mittelmäßig, 
aber sie schien den Frauen zu genügen. Ich wurde wieder der nach Erfolgen 
lechzende Don Juan! Mit 51 Jahren! Aber ich machte die Erfahrung, daß 
man in diesem Alter viel leichter Eroberungen macht als in jungen Jahren. 
Was hätte ich als junger Arzt darum gegeben, wenn mir die Frauen so nach- 
gelaufen wären! 

Ich meldete mich ins Feld, um meinen Schmerz in Blut und Arbeit zu 
ertränken. Ich kam in verschiedene Feld- und Etappen6pitäler, arbeitete eine 
Zeitlang auch an der italienischen Front. Meine Spezialität wurden die Kranken- 
schwestern. Ich betrieb ihre Eroberung als Sport. Aber ich habe nicht ge- 
funden, daß mir diese Eroberungen sehr schwer gefallen 6ind. Ich war einmal 
ein halbes Jahr im Hinterlande in einem größeren Spitale, wo ungefähr 
40 Schwestern beschäftigt waren. Von diesen 40 habe ich violleicht bis auf 
fünf alle besessen, von diesen waren vier bereits in festen Händen und bloß 
eine galt als unnahbar. 



"" 



288 



Die Impotenz des Mannes. 



Unter den Schwestern war ein neunzehnjähriges Mädchen, Tochter eines 
Hofrates, sehr niedlich, appetitlich, sehr gebildet und fein. An sie wagte ich 
mich nicht heran. Aber eines Nachts, als ich Dienst hatte, kam sie in mein 
Zimmer und bat um Tropfen, sie wäre so aufgeregt und hätte Herzklopfen. 
Dabei führte sie meine Hand an ihren Busen. Ich lag im Bette. Im Handum- 
drehen war es geschehen, daß sie mein war. Zu meinem Erstaunen war auch 
sie keine Virgo. Ich fragte nicht, wann sie die Virginität verloren hatte. Sie 
schloß sich an mich und liebte mich innig, scheint mir auch treu gewesen zu 
sein. Ich war bei ihr ziemlich potent, konnte nach einer halben Stunde einen 
zweiten Koitus ausführen und begann mich zu beruhigen. 

Dazwischen erlebte ich eine merkwürdige Episode. Ich war auf Urlaub 
in Wien und traf eine Holländerin, mit der ich schon vorher kurze Bezie- 
hungen hatte. Sie war eine der ersten, bei der ich mich ausleben wollte. 
Wir gingen zusammen zu Tristan. Ich erinnerte mich, daß ich mit der heiß- 
geliebten und noch immer unvergessenen Frau bei dieser Oper war, in der 
die heißeste Sinnlichkeit sich in Tönen austobt. Wir hatten uns im Hinter- 
grund der Loge geküßt und wieder geküßt und wären fast vor Sehnsucht ge- 
storben. Trotzdem habe ich diese Frau nicht berührt und damals gewartet, 
bis sie einmal ganz mein eigen sein werde. 

Nun war ich mit der Holländerin in der Tristanvorstellung. Die alte, 
unterdrückte Sehnsucht erwachte mit wilder Gewalt. Wo war jetzt die noch 
immer heißgeliebte Frau, die mir ewige Treue geschworen hatte? Ich konnte 
die Oper kaum zu Ende hören, so namenlos waren mein Schmerz und meine 
Sehnsucht. Nach dem Liebesduott, das mir Tränen entlockte, eilte ich mit 
meiner Holländerin in ihre Wohnung. Hier erlebte ich das erste große Wunder 
meines Lebens. Ich war so potent wie nie vorher. Ich konnte nach der ersten 
Ejakulation, die nach einer Viertelstunde erfolgte, den Koitus fortsetzen. Unser 
Beisammensein dauerte zwei Stunden ohne Unterbrechung, wobei ich dreimal 
ejakulierte. Ich verstehe jetzt, daß ich die ganze Liebe zu der mir ewig ver- 
lorenen Frau in die Holländerin hineingelegt hatte. 

Diese aber war glückselig und so wonnetrunken, daß sie mich mit Ver- 
sicherungen der Liebe und Dankbarkeit überhäufte. Ich dachte auch, daß ich 
endlich mein sexuelles Ideal gefunden habe. Ich, der impotente oder immer 
schwachpotente Mann , konnte jetzt solche Wunder zusammenbringen. Mein 
Hochgefühl als Mann stieg und ich dachte, ich könnte jetzt bei jeder Frau 
das gleiche leisten. Ein Versuch jedoch zeigte mir, daß es sich um eine Ein- 
stellung auf die Holländerin gehandelt hatte, die im Körperbau der geliebten 
Frau etwas ähnlich war. 

Sie mußte verreisen und wir konnten uns nach dem Tristanabend nur 
noch einmal sehen, wo ich jedenfalls noch sehr respektabel potent war, keines- 
wegs aber die Wunder der Tristannacht vollziehen konnte. 

Nach einer einmonatlichen Trennung — sie war auf dem Lande bei 
einer Familie — trafen wir uns und zu meinem Schrecken war es mit der 
großartigen Potenz aus. Ich konnte mit Hilfe meiner Technik meine Schwäche 
verbergen und ersetzte seelisch, was an körperlichen Zärtlichkeiten verloren 
ging, so daß meine Partnerin zufrieden war. (Ich hatte ihr schon vorher klar 
gemacht, daß solche Tristannächte sich einmal und niemals wieder ereignen 
könnten.) 

Ich verließ den Dienst als Militärarzt und nahm als Übergang eine Stelle 
in einem Sanatorium an. Ich war wieder leichtsinnig und fing mit mehreren 
Damen zu flirten an. Unter diesen befand sich auch eine 28jährige Frau, 



Dio Psychologie der Ejaculatio praecox. 989 

die sich von ihrem Manne hatte scheiden lassen, da sie in der unglücklichen 
Ehe zugrunde ging und überdies von ihm betrogen wurde. Sie hatto in der 
achtjährigen Ehe, in der sie ihrem Manne drei Kinder geboren hatte, nie 
empfunden, er war schwach potent. Ihre Parapathie war die Folge des Kon- 
fliktes, der sicli zwischen ihrem leidenschaftlichen Temperamente und ihrer 
Abstinenz entwickelt hatte. 

Ich machte mir Vorwürfe, als ich wieder ein neues Liebesverhältnis an- 
knüpfte. Ich sagte mir: Du hast ja die Holländerin, hast andere Mädchen 
und Frauen; was soll diese neue Affäre? Aber mit dem ersten Kuß hat mich 
diese Frau gefangen. Aus unerklärlicher Scheu wagte ich nicht weiter zu 
gehen. Ich merkte ihr leidenschaftliches Temperament und fürchtete eine 
Blamage. Werde ich ihr genügen ? Ich war ja kein Jüngling mehr, hatte die 
Fünfzig überscli ritten und wußte, daß sie nur einen hochpotenten Mann 
brauchen konnte. Aber nach vier Monaten des Spielens und des Wartens kam 
es zum ersten intimen Verkehr. Zu meinem nicht geringen Erstaunen wieder« 
holte Sich das Wunder der Tristannacht, Ich konnte fast zwei Stunden meinen 
Mann stellen, so daß meine Geliebte ausrief: „Du bist kein Mensch! Du bist 
ein Liebesgott." Und es kam immer schöner und schöner. 

Ich dachte erst an Zufall, hielt die lange Potenz für eine Alterserschei- 
nung. Aber ein junges, blühendes Mädchen kam einmal des Nachts zu mir 
ins Zimmer und weckte mich aus dem Schlafe. Sie kam ohne zu fragen 
in mein Bett und küßte mich stürmisch. „Nimm mich! Ich bin dein!" Ich 
weigerte mich, aber das Mädchen wurde leidenschaftlicher und schließlich 
wurden meine Sinne stärker als mein Wille und Vorsatz. Aber es kam 
glücklicherweise zu einer Ejaculatio ante portas, so daß ich das Mädchen un- 
versehrt heimschicken konnte. Auch ein zweiter und dritter Versuch bei einer 
anderen Frau, die ich schon vorher besessen hatte und die nun ihre Rechte 
geltend machte, verliefen mit dem gleichen Resultat. Die Potenz war wie früher. 
Nur bei meiner neuen Freundin war ich nach wie vor hochpotont. 

Während eines Jahres ließ die Potenz nicht nach. Im Gegenteil. Sie 
steigerte sich noch. Es wurde immer schöner. Nun merkte ich, daß ich sie 
heiß liebte und daß ich in ihr meine seelische und körperliche Erfüllung ge- 
funden habe. Ich habe sie geheiratet und kann in den zwei Jahren der Ehe 
konstatieren, daß die Leidenschaft gestiegen ist. Meine Potenz ist meistens so, 
daß ich 1 Stunde bis l 1 /. Stunden die Ejakulation aufschieben kann, was mir 
nur in den ersten zehn Minuten Mühe macht. Nur bei leichten seelischen 
Differenzen — größere hat es zwischen uns nie gegeben — kommt es zu 
einer rascheren Ejakulation, aucli wenn ich sehr beschäftigt, gestört bin, im 
Freien, kurz wenn irgend eine Hemmung mich an der Entfaltung der vollen 
Potenz hindert. Dagegen kann ich an freien Tagen, in den Ferien, an Sonn- 
tagen, wo ich mich meinem geliebten Weibe widmen kann, wieder der Liebes- 
gott sein. Ich betone, daß sich der Genuß in den Jahren nicht abgeschwächt, 
sondern gesteigert hat. 

Ich habe also nach den Fünfzigern die Höhe meiner Potenz erreicht 
und hoffe sie noch viele Jahre zu behalten. Durch den exzessiven Geschlechts- 
genuß bin ich keineswegs heruntergekommen. Ich habe mich verjüngt, einen 
stärkeren Haarwuchs bekommen, das Ergrauen, das vorher einsetzte, hat nach- 
gelassen, ich bin von wunderbarer Elastizität und Geistesfrische, ich bin immer 
gesund, nie verkühlt, fühle mich wie ein Fisch im Wasser und lache über 
die Gelehrten, welche von Ausschweifungen und Schäden des Koitus interruptus 
sprechen. Denn ich muß, um eine Gravidität zu verhüten, bedauerlicherweise 

Stekel, Störungen dos Trieb- and Affektlobons. IV, 2.AnH. «q 



290 Die Impotenz des Mannes. 

immer den Koitus interruptus betreiben. Ich bin leider von unglaublicher Frucht- 
barkeit bei meiner Frau. Während ich früher Jungen und Alten beiwohnte, ohne 
daß es zu einer Gravidität kam und ich in dieser Hinsicht sehr leichtsinnig 
war, habe ich jetzt eine mir sehr unangenehme Fruchtbarkeit. Ich führe das 
auf den „erotischen Tropismus" zurück, der zwischen mir und meiner Frau 
herrscht. Eine kleine Liebkosung und ich fühle schon die Erektion. 

Es ist auch nicht wahr, daß die Gewohnheit abstumpft. Wo keine echte 
Liebe vorhanden ist, wo der wirkliche individuelle erotische Tropismus fehlt, da 
verblassen die ersten Reize und der Organismus verlangt nach anderen. Ich — 
der Don Juan und Frauenjäger — bin der treueste aller Männer geworden. 
Allerdings kommt hinzu, daß meine Frau meinen ganzen Iuteressenkreis teilt, mit 
mir musiziert, mit mir liest, kurz ihr ganzes Leben mit mir teilt. Und nie wird 
uns die Zeit zu laug. Sie ist immer zu kurz im Leben und in der Liebe! 

Hier schließt der interessante Bericht, der so lehrreich ist wie ein 
ganzes Lehrbach der Sexualwissenschaften. Wir sehen, daß der Höhe- 
punkt der Potenz nur von dem Sexualobjekt abhängt, dem der Mann be- 
gegnet. Wir lernen, daß es einen erotischen Tropismus gibt, der über die 
Stärke der Potenz entscheidet. Und daß die Ejaculatio praecox einem 
„Ich will nicht!" und einem „Es steht mir nicht dafür!", dem Imperative 
des inneren Menschen entspricht. Wir sehen bei demselben Menschen 
Perioden starker Potenz und schwacher Potenz abwechseln, wir sehen so- 
gar während der Periode der stärksten Potenz die Ejaculatio preacox auf- 
treten, wenn Hemmungen vorhanden sind, die ein unüberwindliches 
„inneres Nein" aussprechen. 

Nicht jedermann ist so glücklich wie der Verfasser der Lebens- 
beichte. Nicht jeder findet sein sexuelles Ideal und Hunderttausende sinken 
ins Grab, ohne ihre sexuelle Erfüllung gefunden zu haben. Sie sind die 
„Ewig-Suchenden", die „Ewig-Unbefriedigten", wie sie die Sage in den 
Gestalten eines Ahasver, eines Faust und eines „Fliegenden Holländers" 
geschildert hat, 

Es wäre noch nachzutragen, was mir der Kollege mündlich berichtete 
und was er in seiner Lebensbeichte verschwiegen hat. Während er vor- 
her alle Raffinements der Liebe auskosten wollte und jede Paraphilie 
mitmachte, in der einen Periode mehr, in der anderen weniger (Kunnilingus, 
analer Koitus, Fellatio, Koitus inter mammas usw.), ja sogar mit dem 
Gedanken spielte, homosexuell zu werden, hat er jetzt nur Verlangen 
•nach den normalen Zärtlichkeiten, wenngleich er die anderen nicht ver- 
schmäht. Sie reizen ihn nicht mehr. Er empfindet in den seelischen und 
körperlichen Vereinigungen, in dem Verschmelzen zweier Wesen zu einem, 
die Höhe der Genußmöglichkeit. Alles andere ist von ihm abgefallen. 

Es ist dies eine Erfahrung, die wir oft machen können. Paraphilien 
dienen dazu, um eine unbefriedigte Sehnsucht durch einen starken Reiz 
vorübergehend zum Schweigen zu bringen. Aber sie kehrt immer wieder. 
Wollüstlinge sind Menschen, die ihr Ideal suchen und nicht gefunden 



Die Psychologie der Kjaculatio praecox. 291 

haben. Sie haben die Wollust von der Persönlichkeit getrennt. Aber sie 
läßt sich nicht trennen. Es kommt der Tag, an dem sie die Genußfähig- 
keit verlieren. Es bereitet sich eine Revolutionierung des inneren Men- 
schen vor, wie wir sie bei dem Kollegen erlebt haben. Sie werden ent- 
weder impotent, Asketen, Hypochonder, Parapathiker, oder sie finden ihre 
Bestimmung und werden glücklich, so weit es einem Menschen mög- 
lich ist. 

Es kommt oft vor, daß ich von einem Bräutigam um Rat gefragt 
werde, der einen Versuch bei seiner Braut machte und mit Schrecken 
wahrnahm, daß er impotent war oder eine Ejaculatio praecox zeigte, die 
nicht weit von der vollkommenen Impotenz entfernt war. Nach meinen 
vorherigen Ausführungen wird diese Form der Ejaculatio praecox leicht 
verständlich sein. Es handelt sich um eine Gewissensfrage und um ein 
„inneres Nein! - ' Mit dem Koitus ist sein Schicksal besiegelt. Er muß 
dann heiraten. Nun gibt es Männer, die jede Frau verachten, die sie 
einmal besessen haben, auch wenn es ihre Braut war. Die Besitznahme 
ist der Weg in die Freiheit. Nun, da er sie gehabt hat, ist sein Wunsch 
erfüllt und er kann gehen. Diesen geheimen Schurkenstreich gesteht er 
sich nicht ein, es handelt sich ja immer um unbewußte Tendenzen. In 
anderen Fällen benötigt er die Impotenz und die Ejaculatio praecox, um 
sich den Weg in die Freiheit zu sichern und sich sagen zu können, daß 
er als Impotenter doch nicht heiraten könne. Vielleicht ist die Impotenz 
in der Brautnacht nur ein „inneres Nein", das besagt: „Ich will meine 
Freiheit nicht aufgeben! Ich will mich nicht ewig an dich binden!" Einen 
einschlägigen Fall behandelt die nächste Beobachtung. 

Fall Nr. 96. Herr I. P., gewesener Mediziner, Ordensgeistlicher, jetzt 
Advokaturskandidat, 32 Jahre alt, konsultiert mich wegen einer relativen Im- 
potenz. Er sei seit zwei Jahren verlobt und fürchte zu heiraten, da er impo- 
tent sei. Verschiedene Versuche endeten mit einem Mißerfolg. Ich riet ihm, 
jeden Versuch mit seiner Braut bis zur erfolgten Hochzeit zu unterlassen und 
sich einer kurzen Analyse zn unterziehen. Nach zwei Monaten kommt er in 
meine Behandlung und überreicht mir folgende Lebens- und Krankheitsgeschichte: 

Ich bin al6 Kind Btreng katholisch-religiös erzogen worden. Sogenannte nervöse 
Familienbelastung leichten Grades liegt vor, doch bildete gerade ich das stete 
Sorgen- aber auch Lieblingskind der Familie. Schwerere Erkrankungen machte 
ich nicht durch. Masturbation spontan im 6. Lebensjahr ein paarmal bis zur 
Pubertät, dann in wechselnder Stärke durch das ganze Leben, stets unterbrochen 
von kürzer oder länger währenden Intervallen des Kampfes gegen die Onanie. 
Bei dem Akt schwebt mir das Bild des Weibes vor, sadistische oder masochistische 
Vorstellungen drängen sich nicht auf. Stets anfänglich schüchtern im Verkehr 
mit dem weiblichen Geschlecht. Schon in der Jugend drängt sich mir der 
Gedanke auf, nicht für die Weiber zu taugen. Verstärkt wird er durch 
Mißerfolge bei den ersten Koitusversuchen im 18. und 19. Lebensjahr. Erster 
Koitus (gelungen im 23. Lebensjahr) erweckte einiges Gefühl der Befreiung. 
Von da ab selten koitiert, fast nur mit öffentlichen Dirnen. Koitus gelang 

19* 



292 Die Impotenz des Mannes. 

mit Ausnahme von 2 — 3 Fällen, in denen das Objekt vielleicht zu wenig 
reizend war, immer. Ich vermißte aber immer ein vorhergehendes Liebesspiel, 
zu welchem ich mich aus Furcht vor Ansteckung nicht getraute. Später 
öfters Kunuilingus, er gewährt aber keine größere Befriedigung, wird nur vor- 
gezogen, weil Furcht vor Ansteckung zu groß und Koitus condoinatus mich 
auch wenig befriedigt; an Kunnilingus knüpft sich Koitus. Mit besseren Mädchen 
(selten) Koitus iuterruptus gepflogen und mutuelle Onanie. Doch war wirkliche 
Liebe nie vorhanden. 

Ejakulation tritt ziemlich rasch ein, bei vorhergehendem Alkoholgenuß 
später. Zweiter Koitus in derselben Nacht vollzogen dauert langer. Sogenannte 
Erscheinungen der spinalen Irritation nach Koitus nicht vorhanden, wohl aber 
nach Masturbation, seitdem ich von den Schäden derselben gelesen. Einige Male 
bei sympathischen Meretrices ganz regelrechter Koitus, besonders nach Kunni- 
lingus. Mit 18 Jahren Schmerzen in den Hoden und Beinen nach dem Lesen 
von populären Büchern. Mit 28 Jahren lange Erkrankung, über ein Jahr ar- 
beitsunfähig. Zuerst Symptome von Seiten des Herzens; wohl infolge Abusus 
von Alkohol und Tabak; sie bessern sich nach Abstinenz und Kurgebrauch, 
aber es wird dann von mir noch die Masturbation als dritter, beschuldigender 
Faktor herangezogen und treten angstneurotische Zustände auf. Anfälle, wie 
Sie sie in ihrem Buche „Nervöse Angstzustände" beschrieben haben. 

Diese erreichten in früheren Jahren einen hohen Grad, zeigen sich 
alle zwar harmlos, machten aber trotzdem einigemal Spitalbehandlung nötig. 
Auch jetzt treten sie allerdings recht abgeschwächt und nur in bestimmten 
Situationen auf, so insbesondere wenn ich schwierige juridische Fälle allein 
erledigen muß, äußern sich im Gefühl der Unruhe, Blähungen, Wallungen. 
Waren auch Ursache eines längeren Veronalismus und von Brommißbrauch. 
Gegenwärtig ziemlich frei. Die Vorstellung, nur schwachpotent zu sein, drängte 
sich mit größerer Macht auf, als ich in Beziehungen zu der damals 14jährigen 
Tochter meines Chefs trat, Beziehungen, welche von den Eltern begünstigt 
wurden, da sie mich als Schwiegersohn wünschten. Ich ging auch damals (vor 
7 Jahren) in ein Sanatorium und unterzog mich einer Kur, von der ich weiter 
keinen Erfolg verspürte. Das Verhältnis zerschlug sich allmählich, indem ich 
das Mädchen, das mich liebte, vernachlässigte. Als sogenanntes psychisches 
Trauma möchte ich eine Äußerung des Professors M. in Graz erwähnen, der mir 
den Penis elektrisierte und erklärte, der Penis sei schlaff. Ich hielt mich nun 
für unfähig, ein junges Mädchen zu heiraten. Der Altersunterschied betrug aller- 
dings 18 Jahre. Vor zwei Jahren trat dann das Mädchen in Beziehungen zu einem 
Anderen; ich erlitt damals einen kleinen Zusammenbruch, weil ich die Idee, 
sie wieder zu gewinnen, doch nicht ganz aufgegeben hatte, lebte dann noch bis 
Neujahr mit ihr unter einem Dache, allerdings ohne mit dem Mädchen zu sprechen. 
Zwei Jahre wechselten wir kein Wort, obwohl wir unter einem Dache wohnten ! 
Im Dezember des vorvorigen Jahres lernte ich meine jetzige Braut kennen, 
korrespondierte bis September, besuchte sie in einem Badeorte, verlobte mich 
und versuchte gleich am nächsten Tag einen Koitus. Dreimal koitierte ich in Er- 
manglung eines Schutzmittels extra vaginam; Ejakulation trat ziemlich rasch ein. 
In E. versuchte ich regelrechten Koitus mit Kondom. Die Vagina ist tatsächlich 
enge, ich ermüdete bei dem Versuch und vertröstete mich auf spätere Zeit. 
Erektion dürfte wohl genügend stark gewesen sein. Es kam dann zu mutueller 
Onanie, auch machte ich meiner Braut zweimal Kunnilingus, der sie anscheinend 
recht befriedigte. Auf Ihr Anraten, Herr Doktor, unterließen wir bei späteren 
Zusammenkünften intimere Beziehungen. Erektionen treten bei Küssen und Um- 



Die Psychologie der Ejaculatio praecox. 29b 

armungen auf, ob sie genügend stark sind zum Koitus weiß ich nicht. — 
Liebe war bis zur Verlobung eigentlich nicht vorhanden, erst 
später trat sie ein. Zu Neujahr verließ ich den Ort, wo meine erste Braut 
wohnte. Seit 7 Wochen führe ich ein dissolutes Leben, habe keine Wohnung 
und nicht einmal Wäsche und Kleider bei mir. Bei diesen mehr materiellen 
Sorgen trat die Befürchtung impotent zu sein, etwas in den Hintergrund. Bei 
unserer letzten Begegnung vor acht Tagen hielt mir meine Braut meine Willens- 
schwäche und Zerfahrenheit vor. Ich brauste zunächst auf, es kam aber wieder 
zur Versöhnung. Daß ich ein Parapathiker bin, habe ich ihr wohl vor unserer 
Verlobung eingestanden. Sie hält mich für einen Hypochonder. An hypochon- 
drischen Ideen leide ich seit meiner Jugend, nur wechselt das Objekt, doch 
ist es mehr eine hypochondrische Ängstlichkeit, direkte Wahnideen sind nicht 
da. Das Herz, der frühere wnnde Puukt, wird jetzt weniger in Betracht gezogen. 

An Zählzwang leide ich seit der Erkrankung mit 28 Jahren. Ich zähle 
die Tage der völligen Abstinenz von Masturbation. Alkohol, Tabak. Habe es 
mitunter auf 100 — 150 Tage gebracht, verfiel dann dem einen zuerst und 
anschließend gleich auch den beiden anderen. Binde mich mit heiligen Eiden, 
lese stoische Schriften und purzele mitunter gleich über das eine oder andere. 
Seit meiuer letzten Zusammenkunft mit meiner Braut bin ich außer Rand und 
Band, zu keinem Entschluß, zu keinem geordneten Leben mehr fähig und denke 
an das Sprichwort: „Alles verzeiht das Weib, nur nicht dem Schwächling die 
Schwäche." Jetzt knüpft sich an die Vorstellung der Impotenz oder Halbimpo- 
tenz der Gedanke, überhaupt nicht recht berufsfähig zu sein. Mein ganzes 
früheres, allerdings dissolutes Leben, fällt mir wie ein Stein auf die Brust. 
Ich halte mich der Liebe eines Weibes für nicht würdig. Ich glaube meine 
Braut zn lieben und glaube, daß auch sie mich Hebt. Geduld hat sie mir genug 
erwiesen. Ich sehrieb einen Brief an sie, daß ich mich nicht getraue, ihr Los 
mit dem meinigen zu verknüpfen, mit dem Leben eines seelischen Krüppels 
und erwarte Antwort. Inzwischen eingelangt, erklärt sie, mir unter allen Um- 
ständen treu zu bleiben und belächelt meine Befürchtungen wegen der Impotenz. 
Sie hat wohl Verständnis, ist Schauspielerin, jetzt allerdings nicht tätig, die 
letzten Jahre in Amerika, seriöses Fach, Ibsen, Strindberg usw. Ist eine ener- 
gische, zielbewußte Person, das Gegenteil von mir. 

Ich bin nun entschlossen, wenn es geht, einen anderen Menschen aus 
mir zu machen, der fürs Leben taugt ohne allzuhoch gespannte Ziele. Nur 
habe ich den Weg zu mir selbst ganz verloren und es gebricht mir an 
Kraft dazu. 

Ohne meine Braut glaube ich nicht länger leben zu können, mir graut 
auch vor dem Alleinsein. Die letzten Monate bekam ich graue Haare und 
magerte trotz reichlicher Ernährung ab, doch sind Schlaf und Appetit gut. 

Onanie ab und zu. In 5 — 6 Monaten soll Hochzeit sein, einerseits 
möchte ich aufschieben, andererseits denke ich wieder, wenn ich direkt hinein- 
springen könnte, wäre es besser. Ich glaubte, daß ich nur mehr einige Tage 
mich aufrecht halten kann und dann zusammenbreche, allerdings ist es möglich, 
daß ich mich bewußt oder unbewußt in die Krankheit flüchten will, um Mit- 
leid zu erregen, um mich interessant zu machen, da ich ja unstreitbar auch 
nach früheren Aussagen von Prof. M. und Dr. H. usw. hysterisch veranlagt bin. 

Von Inzestgedanken möchte ich erwähnen, daß mir früher öfters das 
Bild einer verstorbenen Tante erschien, welche mich eine Zeitlang an Stelle 
meiner Mutter erzog. Sie hat mich gewiß nicht als Kind zu Reizungen ver- 



294 Die Impotenz des Mannes. 

führt, aber ich erwachte unmittelbar vor einer Pollution, wo ich mich über- 
raschte, daß ich sie kontieren wollte, die Pollution unterblieb. 

Mein Traumleben kenne ich nicht recht, weil ich es zu wenig beachte. 
Gestern träumte mir allerdings von meiner ersten Braut. Zuerst war sie es, 
dann veränderte sie sieh in ein Kind, welches ich bei dem letzten Besuch 
bei meiner zweiten Braut sah, dann träumte ich unklar weiter, zuletzt sollte 
ich iu einer Unmenge von Urin ertrinken und erwachte hierauf, dachte, ich hätte 
ins Bett gepißt, was ja nie vorkommt bei mir, doch war ich völlig trocken. 

Erwähnen möchte ich, daß meine derzeitige Unentschlossenheit nicht immer 
besteht, ja daß ich oft Sachen mit größter Energie und Konsequenz in An- 
griff nehme und knapp vor Erreichung des Zieles fortlaufe. So ergeht es mir 
auch bei Frauen respektive bei den wenigen Mädchen, mit welchen ich in 
Beziehungen trat. Ich mache sie mit allen Mitteln in mich verliebt und trenne 
mich dann mehr oder weniger brutal von ihnen, anscheinend, weil ich zum letzten 
Ende, zum Koitus zu gelangen, mich nicht getraue. Wenden sie sich dann 
meist gekränkt und in ihrem Vertrauen getäuscht von mir ab, so tut es mir 
leid. Erwähnen möchte ich, daß ich mich selbst in der Jugend zum 
priesterlichen Stand bestimmte, weshalb mir die Keuschheit als 
höchste Tugend erschien. Ich trat auch in einen Orden ein, ver- 
ließ aber denselben, weil ich den Glauben verlor. 

Hier schließt der interessante Bericht. Wir werden daraus bald ersehen, 
wie lückenhaft und unzulänglich alle diese Schilderungen sind. Sie verschweigen 
die wichtigsten Momente. Der mitgeteilte Traum deutet darauf hin, daß .er ein 
gewisses Interesse für Kinder hat. Auch der Uringenuß läßt sich nur als Aus- 
druck eines sexuellen Infantilismus erklären. Er leugnet aber jedes sexuelle 
Interesse für Kinder. Er habe sich immer nur für das Weib interessiert. 
Allerdings habe seine erste Neiguug der erst 14jäbrigen Tochter seines Chefs 
gegolten. Aber es sei dabei auch ein materielles Interesse gewesen. Er habe 
sich Hoffnungen gemacht, die gutgehende Kanzlei seines zukünftigen Schwieger- 
vaters zu übernehmen. Sein Chef sei immer sehr liebenswürdig mit ihm ge- 
wesen. Er habe in seinem Hause gewohnt und die Frau des Chefs sei auch 
in ihn verliebt gewesen. Es sei aber nur zu flüchtigen Küssen zwischen der 
Frau und ihm gekommen. . . . 

„Warum haben Sie aufgehört, sich um das Madchen zu bewerben?" 

„Ich weiß es nicht. Ich glaube, weil es mir zu dick geworden ist. Ich 
kann dicke Frauen nicht vertragen. Es war ein peinlicher Zustand. Ich lebte 
im Hause und sah die Tochter nicht an, obwohl ich wnßte, daß sie mich 
leidenschaftlich liebte." 

Er berichtet über seine Familienverhältnisse. Sein Vater lebte in unglück- 
licher Ehe. Die Mutter war sehr zornig und herrschsüchtig und quälte und 
tyrannisierte den Vater. 

Ich konstatiere, daß er seit der Kindheit an „Angst vor dem Weibe" 
leidet. Er ist sehr herrschsüchtig, will immer seinen Willen durchsetzen. 

„Es scheint, daß sich das Bild der herrschsüchtigen Mutter in Ihrer 
Seele festgesetzt hat. Sie haben sich wohl vorgenommen, sich niemals einem 
Weibe zu unterwerfen, um nicht das Schicksal Ihres Vaters zu erleben?" 

„So ist es." 

Wir kommen bald zur Erkenntnis, daß die Liebe zu dem Mädchen auf- 
hörte, als es der Kindheit entwachsen, einen starken eigenen Willen zeigte. 
Er fürchtet auch, die zweite Braut wäre zu herrschsüchtig und er werde unter 



Die Psychologie der Ejaculatio praecox. 295 

den Pantoffel kommen. Er wolle der Herr im Hause bleiben. Mit dieser Fest- 
stellung schließt die erste Sitzung. 

Er glaube jetzt, daß er mit der ersten Liebe noch nicht fertig sei. Die 
Zwistigkeiten hätten begonnen, als dem Mädchen ein anderer Mann den Hof 
machte. Er habe sich die Eifersucht nicht eingestanden, allein er begann sich 
dem Mädchen zu entfremden. Er sei jetzt vollkommen rat- und haltlos. Er 
wollte sich selbständig machen und finde nicht die Kraft, eine Wohnung zu 
suchen, sich einzurichten. Oh er seine jetzige Braut noch liebe? 

Ich mache ihn aufmerksam, daß alle seine Handlungen darauf hinaus- 
zielen, die Hochzeit mit der zweiten Braut aufzuschieben. 

Unter Zögern gesteht er mir, seine Braut sei keine Virgo gewesen, er 
fürchte, sie werde ihn betrügen, da er doch impotent sei. Teilt einige Träume 
mit, die verschiedene Urin- und Kotphantasien enthalten. 

Bringt mir folgenden Traum. 

Ich sitze im Theater. Es treten 2 Tenoristen auf, von denen der 
eine mir unbekannt, der zweite Slezak ist. Beide beginnen, der Unbe- 
kannte singt höher als Slezak und auch anfänglich besser, wird aller- 
dings später von Slezak, der tiefer siugt, tibertönt. Plötzlich beginnt der 
höhere Tenor falsch zu singen und Slezak kann überhaupt nicht singen 
und ringt um Atem. Hinter mir sitzen 2 Polinnen, von denen ich über- 
haupt eine nur etwas deutlicher sehe. Diese beginnen ganz laut in die 
Stille des Saales hinein zu sprechen und erklären, daß es unerhört sei, in 
Wien um teures Geld Derartiges zu bieten. Ich bitte um Ruhe und erkläre 
mit großer Bestimmtheit, daß, geradeso wie ich in Galizien nicht über 
polnische Angelegenheiten laut sprechen und diese abfällig kritisieren 
würde, es den Damen hier in Wien nicht zusteht, Wiener Verhältnisse 
zu kritisieren. Ein Wort gibt das andere, es kommt aber zu keinem wei- 
teren Streit. Ich drehe mich während der Debatte nicht um und bin er- 
sichtlich mit großer Anstrengung bemüht, den höflichsten Ton zu be- 
wahren. — 

Das Traumbild verändert sich. Ich liege in einem Kahn und blicke 
zu einem wunderschönen Sternenhimmel empor. Insbesondere fesselt mich 
der Sternenhaufen der Plejaden, ans welchem ein wunderschöner, flackern- 
der Stern hervortritt, dann ein ruhigeres Licht annimmt und wieder zu- 
rücktritt. Dieses Spiel wiederholt sich beständig. Ich mache die Damen, 
von welchen eine wieder die obere Polin ist, auf dieses Phänomen auf- 
merksam. Wir sprechen auch, welcher Stern das sein könnte, denn er 
funkelt wie der Sirius, liegt aber im Plejadenhaufen. Zuletzt behaupte ich, 
es sei doch der Sirius. Das Traumbild wird etwas unklar, die Polin 
schenkt mir auch weiterbin nicht die gewünschte Aufmerksamkeit. 

Das Bild verändert sich wieder. Ich befinde mich auf festem Boden, 
neben mir steht die Polin. Jetzt sehe ich sie deutlich. Sie ist klein, hat 
altere Züge mit Furchen, sieht aber nicht häßlich aus. Sie klagt mir, daß 
sie schon lange Zeit ohne Mann lebe, der gefangen oder gefallen sei, 
und sich nach Liebe sehne. Auch ich klage ihr mein Leid, -daß ich ge- 
zwungen sei, stets in einem schaukelnden Kahn zu den Sternen empor- 
zublicken und mir eine festere Lage wünsche als diese schlechte Rücken- 
lage im schaukelnden Kahn. Ich kann mich nun, obwohl diese 3 Bilder, 



296 Die Impotenz des Mannes. 

insbesondere 1 und 2 außerordentlich klar waren, nicht erinnern, was 
darauf folgte, doch kommt es mir vor, daß ich und sie aus Mitleid uns 
umarmten, weiter geschah sicherlich nichts, denn ich erwachte unmittelbar 
darau f. 

Die Deutung ist ziemlich klar und soll nur insoweit mitgeteilt werden, 
als sie zum Verständnis der P.irapathie notwendig ist. Die zwei Sänger reprä- 
sentieren die zwei Menschen in seiner Brust. Er ist eine gespaltene Persön- 
lichkeit. Die innere (höhere) Stimme war ursprünglich die stärkere. Die be- 
wußte (äußere — Slezak) singt jetzt falsch. Wenn der innere und äußere 
Mensch nicht harmonieren, so besteht eine Disposition zur Parapathie. Die Po- 
linnen (beachte wieder die Verdopplung !) stellen die erste Schmähung und 
Entwertung des Analysators dar, der ihn kritisiert. 

Das Sternbild (Sirius in den Plejaden) , das leuchtend hervortritt und 
immer wieder verschwindet, möchte er als das erste Mädchen deuten. Ihr Bild 
sei scheinbar verschwunden, kehre aber zeitweilig im alten Glänze wieder. 
Wunderbar ist das Schwanken seiner Seele durch das Schaukeln des Kahnes 
ausgedrückt. 

Es fällt ihm aber auf, daß der Sirius ein Mann sei, während die Ple- 
jaden das Sinnbild der sieben schönsten Frauen wäreu. 

Es fallen ihm homosexuelle Einstellungen aus der Pnbertät ein. Er habe 
im Alter von 17 Jahren für Knaben in kurzen Hosen geschwärmt, wenn sie 
schöne Waden hatten. In der Kirche habe er nur auf die vor ihm stehenden 
Knaben geblickt. Auch kleine Mädchen im Alter von 13 bis 15 Jahren reizton 
ihn geschlechtlich, besonders in den letzten Jahren, seit das Bild der Knaben 
zurückgetreten sei. Doch kehrten zeitweilig beim Onanieren die Vorstellungen 
der Knaben mit kurzen Hosen und schönen Waden wieder (Sirius!). Vor 
einiger Zeit sei er mit einer Dirne ins Hotel gegangen. Sie stand vor ihm in 
kurzen Unterhosen. Sofort sei die Ejakulation eingetreten. Dann sei er aber 
ganz impotent gewesen und wäre die ganze Nacht bei ihr gelegen , ohne 
einen Koitus zu versuchen. 

Wir merken, daß die kurze Hose der Dirne die Assoziation zu den 
Knaben bildete. Sein Sexualziel ist jetzt ein Knabe in kurzen Hosen, deshalb 
mußte er bei der Dirne impotent sein. 

In der nächsten Sitzung wird alles klar. Er liebt das erste Mädchen, 
das er als Kind kannte und das einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn 
machte, als er es in seinem 13. Jahre als Buben verkleidet sah. Ihr Bild 
prägte sich seiner Seele ein und er begehrte kein anderes Weib. So lange 
sie Kind war, folgte sie ihm und sah in ihm einen Halbgott. Aber die heran- 
wachsende Jungfrau merkte seine Liebe mit ihrer Mutter. Sie war eifersüchtig 
und sie war mit Recht eifersüchtig, denn zwischen ihrem Bräutigam und 
ihrer Mutter waren mehr als harmlose Spielereien vorgegangen. Wir erinnern 
uns an seinen ersten Bericht. Er war erlogen. Er hatte mit ihrer Mutter sogar 
regelrechten Verkehr gepflogen und es bei derselben durchgesetzt, daß sie 
ihm ihr Kind zur Frau geben sollte. Die Jungfrau merkte aber mit dem ver- 
feinerten Scharfsinn der Liebenden, daß das Herz ihres Bräutigams nur halb 
ihr gehörte. Sie merkte, wie willenlos er ihrer Mutter folgte. Sie wurde trotzig 
und versuchte ihren Willen durchzusetzen. Sie machte ihn eifersüchtig, unter- 
hielt sich mit anderen jungen Leuten, so daß er die Verlobung auflöste. In- 
folge der enttäuschten Liebe trat bei ihm eine Regression auf infantile Ideale 




Die Psychologie der Ejaculatio praecox. 397 

(Knaben, Urin- und Kotphantasien) ein. Allein er liebte nur die erste Braut. 
Er rationalisierte sich die Abneigung durch ihr Dickwerden, er suchte an ihr 
Fehler und er stürzte sich in eine zweite Liebe, um sich von der ersten zu 
befreien. Die Stärke der Liebe und des Trotzes läßt sich an dem Umstände 
ermessen, daß er und seine Ex-Braut in einem Hause lebten und zwei Jahre 
kein Wort miteinander sprachen. Er wollte ihr nun das Allerletzte autuu und 
eine andere heiraten. Aber er war bei dieser Geliebten impotent und traute 
sich nun nicht, sie zu heiraten. 

Er richtete au mich die Gewissensfrage, ob er trotz seiner Ejaculatio 
praecox heiraten dürfe. Ich verneinte diese Frage und schilderte ihm die Zu- 
kunft, einer Ehe mit einer ungeliebten Frau. Er hatte ja die unvergessene Ge- 
liebte im Herzen. Ich riet ihm, sich mit dem Mädchen auszusöhnen und den 
Ort zu verlassen , damit die Vorstellung des Inzestes mit seiner Schwieger- 
mutter ihn nicht quäle und verfolge; wenn er es mit seinem Gewissen ver- 
einbaren könne, das Mädchen zu heiraten, so solle er es tun. 

„Es fällt mir wie Schuppen von den Augen!" rief der Patient aus. 
„Natürlich werde ich sie heiraten uud mit ihr nach Amerika reisen. Bei ihr 
werde ich nicht impotent sein. Ganz gewiß nicht." 

„Woher wissen Sie das?" 

„Weil ich mit ihr durch drei Jahre verkehrt habe, natürlich heimlich und mit 
allerlei Vorsicht. Aber ich war immer potent und es gab keine Ejaculatio praecox." 

Am Nachmittag empfing ich den Besuch seiner zweiten Braut, die mich 
spontan bat, ihrem Bräutigam schonend beizubringen, daß sie ihn nicht hei- 
raten könne. Sie habe einen alten Verehrer gefunden, einen Jugendfreund, 
sie wären gleich intim geworden. Das sei ein ganzer Mann, den wolle sie 
heiraten und mit ihm ein Geschäft eröffnen. Ich sollte das schonend ihrem 
Bräutigam mitteilen. 

So war beiden Teilen geholfen. Mein Patient reiste ab. Von seinen 
weiteren Schicksalen habe ich nichts gehört. 

Wir sehen hier eine Ejaculatio praecox infolge mangelnder Liebe 
und als Schutzfunktion. Bei guter Potenz hätte er das zweite Mädchen 
geheiratet und wäre unglücklich geworden. Wir verstehen aber seinen 
Traum, daß er im Urin ersäuft. Er lebt in einem beispiellosen Schmutze, 
hat mit Mutter und Tochter zu gleicher Zeit Beziehungen und will sich 
aus diesen Sumpf retten. Der Mutter war die Auflösung der Verlobung 
mit ihrer Tochter nicht unwillkommen. Das erklärt uns der Umstand, 
daß er noch zwei Jahre im Hause leben konnte, ohne mit der Tochter 
ein Wort zu sprechen. Das ganze Haus war in ihn verliebt. Auch der 
Vater, dem er sich unentbehrlich gemacht, hatte und der vor seinem Er- 
scheinen viel unter den Launen seiner Frau zu leiden gehabt hatte. 

Bedenken wir aber, daß es sich um einen innerlich frommen Men- 
schen handelt, der sogar vorübergehend Mitglied eines geistlichen Ordens 
war. Wie konnte dieser Mann auf eine gute Potenz rechnen, da er sich 
in einem so sündigen Milieu befand und ein ziemlich empfindliches Ge- 
wissen hatte? Leider brach er die Analyse plötzlich ab und reiste zu 
seiner Ex-Braut. Er konnte nicht mehr ohne diese drei Menschen leben, 
weil er an alle drei Personen, Vater, Mutter und Kind fixiert war. 




298 Die Impotenz dos Mannes. 

Auch Familienfixationen finden sich häufig in der Anamnese der 
Kjaculatio praecox. Oft sieht man Söhne von sehr moralischen Eltern, 
die immer wieder den Versuch machen, sich von den elterlichen Impera- 
tiven zu befreien und den „Lebemann" zu spielen. Der Versuch fällt 
meistens jämmerlich aus und die Liebesverhältnisse kommen infolge der 
mangelhaften Potenz nie zur vollen Blüte. 

Ein sehr charakteristisches Beispiel ist der nächste Fall: 

Fall Nr. 97. Herr Z. R., Doktor der Philosophie, 40 Jahre alt, konsultiert 
mich wegen geschlechtlicher Schwäche. Er sei eben noch imstande, das Glied 
in die Scheide einzuführen und dann komme es sofort zur Ejakulation. Ge- 
schlechtstrieb früh erwacht. Angeblich nie onaniert. Mit 16 Jahren erster Koitus 
bei einer Dirne, dabei Samenerguß vor der Immissio. Vom 21. Jahre immer 
Verhältnisse mit Mädchen, die er aushielt und mit deuen er meistens böse Er- 
fahrungen machte. Sie betrogen ihn, einige sogar mit seinen Freunden. Sein 
jetziges Verhältnis bestehe seit einem Jahre. Potenz habe sich etwas gebessert, 
80 daß er schon ungefähr zwei Minuten bis zur Ejakulation aushalten könne! 
Er war nie verliebt. Ein einziges Mal hatte er ein etwas wärmeres Gefühl 
für ein Mädchen, das mit einem anderen verlobt war. 

Es stellte sich heraus, daß er schon mehrmals hätte lieben können, aber 
jede Regung im Keime erstickt hat. Er führt daheim eine förmliche Ehe mit 
seinen alten Eltern, die jeden seiner Schritte kontrollieren und ihn wie ein 
kleines Kind behandeln. Obwohl er sich täglich vornimmt, sich von dieser 
Tyrannis zu befreien, ist er es doch nicht imstande. Die Eltern streiten von 
Früh bis Abend, aber wenn sie einmal ein paar Stunden Frieden halten, so 
erscheint ihm diese Ruhe unnatürlich und unerträglich. Er fährt jedes Jahr 
aufs Land und malt sich das Glück aus, eiuige Monate ferne von seinen Eltern 
leben zu können. Nach zwei Wochen bekommt er gewöhnlich eine solche Sehn- 
sucht, daß er die Eltern telegrapbisch beruft oder zu ihnen nach Hause fährt. 
Es zeigt sich, daß er vollkommen unter den moralischen Imperativen des Hauses 
steht. Abgesehen davon, daß er an seine Mutter und auch au seinen Vater 
fixiert ist, kommt eine tiefe innere Religiosität zum Vorschein. Er ist ein 
floißiger Kirchenbesucher, angeblich weil er die Kirchenmusik so gerne hört. 
Moralische Bedenken wirken beim Koitus als Hemmung. 

Er koitiert immer unter den Augen seiner Eltern. Obwohl er 40 Jahre 
alt ist, wird er wie ein kleines Kind behandelt. Er ist jeden Abend beim 
Nachtmahl zu Hause. Geht er einmal aus, um mit seinem Mädchen bei- 
sammen zu sein, so fängt ein großes Fragen seiner Eltern'an: „Wohin gehst 
du heute? Wie lange wirst du ausbleiben? Hoffentlich bist du nicht 
in schlechter Gesellschaft. Komm nicht spät nach Hause! 2 Der Vater 
setzt noch hinzu: „Schau, daß du dir keine Krankheit nach Hause bringst!" 

Bleibt er länger aus, so wird er unruhig und macht sich Vorwürfe 
hat ein böses Gewissen, daß er seine Eltern allein läßt. Er spricht sehr 
viel von der Ehe, macht aber gar keine Anstalten, einem Projekte näher- 
zutreten. Die Eltern benehmen sich in gleicher Weise. Sie reden fort- 
während vom Heiraten, schlagen ihm Bräute vor, sprechen mit Vermittlern, 
zittern aber, ihn zu verlieren, da sie sonst ganz allein wären und sich 
noch mehr zanken würden und weil sie beide an ihn fixiert sind. 



Die Psychologie der Ejaculatio praecox. 299 

Er hatte nachher Aussicht, ein Mädchen heimzuführen, das ihm sehr 
gut gefiel und auch sehr reich war. (Wie alle reichen Parapathiker leidet 
er an der Angst zu verarmen, was trotz der besonderen Verhältnisse 
nach dem Kriege nicht berechtigt ist, da er große Realitäten und mehrere 
Fabriken besitzt.) Er schob es aber so lange hinaus, bis das Mädchen 
einen anderen nahm. Er schützt seine Impotenz vor und selbst sein Minder- 
wertigkeitsgefühl (er sei klein, häßlich, habe krumme Beine, eine große 
Glatze, sehe jüdisch aus) dient ihm mehr als Schutz gegen seinen grenzen- 
losen Ehrgeiz und seine Expansionsgelüste, als es ihn bedrückt. 

Die weitere Analyse ergibt eine starke homosexuelle Fixierung an den 
Vater, mit dem er den ganzen Tag streitet, von dem er sich in jeder 
Weise differenziert, von dem er nicht loskommt. 

Er ist Zweifler und Skeptiker und überträgt seine Vatereinstellung 
auch auf den Analysator. Die Analyse kommt nicht vorwärts; er macht 
sich über alles lustig, über Traumdeuterei und unbewußte Homosexualität 
und verlangt das Unmögliche: eine gute Potenz bei seiner Puella, mit 
der er gar keine seelischen Beziehungen hat. Er fürchtet die Tage der 
Zusammenkünfte, weil er nichts mit ihr zu reden hat Er langweilt sich 
in ihrer Gesellschaft, will sie immer erziehen und der Schluß ist, daß sie 
heftig miteinander streiten. Dann erst gehen sie in das Hotel. Er voller 
Groll und voller Zweifel, sie gleichgültig, offenbar nur durch das Geld 
und die Geschenke an ihn gebunden. Was Wunder, wenn es dann zu 
einer Ejaculatio praecox kommt? Wenn er wenigstens eine Geliebte 
(lucus a non lucendo!) hätte, die ihm sympathisch wäre. Die Analyse zeigt, 
daß er ein solches Mädchen nie gewählt hat Er nennt es natürlich Pech. 
Aber es zeigt sich, daß er sich das Pech selbst bereitet hat. Er fürchtet 
die Liebe, fürchtet die Frauen, weil er ohne seine Eltern und speziell 
ohne seinen Vater nicht leben kann. 

Er gesteht, daß er trotz seiner 40 Jahre immer den Gedanken hat : 
Was würden deine Eltern sagen, wenn sie dir jetzt zuschauen würden? 

Er ist ein Kind geblieben und betrachtet diese Art von Befriedigung 
als unmoralisch. Er leidet an einer hypertrophischen Frömmigkeit, der 
Frömmigkeit seines Vaters, über die er sich immer lustig macht, die aber 
als ein „Inneres Nein!" seine Manneskraft lähmt. 

Wie viele an Ejaculatio praecox Leidende erinnert er sich, bei 
einer bestimmten Freundin sehr potent gewesen zu sein. Sie gefiel ihm 
außerordentlich. Sie war aber herrschsüchtig und er fürchtete sich, er könnte 
bei ihr „picken bleiben". Er brach das Verhältnis kurzer Hand ab. 

Solche Episoden kann man öfters von diesen Familiensklaven und 
Geldhungrigen hören, die um jeden Preis ein reiches Mädchen heiraten 
wollen und nicht wissen, daß die Liebe den größten Reichtum und die 
reichste Mitgift bedeutet. 



900 Die Impotenz des Mannes. 

Man denke: Der Manu, der mich um Heilung seiner p]jaculatio praecox 
ersucht , hat ein Sexualobjekt gefunden, bei dem er eine sehr gute Potenz 
entfalten kann. Er löst die Beziehungen, weil er fürchtet, daß er sich 
binden könnte, weil er im Innern fühlt, daß er sich verlieben könnte und 
weil er unter der Angst leidet, er könnte sich so an seine Freundin ge- 
wöhnen, daß er sie heiraten müßte. Er, der Millionär, sucht aber nur Geld 
und wieder Geld. Er benötigt dieses Geld angeblich, weil er unfähig ist 
zu arbeiten und berechnet, mir täglich, daß er trotz seiner Millionen ein 
armer Teufel sei. Er zeigt sich auch in der Behandlung geizig und schmutzig. 
Er zählt ängstlich die Tage der Analyse und fragt immer lauernd, wann 
die Behandlung zu Ende sein werde. Er verlangt eine gute Potenz bei 
dem jetzigen unsympathischen Verhältnis, während er noch im Herzen bei 
der alten Freundin ist, die er verlassen hat, weil seine Geldgier über 
seine Liebe gesiegt hat. Er bemüht sich in allerlei Kunstrichtungen, um 
sich zu beweisen, daß er für das Geschäft des Vaters nicht tauge. Das 
ist alles Komödie und oberflächliches Getue. Er wartet nur auf den Tod 
des Vaters, um sich zu einem glänzenden Geschäftsmanne zu entwickeln. 
Seine Ejaculatio praecox ist nur ein Selbstschutz gegen die Verlockungen 
der bösen Welt, Wenn dieser Selbstschutz zu funktionieren aufhört und 
der Macht des sexuellen Instinktes weicht, wie bei der erwähnten Freundin, 
da setzt, sein Intellekt ein und er macht der Beziehung ein rasches Ende. 
Er wählt also nur die Liebesobjekte, bei denen er nicht potent 
sein kann, und läuft dann zum Arzte, der ihm ermöglichen soll, 
bei ungeliebten und ihm ungefährlichen Personen potent zu 
sein. Eine unmögliche Aufgabe. 

Überblicken wir die Fälle, so werden wir vergeblich nach den lächer- 
lichen Thesen von Abraham suchen. Die infantilen Wurzeln kommen in 
diesen Fällen, die ich aus einer stattlichen Reihe als Repräsentanten heraus- 
gesucht habe, nicht als die wichtigsten psychischen Dominanten in Betracht. 
Wir sehen, daß einem Kranken ein Anilingus vorschwebt, während er einen 
normalen Koitus ausführen will; der andere liebt sein Stubenmädchen und 
ist bei ihr impotent infolge der Hemmungen seines sexuellen Gewissens, 
bei seiner Frau ist er wieder nur schwachpotent, weil er eine andere be- 
gehrt; der dritte leidet ein ganzes Leben an Ejaculatio praecox (immer 
als Folge des sexuellen Gewissens und in Ermanglung eines Liebesobjektes) 
und findet nach den Fünfzigern Heilung und überraschende Potenz; der 
vierte ist ein Kranker, der mit Mutter und Tochter zugleich verkehrt, 
sich von der Tochter lösen will und sich eine ungeliebte Braut nimmt, 
so daß ihm die Ejaculatio praecox vor der Heirat schützt; der fünfte 
endlich wählt sich Objekte, die ihn nicht reizen, um sein Projekt, die 
große Geldheirat, nicht aus dem Auge zu lassen. 

Wir sehen in allen Fällen die deutlichen Wirkungen von psychischen 
Kräften. Es sind Hemmungen verschiedener Art. die sich geltend machen. 



\ 



Die Psychologie der Ejaculatio praecox. 30 1 

Und wir sehen, daß es nur eine wirkliche Therapie der Ejaculatio praecox 
gibt: Die Liebe. Amor orania vincit! Der Arzt kann wohl durch die Psycho- 
therapie die Hemmungen beseitigen, sie zum mindesten aufdecken und dem 
Kranken den Weg zur Überwindung weisen. Der eigentliche Heilmeister 
ist dann die Liebe und der Geschlechtsinstinkt. Wir sehen aber immer 
Menschen, welche ihren Instinkt vergewaltigt haben. Sie suchen, aber sie 
suchen auf Umwegen, sie fürchten sich, sie übertreiben ihren „Selbstschutz" 
und schützen sich durch eine Schwäche, welche sie beklagen. Sie über- 
schätzen das rein Physische und kommen erst im Laufe der Behandlung 
zur Erkenntnis, daß auch seelische Kräfte die Potenz beeinflussen können. 

Mit einer solchen Beobachtung möchte ich dieses Kapitel beschließen : 

Fall Nr. 98. Herr ü. J., 39 Jahre alt, konsultiert mich auf der „zweiten" 
Hochzeitsreise wegen Impotenz. Er hatte vor 10 Jahren geheiratet und war 
anfangs der Ehe immer potent. Allmählich aber habe seine Potenz nachge- 
lassen, es sei immer zu einer Ejaculatio praecox gekommen. Diese Schwäche 
habe sich so gesteigert, daß er sich von seiner Frau habe scheiden lassen 
müssen. Das merkwürdige aber sei der Umstand, daß er außerhalb der Eho 
immer sehr potent sei. Nur bei seiner Frau habe die Ejaculatio praecox und 
später die vollkommene Impotenz eingesetzt. Sie waren seit zwei Jahren ge- 
schieden. Jetzt merkt er erst, wie sehr er seine Frau liebt. Er vergöttert sie, 
findet sie entzückend, sie ist eine tadellose Dame, sie ist vornehm, hat einen 
herrlichen Charakter, sie ist eine Schönheit, schöner als alle anderen Frauen, 
die er besessen hat, aber bei ihr ist er impotent und bei den Dirnen, die er 
nicht liebt, ist er immer so potent als er sein will. 

Auamne8tisch wäre nachzutragen, daß er vor 14 Jahren Lues und mehr- 
fach Gonorrhoe überstanden hat. (Keine organische Erkrankung nachweisbar!) 
Bei den Dirnen kommt es hie und da zu paraphilen Akten, aber in der Mehr- 
zahl der Fälle bleibt es beim Normalen. 

Er hebt hervor, daß seine Frau sehr sinnlich ist und auf den Geschlechts- 
verkehr wartet. An seiner Impotenz droht seine glückliche Ehe zugrunde zu 
gehen. Denn zwischen ihm und der Frau gebe es niemals Differenzen. Es 
wäre die tadelloseste Ehe, die man sich denken könne, bis auf die fatale Im- 
potenz. Selbstverständlich fragt er, ob er nicht zu Dirnen gehen soll, um sich 
wieder einzuüben und sein Männlichkeitsbewußtsoin zu stärken, was ich ihm 
strenge verbiete. Ich verbiete ihm auch jeden Geschlechtsverkehr mit seiner 
Frau, bekanntlich die beste Maßregel, um eine vorübergehende Impotenz in 
der Ehe zu heilen. Die Analyse ergibt ferner folgende Tatsachen. Er hat 
immer den Zug nach unten gehabt und zeigt die Neigung vieler Parapathiker, 
die an der Trennung zwischen Sinnlichkeit und Zärtlichkeit leiden, seine Frau 
zu überschätzen. Er hatte bei seiner Frau nie eine der Zärtlichkeiten gewagt, 
die er bei seinen anderen Beziehungen, die sich nicht immer auf Dirnen er- 
streckten, aber immer sehr flüchtige waren, gerne anwendete. Diese Zärtlich- 
keiten waren aber zur Erregung seiner Libido, zur Steigerung seiner Vorlust 
unbedingt notwendig. 

Trotz meines Verbotes macht er einen Versuch bei einem Mädchen, das er auf 
der Gasse anspricht. Das Resultat: Eine Ejaculatio praecox nach einigen Sekunden. 

Die Analyse geht weiter, er verspricht, keine leichtsinnigen Experimente 
mehr zu machen und auch seiner Frau nicht beizuwohnen. Das Versprechen 
könne er ja leicht geben, weil er bei ihr vollkommen impotent ist. 



302 l>ie Impotenz des Mannes. 

Seine Frau ist aus einer vornehmen Familie. Er ist ein Emporkömmling. 
Sie hochgebildet. Er ist ein einfacher Kaufmann. Sie schwärmt für Künstler. 
Leider hat sie die üble Gewohnheit, ihn immer zu erziehen, ihm Fehler vor- 
zuhalten, seine Sprache und seine Manieren zu verbessern. Er ist ihr nie elegant 
genug. Er nimmt alle ihre Belehrungen dankbar entgegeu. Aber im Inneren 
bäumt er sich dagegen auf. Er fühlt sich seiner Frau gegenüber minderwertig. 
Seine Impotenz ist die Folge eines inneren „Ressentiment", sie ist nur 
eine Waffe im Kampfe der Geschlechter. 

Eine entsprechende Belehrung der Frau, die überflüssigen Erziehungs- 
versache zu lassen, eine Belehrung des Gatten, die kleinen einleitenden Zärt- 
lichkeiten bei seiner Frau anzuwenden und die Überschätzung ihrer Persönlich- 
keit zu reduzieren, wirken Wunder. 

Nach zwei Tagen kommt er triumphierend zu mir. 
„Sie werden böse sein. Aber ich habe das Verbot überschritten. Meine 
Frau war den ganzen Tag so lieb zu mir. Sie sehe es ein, sie habe schwere 
Fehler begangen. Sie wolle mich nicht mehr erziehen. Ich solle bleiben wie 
ich bin, nur sie recht lieb haben. Und was wollen Sie? In der Nacht — 
eigentlich gegen Morgen — hatte ich eine heftige Erektion und wir haben 
uns in Liebe vereinigt. Ich war mit ihr zärtlich, traute mich sie zu küssen 
(Zungenkusse, die ich bisher bei meiner Frau nie gewagt hatte), küßte ihren 
Busen, ihre Füße — ich bin nämlich ein bißchen Fußfetischist — und der 
Erfolg war über alle Erwartungen. So potent war ich noch nie in meinem Leben.« 
Die Potenz blieb dauernd gut, die Ehe ist eine sehr glückliche ge- 
worden. Die Frau hatte sich mit ihren Erziehungsversuchen und Nörge- 
leien um die Potenz des Mannes gebracht. Er verspricht, alle Seiten- 
sprünge zu lassen und die ganze Sexualität auf die geliebte Frau zu kon- 
zentrieren. Seine Eskapaden waren auch nur Racheakte für seine 
Demütigungen. 

Es wäre noch ein wichtiges Moment bei der Besprechung der Eja- 
culatio praecox zu erwähnen. Es kommen Fälle vor, in denen die Frau 
an dieser Schwäche schuld ist, weil sie einen anderen Mann liebt. Auf 
telepathischem Wege wirkt ihre Abneigung auf den Mann. Ich könnte 
die Analyse einiger solcher Fälle mitteilen. Ich habe aber dieses Kapitel 
leider schon zu sehr ausgedehnt. Ich will nur noch in Kürze den Fall 
eines Mannes erwähnen, der immer sehr potent war und plötzlich an Eja- 
culatio praecox bei seiner Frau litt. Analytisch war keine Ursache des 
Leidens zu finden. Aber seine Frau gestand mir, daß das Leiden ihres 
Mannes aufgetreten sei, als sie sich in einen Künstler verliebt habe und 
die Neigung für ihren Mann sich in eine Abneigung verwandelt hatte, die 
sie ihm geschickt verbarg. Aber auf geheimnisvollen Wegen übertrug sich 
diese Abneigung auf den Gatten. Er fühlte instinktiv, was sie nicht sagte. 
Das Resultat war die Abnahme seiner Potenz. 

Aus allen diesen Beispielen ersehen wir das eine: Die Ejaculatio 
praecox ist kein Fatum, auch nicht die Folge einer abnormen 
sexuellen Konstitution. Sie kommt durch eine besondere psychische 
Konstellation zustande und weicht der Psychotherapie und der allgewal- 



Impotentia paralytica. qqq 

tigen Macht der Liebe. Die Aufgabe des Analytikers ist es eben, dem Manne 
die Wege zur Liebe, und damit zur normalen Potenz frei zu machen. 



XIV. 
Impotentia parlaytica. 

Dein Schuldgefühl, ein böser Merker, 
Raubt deinem Willen Schwung und Kraft, 
Und dein Gewissen zeigt sieh stärker 
Als deine stärkste Leidenschaft. 
Stehet (aus „Der Weise und der Tor"). 

Als Folge verschiedener Ausschweifungen, exzessiver Onanie und 
des Koitus interruptus wird von verschiedenen Autoren die „Impotentia 
paralytica" beschrieben. 

Es ist jene Form der Impotenz, welche den Mann am meisten 
bedrückt und beschämt. Die Erektionsfähigkeit scheint ganz aufgehoben 
oder nur auf ganz geringe Grade beschränkt. Es kommt in seltenen 
Füllen zu blitzschnellen Erektionen, die sofort verschwinden, in den 
meisten Fällen nur zu einer Andeutung einer leichten Vergrößerung des 
Gliedes, in Übergangsfällen zu einer Halb-Erektion. Das Glied wird halbsteif, 
so daß eine Einführung in die Scheide unmöglich wird. In den schwersten 
Fällen ist die Erektionsfähigkeit scheinbar ganz verloren gegangen. Es 
sind die Fähe, in den&n auch die Morgenerektion fehlt. Der Samenerguß 
erfolgt mit mehr oder' minder starkem Orgasmus, der mitunter auch 
ganz fehlen kann, bei schlaffem Gliede. 

Meist ist der Vorgang folgender: Der mit diesem Leiden behaftete 
Mann ejakuliert bei schlaffem Gliede schon beim Kusse oder bei der 
Umarmung. Mitunter tritt die Ejakulation bei schlaffem Gliede schon beim 
Anblick des Sexualobjektes oder bei lasziven Gesprächen ein. Die Kranken 
berichten, daß auch ihre Pollutionen ähnlich vor sich gehen. Sie küssen oder 
umarmen das Sexualobjekt des Traumes und ejakulieren bei schlaffem 
Gliede. Diese Form der Impotenz kommt auch bei Homosexuellen vor und 
nach meinen Erfahrungen gar nicht selten. Eine Reihe von Fetischisten, 
die sich auf Handküsse (Hand-Fetischismus), oder andere kleinere Zärt- 
lichkeiten beschränken, leiden an Impotentia paralytica. Manche Kranke 
erzählen, daß auch bei der Lektüre gewisser Bücher (masochistische und 
sadistische Literatur) die Ejakulation bei schlaffem Gliede erfolgt. 

Nach meinen Erfahrungen haben wir in dieser Form nur eine Abart 
der Ejaculatio praecox zu erblicken. Es handelt sich um die Wirkung 
von seelischen Hemmungen. Eine paralytische Impotenz auf organischer 
Grundlage ist mir bis heute nicht vorgekommen, wenn ich die schweren 
Fälle von Tabes und anderen Rückenmarkserkrankungen ausnehme. Ich 
konnte in allen Fällen einen intensiven Kampf zwischen Libido und 
Moral feststellen. Die Impotentia paralytica ist auch eine Art Schutz- 



304 Dio Impotenz des Mannes. 

funktion des inneren Menschen und zeigt uns die gewaltige Macht des 
Gewissens. 

Der Psychotherapeut erlebt dann die Überraschung, daß die Impo- 
tentia paralytica einer normalen Potenz , mitunter sogar als Übergang 
einem vorübergehenden Priapismus weicht. 

Der erste Fall, den ich zu behandeln hatte, betraf einen jungen 
Philosophen im Alter von 23 Jahren. Seit vier Jahren waren die Erektionen 
vollkommen verschwunden, die Ejakulationen traten bei schlaffem Gliede 
ein, das nicht die Spur einer Erregung oder Vergrößerung merken ließ, 
wenn er eine von ihm begehrte Dame umarmte. Die Analyse ergab eine 
unterdrückte sadistische Richtung schlimmster Art. Es handelte sich um 
einen Lustmörder. Nach analytischer Aufhellung und bewußter Über- 
windung der sadistischen Einstellungen rasche Heilung. Mit 27 Jahren 
Ehe bei sehr guter Potenz. Der nächste Fall führt uns ein ähnliches Bei- 
spiel in etwas breiterer Ausführung vor: 

Fall Nr. 99. Herr I. 0., 24 Jahre alt, organisch jetzt vollkommen, ge- 
sund, klagt über schwere Impotenz. Stammt von gesunder Mutter, hat vier 
vollkommen gesunde Geschwister. Vater starb an progressiver Paralyse, als 
Pat. 7 Jahre alt war. Er onanierte seit der frühesten Jugend. Seine erste Erin- 
nerung ist sehr charakteristisch. Er sieht sich au einer Tischecke onanieren 
(durch Pressen des Gliedes au den Tisch), die Mutter erscheint, verwarnt ihn, 
und droht ihm, er werde sterben, wenn er dieses Spiel nicht auf- 
geben würde. So finden wir hier den ersten Sexualakt mit einem warnenden 
Imperativ der Erzieher verbunden. Mit 14 Jahren gab er die Onanie auf, weil 
er aus Gesprächen der Mitschüler entnahm, daß man davon blöd und impotent 
werde. Er war immer eiu glänzender Schüler, der Beste in der Klasse, aber 
scheu und verschlossen. Dieses scheue, ängstliche Wesen ist ihm bis heute ge- 
blieben. Mit zehn Jahren begann er zu stottern. Das Stottern verlor sich von 
selbst nach einem Jahre. Mit 18 Jahren der erste Versuch bei einem Dienst- 
mädchen, das er sich in sein Zimmer bestellte. Als er sie entblößte, entdeckte 
er auf ihrem Schenkel eine blaue Ader, die ihn sehr abstieß. Dio Beine waren 
nicht so wohlgeformt, wie er sich sie vorgestellt hatte. Es trat bei halbsteifem 
Gliede eine Ejakulation auf. Er wiederholte den Versuch erst nach drei Jahren 
bei einer Prostituierten. Sie kam ihm ekelhaft vor, er hatte wieder eine Ejaculatio 
ante portas bei halbsteifem Gliede. Diese Ejakulationen hatte er auch, wenn 
er Mädchen umarmt, oder sie küßt, schon bei der ersten Berührung. War als 
Kind schon mit sieben Jahren in seine ältere Kusine verliebt, hatte bis vor 
zwei Jahren immer ein starkes Liebesbedürfnis. Fühlt sich jetzt matt, alt, kein 
Mann, Suicidgedanken. Ist menschenscheu, gedrückt. Bei Tag hie und da 
Erektionen, gegen Morgen im Bette immor heftige Erektionen. Er berichtet 
auch, daß er seit vielen Jahren vor dem Einschlafen oder des Nachmittags 
im halbwachen Zustande Pollutionen bei halbsteifem Gliede hatte, wenn ihn 
erotische Gedanken verfolgten. 

War immer sehr scheu und zerstreut, nie schlagfertig, konnte nie im 
Zusammenhang unbefangen sprechen. Er erinnert sich an einen Vorfall, der 
ihn in der Kindheit sehr beeindruckt hat. Eine Frau stürzte die Stiege hinunter 
und mußte dann irgendwie verletzt zurückgetragen werden. Er träumte wieder- 
holt von dieser stürzenden Frau. 



lmpotentia paraljtica. oq^ 

Er ist sehr leicht suggestibel, kann nicht widersprechen, hat immer die 
Einfühlung in den Menschen, mit dem er spricht. 

Mit 18 Jahren, nach der Matura, setzte eine tiefe Depression ein. Er 
wurde lungenleidend, mußte nach Alland. Innerlich hatte er den Glauben an 
seine völlige Genesung und so wie er auch jetzt den Glauben hat, ich würde ihn 
von der Impotenz erlösen. Manchmal aber überfalle ihn der Gedanke, das 
Leiden sei unheilbar. Er hatte als Kind eine namenlose Sehnsucht nach Liebe 
und Zärtlichkeit. Er war aber immer in Internaten und entbehrte die Liebe 
der Mutter. Jetzt habe er das Gefühl dafür verloren. Etwas in ihm sei gerissen. 

Er hatte heute Nacht einen interessanten Traum, nahm sich vor, ihn sich 
zu merken und mir zu erzählen, hat ihn aber vergessen (Widerstand!). Sein 
Liebling sei seine um 2 Jahre jüngere Schwester, mit der er im Sommer 
immer zusammen gewesen sei, Sie war die Gespielin seiner Jugend und scheint 
auch heute noch sein Ideal zu sein. . . 

Der erste Traum: Ich verkaufte Zigaretten und noch einen Gegen- 
stand. Ich weiß nicht was. Ich konnte mir den Preis nicht ausrechnen 
und es mir zusammenbringen, ob ich gut oder schlecht verkauft habe- 
ich habe mich bemüht, es zu berechnen, es ist mir nicht gelungen. Das 
(lauerte längere Zeit. Ich glaube, der Preis war 800 Kronen. 

Der Traum zeigt uns einen Zweifel über die Güte eines Geschäftes. Der 
Mann hat sein Feuer, seine Leidenschaft, seine Onanie aufgegeben (verkauft), 
als Tauseh für die Versprechungen des Glaubens. Er zweifelt jetzt mit Recht, 
ob das Geschäft den hohen Preis wert war. Er hat Erdenlust gegen Himmels- 
lust eingetauscht. 

Seine Vorliebe ist Mathematik und Geographie. Möchte große Reisen 
machen und in der Ferne das Glück suchen, die Zärtlichkeit, die er hier nicht 
gefunden hat. 

Er hat immer Angst vor Blamagen, fürchtet am meisten die Lächerlich- 
keit. Allein hat er Angstzustände unbestimmten Charakters. Beneidet starke 
Naturen, mögen sie böse oder gut sein. Haßt die lauen Naturen, die Menschen, 
die weder gut noch böse sind, wie er selbst einer ist. Sein Trost ist Resignation. 
In Gesellschaft fühlt er sich wie ein Blinder, da ihn das Bewußtsein seiner 
Impotenz erniedrigt. Das beste wäre ein Selbstmord. Er treibe auch geistige 
Onanie, stelle sich die Mädchen vor und dann überfalle ihn eine überwältigende 
Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit. 

Ein typischer Traum heute Nacht, der sich wiederholt bei ihm einstellt: 

Ich gehe zu einem Bahnhof. Es ist sehr schwer hinzukommeu, weil 
ein großes Gedränge ist. Mit schwerer Mühe gelingt es mir auf Um- 
wegen zu dem Perron zu kommen. Dort warte ich auf den Zug. 

Deutung: Sehnsucht nach einem schwer erreichbaren Ziele. Er gesteht 
daß er sich immer sehnt, ohne zu wissen wonach. Er liebt die Natur die 
Musik, weil er in ihnen träumen und schwärmen kann. Er haßt das Pathos und 
alle großen Gefühle. Sein Ideal war der Aloscha in Brüder Karamasoff. So 
milde, rein und ferne allen Leidenschaften möchte er sein. In der Kindheit 
hörte er so viele Heiligengeschichten, im Gymnasium wurde ihm aus dem 
Leben der Heiligen so viel erzählt, daß er sich vornahm, ein Heiliger zu werden. 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affektlebons. IV. 2. Aufl. 20 



;J0ß Die Impotenz des Mannes. 

Er sah aber bald die Unmöglichkeit ein nnd verfiel ins andere Extrem. Er 
wurde ein Freigeist, ein Atheist. 

Der Traum ist erklärt: Der Zug geht in die Ewigkeit. Er findet den 
Anschluß an seine infantile Frömmigkeit nicht, er wird auf Umwegen zu seinem 
Glauben zurückkehren. Seine Askese ist so ein Umweg. . . 

Er verträgt kein Unrecht, hat im Kriege sehr gelitten, weil er immer 
zwischen zwei Parteien stand und jedem Recht geben wollte. 

Er verträgt nur die Gesellschaft von reinen, keuschen Menschen. Öffent- 
liche Zärtlichkeiten (Küsse vor aller Welt) sind ihm ekelhaft. Sinnliche Mäd- 
chen sind ihm zuwider. Den Gegensatz bilden seine Onaniephantasien, in 
denen es mit allen Bekannten zu sexuellen Intimitäten kommt. Das bildet für 
ihn keinen Gegensatz. Jeder solle seine Sexualität verbergen. Er ist ein Tag- 
träumer. Tagelang spinnt er einen Traum aus. Jetzt lebt er in Fliegerträumen, 
fährt nach Paris, bringt den Seinen Geschenke, Lebensmittel. Lebt so viele 
Tage in einem Traume. Auch die sexuellen Phantasien haben Fortsetzungen, 
sind eigentlich Romane mit täglicher Fortsetzung. 

Er kann nur über reine Witze lachen. Erotische Witze sind ihm uner- 
träglich. Er kann nicht mehr weinen. Litt in der Kindheit an Weinkrämpfen. 
Seit dem 12. Jahre hat er nie mehr geweint. Sein Leitmotiv ist Beherrschung. 
Wie lange Jahre hat er sich nach Zärtlichkeiten gesehnt! Daher wurde er ver- 
bittert , konnte nicht mehr lustig sein , fühlte sich in heiterer Gesellschaft 
nie wohl. 

Merkt sich keine Physiognomien, nur Namen und Zahlen. Mathematik 
ist seine Leidenschaft. Da gibt es keine Zweifel, da ist alles sicher, fest- 
stehend. Das Recht ist immer zwiespältig. Beim Studium des Jus muß er 
phantasieren, das passierte ihm bei der Mathematik nie. Auch in der Kirche 
mußte er bei stundenlangen Andachten phantasieren. Da kamen die sexuellen 
Phantasien, die sich während der ganzen Andacht steigerton. Mit 9 Jahren 
habe er den Glauben an das Dogma verloren und wurde ein Zweifler. Er 
glaube nur mehr an die Mathematik. 

Er kann nicht um etwas bitten, für etwas danken. Alle konventionellen 
Phrasen sind ihm zuwider. Nachdem er über dieses Thema längere Zeit ge- 
sprochen, kommt er auf etwas Wichtiges. Er war im Institute in einen Kol- 
legen verliebt. Das sei nichts Besonderes gewesen. Jeder Schüler habe so eine 
homosexuelle Schwärmerei gehabt. Vorgefallen sei nichts, man sei nur wegen 
der Liebe gehänselt worden. Er aber habe seine Liebe verborgen und sie dem 
Knaben nicht gezeigt. Jetzt seien die homosexuellen Phantasien ganz ver- 
schwunden. 

Ein Traum: 

Meine Kusine hat einen Buben bekommen, mit dem ich gespielt 
habe. Er war seinem Vater sehr ähnlich. Alle haben sich um ihn ge- 
rissen und wollten mit ihm zärtlich sein. 
Der Traum ist die Erinnerungsspur aus seiner ersten Kindheit und der 
Gegensatz zu seinem späteren Leben. Auch eine Anspielung luf seine Onanie. 
Die Kusine und ihr Mann gefallen ihm sehr gut, er überträgt sein 
Zärtlichkeitsbedürfnis auf den Knaben. Der Traum entspringt einer Regung 



Impotentia paralytica. ;^07 

des Neides, der immer zum Vorschein kommt, wenn er sieht, daß Knaben 
verzärtelt werden. Mit ihm war in der Kindheit niemand zärtlich. Er mußte 
immer auswärts sein, unter lieblosen, gleichgültigen Menschen. Seine unendliche 
Sehnsucht nach Liebe blieb ungestillt. Soll man da nicht verbittert und ein- 
sam werden? 

Ist über seine Scheu sehr gekränkt, so daß es zu einer gewissen Re- 
signation, zur Wurstigkeit kommt. Er hat peinliche Sensationen, wenn er 
Kinder aus Instituten gemeinsam ausführen sieht. Er erinnert sich an die 
schrecklichen Jahre, die er in Instituten zugebracht hatte, an das Beten, das 
„Morgens in die Kirche Laufen", an das Beichten. An die vielen sexuell er- 
regenden Gespräche mit den Knaben, die dann in den Onaniephantasien fort- 
gesetzt wurden. Hat seine Onanie nie gebeichtet, da er sich nie mit der 
Hand berührte. Er onanierte immer durch Druck an den Tisch oder durch 
Zusammenpressen der Schenkel. Bei schwierigen Aufgaben in der Schule, bei 
der Angst nicht fertig zu werden, kam es immer zur Onanie. Er wußte nicht, 
daß es eine Sünde ist. Sein Aufenthalt im Trappistenkloster (7 — 10) sei der 
Fluch seines Lebens geworden. Dort sah er die strengen Kasteiungen, dort 
lernte er den düsteren Geist, dort wurde ihm die Askese eingeimpft. 

Mit 10 Jahren verliebte er sich im Sommer in eine Kusine, es kam nur 
zu Küssen und Zärtlichkeiten in Gegenwart der Eltern. 

Mit 18 Jahren habe ihm ein Mädchen sehr gut gefallen, das hätte er 
lieben können. Er fand aber, daß es nach Seefischen röche. Er entwertet 
sich jedes Mädchen und schützt sich so vor dem Verlieben. Gefällt ein Mäd- 
chen anderen Männern, so steigert das ihren Reiz. Er konnte Mädchen an- 
sehen, mit ihnen sprechen und hatte dann bei schlaffem Gliede eine Ejakula- 
tion. (Schutz gegen Gefahren der Liebe !) 

Einige Stunden deutlicher Widerstand. Man merkt, daß sich neue Ent- 
hüllungen vorbereiten. Er klagt über seine Menschenscheu, sein Schuldbewußt- 
sein, das gar nicht motiviert sei. Er bringt mir folgenden Traum: 

Ein Preuud aus der Gymnasialzeit ist an einer schweren, der 
Grippe ähnlichen, epidemischen Krankheit gestorben. Ich habe darüber 
geweint. Während der Krankheit war ich bei ihm und habe vor der An- 
steckung keine Angst gehabt. Es war so traurig, daß er als einziger 
Sohn seiner Eltern gestorben ist. Später habe ich diesen Freund mit 
einem Kusin aus Wien verwechselt. Ich hätte seine Frau von dem Tode 
benachrichtigen sollen, und das war so schwer. 

Ich war in einer lustigen Gesellschaft von jungen Mädchen und 
Burschen. Wir haben einen schönen Ausflug gemacht — sind irgendwo 
rund herum gegangen und sind zum Schluß auf Bäume geklettert. Nach- 
her sind wir im Gasthaus gewesen und gleich darauf sind alle nach Hause 
gegangen. Nur zwei Mädchen sind noch geblieben, weil sie sich noch 
unterhalten wollten. Es tat mir leid, daß sie allein werden nach Hause 
gehen müssen und ich habe auf sie gewartet. Gegen Morgen sind wir 
nach Hause gekommen. 

Ich bin in einem Auto gefahren. Es war noch jemand mit. Wir 
hatten viele Hindernisse zu überwinden. Besonders schwer ging es über 
eine kotige Straße bergauf. 

Die Deutung ist vorläufig nicht zu erzielen. Der Freund ist tatsächlich 
gestorben, ebenso ein Vetter, dessen Frau in der Gravidität allein zurückblieb. 

20* 




308 Die Impotenz des Manues. 

Erst am nächsten Tage bringt ein weiterer Traum die Aufklärung. 

Ich bin bei herrlichem Wetter auf einer Serpentine bergauf im 
Omnibus gefahren. Die Landschaft war wunderbar. Es waren mehrere 
Leute mit. Ich hatte Angst, daß später beim Bergabfahren der Wagen 
schwer zurückzuhalten sein wird. 

Nachher träumte ich , daß ich einen Manu und seinen Sohn mit 
einem Ziegelstein erschlagen habe. 

Zum Mann, der erschlagen wurde, fällt ihm der Vater ein. Dann aber 
spontan ödipus. (Er kennt kein Werk über Analyse, hat auch nichts von 
einem Ödipus-Komplex gehört.) Die Deutung ist klar: Er hat seinen Vater 
und seinen Bruder erschlagen. Auch der vorhergehende Traum drückt seine 
nachträgliche Trauer über den Tod des Vaters aus. Er war 7 Jahre alt, als 
der Vater starb. Die letzten Jahre war der Vater infolge seines Leidens etwas 
roh mit der Mutter, es gab Konflikte, bei denen er innerlich leidenschaftlieh 
die Partei der Mutter nahm. Am liebsten hätte er den Vater erschlagen. Er 
war auf dem Lande, als die Nachricht vom Tode des Vaters kam, und zeigte 
keine Trauer. Darüber machte ihm sein Onkel heftige Vorwürfe. Diese Situa- 
tion zeigt der vorhergehende Traum. Er hört vom Tode des Freundes (Vet- 
ters, der für den Vater steht), hat die Mission, die Mutter zu benachrichtigen, 
gibt sich aber Vergnügungen hin. 

Er hatte seinem Vater den Tod gewünscht. Die Todesnachricht traf ihn 
wie ein Blitzschlag. Hatte der Himmel seinen Wunsch erfüllt? Waren seine 
Gedanken allmächtig? War er Herr über Leben und Tod der anderen 
Menschen ? 

Aus diesem Erlebnis stammt seiu tiefes Schuldbewußtsein. Er ist ein 
Vatermörder. Er verdient nicht, daß er Liebe und Lust genießt. Er muß büßen 
und durch Entsagung und Leiden die alte Schuld bezahlen. 1 ) 

Die zwei Mädchen sind seine beiden Schwestern, an die er fixiert ist. 
Er sagte immer, er werde nur eine Frau nehmen, die der jüngeren Schwester 
in allem gleiche. Er wartet auf die Schwestern (. . . und ich habe auf sie ge- 
wartet . . .). Dann kommt die Schilderung seiner gefährlichen Lebensfahrt 
über kotige Straßen. Diese gefährliche Situation wird im nächsten Traume 
durch den Serpentinenweg ausgedrückt. (Schlangenweg — Weg der Sünde!) 

Denkt oft an die jüngere Schwester, auch seine Mutter schwebt ihm 
als Ideal vor. Das Bild beider Frauen erscheint ihm immer, wenn er Mädchen 
beurteilen soll. Sie drängen sich als Hemmung in seine sexuellen Gedanken 
nnd sind wohl mitschuldig an den Launen seiner Potenz. 

Er hat einen Onkel, der sein Ideal ist, mit dem er sich immer identifi- 
ziert. So glaubt er, er werde keine Kinder haben, weil der Onkel kinderlos ist. 

') Dieser Fall macht uns eine Beobachtung von Fürbrinyer verständlich: „Einen 
eigentümlichen Fall von akut aufgetretener, einige Zeit fortbestehender Potenzabnahme 
infolge eines heftigen Schrecks mit auschließeuder tiefer seelischer Erregung beobach- 
teten wir jüngst bei einem jungen Gutsbesitzer, der es mitansehen mußte, wie sein 
geliebter Bruder auf der Jagd sich aus Versehen erschossen. Von Stund an „kein Trieb 
mehr". (Fürbringer, 1. c. S. 127.) — Wahrscheinlich hatte der Kranke dem Bruder den 
Tod gewünscht. Die Impotenz war die selbstdiktierte Strafe für die Erfüllung dieses 
Wunsches. 



Impoteutia paralytica. 309 

Er hatte heute Nacht folgenden Traum: 

Ich mache einen Ausflug. Wunderschöne Gegend. In der Höhe ein 
herrliches Schloß. Erinnerung, als ob ich in der Kindheit schon dort ge- 
wesen wäre. Der Weg ist steil, ich rutsche ein paarmal aus. Ich weiß, 
daß ich in das Schloß kommen werde und finde den Eingang nicht. Eine 
Tafel vor dem Schlosse sagt: Jesuitenwiese. Eine andere Tafel: Alleegasse. 

Es ist der Weg zum Glauben, den er jetzt wandern muß. (Eine feste 
Burg ist unser Gott.) Das Schloß ist die Kirche, ist der Kinderglaube (das 
Schloß, in dem er sich schon einmal in der Kindheit befunden hat). Die 
Alleegasse zeichnet sich in Wien dadurch aus, daß ihre Höhe eine Kirche 
krönt. Die Jesuitenwiese eine Anspielung auf seinen Aufenthalt im Trappisten- 
kloster und auf sein jesuitisches, heuchlerisches Wesen. Es fällt ihm auch 
Neulengbach ein. Von dort machte er einen Ausflug auf den Schöpf! (Assozia- 
tion führt zum Schöpfer), konnte aber den Gipfel nicht finden. Ihn beherrscht 
die Angst, daß er den Weg zu Gott nicht mehr findet. Seine Impotenz ist 
eine aus asketischen Gründen festgehaltene Unfähigkeit zur Sünde . . - 1 ) 

Nach einer Woche Vorbereitung, während der er sehr wenig von Be- 
deutung spricht, kommt er spontan auf seine sadistischen Phantasien zu sprechen. 
Er macht einen frommen gütigen Eindruck. Er ist sanft und scheu wie ein Lamm. 
Sein Inneres enthüllt sich anders. Er hat manchmal die Lust, mit einem Revolver 
herumzulaufen und alles niederzuknallen. Oder er würde gerne mit einem Auto 
in die Menge fahren und alles niederfahren. Das sind eigentlich keine ernsten 
Phantasien. „Das sind nur solche Spielereien!" meint er. 

„Ich habe auch Lust, elegante Leute zu beschmutzen und mit Kot zu 
bewerfen. Wenn ich so einen Stutzer vorbeigehen sehe, oder eine sehr auf- 
fallend gekleidete Dame, Mädchen in weißen Kleidern, möchte ich sie plötzlich 
in den Kot werfen und beschmieren. Ähnlich wie der unbekannte, der Damen 
auf der Kärntnerstraße die Toilette mit einer ätzenden Säure verbrannt hat, 
könnte auch ich handeln. Oder ich phantasiere, daß die Menge bei meinem 
Hanse vorbeigeht und ich plötzlich einige Handgranaten in die Menge feuere. 
Wie das schreit und auseinanderrenut! Das wäre ein Genuß!" 

Erzählt aus den Revolutioustagen einige charakteristische